Sep 142015
 

Predigt am 6. September 2015 zu Offenbarung 14,1-5 (Predigtreihe Offenbarung 23)

1 Und ich sah: Das Lamm stand auf dem Berg Zion und bei ihm waren hundertvierundvierzigtausend; auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen seines Vaters. 2 Aus dem Himmel ertönte ein Brausen, das sich wie das Tosen einer mächtigen Brandung und wie gewaltiges Donnerrollen anhörte und gleichzeitig wie Musik von Harfenspielern klang. 3 Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Lebewesen und vor den Ältesten. Aber niemand konnte das Lied vernehmen außer den Hundertvierundvierzigtausend, die aus allen Völkern der Erde freigekauft sind.
4 Sie haben sich durch keinerlei Untreue dem Lamm gegenüber schuldig gemacht, sondern haben sich rein bewahrt wie eine Braut für ihren Bräutigam und folgen dem Lamm, wohin es auch geht. Unter allen Menschen sind sie diejenigen, die freigekauft wurden und wie eine Erstlingsgabe Gott und dem Lamm geweiht sind. 5 Über ihre Lippen ist nie eine Lüge gekommen; es ist nichts an ihnen, was Tadel verdient.

Als wir zuletzt vor zwei Wochen auf die Offenbarung hörten, begegneten wir da dem Tier aus dem Abgrund, dem Monster, der Kreatur des Satans. Gemeint war das Imperium Romanum mit seinem Zentrum, dem römischen Kaiser. Eine Machtmaschine, wie sie die Welt bis dahin nicht gekannt hatte. Und damit die Menschen ruhig bleiben, auch wenn sie von diesem Zentrum ausgebeutet und manchmal zugrunde gerichtet werden, gibt es eine umfassende Propagandaabteilung: den Kaiserkult, der überall im Lande seine Tempel, Standbilder und Propagandisten hat. Und gleichzeitig ist dieses Machtsystem ein Symbol für alle Imperien und Reiche, die Menschen beherrschen und eine Heerschar von Propagandisten beschäftigen, die die Loyalität der Unterworfenen sichern sollen.

Gottes Gegenmacht
Bild: nickelbabe via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Es ist ein bedrückendes Bild des Herrschaftssystems, das sich die ganze Erde unterwerfen will. Und so konnte ich das letzte Mal aus dem Text selbst gar nicht so viel Hoffnung gewinnen, weil Johannes erst einmal schlicht beschreibt, wie dieses System funktioniert. Erst heute sehen wir klarer, was Gott der Bedrohung durch das imperiale Monster entgegen setzt.

»Ich habe meinen König auf dem Berg Zion eingesetzt« heißt es in Psalm 2. Und so schwenkt das Bild jetzt von den Monstern, die dem Meer entsteigen, zum Berg Zion. Und da sehen wir das Lamm, wie Jesus in der Offenbarung oft bezeichnet wird. Das Lamm und 144.000 Menschen, die sich der imperialen Macht nicht gebeugt haben. Das ist Gottes Gegenmacht, an der der Angriff des Monsters scheitern soll.

Wir kennen diese 144.000 schon aus dem 7. Kapitel der Offenbarung. Da wird all diesen Menschen das Siegel des lebendigen Gottes auf die Stirn gedrückt. Hier erfahren wir mehr über sie: sie folgen dem Lamm, wohin es geht, heißt es. Es sind die Nachfolger Jesu, und indirekt wird damit gesagt, dass sie nötigenfalls Jesus auch ins Leid und in den Tod folgen werden. Hier sieht man: die Offenbarung greift ihre Themen und Bilder immer wieder auf und entwickelt sie nach und nach weiter.

Das himmlische Lied, gehört auf der Erde

So ist es auch mit dem Lied, das jetzt zu hören ist. In Kapitel 5 war beschrieben, wie im Himmel vor Gottes Thron ein neues Lied gesungen wird, ein Loblied für Jesus, der mit seinem Tod Menschen aus allen Völkern und Kulturen erworben und befreit hat und der als einziger in der Lage ist, das Buch mit dem geheimen Plan Gottes zu öffnen und zu lesen.

In Kapitel 5 war das eine Vision aus dem Himmel. Jetzt sehen wir das Ganze von der anderen Seite aus, von der Erde her, und da kommt es nur undeutlich an. Im Himmel ist es ein klarer, schöner, gewaltiger Gesang. Auf der Erde ist es zunächst einmal ein gewaltiges, starkes Brausen, wie eine Meeresbrandung. Übrigens wird auch die Stimme des himmlischen Jesus in Kapitel 1 mit so einem Brausen beschrieben. Aber durch das Brausen hindurch hört man die Worte Jesu und hier hört man in dem Brausen die himmlische Musik. Besser gesagt, der Seher Johannes kann sie hören, und auch die 144.000 hören das Lied. Die anderen hören nur das Brausen: sie bekommen mit, dass da irgendetwas Großes passiert, aber sie verstehen es nicht.

Dieses Bild sagt: die Leute Jesu sind diejenigen, die jetzt schon die Musik aus dem Himmel hören können. Auf der uns verborgenen Seite der Welt wissen sie schon, dass mit Jesus die große Revolution der Welt geschehen ist. Und da freuen sie sich und singen und loben Gott für seine großen Taten, aber nur die befreiten Menschen hören und verstehen auf der Erde diese Musik. Auch sie verstehen das nicht in aller Klarheit und Schönheit, aber sie ahnen wenigstens die Musik der neuen Welt, das neue Lied, das jetzt die Schöpfung bewegt. Für die anderen ist es – wenn überhaupt – nur ein unklares Getöse. Aber diese Menschen Jesu sind geschützt gegen die Parolen der Propagandamaschine, sie haben die Lügen nicht nachgeplappert, mit denen das Sicherheitssystem die Menschen besoffen redet. Weil sie das neue Lied der neuen Welt kennen und vielleicht sogar mitsingen, haben sie etwas Besseres und werden immun gegen das süße Gift der Lüge.

Eine Welt der Lüge

Lüge ist ein Grundbaustein des Systems, mit dem der Drache herrscht. Menschen glauben ihre eigenen Lebenslügen, Familien pflegen Illusionen über sich selbst und ihr harmonisches Zusammenleben, Völker leben mit Fantasien darüber, wie toll sie sind und wie wertvoll. Seit vielen Jahren erleben wir den Versuch, uns davon zu überzeugen, dass es am besten ist, wenn Menschen nur an sich selbst denken und mit niemandem anderen solidarisch sind, und dass man vor allem an der Unterstützung der Schwachen sparen, sparen, sparen muss. Ich denke, diese ganzen Parolen vom Sparen und vom Gürtel-enger-Schnallen kennen wir alle, aber sie werden nie den Superreichen dieser Welt gepredigt, denen die Hälfte oder mehr aller Vermögen gehören.

Beschämt durch Freundlichkeit

Es gibt ganze Denkfabriken, die planvoll überlegen, mit welcher Argumentation man die Menschen am besten zu Hartherzigkeit, Knauserigkeit und Selbstsucht überreden kann. Aber dann kommen Flüchtlinge in großer Zahl bei uns an, und auf einmal sind viele Menschen da, die sagen: die kann man doch nicht vor unserer Tür sich selbst überlassen, da muss man doch helfen, was kann ich tun? Und man kann sich ziemlich sicher sein, dass da viele dabei sind, die direkt oder auf Umwegen durch Jesus und seinen Weg motiviert sind. Und alle, die laut schreien: »wir wollen keine Flüchtlinge bei uns« und am Ende Häuser anzünden, die werden beschämt von all den anderen, die einfach menschlich sind – und sich vielleicht daran erinnern, dass es in der Geschichte ihrer eigenen Familie auch Flüchtlingsschicksale gibt.

Das ist die Art, wie der Krieg des Lammes geführt wird: durch Menschen, die ihr Herz nicht hart werden lassen, sondern Jesus folgen und Liebe üben. Jesus und seine Leute schlagen nicht, sie töten nicht, und trotzdem ist die Hilfsbereitschaft, die jetzt in unserem Land aufbricht, eine Ohrfeige für alle, die von Hass bewegt sind. Wenn die einen schimpfen und zündeln und die anderen helfen und freundlich sind, dann muss man schon ziemlich blind sein, wenn man nicht sieht, was die richtige Seite ist.

Den Weg für Freundlichkeit freimachen

Aber es braucht dazu Menschen, die anfangen, die vorangehen, die zeigen, dass es möglich ist. Es braucht Menschen, die andere ermutigen, damit die ihr gutes Potential auch einsetzen. Als wir vor zehn Jahren hier unser Kirchenasyl hatten, da haben auch ganz viele mitgeholfen, wenn wir sie gebeten haben, obwohl damals die allgemeine Stimmung noch anders war. Aber wir mussten vorangehen, und dann haben sich die anderen auch daran erinnert, dass sie doch eigentlich gerne helfen und gut sind. Menschen sind so geschaffen, dass wir eigentlich helfen möchten. Aber wir haben es schwer, dem zu glauben, weil die Drachenwelt uns immer wieder sagt, dass das unrealistisch ist. Wenn aber die 144.000 sich dem Drachen und seinen Propagandisten nicht beugen, dann erwacht in vielen anderen auch der Wunsch zu helfen und gut zu sein. Und am Ende macht auch die Regierung mit. Und jeder, der dann sein lebendiges, liebevolles Herz entdeckt und Solidarität übt, ist eine schallende Ohrfeige für den Drachen.

Deswegen wird über die 144.000 gesagt, dass sie die Erstlingsgabe sind, die Gott und dem Lamm, also Jesus, geweiht sind. Das ist ein Bild aus dem Bereich des Tempelopfers. Die ersten Früchte der neuen Ernte bringt man Gott, man weiht sie ihm, und zeigt damit, dass ihm die ganze Ernte gehört. So sind auch die 144.000 erst der Anfang, sie sind der Vortrupp des Lebens, und sie machen für die anderen den Weg frei. Sie schneiden mit ihrer Existenz und ihrer Lebensweise ein Loch in das Netz der Propaganda, in dem die Menschen gefangen sind. Sie können das alles, weil sie das himmlische Lied vernehmen und so immun werden gegen die krächzenden Lügen der Monster.

Die Geduld der Heiligen

Und deswegen wiederholt Johannes immer wieder, dass es auf die Geduld und Standhaftigkeit der Heiligen ankommt. Ja, es wird keine schnellen Erfolge geben, obwohl Erfolge nicht ausbleiben werden. Auch wenn der Krieg des Lammes auf der Seite der Jünger Jesu mit Waffen der Liebe ausgekämpft wird, ist es wirklich ein harter Kampf. Und er kostet Opfer. Wenn man allerdings schaut, wieviel Opfer andere Kriege kosten, also: wenn wir aktuell nach Irak und Syrien schauen, dann muss man sagen: der Krieg des Lammes ist im Vergleich einer mit viel weniger Opfern. Der Unterschied ist nur, dass die Opfer vor allem auf der Seite der Christen gebracht werden. Die 144.000, die für die starke weltweite Christenheit stehen, riskieren für sich selbst viel und zerstören niemanden. Aber das ist der Weg, wie Gott und seine Leute in dieser Welt kämpfen.

Die entscheidende Frage ist, ob wir mit Geduld und Standhaftigkeit durchhalten. Wir sollen nicht zurückweichen, wir sollen uns nicht auf falsche Fährten locken lassen. Natürlich wird der Drache sich etwas Neues ausdenken, wenn er den ersten Schreck über so viel Hilfsbereitschaft und Solidarität hinter sich hat. Wer weiß, was er noch an bösen Überraschungen bereithält. Deswegen will Johannes, dass wir auf Tricks und Angriffe vorbereitet sind.

Die Melodie muss weiter klingen

Im Grunde geht es um einen Abnutzungskrieg. Werden die 144.000 durchhalten? Werden sie konsequent immer weiter liebevoll und freundlich, hilfsbereit und verantwortungsvoll bleiben? Werden sie immer weiter auf das Siegeslied aus dem Himmel hören? Und es in ihrem Herzen weitersingen? Werden sie fest mit Jesus verbunden bleiben? Dann ist der Sieg Gottes über das Monsterimperium nicht mehr weit. Mit Menschen, die unbeirrbar durchhalten und sich nicht beirren lassen, befreit Gott seine Schöpfung.

Aug 312015
 

Predigt am 23. August 2015 zu Offenbarung 13,1-18 (Predigtreihe Offenbarung 22)

1 Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem Meer, mit zehn Hörnern und sieben Köpfen. Auf seinen Hörnern trug es zehn Diademe und auf seinen Köpfen Namen, die eine Gotteslästerung waren. 2 Das Tier, das ich sah, glich einem Panther; seine Füße waren wie die Tatzen eines Bären und sein Maul wie das Maul eines Löwen. Und der Drache hatte ihm seine Gewalt übergeben, seinen Thron und seine große Macht. 3 Einer seiner Köpfe sah aus wie tödlich verwundet; aber die tödliche Wunde wurde geheilt. Und die ganze Erde sah dem Tier staunend nach. 4 Die Menschen warfen sich vor dem Drachen nieder, weil er seine Macht dem Tier gegeben hatte; und sie beteten das Tier an und sagten: Wer ist dem Tier gleich und wer kann den Kampf mit ihm aufnehmen? 5 Und es wurde ermächtigt, mit seinem Maul anmaßende Worte und Lästerungen auszusprechen; es wurde ihm Macht gegeben, dies zweiundvierzig Monate zu tun. 6 Das Tier öffnete sein Maul, um Gott und seinen Namen zu lästern, seine Wohnung und alle, die im Himmel wohnen. 7 Und es wurde ihm erlaubt, mit den Heiligen zu kämpfen und sie zu besiegen. Es wurde ihm auch Macht gegeben über alle Stämme, Völker, Sprachen und Nationen. 8 Alle Bewohner der Erde fallen nieder vor ihm: alle, deren Name nicht seit der Erschaffung der Welt eingetragen ist ins Lebensbuch des Lammes, das geschlachtet wurde.

9 Wenn einer Ohren hat, so höre er. 10 Wer zur Gefangenschaft bestimmt ist, geht in die Gefangenschaft. Wer mit dem Schwert getötet werden soll, wird mit dem Schwert getötet. Hier muss sich die Standhaftigkeit und die Glaubenstreue der Heiligen bewähren.

11 Und ich sah: Ein anderes Tier stieg aus der Erde herauf. Es hatte zwei Hörner wie ein Lamm, aber es redete wie ein Drache. 12 Die ganze Macht des ersten Tieres übte es vor dessen Augen aus. Es brachte die Erde und ihre Bewohner dazu, das erste Tier anzubeten, dessen tödliche Wunde geheilt war. 13 Es tat große Zeichen; sogar Feuer ließ es vor den Augen der Menschen vom Himmel auf die Erde fallen. 14 Es verwirrte die Bewohner der Erde durch die Wunderzeichen, die es im Auftrag des Tieres tat; es befahl den Bewohnern der Erde, ein Standbild zu errichten zu Ehren des Tieres, das mit dem Schwert erschlagen worden war und doch wieder zum Leben kam. 15 Es wurde ihm Macht gegeben, dem Standbild des Tieres Lebensgeist zu verleihen, sodass es auch sprechen konnte und bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Standbild des Tieres nicht anbeteten. 16 Die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Sklaven, alle zwang es, auf ihrer rechten Hand oder ihrer Stirn ein Kennzeichen anzubringen. 17 Kaufen oder verkaufen konnte nur, wer das Kennzeichen trug: den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens.

18 Hier braucht man Kenntnis. Wer Verstand hat, berechne den Zahlenwert des Tieres. Denn es ist die Zahl eines Menschennamens; seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.

Aus dem Meer steigen Ungeheuer. Das wissen wir nicht nur aus Monsterfilmen, das wusste schon Johannes aus seiner Bibel, aus dem siebten Kapitel des Buches Daniel. Da wird in einer Vision beschrieben, wie vier riesige Tiere aus dem Meer steigen: ein Löwe, ein Bär, ein Panther und ein unbeschreiblich schreckliches Ungetüm. Aber da haben sich nicht ein paar kreative Filmemacher überlegt, wie sie ihre Mitmenschen am besten zum Gruseln bringen können. Bei Daniel sind die Monster Symbole für vier Großreiche, denen Israel begegnet war – wahrscheinlich Babylon, Medien, Persien und das hellenistische Reich Alexanders des Großen und seiner Nachfolger.

Monster der Macht
Bild: sindy2838 via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Für viele Menschen in der alten Zeit waren das Monster, die über ihre Welt herfielen, wo sie bis dahin verstreut in kleinen Gemeinschaften gelebt hatten. Da gab es natürlich auch Krieg und Gewalt, aber die großen Imperien waren etwas anderes. Ein Imperium ist ein Machtzentrum, das eine gut organisierte Berufsarmee hat und sich immer mehr Länder und Völker unterwirft. Die Unterworfenen werden versklavt, oder ihnen werden Tribute und Steuern abgepresst, um damit die Armee zu bezahlen und zu vergrößern, und dann kann das Imperium sich noch weiter ausdehnen. Das bedeutet noch mehr Einnahmen, man kann die Armee vergrößern, das gibt noch mehr Beute, und so weiter. Im Bild der Monster haben die Menschen sich klargemacht, was da mit ihnen passiert.

Die Könige Israels hatten gedacht, sie könnten sich gegen das babylonische Reich behaupten, aber gegen eine solche Machtmaschine hat ein kleines Königreich wie Israel keine Chance. So ein Imperium stoppt erst, wenn es an inneren Widersprüchen zugrunde geht, oder wenn es auf ein anderes Reich stößt, das eben so stark ist. Daniel in seiner Vision hat die Hoffnung, dass Gott eines Tages die Monster zur Rechenschaft zieht und die Herrschaft einem Menschen anvertraut, der sie menschlich ausübt.

Das ultimative Imperium

Johannes kannte natürlich Daniel 7. Und er beschreibt in diesem Kapitel ein Supermonster, das Merkmale all dieser vier Monster aus Daniels Vision trägt. Das ist sozusagen das ultimative Imperium, schlimmer als alles, was man bis dahin kannte. Und in der Zeit von Johannes war ganz klar, dass das nur Rom sein konnte: eine Machtzusammenballung, wie man sie in der Geschichte der Menschheit noch nie erlebt hatte. Eine Machtmaschine mit praktisch unbesiegbaren Legionen, die Länder eroberte, Städte zerstörte und die Bevölkerung als Sklaven verkaufte, die ganze Provinzen auspresste und durch die hohen Steuern die Existenz unzähliger Menschen zerstörte.

Das römische Imperium hatte bis dahin etwa 10 Kaiser gehabt – je nachdem wie man zählte. Deswegen hat das Monster 10 Diademe, also Kronen. Und all diese Kaiser waren nach ihrem Tod oder schon vorher als Götter verehrt worden. Für Juden und Christen war das eine klare Lästerung des einen Gottes. Und es war nicht einfach nur einer von den vielen regionalen Göttern, die alle Völker hatten, sondern es war ein richtiger Gegengott mit der Macht, sich weltweit durchzusetzen. Und noch mehr: die Christen wussten, dass Jesus der Herr der Welt ist. »Jesus ist der Kyrios, der Herr«, das war das zentrale Glaubensbekenntnis. Aber diese Herrschaft war ein anderer Typ von Macht, eine menschenfreundliche Art der Herrschaft. Das kollidierte mit dem Titel »Herr«, den auch die römischen Kaiser trugen, und vor allem mit ihrer Praxis. Der Kaiser ist eine schlechte Karikatur von Jesus. Und dann gibt es sogar die Geschichte von der tödlichen Wunde an einem Kopfe des Tieres, die überraschender Weise geheilt wird. Also eine Geschichte von Tod und Auferstehung!

Unerwartete Stabilität

Was könnte damit gemeint sein? Der Kaiser Nero wurde gestürzt und setzte auf der Flucht seinem Leben ein Ende. Von ihm haben die Leute sich erzählt, dass er wiederkommen, vielleicht sogar auferstehen würde. Tatsächlich folgten auf Nero in einem Jahr vier Kaiser. Die ersten drei, Galba, Otho und Vitellius, regierten jeweils ein paar Monate und wurden dann vom nächsten gestürzt, was jeweils mit ihrem Tod endete. Erst der vierte, Vespasian, blieb Kaiser. Alles in einem Jahr! Das Reich schlitterte knapp an einem blutigen Bürgerkrieg vorbei. Eine große Krise, die gerade noch mal gemeistert wurde.

Mir fällt dazu der Herbst 2008 ein: die große Krise, als die Banken gerettet werden mussten und die Weltwirtschaft am Abgrund stand. Viele dachten: jetzt ist der Kapitalismus am Ende! Aber heute scheint das Geschichte zu sein, die Wirtschaft brummt wieder und die Leute, die uns damals den Schlamassel eingebrockt haben, sind schon wieder obenauf und verdienen noch mehr Geld als vorher.

Vielleicht steht so eine Erfahrung hinter der tödlichen und doch geheilten Wunde des Monsters: es sah nach einer ernsthaften Krise des Imperiums aus, aber kurz danach ist es stärker als zuvor, seine Macht ist ungebrochen. Zweiundvierzig Monate, dreieinhalb Jahre lang sonnt es sich unangefochten im Glanz seiner Macht, und alle beten es an.

Hier haben wir wieder die dreieinhalb Jahre, die uns schon öfter begegnet sind und immer eine Zeitspanne bedeuten, wo es aussieht, als ob Gott vor den Herrschern dieser Welt kapituliert hat. Sie schalten und walten wie sie wollen, und wer nicht zum Volk Gottes gehört und es besser weiß, der huldigt der Macht. Menschen fallen immer dem Stärksten zu, wenn sie nicht fest bei Gott verankert sind.

Gewalt allein reicht nicht

Aber das geht anscheinend nicht ohne eine entsprechende Ideologie. Die Römer haben deshalb nicht allein auf die nackte Gewalt vertraut, auf ihre Legionen. Sie haben auch versucht, die Menschen religiös zu dominieren. In den Tempeln wurden überall die Bilder der alten Lokalgottheiten zur Seite gerückt und Kaiserstatuen aufgestellt. Gerade in Kleinasien, wo Johannes herkommt, wetteiferten die örtlichen Machthaber darum, wer den größten, schönsten und teuersten Kaisertempel hatte. Man kann die örtlichen Eliten und ihr Kalkül verstehen: Rom schützte sie gegen ihre Bevölkerung, sie saßen in Zukunft fester im Sattel als vorher, und im Gegenzug sorgten sie dafür, dass ihre Städte loyal blieben und pünktlich die Steuern zahlten. Und damit das Volk ruhig blieb, wurde der Kaiser als Gott und Friedensbringer und Garant des Wohlstands im Tempel verehrt. Woher soll da Opposition kommen? Wenn auch alle geistigen Mächte dem Imperium dienen – wie sollten die Menschen da auf die Idee kommen, dass es auch anders gehen könnte? Aus welcher Quelle hätten sie schöpfen können, um sich der Faszination zu entziehen, die diese monströse Machtmaschine ausstrahlte? Besonders, wenn sie dann eben noch diesen mächtigen Propagandaapparat hat?

Gleichgeschaltete Gesellschaft

Johannes beschreibt den mit dem Bild des zweiten Tieres: das kommt nicht aus dem Meer, sondern aus der Erde. Es ist sozusagen einheimisch: Die örtlichen Machthaber, die ihre Leute kennen, die Priesterschaft der Tempel kontrollieren und sich in den Dienst des großen Reiches stellen. Die sorgen dafür, dass mit den Kaiserstatuen in den Tempeln ordentlich Hokuspokus gemacht wird. Die erfinden sozusagen eine antike, religiös aufgeladene Unterhaltungsindustrie. Und dann gibt es Feste und Umzüge und die ganze Stadt ist auf den Beinen. Alle tragen irgendwelche Abzeichen, wer es nicht tut, wird schief angesehen, und wenn dir das ganze Humtata auf den Keks geht, kannst du eigentlich nichts anders machen, als möglichst weit weg in Urlaub zu fahren. Aber damals konnte das keiner, Urlaub war unbekannt, und es wollte auch keiner, denn es gab Freibier, und vom Grill gab es Fleisch umsonst. Fleisch! Das kriegten die einfachen Leute sonst nie.

Und wenn einige doch nicht mitmachten wie die Christen, dann waren sie ganz schnell außen vor, gesellschaftlich isoliert. So wie man unter den Nazis schnell negativ auffiel, wenn man nicht bei allen möglichen Gelegenheiten »Heil Hitler« blaffte. In der Offenbarung taucht an dieser Stelle das geheimnisvolle Zeichen auf, das sich alle an Stirn und Hand anbringen. Bis heute weiß man nicht genau, was damit gemeint war. Meine Vermutung ist, dass zu solchen Tempelfesten auch so was wie Jahrmärkte gehörten, und nur mit dem Festabzeichen konnte man da hingehen. Der Druck war viel größer als heute, und eine Privatsphäre, in die man sich zurückziehen kann, gab es für die normalen Menschen nicht.

Die Macht im Hintergrund

Johannes erzählt das alles und sagt: dahinter steckt die Schlange, der Satan. Aus dem Himmel ist er verstoßen worden, Jesus hat ihm mit seinem Leben und Sterben die Grundlage für seinen Einfluss zerstört, und jetzt baut er sich auf der Erde einen Propagandaapparat auf. Das ist alles nicht organisch gewachsen, sondern mit viel Aufwand künstlich inszeniert, aber es wirkt. Es entwickelt einen Sog, dem die Menschen nichts entgegen zu setzen haben.

Vorhin haben wir in der Lesung (Matthäus 4,1-11) gehört, wie Jesus vom Satan versucht wurde. Und die Versuchung bestand gerade in dieser Kombination von Versorgung mit Nahrung, religiösem Hokuspokus und Macht. Jesus hat es ausgeschlagen, auf diese Weise zu herrschen. Er hat dem Sog nicht nachgegeben, weil er wusste, dass Gott der wahre Herrscher der Welt ist, der keinen Hokuspokus braucht und die Welt ganz umsonst mit seinem Segen flutet, und der ist nicht mit Macht und Unterdrückung kontaminiert.

Und wie Jesus sollen die Christen standhaft bleiben, gegen Verlockung und gegen Druck. Johannes ist da ganz realistisch. Es kann sein, dass einigen Gefangenschaft droht. Es kann sein, dass einige getötet werden. Das ist Realität. Und Johannes sagt einfach: Da brauchen wir Geduld, die durchhält, und Glauben an Gott, dass er unterm Strich stärker ist als diese imperialen Machtmonster.

Mit Geduld und Glauben dem Sog widerstehen

Wir haben in der Offenbarung schon verschiedentlich Hinweise darauf gefunden, dass Gott durch die Geduld und Standhaftigkeit seiner Leute siegt. Wenn alle dem Sog der Macht erliegen, dann fallen die paar auf, die das nicht tun. Und dann fragen sich Leute: woher kommt diese Widerstandskraft? Zumal man ja sowieso besser lebt und gedeiht, wenn man ein freier Mensch ist.

Wir denken heute oft, das käme irgendwie so von allein, dass Menschen kritisch über die Machthaber denken und sich ihre Unabhängigkeit bewahren. In Wirklichkeit ist das ganz unwahrscheinlich, und es funktioniert nur, wenn man eine andere Macht kennt als die Macht der bewaffneten Tatsachen. Gott hat seine Leute seit langer Zeit an den Unglauben an diese gesellschaftlichen Mächte herangeführt und ihnen seine andere Macht gezeigt. Das ist jetzt in der Welt und strahlt zum Glück auch auf andere aus. Für viele ist das überhaupt nicht selbstverständlich, und für viele faszinierend. Aber das muss immer wieder ausgeübt und aktualisiert werden. Man muss das in echt erleben können. Und die Echtheit zeigt sich vor allem daran, dass Menschen auch unter Druck in dieser Unabhängigkeit bleiben. Da begegnen Menschen der wirklichen Macht Gottes. Sie hat am Ende tatsächlich auch das Imperium Romanum überwunden.

Das wird man wohl noch sagen dürfen …

Die Zahl 666 bedeutet übrigens nach den Geheimregeln, nach denen man damals so etwas verschlüsselte, »Kaiser Nero«. Sie kann aber auch »Tier« bedeuten. Also ist sie eine geheime Parole: »Der Kaiser ist ein Monster«. Nicht nur persönlich, sondern das ganze Gewaltsystem, das er verkörpert, ist monströs und widerlich. Und Gottes Macht zeigt sich darin, dass Menschen die Augen dafür aufgehen, so dass sie diese Wahrheit unbeirrt erkennen, aussprechen und weitergeben. Nicht nur damals, sondern immer wieder, zu allen Zeiten, bis heute und in Zukunft, bis die Monster am Ende sind.

Aug 242015
 

Predigt am 16. August 2015 zu Offenbarung 12,7-18 (Predigtreihe Offenbarung 21)

7 Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, 8 aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. 9 Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

10 Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten; denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte. 11 Sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod. 12 Darum jubelt, ihr Himmel und alle, die darin wohnen. Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt.

13 Als der Drache erkannte, dass er auf die Erde gestürzt war, verfolgte er die Frau, die den Sohn geboren hatte. 14 Aber der Frau wurden die beiden Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste an ihren Ort fliegen konnte. Dort ist sie vor der Schlange sicher und wird eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit lang ernährt. 15 Die Schlange spie einen Strom von Wasser aus ihrem Rachen hinter der Frau her, damit sie von den Fluten fortgerissen werde. 16 Aber die Erde kam der Frau zu Hilfe; sie öffnete sich und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Rachen gespien hatte. 17 Da geriet der Drache in Zorn über die Frau und er ging fort, um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten.

18 Und der Drache trat an den Strand des Meeres.

Die ersten drei Verse dieses Abschnitts haben wir schon vor zwei Monaten gehört, aber ich dachte, wir knüpfen da heute noch mal an, weil es schon ein bisschen her ist, und das hier ist einer der entscheidenden Wendepunkte in der Offenbarung: ein »Kampf im Himmel«. Der Kampf im Himmel entscheidet langfristig über das Schicksal der Erde. Wie ist das gemeint?

Was ist der Himmel?
Bild: alsen via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Der Himmel ist ein Teil der Schöpfung: die obere Welt, die für uns fast ganz verborgen ist. Er ist gleichzeitig der Teil der Schöpfung, von dem aus Gott auf der Erde wirkt. Er ist sozusagen die Kommandozentrale. Aber nicht in dem Sinn, dass da oben einer an Fäden zieht, und in direkter Reaktion hampeln wir dann mit Arm oder Bein. Es ist eher wie die Schaltzentrale, mit der früher das Hochofenwerk auf dem Hüttengelände gesteuert wurde. Ich habe die gerade noch besichtigen können, bevor das alles außer Betrieb ging.

Da haben sie uns erklärt, dass eine der wichtigsten Aufgaben der Zentrale war, die Temperatur der Hochöfen konstant zu halten. Aber sie konnten ja nicht einfach ein Thermostat runterdrehen, wenn es zu heiß wurde. So ein Hochofen ist kein Elektroherd. Die Öfen wurden mit Koks geheizt, und so ein Feuer brennt, so lange Koks da ist, das kann man nicht einfach runterschalten. Stattdessen haben sie die Bänder schneller laufen lassen, mit denen Erz und Kalk in die Öfen gebracht wurde, und das kühlte die Temperatur dann etwas runter. Es war eine indirekte Steuerung. Und sie brauchte Zeit, bis sie wirkte.

Das scheint mir ein gutes Bild zu sein, wie Gott vom Himmel aus die Erde steuert: er mischt sich in der Regel nicht willkürlich ein, er lässt uns nicht Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht tun wollen oder können. Stattdessen wirkt er indirekt, indem er an strategischen Stellschrauben dreht, so wie die Männer in der Hochofenzentrale die Geschwindigkeit der Förderbänder regelten.

Die Macht der Worte

Die entscheidende Stellschraube, der entscheidende Kanal ist nun aber das Wort. Worte, Gedanken, Ideen und Weltbilder steuern das, was wir tun. Sie setzen den Rahmen, sie bestimmen unsere Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Wenn wir Böses tun, dann gar nicht so oft, weil wir böse sein wollen, sondern weil wir von schlechten Grundannahmen ausgehen. Wenn wir z.B. glauben, dass Menschen grundsätzlich egoistisch sind, nur an sich selbst denken und andere übers Ohr hauen wollen, dann werden wir uns entsprechend verhalten und sagen: ich habe ja keine Wahl, ich muss sehen, dass ich und meine Familie in dieser Welt nicht unter die Räder kommen, ich muss dabei mitmachen, um mich zu schützen, auch wenn ich dafür leider zu unsympathischen Mitteln greifen muss.

Anscheinend ist es nun so, dass der Satan auf diesem Kanal der Gedanken immer wieder dazwischengefunkt hat. Einer seiner Beinamen ist ja auch Diabolos, wörtlich der »Durcheinanderbringer«, weil er die Wahrheit immer so ein bisschen überdreht und übertreibt oder unnötige Widersprüche und Gegensätze hineinbringt. Aus der Geschichte von der Versuchung Jesu kennen wir das, dass er sogar mit Bibelsprüchen arbeitet. Und irgendwie redet er im Himmel mit und stört die Kommunikation zwischen Gott und den Menschen. Er schafft so eine Art benebelnde Atmosphäre, die Menschen nicht klar sehen und denken lässt.

Ein Sturz ins Bodenlose

Aber im Zusammenhang mit dem Leben Jesu hören wir nun, dass diesem Wirken ein Ende gesetzt wird. Vorhin in der Evangelienlesung (Johannes 12,23-32) haben wir schon gehört, wie Jesus selbst sagt: »der Herrscher der Welt wird hinausgeworfen«. Er sagt das in dem Moment, wo er sich dazu durchringt, das Kreuz auf sich zu nehmen und seinen Weg ganz zu Ende zu gehen.

Also: in dem Moment, in dem Jesus sein Leben ganz, bis zum Ende, nach Gottes Willen lebt, da wird dem Verwirrer der Boden unter den Füßen weggezogen. Gegen ein Menschenleben, das nicht ein Grau von Gut und Böse ist, nicht ein unklares Gemisch, sondern gut von Anfang bis Ende, gegen so ein Leben hat der Satan nichts mehr in der Hand. Im Vergleich zu Jesus kann er nur den Kürzeren ziehen. Sein Glanz verblasst. Seine Fassade bröckelt. Seine Faszination verliert ihre Kraft, weil es etwas Besseres gibt. Er ist nicht mehr alternativlos.

Und dann gibt es einen Siegesruf im Himmel: jetzt sind wir ihn los! Bisher hat er seine Kraft daraus gezogen, dass er überall etwas gefunden hat, was widersprüchlich ist, faul oder unglaubwürdig. Satan ist der Ankläger, er empört sich, er meckert, er versucht Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen, er hat an allem etwas auszusetzen.

Die Suche nach Unglaubwürdigkeit

Kennen wir diesen Stil? Es gibt so viele Menschen, die mit dieser Energie unterwegs sind: etwas als unglaubwürdig zu entlarven oder Widersprüche aufzudecken. Das ist sehr bequem: man muss sich selbst nicht festlegen, wer man selbst ist und was für einen gilt, so lange man nur genug faule Stellen bei anderen findet. Natürlich gibt es die, sie sind ja wirklich da. Das Problem ist diese Energie, die sich darauf stürzt und dauernd darüber nachdenkt und vor allem redet.

Überall, wo es Frontlinien gibt, kann man sich über die Fehler der Gegner erregen und muss nicht die eigenen bearbeiten. Wenn sich jemand für den Schutz der Umwelt einsetzt, dann wird gesucht und geprokelt, bis man irgendetwas findet, wo er sich umweltschädigend verhalten hat, ein dickes Auto gefahren oder keinen Müll getrennt hat.

Wenn irgendwo jemand versucht, etwas Gutes zu tun, dann findet man schon etwas, was man ihm anhängen kann, um dann zu sagen: ich wusste es doch, der ist unglaubwürdig. Nach dem Motto: das wäre doch gelacht, wenn der nicht irgendwann mal seine Frau betrogen, bei der Steuer geschummelt, eine Haushaltshilfe schwarz bezahlt oder die Höchstgeschwindigkeit überschritten hätte. Vielleicht erzählt uns die NSA auch, was er im Internet so macht. Irgendetwas findet man bei jedem, wenn man nur lange genug sucht.

Ein Leben aus einem Guss

Außer bei Jesus. Da haben sie alles Mögliche probiert, um ihn unglaubwürdig zu machen oder ihm etwas anzuhängen, aber es hat nicht geklappt. Sein Leben war aus einem Guss, es spiegelte das göttliche Licht wider, es war voller Liebe, es gab keine geheimen Leichen im Keller.

Und dieses Leben strahlt aus bis in die Leben der Nachfolger Jesu. Interessanterweise heißt es hier von den Christen, dass sie den Satan besiegt haben, und zwar durch das Blut des Lammes, also durch die Energie des Todes Jesu. Das Leben Jesu erreicht die ganze Welt durch seine Nachfolger. Die Christen haben mit dieser Energie gelebt und waren bereit, äußerstenfalls dafür auch zu sterben. Und dagegen kam der Teufel nicht an. Das hat die Menschen damals enorm beeindruckt, dass die Christen sich auch vom Tod nicht schrecken ließen. In der korrupten Welt des römischen Imperiums war das ein unübersehbares Signal. Im Vergleich zu der hingebungsvollen Liebe der Christen zogen alle anderen Werte den Kürzeren. Die waren nicht perfekt, wir sind nicht perfekt, aber sie waren deutlich anders, und es ist schon wichtig, dass wir auch deutlich anders sind als andere.

Die Zerstörung der Werte

Bis dahin hatten die Menschen siegreiche Heerführer angehimmelt, sie hatten Macht und Stärke bewundert. Solchen Superhelden baute man Tempel, man stellte ihre Standbilder auf, und das höchste Ziel war es, unsterblichen Ruhm durch große Taten zu erringen. Aber jetzt vollzog sich ein Wertewandel, und die kleinen Gruppen der realen Nachfolger Jesu begannen, diesen fiktiven Superhelden den Rang abzulaufen.

Das hat noch lange gedauert, bis das auch deutlich sichtbar wurde. So wie es eine ganze Zeit dauert, bis die schneller laufenden Förderbänder am Hochofen die Temperatur im Innern runterkühlen. Aber als die ersten Christen in der Kraft Jesu zu leben begannen, da war etwas in die Welt gekommen, was in sich stärker und gesünder war als alles andere. Und es hatte das Potential, die Welt auch real zu unterwandern.

Der Drache in Panik

Der Drache, der Teufel versteht das, und er versucht mit allen Mitteln, das Steuer noch herumzureißen. Man bekämpft neue Gedanken, indem man die Träger dieser Gedanken ausrottet. Manchmal klappt das. Und so verfolgt er die Frau, die Jesus hervorgebracht hat. Dazu scheint er sogar in die Vergangenheit zurückzugehen – aus Filmen kennen wir den Trick ja.

Wie wir schon früher mal gesehen haben, ist mit der Frau hier nicht Maria, die Mutter Jesu, gemeint, sondern Israel, das als Ganzes Jesus hervorgebracht hat. Und der Angriff des Drachen auf die Frau wird beschrieben mit Erinnerungen an die Flucht Israels aus der Sklaverei in Ägypten: der Drache spuckt nicht Feuer, sondern Wasser (das geht bei Drachen eigentlich gar nicht), so wie sie damals auf der Flucht vor den Ägyptern durch das Meer hindurch mussten. Aber die Erde schluckt das Wasser, so wie Gott Israel damals durch Naturereignisse geschützt hat. Die Erde ist keine neutrale Bühne, sondern sie ist mit Gott im Bund. Sie greift eigentlich nicht aktiv ein, das ist nicht ihre Aufgabe, aber sehr selten tut sie es doch (Für alle, die den »Herrn der Ringe« kennen: da greifen in einem entscheidenden Moment auch die Bäume bzw. die Ents in den Kampf ein).

Und schließlich bekommt die Frau Adlerflügel und wird eine Zeitlang in der Wüste beschützt. Auch das ist eine Erinnerung daran, wie Gott am Berg Sinai zum befreiten Volk sagt: ich habe euch auf Adlersflügeln hierher gebracht. Man merkt, wie das hier alles mit biblischen Farben gemalt ist. Die Reihenfolge der Zeiten kommt ein bisschen durcheinander. Im Himmel laufen die Uhren eben anders als auf der Erde.

Gewalt als verzweifeltes Mittel

Als der Drache merkt, dass er Jesus nicht verhindern kann, indem er seine Vorgeschichte zerstört, wendet er sich seinen Nachfolgern zu. Er führt Krieg gegen die Christen. Die kleinen christlichen Gemeinschaften, an die Johannes schreibt, wissen nur zu gut, wie das aussieht. Sie erleben dauernd Angriffe und Verfolgung. Und deshalb sollen sie wissen: das ist ein Zeichen der Schwäche des Bösen. Wenn er obenauf wäre, müsste er nicht so wütend sein. Aber weil er schon in die Enge getrieben ist, deshalb entwickelt er enorme Energie. Er tritt ans Meeresufer. Das wird jetzt ziemlich gefährlich. Wir wissen das von Godzilla, dass alle schrecklichen Monster aus dem Meer kommen. Was wird jetzt den dunklen Wellen entsteigen? Darum geht es nächste Woche!

Jun 232015
 

Predigt am 14. Juni 2015 zu Offenbarung 12,1-9 (Predigtreihe Offenbarung 20)

Drache_730In den ganzen letzten Predigten habe ich immer wieder daran erinnert: die Offenbarung ist noch nicht zu Ende, wir haben noch die ganze zweite Hälfte vor uns! Es sah immer so aus, als ob jetzt eigentlich alle sieben Siegel am geheimen Buch Gottes geöffnet sind, die sieben Posaunen sind geblasen, und im Himmel gibt es großen Jubel, weil jetzt Gott seine Königsherrschaft auf der Erde angetreten hat.

Da war noch was …

Aber es gab immer mal wieder kurze Hinweise darauf, dass da noch eine böse Macht verborgen ist: das Tor zum Abgrund, aus dem Killerheuschrecken herausströmen. Ein kurzer Hinweis, dass aus diesem Abgrund ein Monster heraufsteigen wird, das sogar die beiden bevollmächtigten Propheten Gottes überwindet. Johannes muss die Geschichte noch einmal erzählen, aber diesmal gräbt er noch tiefer: der ganze Widerstand gegen Gott hat ein verborgenes Zentrum, und dieses Zentrum wird jetzt langsam sichtbar.

Es ist wie in einem Horrorfilm, wo in der ersten Stunde alles relativ harmlos aussieht, aber immer mal wieder sind Hinweise ausgestreut, dass es eine dunkle Bedrohung gibt. Die Musik lässt nichts Gutes ahnen, und dann auf einmal zeigt sich das Ungeheuer in seiner ganzen Schrecklichkeit. Diese Schlüsselszene ist jetzt auch in der Offenbarung des Johannes gekommen:

1 Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. 2 Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen.
3 Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. 4 Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. 5 Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt.
6 Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte; dort wird man sie mit Nahrung versorgen, zwölfhundertsechzig Tage lang.
7 Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, 8 aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel.
9 Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

Jetzt ist er da! In einem Computerspiel würde man sagen: das ist der Endgegner, auf den man stößt, wenn man all die vielen kleineren Monster, Untoten und Hexenmeister hinter sich hat. Jetzt hält er sich nicht mehr im Hintergrund und schickt andere vor, sondern jetzt kommt er selber aus seinem Versteck.

Der verborgene Konflikt wird sichtbar

Darum geht es ja in der Offenbarung: die Konturen werden klarer. Der verborgene Konflikt, der die Welt bisher im Hintergrund durchzogen hat, zeigt sich immer direkter. Und Johannes benutzt die Sprache der Symbole, der Mythologie, um ihn zu beschreiben. Er wird auch noch konkreter von Geschehnissen auf der Erde reden, aber zunächst einmal spricht er von zwei Zeichen in der himmlischen Sphäre: die Frau und der Drache.

Da ist einmal die Frau, die schwanger ist. Damit wir es verstehen, wird gesagt, dass sie ein Kind gebar, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Das ist eine Anspielung auf Psalm 2, wo vom gesalbten König Gottes die Rede ist, und die Christen haben das natürlich immer auf Jesus bezogen. Also könnte man sagen, dass diejenige, die ihn zur Welt bringt, Maria sein müsste, die Mutter Jesu. Aber das ist ein Kurzschluss, und wir merken es daran, dass die Frau mit Zeichen kosmischer Hoheit versehen ist: sie ist mit der Sonne bekleidet, trägt einen Kranz von zwölf Sternen und steht auf dem Mond. Das ist nicht die junge Mirjam aus Nazareth, die während der Volkszählung des Augustus in Bethlehem ihren ersten Sohn bekommt, sondern wir sind in der symbolischen Sphäre, und da steht diese Frau für das treue Gottesvolk, das an seiner Berufung festgehalten hat und aus dem schließlich Jesus hervorgegangen ist. Das ganze Gottesvolk ermöglicht Jesus. Der lange Weg der Nachkommen Abrahams, also der Juden, durch die Jahrhunderte erscheint als Zeit der Schwangerschaft, und die unsichere und bedrohte Lage Israels im römischen Imperium wird im Bild schmerzhafter Geburtswehen geschildert.

Die Verkörperung von Chaos und Zerstörung

Wir haben also den grundlegenden Konflikt zwischen dem Volk Gottes, aus dem der Messias, Gottes König, der Christus kommen soll, und dem Drachen auf der anderen Seite. Der Drache ist das Zentrum der lebensfeindlichen Macht, eine Quelle von Zerstörung und Chaos. Sieben Köpfe hat er und zehn Hörner, irgendwie passt das nicht, da ist etwas schief, wie verteilen sich zehn Hörner auf sieben Köpfe? Aber auf jeden Fall hat er auf allen Köpfen eine Krone. Wie ein Emporkömmling, der an jedem Finger einen dicken Ring hat, muss er mit seinen Machtsymbolen protzen. Und er richtet Chaos und Zerstörung an.

Am Ende des Abschnitts wird der Drache noch einmal identifiziert mit all den anderen Symbolen des Feindes, die im Lauf der Zeit benutzt worden sind: die alte Schlange, der Satan, der Teufel. Das konzentriert sich jetzt im Bild des Drachen.

Denken wir daran, dass es damals noch keine Filme und special effects gab. Normale Menschen hatten noch nicht mal Bilder in der Wohnung, sie sahen Bilder und Statuen meistens nur in Tempeln oder auf öffentlichen Plätzen. Wir sind heute ganz anderes gewöhnt, wir sehen im Film Godzilla, King Kong und die animierten Dinosaurier aus »Jurassic Park«, als ob es sie wirklich geben würde. Dagegen wirken ein paar Sätze über einen Drachen mit 7 Köpfen und 10 Hörnern eher harmlos. Aber auf die Menschen damals müssen sie eine Wirkung gehabt haben so wie für uns die aktuellsten Monster aus den Trickfilmmanufakturen Hollywoods.

Der Drache ist eine schreckenerregende Macht. Mit seinem Schwanz fegt er ein Drittel der Sterne vom Himmel. Die Sterne mit ihren regelmäßigen Bahnen sind ja ein Symbol für die Ordnung in der Welt. Das bedeutet: der Drache richtet Chaos an, er zerstört die Ordnung der Welt. Vor allem aber versucht er zu verhindern, dass im Gottesvolk der verheißene Messias zur Welt kommt. Er bereitet sich darauf vor, das Kind gleich nach der Geburt zu vernichten.

Jesus in einem kurzen Vers

Das erinnert an die Geschichte davon, wie Herodes versucht hat, Jesus gleich nach der Geburt beseitigen zu lassen, indem er alle Kinder aus Bethlehem tötet (Matthäus 2,13-18 – wir haben es vorhin in der Lesung gehört). Mögliche Feinde zu beseitigen, bevor sie überhaupt gefährlich werden können – das ist immer eine Taktik der Tyrannen gewesen. Lieber ein paar zu viel beseitigen, als die entscheidende Gefahr zu übersehen. Und deswegen ist auch das ganze Gottesvolk immer bedroht gewesen, weil kluge Tyrannen gemerkt haben, dass sich dort etwas vorbereitet, was sie nicht unter Kontrolle bekommen.

Aber dieses Kind wird erst geboren und dann zu Gott entrückt – das ist die Geschichte von Himmelfahrt! Hier ist also der ganze Weg Jesu komprimiert auf den allerersten Anfang (die Geburt) und die allerletzte Geschichte (die Himmelfahrt). Der Anfang und das Ende: die stehen für den ganzen Weg. Und dem Drachen gelingt es nicht, diesen Weg Jesu zu verhindern. Auch die Frau, also das Volk Gottes, wird beschützt. Hier an dieser Stelle, im Leben Jesu unter den Menschen, erleidet der Drache die entscheidende Niederlage.

Zwei parallele Schauplätze

Und nun entspricht diesen Geschehnissen auf der Erde eine Szene im Himmel, nämlich der Kampf zwischen dem Erzengel Michael und dem Drachen. Bisher war anscheinend auch der Drache oder der Satan in der himmlischen Sphäre vertreten. So lange noch nicht klar war, wie der Kampf um die Erde ausgehen würde, so lange hatte er da noch einen Fuß in der Tür. Aber wenn Jesus seinen Weg geht, wenn mit Jesus ein Mensch ganz nach Gottes Herzen lebt und handelt und eine neue Menschheit gründet, dann ist auf der Erde das Entscheidende passiert und dann wird der Teufel aus dem Himmel vertrieben und auf die Erde geworfen.

Bemerkenswerterweise formuliert das auch Jesus sehr ähnlich. Im Lukasevangelium (10,18) sagt er: »Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen«. Und im Johannesevangelium (12,31) am Tag vor seinem Tod: »Jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden«.

Menschen machen Gott verwundbar

Das heißt: was hier auf der Erde geschieht, in diesem Fall das Leben Jesu, das hat Auswirkungen auf die himmlische Sphäre. Gott hat der Menschheit eine entscheidende Rolle anvertraut, und deshalb kann er nicht mehr einfach tun und lassen, was er will. Er hat einen Teil seiner Macht abgetreten. Solange Menschen dem Bösen Spielraum geben, muss er den Satan in seiner Nähe dulden und sich anhören, wie der triumphierend von all der Bosheit auf der Erde erzählt.

Um es mit einem Vergleich zu sagen: Wir kennen ja alle Menschen, die mit großer Freude davon erzählen, was alles schief läuft und wie schlecht die Welt ist und was ganz besonders dieser und jener falsch macht. Und das nervt natürlich schrecklich, wenn man sich das dauernd anhören muss. Und so muss man sich den Satan vorstellen, als jemanden, der dauernd Gott in den Ohren liegt und ihn nervt mit lauter Geschichten darüber, was die Menschen alles falsch machen. Du wirst ja ganz wuschig, wenn dir einer dauernd mit großer Freude erzählt, was der wieder falsch gemacht hat und wie blöd die ist, und dass die Politiker alle Verbrecher sind, dass man bei Hitler jedenfalls nachts auf der Straße sicher war und die Aliens sowieso demnächst die Macht übernehmen. So einer kann mit seinem Gerede das Niveau jeder Feier deutlich nach unten drücken. Am besten geht man so einem Gerede aus dem Weg, aber man kann es nicht immer vermeiden, vielleicht ist es ja ein Verwandter, den man zum Geburtstag einladen muss, und auch Gott erscheint hier als jemand, der irgendwie den Satan nicht vermeiden kann, solange die Menschen ihren Auftrag nicht erfüllen. Die Menschen machen Gott verwundbar.

Ein mieser Typ fliegt raus

SatanssturzErst, als hier auf der Erde ein Mensch erscheint, der alles richtig macht, als es dem Satan nicht gelungen ist, Jesus zu verhindern, da sagt der Erzengel Michael zum Drachen: jetzt verschwinde hier! Du hast im Himmel nichts mehr zu suchen, du Schandmaul! Und du wirst auch nicht mehr zur Goldenen Hochzeit eingeladen!

Das gibt natürlich Terror. Der Satan keift und schimpft und argumentiert und moralisiert in voller Lautstärke. Michael und die anderen Engel müssen sich alles mögliche anhören und brauchen gute Nerven, bis sie ihn endlich hinauskomplimentiert haben, aber am Ende steht der Satan mit seiner Gang wütend draußen und kann schimpfen wie er will – keiner hört ihn mehr.

Das Ende ist eingeläutet

Johannes schreibt diese Vision für seine Gemeinden auf, die die Macht des Bösen gut kennen, die unter ihm leiden, die verleumdet und angeklagt werden und manchmal auch getötet. Und er sagt ihnen damit: die Energie dieser bösen Macht ist schon untergraben. Es gibt einen höheren Ort, wo er keinen Raum und kein Recht mehr hat. Wenn Jesus in echt präsent ist, nicht als Lehre oder Zerrbild, sondern verkörpert in lebendigen Menschen, dann verliert der Verführer seinen Glanz. Jesus stiehlt ihm die Schau. Und über kurz oder lang werdet ihr das auch merken.

Damals im römischen Imperium hat das noch dreihundert Jahre gedauert, bis die Christen die imperiale Herrschaft Roms überwunden hatten, und danach wurde leider nicht alles gut. Aber im Grundsatz war die entscheidende Schlacht geschlagen, als Jesus an einem römischen Kreuz starb, ohne seinem Weg mit Gott untreu zu werden. Da war das Ende des Imperiums eingeläutet. So wie Hitlers Ende mit der Invasion in der Normandie besiegelt war und vielleicht mit der Finanzkrise von 2008 das Ende unseres jetzigen Wirtschaftssystems. Aber wirklich wissen tut man das erst im Rückblick. Oder durch eine Vision wie die von Johannes, aber auch Visionen werden immer erst nachträglich bestätigt.

Es gibt noch genug zu tun

Johannes lehrt uns, zu unterscheiden: das Eine passiert am höheren Ort, im Himmel, da fallen die grundlegenden Entscheidungen. Und dann setzen die sich auf der Erde um, und das kann dauern. Die ganze Welt wartet noch darauf, dass Leben, Tod und Auferstehung Jesu in der Breite der Wirklichkeit umgesetzt werden.

Und wir alle, jeder an seinem Platz, müssen in dem Teil der Welt, für den wir verantwortlich sind, darum kämpfen, dass die himmlische Entscheidung auf der Erde real wird. Um es noch mal mit dem Bild vom Nationalsozialismus zu sagen: auch als Hitler tot und der Krieg verloren war, haben sich in manchen Bereichen die alten Nazis noch lange gehalten. In anderen Bereichen hat man sie schnell von den Schalthebeln entfernt. Es war ein langer Kampf, bis zum Beispiel die Verantwortlichen der KZs vor Gericht gestellt wurden. Und der Kampf ist selbst heute noch nicht zu Ende, weil wir immer wieder auf Spätfolgen stoßen, die noch nicht bearbeitet sind.

So muss auch diese grundsätzliche Niederlage des Drachen immer wieder in vielen kleinen und großen Kämpfen bestätigt werden. Hier auf der Erde, unter uns, mit uns als Akteuren. Das macht Jesus nicht für uns. Er hat den grundlegenden Durchbruch geschafft, er steht uns im Heiligen Geist zur Seite, aber es ist entschieden, dass die Umsetzung nur mit uns passiert. Und um diese Phase der Kämpfe geht es im zweiten Teil der Offenbarung.

Mai 032015
 

Predigt am 3. Mai 2015 zu Offenbarung 11,15-19 (Predigtreihe Offenbarung 19)

15 Der siebte Engel blies seine Posaune. Da ertönten laute Stimmen im Himmel, die riefen: Nun gehört die Herrschaft über die Welt unserem Herrn und seinem Gesalbten; und sie werden herrschen in alle Ewigkeit. 16 Und die vierundzwanzig Ältesten, die vor Gott auf ihren Thronen sitzen, warfen sich nieder, beteten Gott an 17 und sprachen: Wir danken dir, Herr, Gott und Herrscher über die ganze Schöpfung, der du bist und der du warst; denn du hast deine große Macht in Anspruch genommen und die Herrschaft angetreten.
18 Die Völker gerieten in Zorn. Da kam dein Zorn und die Zeit, die Toten zu richten: die Zeit, deine Knechte zu belohnen, die Propheten und die Heiligen und alle, die deinen Namen fürchten, die Kleinen und die Großen, die Zeit, alle zu verderben, die die Erde verderben.
19 Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet und in seinem Tempel wurde die Lade seines Bundes sichtbar: Da begann es zu blitzen, zu dröhnen und zu donnern, es gab ein Beben und schweren Hagel.

Als Jesus starb, zerriss der Vorhang des Tempels von oben bis unten (Matthäus 27,51). Und damit wurde deutlich, dass das Allerheiligste leer war – die Bundeslade, die da ursprünglich gestanden hat, der uralte Schrein mit den Gesetzestafeln des Mose, ist irgendwann im Lauf der Geschichte abhanden gekommen, zerstört, verbrannt. Ein Symbol dafür, dass auf menschlicher Seite der Bund mit Gott nicht intakt geblieben ist, denn die Zerstörung des ursprünglichen Tempels war eine Folge des Abfalls vom Bund.

Das Herz Gottes

Jetzt erfahren wir: es gibt noch einen anderen Tempel, einen Tempel im Himmel. So wie der Jerusalemer Tempel das Zentrum des Volkes Gottes und eigentlich der ganzen Welt war, so ist der himmlische Tempel das Zentrum des Himmels. Jetzt, nachdem das siebente Siegel am Buch mit dem geheimen Plan Gottes geöffnet wurde ist und die siebte Posaune erklungen ist, wird er sichtbar. Und nicht nur sichtbar wird der himmlische Tempel, sondern auch seine Tore werden geöffnet. Da zerreißt kein Vorhang, sondern freiwillig gehen die Tore auf, und man kann einen Blick bis ins Allerheiligste werfen. Man könnte sagen: Jetzt tun wir einen Blick ins Herz Gottes, ins Zentrum des Himmels. Und was sehen wir? Da ist noch immer die Bundeslade, die himmlische Entsprechung zum irdischen Erinnerungszeichen an den Bund Gottes mit Mose und Israel. Auf Gottes Seite ist dieser Bund nie in Frage gestellt gewesen. Sein geheimer Plan ist geboren aus der Treue Gottes zu seinem Volk und der ganzen Schöpfung. Jetzt wird sichtbar, dass Gott die ganze Zeit über beständig sein Ziel verfolgt hat.

Wem gehört die Welt?

Bild: tpsdave via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Und deswegen freuen sich die 24 Ältesten, die Vertreter des Gottesvolkes aus Juden und Heiden, sie jubeln und und danken Gott und sagen: jetzt ist es geschehen! Gott ist König geworden! Endlich ist es so weit, dass die Herrschaft auf der Erde Gott und seinem Gesalbten, seinem Beauftragten gehört, Gott und seinem Christus.

Darum geht es in der Bibel: wer ist der König der Welt? Wem dienen die Mächte dieser Welt? Wer gestaltet das Antlitz der Erde? Wird aus der Welt ein Garten oder eine Wüste? Ein Friedensreich oder ein KZ, ein – sagen wir mal – weltweites Nordkorea? Diese schreckliche Alternative ist der Grund dafür, dass die Vertreter des Gottesvolk so dankbar sind. »Jetzt sind die Würfel gefallen!« sagen sie. »König der Welt ist Gott. Gott sei Dank!«

Das geheime Buch ist geöffnet, Gottes Herz liegt offen vor uns. Wir sehen, dass er treu ist.

Wo passiert das?

Aber die Frage ist: welche irdische Realität entspricht diesem Augenblick, wo der ganze Himmel aufatmet? Es gibt ja im biblischen Denken eine Entsprechung zwischen Himmel und Erde. Jede Veränderung im Himmel zieht auch Bewegungen auf der Erde nach sich. Und jede irdischen Wirklichkeit hat auch ihre verborgene Entsprechung auf der unsichtbaren Seite der Welt. Am Tempel haben wir das gerade schön beobachten können, dass es auch einen Tempel auf der verborgenen Seite der Welt gibt; wahrscheinlich ist der irdische Tempel nach dem Vorbild des himmlischen gestaltet.

Und nun gehen genauso parallel die Öffnung des himmlischen Tempels und der zerrissene Vorhang im Jerusalemer Tempel. Wann zerriss dieser Vorhang? In dem Moment, in dem Jesus sein Leben in Treue zu Gott und den Menschen vollendet. Im Johannesevangelium sagt er selbst in diesem Moment: »es ist vollbracht«, und im Himmel wird erklärt: »Jetzt hat Gott seine königliche Herrschaft angetreten.«

Das muss man erstmal verkraften: Der Tod Jesu ist seine Thronbesteigung. Und mit diesem Tod gewinnt er seinen ersten Anhänger direkt im Zentrum die Macht: den Offizier, der das Hinrichtungskommando leitet. Seinen Henker. Wenn der sagt: »der hier war der wahre Sohn Gottes«, dann sagt er sich damit los von seinem obersten Chef, dem Kaiser, zu dessen Titeln »Sohn Gottes« gehörte. Durch seinen Tod gewinnt Jesus einen Handlanger der Macht für sich und für Gott. So regiert er.

Macht und ihre Karikatur

Das ist ein totaler Kontrast zu der Art, wie sonst unter uns Herrschaft ausgeübt wird. Herrschaft bedeutet normalerweise: jemand ist in der Lage, andere unter Druck zu setzen, sie äußerstenfalls mit dem Tod zu bedrohen. Aber wenn Gott König wird, dann bekommen Worte wie »König«, »Macht« und »herrschen« einen völlig anderen Inhalt. Man müsste sagen: dann bekommen sie ihren eigentlichen Inhalt zurück. Unser Verständnis von Herrschaft ist eine schreckliche Verzerrung dessen, was eigentlich damit gemeint war. Aber selbst die Bibel muss zur Beschreibung der Königsherrschaft Gottes die alten, kontaminierten Worte benutzen.

Ursprünglich ist die Welt so angelegt, dass jedes Geschöpf den anderen dient. In jedem Ökosystem trägt jedes Teil zum Gedeihen des Ganzen bei, und als so ein Ökosystem ist die Schöpfung geplant gewesen. Der Job des Menschen war es, Regulator zu sein, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Und er ist Bild Gottes, er repräsentiert die Schöpfung vor Gott. Wenn Gott mit seiner Schöpfung reden will, dann wendet er sich an Menschen.

Erst als Menschen ihren Auftrag überschritten und sein wollten wie Gott, da begannen sie, sich der Gewalt zu bedienen. Damals ist das entstanden, was wir heute als Herrschaft kennen: eine Karikatur des menschlichen Dienstes an allen anderen Geschöpfen. Immer mächtigere Gebilde entstanden, bis hin zu den Großreichen: Machtmaschinen, wie sie die Welt vorher nicht gekannt hatte, mit dem Römischen Imperium als vorläufigem Höhepunkt und dem Imperator, dem Kaiser, als Zentrum des Systems. Es gab gute und schlechte Kaiser, kluge und wahnsinnige, aber was sich durchhielt, war das Prinzip der Herrschaft. Wir haben heute noch viel größere Macht, als römische Imperatoren sie je hatten, aber das Prinzip ist geblieben.

Kontaminierte Worte

Bis heute schauen Menschen mit Grauen und Faszination gleichzeitig auf solche Machtgebilde. Und es wird alles schief, wenn sie dann die Bibel lesen, dort etwas von Gottes Macht hören und denken, damit wäre die Karikatur von Macht gemeint, wie wir sie aus unserer Geschichte und unserer Gegenwart kennen. Und die einen sind dann fasziniert und möchten eine mächtige Kirche, die allen vorschreibt, wie sie zu leben haben, und die andern wollen das um keinen Preis und regen sich dauernd wahlweise über den tyrannischen Gott oder den heuchlerischen Papst auf, was für den Blutdruck überhaupt nicht gut ist. Und beide haben die Bibel an einem entscheidenden Punkt falsch verstanden: wenn Gott König wird, dann wechselt nicht nur der, der gerade auf dem Thron sitzt, sondern die Art, wie Herrschaft ausgeübt wird, erlebt eine echte Revolution.

Denn als Jesus lebte und starb, da bekam die menschliche Königsherrschaft über die Schöpfung ihren wahren Sinn zurück. Wunden heilen, Frieden stiften, Ausgeschlossene einbeziehen, Lasten abnehmen, Menschen jubeln lassen – das ist die Aufgabe des Königs. So »herrscht« er über die Erde, um es mit diesem kontaminierten Wort zu sagen.

Ein kosmischer Showdown

Und wenn diese beiden Arten von Herrschaft aufeinandertreffen, dann gibt das so eine Art Showdown. Jesus, das Lamm, auf der einen Seite, und die Monster, die Machtmaschinen, die unsere Welt verwüsten: das ist die der ultimative Gegensatz. Gegen den sind alle sonstigen Feindschaften, Rivalitäten und Aversionen, die wir aus der Tagesschau kennen, nur vorläufige Missverständnisse. Deswegen kracht und blitzt es in der Offenbarung so oft, weil sie den fundamentalen Konflikt beschreibt, von dem unsere ganze Welt untergründig geprägt ist: wem gehört die Schöpfung? Wer ist König – Gott oder sein Gegner? Kein Bereich der Welt ist dabei neutral, alles ist von diesem Konflikt betroffen. Auch da, wo wir es normalerweise gar nicht bemerken.

Dieser Showdown hatte zwei Runden: zuerst wollte der Versucher Jesus locken mit Macht, Ruhm und Reichtum. Und beim zweiten Mal ließ er ihn am Kreuz zu Tode foltern. Und beide Male ließ Jesus sich nicht von seinem Weg abbringen. Er ließ sich nicht zu der Karikatur von Herrschaft bekehren, sondern blieb beim Original. Das ist es, was im Himmel gefeiert wird. Denn in diesem Moment ist die Entscheidung über das Schicksal der Welt gefallen. Die Offenbarung malt das mit ihren grellen Farben aus, damit wir Bilder dafür haben, dass durch das Leben und den Tod Jesu die Grundlagen der Welt verschoben sind. Dieses Ereignis ändert die Spielregeln für immer.

Und was jetzt?

Bleibt noch das Problem, warum wir jetzt erst 11 von den 22 Kapiteln der Offenbarung hinter uns haben. Und auch das ist angedeutet in dem Dank der 24 Ältesten: jetzt wird Gericht gehalten. Jetzt wird den Opfern der Geschichte endlich Gerechtigkeit widerfahren. All die Unzähligen, die am Straßenrand der Geschichte verreckt sind, die von den Machthaber aller Imperien für ihre Ziele verheizt worden sind, die Ausgebeuteten und Geschundenen jeder Epoche, sie sollen nicht die Verlierer bleiben. Und die Unheilstifter und Zerstörer sollen zerstört werden.

Auch hier müssen wir umdenken, wenn Gott, wie es heißt, »Gericht hält«. Wir haben dann gleich so einen finsteren Rachegott im Auge, der akribisch nachforscht, ob er etwas finden kann, wegen dem er uns in der Hölle braten lassen kann. Und er findet immer etwas, und sei es nur der böse Gedanke über die Nachbarin wegen ihres geringen Engagements beim Unkrautjäten.

Keine Angst vor dem Gericht!

Aber auch das ist so weit weg von dem, was in der Bibel gemeint ist. Gerechtigkeit ist ein elementarer menschlicher Wunsch. Und er ist berechtigt. Gott hat ihn in uns hineingelegt, denn es ist auch sein Wille. Es soll doch nicht sein, dass die KZ-Häftlinge und ihre Opfer sich irgendwann wieder begegnen, und es spielt keine Rolle mehr. Es kann doch nicht sein, dass diejenigen, die die Erde vergiften und die, die daran sterben, einfach in einen Himmel kommen und alles ist kein Thema mehr. Ja, es gibt Versöhnung, wahrscheinlich haben wir davon gehört, wie jetzt in dem wahrscheinlich letzten Auschwitz-Prozess eine Jüdin ihrem ehemaligen Wachmann vergeben hat, aber das ist eben kein Automatismus. Es ist nichts, was so einfach selbstverständlich wäre. Sonst würde nicht darüber berichtet.

Möchten wir denn in der neuen Welt einfach so gemeinsam leben mit Hitler und Stalin und den Drogenbossen und dem kleinen Tyrannen von nebenan, der es nicht bis zum Diktator geschafft hat und nur seiner Familie das Leben zur Hölle macht? Sollen die alle ganz selbstverständlich mit am Tisch sitzen? Das kann es doch nicht sein!

Es muss Gerechtigkeit geben. So viele sind gestorben in der Hoffnung, das ihre Peiniger wenigstens Gott nicht entkommen, wenn sie sich schon hier auf der Erde der Gerechtigkeit entzogen haben. Soll Gott diese Hoffnung wirklich enttäuschen? Gott wird die verderben, die die Erde verderben. Das ist eine Hoffnung, keine Bedrohung, jedenfalls nicht für die, die sich nach Gerechtigkeit sehnen. Der Durst nach Recht und Gerechtigkeit wird am Ende gestillt werden, das hat Jesus in der Bergpredigt versprochen.

Wie Gott das macht, das durchschauen wir nicht wirklich. Wahrscheinlich bekommt auch das Wort »Gericht« eine sehr andere Bedeutung, wenn Gott es ist, der Gericht hält. Aber es wird so werden, dass alle, die nach Gerechtigkeit gehungert und gedürstet haben, am Ende aufatmen und sagen: ja, es ist gut geworden. Er hat es richtig gemacht. Gott ist treu.

Jetzt kommen erst die Drachen

Die zweite Hälfte der Offenbarung schaut deshalb das Ganze noch einmal unter der Fragestellung an, wie Gott mit den destruktiven Mächten umgeht, mit den Imperien, die die Erde verderben. Jetzt, wo Gottes Messias sichtbar geworden ist, kommen sie aus der Deckung und werden in ihrer ganzen Brutalität sichtbar. Beim nächsten Mal gibt es deshalb dann auch Drachen.

Es ist wie im richtigen Leben: zu wissen, wer der Feind ist, ist der halbe Sieg. Die andere Hälfte kommt ab Kapitel 12.

Apr 122015
 

Predigt am 12. April 2015 zu Offenbarung 11,1-14 (Predigtreihe Offenbarung 18)

1 Nun wurde mir ein Stab aus Schilfrohr gegeben, wie man ihn zum Messen verwendet. »Geh und miss den Tempel Gottes aus, auch den Altar«, sagte ´eine Stimme` zu mir, »und ´zähl` die Menschen, die im Tempel anbeten! 2 Aber lass beim Vermessen den äußeren Vorhof des Tempels aus, denn er ist den heidnischen Völkern preisgegeben worden, und sie werden die heilige Stadt unterwerfen und zweiundvierzig Monate lang besetzt halten.«
3 »Doch werde ich«, ´fuhr die Stimme fort,` »meine beiden Zeugen zu ihnen schicken, und sie werden ´während dieser ganzen Zeit` – tausendzweihundertsechzig Tage lang –, in Sacktuch gehüllt, als Propheten ´unter ihnen` auftreten.« 4 Diese beiden Zeugen sind die zwei Ölbäume und die zwei Leuchter, ´von denen es in der Schrift heißt, dass` sie vor dem Herrn stehen, dem Herrscher über die ganze Erde. 5 Wenn jemand versucht, ihnen etwas anzutun, wird Feuer aus ihrem Mund kommen und ihn vernichten. So wird es allen ihren Feinden ergehen; jeder, der ihnen etwas antun will, wird auf diese Weise umkommen. 6 Sie haben die Macht, den Himmel zu verschließen, sodass während der Zeit, in der sie als Propheten auftreten, kein Regen fällt. Sie haben auch die Macht, die Gewässer in Blut zu verwandeln. Sooft sie es wollen, können sie jedes nur erdenkliche Unheil über die Erde hereinbrechen lassen.
7 Wenn sie ihren Auftrag als Zeugen ´Gottes` erfüllt haben, wird das Tier, das aus dem Abgrund heraufsteigt, gegen sie kämpfen. Es wird sie besiegen und umbringen. 8 Ihre Leichen ´wird man` in der großen Stadt auf offener Straße ´liegen lassen`, in derselben Stadt, in der schon ihr Herr gekreuzigt wurde und die – was symbolisch zu verstehen ist – Sodom oder auch Ägypten heißt. 9 Während dreieinhalb Tagen werden sich Menschen aus den verschiedensten Völkern und Stämmen, Menschen unterschiedlichster Sprache und Kultur am Anblick der beiden Toten weiden, und man wird es niemand erlauben, sie zu bestatten. 10 Überall auf der Welt werden die Menschen jubeln und Freudenfeste feiern und sich gegenseitig Geschenke senden, denn diese beiden Propheten hatten ihnen das Leben zur Qual gemacht. 11 Doch nach den dreieinhalb Tagen wird der Lebenshauch Gottes in sie zurückkehren, und zum größten Entsetzen aller, die das miterleben, werden sie ´plötzlich wieder lebendig werden und` aufstehen. 12 Aus dem Himmel werden sie eine mächtige Stimme hören, die ihnen zuruft: »Kommt hier herauf!« Daraufhin werden sie vor den Augen ihrer Feinde in einer Wolke in den Himmel emporgehoben werden.
13 Im selben Augenblick wird ein heftiges Erdbeben ´die Stadt` erschüttern. Ein Zehntel der Gebäude wird einstürzen, und siebentausend Menschen werden den Tod finden. Zutiefst erschrocken werden dann die Überlebenden dem Gott, der im Himmel thront, die Ehre erweisen, ´die ihm gebührt`.
14 Das zweite Unheil, das der Wehruf angekündigt hat, ist vorüber; doch das dritte steht unmittelbar bevor.

Wir sind im 11. Kapitel von insgesamt 22 Kapiteln der Offenbarung, aber es sieht immer noch aus, als wären wir schon auf der Zielgeraden. Das Lamm – also Jesus – hat das siebte Siegel vom Buch geöffnet, in dem Gottes geheimer Plan für seine Schöpfung verzeichnet ist. Sechs von sieben letzten Posaunen sind erklungen, schreckliche Plagen waren die Folge; und trotzdem haben sich die Menschen nicht abgewandt von ihrem zerstörerischen und selbstzerstörerischen Tun. Ein gewaltiger Engel hat im Namen Gottes versichert, dass es nun keinen Aufschub mehr geben wird.

Aber ganz am Ende hat Johannes gesagt bekommen, dass er noch einmal prophetische Worte aussprechen soll – und zwar Worte zur politisch-kulturellen globalen Situation. Jetzt ist es nicht nur eine Drama, das vor Johannes Augen abläuft, sondern jetzt ist er Beteiligter. Und mit ihm die Christen überhaupt. So wie schon einmal in Kapitel 8 die Gebete der Christen ins Spiel kamen, so ist jetzt das Thema die christliche Prophetie und ihre Rolle in dem weltgeschichtlichen Drama, das sich in der Offenbarung enthüllt. Das war der Doppelpunkt vom letzten Mal.

Die Rolle der Prophetie

Und jetzt geht es mit diesem Thema weiter, und deshalb ist das 11. Kapitel voll mit Erinnerungen an prophetische Menschen des Alten Testaments. Am Anfang bekommt Johannes einen Zollstock, mit dem er den Tempel ausmessen soll, und das erinnert an den Propheten Hesekiel, der ein Modell des künftigen Tempels ausmisst (Hesekiel 40-48). Der innere Tempelbereich, den Johannes ausmisst, der bleibt unzerstört, aber die äußeren Teile des Tempels werden von Feinden erobert.

Man merkt aber, dass es bei Johannes nicht so sehr um ein Gebäude geht, sondern um die Menschen, die dort sind. Die soll er zählen. Die erste Christenheit hat sich ja im Bild des Tempels wiedergefunden, als der lebendige Tempel Gottes. Johannes soll also nicht das Tempelgebäude in Jerusalem ausmessen. Das war vermutlich in dieser Zeit schon zerstört. Im jüdischen Aufstand der Jahre 66 – 70 hatten sich die Aufständischen im Tempel verschanzt, und die Römer hatten ihn nur in einem blutigen Kampf nach und nach erobern können. Am Ende hatten sie es geschafft, und der Tempel wurde zerstört.

Bei Johannes geht es um die Nachfolger Jesu. Die sind jetzt das lebendige Heiligtum, und auch darum wird gekämpft. Die Feinde dringen ziemlich weit ein, aber sie werden es nicht schaffen, dieses lebendige Heiligtum zu zerstören. Immerhin 42 Monate lang wird es sehr gefährlich aussehen.

42 gefährliche Monate

42 Monate sind dreieinhalb Jahre oder 1260 Tage. Auch diese Zahl hat eine besondere Bedeutung. 200 Jahre vorher hielt der syrische König Antiochus, einer der Nachfolger Alexanders des Großen, Jerusalem dreieinhalb Jahre lang besetzt und versuchte, mit einer Schreckensherrschaft den Glauben an Israels Gott auszurotten. Nach dreieinhalb Jahren wurde der Tyrann vertrieben.

Wenn Johannes sagt, dass die Christen dreieinhalb Jahre in Gefahr sein werden, dann heißt das: diese Gefahrenzeit ist begrenzt; sie hat ein Ende. Gott hat die Kontrolle. Das spiegelt wider, wie im Römischen Reich die Christen immer wieder verfolgt, aber nie vernichtet worden sind. Immer stoppte die Verfolgung noch rechtzeitig.

Muster mit langer Vorgeschichte

Es geht hier also nicht um konkrete 42 Monate, die man irgendwo im Kalender eintragen könnte. Es geht um typische Muster, die immer wieder auftauchen. Und so geht das Kapitel weiter. In dieser Zeit der Gefahr gibt es zwei Zeugen, die die ganze Zeit über prophetisch reden. Die beiden sind gemalt in Farben, die an Mose und Elia erinnern, diese beiden großen Gestalten des Alten Testaments. Elia sorgte für Dürre und setzte damit den König Ahas unter Druck, dessen Reiterarmee auf Gras für die Pferde angewiesen war (1. Könige 17,1; 18,5). Als sein Nachfolger Ahasja ihn durch eine Abteilung Soldaten verhaften wollte, fiel Feuer vom Himmel und vernichtete sie (2. Könige 1,9-15). Und sie können Plagen über die Welt kommen lassen – das erinnert an Mose und die ägyptischen Plagen (2. Mose 7-12).

Dass die beiden als Ölbäume bezeichnet werden, ist wiederum eine Erinnerung an den Propheten Sacharja (4,3.11-14). Und alles zusammen bedeutet, dass auch in der ganzen Zeit der Gefahr die Stimme der Prophetie nicht verstummen wird. Gott schützt die Propheten. Es sieht aus, als müssten sie und die Gemeinde nur lange genug durchhalten, und am Ende wird alles gut.

Bild: MakyFoto via pixabay, creative commons CC0

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Aber dann tritt eine unheimliche Gestalt auf, von der wir bisher noch gar nichts gehört haben: das Tier aus dem Abgrund. Nur kurz gab es schon in Kapitel 9 einen Hinweis darauf, dass im Untergrund der Welt ein Horror schlummert, der zum Glück noch irgendwie zurückgehalten wird. Aber jetzt kommt da etwas in Bewegung. Die beiden Propheten scheinen ein Monster geweckt zu haben. Es ist bisher noch nicht deutlich, worum es geht, aber wir haben doch schon einen Hinweis darauf, dass es alles in Wirklichkeit noch verzwickter und bedrohlicher ist, als es bisher schon aussah.

Die dunklen Mächte geben nicht auf

In dem Moment, wo die Stimme Gottes sich deutlich meldet, läuft auch der Widerstand dagegen zur Höchstform auf. Wenn die Herrschaft der zerstörerischen Mächte über die Welt ernsthaft in Frage gestellt wird, dann wehren sie sich mit aller Kraft dagegen. Dann werden sie richtig brutal.

Wir müssen nur mal zurückdenken an den arabischen Frühling von 2011. Die Macht der ganzen Potentaten und ihrer Terrorregimes war ernsthaft in Frage gestellt. Die Menschen erlebten Befreiung von der jahrhundertealten Unterdrückung. Staat und Familie hatten sie klein gehalten, aber jetzt merkten sie auch über das Internet, wie viele es waren, die das nicht mehr wollten. Ein paar Monate lang konnte man sich vorstellen, wie rund um das Mittelmeer neue blühende Länder entstehen könnten, demokratisch, solidarisch und fantasievoll. Eine neue, bessere Welt schien dort greifbar nahe. Aber genau diese Möglichkeit hat alle die auf den Plan gerufen, die dabei ihre Macht verloren hätten, und die Demokratiebewegungen sind kaputt gemacht worden im Zusammenspiel von modernen Islamisten und alten Machthabern. Und der Westen hat beinahe nichts getan, um sie zu unterstützen. In Syrien sehen wir wie in einem Vergrößerungsglas die ganze Grausamkeit, die im Untergrund der Welt verborgen ist, und die geweckt wird, sobald ihre Macht ernsthaft in Frage gestellt wird.

Auch diese beiden Prophetengestalten sind also keine historischen Figuren, die man in einer Zeittafel fixieren könnte, sondern sie verkörpern die Christenheit in ihrer prophetischen Rolle, sie stehen für den prophetischen Impuls, der aus Israel kommt und sich durch Jesus und seine Nachfolger weltweit ausgebreitet hat.

Das Böse demaskiert sich

Dieser prophetische Impuls ist nicht tot zu kriegen, aber er sorgt dafür, dass das Böse immer böser wird. Es verliert immer mehr seine glänzende Maske und wird bis zur Kenntlichkeit verändert. Es fühlt sich zu Recht herausgefordert von der Stimme Gottes, die durch den Mund von Menschen hindurch die Macht der Herrscher in Frage stellt. Es zeigt sich in seiner wahren Gestalt, als Monster, es schlägt zurück, und es hat Erfolg: am Ende sind die beiden Zeugen tot. Die Stimme der Prophetie scheint verstummt, die Demokratiebewegung ist zerschlagen, Dietrich Bonhoeffer – auch einer, der solch einen prophetischen Auftrag wahrgenommen hat –, wurde umgebracht, vor 70 Jahren, in den letzten Wochen des 2. Weltkriegs.

Der Ort, wo das geschieht, wird Sodom genannt, und Ägypten, und dort, heißt es, ist auch Jesus gekreuzigt worden – also Jerusalem. Aber Johannes sagt selbst, dass man das symbolisch verstehen muss. Gemeint ist kein Ort, den man auf einer Landkarte finden könnte, sondern die universale Hauptstadt der Gewalt und der Unterdrückung. Damals war das konkret Rom, aber das ändert sich immer wieder.

Prophetie nervt die Leute

Das Böse scheint gesiegt zu haben, und alle Leute freuen sich, dass sie nicht mehr die prophetische Stimme hören müssen, die so viel Unruhe in die Welt gebracht hat, und die sie immer wieder daran erinnert hat, dass da noch Leichen im Keller sind, Leid und Unheil und Bedrohung im Untergrund der Welt. Wer will das schon hören! Der Gott Israels und Vater Jesu Christi ist ein Fremdkörper in der Welt, die er geschaffen hat, und seine Leute stören nur.

Prophetie macht sich genau so beliebt, wie der Arzt, der beharrlich sagt: sie sollten aufhören zu rauchen! Das tut Ihnen nicht gut! Mein Zahnarzt sagte mir vorgestern noch: ich muss Sie jetzt ein bisschen quälen, und er fügte hinzu: ich wundere mich darüber, dass mir noch keiner irgendwo aufgelauert hat, um sich an mir zu rächen. Ich konnte gerade nicht reden, der Mund war voller Geräte, sonst hätte ich ihm versichert, dass er vor mir keine Angst haben muss. Aber es ist nun mal so, dass Menschen manchmal wütender auf den sind, der das Problem beim Namen nennt und sagt: da müsst ihr euch drum kümmern!, als auf den, der das Problem verursacht.

Und deswegen feiern die Leute ein Freudenfest, als sie endlich die Stimme der Propheten nicht mehr hören müssen. Endlich ist Ruhe! Endlich sind sie nicht mehr mit diesem Konflikt konfrontiert. Und das erinnert daran, wie die Leute in Jerusalem bei Jesu Hinrichtung froh waren, dass dieser Störenfried sie jetzt endlich nicht mehr belästigt.

Ein unerwartetes Ergebnis

Aber wie bei Jesu Tod dauert die Freude nicht lange. Jesus ist nach drei Tagen auferstanden, die Propheten brauchen dreieinhalb Tage dafür. Dann holt Gott sie ins Leben zurück und bestätigt ihre Worte, indem er sie in den Himmel heraufholt. Das erschüttert die Erde, ein Zehntel der Unrechtshauptstadt stürzt ein (immerhin nur ein Zehntel – bei den früheren Katastrophen wurde meistens ein Drittel der Menschen getötet), aber dann geschieht das eigentliche Wunder: die Menschen wenden sich Gott zu. Das ist neu. Das haben wir in allen Kapiteln vorher nicht gehört. Was die ganzen Plagen und Katastrophen nicht geschafft haben, das geschieht hier durch Leben und Tod christlicher Märtyrer: das Böse wird in seiner ganzen Bosheit erkennbar, und die Menschen wenden sich in großer Zahl Gott zu.

Auch da wissen wir aus der Geschichte, dass Menschen oft gerade dadurch für den Glauben gewonnen worden sind, dass sie die öffentliche Hinrichtung christlicher Märtyrer im Stadion gesehen haben, beeindruckt waren von der Haltung, mit der die in den Tod gingen, und dann abgestoßen waren von der ganzen Grausamkeit des Imperiums.

Was in den ganzen Kapiteln vorher nicht passiert ist, das geschieht jetzt durch die Geduld und das Leiden der vielen Menschen, die in ihrem Leben, aber auch in ihrem Sterben Gott treu geblieben sind. Zur Zeit von Elia sind es nur 7000 Leute gewesen, die nicht den Götzen Baal angebetet hatten. Hier sind es nur 7000, die umkommen – die anderen werden gerettet. Da hat sich etwas gedreht.

Wir bekommen eine erste Antwort auf die Frage, wie Gott seine Welt zurück gewinnen wird. Die Gemeinde Jesu spielt da eine wichtigere Rolle, als bisher sichtbar geworden ist. Aber auch von dem Tier werden wir noch hören. Wir sind noch nicht am Ziel, und in der zweiten Hälfte der Offenbarung gibt es noch einige Überraschungen.

Mrz 012015
 

Predigt am 1. März 2015 zu Offenbarung 10,1-11 (Predigtreihe Offenbarung 17)

1 Und ich sah: Ein anderer gewaltiger Engel kam aus dem Himmel herab; er war von einer Wolke umhüllt und der Regenbogen stand über seinem Haupt. Sein Gesicht war wie die Sonne und seine Beine waren wie Feuersäulen. 2 In der Hand hielt er ein kleines, aufgeschlagenes Buch. Er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer, den linken auf das Land 3 und rief laut, so wie ein Löwe brüllt. Nachdem er gerufen hatte, erhoben die sieben Donner ihre Stimme. 4 Als die sieben Donner gesprochen hatten, wollte ich es aufschreiben. Da hörte ich eine Stimme vom Himmel her rufen: Halte geheim, was die sieben Donner gesprochen haben; schreib es nicht auf!
5 Und der Engel, den ich auf dem Meer und auf dem Land stehen sah, erhob seine rechte Hand zum Himmel. 6 Er schwor bei dem, der in alle Ewigkeit lebt, der den Himmel geschaffen hat und was darin ist, die Erde und was darauf ist und das Meer und was darin ist: Es wird keine Zeit mehr bleiben, 7 denn in den Tagen, wenn der siebte Engel seine Stimme erhebt und seine Posaune bläst, wird auch das Geheimnis Gottes vollendet sein; so hatte er es seinen Knechten, den Propheten, verkündet.
8 Und die Stimme aus dem Himmel, die ich gehört hatte, sprach noch einmal zu mir: Geh, nimm das Buch, das der Engel, der auf dem Meer und auf dem Land steht, aufgeschlagen in der Hand hält. 9 Und ich ging zu dem Engel und bat ihn, mir das kleine Buch zu geben. Er sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig. 10 Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es. In meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte, wurde mein Magen bitter.
11 Und mir wurde gesagt: Du musst noch einmal weissagen über viele Völker und Nationen mit ihren Sprachen und Königen.

 Bild: Tentes  via pixabay, creative commons CC0

Bild: Tentes via pixabay, creative commons CC0

Während alles gespannt wartet, was denn nun bei der siebten Posaune der Offenbarung geschehen wird, kommt erst einmal wieder: eine Unterbrechung. So wie im 7. Kapitel, als es eine Pause bei den Katastrophen gab, weil erst noch das Volk Gottes vorbereitet werden musste. Und als anschließend in Kapitel 8 das siebte Siegel am geheimen Buch mit dem Plan Gottes geöffnet wurde, kam immer noch nicht die Auflösung, sondern das war der Start für die Reihe der sieben Posaunen. Und gleichzeitig kamen die Gebete von Gottes Volk ins Spiel, d.h. der Beitrag, den Gottes Leute auf der Erde leisten. Es ist kompliziert.

Schon wieder eine Unterbrechung

Diesmal ist es ganz ähnlich: Gerade eben haben nach der sechsten Posaune todbringende Heere die Menschheit überrollt, und man denkt: was wird erst bei der siebten Posaune passieren? – da gibt es wieder eine Unterbrechung. Ein riesiger Engel steht auf Land und Meer. Man muss sich den mindestens so groß vorstellen wie diese Filmmonster, die ganze Städte verwüsten, King Kong oder Godzilla, eher noch größer, aber es ist kein Monster, sondern eine Lichtgestalt. Über dem Engel steht ein Regenbogen, das ist ja spontan erst einmal ein gutes Zeichen. Sein Gesicht leuchtet, das ist hier auf der Erde ein Zeichen, dass jemand vom Himmel kommt.

Wir sind jetzt nämlich nicht mehr im himmlischen Thronsaal, sondern auf der Erde. Die Offenbarung spielt parallel auf zwei Ebenen, im Himmel und auf der Erde. Und das Hauptproblem ist die Frage, wie die Kommunikation zwischen den beiden ganz verschiedenen Ebenen funktioniert.

Eine Story auf zwei Ebenen

Wir kennen das ja z.B. auch aus Star Trek, wenn die Enterprise ein Bodenkommando auf einen unübersichtlichen Planeten runter beamt, und dann sieht man parallel, wie sie unten mit Monstern oder anderen Fieslingen zu tun haben, und oben im Kommandoraum bangen sie mit, geben Informationen oder Anweisungen, und im entscheidenden Moment ist natürlich die Kommunikation gestört. Oder es gibt Meinungsverschiedenheiten zwischen oben und unten. Aber sie arbeiten gemeinsam an einem Problem, es geht oben und unten um dieselbe Sache, es ist die gleiche Story, nur es fühlt sich oben und unten jeweils ganz anders an.

So ist der Prophet Johannes jetzt wieder auf der Erde, da, wo ein Prophet hingehört. Er ist gemeinsam mit der ganzen Christenheit das Bodenkommando. Aber es geht immer noch um dieselbe Story, nur aus einer anderen Perspektive. Ein gewaltiger Engel steht auf Land und Meer, seine Beine sind Feuersäulen und erinnern damit an die Feuersäule, mit der Gott sein Volk aus Ägypten geführt hat. Feuersäulen, Regenbogen und ein sonnengleich leuchtendes Gesicht, das sind alles Zeichen von Gott selbst, dieser Engel muss also in sehr enger Verbindung zu Gott stehen. Er hat in seiner Hand ein Büchlein, eine kleine Schriftrolle, die der Prophet später aufessen wird, also stellt euch die etwa in der Größe einer chinesischen Frühlingsrolle vor. Es muss für so einen großen Engel nicht einfach sein, so eine winzige Rolle zu halten. Aber Engel können das.

Sehr laut, aber lückenhaft dokumentiert

Und dieser Engel redet so laut wie Löwengebrüll, und anschließend sprechen noch sieben Donner. Löwengebrüll war damals, als es noch keine Düsenjäger gab, das lauteste irdische Geräusch, und Donner ist das stärkste himmlische Geräusch. Aber den Inhalt darf Johannes nicht aufschreiben. Wahrscheinlich geht es da um Gottes Plan, um das, was im Himmel im Buch mit den sieben Siegeln geschrieben steht. Johannes bekommt es zu hören, aber er darf es nicht festhalten. Das muss auf Erden verborgen bleiben, mindestens vorerst.

Aber den Schluss dürfen wir hören: der Engel hebt seine Hand zu einem feierlichen, ausführlichen Schwur. Er ruft Gott zum Zeugen an – den, der alles erschaffen hat was im Himmel und auf Erden ist, der das Meer erschaffen hat und der nicht endendes Leben ist. So erinnert er daran: Gott ist stärker als alles Chaos, Gott kennt die Welt durch und durch, er hat sie ja erschaffen, er weiß genau, wie sie funktioniert, für ihn gibt es keine unerwarteten Überraschungen, und kein Geschöpf kann seinen Schöpfer überwinden.

Überraschend im Einsatz

Der Inhalt dieser feierlich beschworenen Versicherung ist: Gottes großer geheimer Plan erreicht sein Ziel. Er wird auf jeden Fall ausgeführt. Und dieser Moment steht kurz bevor. Der Höhepunkt ist schon fast erreicht. Wenn jetzt gleich die letzte Posaune ertönt, dann passiert es. Dann erfüllt Gott seine Verheißungen, die er durch alle Propheten gegeben hat.

Und man könnte denken: schön, dann setzen wir uns jetzt mal mit Johannes gemütlich vor den Fernseher und schauen zu, wie Gott das hinkriegt. Aber da gibt es eine Überraschung: Anscheinend hat Johannes keine Zeit für einen gemütlichen Fernsehabend, weil auf ihn ein Einsatz wartet. Er schaut sich nicht den neuesten Bond-Film an, sondern er ist Bond. Und so wie James Bond am Anfang immer mit einer Spezialausrüstung ausgestattet wird, so muss Johannes auch ausgerüstet werden. Und dazu muss er das kleine Buch aus der Hand des Riesenengels nehmen und essen.

Othello aufsagen oder Othello sein?

Das ist eine Erinnerung an den Propheten Hesekiel, der bei seiner Berufung auch eine Schriftrolle zu essen bekam. Ich hoffe, dieses Bild wenigstens ist klar: der Prophet muss Gottes Wort richtig in sich aufnehmen, er muss davon angefüllt und durchdrungen sein. Das Wort Gottes muss in ihn übergegangen sein. Das ist wie bei einem guten Schauspieler: der sagt nicht eine Rolle auf, wenn er den Othello spielt. Er ist Othello. Er hat sich so mit dieser Figur identifiziert, dass er weiß, wie Othello denkt, spricht, fühlt und handelt. Und ebenso weiß ein Prophet, wie Gott denkt, spricht, fühlt und handelt. Er sagt nicht Gottes Wort auf wie eine gelernte Rolle, sondern er ist Gottes Wort. So wie Jesus zu seinen Jüngern sagt (Lukas 10,16): wer euch hört, hört mich. Ihr seid so mit mir verbunden, dass ich in euch erkennbar werde.

Ein Anfänger wirft dauernd mit Bibelzitaten um sich, ein Prophet braucht das nicht, weil er Gottes lebendiges Wort in sich trägt. Er kann Bibelzitate benutzen, er kann sie abwandeln oder nur auf sie anspielen, er kann aber auch Neues sagen. So wie Johannes einmal an Hesekiel anknüpft und ein anderes Mal etwas Neues sagt.

Die Kurzfassung zum Gebrauch auf der Erde

Die Einschränkung dabei ist aber: das Buch, das Johannes in sich aufgenommen hat, ist ein kleines Buch. Es ist nicht das ganze Buch mit den sieben Siegeln, das gerade Jesus im Himmel geöffnet hat. Es ist ein gekürzter Auszug aus dem Original. Vielleicht hat Johannes ja von dem Engel und den sieben Donnern schon die ganze Story gehört, aber was er in sich aufgenommen hat und woraus er jetzt schöpft, das ist weniger. Im Himmel weiß man mehr als auf der Erde, auf der Erde können wir das ganze Bild nur andeutungsweise sehen. So wie sie im Kontrollraum der Enterprise normalerweise mehr wissen als das Landekommando unten auf dem Planeten.

Aber was Johannes in sich aufnimmt, das ist wie bei Hesekiel in seinem Mund süß. Es ist etwas wunderbar Beglückendes, wenn man Gottes Wahrheit in sich aufnimmt und merkt, wie sie sich mit dem eigenen Wesen verbindet. Aber weil der Inhalt so heftig ist, deswegen liegt die Botschaft Johannes gleichzeitig schwer im Magen.

Eine Berufungsszene

So zeigt sich dieses Kapitel eigentlich als eine Berufungsszene für den Propheten Johannes. So wie es auch bei Hesekiel, Jesaja, Jeremia und Amos Notizen darüber gibt, wie Gott sie zu ihrem Auftrag berufen hat. Der Unterschied ist, dass Johannes ja schon längst ein Prophet ist. Aber anscheinend wird ihm erst nach und nach enthüllt, was sein Auftrag ist. Die Offenbarung ist anscheinend nicht ein chronologischer Ablauf, wo eins nach dem anderen kommt, sondern es ist eher so, dass die Dinge sich nach und nach immer tiefer enthüllen.

Es geht um immer tiefere Schichten derselben Story. Sonst wäre es ja gar nicht zu verstehen, dass der große Engel ankündigt: jetzt steht die Vollendung von Gottes Plan kurz bevor, die Frist läuft ab. Aber wir haben doch erst knapp die Hälfte des ganzen Buches hinter uns! Wenn die Frist jetzt gleich zu Ende ist, wie will Johannes die restlichen Seiten füllen? Nein, ich kündige schon mal an: danach kommt ein weiterer vertiefter Durchgang durch die Story, es wird alles noch mal von einer neuen Perspektive aus angeschaut.

Die prophetische Rolle der Christenheit

Und das kann man auch sagen: Johannes (und mit ihm die Christenheit überhaupt) steht kein gemütlicher Fernsehabend bevor. Wir haben eine wichtige Rolle zu spielen. Wie in Kapitel 8 die Gebete von Gottes Volk die Handlung vorangetrieben haben, so ist es jetzt die Prophetie, die die weiteren Geschehnisse anstößt. Deswegen wird Johannes noch einmal ausdrücklich als Prophet ausgerüstet. Und deswegen endet das Kapitel mit der Ankündigung: Du musst ein weiteres Mal als Prophet reden. Dein Thema wird sein: Völker und Nationen, Sprachen und Könige. Heute würden wir vielleicht sagen: Volksgruppen und Nationen, Kulturen und Herrschaftssysteme. Oder, etwas kürzer: es wird politisch. Politisch-kulturell-global. Wahrscheinlich habt ihr schon die ganze Zeit gemerkt, dass ich die Offenbarung so auslege. Es hat sich bisher auch keiner darüber beschwert, ich hoffe, einfach deswegen, weil diese Art der Auslegung zur Offenbarung passt. Hier jedenfalls wird es noch einmal bestätigt, dass die Offenbarung so verstanden werden muss.

Makroebene und persönlicher Bereich

Wenn ihr euch aber erinnert, dann fängt die Offenbarung an mit sieben Briefen an kleine christliche Gemeinden, die scheinbar keine Rolle in der großen Politik spielen. Kaum einer kennt sie. Einige werden noch nicht mal gemobbt, so unauffällig sind sie. Ist das wichtig, ob die gut aufgestellt sind? Ja, gerade weil sie sie eine entscheidende Rolle spielen werden, ist es so wichtig, dass sie innerlich stark sind. Sie werden weltgeschichtliche Bedeutung haben, weil in ihnen die Wahrheit Gottes lebt. Das muss auf jeden Fall so bleiben. Nicht die Größe und Bekanntheit ist das Problem, sondern ob sie so sind, wie Jüngerinnen und Jünger Jesu leben sollen.

Erinnert ihr euch noch an die Piratenpartei? Sie haben ein ganz wichtiges Thema aufgegriffen, die Kommunikatuionsrevolution durch das Internet, sie haben ganz viel Richtiges gefordert, ich hab schon überlegt, ob ich sie wählen sollte, aber sie haben sich selbst zerlegt, weil zu viele Leute dabei waren, die menschlich unreif waren. Man könnte auch sagen: die christliche Restsubstanz war bei ihnen zu klein. Nicht Wählerstimmen und Reichweite sind oft das Problem, sondern ob eine Gruppe gut miteinander und mit anderen umgeht.

Wir spielen zu oft das Eine gegen das Andere aus: die kleine Welt persönlicher Reife und persönlicher Beziehungen und die große Welt der Politik. Wir sehen nur eine Seite von den beiden. Oder wir reduzieren die eine Seite auf die andere. Die Offenbarung bringt das beides zusammen. Sie ist politisch-kulturell-global gemeint und will gleichzeitig Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung formen und fördern, damit sie ihre politisch-kulturell-globale Rolle gut ausfüllen.

… und am Ende wieder ein Cliffhanger

Damit endet auch dieses Kapitel mit einem Doppelpunkt: folgendermaßen müsst ihr das weitere verstehen. Was das heißt? Im April geht es weiter. Bis dahin entlasse ich euch mit einem Cliffhanger.

Feb 082015
 

Predigt am 8. Februar 2015 zu Offenbarung 9,1-21 (Predigtreihe Offenbarung 16)

1 Der fünfte Engel blies seine Posaune. Da sah ich einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war; ihm wurde der Schlüssel zu dem Schacht gegeben, der in den Abgrund führt. 2 Und er öffnete den Schacht des Abgrunds. Da stieg Rauch aus dem Schacht auf, wie aus einem großen Ofen, und Sonne und Luft wurden verfinstert durch den Rauch aus dem Schacht.

Quelle: Bluesnap via pixabay, creative commons CC0

Bild: Bluesnap via pixabay, creative commons CC0

3 Aus dem Rauch kamen Heuschrecken über die Erde und ihnen wurde Kraft gegeben, wie sie Skorpione auf der Erde haben. 4 Es wurde ihnen gesagt, sie sollten dem Gras auf der Erde, den grünen Pflanzen und den Bäumen keinen Schaden zufügen, sondern nur den Menschen, die das Siegel Gottes nicht auf der Stirn haben.

5 Es wurde ihnen befohlen, die Menschen nicht zu töten, sondern nur zu quälen, fünf Monate lang. Und der Schmerz, den sie zufügen, ist so stark, wie wenn ein Skorpion einen Menschen sticht. 6 In jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen, aber nicht finden; sie werden sterben wollen, aber der Tod wird vor ihnen fliehen. 7 Und die Heuschrecken sehen aus wie Rosse, die zur Schlacht gerüstet sind; auf ihren Köpfen tragen sie etwas, das gold schimmernden Kränzen gleicht, und ihre Gesichter sind wie Gesichter von Menschen, 8 ihr Haar ist wie Frauenhaar, ihr Gebiss wie ein Löwengebiss,

Quelle: Defense-Imagery via pixabay, creative commons CC0

Quelle: Defense-Imagery
via pixabay, creative commons CC0

9 ihre Brust wie ein eiserner Panzer; das Rauschen ihrer Flügel ist wie das Dröhnen von Wagen, von vielen Pferden, die sich in die Schlacht stürzen. 10 Sie haben Schwänze und Stacheln wie Skorpione und in ihren Schwänzen ist die Kraft, mit der sie den Menschen schaden, fünf Monate lang. 11 Sie haben als König über sich den Engel des Abgrunds; er heißt auf hebräisch Abaddon, auf griechisch Apollyon. 12 Das erste «Wehe» ist vorüber. Noch zweimal wird das «Wehe» kommen.

13 Der sechste Engel blies seine Posaune: Da hörte ich eine Stimme, die von den vier Hörnern des goldenen Altars her kam, der vor Gott steht. 14 Die Stimme sagte zu dem sechsten Engel, der die Posaune hält: Binde die vier Engel los, die am großen Strom, am Eufrat, gefesselt sind. 15 Da wurden die vier Engel losgebunden, die auf Jahr und Monat, auf Tag und Stunde bereitstanden, um ein Drittel der Menschheit zu töten. 16 Und die Zahl der Reiter dieses Heeres war vieltausendmal tausend; diese Zahl hörte ich.

Quelle: Wikipedia

Quelle: Wikipedia

17 Und so sahen die Pferde und die Reiter in der Vision aus: Sie trugen feuerrote, rauchblaue und schwefelgelbe Panzer. Die Köpfe der Pferde glichen Löwenköpfen und aus ihren Mäulern schlug Feuer, Rauch und Schwefel. 18 Ein Drittel der Menschen wurde durch diese drei Plagen getötet, durch Feuer, Rauch und Schwefel, die aus ihren Mäulern hervorkamen. 19 Denn die tödliche Macht der Pferde war in ihren Mäulern und in ihren Schwänzen. Ihre Schwänze glichen Schlangen, die Köpfe haben, mit denen sie Schaden zufügen können.

20 Aber die übrigen Menschen, die nicht durch diese Plagen umgekommen waren, wandten sich nicht ab von den Machwerken ihrer Hände: Sie hörten nicht auf, sich niederzuwerfen vor ihren Dämonen, vor ihren Götzen aus Gold, Silber, Erz, Stein und Holz, den Götzen, die weder sehen, noch hören, noch gehen können. 21 Sie ließen nicht ab von Mord und Zauberei, von Unzucht und Diebstahl.

Warum bekommen wir dieses Alptraum-Szenario zu hören? Was soll es uns sagen? Worauf weisen indirekt auch all die anderen, ähnlichen Horrorgeschichten hin, die im Film oder in der Literatur im Umlauf sind? Warum sehen Menschen sich Horrorfilme an, in denen die Menschheit ausgerottet wird, durch Aliens, durch Zombies, durch Killerviren, durch Drachen oder Kampfroboter? Was bewegt uns dazu, solche Geschichten zu erfinden, zu erzählen oder ihnen zuzuhören?

Die Schlüsselszene: der geöffnete Abgrund

Am Anfang des Kapitels steht die »Schlüsselszene« im wahrsten Sinne des Wortes: ein Stern fällt vom Himmel, er bekommt den Schlüssel zum Abgrund und schließt ihn auf. Das ist einer der Verse, wo man deutlich merkt, dass es moderne Humorlosigkeit ist, solche Bilder wörtlich zu nehmen. Auch in der Zeit von Johannes wäre es eine absurde Vorstellung gewesen, dass ein Himmelskörper mit einem Schlüssel ein Tor aufschließt. Sterne stehen für himmlische Mächte. Sie sind die Super-Stars der Antike, und das Motiv, dass ein Engel aus dem Himmel verbannt wird und dann auf der Erde Unheil anrichtet, das begegnet einem in der Bibel auch an anderen Stellen. Aber das nur nebenbei.

In diesem Kapitel wird zweimal davon erzählt, wie Mächte der Zerstörung losgelassen werden, die vorher daran gehindert waren, ihre volle Unheilsmacht zu entfalten. Da ist einmal der Abgrund, aus dem eine Rauchwolke voller Kampfheuschrecken mit Skorpionenstacheln quillt. Skorpionenstiche tun extrem weh, und es ist eine Horrorvorstellung, von solchen fliegenden Skorpionen angegriffen zu werden. Stellt euch vor, Mückenstiche wären nicht nur lästig, sondern würden schreckliche Schmerzen verursachen, und dann würden wir in riesige Mückenschwärme hineingeraten. Am Ende sind die Schmerzen so schlimm, dass Menschen lieber sterben würden, aber sie können es nicht. Als ob Menschen gefoltert werden und ihre Peiniger achten gut darauf, dass sie sich ihnen nicht durch den Tod entziehen können. Das ist ein Alptraum, der nackte Horror.

Ein schwarzes Loch in der Welt

Und dann die vier Engel am Euphrat, die ein riesiges Reiterheer losschicken, das über Dörfer und Städte herfällt und Menschen abschlachtet. Der Euphrat war damals die Grenze zwischen dem Mittelmeerraum und dem Reich der Parther. Die Parther waren für das römische Imperium die Bedrohung aus dem Osten, die brutalen Barbaren, die schon ganze römische Heere einschließlich der Feldherren gnadenlos niedergemetzelt hatten. Die Parther waren es übrigens auch, die die Todesstrafe durch Kreuzigung erfunden haben. Die Römer haben sie nie besiegen können. Die Vorstellung, dass todbringende Kampfreiter aus dem Osten die Zivilisation überfluten könnten, war damals auch so ein Alptraum, so als ob uns heute der »Islamische Staat« mit einer unerschöpflichen Flut modernster Panzer überrollen würde und verbrannte Erde hinterlässt.

Und Johannes sagt mit seinen Bildern: dieser Horror schlummert im Untergrund der Welt. Noch werden wir verschont, noch ist das Tor verschlossen, noch sind die Barbaren blockiert, aber seid ihr sicher, dass das immer so bleiben wird? Seht der Realität ins Auge, dass in der Welt so etwas wie ein schwarzes Loch klafft, in dem das Grauen wohnt, eure schlimmsten Alpträume.

Die Hölle auf Erden?

Johannes wird in der Offenbarung noch davon sprechen, dass das Ziel Gottes die Hochzeit von Himmel und Erde ist, dass Gott unter den Menschen wohnen will und seine Herrlichkeit die Welt erfüllen soll. Aber wir dürfen nicht denken, dass das eine Selbstverständlichkeit ist. Es gibt noch eine ganz andere Möglichkeit: die Hochzeit von Hölle und Erde. Es könnte auch so sein, dass am Ende nicht Gottes Herrlichkeit die Erde erfüllt, sondern das endlose Grauen. Es gibt Plätze auf der Welt, wo man schon ahnen kann, wie so etwas aussehen würde: Nordkorea. Guantanamo. Auschwitz. Der Kongo unter belgischer Herrschaft im 19. Jahrhundert. Das sind nur ein paar Beispiele – uns würden bestimmt noch mehr Namen einfallen.

Wir sollten uns nicht so sicher sein, dass das nur die Relikte einer dunklen Vergangenheit sind. Es könnten genauso gut auch die Vorboten der Zukunft sein. Johannes macht zwar deutlich, dass Gott sich von diesem Dunkel letztlich nicht an die Wand drücken lässt, aber wenn wir diese dunkle Bedrohung einfach ausblenden, dann machen wir uns etwas vor. Wir reden hier nicht über Geschmacksfragen, wir reden nicht über private Vorlieben, mit denen es jeder so halten soll, wie er möchte. Wir reden über eine sehr reale Bedrohung im Untergrund der Welt, die nicht wir bisher in Schach gehalten haben, sondern Gott.

Ein feindseliges Potential

Menschen haben dafür gesorgt, dass sich die ungelösten Probleme immer höher häufen, dass immer mehr Waffen durch die Welt vagabundieren, dass immer mehr Söldner und Landsknechte und Warlords vom Krieg leben und nichts anderes mehr kennen. Menschen sorgen dafür, dass sich im Untergrund der Welt immer mehr Wut und Hass und primitive Lust an der Macht ansammeln. Wer sich heute öffentlich so exponiert, dass er irgendeiner Gruppe quer kommt, der kriegt ganz schnell einen Haufen Drohbriefe und Hassmails. Besonders, wenn er auch noch einen ausländisch klingenden Namen hat und/oder eine Frau ist. Auch unter der zivilisierten Oberfläche brütet ein schlimmes Potential an Feindseligkeit. Es wird im Augenblick von unserem Rechtsstaat und seinen Institutionen meistens in Schach gehalten, aber wehe, wenn das mal losgelassen werden sollte.

Man kann das natürlich alles verharmlosen und sagen: es wird schon nicht so schlimm kommen, weil ich mir das gar nicht vorstellen mag. Aber die Offenbarung möchte unserer Vorstellungskraft auf die Sprünge helfen. Es kann noch viel schlimmer kommen. Alpträume können wahr werden. Aber es muss nicht sein.

Wir haben vorhin in der Lesung (Markus 7,14-23) gehört, wie Jesus im Herzen von jedem Menschen so ein schwarzes Loch sieht, aus dem dunkle Gedanken aufsteigen, die dann Gestalt annehmen und zu Taten werden. Man könnte sagen, dass Johannes mit diesem Bild vom Schacht zum Abgrund das Gleiche für die Gesamtheit der Welt sagt: auch da gibt es ein dunkles Geheimnis, das fortwährend alle möglichen Arten von Zerstörung und Verderben produziert.

Heilsames Erschrecken

Aber wenn dieser Abgrund im Herzen der Menschen und im Herzen der Welt überwunden werden soll, dann muss er sich erst in seiner ganzen Abscheulichkeit zeigen. Wir kennen das doch, dass Menschen manchmal erst sich oder anderen schlimme Dinge antun müssen, bis sie realisieren, was sie angerichtet haben und dann endlich über sich selbst erschrecken. Manchmal dringt das erst vor Gericht zu einem durch, manchmal auch erst nach Jahren im Gefängnis: ich habe Menschenleben ausgelöscht, einfach so, und warum? Heute weiß ich noch nicht mal mehr, warum! Für nichts! Was war da in mir, das mich getrieben hat?

Und das geht auch ganzen Völkern so, dass in ihnen erst Entsetzliches geschehen muss, bevor sie zur Besinnung kommen. Deutschland hat zwei verlorene Weltkriege gebraucht, bis es sich von Militarismus und Nationalismus und Gefühllosigkeit einigermaßen befreit hat – hoffen wir, dass es dabei bleibt.

Die Option der Verhärtung

Aber das ist kein Automatismus. Menschen werden von Katastrophen aller Art nicht in jedem Fall näher zu Gott und zur Umkehr gebracht. Sie können sich auch noch mehr verhärten, und dann werden irgendwann die Kreaturen des Abgrunds losgelassen. Denken Sie an das Waffenarsenal in privater Hand in den USA: jedes Mal, wenn da wieder ein gekränkter Looser in einer Schule ein Blutbad angerichtet hat, werden mehr Waffen gekauft, nicht weniger. Es ist wie mit dem ägyptischen Pharao, der trotz aller Plagen nicht umkehrte und Israel in die Freiheit ziehen ließ. Sie lernen es nicht. Was muss denn noch alles passieren?

Gott hört manchmal damit auf, sich den Ausgeburten des Abgrunds entgegen zu stellen, damit Menschen realisieren, was auf dem Spiel steht. Wir sind nämlich nicht im Kino, sondern in der wirklichen Welt. Im Unterschied zu einem Horrorfilm will die Offenbarung uns nicht ein wohliges Gruseln und 90 Minuten Nervenkitzel bescheren, sondern wenigstens wir sollen aufgerüttelt werden. Kirche ist kein Kaffeekränzchen für Leute, die sich irgendwie die Zeit vertreiben müssen. In der Gemeinde Jesu geht es um Weichenstellungen für die Zukunft der Welt, es geht darum, die Seele der Menschheit zu retten. Und daran werden wir durch so ein Kopfkino voll dunkler Bedrohungen erinnert.

Wir sind zwar irgendwie geschützt vor den schlimmsten Bedrohungen. Wir werden hier an das Siegel, das Zeichen, erinnert, das diejenigen tragen, die zu Gottes Volk gehören. Denen sollen die Kampfheuschrecken nichts tun: immer wieder Hinweise darauf, dass das Chaos Gott nicht an die Wand spielen kann, dass es den Krieg nicht gewinnen wird. Aber das heißt nicht, dass wir denken sollen, das alles ginge uns nichts an, weil es nur die anderen trifft.

Die Rolle der Gemeinde Jesu

Vor ein paar Tagen telefonierte ich mit jemandem, die im Siegerland in der Kirche engagiert ist. Das Siegerland ist altes Erweckungsgebiet, wo es früher mal einen großen christlichen Aufbruch gegeben hat. Aber das ist jetzt auch schon ziemlich lange her. Und sie erzählte mir, wie im Augenblick da Gemeinden wieder aufwachen, weil sie anfangen, sich um Flüchtlinge zu kümmern. Und da gibt es so Geschichten wie diese: in einem kleinen Dorf wurde eine Flüchtlingsfamilie untergebracht, und dann wurden Paten gesucht, die sich etwas um die Familie kümmern. Und in diesem winzigen Ort, der noch nicht mal eine eigene Kirche hat, haben sich 20 Familien gemeldet. Gemeinden kommen in Bewegung, weil sie nicht mehr nur für sich selbst leben, sondern ihre Aufgabe entdecken, für die sie da sind. Und das ist im Augenblick in Deutschland zum Glück kein Einzelfall.

Wie ist das gekommen? Menschen haben das Dunkel in unserer Welt wahrgenommen, das Dunkel in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, aber auch das Dunkel der Ablehnung, das es in unserem Land gibt. Und sie haben sich herausfordern lassen, dagegen die Solidarität Jesu mit den geringsten Brüdern und Schwestern zu setzen. Sie haben sich herausfordern lassen, auf die Liebe Jesu zu setzen.

Kein automatischer Countdown

Wenn Gott uns daran erinnert, was im Untergrund der Welt lauert, dann will er uns daran erinnern, dass wir die Leute sind, die sich dem entgegenstellen. Jedenfalls sollen wir die sein. Die Offenbarung ist nicht gemeint als unerbittlich ablaufender Countdown zum Weltuntergang. Selbst die vier Engel am Euphrat sind zwar für einen bestimmten Moment vorbereitet, aber das heißt nicht, dass sie wirklich unter allen Umständen losgelassen werden müssten. Die 10 ägyptischen Plagen wären ja auch eher zu Ende gewesen, wenn der Pharao vorher eingelenkt hätte. Gott ist flexibel, er reagiert auf Menschen, er zieht nicht einen festgelegten Plan durch, ohne nach rechts und links zu schauen. Wenn Menschen umkehren, antwortet Gott darauf.

Raum für Umkehr

Johannes sieht aber, was passieren wird, wenn Menschen sich immer tiefer in ihre Sackgassen verrennen. Dass Gott ihm das zeigt, gehört gerade zu Gottes Versuchen, Menschen aus Sackgassen herauszuholen. Wenn wir daraus ein System machen und glauben, wir könnten Gottes Planungen berechnen, liegen wir schief. Aber wenn wir das als Ruf zur Umkehr sehen und als Anstoß, uns dem Dunkel da entgegen zu stellen, wo es uns begegnet, dann ist die Botschaft angekommen.

Ob wir als Gemeinde Jesu unsere Aufgabe gut erfüllen, oder ob wir lieber Kaffeekränzchen halten, davon hängt für den Lauf der Welt viel mehr ab, als wir glauben.

Nov 102014
 

Predigt am 2. November 2014 zu Offenbarung 6,9-17 (Predigtreihe Offenbarung 13)

9 Nun öffnete das Lamm das fünfte Siegel. Da sah ich am Fuß des Altars die Seelen derer, die umgebracht worden waren, weil sie an Gottes Wort festgehalten und sich zur Botschaft von Jesus bekannt hatten. 10 Mit lauter Stimme riefen sie: »Du heiliger und gerechter Herrscher! Wie lange dauert es noch, bis du über die Bewohner der Erde Gericht hältst und sie dafür zur Rechenschaft ziehst, dass unser Blut an ihren Händen klebt?« 11 Daraufhin erhielt jeder von ihnen ein weißes Gewand, und es wurde ihnen gesagt, sie sollten noch eine kurze Zeit Geduld haben. Ihre Zahl sei noch nicht vollständig; denn auch unter ihren Geschwistern, die wie sie Gott dienten, gebe es noch solche, denen es bestimmt sei, dasselbe Schicksal zu erleiden und für ihren Glauben zu sterben.
12 Nun sah ich, wie das Lamm das sechste Siegel öffnete. Ein heftiges Beben erschütterte die Erde, die Sonne wurde schwarz wie ein Trauerkleid, der Mond verfärbte sich vollständig und wurde rot wie Blut, 13 und die Sterne fielen auf die Erde wie Feigen, die der Herbststurm vom Baum schüttelt. 14 Der Himmel verschwand, als wäre er eine Pergamentrolle, die man zusammenrollt, und kein Berg und keine Insel blieben an ihrem Platz.
15 Die Könige der Erde, die hohen Beamten und die Generäle, die Reichen und die Mächtigen, aber auch alle anderen Menschen – Sklaven genauso wie Freie – flüchteten ins Gebirge und versteckten sich dort in Höhlen und Fels­spalten. 16 Sie flehten die Berge und Felsen an: »Fallt doch auf uns, und verbergt uns vor den Blicken dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! 17 Denn jetzt ist er da, der furchtbare Tag, an dem ihr Zorn über uns hereinbricht. Wer kann da noch beste­hen?«

Für solche Bilder ist die Offenbarung berühmt oder auch berüchtigt. Da geht alles drunter und drüber, und man versteht nicht, warum. Als Film oder als Computerspiel würde das ja noch durchgehen, aber nicht als Teil der Bibel. Da regen sich die einen auf und manche gruselt es nur noch.

Aber wenn man sich das im Einzelnen anschaut, dann fragt man sich: wie kann das funktionieren – erst bleibt kein Berg an seinem Platz, aber dann verstecken sich die Menschen doch wieder in den Höhlen der Berge. Und wenn vorher beschrieben wird, dass die Sterne vom Himmel fallen und der Himmel selbst verschwindet, dann müsste es eigentlich um das Ende des Universums aus Raum, Zeit und Materie gehen, und dann fragt man sich, wieso danach überhaupt noch Menschen übrig sind, die sich verstecken können. Mal ganz abgesehen von der Frage, ob Menschen selbst in der größten Not wohl auf die Idee kommen würden, mit einem Berg zu sprechen und ihm zu sagen: fall über mich und schütze mich!

Biblische Bilder verstehen

In diese Verlegenheiten kommen wir mit unserer humorlosen modernen Art, mit diesen Bildern umzugehen. Wir sind so naturwissenschaftlich geprägt, dass wir selbst solche Texte selbstverständlich als Tatsachenberichte lesen und nicht als Bilder. Ich kann mich erinnern, als Kind habe ich sogar das Märchen von Schneewittchen daraufhin durchdacht, ob das wohl wirklich so passiert ist, und wäre ich zu der Gewissheit gekommen, dass das keinerlei historischen Kern hat, dann wäre die Geschichte für mich erledigt gewesen. Zum Glück war ich mir damals in dieser Frage nicht ganz sicher, so dass die Brüder Grimm noch eine Chance bekamen.

Ein Mensch im Altertum hätte das nicht so gemacht, sondern er hätte natürlich verstanden, dass Märchen Märchen sind und Bilder wie in der Offenbarung eben Bilder. Es gibt in der Bibel viele Passagen, die historisch gemeint sind, und es gibt andere, die mit Bildern arbeiten, die nicht historisch gemeint sind, aber trotzdem Wahrheit sind, und die Menschen konnten das auseinander halten. Nur wir neuzeitlichen Menschen sind so faktenfixiert, dass wir denken, Schneewittchen macht nur Sinn, wenn wir es als historische Quelle über das späte Mittelalter lesen.

Welterschütternd im bildlichen Sinn

Reed10TageDie Bilder der Offenbarung reden tatsächlich von welterschütternden Ereignissen, aber in dem Sinn, wie es ein bekanntes Buch über die russische Oktoberrevolution gibt, das den Titel trägt: »10 Tage, die die Welt erschütterten«. Es geht um solche welterschütternden Dinge wie die Zerstörung des World Trade Centers in New York am 11. September 2001, oder den Fall der Berliner Mauer, oder die Schüsse von Sarajewo, die zum ersten Weltkrieg führten, oder eben die russische Oktoberrevolution.

Würden wir immer an Erdbeben denken, wenn wir von »welterschütternden Ereignissen« hören, dann würden wir es ungefähr so machen wie der Peter Schmidt aus Gadenstedt (Sie wissen doch, der die Bücher darüber geschrieben hat, wie er als Autist die Welt erlebt), dem jemand mal gesagt hat, er müsse sich in der Schule »durchbeißen«. Und dann hat er tatsächlich immer seine Mitschüler gebissen, wenn es Probleme gab, weil er als Autist einfach nicht in der Lage war, das Bild vom »Durchbeißen« zu verstehen.

Also verstehen wir die Bilder der Offenbarung nicht wie neuzeitliche Autisten, sondern verstehen wir sie als die Bilder, die sie sind! Bilder, die wahr sind, aber nicht in unserem neuzeitlichen Sinn historisch. Erst wenn wir diesen Unterschied verstehen, müssen wir auch nicht mehr darüber nachdenken, wie ein Lamm es mit seinen Hufen schaffen soll, eine Buchrolle zu nehmen und fein säuberlich sieben Siegel eins nach dem anderen zu öffnen.

Bilder, um über das Unvorstellbare zu reden

Denn das ist ja immer noch die Rahmenerzählung: Jesus, das Lamm Gottes, hat die versiegelte Schriftrolle mit dem geheimen Plan Gottes zur Rettung der Welt bekommen, und jetzt öffnet er die Siegel der Rolle, und die Folge sind welterschütternde Ereignisse. Das letzte Mal hörten wir von den vier apokalyptischen Reitern der Offenbarung: dem Eroberer, dem Krieg, dem Mangel an Lebensmitteln, der Seuche. Das ist erschreckend realistisch, wenn man sich die Welt heute anschaut. Wenn Gottes Plan zur Ausführung kommt, dann wird es nicht langsam immer besser, sondern dann ruft das Widerstände und Konflikte hervor, so wie es auch auf der individuellen Ebene zu dramatischen Entwicklungen kommen kann, wenn ein Mensch in einer Therapie den Kampf mit seiner Vergangenheit oder einer Sucht aufnimmt.

Anders als in solchen Bildern konnte man das damals ja überhaupt nicht kommunizieren. Wie hätte man Jesusnachfolgern des 1. Jahrhunderts nach Christus eine Vorstellung davon geben können, was aus dem Impuls, den sie in die Weltgeschichte bringen, noch alles werden würde? Unsere ganze moderne Welt mit all ihren Schrecken und Segnungen wäre ohne diesen urchristlichen Impuls nicht denkbar. Aber wie hätte man Weltraumfahrt und Atombombe, moderne Medizin und Computer, Flugzeuge und U-Bahnen und noch viel mehr einem Menschen von damals auch nur annähernd begreiflich machen können? Und wahrscheinlich wäre es noch schwerer, uns heute eine Vorstellung davon zu geben, wie die Welt vielleicht in 2000 Jahren aussieht, selbst wenn ein Zeitreisender aus der Zukunft zu uns käme. Man kann davon nur in Bildern reden.

Der Beitrag der Märtyrer zur Dynamik der neuen Welt

Jetzt, beim fünften Siegel, ändert sich das Bild. Dort im himmlischen Thronsaal gibt es anscheinend auch einen Altar, wörtlich »der Ort, wo geopfert wird«, und von dort aus melden sich die Märtyrer: diejenigen, die getötet worden sind, weil sie am Wort Gottes festgehalten und seine Wahrheit nicht aufgegeben haben.

Da wird sichtbar, dass dieser Plan Gottes nicht umsonst zu haben ist. Es muss ein Preis dafür bezahlt werden. Jesus selbst ist getötet worden, und genauso trifft auch einige seiner Nachfolger dieses Schicksal. Hier hören wir zum ersten Mal etwas davon, dass es die Standhaftigkeit der Jesusnachfolger ist, die ganz wesentlich dazu beiträgt, dass sich die Dynamik entfaltet, von der die Offenbarung redet. Jesus Christus ist das Wort Gottes, und mit diesem Wort bewegt Gott die Welt, aber ein Wort muss Gestalt annehmen, es muss in Menschen lebendig werden, sonst hört es keiner, und es bewegt nichts.

Zu Gottes Plan für seine Welt gehören also ganz wesentlich Menschen, in denen Jesus Gestalt annimmt, durch die er vernehmbar wird. Ihre Standhaftigkeit bedeutet, dass sie sich nicht vom Wort Gottes, also von Jesus, trennen lassen, sondern auch unter Druck und Bedrohung fortfahren, Jesus zu verkörpern.

Um diese Passage gut zu verstehen, müssen wir uns zuerst klar machen, dass die Christen damals eine winzige Minderheit in der Gesellschaft waren. Manche Leute stellen sich ja schon die frühe Kirche wie die späte katholische Kirche vor: mit Papst, Bischöfen, prunkvollen Prozessionen usw. Nichts könnte falscher sein. Das waren kleine Gruppen in oft großen Städten, die in einer soziologischen Analyse ihrer Stadt gar nicht aufgetaucht wären, weil sie so klein waren und durch alle Raster durchgefallen wären.

Die Wirkung einer unscheinbaren Minderheit

In der Johannesoffenbarung wird diesen kleinen Gruppen gesagt: ihr seid der Spalt in der Tür, durch den Gott in die Welt kommt, der Angelpunkt der Weltgeschichte. Durch euch bringt Gott seinen Plan zur Ausführung. Ihr seid nur wenige, aber weil in euch Jesus Gestalt annimmt, bringt ihr paar Leute die Dynamik in Gang, die in diesen dramatischen Bildern beschrieben wird. Und ihr habt dabei praktisch den ganzen Rest der Menschheit gegen euch.

Die Märtyrer am Altar haben ja unter den Bewohnern der Erde gelitten. Unter allen. Und beim sechsten Siegel wird zwar ausführlich von den Königen und Mächtigen und Großen gesprochen, über die das Gericht kommt und die sich in den Felsklüften verstecken, die Anführer stehen schon im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sie sind die Akteure, aber am Ende hören wir auch noch kurz von den einfachen Leuten, seien es Freie oder Sklaven. Das heißt, eigentlich sind es natürlich die Könige und Herren, die handeln und zur Rechenschaft gezogen werden, aber die einfachen Leute laufen ihnen hinterher.

Bis dahin unbekannte Freiheit von den Mächten

So haben es die Christen ja erlebt: verfolgt wurden sie in der Regel von den Machthabern, aber wenn sie dann im Zirkus den wilden Tieren ausgeliefert wurden, saßen die anderen, die einfachen Leute, auch dabei und klatschten. Die hatten gar nicht geistigen Mittel, um sich von ihren Oberhäuptern abzugrenzen und zu sagen: zu so etwas Grausamen gehe ich nicht hin. Erst mit dem Christentum bekamen Menschen überhaupt den Rückhalt, sich von ihren Chefs und Leitfiguren abzugrenzen. Im Judentum war das vorbereitet, da sind die Könige oft von den Propheten im Namen Gottes kritisiert worden, und dann haben die Christen diese Haltung in die ganze Welt getragen. Das war damals etwas wirklich Neues.

Für uns scheint das heute nichts Besonders zu sein, dass man sich kritische Gedanken über die Machthaber macht, aber das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Wir sind in diesem Jahr ja öfter an die Kriegsbegeisterung am Anfang des ersten Weltkrieges erinnert worden. Das ist noch gar nicht lange her. Um sich so einem Sog zu entziehen, reicht es nicht, irgendwie kritisch zu sein. Man muss schon woanders fest verankert sein, um sich so einer Stimmung zu entziehen. Erst die Verbindung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus hat Menschen das Potential gegeben, um den großen Mächten die Loyalität zu entziehen und ihren eigenen Weg zu gehen. Wenn Jesus Christus nur eine vorübergehende Episode der Menschheitsgeschichte wäre, dann würde auch diese Unabhängigkeit bald wieder verschwinden.

Freiheit, die die Sterne stürzen lässt

Denn damals im römischen Imperium gab es zwar Fraktionskämpfe, es gab natürlich Kriege mit Feinden, aber in einer fundamentalen Unabhängigkeit vom Imperium lebten nur die Christen und einige Fraktionen des Judentums. Das ist ein völlig neuartiges Element in der Geschichte. Und die Offenbarung des Johannes sagt mit ihren Bildern: das erschüttert die Welt, wie man sie bis dahin kannte. Das ist der epochale Beginn einer neuen Welt. Das lässt die Sterne – nämlich die Stars – vom Himmel fallen, so wie die Denkmäler der Machthaber irgendwann vom Sockel gestoßen werden. Da können sie sich tatsächlich nur noch unter der Erde verstecken, so wie sich der libysche Ex-Diktator Gaddafi am Ende in einer Betonröhre verstecken wollte, Iraks Saddam Hussein in einem Erdloch, und Adolf Hitler im Bunker der Reichskanzlei.

Und wenn jetzt einer fragt, ob man sich davor fürchten soll, dann kann man nur antworten: das kommt drauf an. Das ist so, wie wenn legale oder illegale Steuerschlupflöcher gestopft werden: wer einfach ehrlich seine Steuern gezahlt hat, der kann sich freuen, weil dann mehr Geld da ist, um die Schlaglöcher ordentlich zu reparieren und Dinge wie den Kugelwasserturm oder ein Schwimmbad zu sanieren. Wer beim Steuerzahlen getrickst hat, der wird das wahrscheinlich als Bedrohung sehen, aber eigentlich müsste er es nicht. Denn das kommt ja auch ihm zugute, wenn die Gemeinschaft genug Geld hat.

Angst vor einem Leben ohne Macht?

Genau so ist es mit der Bewegung, die durch Jesus in die Welt gekommen ist: wer zu Jesus gehört, muss sich sowieso nicht fürchten (davon werden wir im nächsten Kapitel noch mehr hören). Wer nicht zu Jesus gehört, der muss sich eigentlich auch nicht fürchten, weil die neue Welt – eine Welt ohne Angst, Gewalt und Lüge – für alle besser ist. Aber wahrscheinlich wird er es als Bedrohung empfinden. Wahrscheinlich wird er Angst haben vor der Erschütterung der Mächte. Beinahe alle Machthaber können sich nicht vorstellen, dass es für sie noch ein Leben geben könnte nach dem Ende ihrer Herrschaft. Magda Goebbels hat am Ende noch ihre Kinder vergiftet, weil sie nicht wollte, dass sie in einer Welt ohne Nationalsozialismus leben.

Aber warum ist das eigentlich so unvorstellbar? Wenn einer all seine Macht verloren hat, dann ist ja immer noch der Mensch da (falls die Macht ihn nicht völlig aufgefressen hat). Diesen Menschen spricht Jesus an, und für den kann es in der neuen Welt durchaus eine gute Zukunft geben.

Okt 132014
 

Predigt am 5. Oktober 2014 zu Offenbarung 6,1-8 (Predigtreihe Offenbarung 12)

1 Nun sah ich, wie das Lamm das erste von den sieben Siegeln der Buchrolle öffnete. Daraufhin hörte ich eines der vier lebendigen Wesen rufen: »Komm!« Die Stimme war so laut, dass es wie ein Donnerschlag klang. 2 Und auf einmal sah ich ein weißes Pferd und auf dem Pferd einen Reiter, der einen Bogen in der Hand hielt. Dem Reiter wurde ein Siegeskranz gegeben, worauf er wie ein siegreicher Feldherr losritt; nichts konnte seinen Siegeszug aufhalten.
3 Als das Lamm das zweite Siegel öffnete, hörte ich das zweite der lebendigen Wesen rufen: »Komm!« 4 Wieder erschien ein Pferd, aber im Unterschied zum ersten war es feuerrot. Seinem Reiter wurde ein großes Schwert gegeben, und er erhielt die Macht, den Frieden von der Erde wegzunehmen, sodass die Menschen sich gegenseitig hinschlachteten.
5 Als das Lamm das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte der lebendigen Wesen rufen: »Komm!« Diesmal sah ich ein schwarzes Pferd, dessen Reiter eine Waage in der Hand hielt. 6 Und eine Stimme, die von dort zu kommen schien, wo die vier lebendigen Wesen waren, hörte ich rufen: »Ein Kilo Weizen zu einem vollen Tageslohn! Drei Kilo Gerste zu einem vollen Tageslohn! Aber Öl und Wein darfst du nicht knapp werden lassen!«
7 Als das Lamm das vierte Siegel öffnete, hörte ich das vierte der lebendigen Wesen rufen: »Komm!« 8 Und wieder sah ich ein Pferd; diesmal war es fahlgelb. Der Reiter, der darauf saß, hieß »der Tod«, und sein Gefolge war das Totenreich. Ihnen wurde die Macht gegeben, ein Viertel der Menschheit durch Krieg, Hungersnot, Seuchen und wilde Tiere umkommen zu lassen.

Als wir vor vier Wochen auf das fünfte Kapitel der Offenbarung hörten, war der Himmel voll Gesang. Die ganze himmlische Welt freute sich über das Lamm Gottes (also über Jesus), das endlich das Buch mit den sieben Siegeln öffnen sollte: das Buch, in dem Gottes geheimer Plan steht, wie er endlich die Welt wieder in Ordnung bringt und die Zerstörung der Erde beendet. Mit sieben Siegeln ist es verschlossen, niemand kennt die Lösung, und bevor Jesus kommt, scheint es so, als müsste der Plan unausgeführt bleiben, als gäbe es vielleicht keine Rettung für die Welt, weil niemand diesen Plan ausführen kann.

Aber dann bekommt das Lamm – also Jesus – die Buchrolle anvertraut, weil er die Siegel öffnen, das Geheimnis der Welt aufdecken und den Plan in Gang setzen kann. Und im Himmel herrscht großer Jubel, Erleichterung, Freude.

Erst Jubel, dann Schrecken

Und dann öffnet das Lamm die ersten Siegel, und was passiert? Krieg, Hunger und Pest brechen aus, die Reiter der Apokalypse. Albrecht Dürer hat sie in seinen bekannten Holzschnitten dargestellt. Alles wird nur noch schlimmer. Zuerst betritt ein glänzender Herrscher siegreich die Bühne der Weltgeschichte: der Reiter auf dem weißen Pferd. Glanzvoll und stark sieht er aus, aber ihm folgt die Zerstörung auf dem Fuß. Stellt euch Napoleon vor, den Helden einer ganzen Generation. Nicht nur in Frankreich bewunderte man ihn wie einen Übermenschen. Beinahe hätte er ganz Europa erobert. Aber am Ende war Europa von Kriegen verheert, die Länder ausgeblutet, heimatlose Waisenkinder irrten durchs Land, entlassene Soldaten suchten Arbeit, Kriegskrüppel bettelten um Essen. Und alles, weil einer ausgezogen war, um zu erobern und zu siegen.

Die Tragik der Befreiung

Aber womit hat das alles mal angefangen? Mit der französischen Revolution, die völlig zu Recht als Protest gegen die Willkürherrschaft unfähiger und arroganter Monarchen begonnen hatte. Wir verdanken letztlich dieser Revolution die Demokratie, die Menschenrechte und das Ende feudaler Unterdrückung, aber zuerst hat sie Europa in eine 25jährige Zeit der Erschütterungen gestürzt und wahrscheinlich Millionen Menschen das Leben gekostet.

Und wenn wir jetzt in unsere Gegenwart schauen: die ganzen Volksaufstände, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, der arabische Frühling, die Gezi Park-Bewegung in der Türkei, irgendwie sogar der Aufstand in der Ukraine: es waren alles Zeiten der Hoffnung, wo das Volk sich einig war, dass man den Autokraten an der Spitze los werden wollte, die Korruption, die Geheimpolizei mit ihren Folterkellern. Man kann diesen Mut nur bewundern. Die Völker sind endlich erwacht.

Und was kam dann? Krieg, Hunger, Tod – die Reiter der Offenbarung. Waren deshalb diese Freiheitsbewegungen schlecht oder falsch? Nein, da ist etwas Großes und Gutes zu Tage getreten. Menschen werden ermächtigt, und dann wollen sich endlich nicht mehr unterdrücken lassen. Wie gut!

Aber wenn das in einer Welt geschieht, die vollgestopft ist mit Waffen, mit rücksichtslosen Machthabern, gleichgültigen Großmächten, Korruption und entwurzelten Söldnern, die nur darauf warten, dass sie wieder kämpfen können; und wenn in den Menschen selbst auch so viel Verletzungen und Gewalt stecken, dann führt so eine Freiheitsbewegung nicht selten als erstes dazu, dass alles noch schlimmer wird. Wenn das Lamm anfängt, die Siegel zu öffnen, dann gerät der brüchige Status Quo aus dem Gleichgewicht. Die alten Mächte wehren sich rücksichtslos. Überall brechen alte Verletzungen auf, ungelöste Konflikte melden sich zurück. Alles was mühsam mit den sieben Siegeln gebändigt und zurückgehalten war, das bricht jetzt auf, und oft gerät das Ganze außer Kontrolle.

Lieber nicht dran rühren?

Aber sollte man deshalb lieber alles beim Alten lassen und sagen: bloß keine Freiheit? Sollte man das Schreckensregime in Nordkorea stabilisieren, Saddam Hussein zurückholen und Assad in Syrien unterstützen? Soll man den Menschen in Hongkong sagen: findet euch mit den undemokratischen System in China ab? Das kann es doch wohl auch nicht sein. Alle Diktaturen werden irgendwann sowieso instabil, sie häufen den Sprengstoff an, der dann eines Tages durch einen kleinen Funken zündet, und sei es durch friedlichen Protest.

Ganz ähnlich ist es, wenn man an einzelne Menschen denkt: Wenn jemand sich endlich den Problemen der Vergangenheit stellt, oder wenn er sich seine Suchtproblematik eingesteht und davon loskommen will, dann kann es passieren, dass es in der Therapie erst einmal schlimmer wird. Vielleicht bekommt er Entzugserscheinungen und denkt: Jetzt geht es mir schlechter als vorher, als ich noch getrunken oder gespritzt habe! Die Ärzte können lindern und begleiten, aber unser Körper und unser Geist reagieren heftig, wenn wir anfangen, die Energieströme in unserem Leben umzuleiten. Aber soll einer lieber weitermachen wie gewohnt, bis er ganz zu Grunde geht?

Das sind die Zusammenhänge im Hintergrund, die dazu führen, dass die Welt schrecklich erschüttert wird, wenn die sieben Siegel geöffnet werden, damit Gottes guter Plan endlich ausgeführt werden kann. Über lange Zeit ist in der Welt Sprengstoff angehäuft worden, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Wir kennen das von den Blindgängern, den alten Bomben aus dem Krieg. 70 Jahre liegen sie ruhig in der Erde. Aber wenn man zufällig auf sie stößt, dann kann man sie nicht mehr liegen lassen, dann muss man sie entschärfen, und das ist richtig gefährlich. Und genauso wird es richtig gefährlich, wenn sich einer ans verminte Gelände der Menschheitsgeschichte wagt und anfängt, die Siegel zu öffnen, um die Vergangenheit zu entschärfen. Dann hantiert der auch da mit einem gewaltigen Zerstörungspotential.

Ein Gott im Bonsai-Format?

Trotzdem jubeln die Bewohner des Himmels, als das Lamm die Aufgabe anpackt und die Siegel öffnet. Nur dem Lamm – also Jesus – trauen sie zu, dass es diese schwere Aufgabe schafft. Im Himmel sehen sie, dass es um die Heilung der Erde geht, und dem Lamm wird es gelingen. Johannes gibt das an seine Gemeinden weiter. Er will, dass sie auch diesen Zusammenhang verstehen, damit sie nicht erschreckt werden von den Erschütterungen, die bevorstehen.Bonsai streng aufrechte Form

Und ich denke, bis heute haben wir das dringend nötig, dass unser Bild von Gott und seinem Wirken entharmlost wird. Wenn Gott kommt, das erschüttert die Erde in ihren Grundfesten. Wir haben so ein Bild vom »lieben Gott« entwickelt, so ein kuscheliger Daddy, dem man am liebsten auf den Schoß springen würde, und der milde die Stirn runzelt, wenn wir mal wieder ein bisschen zu kräftig zugelangt haben bei den Süßigkeiten oder einen bösen Gedanken über die Arbeitskollegin gehegt haben. Und das reduziert Gott auf ein Bonsai-Format. Wie sollte man so einem auf Blumentopfgröße zurechtgestutzten Gott noch zutrauen, dass er sich in den Untiefen der Weltgeschichte auskennt und sogar diese ganzen Erschütterungen erst hervorruft?

Lange hat man uns erzählt: Gott beruhigt die Leute, Gott gibt dem Leben Stabilität, Gott sorgt in der Welt für Ausgleich, in seiner Weisheit sorgt er für Harmonie. Ich verstehe, was damit gemeint sein könnte, aber ich glaube, wir haben dringend etwas ganz anderes zu lernen: Gott erschüttert die Welt. Gott sieht nicht ruhig zu, wenn Menschen mit dem Tod paktieren und ihre Mitmenschen und die Kreaturen mit Füßen treten.

Frühere Zeitalter haben vor allem davon gesprochen, dass Gott schrecklich in seinem Zorn ist. Das gibt, glaube ich, auch ein ziemlich schiefes Bild von Gott ab. Aber wir machen es nicht besser, wenn wir stattdessen einen kuscheligen Bonsai-Gott erfinden. In beiden Fällen fallen wir vom Pferd, mal rechts und mal links, aber wenn man erst unten liegt, ist das ziemlich egal. Man kann sich Gott nicht mal eben so erfinden, wie man ihn gern hätte. Und was nützt denn so ein lieber Gott, wenn es in der Welt gar nicht lieb zugeht?

Ein Gott, der das Sytem erschüttert

Die Lösung ist auch nicht eine Mischung aus lieb und schrecklich, so dass man dann überhaupt nicht mehr weiß, was eigentlich gilt. Wir müssen die innere Logik Gottes verstehen. Im fünften Kapitel der Offenbarung (v. 5) wurde das Lamm vorgestellt als der »Löwe von Juda«. Jesus, das Lamm Gottes, der sich wehrlos in die Hände der Tyrannen gibt, gerade der ist der Löwe und erschüttert die Welt wie kein anderer. Indem Jesus dem Leben Gottes vertraute (und Gott bestätigte das, als er ihn auferweckte), hat er das Machtgleichgewicht in der Welt verschoben. Dieses Machtgleichgewicht beruht gerade auf der Annahme, dass Gott weit weg ist, oder zu schwach ist, sich nicht kümmert und die Herren der Welt machen lässt, was sie wollen.

Wenn aber Gott mit seinem Leben, das in Jesus erschienen ist, sogar den Tod besiegt, dann stimmt die Grundannahme nicht mehr. Dann geraten die Fundamente dieser Welt ins Wanken. Wenn es jetzt Menschen gibt, die die Kraft der Auferstehung kennen, und die Kraft des mutigen Opfers, dann ist ein ganz neuer Faktor in der Welt. Und dann gibt es noch die Menschen, die das alles zwar nicht richtig verstehen, aber einfach spüren, dass der Wind sich gedreht hat und der Duft des Lebens den Mief des Todes vertreibt. Und auch das hatten die Mächte dieser Welt nicht auf ihrem Plan. Sie glaubten, sie hätten gesiegt, aber jetzt merken sie, dass ihre Berechnungen nicht mehr stimmen, und Panik bricht aus. Aber Leute in Panik sind gefährlich.

Ein realistisches Gottesbild

Passt dieses Bild nicht genau zu dem, was wir heute in der Welt erleben? Gott bedeutet Leben, Liebe, Barmherzigkeit; und deshalb bringt Jesus Freiheit und Ermächtigung für die Elenden. Aber das erschüttert die Welt, wie sie de facto ist, in ihren Grundfesten. Das ganze System gerät ins Wanken. Wir dürfen nicht vergessen, dass Jesus nicht nur geheilt hat: er hat auch Dämonen vertrieben und Menschen frei gemacht. Damit konnten die modernen, aufgeklärten Menschen schon immer nicht so viel anfangen. Das war ihnen irgendwie peinlich, dass der sanfte Jesus so ein Spektakel verursacht mit brüllenden Dämonen und autoritären Kommandos. Das ist nicht mehr nett.

Aber stellen wir uns vor, wie das im großen Maßstab aussieht, wenn Jesus also nicht mehr nur in den kleinen Dörfern am See Genezareth aktiv ist, sondern weltweit die Auseinandersetzung mit den bösen Mächten sucht. Dann kommt ungefähr das dabei heraus, was wir heute Tag für Tag in den Nachrichten hören.

Und wir sollen doch bitteschön nicht glauben, dass wir hier in Europa und in Deutschland für ewig auf einer Insel der Seligen leben, wo Stabilität herrscht, und von wo aus man ruhig dem Chaos ringsum zuschauen kann. Wenn die Welt in ihren Grundfesten erschüttert wird, das geht auch an uns nicht vorbei.

Die Frage ist nicht, ob uns das gefällt. Die Frage ist, ob dieses Bild von Gott nicht viel besser zu dem passt, was wir erleben. Ob das die Realität nicht besser erklärt als das Bild von dem netten Opa-Gott, der höchstens mal mild mit dem Zeigefinger droht und im Übrigen schon längst resigniert hat gegenüber dem Chaos, das die Menschen anrichten.

Im Auge des Sturms, nicht im Blumentopf

Johannes jedenfalls erklärt seinen Leuten die Welt so: da ist ein guter Gott, der seine Schöpfung nicht dem Chaos überlässt. Aus himmlischer Sicht ist das die Hoffnung der Welt. Aber wenn dieser Gott sich mitten ins Chaos hinein begibt, dann fängt es da erst richtig an zu brodeln. Und ihr, das Volk Gottes, steht mitten im Zentrum des Sturms. Das ist nicht selten der sicherste Ort. Aber gemütlich ist es da nicht.

Also: seid wach, seid realistisch, und lasst euch nicht erschrecken. Aber hört auf, euren Bonsai-Gott zu pflegen. Der wird euch nicht schützen, wenn der Sturm zu wehen beginnt.