Jul 112011
 

Die grundlegenden Fragestellungen

Teil I von Wrights Buch ist eine Einleitung in den Band im Rahmen des z.Zt. auf 6 Bände angelegten Gesamt-projektes. Dieser Teil kann hier als pdf herunter geladen werden.

Trotzdem möchte ich auch diese ca. 50 Seiten hier in Kürze vorstellen. In ihnen schreitet Wright das Gelände ab, auf dem sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Neuen Testament bewegt, und skizziert seine geplante Wegroute.

Wright unterscheidet vier grundlegende Zugänge zum NT:

  • Der vor-kritische Zugang, der bis zur Aufklärung der allgemeingültige war, und der selbstverständlich von der Autorität des Textes ausging;
  • die historische Sichtweise, deren Beginn im 18. Jahrhundert mit dem Namen Reimarus verknüpft ist, und die sich in ihrem Ursprung als Widerlegung des orthodoxen Christentums verstand;
  • der theologische Ansatz, vor allem verbunden mit dem Namen Rudolf Bultmann, der in Antwort auf die historische Kritik die Theologie des Neuen Testaments zu erheben und so zusammenzufassen sucht, dass sie spätere Generationen als zeitlose Wahrheit anreden kann;
  • und schließlich die postmoderne Literaturkritik, die den Prozess der Lektüre selbst in den Blick nimmt.

Wright ist zuversichtlich, dass diese unterschiedlichen Ansätze nicht gegeneinander stehen müssen, sondern zusammengeführt werden können. Dass „Geschichte“ und „Theologie“ in getrennte Bereiche einsortiert werden, ist gerade ein Kennzeichen des aufklärerischen Denkens, dessen Grenzen gegenwärtig immer deutlicher werden. Dieser schädliche Dualismus muss überwunden werden, aber nicht so, dass eine Seite einfach in der anderen aufgeht.

Wright identifiziert zwei Grundfragen, die er dann weiter in Unterfragen aufgliedert:

  1. Wie fing das Christentum an, und warum nahm es die Gestalt an, die es annahm?
    Dabei geht es darum, wie Jesus, die frühe Kirche, Paulus und die Evangelien zusammen hängen. Dafür gibt es verschiedene grundlegende Erklärungsmodelle, die in den Bereich der „Geschichte“ gehören.
  2. Was glaubt das Christentum, und ist dieser Glaube sinnvoll?
    Hier geht es um die Beziehung zwischen dem, was das Neue Testament sagt und dem, was die Christen glauben.

Mancher würde die zweite Fragestellung gern von der geschichtlichen Frage trennen. Aber das ist irreführend. Geschichte und Theologie können nicht ohne einander. Eine Integration beider Fragen unter Aufnahme der postmodernen Fragen nach dem Rezeptionsprozess ist notwendig. Keine dieser drei Fragestellungen hat das Recht, sich als allein zuständig zu erklären.

Somit könnte man Wrights Werk als eine „Theologie des Neuen Testaments in nicht-dualer, sondern integrierender Absicht“ beschreiben: als den Versuch, wieder zusammenwachsen zu lassen, was sich durch die Verwerfungen der Geschichte und der Diskussion unnötig (?) aus- und gegeneinander gestellt hat.

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Jun 152011
 

Im Februar war der englische Neutestamentler und ehemalige Bischof von Durham, Nicholas Thomas Wright, in Marburg. Bei diesem Anlass wurde die deutsche Übersetzung seines Buches „The New Testament and the People of God“ vorgestellt. Der Francke-Verlag hat sich verdienstvoller Weise vorgenommen, Bücher von Wright auch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Im englischsprachigen Raum ist NT Wright schon bisher einer der bekanntesten Neutestamentler, aber in Deutschland wurde er bisher vor allem in der emergenten Szene wahrgenommen. Das ist schade, denn Wright lässt sich nicht auf eine kirchliche Richtung festlegen.

Darüber hinaus gehört er zu den wenigen Wissenschaftlern, die bewusst auch für den Bedarf der Gemeinde anspruchsvolle, aber verständliche Schriften verfassen. Seine Reihe „… for everyone“ erläutert inzwischen das ganze Neue Testament auf hohem Niveau, aber in gut zugänglicher Darstellung; außerdem gehört auch eine zweite Reihe mit Material für die Arbeit in Kleingruppen dazu.

Sein Buch „Das Neue Testament und das Volk Gottes“ gehört auf die wissenschaftliche Seite seiner Arbeit. Dennoch bleibt es übersichtlicher und zugänglicher als viele andere vergleichbare Bücher. Es ist der Grundlagenband für eine auf sechs Bücher angelegte Reihe („Christian Origins and the Question of God“) über das Neue Testament, von denen bisher drei erschienen sind.

Dieses Buch gehört zu denen, über die ich denke: hätte es das doch nur schon gegeben, als ich studiert habe! Es beackert das Feld, das in der Theologie sonst unter Titeln wie „Einleitung in das Neue Testament“, „Umwelt des NT“, „Geschichte Israels in neutestamentlicher Zeit“, „Geschichte der neutestamentlichen Forschung“ und „Verstehen des NT“ (also Hermeneutik) verhandelt wird. Normalerweise ist das eine etwas dröge Sache: viele Details, die man wissen sollte, viele Hypothesen, deren Sinn und Tragweite man nicht wirklich versteht. Bei Wright wächst das alles zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Er beharrt darauf, dass die unzähligen Details ihren Platz in einer übergreifenden Sicht finden müssen, und das ist eine spannende Sache. Letzten Endes unternimmt er es mit der sechsbändigen Reihe, die Grundlagen seines Faches noch einmal neu zu legen. Eine Mammutaufgabe für einen Einzelnen. Durch seine kirchlichen Ämter ist er anscheinend in den letzten Jahren nicht mehr gut vorangekommen; jetzt, nach seiner Verabschiedung als Bischof von Durham, wird das Unternehmen hoffentlich wieder Fahrt aufnehmen.

Wright geht es darum, Jesus und die frühen Christen wieder in den Rahmen zu stellen, in dem sie gelebt haben: in den Kontext des Judentums des ersten Jahrhunderts. Sein Grundansatz ist die Rekonstruktion der geschichtlichen und symbolischen Welt, in der sich Jesus, Paulus und all die anderen selbstverständlich bewegt haben. Das sollte selbstverständlich sein, ist es aber in der neutestamentlichen Wissenschaft lange nicht gewesen. Oft genug wurden die neutestamentlichen Schriften in einen ihnen fremden weltanschaulichen Kontext gestellt (sei es die reformatorische Theologie, sei es der Idealismus oder der Existenzialismus) und interpretiert. Sie wurden aber ursprünglich geschrieben, um die Fragen des ersten Jahrhunderts zu beantworten, und nicht die des 16. oder 20. Jahrhunderts. Wenn man diese Ursprungssituation außer acht lässt, wird vieles unverständlich oder schief. Wright benutzt gern das Bild vom Puzzle, bei dem Teile übrig bleiben und dann wieder in die Kiste oder unter den Teppich getan werden.

Auch wenn die historische Quellenlage zum Judentum des ersten Jahrhunderts und besonders zur frühen Christenheit nicht gerade berauschend ist, ist Wright doch zuversichtlich, dass es gelingen kann, ein konsistentes Gesamtbild zu zeichnen, in dem dann auch die Details ihren sinnvollen Ort finden. Damit grenzt er sich einerseits von der Skepsis ab, die bezweifelt, dass man geschichtlich über Jesus überhaupt etwas Sinnvolles sagen kann. Andererseits besteht er darauf, dass sich alle Rekonstruktionen im Rahmen der Datenlage bewegen sollten. Zu viele Hypothesen sind eigentlich nicht gesicherte Tatsachen, sondern nur langjährige wissenschaftliche Konvention oder aber abenteuerliche Konstruktionen Einzelner.

Ich werde in der nächsten Zeit das Buch hier noch ausführlicher vorstellen. Eine Perspektive möchte ich aber schon vorwegnehmen: wenn Jesus und die frühen Christen in den Kontext des damaligen Judentums gestellt werden, dann verändern sich auch die Fragestellungen, mit denen wir das Neue Testament lesen. Wright legt überzeugend dar, dass die Frage nach der Befreiung Israels (und dann der ganzen Schöpfung) aus der Unterwerfung unter die Mächte der Welt für alle Juden der damaligen Zeit zentral war. Es gab darauf die unterschiedlichsten Antworten, aber die Frage verband alle, auch Jesus und die Christen. Diese Erlösung wurde hier auf dieser (wenn auch durchaus runderneuerten) Erde erwartet. Ein abstrakter Ort der Erlösung jenseits von Zeit und Raum war im Judentum so gut wie nicht denkbar.

Das wiederum bedeutet, dass die Frage nach der Veränderung der Welt nicht eine „uneigentliche“ Konsequenz aus dem „eigentlichen“ Kern des Evangeliums ist, sondern ins biblische Zentrum führt. Es gibt für diese Frage sicherlich viele denkbare christliche Antworten und Wege, aber die Frage selber gehört zum Zentrum und nicht an die Peripherie. Hier kann die Arbeit von NT Wright Entscheidendes dazu beitragen, dass die christliche Botschaft wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird.

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Sep 152010
 

Die neue Perspektive auf Paulus bewegt schon länger die Theologie, vielleicht mehr im englischsprachigen Raum als bei uns. Neben Krister Stendahl, E.P. Sanders und James Dunn ist hier insbesondere N. T. Wright, der (inzwischen ehemalige) anglikanische Bischof von Durham zu nennen. Kurz gefasst geht es um die Frage, ob die reformatorische Paulusinterpretation korrigiert werden muss, weil hier die Gegner des Paulus falsch dargestellt worden sind (das Judentum als Gesetzesreligion, deren Anhänger sich durch eigene Leistung die Gnade Gottes erwerben möchten). Diese Sicht tut den jüdischen Zeitgenossen des Paulus Unrecht und verfälscht seine eigene Position – so die Vertreter der new perspective. Denn wenn die Fragestellung des Paulus gar nicht die war, mit der Luther sich herumgeschlagen hat („wie kriege ich einen gnädigen Gott?“), dann kann man auch seine Antworten nur falsch verstehen, wenn man sie mit dem reformatorischen Ohr hört.

Diese neue Sicht auf Paulus wäre natürlich ein Bruch mit einer jahrhundertealten theologischen Tradition – und damit gut reformatorisch. Kein Wunder, dass es (wie gesagt, vor allem im englischsprachigen Raum) heftige Diskussionen gibt. Auf die Kritik (insbesondere von John Piper) hat Wright im vergangenen Jahr geantwortet mit seinem Buch „Justification. God’s Plan and Paul’s Vision„. In seiner Einführung macht er deutlich, dass es hier nicht um einige exegetische Spezialfragen geht, sondern um einen grundlegenden Neuansatz des theologischen Denkens.

Wright beschreibt folgende gedachte Szene: ein guter Freund hat durch irgendeinen unglücklichen Umstand nicht mitbekommen, dass die Erde um die Sonne kreist. Zufällig stößt du im Gespräch darauf und erklärst ihm unter Zuhilfenahme von Teetassen, Tellern, Schemata und astronomischen Büchern die kopernikanische Entdeckung, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Weltalls steht, sondern um die Sonne kreist. Der Freund ist bestürzt und kann es gar nicht glauben.

Mit diesem Bild macht Wright deutlich, um was es hier geht und warum es so heftige Kritik gibt. Immerhin stehen hier theologische Selbstverständlichkeiten auf dem Spiel, die seit dem Mittelalter fast von allen Theologen, von rechts bis links, geteilt wurden. Ich gebe hier ein längeres Zitat von Wright (Justification, S. 7-8) wieder, um den Stellenwert dieser Frage zu beschreiben:

Das theologische Äquivalent für die Vorstellung, die Sonne drehe sich um die Erde, ist der Glaube, dass es in der christlichen Wahrheit immer nur um mich und meine Rettung geht. Ich habe in den letzten Wochen Dutzende von Büchern und Artikeln zum Thema Rechtfertigung gelesen. Durchgehend sind die Verfasser, aus einer Vielzahl von theologischen Richtungen, davon ausgegangen und haben als selbstverständlich vorausgesetzt, die theologische Zentralfrage sei „was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ oder (in Luthers Formulierung): „wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“, oder „wie komme ich in die richtige Beziehung zu Gott?“.

Bevor es nun böse oder erschrockene Reaktionen gibt: ich möchte nicht missverstanden werden – das persönliche Heil ist ungeheuer wichtig. Gott persönlich zu kennen im Gegensatz zu einem rein intellektuellen Zugang zu ihm ist eine Herzenssache jeden christlichen Lebens. Zu entdecken, dass Gott gnädig ist, und eben kein Bürokrat oder Tyrann, ist die gute Nachricht, die uns immer wieder überrascht und beflügelt. Aber wir sind nicht der Mittelpunkt des Universums. Gott kreist nicht um uns. Wir kreisen um ihn. Aus unserer Perspektive mag es so aussehen, als seien „ich und meine Rettung“ das Ein und Alles des christlichen Glaubens. Leider haben viele – viele hingegebene Christen! – diesen Weg gepredigt und gelebt. Und das Problem beschränkt sich nicht auf die Kirchen der Reformation. Es geht zurück auf die westliche Kirche des Mittelalters, es betrifft und schwächt gleichermaßen Katholiken und Protestanten, Liberale und Konservative, Hochkirchler und Volkskirchler. Aber eine Lektüre der Bibel in ihrer Gesamtheit ergibt eine andere Story:

Gott schuf Menschen für einen bestimmten Zweck: nicht einfach für sich selbst, nicht einfach, damit sie in einer Beziehung zu ihm leben könnten, sondern um durch sie, seine Ebenbilder, seine weise, freuden- und segensreiche Ordnung in der Welt aufzurichten. In der Schlussszene der Bibel, im Buch der Offenbarung, geht es nicht darum, dass Menschen „in den Himmel kommen“, um dort in einer engen und intimen Beziehung mit Gott zu leben. Es geht stattdessen darum, wie der Himmel auf die Erde kommt. Die persönliche Beziehung zu Gott, die dort tatsächlich im großen Bild vom neuen Jerusalem verheißen und gefeiert wird, mündet sofort in ein weiteres Ausgreifen, eine weitergehende Heilungskraft: der Strom mit dem Wasser des Lebens, der in der Stadt entspringt; und der Baum des Lebens, der dort aufwächst, und dessen Blätter den Völkern Heilung bringen.

Was gegenwärtig zur Debatte steht, ist nicht einfach das Feintuning von Theorien darüber, was nun genau bei der „Rechtfertigung“ geschieht. […] Sondern der eigentliche Punkt ist meiner Meinung nach, dass das ewige Heil von Menschen – obwohl es natürlich für diese Menschen äußerst wichtig ist – Teil eines größeren Zusammenhanges ist. Gott rettet uns vom gestrandeten Schiff dieser Welt; nicht, damit wir uns nun zurücklehnen und in seiner Gesellschaft die Beine hochlegen, sondern damit wir ein Teil seines Plans werden, die Welt zu erneuern. Wir kreisen um Gott und seine Ziele, nicht andersherum. Hätte die Reformation sich an den Evangelien ebenso abgearbeitet wie an den Briefen, dann wäre diese Verwechslung nie geschehen. Aber sie ist geschehen, und wir müssen uns dazu verhalten. Die Erde, und wir mit ihr, kreist um Gottes Sonne und seine Vorhaben für den ganzen Kosmos.

Hier geht es also nicht um neue Antworten auf alte Fragen, sondern um eine grundlegend andere Fragerichtung. Viele alte Streitpunkte sehen in dieser Perspektive ganz anders aus, neue Aufgaben kommen dazu. Die Kirchen würden sich nicht nur in ihrer Theologie, sondern in ihrer ganzen Sozialgestalt und ihrer Praxis grundlegend ändern, wenn diese Erkenntnisse auf breiter Basis rezipiert werden. Kein Wunder, dass heftig diskutiert wird.

Mrz 072008
 

CoverbildOstern in einem Verlierergebiet der Globalisierung

N.T. Wright, ehemaliger anglikanischer Bischof von Durham, war in der Karwoche 2007 auf Einladung des örtlichen Pfarrers zu Gast in einer von Deindustrialisierung und Niedergang gezeichneten Gemeinde seiner Diözese, Easington Colliery. Täglich hat er dort eine Predigt gehalten. Dabei herausgekommen ist eine kurzgefasste Kreuzestheologie und gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie gelebte Theologie in Zeiten der Globalisierung aussehen kann:

N.T. Wright: Christians at the Cross
Finding Hope in the Passion, Death 
and Resurrection of Jesus
(2007)

Ein vierstimmiges Lied

Wright beschreibt seinen Weg mit der Gemeinde durch die Karwoche als eine Einübung in einen vierstimmigen Liedsatz. Da ist einmal die Melodiestimme, der Sopran: das ist die Leidensgeschichte Jesu (in diesem Fall hauptsächlich nach dem Johannesevangelium). Aber diese Melodie wird grundiert und gestützt von der Bassstimme, dem Alten Testament, in dieser Predigtreihe vertreten vor allem durch die Gottesknechtslieder aus dem Buch Jesaja. Wenn man die Passionsgeschichte ohne diese Grundierung liest, wird man sie vom falschen Kontext her verstehen, auf jeden Fall nicht vollständig.
Zwischen Bass und Sopran liegen noch Tenor und Alt. Der Tenor steht für den Schmerz und die Trauer in unserer Welt: für die Zerstörung von Gemeinschaften und sozialen Netzen durch die Globalisierung, für Armut, Gewalt, Drogen und Unsicherheit, die seit der Schließung der Zeche 1993 auch in Easington Colliery Einzug gehalten haben. Für Unglück und plötzliche Katastrophen wie das Grubenunglück von 1951.
Wrights Ansatz: wenn es gelingt, diese Stimme innerhalb des ganzen Liedes zu hören, dann gibt es Hoffnung, auch für sehr desolate Verhältnisse. Schmerz und Sorgen können sich auf eine nicht voraussagbare Weise verändern, wenn sie mit dem Kreuz Jesu in Verbindung gebracht werden.
Schließlich die Altstimme: das ist unser persönliche Geschichte, die wir einzubringen haben in das Lied. Der Alt steht selten im Vordergrund, aber ohne ihn fehlt dem Ganzen etwas, und manchmal hat er eine ganz besondere Aufgabe. Die Karwoche ist eine Einübung, unsere ganz persönliche Melodie im Einklang mit Gottes Melodie zu singen.
So wird dieses Bild eines vierstimmigen Chorsatzes eine Hermeneutik im Kleinen.

Der Beitrag der Bassstimme:

Aus dem Alten Testament lernen wir: Gott will die Welt nicht zerstören und dann wieder ganz von vorne anfangen. Er will die Welt heilen. Dazu hat er sein Volk befreit und das Passafest eingesetzt. Dazu sendet er seinen Knecht, der auf neue Art Gottes Projekt verfolgt. Und deshalb sollen Christen auf seine Art den Gemeinschaften dienen, in denen sie leben. Nicht mit lauten Propagandaaktionen, sondern indem sie demütig und dienend Licht in die dunklen Zonen der Welt bringen.

Der Beitrag des Tenors

Wenn wir den Schmerz einer Gemeinschaft wie Easington Coliery und die Trauer unseres Herzens in die Leidensgeschichte Jesu hineinbringen, dann werden sie auch Anteil haben an dem Sieg Jesu. Aber wir wissen vorher nicht, wie Gott das Neue hineinbringen wird.

Die Melodie des Soprans:

Die Sünden, für die Jesus starb, waren kein abstrakter theologischer Begriff. In der Passionsgeschte sind die schlimmsten menschlichen Sünden fast vollständig vertreten. Jesus ertrug das Schlimmste, was das Böse einem Menschen antun kann. Aber er hat bis zuletzt mit Liebe geantwortet.

Der Beitrag der Altstimme:

Durch Jesus können wir vermeiden, auf das Böse mit Bösem zu antworten, zynisch zu werden oder uns in eine Opferhaltung bringen zu lassen. Wir können frei von dem werden, was man uns angetan hat. Das ist Vergebung.

Gründonnerstag – Einsetzung des Abendmahls:

Die Eucharistie ist ein Vollzug, der diese Wahrheiten verkündigt (1. Korinther 11,26), und damit ist nicht gemeint, dass das eine gute Gelegenheit wäre, um eine Predigt zum Thema zu halten. Der Vollzug selbst verkündet. In der Karwoche 2007 gab es in Easington Colliery auch die Möglichkeit, Sorgen und Leid auf Zettel zu schreiben, die in einem Korb gesammelt und am Karfreitag zum Kreuz gebracht wurden. Aber in erster Linie ist die Eucharistie das Symbol, in dem dieser Zusammenhang ausgedrückt wird (ein Gedanke, dem ich unbedingt nachgehen möchte).

Karfreitag – der Punkt, auf den alles zuläuft:

Jesaja 53 erzählt eine Geschichte von Gewalt und zerstörtem Menschsein. Aber es ist auch ein Lied über die Frucht des Leidens und Gottes Neuanfang mitten in Dunkelheit und Sinnlosigkeit. Und wenn Johannes die Kreuzigung Jesu beschreibt, dann steht in der Mitte das Wort Jesu: „es ist vollbracht“. So wie Gott am sechsten Schöpfungstag sein Werk abschloss, so beendet Jesu am sechsten Tag der Woche sein Rettungswerk. Gott kam in unser Chaos, hielt bei uns aus und brachte uns so die neue Schöpfung. Dieser Sieg muss jetzt umgesetzt werden (im Englischen hat Wright dafür das treffende Wort „implemented“).

Ostern – der Tag des Sieges:

Zu viele Christen haben Ostern so verstanden, dass Jesus auferstand und in den Himmel ging, und so wäre auch unser Ziel der Himmel bzw. das Paradies. Aber der Himmel bzw. das Paradies ist ein heller Tunnel zum neuen Himmel und zur neuen Erde. Und in Jesu Auferstehung ist schon ein Stück dieser neuen Welt hierher zu uns gekommen. Da ist jemand aus der Zukunft zu uns gekommen und sagt uns, dass wir besser aufstehen und an die Arbeit gehen sollten, weil eine neue Welt angebrochen ist. Wir sollen dafür sorgen, dass sich die neue Schöpfung in der alten ausbreitet. Dazu lassen wir alles Dunkle und Böse am Kreuz zurück.
Dieser kurze Abriss schöpft das Büchlein (80 Seiten) nicht annähernd aus. Besonders die starken lokalen Bezüge machen das Besondere aus und sind eine Ermutigung, selbst welche zu finden. Das Buch bietet einen Abriss der zentralen christlichen Themen in Wrights inspirierender Sicht. Ich werde mit ihm die Passionszeit und Ostern gestalten und habe für eine Predigt am 2. März schon hemmungslos daraus geklaut. Ich kann das Buch nur empfehlen. Hoffentlich findet sich mal ein Verlag, der eine deutsche Übersetzung herausbringt. Aber Wrights geschliffene, mit trockenem Humor gewürzte Sprache ist im Original natürlich ein – vielleicht unübersetzbarer – Genuss.