Jul 102012
 
Cover "Geschichte des Westens I"

Der Historiker Heinrich August Winkler hat ein monumentales Werk geschrieben: „Geschichte des Westens“.  2009 ist der erste Band erschienen, im Herbst 2011 der zweite (den ich noch nicht gelesen habe). Zwei Bände im 1350 Seiten-Format. Der erste reicht bis 1914, der zweite bis 1945. Ein dritter, der die Gegenwart erreichen soll, ist in Arbeit. Warum sollte man dieses Werk im christlichen Kontext zur Kenntnis nehmen?

Winkler sieht den „Westen“ als Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alte Wertegemeinschaft, die mit den Ideen von 1776 und 1789 (also den Menschenrechten) ihren Maßstab formulierte, an dem sie sich seither messen lassen muss. Winkler beschreibt einerseits die langwierige Entstehung dieses Projekts, andererseits die Ungleichzeitigkeit seiner Verwirklichung und die Widersprüche zwischen dem Anspruch des Projektes und seiner Praxis.

Besonders interessant ist, dass Winkler den Ursprung des Westens im jüdischen Monotheismus sieht, der dann über das Christentum weltgeschichtlich wirksam wurde. Entscheidend ist für Winkler dabei die Trennung von weltlicher und göttlicher Sphäre, die er im Wort Jesu „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist“ ausgedrückt findet. Aus diesem Keim der Trennung von politischer und geistlicher Gewalt wächst nach Winkler binnen 1000 Jahren in der westlichen Christenheit der Dualismus von Kirche und Reich, Papst und Kaiser. Durch dieses spannungsvolle Mit- und Gegeneinander wird die Macht beider begrenzt. Dadurch entsteht ein Freiraum, in dem nach und nach eine Pluralität unabhängiger Akteure möglich wird: verschiedene Territorialherrschaften, Stände, Nationalitäten, schließlich Gewaltenteilung.

Winkler sieht das Spezifikum Europas in diesem Grundzug der Pluralität, der Machtmonopole verhütet und damit Freiheit ermöglicht. Wie diese Freiheit im Lauf der europäischen (und ab dem 18. Jahrhundert auch der amerikanischen) Geschichte zu sich selbst fand, beschreibt er im ersten Band seines Werkes; wie sie sich unter Aufbietung aller Kräfte gegen den vor allem deutschen Angriff 1914-1945 zur Wehr setzte, im zweiten.

Als Theologe mag einem die Herleitung der christlichen Wurzeln dieser Freiheit bei Winkler ein wenig zu mager erscheinen; dass Winkler sich theologisch vor allem auf Bultmann, Freud und ein einziges Jesuswort stützt, zeigt, dass die historische Theologie nicht zu seinem Fachgebiet zählt. Dennoch hat er eine bemerkenswert tragfähige Linie von der Freiheit des Evangeliums zur Freiheit des Westens gezogen. Nicht zuletzt bemerkenswert ist dabei die Parallele, dass beide sich immer wieder in Widersprüche zwischen Projekt und Praxis verstricken und darüber ins Stolpern geraten.

Von einer leicht veränderten theologischen Position aus könnte man es so formulieren: nachdem erst einmal der Gott Israels und sein Wort in der Welt waren, erwächst den Mächten dieser Welt ein ernsthafter Gegenspieler, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Wenn das gut läuft, entstehen daraus Gewaltenteilung, Menschenrechte und mannigfaltige zivilisatorische Errungenschaften. Aber niemand denke, dass solche Errungenschaften ein für alle Mal gesichert sind. Der Kampf ist noch nicht zu Ende.

Jul 312009
 

Angeregt von der Beschäftigung mit Barack Obama bin ich auf die Frage gestoßen, welche Spuren die Begegnung zwischen Moderne und traditioneller Kultur eigentlich bei uns hinterlassen hat. Der Unterschied ist natürlich, dass die Moderne (ich benutze mit Absicht einen etwas unscharfen Begriff) in Europa erfunden worden ist und dass die Menschen hier jahrhundertelang Zeit hatten, sich modernem Denken anzunähern.

Dennoch war auch bei uns die Durchsetzung der Moderne ein ziemlich heftiger Eingriff in die Lebenswelt der Menschen. Dafür zwei Beispiele:

  • Die Einführung und Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht ging auch mit brutaler Gewalt gegen die Schulkinder einher. Noch heute erzählen ältere Menschen davon, wie sie in der Schule massiv geschlagen worden sind (der Konfirmandenunterricht unterschied sich davon nicht grundsätzlich). Nicht, dass Kinder vorher ohne Schule gewaltfrei aufgewachsen wären. Und natürlich ist Alphabetisierung ein wichtiger Schritt zur Überwindung von Armut und Krankheit und in Richtung auf gesellschaftliche Teilhabe breiter Schichten. Trotzdem erinnern die Prügel in der Schule ein wenig an die Rolle der Peitsche bei der Unterwerfung der außereuropäischen Kolonien. Die Menschen wurden nicht nur gebildet, sondern ihnen wurde auch der Eigensinn aus dem Leib geprügelt. Sie wurden früh jedenfalls ein Stück weit traumatisiert (oder lebten in Furcht davor), und andere Großorgansationen wie das Militär und später die Fabriken konnten da weitermachen. Wer darüber mit älteren Menschen spricht, spürt bis heute einen Widerhall davon in Sätzen wie „Eine Tracht Prügel hat noch keinem geschadet“.
    Überhaupt ist ein zentraler Effekt der Moderne die Eingliederung von Menschen in rational entworfene Großorganisationen. Wer sich quer dazu stellte, wurde in Gefängnissen und Irrenhäusern entsorgt. Die Biotope, in denen man sich dem Zugriff der Zentralmacht noch entziehen konnte, wurden nach und nach ziemlich wirksam ausgetrocknet.
  • Diese Eingliederung in größere Einheiten führte zu einer massiven Schwächung der älteren Sozialformen: Familie und Dorfgemeinschaft. Auch hier geht es mir nicht um den Mythos einer vormodernen heilen Welt. Diese alten Sozialformen waren oft eng und unterdrückerisch. Der Konformitätsdruck war hoch. Keiner von uns heute würde so leben wollen. In den Märchen und Geschichten unserer Gegend z.B. sucht man vergebens die tapferen Schneiderleins und pfiffigen jüngeren Königssöhne aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Stattdessen stößt man haufenweise auf Geschichten davon, was mit vorwitzigen Kindern geschieht, die sich nicht an die Regeln hatten: die holt die Kornmuhme oder ein anderer Unhold. Punkt. Aus. So läuft es eben.
    Bis in die 1960er Jahre ist auf dem Lande das enge Lebensumfeld der Menschen eher vormodern geprägt gewesen. Der Individualismus ist hier noch nicht sehr alt. Die immense frühere Bedeutung der Großfamilie ist bis heute spürbar. Das ändert sich erst, wenn die Großmütter nicht mehr da sind, deren Bestreben es war, die Schar der Kinder, Enkel und Urenkel wenigstens ideell zusammenzuhalten. Erst das Fernsehen, die bessere Schulbildung und die berufliche Mobilität haben diese Lebenswelt endgültig aufgebrochen. Dadurch fehlt manchem aber auch die Orientierung, die früher die Großfamilie gegeben hat. Vielleicht sind auch bei uns manche chaotischen Lebens- und Beziehungsverläufe aus dieser Zerrissenheit zwischen zwei (und mehr) Kulturen zu erklären.

Auch bei uns ist das Doppelgesicht der Moderne zu spüren: einerseits eine enorme Verbesserung der Lebensbedingungen, eine Stärkung der Kompetenz und Mündigkeit der Menschen. Aber gleichzeitig entkleidet sie die Menschen – sie nimmt ihnen die (soziale und kulturelle) Umgebung, in der sie sich bisher einigermaßen geborgen haben und nimmt sie für übermächtige Institutionen in Anspruch. Und wenn diese Institutionen Verbrechen begehen, dann in großem Maßstab. Beides gehört zur Moderne: die Befreiung aus Unmündigkeit und Enge; und die viel intensivere Ausnutzung der Menschen, ihre Verfügbarmachung für rational funktionierende Großorganisationen.

Auf dieses Doppelgesicht reagiert mancher mit der Sehnsucht nach einem Zurück in die Zeit vor die Moderne. Aber das ist weder möglich noch erstrebenswert. Auch Traditionalisten nutzen Handys und Internet, gehen zum Arzt, kaufen bei Aldi. Keiner kann zurück in die Zeit vor der Aufklärung. Und wer würde sich ernsthaft wünschen, wieder im geografischen und geistigen Horizont eines Dorfes und seiner Machtstrukturen zu leben?

Es bleibt nur der Weg nach vorn: die Doppelheit im Impuls der Moderne zu entwirren. Obama hat das unter dem Stichwort des „amerikanischen Traums“ versucht. Sicher ein bisschen zu optimistisch – es ging ja schließlich auch um Wählerstimmen. Die öffentliche Inszenierung solcher Inhalte unterliegt trotz aller brillanten Rhetorik den Regeln der Massenkommunikation und ist natürlich plakativer als ein dickes Buch.

Aber Obama hat offensichtlich einen Weg gefunden, um den Konflikt zu überwinden, der in seinen doppelten Wurzeln (Kansas und Kenia) angelegt war. Deswegen kann er dann auch rückblickend mit einer fairen Balance zwischen Zuneigung, Skepsis, Kritik und Solidarität die Geschichte seiner Familie(n) entdecken und beschreiben. Weil er einen Weg nach vorn gefunden hat, deshalb kann er der Vergangenheit gerecht werden und sie so ein Stück weit befrieden.

Dieser Weg nach vorn ist ihm anscheinend bei der Stadtteilarbeit in Chicago endgültig deutlich geworden: die modernen Traditionen der Freiheit nicht obrigkeitlich den Menschen aufzudrücken, sondern sie mit ihnen zu leben. Eine Moderne, die nicht als Diktat kommt, nicht als Entwicklungsdiktatur (brutal oder gemäßigt), sondern als ein gemeinsamer Weg ins Offene. Eine Moderne, die zurückgeht und noch einmal von vorn beginnt, aber diesmal mit den Menschen und nicht gegen sie. Auf dieser Basis könnten die Wunden der Modernisierung vielleicht eines Tages geheilt werden.

Und was könnte das für uns bedeuten?