Dez 022013
 

In lockerer Folge poste ich Gedanken aus meinem Psalmen-Workshop beim Emergent Forum am 1.12.2013 in Berlin.
|Teil 2|

Ein stereoskopischer Zugang zur Welt

Bhs_psalm1Die Grundstruktur der Psalmen ist ein Parallelismus: immer zwei Zeilen gehören zusammen und sagen beinahe das Gleiche, aber nicht ganz. Sie sagen es mit unterschiedlichen Worten oder aus unterschiedlicher Perspektive. Das wird dadurch verstärkt, dass die Psalmen im Gottesdienst wohl von mindestens zwei Gruppen gesprochen/gesungen wurden. Erst die unterschiedlichen Sichtweisen unterschiedlicher Gruppen ergeben also das ganze Bild. Das übt eine meditative Grundhaltung ein: die Dinge müssen zunächst in ihrer Fülle wahrgenommen werden. Zudem wird in der klassischen Psalmenrezitation zwischen den beiden Zeilen eine Pause eingelegt: eine Unterbechung, die ebenfalls betrachtend verweilen lässt.

Das führt aber nicht zu Beliebigkeit, sondern der Sachverhalt wird dadurch gerade viel klarer und reicher beschrieben. Wenn es z.B. heißt (Ps. 5,6):

»Stolze kommen dir nicht vor die Augen –
du hassest alle, die Unrecht tun.«

dann wird die Grundausrichtung damit nicht relativiert oder abgemildert, sondern sie wird reicher entfaltet. Man verpackt die Realität nicht abschließend in einen Begriff und klebt ein Etikett daran, sondern man bleibt dabei und umkreist ein Stück Welt und klopft es ab auf die Bedeutungen, die es in sich trägt. Der Blick bekommt Tiefenschärfe. Die Welt ist nicht einfach das, was sie ist, sondern sie birgt in ihrer Mitte ein Geheimnis.

Spiritualität als leerer Ort

Mit der Grundstruktur des Parallelismus halten die Psalmen also die Differenz fest zwischen unseren Begriffen und Worten und der Sache, die wir bezeichnen. Indem sie den Sachverhalt von mehreren Seiten umkreisen, halten sie zwischen sich einen leeren Raum frei – ähnlich wie der Jerusalemer Tempel in seiner Mitte einen leeren Raum barg, die Wohnung des unsichtbaren Gottes. Das lässt uns verstehen, worum es in der (jüdischen und christlichen) Spiritualitat überhaupt geht: es wird ein Ort geschaffen, in dem es zur Begegnung mit der unverfügbaren Realität Gottes kommen soll.

Der Tempel schafft einen solchen leeren Ort im Raum. Der Sabbat schafft einen ebensolchen Ort in der Zeit. Die Psalmen bauen ein Heiligtum in der Sprachwelt. Es sind Worte, die zwischen sich Raum schaffen für das Unsagbare. Biblische Spiritualität ist deswegen keine wortlose Spiritualität, sondern eine wortgeprägte. Die Worte der Psalmen sind keine Bedrohung für das Geheimnis der Welt, so dass man besser auf sie verzichten sollte, sondern sie ermöglichen gerade Begegnung. Denn es ist kein beliebiges Unsagbares, auf das wir warten, sondern es geht um den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Vater Jesu Christi.

Biblische Spiritualität geht davon aus, dass die Wirklichkeit nicht einfach das ist, was sie ist. sondern sie birgt in sich ein Geheimnis, sie hat eine Tiefendimension, eine verborgene Seite: den Himmel, den Bereich Gottes. Gott überlässt seine Schöpfung nicht sich selbst, sondern belebt, segnet und durchwaltet sie auch weiterhin. In der biblischen Spiritualität geht es darum, mit dieser verborgenen Tiefendimension in Berührung zu kommen. Einen Raum zu schaffen, wo diese Begegnung möglich wird. Dafür sind die Psalmen da.

Jun 162012
 

Wir sind erschüttert und tief betroffen von den schrecklichen Geschehnissen in unserer Gemeinde. Wir trauern um vier Kinder, die zum Leben geschaffen waren und nicht zum Sterben.
Wir haben sie gekannt aus der Kinderarbeit und dem Konfirmandenunterricht. Wir können es noch kaum glauben, dass sie uns in Zukunft fehlen werden.
Wir beten für ihre Familie und unterstützen sie mit unseren Möglichkeiten.
Wir danken der Polizei und den Rettungskräften für ihre Unterstützung und Hilfe in der gegenwärtigen Situation.
Wir teilen die Trauer in unserem Ort; wir beten für Groß Ilsede und bieten bei Gottesdiensten und Andachten die Kirche an als einen sicheren Ort, wo Trauer zum Ausdruck kommen und von der Liebe Gottes berührt werden kann.

Jun 142012
 

Mehrere auf den ersten Blick widersprüchliche Gedanken nebeneinander stehen lassen zu können, ist der Kern einer kontemplativen Haltung gegenüber der Wirklichkeit. Es auszuhalten, dass die Dinge nicht einfach sind, dass manchmal das eine Prinzip richtig ist und manchmal das scheinbar gegensätzliche – das beansprucht unser Gehirn ziemlich stark. Vielleicht aber auch nur deshalb, weil wir gewohnt sind, uns in allen Gegensätzen schnell auf eine Seite zu schlagen?

Konservativ gegen liberal/progressiv, politisch oder fromm, Gottes Liebe oder Gottes Zorn, rational oder intuitiv, Bayern oder Dortmund – man könnte eine endlose Reihe von Gegensätzen nennen, mit denen wir uns in der Welt orientieren. Wer wollte behaupten, dass sie keinen Anhalt an der Realität haben? Das Problem beginnt, wenn unser Denken diese Spannung nicht aushält und sie möglichst bald auflösen möchte. Dann schlagen wir uns schnell auf eine Seite des Widerspruchs. Das gibt zwar eine gewisse Erleichterung – die „kognitive Dissonanz“ wird reduziert. Aber gleichzeitig wird der Realitätsgehalt unseres Denkens geringer. Denn in der Regel ist in beiden Seiten des sich aufdrängenden Widerspruchs mindestens ein Körnchen Realität und meistens auch ein Körnchen Wahrheit versteckt. Und wenn wir uns schnell auf eine Seite schlagen, dann kämpfen wir auch immer gegen einen Teil der Realität. Dieser Kampf ist verlustreich – und: wir können ihn nicht gewinnen.

Das Ganze kommt daher, dass Gott die Welt in einer großen Komplexität geschaffen hat. Das Geflecht des Lebens ist vielschichtiger als unser Denken. Wir übersehen immer nur einen Teil davon. Wenn wir uns dann den erstbesten Zipfel der Realität greifen und uns daran festhalten, ignorieren wir den Rest. Das macht die Orientierung leichter, aber nicht besser. Eine kontemplative Grundhaltung übt uns darin ein, zunächst einmal beides anzuschauen, zu betrachten, zu untersuchen, mit dem Widerspruch zu leben. Abzuwarten, was daraus wird. In der Regel entdecken wir dann eine Perspektive, die über den zuerst wahrgenommenen Widerspruch hinausführt.

Somit hat ein kontemplativer Weltzugang viel zu tun mit Vertrauen in den Schöpfer. Trauen wir Gott zu, dass er zusammenbringen kann, was aus unserer Sicht eine widersprüchliche Mischung aus Größe, Schmerz, Verrat, Begeisterung, Rationalität, Lust, Langeweile, Leid …. ist? Kontemplation ist (jedenfalls in christlicher Perspektive) nicht zuerst eine Reihe von mentalen Übungen, sondern eine Grundhaltung: ein Ja zur Welt Gottes in ihrer ganzen (aus unserer Sicht) Widersprüchlichkeit. Im Vertrauen darauf, dass die Widersprüche in Bewegung sind, und unsere Möglichkeiten, sie zu verstehen, ebenfalls.

Die Bibel ist immer eine der besten Gelegenheiten gewesen, um sich in kontemplativem Denken zu üben. Ihre ganze Buntheit aufzunehmen, sie nicht auf ein schnelles Prinzip zu reduzieren, neugierig zu bleiben und trotzdem, wenn es dran ist, entschieden zu handeln – das ist eine wunderbare Übung in Kontemplation. Dass viele auch hier lieber den einfachen Weg der Komplexitätsreduktion wählen – leider ist das so.

Übrigens, auch beim Widerspruch „kontemplativ oder aktivistisch“ ist es eine Sackgasse, sich für eine Seite zu entscheiden. Natürlich kann man nicht nur kontemplativ leben. Mit all unserem Tun (und, nicht zu vergessen: auch mit unserem Lassen) entscheiden wir uns immer schon für eine Weltsicht. Das geht nicht anders. Wir müssen handeln, obwohl wir die Sache noch nicht zu Ende gedacht haben. Obwohl wir die Bibel noch nicht endgültig verstanden haben. Obwohl wir die Kirchliche Dogmatik (oder das „Kapital“ oder Philosoph X oder oder oder) noch nicht ganz durchgelesen haben. Für manchen ein schrecklicher Gedanke. Aber auch das ist einer der Widersprüche, denen wir uns am besten in kontemplativem Geist (und das heißt auch: mit Humor) aussetzen sollten.

Okt 242011
 

Spiritualität ist in aller Munde (auch ich habe darüber vor einiger Zeit gebloggt). Die Quellen dieser Spiritualität liegen aber oft in außereuropäischen kulturellen und religiösen Zusammenhängen oder in bestimmten Stationen der Kirchengeschichte. Insofern ist die Fragestellung nach einer ausdrücklich biblischen Spiritualität besonders im Protestantismus schon länger dran. Klara Butting ist in ihrem neuen Buch „unterwegs“ dazu. Sie beschreibt Grundlinien einer biblischen Theologie und fragt von dort ausgehend nach Zugängen zu spirituellen Erfahrungen.
Dieser Anmarschweg bringt einen signifikant anderen Erfahrungshintergrund ins Spiel als die üblichen Stille- und Naturmeditationen. Zentrales spirituelles Muster ist für Butting die gemeinschaftliche Lektüre biblischer Texte. Das klingt zunächst nicht besonders aufregend, insbesondere für Leute mit ausgeprägter Bibelkreis-Erfahrung. Aber Butting hat einen intensiven bibeltheologischen Ansatz, der noch in der Lage ist, sich von den Texten überraschen zu lassen, anstatt bloß theologische Standardsätze abzurufen. Und sie arbeitet mit einer Methode gemeinschaftlicher Bibellektüre, die dem Prozess unter den Teilnehmern vertraut und im Prinzip dem besser bekannten „Bibelteilen“ sehr ähnlich ist. Im Ergebnis führt das zu einer anderen Art spiritueller Erfahrung, die tatsächlich der Bibel viel angemessener ist. Ich fand den Unterschied in den folgenden Sätzen schön beschrieben:

Wenn ich z.B. eine Formulierung wie „die Mitte finden“ höre, denke ich an Leute, die  – wie wir bei den Bibel-Lese-Tagungen – im Kreis an Tischen sitzen. Ich denke an Situationen, in denen ein Gespräch gelungen ist, unerwartete Begegnungen stattgefunden haben, in denen ich von Gottes Vision der Einen Welt berührt wurde. Immer wieder habe ich während der Bibel-Lese-Wochen diese Erfahrungen gemacht, dass ich gerufen wurde, an Gottes Engagement für eine bewohnte Erde teilzunehmen und mich neu an Gottes Verheißungen auszurichten.

Butting beschreibt dann, dass dieses Achtsamwerden ausstrahlt in andere Bereiche hinein. Spiritualität hat ja immer irgendwie mit Wegen zu tun, auf denen Wahrnehmung – das Hinschauen und Hinhören – neu eingeübt wird. Bei einer biblischen Spiritualität ist dieses Übungsfeld die gemeinsame Wahrnehmung der Bibeltexte und der Stimme, die sich in ihnen erhebt. Dies kann durchaus auch zu intensiven geistlichen Erfahrungen führen, aber das ist keine Pflicht. Diese Einübung wird sich jedenfalls auch in anderen Lebensbereichen bemerkbar machen. Und bei solch einer biblischen Spiritualität sind die Anderen von Anfang an mit dabei. Sie müssen nicht nachträglich irgendwie noch integriert werden, denn gerade durch die unterschiedlichen Beteiligten wird die Bibellektüre unvorhersehbar und deshalb frisch, und sie führt auf Praxis hin. Buttings zentraler Praxisbezug und Erfahrungsmodell ist die Woltersburger Mühle, ein Arbeitslosen- und Qualifizierungsprojekt bei Uelzen, zu dem gleichzeitig ein Zentrum für biblische Spiritualität gehört.

Dieser Versuch, Spiritualität schon an der Wurzel mit Bibellektüre, Gemeinschaft und befreiender Praxis zu verknüpfen, scheint mir unbedingt nötig und sehr hoffnungsvoll. Gleichzeitig wird durch diese Aufgabenbeschreibung aber auch deutlich, dass das Buch zunächst so etwas wie eine Zwischenstation sein muss. Butting sucht in der biblischen Überlieferung nach Spuren der Spiritualität und wird an vielen Stellen fündig. Die oft beschriebene mystische Erfahrung der Einheit bringt sie z.B. zusammen mit dem Bekenntnis Israels, dass Gott Einheit ist, keine widerstreitende Vielzahl wie die heidnischen Götter und Mächte. So ist das Buch auch Einführung in eine biblische Theologie, die jenseits der allzu bekannten Paradigmen die Texte sehr profiliert zur Sprache bringt. Die Autorin greift dabei – eine von mehreren Parallelen zu NT Wright – stark auf die ganze Bibel zurück und und lässt den alttestamentlichen Bezugsrahmen, auch im Gespräch mit jüdischen Erfahrungen, deutlich werden.

Verschwiegen werden soll allerdings nicht, dass im Vergleich zur biblischen Thematik die Konkretionen der Spiritualität eher skizzenhaft sind. Wer geistliche Übungen o.ä. sucht, wird enttäuscht werden. Vielleicht kann das auch (zur Zeit noch) nicht anders sein. Immerhin gibt es gute Zugänge zum Abendmahl, zum Gebet und zum Ruhetag/Sabbat. Die eigentliche geistliche Übung – so kann man Butting wohl verstehen – ist die Teilnahme am messianischen Lebenswerk Jesu: der Befreiung aller Kreatur aus Unterdrückung und Gewalt.

Ich verkneife es mir, hier eine ausführlichere Inhaltsangabe des Buches zu geben. Dafür ist es einfach zu dicht gepackt mit guten, substanziellen Durchblicken. Der Grundansatz erweist seine Fruchtbarkeit in vielen einzelnen hilfreichen Klärungen. Man sollte das Buch tatsächlich lesen. Mit 107 Seiten überfordert es nicht. Vielleicht werde ich in der nächsten Zeit aber noch ein paar Zitate bloggen. Leider ist das Buch z.Zt. nicht bei Amazon erhältlich. Man kann es direkt bestellen bei Erev-Rav, die Lieferung erfolgt umgehend.

Ein Hinweis zum Schluss: die Autorin hat an der „Bibel in gerechter Sprache“ mitgearbeitet und gibt den alttestamentlichen Gottesnamen beinahe immer in weiblicher Form (die Ewige, die Eine) wieder. Wen das stört, der sollte an diesen Stellen einfach in Gedanken eine ihm vertraute männliche Form einsetzen. Die Substanz und Qualität des Buches wird dadurch keinen Schaden nehmen.

Jan 122011
 

Dick Boer denkt in „Erlösung aus der Sklaverei“ (ich habe über das Buch hier gebloggt) über die Sache nach, um die es bei der „Religion“ geht. Diese Sache wird in der Regel als „Gott“ bezeichnet. Was ist mit Gott gemeint? Boer unterscheidet mehrere Vorstellungen von Gott, die – obwohl unterschiedlich – mehr oder auch weniger friedlich koexistieren.

Da ist einmal Gott als „Verabsolutierung und damit Sanktionierung der irdischen Macht, die die übergroße Mehrzahl der Menschen zur Knechtschaft verdammt“. Das ist in der Umwelt der Bibel die Normalität. Boer schreibt:

Der sozial-kulturelle Kontext der biblischen Erzählungen ist eine Welt voller ‚Söhne Gottes‘: der Pharao, der König von Babel, der römische Kaiser. … Der Sohn Gottes ist dort per definitionem ein Machthaber, der mit seinen Komplizen herrscht auf Kosten der ihm unterworfenen Völker. Gott repräsentiert also das höchste Wesen dieser Herrschaft, den himmlischen Überbau, der den irdischen Unterbau widerspiegelt. So bekommt dieser irdische Unterbau himmlische Züge, nicht zuletzt für die Menschen, die daran glauben müssen.

So weit, so schlecht, aber diese Analyse stimmt leider bis heute viel zu oft, inzwischen auch für „christliche“ Religionen. Der Kern dieser Analyse ist letztlich die biblische Religionskritik, die dann von Marx/Feuerbach aktualisiert wurde und heute für jeden Berufsatheisten billig zu haben ist. Aber – und damit kommen wir eine Etage tiefer – dieses Spiel funktioniert ja nur deshalb, weil diese Herrschaftsreligion an eine echte menschliche Wahrnehmung (und Sehnsucht!) anknüpft. Boer schreibt:

Es ist … zu einfach, ‚Gott‘ nur zu einer direkten Abspiegelung irdischer Machtverhältnisse zu erklären, als ob er nicht mehr wäre als ein metaphysischer Pharao. Wer denkt, dass diese Erklärung als Religionskritik genüge, weiß nicht, wovon er redet. Das ‚Wesen‘ der Religion ist vielmehr das ‚Gefühl‘, dass es ‚etwas‘ gibt, das über all diese menschlichen, allzumenschlichen Gegebenheiten hinausgeht. ‚Gott‘ ist das Wort für das unaussprechliche Geheimnis des Daseins, das höher ist als alle Vernunft. … Es besagt nämlich, dass das Dasein in letzter Instanz ungreifbar ist, nicht zu fassen. Darüber kann man durchaus lyrisch werden. Die Sprache, die durch dieses Geheimnis hervorgerufen wird, ist nicht selten ein liebevolles Abtasten dessen, was sich der herrschenden Ordnung des konventionellen Wortes entzieht. … Diese Sprache erweckt eine heilsame Aversion gegen alle Festigkeit: Alles kann immer auch anders.

Gott nur auf seine Rolle als metaphysischer Pharao zu reduzieren ist also ein bisschen – nun, vulgär. Soweit Feuerbach/Marx hierbei stehen bleiben (und das tun sie überwiegend, wenn auch nicht völlig) sind sie typische Vertreter der Moderne und fallen der postmodernen Kritik anheim. Und tatsächlich erobert sich ja im Augenblick Religion (durchaus nicht nur „christliche“ Religion) nach und nach wieder einen Platz auch in der westlichen Öffentlichkeit. Aber damit ist sie nicht aus dem Schneider. Mindestens nicht in der biblischen Sicht Boers. Denn ein „Gott“, der einfach nur für das ungreifbare und unaussprechliche Geheimnis des Daseins steht, bleibt in einer fundamentalen Ambivalenz. Er „kann immer auch anders“. Man kann sich nicht auf ihn verlassen. Boer schreibt:

Denn das, was seinem Wesen nach unaussprechlich ist, kann ein erlösendes Wort nicht sprechen. Und wo ein erlösendes Wort fehlt, … droht das, was höher ist als alle menschliche Vernunft, auf eine ewige Wiederkehr desselben hinauszulaufen: eine herrschende Kultur und das Unbehagen in ihr, eine unaufhörliche Dialektik von Herr und Knecht, ein Kampf zwischen Mann und Frau ohne Versöhnung. … Die Moral dieser Geschichte ist: fügen wir uns ins Unvermeidliche, dass Widerstand keinen Sinn hat, dass ein ewiges ‚Unbehagen in der Kultur‘ (Freud) unser Schicksal ist.

So dient nach Boer auch der ambivalente Gott (der postmoderne, liquide Gott?), der die Unverfügbarkeit und Unaussprechlichkeit des Daseins repräsentiert, am Ende der Sicherung der herrschenden Ordnung:

Denn das Unergründliche trägt immer die Gefahr der Unordnung, der Anarchie, des Chaos in sich. Über dieses Chaos müssen wir Herr werden, deshalb brauchen wir Herren, die Ordnung schaffen.

Auch die Götter, die nicht einfach nur Herrschaftsreligion vertreten, sondern durchaus etwas von der Fülle des Daseins wissen, die sich allen Festlegungen widersetzt, bedeuten noch keine Erlösung. Im Gegenteil, auch sie verewigen die Sklaverei. Der Exodus beginnt dort, wo …

… Menschen eine Stimme zu hören bekommen, die sagt: Ich bin JHWH, euer Gott. Mit diesem Wort tritt der Name befreiend in den Kreis der Götter. Er besetzt den Raum, den sie für sich beschlagnahmt haben. Er bricht die Macht, die sie über die Menschen ausüben. Indem dieser Name sich als der Gott des Exodus zu erkennen gibt, wird das, was die Götter (be)sagen, zur Lüge gemacht. Der Name ist der große Gottesleugner. Jetzt kommt ans Licht, was diese in ihrer Unergründlichkeit verschweigen: das Geheimnis des Daseins ist die Erlösung aus der Sklaverei.

Erst da, wo das aufgedeckte Geheimnis der Erlösung präsent ist, ist die (bestenfalls) Ambivalenz der Religion überwunden. Erst da ist die Macht der irdischen und himmlischen Götzen gebrochen. Und ob dann das Bündnis mit JHWH das Etikett „Religion“ angeheftet bekommt, oder das Etikett „Befreiungsbewegung“, oder irgendein anderes Etikett, ist eine sekundäre Frage. Die Bündnis zwischen JHWH und seinem Volk ist sowieso ein Verhältnis ganz eigener Art, das noch keiner dauerhaft schubladisieren konnte. Es leiht sich seine Kategorien und Begriffe mal hier und mal dort, je nach Diskussionslage, und ist trotzdem immer größer als jede Religion, Befreiungsbewegung o.ä. Aber immer geht es um die Erlösung aus der Sklaverei, den Exodus, die Auferstehung.

Wer auch immer die (Rückkehr der) Religion erhofft, leugnet, fürchtet, bejubelt oder bekämpft, ob laut oder leise, ob Kirchenfürst oder Gemeindepfarrer, ob prekärer oder besserverdienender Atheist: es wäre einfacher, wenn sie diese Unterscheidungen nicht dauernd so heillos durcheinander werfen würden.

Aug 122009
 

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Immer wieder bin ich gefragt worden, wie diese Übungen eigentlich mit dem christlichen Glauben zusammenpassen – manchmal aus echtem Interesse, manchmal vorwurfsvoll und angriffig. Und in der Tat will ich ja auch verstehen, worum es dabei eigentlich geht. Nach inzwischen bald acht Monaten theoretischem und praktischem Sich-Einlassen auf die Übungen sieht meine Deutung so aus:

Es geht bei den Übungen um Wüstenerfahrung. Die Wüste steht für eine Situation, in der Menschen einerseits schutzlos, andererseits in eine Leere versetzt sind: kaum Ablenkungen, wenig bis keine Kommunikation, fern von Kultur und Zivilisation. Ein Großteil der Hilfsmittel, mit denen wir uns das Leben leichter machen, fällt weg. Das Gedankenkarussell im Kopf bekommt von außen keine neuen Anstöße.

In der Bibel ist die Wüste ein Ort, an dem sich Gott und Mensch auf unerwartete Weise intensiv begegnen: Mose am Dornbusch, Israel am Sinai, Elia am Horeb, Johannes der Täufer und Jesus in der Wüste am Jordan, wahrscheinlich auch Paulus in Arabien (Gal. 1,17). Anscheinend ist die ungeschützte, auf das Einfache reduzierte Umgebung der Wüste besonders geeignet für tiefgreifende geistliche Erfahrungen. Und geistliche Übungen sind ein Stück Wüste im Alltag.

Deshalb sind geistliche Übungen fast immer Akte der freiwilligen Reduktion. Fasten sowieso, aber oft geht es auch um geistige Reduktion: Konzentration auf einen Gedanken, ein Wort, ein Bild, den Atem, die Natur. Gleichzeitig freiwilliger Verzicht auf Hilfsmittel, die mit schneller Erleichterung versorgen: Süßigkeiten, TV, oberflächliche Gespräche und Gedanken; aber auch Distanz zum Strom der Gedanken, Fantasien und Pläne, mit dem wir die Illusion aufrechterhalten, wir hätten die Welt im Griff.

Diese Reduktion soll eine Leere schaffen, die Gottes Geist ausfüllen kann. Das ist eine neue Sichtweise: Wir müssen Gottes Geist nicht mühsam herbeibitten, sondern wir müssen aufhören, ihn durch unser prall gefülltes Leben zu verdrängen. Gerade der unaufhörliche Gedankenstrom, den wir in uns tragen, ist ein direkter Ausfluss des Sündenfalls: wer sein will wie Gott, muss an alles denken. Er hat Sorgen im weitesten Sinn. Da ist kein Platz mehr für den echten Gott. Jesus wusste, warum er vor den Sorgen warnte.

Direkt bekämpfen kann man diesen Gedankenstrom nicht. Das würde ihn erst recht stärken. Aber man kann die Aufmerksamkeit von ihm abziehen, ihm den Brennstoff nehmen. Man kann die äußeren Anlässe reduzieren.

Was wird nun aber diesen leeren Raum füllen, der in den Übungen entsteht? An dieser Stelle bestehen in christlichen Kreisen viele Esoterikängste. Geistliche Übungen gibt es ja in vielen Religionen. Fasten z.B. tun nicht nur Christen. Welchen Einflüssen setzen wir uns dabei aus?

Ich bin bisher zu einer dreifachen Antwort auf diese Frage gekommen:

  • Erstens trägt die Methode in sich tatsächlich grundlegende Wertentscheidungen: sie macht uns in unserem Lebensgefühl weniger abhängig von oberflächlichen Tröstungen, von der Ausbeutung anderer und eben von der Scheinsicherheit der Sorgen. Sie weicht Schutzpanzer auf, mit denen wir Gott abblocken. Wenn andere geistliche Strömungen das auch gut finden: um so besser für sie.
  • Zweitens hängt die Art der Füllung des leeren Raumes, der bei bei der Übung entsteht, von dem Gegenstand ab, auf den man die Aufmerksamkeit stattdessen konzentriert. Deshalb richten sich christliche Aufmerksamkeitsübungen auf Gegenstände oder Symbole, die Gott widerspiegeln oder repräsentieren: die Natur (einschließlich des eigenen Körpers), ein Kreuz, eine Ikone, den Namen Jesu. Deshalb ist es auch richtig, diese Zeit ausdrücklich Gott zu widmen und den Heiligen Geist einzuladen.
  • Drittens wird bei den Übungen an die Oberfläche kommen, was in einem Menschen schon längst drin ist. Ein Christ wird deshalb auch bei diesen Übungen von seiner religiösen Grundhaltung (einschließlich seiner Verortung in einer der verschiedenen Fraktionen des Christentums) geprägt sein.
    Er wird aber in dieser Zeit möglicherweise auch mit dem Dunklen konfrontiert werden, das er in sich trägt. Der Heilige Geist führte Jesus in die Wüste, damit er sich mit dem Satan auseinandersetzte – auch wenn der in diesem Fall nicht von innen, sondern von außen kam.

Dieses Dunkel in einem Menschen mit dem Licht zusammen zu bringen ist ein weiterer Effekt der Übungen. Jalics nennt das die „Bereitschaft, Unerlöstes an sich heranzulassen und sich nicht dagegen zu wehren„. Das ist mit Schmerz verbunden, aber so „kann es von Christus aufgenommen und erlöst werden.“ Voraussetzung ist also, dass Jesus durch den Heiligen Geist schon in uns wohnt und dann, wenn wir ihm Freiheit dazu geben, sein heilendes Werk in uns tun kann: nicht ohne uns, aber nicht unter unserer Kontrolle. Dies ist ein dem Zungenreden (Glossolalie, Sprachengebet oder wie man es nennen will) vergleichbarer Prozess.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Äußerung Jesu über das Fasten in Markus 2,19-20: So lange Jesus bei den Jüngern ist, können sie auf geistliche Übungen verzichten – die sind schließlich kein Selbstzweck. Passend dazu brauchte das Zungenreden in den ersten Gemeinden keine vorbereitenden Übungen. Die Präsenz des Heiligen Geistes war auch ohne sie stark genug. Aber Jesus kündigt schon in Markus 2,20 eine Zeit an, in der geistliche Übungen wieder dran sind. Und so taucht in Apostelgeschichte 13,2 die Übung des Fastens als Vorbereitung auf den Empfang des Geistes wieder auf.

Jul 012009
 

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Der nächste Schritt bei den Übungen besteht darin, dem Atem ein Wort mitzugeben, während man in die Hände horcht. Das war für mich nicht einfach, weil ich zuerst nicht damit zurecht kam, wie ich meine Aufmerksamkeit auf den Atem, das Wort (zu Anfang einfach ein „Ja“) und die Hände aufteilen sollte. Erst nach einiger Zeit ging es besser. Andere in unserer Gruppe hatten es leichter.

2. Juni
Im Mai habe ich gemerkt, dass ich meinen Tagesrhythmus neu gestalten muss. Mir ist deutlich geworden, dass ich morgens nicht nur Zeit fürs Üben brauche, sondern auch Zeit zum Schreiben. Die lange Pause auf diesem Blog musste sein, damit ich Zeit für die Übungen hatte, aber jetzt muss ich beides in meinem  Tagesablauf unterbringen. Auch regelmäßig zu schreiben ist wichtig für mich, weil es die Gedanken klärt und mich zwingt, die Dinge auf den Punkt zu bringen.
Nach einigem Überlegenin den letzten Tagen beginne ich ab heute um 6.00 Uhr mit den Übungen (was bedeutet, dass ich gegen 5.30 Uhr aufstehen muss – und das gelingt nur, wenn ich am Vorabend rechtzeitig schlafe). Um 6.45 Uhr ist dann die Zeit zum Schreiben für etwa eine Stunde.

7. Juni
Bisher habe ich meinen neuen Rhythmus durchgehalten. Langsam beginnt er sich zu verfestigen, er kostet keine so große Überwindung mehr. Und ich merke, dass das für mein Verhältnis zu mir selbst wichtig ist: wenn ich es schaffe, das auch gegen Widerstand durchzuhalten, kann ich mir selbst mehr trauen. Ich werde in meinen eigenen Augen vertrauenswürdiger. Mir war noch nicht klar, wie wichtig das ist.
Möglicherweise ist das auch wichtig im Verhältnis zu Gott: vielleicht muss auch er sich von unserer Vertrauenswürdigkeit überzeugen, bevor er uns die Gaben seines Geistes in größerem Maß anvertraut.

8. Juni
Allmählich habe ich eine Ahnung, wie das mit dem „Ja“ gehen könnte: auf die Hände achten und schauen, wie das Ja dort ankommt. Es breitet sich aus wie leichte Vibrationen und läuft durch die Arme in die Hände. Laut Jalics soll es helfen, die Energieströme im Körper wahrzunehmen. Es geht also um ein noch sensibleres Lauschen auf das, was da ist.
Übrigens spüre ich jetzt öfter mal Schmerzen im Körper: in den Armen, im Bauch, am Herzen. Sie gehen wieder, wenn ich mich auf die Hände konzentriere.

10. Juni
Seit zwei Wochen habe ich jetzt (mit 1 Unterbrechung) die Übungen tatsächlich kontinuierlich gemacht. Ein gutes Gefühl.

11. Juni
Heute verschlafe ich und wache zu spät auf. Im Schnellgang schaffe ich das Üben und Schreiben dann aber doch noch so gerade.

12. Juni
Ich bin gleich von mehreren Dingen sehr bewegt: ein Buch über Obama, kommende Diskussion im Kirchenkreis über die Zukunft der Volkskirche, das Gemeindefest in zwei Tagen. Schwer, sich dann auch noch auf die Hände zu konzentrieren. Aber ich denke, dass das mich gerade davor bewahrt, den ganzen Betrieb zu wichtig zu nehmen.

14. Juni
Heute ist Gemeindefest. Ich schaffe es gerade mal, 20 Minuten zu üben. Alle Unregelmäßigkeiten sind immer auch eine Gefahr für meinen noch jungen Rhythmus.

17. Juni
Wir schauen in unserer Gemeinschaft auf die letzten Monate zurück und erzählen uns, was wir in den einzelnen Untergruppen gemacht haben. Nachdem  die anderen von der Jalics-Gruppe oft hören mussten: „wir können eigentlich gar nicht richtig erzählen, was wir machen“, haben wir uns diesmal Mühe gegeben, das Ganze einigermaßen nachvollziehbar zu schildern. Ich hoffe, wir haben das richtige Maß gefunden.
Auch für unsere Gruppe ist das ein Einschnitt: diejenigen von uns, die weitermachen, werden sich in Zukunft nur noch in größeren Abständen austauschen. Möglicherweise gibt es im Herbst aber wieder eine Einführungsgruppe zu den kontemplativen Übungen.

19. Juni
Heute fahren wir in den Urlaub. Auch das ist eine Herausforderung, unter veränderten Umständen an den Übungen festzuhalten.

25. Juni
Schöner Urlaub, aber gestern habe ich mit den Übungen ausgesetzt. Das ist wie ein Fadenriss, und ich merke, dass ich erst wieder zurückfinden muss. Das Schreiben wird auch seltener, schon allein wegen der erbärmlich langsamen Internetverbindung hier. Aber das ist nicht so schlimm, schließlich habe ich Urlaub.

Damit bin ich in der Gegenwart angekommen. Ich beende erst einmal diese Serie von Erfahrungsberichten. Gelegentlich wird vielleicht etwas folgen, aber dafür müssen erst wieder genug neue Erfahrungen da sein.

Aus den täglich neuen aufregenden Entdeckungen der ersten Tage ist in diesem letzten halben Jahr ein kontinuierlicher Bestandteil meines Lebens geworden, den ich nicht mehr missen möchte. Er hat auch meinen Umgang mit Menschen, mit meiner Arbeit, mein Verhältnis zu Gott noch einmal gründlich verändert. Und immer noch habe ich das Gefühl, dass ich ganz am Anfang eines Weges stehe, von dem ich kaum ahne, wo er noch hinführen wird.

Jun 242009
 

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Im Mai bin ich aus der Spur gekommen. Ich habe die Übungen nur noch unregelmäßig gemacht. Auch meine Aufzeichnungen werden spärlicher. Arbeitsbelastung, eine Zeit mit Handwerkern im Haus und Aktionen wie eine Vorkonfirmandenfreizeit bringen meinen Rhythmus durcheinander. Auf der anderen Seite erlebe ich immer wieder bei mir eine neue Tiefe, die mir viele Aufgaben leichter machte. Beim EmergentCamp in Bremen am 2. Mai habe ich erstmals anderen von meinen Erfahrungen berichtet. Und die Gruppe zu den Übungen, die ich in unserer Gemeinschaft anbiete, entwickelt sich gut.

In der Anleitung von Franz Jalics folgt jetzt die Verlängerung auf Einheiten von einer halben Stunde. Weiterhin in die Hände lauschen, aber länger. Das bereitete mir zum Glück keine Probleme.

9. Mai
Auf Vorkonfirmandenfreizeit bei Bad Sachsa/Harz. Ich erlebe bei mir eine größere Offenheit für unerwartete Impulse. Wir werfen das Programm ein wenig über den Haufen und fahren mit den Kindern (Vorkonfirmandenunterricht findet bei uns in der 4. Klasse statt, im Alter von 9-10 Jahren) zum Kloster Walkenried. Ich erzähle von den Zisterziensern, die bewusst in solche unwirtlichen Gegenden gegangen sind wie den damals kaum erschlossenen Harz. Wir gehen durch die Ruine der Klosterkirche, und ich halte innerlich den Atem an, als die Kids auf den alten Mauerresten herumklettern. Zum Glück bleibt alles gerade noch im grünen Bereich, ich muss nicht eingreifen. Hinterher erzählt mir eine Mutter aus dem Mitarbeiterteam, dass sie mitbekommen hat, wie vier Mädchen sich in einem separaten Teil der Ruine hingekniet und gemeinsam das Vaterunser gesprochen haben.
Aber das bleibende Erlebnis dieses Nachmittags ist ein Bach auf dem Gelände (Zisterzienser haben auf fließendes Wasser im Klosterbereich Wert gelegt). So weit wie möglich dort hineinzuwaten, alte Kacheln herauszufischen und alles Mögliche schwimmen zu lassen, das entpuppt sich als Spitzenerlebnis. Dazu noch Fußballspielen auf der Wiese, wir haben Kekse und Saft dabei, außerdem Gitarre und Liederbücher. Auch wir Betreuer genießen einen wunderschönen, entspannten Nachmittag. Die Kinder spielen ganz ohne Gezanke oder Probleme miteinander, entdecken aneinander neue Stärken.
Wieder zu Hause im Freizeithaus gibt es dafür sofort um so mehr Aufregung: auf einmal sind alle total dünnhäutig, es werden „böse Worte“ übereinander gesagt, Tränen fließen. Wir Betreuer kommen kaum nach mit dem Beschwichtigen.
Am Ende holen wir alle zur Abendandacht zusammen. Eine Kerze kommt in die Mitte und ich erzähle von dem Orts-Fiesling Zachäus, der von Jesus nicht gesagt bekam, was er verdient hätte, weil das nicht geholfen hätte. Am Ende bitte ich sie, in der Stille einem anderen (den sie sich aussuchen dürfen) Frieden zu wünschen, diesen Wunsch aufzuschreiben und an einem Kreuz abzulegen. Und tatsächlich, sie tun das mit großem Ernst. Und anschließend gehen alle ins Bett und schlafen.
Was hat das mit den Übungen zu tun? Ich könnte es nicht beweisen, aber ich bin überzeugt, dass ich viele Entscheidungen an diesem Tag ohne die Übungen anders getroffen hätte. Ich habe oft genug solche Freizeiten gemacht, um mein Verhalten in ähnlichen Situationen zu kennen. Ich wäre unsicherer gewesen, hätte weniger Abstand gehabt, hätte mich mehr aufgeregt, wäre manchen Impulsen nicht nachgegangen. Ich hätte vieles mit weniger Stimmigkeit gemacht. Ich bin kein ganz anderer geworden, ich habe nicht das Konzept unserer Konfirmandenarbeit revidiert, aber ich tue die Dinge mit mehr innerer Stimmigkeit und Klarheit. Und das hat Wirkungen bei Konfirmanden und Mitarbeitern. Ich verstehe immer noch nicht wirklich, wie das kommt, aber für mich ist es ganz klar, dass es mit den Übungen zusammenhängt.

Wieder zurück in Ilsede, beobachte ich bei mir und anderen, wie sehr es von einer guten Zeiteinteilung abhängt, ob jemand die Übungen durchhält.
Zeitplanung wiederum hat mit Prioritätensetzung zu tun. Wovon erwarte ich, dass es mein Leben entscheidend voranbringt? Oder erwarte ich überhaupt, dass es eine durchgreifende Veränderung geben könnte? Gibt es diese Hoffnung? Und wird sie absorbiert von den gewöhnlichen kleinen Hoffnungsträgern, oder gibt es Raum für Wege, die ganz aus dem Rahmen fallen? Vielleicht müssen in Zukunft diese Themen mit dazugehören, wenn ich wieder eine Gruppe zu den Übungen anbiete.

In der Gruppe erleben wir viele erfreuliche und auch spannende Entwicklungen. Im Gedächtnis bleiben natürlich die Spitzenmomente. An einem Abend bitte ich die Teilnehmer nach einer Aufmerksamkeitsübung, sich gegenseitig zu segnen. Zu unserem Erstaunen ist Segen tatsächlich deutlich spürbar. Und gerade die zierlichste von uns allen entwickelt dabei eine ungeahnte Kraft. Wieder einmal fällt mir die Parallele zu charismatischen Erfahrungen auf. Trotzdem, es geht im Kern um die langfristige Sicht, nicht um den einen oder anderen Spezialeffekt.

Ende Mai wird mir klar, dass ich mich um einen neuen Tagesrhythmus für mich selbst kümmern muss.

Jun 192009
 

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Im vierten Monat meiner Übungen bin ich immer noch dabei, auf meine Hände und das, was zwischen meinen Handflächen ist, zu achten. Außerdem  habe ich begonnen, diesen Weg mit unserer Gemeinschaft zu teilen.

1. April
Abends zum ersten Mal in der Gruppe von den Übungen und meinen Erfahrungen damit erzählt. Es scheint lebhaftes Interesse daran zu geben. Vielleicht können wir das ja in Zukunft irgendwie gemeinsam machen.

4. April
Heute erlebe ich einen warmen, lebendigen Zustand in den Händen. Es erinnert mich an Erfahrungen, die ich aus anderen Zusammenhängen kenne. Als junger Pastor fühlten sich meine Hände so ähnlich an, wenn ich mit Hinterbliebenen am Ende eines Trauergesprächs betete. Das hat irgendwann nachgelassen. Und aus charismatischen Zusammenhängen kenne ich ähnliche Empfindungen. Über diese Parallelen denke ich öfter nach: auch wenn es äußerlich große Unterschiede gibt – haben diese Übungen und charismatische Erfahrungen nicht möglicherweise eine ganz ähnliche Funktion? Nämlich Menschen aufzuschließen für das Gegenüber Gott? Könnte es sein, dass es dafür viele Wege gibt, die sehr unterschiedlich profiliert sind, auch unterschiedliche Problemzonen haben, aber doch in ihren besten Vertretern alle in die gleiche Richtung weisen? Ich bin sehr neugierig, wo das alles hinführen wird.
Heute stellt sich bei mir am Ende richtige Lust ein, etwas zu schaffen.

6. April
Heute bin ich dauernd abgelenkt. Überall in meinem Körper klemmt es, drückt es, juckt es. Hartnäckige, störende Gedanken.

14. April
Heute habe ich zwei Einheiten hintereinander geübt, wie es ja eigentlich vorgesehen ist. Der Abdruck dieser Zeit in meinem Gefühl bleibt diesmal länger als sonst. Zwischendurch habe ich mich aber sehr gesehnt, dass die Zeit zu Ende geht und ich anderes tun kann. Ich habe dann dieses Gefühl einfach wahrgenommen und angeschaut, da wurde es besser.

15. April
Heute war ich schrecklich abgelenkt. Dauernd Gedanken, Planungen und Aktivitäten im Kopf. Am Ende bringe ich es mit der Ruhe zusammen und schaue es an, da wird es etwas besser. Sogar Schmerzen im Bauch. Bis zum Ende habe ich es nicht geschafft, richtig in die Hände zu kommen.
Am Abend war das erste Treffen mit der Gruppe derer, die auch die Übungen machen möchten. Ich erkläre ihnen den Grundansatz und schicke sie für die nächste Woche in die Natur.  Was sie wohl jetzt erleben werden?
Dieser Start war schön und hat mir auch am nächsten Tag noch richtig Auftrieb gegeben.

19. April
Heute ist Konfirmation. Wir hatten eine gute Konfirmandenzeit zusammen. Ich möchte die Jungen und Mädchen gut segnen. Ich erinnere mich deshalb im Gottesdienst wieder an meine Hände und die Übungen. Und es ist diesmal ein sehr konstantes Gefühl beim Segnen. Wie soll ich es sagen? Früher wusste ich vorher nicht, wie es sein beim Segnen sein würde. Im Lauf der Zeremonie wuchs meist langsam meine Konzentration und Präsenz. Mir taten immer diejenigen leid, die als erste zum Altar kamen. Diesmal war es von Anfang an gleichmäßig. Ich hatte das Gefühl, dass es für mich (im guten Sinn) nichts Besonderes war, sondern dass ich in dieser Situation ganz zu Hause war. Ich war auf vertrautem Gelände.

28. April
Ich experimentiere mit meiner Sitzhaltung. Irgendwie stimmt da was noch nicht.

29. April
In der Gruppe gibt es erstaunliche Rückmeldungen: jemand ist trotz Heuschnupfen und Pollenflug in die Natur gegangen. Hat mit einer Birke Frieden geschlossen und hat jetzt viel weniger Probleme mit Heuschnupfen. Es steht wirklich nicht alles im Buch.

Jun 172009
 

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In der „dritten Zeit“ der Übungen  (für mich ungefähr der dritte Monat) fokussiert sich die Aufmerksamkeit noch einmal auf einen kleineren Bereich: die Mitte der Handflächen.

6. März
Zum ersten Mal die Übung mit den Händen gemacht. Noch ungewohnt. Ich kriege die Handflächen nicht richtig aufeinander. Das geht anatomisch eigentlich gar nicht. Nun gut, dann eben mit Abstand.
Mir fällt auf, wie wenig ich in den letzten Tagen zum Nachdenken gekommen bin. So viel ist immer zu tun. Morgen Vorstellungsgottesdienst der diesjährigen Konfirmandengruppe.

10. März
Langsam kann ich spüren, was zwischen den Handflächen geschieht. Da passiert eigentlich sogar ziemlich viel.

15. März, Sonntag
Den Gottesdienst heute morgen haben wir in unserer Gemeinschaft vorbereitet. Seit Dezember haben wir über Lukas 9,57-62 gebrütet, waren erschrocken, haben diskutiert und mit dem Text gekämpft. Das ist Bibelarbeit, wie ich sie gut finde: nicht wir haben die Texte ausgelegt, so dass man sich wieder einmal bestätigen kann, dass da drinsteht, was man sowieso schon weiß. Sondern dieser Text hat mit uns etwas gemacht, hat uns verändert und unsere gemeinsame Basis geklärt und vertieft. Sein Potential ist auch jetzt noch längst nicht ausgeschöpft, aber wir verstehen ihn doch schon besser, und vor allem: wir haben – jedenfalls ein wenig – mit unserem Leben geantwortet. Meine Predigt ist ein Produkt dieses gemeinsamen Weges. Es wird ein wirklich starker Gottesdienst. Irgendwie hat es auch mit den Übungen zu tun, aber noch viel mehr damit, dass ein Stück echter Lebensweg von vielen Menschen drinsteckt.

16. März
Ein paar Urlaubstage beginnen, und ich will die Zeit nutzen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Bei den Übungen schweifen meine Gedanken immer wieder ab. Ich merke, dass das was mit meiner Müdigkeit zu tun hat: ich bin ganz tief in mir drin erschöpft und habe nicht die Kraft zu der wachen Aufmerksamkeit, die zu den Übungen gehört.
Im Rückblick fällt mir jetzt auf, dass ich in der letzten Zeit nach außen stärker geworden bin. Neulich bei einer Trauung habe ich z.B. in ruhigem, freundlichem Ton Menschen aufgefordert, auf das Filmen während der Zeremonie zu verzichten. Immer eine schwierige Sache. Aber mir war in dem Moment schon vorher völlig klar, dass sie tun würden, was ich ihnen sage. Und so geschah es. Auch im Unterricht habe ich diesen Effekt in der letzten Zeit öfter erlebt. Und ich bin beim Predigen noch ein Stück sicherer als vorher. Ich kann nicht belegen, dass das mit den Übungen zu tun hat, aber mir fallen an mir selbst diese Veränderungen auf, und zeitlich geht es mit den Übungen parallel. Vielleicht kann man es so sagen: ich habe öfter das Gefühl, dass Gott mir in vieler Hinsicht den Rücken stärkt, und dass ich ohne Sorge auch mal was wagen kann.
Darf man so was schreiben?

23. März
Heute habe ich eine 1/2 Stunde gesessen und auf die Hände geachtet. Am Anfang war viel Ablenkung, aber es wurde besser. Ich wollte eigentlich nach 20 Minuten aufhören, aber diesmal erlebte ich etwas, was ich bisher nur aus den aufgezeichneten Gesprächen im Buch von Jalics kannte: die Hände hielten mich fest. Ich blieb 10 zusätzliche Minuten bei der Übung. Ich bin jetzt nicht mehr so müde, es kommen auch weniger Gedanken an Probleme oder Konflikte, stattdessen fallen mir lauter Lösungen für technische Probleme ein. Auch nicht viel besser. Es hilft, vorher ein oder zwei Gespräche aus dem Buch zu lesen, dann steht einem der ruhige, unaufgeregte Jalics-Ton zur Seite.

31. März
Die Urlaubstage liegen längst hinter mir, aber trotz der Arbeit schaffe ich es, an den Übungen festzuhalten. Dafür juckt es mich heute am Anfang am ganzen Körper. Nervig! Zum Glück lässt es dann langsam nach.