Okt 072008
 

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Kapitel 14:
Welches Modell trifft es am Besten?

Hier kommt nun die Lösung, auf die das ganze Buch bisher zugesteuert ist. McKnights Vorschlag für ein übergreifendes Modell, in das die verschiedenen Theorien zu Sühne/Versöhnung eingeordnet werden können, lautet: Identifikation um der Aufnahme in Jesu Leben willen (identification for incorporation).

Anmerkung zur Übersetzung: Auch hier ist die Wiedergabe im Deutschen schwierig. „incorporation“ drückt treffend aus, dass Menschen in den Leib und das Leben Jesu mit hineingenommen werden sollen (und gleichzeitig klingt in dem Wort auch die Gegenseitigkeit an, nämlich dass Menschen – im Abendmahl – sich Jesus „einverleiben“). „Incorparation“ mit „Einverleibung“ wiederzugeben hätte aber einen problematischen Klang. Es unübersetzt zu lassen und „Inkorporation“ zu schreiben, ist auch keine tolle Lösung.
In diesen Übersetzungsproblemen drückt sich natürlich auch ein Sachproblem aus – in unserer kirchlichen Tradition waren wir immer besser darin, über Jesu Handeln „für uns“ zu reden als über Jesu Handeln „in uns“.
Ich werde einfach diese – schlechten – Übersetzungen abwechselnd benutzen. Oder hat jemand einen Vorschlag für eine bessere Lösung?

Identifikation

Die Menschwerdung Jesu ist Voraussetzung für Sühne/Versöhnung. Jesus teilt unsere Menschlichkeit, aber ohne Sünde. Gott teilt unser Leben, einschließlich der Leiden.

Aufnahme in sein Leben (Incorporation)

Das Ziel der Identifikation Gottes mit den Menschen besteht darin, dass er sie in das neue Leben Jesu, des zweiten Adams, hineinholt. Alles Gute kommt zum Christen durch seine Verbindung mit Christus (am klarsten wird das beim „in Christus“-Thema des Paulus). Diese Verbindung ist die Grundlage von Sühne/Versöhnung. Alle, die in dieser Verbindung leben, bilden die neue Gemeinschaft der wiederhergestellten Bilder Gottes.

Wie passen die einzelnen Bilder für Sühne/Versöhnung in diesen Beutel?

  • Rekapitulation
    Diese Theologie der apostolischen Väter ist im Kern das, was McKnight mit seiner Formel von „identification for incorporation“ auch ausdrücken möchte.
  • Loskauf
    Die Theologie von Lösegeld und Loskauf durch Christus bezieht sich auf einen speziellen Zusammenhang innerhalb des Sühne/Versöhnungsgeschehens: Jesus musste sich dazu den schlimmsten Seiten der Welt aussetzen. Nur so konnte er uns davon befreien. Aber diese Befreiung kommt dann durch Inkorporation zu uns.
  • Genugtuung
    So sehr diese Theorie problematische Seiten hat und so wenig sie geeignet ist, das Ganze von Sühne/Versöhnung auszudrücken: trotzdem gehört sie als ein Element in die „Identifikation um der Aufnahme in sein Leben willen“ hinein. Anselm sah richtig, dass diese auch eine juristische Seite hat: Jesus identifiziert sich mit sündigen Menschen, stimmt Gottes Beurteilung zu und verhilft ihm so zu seinem Recht auf der Erde.
  • Stellvertretung
    Die Identifikation Jesu mit uns braucht auf unserer Seite die Anerkennung, dass er etwas für uns getan hat, was wir nicht tun konnten. Nur so kann es Inkorporation in ihn und sein Werk geben. In 2. Kor. 5,21 ist deutlich, dass Jesus an unserer Stelle zu etwas  gemacht wurde, was er nicht war (Sünde), damit wir werden können, was wir nicht sind (Gerechtigkeit Gottes). Besser wäre aber vielleicht der folgende Begriff der
  • Repräsentation
    Dieses Bild erinnert an den Priester, der sein Volk vor Gott repräsentiert. Es gehört in beide Teile der Bibel hinein. Repräsentation hat eine inklusive Seite (wir sterben und leben mit Christus) und eine exklusive Seite (Christus stirbt und lebt wieder für uns und zu unserem Nutzen). Diese exklusive Repräsentation ist gewöhnlich mit „Stellvertretung“ gemeint.
  • Stellvertretendes Strafleiden (penal substitution)
    Die Probleme dieses Gedankens lösen sich auf, wenn sie in den übergreifenden Zusammenhang eingeordnet und vom Gedanken der Einheit mit Christus her betrachtet werden. Der Kern der Strafe ist biblisch gesehen der Tod. Und diesen Tod starb Jesus für uns, damit wir Anteil haben an seiner Auferstehung in ein neues Leben. Aber auch hier wieder: Stellvertretendes Strafleiden ist nur ein Teil dessen, worum es in Sühne/Versöhnung geht.

Und Abaelard?

Abaelards Lehre war, dass der Tod Jesu eine so starke Demonstration der Liebe Gottes war, dass wir davon motiviert werden, selbst ebenfalls das Kreuz auf uns zu nehmen und anderen zu dienen. Dabei ist es natürlich schwer, noch von einer echten Sühne/Versöhnungslehre zu reden.
Dennoch wäre es besser, die Auseinandersetzungen um die korrekte Metapher für Sühne/Versöhnung zu beenden und lieber zu schauen, welchen Platz am Tisch die jeweiligen Bilder bekommen sollten. Die einzelnen theologischen Begriffe müssen ihren Platz in einer größeren Sicht bekommen, und „identification for incorporation“ ist eine Einladung dazu.

[Somit ist nun das Bild vom Beutel für die verschiedenen theologischen Golfschläger mindestens ergänzt worden vom Bild eines Runden Tisches, an dem alle theologischen Begriffe willkommen geheißen werden und ihren Platz im Gespräch finden. Und McKnight ergänzt an dieser Stelle auch noch das Bild der Violine, bei der es auf das Zusammenspiel aller Saiten ankommt.]

Damit wären eigentlich die theologischen Ausführungen am Ziel. Aber Sühne/Versöhnung ist ja, recht verstanden, gemeinsame Praxis von Menschen und Gott in dieser Welt. Deshalb folgt nun noch ein vierter Hauptteil über „Sühne/Versöhnung als Praxis“.

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Aug 092008
 

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Kapitel 13:
Die ersten Theologen und ihre Geschichte: Irenäus und Athanasius

Schon bald nach den Aposteln erzählten Theologen wie Irenäus und Athanasius die Geschichte neu – im Kontext veränderter Umstände. Aus dieser Tradition ist insbesondere die Theologie der Ostkirche erwachsen.

Rekapitulation

Ihr Stichwort, unter dem sie Sühne/Versöhnung zusammenfassten, war „Rekapitulation“. Es bedeutet „zusammenfassen, zum Ziel bringen“ wie in Röm. 13,9, wo gesagt wird, dass in der Liebe alle Gebote zusammengefasst sind. In unserem Zusammenhang heißt das: in Christus wird alles menschliche Leben – Adam, Israel, wir, … – zu seinem eigentlichen Ziel gebracht.
Das hat zwei Dimensionen:

  1. Christus steht an unserer Stelle und tut etwas, was wir nicht tun können (Substitution);
  2. Wir nehmen an seinem Leben teil, wir sind „in ihm“. Er wurde Mensch, damit wir göttlich werden können (so die Formulierung von Athanasius).

Dies ist zutiefst biblisch (von Mose, der sein Volk repräsentiert bis zu Paulus, der von Christus als dem zweiten Adam spricht).

Für diese frühen Theologen war der Tod das zentrale Problem, und ihre Lösung bestand darin, dass Menschen an Gottes Leben teilnehmen als seine Kinder, so den Tod hinter sich lassen und in der Gegenwart Gottes leben. Das wird durch die Inkarnation Jesu ermöglicht, die in der östlichen Theologie eine zentrale Rolle spielt. Durch die Inkarnation ist die heilvolle Rekapitulation des menschlichen Schicksals durch Jesus erst möglich. Er verbindet Gott und Mensch, besiegt den Tod und holt uns in das göttliche Leben hinein. Die Eucharistie, durch die diese Einheit mit Gott vollzogen wird, ist für diese Denkweise zentral.

Zusammenfassung der bisherigen Stationen:

Wir haben nun alle nötigen Elemente beieinander, um ein übergreifendes Modell für die Theologie von Sühne/Versöhnung zu entwickeln. Wir haben über das Phänomen der theologischen Metaphern nachgedacht (Kapitel 5-6), wir haben die verschiedenen Stationen von Sühne/Versöhnung betrachtet, die nicht übersehen werden dürfen (Kapitel 7-10), und wir haben uns davon überzeugt, wie unterschiedliche Menschen dieses Thema auf ihre besondere Weise reflektieren (Kapitel 11-13). Es ist völlig klar: wer das Evangelium erzählt, muss eine Geschichte über Sühne/Versöhnung erzählen. Welche davon wäre für uns heute am besten geeignet? Und welche ist weit genug, um all die verschiedenen Modelle einzubeziehen?

McKnight kündigt an, im nächsten Kapitel einen Beutel zu beschreiben, in den alle Golfschläger hineinpassen.

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Aug 012008
 

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Kapitel 12:
Wie Paulus die Geschichte sah: Im Gerichtssaal Gottes

Jesus erzählt eine Geschichte vom Passa, Paulus redet zentral von Rechtfertigung. Nun hat sich allerdings das Verständnis von Paulus in der jüngsten Vergangenheit geändert durch die von Ed Sanders, Jimmy Dunn und N.T. Wright entwickelte „New Perspective on Paul“. Diese unterscheidet stärker zwischen Paulus selbst und seiner Aufnahme in der Reformation – Paulus erzählt eine größere Geschichte von Versöhnung als die Reformatoren gedacht haben:

  • Rechtfertigung ist ein juristisches Bild: Gott wird am Ende zu Gericht sitzen; wer „in Christus“ ist, wird für gerecht erklärt werden, und dieses künftige Urteil hat jetzt schon Bedeutung.
  • Durch die Auferstehung hat Gott Jesus endgültig Recht gegeben.
  • Durch die Einheit mit Christus lebt die Gemeinschaft der Glaubenden schon jetzt aus der künftigen Entscheidung Gottes.
  • Die Basis dieser Gemeinschaft ist Glaube und nicht Werke des Gesetzes. Deshalb gehören Juden und Heiden zu ihr.
  • Gottes Rechtfertigung ist ein Teil seines Plans, die ganze Welt wieder recht zu machen.
  • Auch wenn nicht alle Vertreter der „New Perspective“ das so sehen, liegt es doch nahe, aus der Unio mit Christus die „doppelte Imputation“ abzuleiten, die eine wichtige Entdeckung der Reformation ist: Jesu Gerechtigkeit wird einem Menschen zugerechnet und die Sünde wird Jesus zugerechnet (der „fröhliche Wechsel“ Luthers).

Durch diese neue Sicht der Rechtfertigung ergeben sich einige Korrekturen am reformatorischen Verständnis:

  • Erstens ist es zu individualistisch, denn das Ziel der Rechtfertgung ist die Schaffung einer Gemeinschaft.
  • Zweitens ist Rechtfertigung zwar ein juristisches Bild, aber man darf deswegen Sühne/Versöhnung nicht auf die juristische Ebene reduzieren. Es geht um ein Beziehungsgeschehen: Gott stellt die Einheit mit Menschen aus Güte und Liebe wieder her.
  • Drittens muss Rechtfertigung in den Zusammenhang der Einheit mit Christus gestellt werden – ihre Grundlage ist die Inkorporation, also das In-Christus-Sein. Aus dem Sein in Christus folgt die Rechtfertigung.
  • Viertens muss die Reduktion der Rechtfertigung auf eine juristische Gerechterklärung aufgegeben werden. Wenn Gott gerechtspricht, dann bleibt er nicht bei einem Urteilsspruch stehen, sondern er setzt damit Realität und bringt effektiv Dinge in Ordnung. Und das bedeutet: er schafft eine Gemeinschaft, in der sein Wille getan wird.

Man merkt, wie hier von Paulus eine andere Geschichte erzählt wird als von Jesus. Diese Geschichten sollten nicht vorschnell systematisch harmonisiert werden. Man kann das als Theologe natürlich tun, aber damit nimmt man jeder einzelnen Geschichte ihre Würde und ihren Glanz. Man kann nicht mit zwei Golfschlägern gleichzeitig spielen. Trotzdem, nachdem im nächsten Kaptel noch die Theologie der frühen Kirchenväter zu diesem Thema skizziert wird, soll dann ein Beutel vorgesetellt werden, in den alle Schläger hineinpassen.

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Jul 302008
 

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Kapitel 11:
Wie Jesus seine Geschichte sah: Passa

Was dachte Jesus selbst über seinen Tod? Viele gehen davon aus, dass Jesus dachte, was sie selbst darüber denken: die einen sehen keinen Zusammenhang zwischen Jesu Mission und seinem Tod, die anderen sind überzeugt, dass Jesus von Anfang an wusste, dass sein Tod das eigentliche Ziel seines Mission war.

Nun muss das, was Jesus dachte und was die späteren neutestamentlichen Autoren (Paulus, Petrus, Hebräer) dachten, nicht unbedingt identisch sein. Dieser Unterschied darf auch nicht verwischt werden. Ein großer Teil der neutestamentlichen Wissenschaftler bezweifeln heute allerdings ganz, dass Jesus selbst seinen Tod als sühnend/versöhnend verstand. McKnight gibt dazu zwei Punkte zu bedenken:

  • einmal muss Jesus spätestens seit dem Tod Johannes des Täufers auch die Möglichkeit seines eigenen gewaltsamen Todes vor Augen gehabt haben;
  • zum anderen ist es nicht vorstellbar, dass Jesus diese Möglichkeit nicht im Licht der Schrift bedacht haben würde. Und tatsächlich gibt es zwei Stellen (Markus 10,45; 14,24), in denen Jesus seinen Tod als sühnend/versöhnend deutet – ein Hinweis, dass die spätere kirchliche Lehrentwicklung ihre Wurzeln schon in Jesu eigenen Gedanken hat.

Bei der Einsetzung des Abendmahls (Markus 14,24) stellt Jesus seinen Tod in den Kontext des Passafestes und der Befreiung aus Ägypten. Die Frage, ob das beim eigentlichen Passamahl geschah oder am Tag davor, kann offen bleiben, weil Passa ein Fest war, das sich über eine ganze Woche erstreckte. Alles, was geschah, stand in diesem Zusammenhang. In der Symbolhandlung mit Brot und Wein thematisiert Jesus seinen Tod und fordert seine Jünger auf, daran Anteil zu haben. Jesus identifiziert sich mit seinen Jüngern und nimmt sie mit hinein in seinen Tod. Mit diesem Mahl begründet Jesus seine ekklesiale Gemeinschaft, und die Jünger werden durch ihr Esen und Trinken Teil dieser Gemeinschaft.
Dabei ist nun wichtig, dass der Passa-Kontext die Befreiung aus Ägypten thematisierte – das hatte damals deutliche politische Dimensionen, als eine Stellungnahme gegen die erdrückende Pax Romana. Jesus wählte gerade das Passafest als Kontext für das Abendmahl und nicht den großen Versöhnungstag (Yom Kippur). Er brachte damit seinen Tod in Verbindung mit dem Blut des Passalammes, das als Schutz vor dem Todesengel an die Türen gestrichen wurde. In Analogie dazu forderte er seine Jünger auf, sich durch dieses Essen und Trinken vor dem Gericht Gottes über die ungerechten römischen Machthaber und ihre Verbündeten in Israel zu schützen. Gottes Zorn zielt hier deutlich auf konkrete politische Zusammenhänge.

Die zweite Stelle, an der Jesus seinen zukünftigen Tod deutet, ist Markus 10,45. Jesus sagt voraus, dass er sterben werde „als Lösegeld für viele“. Damit verweist er auf Gedanken Deuterojesajas, insbesondere die Aussagen über den leidenden Gottesknecht. Dort wird ein Tod als Preis für die Befreiung des Volkes aus Gefangenschaft und Unterdrückung verstanden. Der Zusammenhang von 10,45 bestätigt das: Jesus rügt seine Jünger für ihre Machtgier, die der Machtgier des römischen Imperiums gleicht. Aber davon sind sie durch Jesus befreit. Jesus befreit seine Jünger von Sünde und ungerechten Systemen, damit sie als neue Gemeinschaft nach Gottes Willen leben können.
Damit werden Jesu Botschaft vom Reich Gottes und die Sühne/Versöhnung durch seinen Tod ein sinnvolles Ganzes: Jesus kam, um das Reich Gottes aufzurichten, eine Gemeinschaft, in der Gottes Wille getan wird. Er vollbringt das, indem er in das feindliche Gebiet eindringt, dort anstelle und zum Nutzen anderer stirbt und durch die Auferstehung den Tod überwindet. Wenn die Jünger das Abendmahl essen und trinken, bekennen sie ihre Komplizenschaft mit der Sünde und nehmen Jesu Tod anstelle ihres eigenen an. Für sie gilt die Logik von Passa: ein stellvertretender Tod, der das Gericht Gottes auf sich zieht, die Teilnehmer am Mahl schützt und sie befreit.

Von Jesus zu Paulus

Folgende Beobachtung ist wichtig: Die Worte, die Jesus gebrauchte, sind für die anderen Autoren des Neuen Testaments nicht bindend. Paulus und Johannes etwa fühlten sich nicht verpflichtet, bei den Reich-Gottes-Formulierungen Jesu zu bleiben; Johannes z.B. sprach lieber vom „Ewigen Leben“. Sachlich aber gibt es starke Entsprechungen: der Zorn von Röm. 1,18 – 3,20 etwa entspricht dem Gericht Gottes über Ägypten, an das Passa erinnert. Aber auch wenn Paulus so Gedanken von Jesus weiterentwickelt, tut er das in anderen Formulierungen. Schon für die Apostel gab es keine endgültigen Sprachregelungen. Jede Begrifflichkeit ist begrenzt. Es sind nur Bilder, die Menschen zur Sühne/Versöhnung selbst bringen sollen.

Jul 292008
 

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Kapitel 10:
Stationen der Sühne/Versöhnung: Ostern und Pfingsten

Der Tod Jesu streicht die Sünden durch, in der Auferstehung geht es um die neue Schöpfung. Eine Theologie der Sühne/Versöhnung, die nicht auf die Auferstehung hin denkt, entlastet zwar vom Sündenproblem, trägt aber nichts zur Transformation von Welt und Menschen bei.

Römer 4,25: Neugeschaffene Bilder Gottes

Entsprechend 1. Kor. 15,17 („Wenn Christus nicht auferstanden ist, ist euer Glaube leer, und ihr seid noch in euren Sünden“) gehört die Auferstehung zu den Fundamenten des Glaubens, auch zu denen von Sühne/Versöhnung. Nach Röm. 4,25 erstand Jesus von den Toten „um unserer Rechtfertigung willen“. Es geht nicht nur darum, Sünde auszuräumen, sondern um den Gott, der sein Volk aus der Gefangenschaft befreit.

Für Paulus werden durch Sühne/Versöhnung zerstörte Bilder Gottes wiederhergestellt, indem sie mit dem Leben Gottes beschenkt werden. Das geschieht in einer neuen Gemeinschaft, die auch die Grenze zwischen Juden und Heiden überwindet.
Durch den Heiligen Geist ist Auferstehungskraft in den Glaubenden wirksam. Deshalb gehört auch Pfingsten in eine Theologie von Sühne/Versöhnung hinein.

Pfingsten: Apostelgeschichte 2 und die bevollmächtigten Ebenbilder Gottes

Die erste Christenheit erzählte eine integrierte Geschichte vom Leben Jesu, seinem Tod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt bis hin zur Sendung des Heiligen Geistes zu Pfingsten. Gemeinsam bewirkt diese Geschichte Vergebung, Neuschöpfung und Bevollmächtigung. Pfingsten trägt dazu vier Themen bei:

  • Die Ausgießung des Heiligen Geistes beschwor die Erinnerung an die Verheißung eines neuen Bundes (Jer. 31) herauf. Die Christen verstanden, dass sie Teil einer Erneuerung des Gottesvolkes waren, die der Heilige Geist bewirkte.
  • Gott erneuert nicht Einzelne, sondern die ekklesiale Gemeinschaft, in der der Wille Gottes geschieht. Diese Gemeinschaft ist universal und demokratisch. Begrenzt man Sühne/Versöhnung auf Individuen, dann zerstört man das biblische Muster. Nirgendwo wird das deutlicher als in Apostelgeschichte 2. Die Verbindung, die Petrus dort zu Joel 2 schlägt, bringt aber auch politische Assoziationen ins Spiel: die durch den Heiligen Geist entstandene Gemeinschaft ist gleichzeitig ein Urteilsspruch über die ungerechten Herrscher der Welt.
  • Diese Gemeinschaft ist in der Lage, Grenzen zu überwinden und sich durch die ganze Welt auszubreiten. McKnight zitiert N.T.Wright: „Gott gibt seinem Volk nicht den heiligen Geist, damit sie die geistliche Version eines Tages in Disneyland genießen können.“
  • Der Heilige Geist macht aus dieser Gemeinschaft einen Leib, der mit verteilten Rollen einheitlich handelt (1. Kor. 12).

Pfingsten darf also nicht außen vor bleiben, wenn man von Sühne/Versöhnung spricht. In den Pfingstereignissen kristallisiert sich das Ziel von Gottes Werk in Sühne/Versöhnung heraus.

Zusammenfassung von Teil 2 des Buches:

Nach einem Überblick über die Stationen der Sühne/Versöhnung kann man sagen, dass es immer um die Schaffung einer Gemeinschaft des Glaubens geht, in der das Böse keinen Platz hat und Gerechtigkeit herrscht. Bevor aber daraus eine zusammenfassende Formulierung gewonnen werden kann, müssen wir noch (in Teil 3) auf die Geschichten hören, die Jesus, Paulus und einige Kirchenväter erzählen.

Mrz 182008
 

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Kapitel 9: Stationen der Sühne/Versöhnung: Das Kreuz

Jede Theorie über Sühne/Versöhnung muss die zentrale Stellung des Todes Jesu und das sühnend/versöhnende Potential des Kreuzes berücksichtigen. Es muss aber mit den anderen Stationen des Heilsgeschehens verbunden werden, um Verkürzungen zu vermeiden.

Das Kreuz bei Markus

Das Kreuz thematisiert die Gefangenschaft der Welt unter dem Bösen, und zwar auf drei Ebenen:

  • der geistliche Widerstand gegen die Präsenz des Sohnes Gottes unter den Menschen
  • der menschliche Widerstand gegen die Taten Jesu
  • der politische Widerstand gegen seine politische Wirkung

Diese drei Ebenen haben ihren Schnittpunkt im Kreuz. Dort konzentriert sich der Widerstand, der Gottes Rettungswerk zu verhindern versucht. Aber auf diese Weise stellt Gott die Mächte des Bösen und bricht ihre Macht.

Paulus und das Kreuz

Im Kreuz identifiziert sich Jesus mit unserem Leiden, unserem Schmerz und unserem Tod. Dem zentralen Text Römer 3,21-26 entnimmt McKnight die Gesamtsicht, dass im Kreuz zerstörte Bilder Gottes wieder in ein Verhältnis zu Gott gebracht werden, ihnen vergeben wird, der Zorn Gottes von ihnen abgewendet wird und sie in eine Gemeinschaft integriert werden, wo sie wiederhergestellt werden. Dies alles geschieht durch das Vertrauen auf Jesus, der Gottes Treue zu seinen Verheißungen verkörpert.
Zwei Themen aus dieser Zusammenfassung werden nun noch genauer untersucht:

Rechtfertigung und Zorn Gottes

In der Rechtfertgung wird ausgesprochen, dass Menschen in Ordnung gekommen sind und nun zu Gottes Volk gehören. Rechtfertigung umgreift die Auslöschung von Sünde und die Erschaffung eines neuen Gottesvolks in Christus. Dieses Geschehen ist ein Akt der Gnade Gottes, so wie auch der Zorn Gottes aus seiner eifersüchtigen Leidenschaft für seine verirrten Ebenbilder erwächst.
Für McKnight ist es ein Irrweg, den Zorn Gottes in einen unpersönlichen Tun-Ergehens-Zusammenhang aufzulösen. Vielmehr muss auch Gottes Zorn aus seiner leidenschaftlichen Liebe zu den Menschen verstanden werden, für die er sich nicht mit weniger als dem Besten zufriedengibt. Sein Zorn ist die Rückseite seiner Liebe.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Gott in Jesus

  • „mit uns“ stirbt, indem er in unsere Situation eintritt und einen neuen Weg findet;
  • „an unserer Stelle“ stirbt, indem er unsere Situation übernimmt; und
  • „für uns“ stirbt, indem dieses Geschehen das Alte ausräumt und einen neuen Weg eröffnet.

Dies alles hat ein vom Kreuz gestaltetes Leben zum Ziel.

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Jan 102008
 

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Kapitel 8: Stationen der Sühne/Versöhnung: Inkarnation – der zweite Adam

Die crux-sola-Theologie tendiert dazu, das Leben Jesu zu ignorieren und sich auf seinen Tod zu konzentrieren. Der trinitarische Gedanke der Perichorese betont dagegen die Inkarnation, und durch die gegenwärtige Jesus-Forschung wird diese Tendenz gestärkt. Inkarnation bedeutet: Gott identifiziert sich mit den Menschen, damit wir an Gott teilhaben können (2. Petr. 1,4).
Inkarnation als Identifikation mit den Menschen
Der Name Jesus hat die Bedeutung „Gott mit uns“. Das weist hin auf die Identifikation Jesu mit uns um der Befreiung willen. Seine Identifikation mit uns soll uns zu Gott bringen. Die Inkarnation selbst, als Inbegriff des irdischen Lebens Jesu, ist ein sühnend/versöhnendes Element.
Die Versuchungen Jesu
In der Versuchungsgeschichte Jesu geht es nicht um Methoden, mit Bibelsprüchen Satan abzuwehren. Es geht um die Wiederholung einer vermasselten früheren Situation, entweder der Paradies/Versuchungs- Geschichte aus 1. Mose 3 oder der Prüfungszeit Israels in der Wüste. McKnight entscheidet sich für das Letztere [wobei es da m. E. auch gute Gründe für die erste Möglichkeit gibt, aber vielleicht muss man das gar nicht alternativ sehen]: Jesus wiederholt die Geschichte Israels und revidiert das Versagen in der Wüstenzeit. In ihm und mit ihm beginnt ein neues Volk, das die Wüstenprobe siegreich besteht.
Es gibt weitere Themen, bei denen ein Zusammenhang zwischen Inkarnation und Sühne/Versöhnung deutlich wird:
Jesus, das perfekte Bild Gottes
So wie Adam und Eva zum Bild Gottes bestimmt waren, ist nun – wie Paulus es wiederholt ausführt – Jesus das wirkliche Bild Gottes geworden. Es gehört zum Erlösungsplan Gottes, Menschen in dieses Bild hinein zu verwandeln.
Jesus, der zweite Adam
Ebenfalls Paulus beschreibt Jesus als zweiten Adam: was Adam anrichtete, macht Jesus über die Maßen gut. Sein Leben stoppt den tödlichen Einfluss, dem Adam die Tür geöffnet hatte. Denn sein ganzes Leben, einschließlich des Kreuzes, war ein Leben des Gehorsams. Aus dieser Identifikation mit uns wächst Sühne/Versöhnung.
Übrigens, Jesus wird nicht als zweiter Abraham bezeichnet, d.h., hier wird der ganzen Menschheit ein neuer Start geschenkt.

Die „Unio cum Christo“ (Einheit mit Christus)
Bei all diesen von der Inkarnation geprägten Gedanken geht es immer wieder um eine Einheit mit Jesus, durch die er uns in sein Leben aufnimmt. Dadurch wird im Gegenzug sein Leben zu unserem. Weisheit und Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung (1. Kor. 1,30) und alles andere, was ihm gehört, wird unser. Dieser Gedanke der Einheit mit Christus beschreibt Sühne/Versöhnung als Beziehungsgeschehen.
Leider haben das viele reformierte Theologen übersehen. Dagegen ist – mit D. A. Carson – festzuhalten, dass die Imputatio (also die den Nachfolgern Jesu zugerechnete Gerechtigkeit) nicht der Unio cum Christo (also der Einheit mit Jesus) konträr ist. Vielmehr ist die Gemeinschaft mit Christus gerade die Voraussetzung für die Zurechnung der Verdienste und Güter Christi.
Schließlich ist Philipper 2,5-11 die wohl vollständigste Beschreibung des Versöhnungshandelns Gottes in Jesus. Auch hier werden Inkarnation und Erlösung verbunden. Es geht hier um das Leben der christlichen Gemeinschaft, die lernt, nach dem Vorbild Jesu zu leben. Dieses Vorbild bestand in seiner Identifikation mit Menschen bis zum Tode am Kreuz. Das ganze Leben Jesu war darauf ausgerichtet, dass zerstörte Ebenbilder in Gottes Ewigkeit gelangen können und bis dahin auf Jesu Art leben.

Sühne/Versöhnung beginnt in der Perichoresis (dem gemeinschaftlichen Leben der Dreieinigkeit), die Gestalt annimmt in Jesus, dem Sohn Gottes, dem Logos, der die menschliche Wirklichkeit bis zum Tode am Kreuz annimmt, damit wir in diese Perichoresis hineingezogen werden. Dieser ganze Weg Jesu ist der Kontext des Geschehens am Kreuz. Deshalb ist eine auf das Kreuz beschränkte Theorie über Sühne/Versöhnung unbiblisch.

Jan 102008
 

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Kapitel 7: Stationen der Sühne/Versöhnung: Allein das Kreuz?

Sühne/Versöhnung erzählt immer eine Geschichte davon, wie Menschen als Ebenbilder Gottes geschaffen wurden und was ihre schließliche Bestimmung ist. Dazwischen steht ein Konflikt: wie diese Ebenbildlichkeit zerstört wurde, und was Gott unternahm, um sie zu heilen. Um die Geschichte richtig zu erzählen, werden wir die einzelnen Stationen betrachten, auf denen Gott etwas unternahm, um diesen Konflikt einer Lösung zuzuführen.
Das Zentrum von Sühne/Versöhnung ist das Kreuz. McKnight erinnert kurz an die zentrale Bedeutung des Kreuzes bei Paulus und Luther:

Paulus
Paulus konzentriert das versöhnende Handeln Gottes im Kreuz Jesu. Er benutzt ein vielfältiges Vokabular aus unterschiedlichen Lebensbereichen, um zu schildern, was die Lösung (Loskauf, Gnadenthron, Rechtfertigung, Versöhnung) des Problems (Sklaverei, Sünde, Entfremdung) ist. Aber immer wird die jeweilige Lösung durch ein und dasselbe Ereignis ermöglicht: den Tod Jesu. Er ist das Zentrum der Sühne/Versöhnung.

Luther
Kein anderer Theologe hat so konzentriert das Kreuz zum Schlüssel der Theologie gemacht wie Martin Luther. In der Heidelberger Disputation von 1518 erklärte er: „crux sola est nostra theologia“ (das Kreuz allein ist unsere Theologie). Aber umfasst Sühne/Versöhnung nicht mehr als das Kreuz? Aus der Gesamtschau von Luthers Theologie wird deutlich, dass das Kreuz zwar der Schlüssel ist, deswegen aber andere Stationen nicht unter den Tisch fallen.

Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen einer crux-sola-Theologie, die nur Karfreitag im Auge hat, und einer, bei der das Kreuz der methodische Zugang zu allen sühnend/versöhnenden Taten Gottes ist.

In den folgenden Kapiteln wird McKnight versuchen, das Kreuz mit den anderen Elementen wie Auferstehung und Pfingsten zu verbinden. Zuvor aber wird es um die Inkarnation gehen.

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Jan 022008
 

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Kapitel 6: Das Geheimnis der Metaphern: Einübung in postmoderne Demut

Scot McKnight zitiert einleitend Briant Blount (Then the Whisper Put on Flesh):

In den Besitz dieser Anerkennung hat sich jene Ansammlung von euro-amerikanischen Gelehrten, Pastoren und Laien gebracht, die im Lauf der Jahrhunderte durch den Einsatz ihrer ökonomischen, akademischen, religiösen und politischen Vorherrschaft die Illusion erschuf, dass es eine korrekte Lesart der Bibel gebe – nämlich die von ihren eigenen Erfahrungen geprägte.

Diese Überlegung ist für McKnight ein Schlüssel geworden: der Kontext redet immer mit, auch bei der Ausgestaltung theologischer Themen. Das will er an den Begriffen „menschliches Wesen“ und „Sünde“ zeigen.

Was ist ein Mensch?

Wir sind einerseits zum Bild Gottes bestimmt, andererseits leben wir aber mit einer individuellen Geschichte und unter ganz unterschiedlichen Bedingungen. Gibt es für alle dasselbe Sühne/Versöhnungs-Modell? Z.B. für einen weißen Mann mit Entscheidungskompetenz aus dem guten Viertel ebenso wie für die machtlose Frau aus der Innenstadt? Solche Fragen helfen uns, unseren Platz zu finden angesichts eines unbegrenzten Gottes, der allein die Fülle ist.

Was ist Sünde?

Wieder einmal: das Problem ist das Problem. Ja, Sühne/Versöhnung löst das Sündenproblem, aber Sünde ist eben auch ein Problem. Es ist sehr komplex. „Vielleicht kennen wir Sünde in Wahrheit nur durch ein Sündenbekenntnis“ (Ted Peters). Ist es typisch männlich gedacht, wenn Sünde als Stolz und Macht definiert wird? Und werden die Machtlosen in ihrer Ohnmacht bestätigt, weil die Mächtigen Sünde im Licht ihrer Probleme definieren? Was ist der Kern der Sünde? Die Wahrnehmung der Sünde ändert sich auch historisch. Wegen der Komplexität von Sünde ist Sühne/Versöhnung ein Problem.

Was ist also Sühne/Versöhnung?

Es gibt fünf große Metaphern für Sühne/Versöhnung: In Christus sein, Loskauf oder Befreiung, Genugtuung, moralische Beeinflussung und stellvertretendes Strafleiden. Welche davon sollen wir nehmen?
Das hängt davon ab, was für Menschen man im Blick hat. Denn wie sieht Sühne/Versöhnung aus der Perspektive von Menschen aus, die ein Erbe von Unterdrückung und Verletzung mit sich herumtragen? Und wie sieht Sühne/Versöhnung aus für einen weißen männlichen Jugendlichen aus der Mittelschicht, der ein komfortables Leben im Grüngürtel außerhalb der City vor sich hat?
Wenn wir uns nur auf einen der beiden konzentrieren, dann ist unsere Wahrheit nur die halbe Wahrheit – und ist sie dann noch Wahrheit (Vincent Bacote)? Dieses Kapitel sollte unseren Horizont weiten und so Gott verherrlichen. Unsere Perspektive ist immer begrenzt. Nur Gott übersieht die ganze Wahrheit. Das soll uns demütig machen und in den Austausch mit anderen bringen, denn nur so können wir herausarbeiten, was Sühne/Versöhnung in unserer Generation ist. Wir brauchen dazu das ganze Arsenal der Metaphern.
Wir brauchen aber auch eine genaue Betrachtung der einzelnen Stationen im versöhnenden Handeln Gottes. Das folgt in den nächsten Kapiteln, bevor wir zu einem Gesamtbild kommen.

Nov 262007
 

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Kapitel 5: Sühne/Versöhnung als Metapher

Scot McKnight erinnert daran, dass theologische Begriffe Metaphern sind. Das betrifft auch die verschiedenen Begrifflichkeiten, mit denen Sühne/Versöhnung beschrieben wird. Sie sind wie Linsen, durch die wir uns das anschauen, was Gott durch Jesus tut, um das Problem der Sünde zu lösen und Menschen zurückzubringen in die Beziehung zu ihm und zu anderen.

Wozu sind Metaphern gut?
Metaphern sind aber nicht nur eine Einkleidung dessen, was man sagen will; sie öffnen neue Einsichten und neues Verständnis einer Sache. Und zwar als Bilder, die in unserer Seele wohnen und ihr helfen, die Welt zu verstehen. Diesen Bildern müssen wir vertrauen, dann können sie ihre Arbeit tun.
Andererseits sind Metaphern nicht die Sache selbst. Die verschiedenen Begrifflichkeiten, in denen Sühne/Versöhnung ausgedrückt wird, sollen uns – jede auf ihre Art – zum Kern des Ganzen bringen, zur Versöhnung mit Gott, uns selbst, anderen und der Welt. Dazu brauchen wir all diese verschiedenen Metaphern: Rechtfertigung und Opfer und Stellvertretung und Genugtuung und Lösegeld und Anrechnung usw. Und auch wenn sie nicht die Sache selbst sind – wir vertrauen darauf, dass sie ihre Aufgabe erfüllen und uns zur Realität der Versöhnung bringen.
Es geht deshalb darum, die verschiedenen Bilder für das, was Gott tut, so zu betrachten, dass sie Fenster zum Handeln Gottes werden.

Ein Beispiel: Das stellvertretende Strafleiden
Eines dieser Bilder ist das stellvertretende Strafleiden Jesu (engl.: penal substitution): Gott ist heilig, Menschen sündig. Weil Gott heilig ist, kann er menschliche Sünde nicht ignorieren. Es muss eine Strafe geben. Die nimmt Jesus auf sich. Unsere Sünde wird ihm aufgelegt, seine Gerechtigkeit uns zugerechnet.
Von seinen Vertretern wird dieses Bild als zentrale Beschreibung der inneren Mechanismen von Sühne/Versöhnung angesehen, seine Kritiker halten genau diese Monopolstellung für eine falsche Einseitigkeit. Aus dem feministischen Bereich wird das Bild als „göttlicher Kindesmissbrauch“ verunglimpft – McKnight distanziert sich recht deutlich von solchen unfair verzerrten Darstellungen.
Aber das Bild birgt in sich tatsächlich Probleme. Wenn man davon ausgeht, dass Gott einerseits Liebe ist, andererseits aber auch gerecht und heilig (und deshalb auf dem Ausgleich für die Sündenschuld bestehen muss), dann gerät man in Gefahr, sich einen bipolaren Gott vorzustellen, der sich selbst nicht im Klaren ist, wie er eigentlich mit Sündern umgehen will. Dieser Gefahr entgeht man nur, wenn man Liebe und Heiligkeit Gottes gedanklich zusammenbringt. Man muss etwa Gottes Zorn als Funktion seiner Liebe verstehen.

Eine zweite Gefahr besteht darin, dass die Personen der Trinität gegeneinander ausgespielt werden. So als ob z.B. Jesus uns gegen den zornigen Vater beschützt. Demgegenüber muss ein gutes Verständnis dieser Metapher daran festhalten, dass an jedem Handeln Gottes immer alle Personen der Trinität beteiligt sind.
Schließlich geht es um die richtige Gewichtung: die Vertreter der Theorie vom stellvertretenden Strafleiden Jesu sind – wenn man sie wohlwollend liest – in der Regel nicht der Meinung, dass dies der einzige Zugang zu Sühne/Versöhnung ist. Aber eine gewisse Tendenz in dieser Richtung ist nicht zu übersehen. Sie wird zu einer Brille, mit der man die Bibel selektiv liest. An dieser Einseitigkeit entzündet sich dann oft Kritik an der ganzen Theorie.
McKnight selbst ist überzeugt, dass man Paulus nicht ohne den Gedanken der Strafe verstehen kann. Aber dieser Gedanke muss besser eingebettet sein in die erlösende Gnade Gottes. Daran wird dieses Buch arbeiten. Zunächst folgt aber in Kapitel 6 eine Erinnerung an die Notwendigkeit der Demut in der Theologie.