Okt 072008
 

Übersichtsseite zum Buch von Scot McKnight

Kapitel 14:
Welches Modell trifft es am Besten?

Hier kommt nun die Lösung, auf die das ganze Buch bisher zugesteuert ist. McKnights Vorschlag für ein übergreifendes Modell, in das die verschiedenen Theorien zu Sühne/Versöhnung eingeordnet werden können, lautet: Identifikation um der Aufnahme in Jesu Leben willen (identification for incorporation).

Anmerkung zur Übersetzung: Auch hier ist die Wiedergabe im Deutschen schwierig. „incorporation“ drückt treffend aus, dass Menschen in den Leib und das Leben Jesu mit hineingenommen werden sollen (und gleichzeitig klingt in dem Wort auch die Gegenseitigkeit an, nämlich dass Menschen – im Abendmahl – sich Jesus „einverleiben“). „Incorparation“ mit „Einverleibung“ wiederzugeben hätte aber einen problematischen Klang. Es unübersetzt zu lassen und „Inkorporation“ zu schreiben, ist auch keine tolle Lösung.
In diesen Übersetzungsproblemen drückt sich natürlich auch ein Sachproblem aus – in unserer kirchlichen Tradition waren wir immer besser darin, über Jesu Handeln „für uns“ zu reden als über Jesu Handeln „in uns“.
Ich werde einfach diese – schlechten – Übersetzungen abwechselnd benutzen. Oder hat jemand einen Vorschlag für eine bessere Lösung?

Identifikation

Die Menschwerdung Jesu ist Voraussetzung für Sühne/Versöhnung. Jesus teilt unsere Menschlichkeit, aber ohne Sünde. Gott teilt unser Leben, einschließlich der Leiden.

Aufnahme in sein Leben (Incorporation)

Das Ziel der Identifikation Gottes mit den Menschen besteht darin, dass er sie in das neue Leben Jesu, des zweiten Adams, hineinholt. Alles Gute kommt zum Christen durch seine Verbindung mit Christus (am klarsten wird das beim „in Christus“-Thema des Paulus). Diese Verbindung ist die Grundlage von Sühne/Versöhnung. Alle, die in dieser Verbindung leben, bilden die neue Gemeinschaft der wiederhergestellten Bilder Gottes.

Wie passen die einzelnen Bilder für Sühne/Versöhnung in diesen Beutel?

  • Rekapitulation
    Diese Theologie der apostolischen Väter ist im Kern das, was McKnight mit seiner Formel von „identification for incorporation“ auch ausdrücken möchte.
  • Loskauf
    Die Theologie von Lösegeld und Loskauf durch Christus bezieht sich auf einen speziellen Zusammenhang innerhalb des Sühne/Versöhnungsgeschehens: Jesus musste sich dazu den schlimmsten Seiten der Welt aussetzen. Nur so konnte er uns davon befreien. Aber diese Befreiung kommt dann durch Inkorporation zu uns.
  • Genugtuung
    So sehr diese Theorie problematische Seiten hat und so wenig sie geeignet ist, das Ganze von Sühne/Versöhnung auszudrücken: trotzdem gehört sie als ein Element in die „Identifikation um der Aufnahme in sein Leben willen“ hinein. Anselm sah richtig, dass diese auch eine juristische Seite hat: Jesus identifiziert sich mit sündigen Menschen, stimmt Gottes Beurteilung zu und verhilft ihm so zu seinem Recht auf der Erde.
  • Stellvertretung
    Die Identifikation Jesu mit uns braucht auf unserer Seite die Anerkennung, dass er etwas für uns getan hat, was wir nicht tun konnten. Nur so kann es Inkorporation in ihn und sein Werk geben. In 2. Kor. 5,21 ist deutlich, dass Jesus an unserer Stelle zu etwas  gemacht wurde, was er nicht war (Sünde), damit wir werden können, was wir nicht sind (Gerechtigkeit Gottes). Besser wäre aber vielleicht der folgende Begriff der
  • Repräsentation
    Dieses Bild erinnert an den Priester, der sein Volk vor Gott repräsentiert. Es gehört in beide Teile der Bibel hinein. Repräsentation hat eine inklusive Seite (wir sterben und leben mit Christus) und eine exklusive Seite (Christus stirbt und lebt wieder für uns und zu unserem Nutzen). Diese exklusive Repräsentation ist gewöhnlich mit „Stellvertretung“ gemeint.
  • Stellvertretendes Strafleiden (penal substitution)
    Die Probleme dieses Gedankens lösen sich auf, wenn sie in den übergreifenden Zusammenhang eingeordnet und vom Gedanken der Einheit mit Christus her betrachtet werden. Der Kern der Strafe ist biblisch gesehen der Tod. Und diesen Tod starb Jesus für uns, damit wir Anteil haben an seiner Auferstehung in ein neues Leben. Aber auch hier wieder: Stellvertretendes Strafleiden ist nur ein Teil dessen, worum es in Sühne/Versöhnung geht.

Und Abaelard?

Abaelards Lehre war, dass der Tod Jesu eine so starke Demonstration der Liebe Gottes war, dass wir davon motiviert werden, selbst ebenfalls das Kreuz auf uns zu nehmen und anderen zu dienen. Dabei ist es natürlich schwer, noch von einer echten Sühne/Versöhnungslehre zu reden.
Dennoch wäre es besser, die Auseinandersetzungen um die korrekte Metapher für Sühne/Versöhnung zu beenden und lieber zu schauen, welchen Platz am Tisch die jeweiligen Bilder bekommen sollten. Die einzelnen theologischen Begriffe müssen ihren Platz in einer größeren Sicht bekommen, und „identification for incorporation“ ist eine Einladung dazu.

[Somit ist nun das Bild vom Beutel für die verschiedenen theologischen Golfschläger mindestens ergänzt worden vom Bild eines Runden Tisches, an dem alle theologischen Begriffe willkommen geheißen werden und ihren Platz im Gespräch finden. Und McKnight ergänzt an dieser Stelle auch noch das Bild der Violine, bei der es auf das Zusammenspiel aller Saiten ankommt.]

Damit wären eigentlich die theologischen Ausführungen am Ziel. Aber Sühne/Versöhnung ist ja, recht verstanden, gemeinsame Praxis von Menschen und Gott in dieser Welt. Deshalb folgt nun noch ein vierter Hauptteil über „Sühne/Versöhnung als Praxis“.

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Aug 092008
 

Übersichtsseite zum Buch von Scot McKnight

Kapitel 13:
Die ersten Theologen und ihre Geschichte: Irenäus und Athanasius

Schon bald nach den Aposteln erzählten Theologen wie Irenäus und Athanasius die Geschichte neu – im Kontext veränderter Umstände. Aus dieser Tradition ist insbesondere die Theologie der Ostkirche erwachsen.

Rekapitulation

Ihr Stichwort, unter dem sie Sühne/Versöhnung zusammenfassten, war „Rekapitulation“. Es bedeutet „zusammenfassen, zum Ziel bringen“ wie in Röm. 13,9, wo gesagt wird, dass in der Liebe alle Gebote zusammengefasst sind. In unserem Zusammenhang heißt das: in Christus wird alles menschliche Leben – Adam, Israel, wir, … – zu seinem eigentlichen Ziel gebracht.
Das hat zwei Dimensionen:

  1. Christus steht an unserer Stelle und tut etwas, was wir nicht tun können (Substitution);
  2. Wir nehmen an seinem Leben teil, wir sind „in ihm“. Er wurde Mensch, damit wir göttlich werden können (so die Formulierung von Athanasius).

Dies ist zutiefst biblisch (von Mose, der sein Volk repräsentiert bis zu Paulus, der von Christus als dem zweiten Adam spricht).

Für diese frühen Theologen war der Tod das zentrale Problem, und ihre Lösung bestand darin, dass Menschen an Gottes Leben teilnehmen als seine Kinder, so den Tod hinter sich lassen und in der Gegenwart Gottes leben. Das wird durch die Inkarnation Jesu ermöglicht, die in der östlichen Theologie eine zentrale Rolle spielt. Durch die Inkarnation ist die heilvolle Rekapitulation des menschlichen Schicksals durch Jesus erst möglich. Er verbindet Gott und Mensch, besiegt den Tod und holt uns in das göttliche Leben hinein. Die Eucharistie, durch die diese Einheit mit Gott vollzogen wird, ist für diese Denkweise zentral.

Zusammenfassung der bisherigen Stationen:

Wir haben nun alle nötigen Elemente beieinander, um ein übergreifendes Modell für die Theologie von Sühne/Versöhnung zu entwickeln. Wir haben über das Phänomen der theologischen Metaphern nachgedacht (Kapitel 5-6), wir haben die verschiedenen Stationen von Sühne/Versöhnung betrachtet, die nicht übersehen werden dürfen (Kapitel 7-10), und wir haben uns davon überzeugt, wie unterschiedliche Menschen dieses Thema auf ihre besondere Weise reflektieren (Kapitel 11-13). Es ist völlig klar: wer das Evangelium erzählt, muss eine Geschichte über Sühne/Versöhnung erzählen. Welche davon wäre für uns heute am besten geeignet? Und welche ist weit genug, um all die verschiedenen Modelle einzubeziehen?

McKnight kündigt an, im nächsten Kapitel einen Beutel zu beschreiben, in den alle Golfschläger hineinpassen.

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Aug 012008
 

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Kapitel 12:
Wie Paulus die Geschichte sah: Im Gerichtssaal Gottes

Jesus erzählt eine Geschichte vom Passa, Paulus redet zentral von Rechtfertigung. Nun hat sich allerdings das Verständnis von Paulus in der jüngsten Vergangenheit geändert durch die von Ed Sanders, Jimmy Dunn und N.T. Wright entwickelte „New Perspective on Paul“. Diese unterscheidet stärker zwischen Paulus selbst und seiner Aufnahme in der Reformation – Paulus erzählt eine größere Geschichte von Versöhnung als die Reformatoren gedacht haben:

  • Rechtfertigung ist ein juristisches Bild: Gott wird am Ende zu Gericht sitzen; wer „in Christus“ ist, wird für gerecht erklärt werden, und dieses künftige Urteil hat jetzt schon Bedeutung.
  • Durch die Auferstehung hat Gott Jesus endgültig Recht gegeben.
  • Durch die Einheit mit Christus lebt die Gemeinschaft der Glaubenden schon jetzt aus der künftigen Entscheidung Gottes.
  • Die Basis dieser Gemeinschaft ist Glaube und nicht Werke des Gesetzes. Deshalb gehören Juden und Heiden zu ihr.
  • Gottes Rechtfertigung ist ein Teil seines Plans, die ganze Welt wieder recht zu machen.
  • Auch wenn nicht alle Vertreter der „New Perspective“ das so sehen, liegt es doch nahe, aus der Unio mit Christus die „doppelte Imputation“ abzuleiten, die eine wichtige Entdeckung der Reformation ist: Jesu Gerechtigkeit wird einem Menschen zugerechnet und die Sünde wird Jesus zugerechnet (der „fröhliche Wechsel“ Luthers).

Durch diese neue Sicht der Rechtfertigung ergeben sich einige Korrekturen am reformatorischen Verständnis:

  • Erstens ist es zu individualistisch, denn das Ziel der Rechtfertgung ist die Schaffung einer Gemeinschaft.
  • Zweitens ist Rechtfertigung zwar ein juristisches Bild, aber man darf deswegen Sühne/Versöhnung nicht auf die juristische Ebene reduzieren. Es geht um ein Beziehungsgeschehen: Gott stellt die Einheit mit Menschen aus Güte und Liebe wieder her.
  • Drittens muss Rechtfertigung in den Zusammenhang der Einheit mit Christus gestellt werden – ihre Grundlage ist die Inkorporation, also das In-Christus-Sein. Aus dem Sein in Christus folgt die Rechtfertigung.
  • Viertens muss die Reduktion der Rechtfertigung auf eine juristische Gerechterklärung aufgegeben werden. Wenn Gott gerechtspricht, dann bleibt er nicht bei einem Urteilsspruch stehen, sondern er setzt damit Realität und bringt effektiv Dinge in Ordnung. Und das bedeutet: er schafft eine Gemeinschaft, in der sein Wille getan wird.

Man merkt, wie hier von Paulus eine andere Geschichte erzählt wird als von Jesus. Diese Geschichten sollten nicht vorschnell systematisch harmonisiert werden. Man kann das als Theologe natürlich tun, aber damit nimmt man jeder einzelnen Geschichte ihre Würde und ihren Glanz. Man kann nicht mit zwei Golfschlägern gleichzeitig spielen. Trotzdem, nachdem im nächsten Kaptel noch die Theologie der frühen Kirchenväter zu diesem Thema skizziert wird, soll dann ein Beutel vorgesetellt werden, in den alle Schläger hineinpassen.

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