Jul 312009
 

Angeregt von der Beschäftigung mit Barack Obama bin ich auf die Frage gestoßen, welche Spuren die Begegnung zwischen Moderne und traditioneller Kultur eigentlich bei uns hinterlassen hat. Der Unterschied ist natürlich, dass die Moderne (ich benutze mit Absicht einen etwas unscharfen Begriff) in Europa erfunden worden ist und dass die Menschen hier jahrhundertelang Zeit hatten, sich modernem Denken anzunähern.

Dennoch war auch bei uns die Durchsetzung der Moderne ein ziemlich heftiger Eingriff in die Lebenswelt der Menschen. Dafür zwei Beispiele:

  • Die Einführung und Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht ging auch mit brutaler Gewalt gegen die Schulkinder einher. Noch heute erzählen ältere Menschen davon, wie sie in der Schule massiv geschlagen worden sind (der Konfirmandenunterricht unterschied sich davon nicht grundsätzlich). Nicht, dass Kinder vorher ohne Schule gewaltfrei aufgewachsen wären. Und natürlich ist Alphabetisierung ein wichtiger Schritt zur Überwindung von Armut und Krankheit und in Richtung auf gesellschaftliche Teilhabe breiter Schichten. Trotzdem erinnern die Prügel in der Schule ein wenig an die Rolle der Peitsche bei der Unterwerfung der außereuropäischen Kolonien. Die Menschen wurden nicht nur gebildet, sondern ihnen wurde auch der Eigensinn aus dem Leib geprügelt. Sie wurden früh jedenfalls ein Stück weit traumatisiert (oder lebten in Furcht davor), und andere Großorgansationen wie das Militär und später die Fabriken konnten da weitermachen. Wer darüber mit älteren Menschen spricht, spürt bis heute einen Widerhall davon in Sätzen wie „Eine Tracht Prügel hat noch keinem geschadet“.
    Überhaupt ist ein zentraler Effekt der Moderne die Eingliederung von Menschen in rational entworfene Großorganisationen. Wer sich quer dazu stellte, wurde in Gefängnissen und Irrenhäusern entsorgt. Die Biotope, in denen man sich dem Zugriff der Zentralmacht noch entziehen konnte, wurden nach und nach ziemlich wirksam ausgetrocknet.
  • Diese Eingliederung in größere Einheiten führte zu einer massiven Schwächung der älteren Sozialformen: Familie und Dorfgemeinschaft. Auch hier geht es mir nicht um den Mythos einer vormodernen heilen Welt. Diese alten Sozialformen waren oft eng und unterdrückerisch. Der Konformitätsdruck war hoch. Keiner von uns heute würde so leben wollen. In den Märchen und Geschichten unserer Gegend z.B. sucht man vergebens die tapferen Schneiderleins und pfiffigen jüngeren Königssöhne aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Stattdessen stößt man haufenweise auf Geschichten davon, was mit vorwitzigen Kindern geschieht, die sich nicht an die Regeln hatten: die holt die Kornmuhme oder ein anderer Unhold. Punkt. Aus. So läuft es eben.
    Bis in die 1960er Jahre ist auf dem Lande das enge Lebensumfeld der Menschen eher vormodern geprägt gewesen. Der Individualismus ist hier noch nicht sehr alt. Die immense frühere Bedeutung der Großfamilie ist bis heute spürbar. Das ändert sich erst, wenn die Großmütter nicht mehr da sind, deren Bestreben es war, die Schar der Kinder, Enkel und Urenkel wenigstens ideell zusammenzuhalten. Erst das Fernsehen, die bessere Schulbildung und die berufliche Mobilität haben diese Lebenswelt endgültig aufgebrochen. Dadurch fehlt manchem aber auch die Orientierung, die früher die Großfamilie gegeben hat. Vielleicht sind auch bei uns manche chaotischen Lebens- und Beziehungsverläufe aus dieser Zerrissenheit zwischen zwei (und mehr) Kulturen zu erklären.

Auch bei uns ist das Doppelgesicht der Moderne zu spüren: einerseits eine enorme Verbesserung der Lebensbedingungen, eine Stärkung der Kompetenz und Mündigkeit der Menschen. Aber gleichzeitig entkleidet sie die Menschen – sie nimmt ihnen die (soziale und kulturelle) Umgebung, in der sie sich bisher einigermaßen geborgen haben und nimmt sie für übermächtige Institutionen in Anspruch. Und wenn diese Institutionen Verbrechen begehen, dann in großem Maßstab. Beides gehört zur Moderne: die Befreiung aus Unmündigkeit und Enge; und die viel intensivere Ausnutzung der Menschen, ihre Verfügbarmachung für rational funktionierende Großorganisationen.

Auf dieses Doppelgesicht reagiert mancher mit der Sehnsucht nach einem Zurück in die Zeit vor die Moderne. Aber das ist weder möglich noch erstrebenswert. Auch Traditionalisten nutzen Handys und Internet, gehen zum Arzt, kaufen bei Aldi. Keiner kann zurück in die Zeit vor der Aufklärung. Und wer würde sich ernsthaft wünschen, wieder im geografischen und geistigen Horizont eines Dorfes und seiner Machtstrukturen zu leben?

Es bleibt nur der Weg nach vorn: die Doppelheit im Impuls der Moderne zu entwirren. Obama hat das unter dem Stichwort des „amerikanischen Traums“ versucht. Sicher ein bisschen zu optimistisch – es ging ja schließlich auch um Wählerstimmen. Die öffentliche Inszenierung solcher Inhalte unterliegt trotz aller brillanten Rhetorik den Regeln der Massenkommunikation und ist natürlich plakativer als ein dickes Buch.

Aber Obama hat offensichtlich einen Weg gefunden, um den Konflikt zu überwinden, der in seinen doppelten Wurzeln (Kansas und Kenia) angelegt war. Deswegen kann er dann auch rückblickend mit einer fairen Balance zwischen Zuneigung, Skepsis, Kritik und Solidarität die Geschichte seiner Familie(n) entdecken und beschreiben. Weil er einen Weg nach vorn gefunden hat, deshalb kann er der Vergangenheit gerecht werden und sie so ein Stück weit befrieden.

Dieser Weg nach vorn ist ihm anscheinend bei der Stadtteilarbeit in Chicago endgültig deutlich geworden: die modernen Traditionen der Freiheit nicht obrigkeitlich den Menschen aufzudrücken, sondern sie mit ihnen zu leben. Eine Moderne, die nicht als Diktat kommt, nicht als Entwicklungsdiktatur (brutal oder gemäßigt), sondern als ein gemeinsamer Weg ins Offene. Eine Moderne, die zurückgeht und noch einmal von vorn beginnt, aber diesmal mit den Menschen und nicht gegen sie. Auf dieser Basis könnten die Wunden der Modernisierung vielleicht eines Tages geheilt werden.

Und was könnte das für uns bedeuten?

Mai 202007
 

Nachdem ich in den vorigen beiden Posts (hier und hier) über die Organisation unseres Clusters geschrieben habe, kommen hier die Grundsätze, also die Gedanken dahinter. Es wird dann noch einen weiteren Post über Perspektiven und Probleme geben.

Grundsätze der Gruppe „HorizonT“

Wir haben diese Grundsätze vor einigen Jahren so beschlossen. Manches ist vielleicht ein bisschen umständlich formuliert, aber bisher haben sie uns recht gut als Richtlinie gedient. Ob wir unserem Anspruch immer gerecht werden, ist eine andere Frage. Aber die Grundsätze zeigen die Richtung, in die wir gehen wollen.
Die kurzen Erläuterungen dazwischen habe ich jetzt gerade für den Blog geschrieben.

  1. Es geht um ein gemeinsames Entdecken der Nachfolge Jesu und des Lebens im Heiligen Geist.
    „Gemeinsames Entdecken“ – also: wir sind gemeinsam auf der Suche. Was Nachfolge ist, was Heiliger Geist, das steht nicht selbstverständlich fest, sondern muss in unserer Zeit erst wieder neu entdeckt werden.
  2. Es geht nicht um Sammlung und Betreuung der Erlösten, sondern um offensive Durchdringung der Welt.
    Wir wollen keine defensive christliche Kultur aufbauen, in der man bis zum Tod oder dem Ende der Welt
    überwintert. Eine defensive Kultur wird keine Ausstrahlung entwickeln.
  3. HorizonT soll lebensverändernd, bedeutungsvoll und echt sein.
    HorizonT ist kein Hobby, sondern es geht um wirkliche Lebensveränderung. Dazu müssen wir uns echt begegnen.
  4. Wir wollen uns gegenseitig im Alltag begleiten.
    Kommentar unnötig.
  5. Wir wollen Menschen mit dem und für das gewinnen, was wir wirklich sind und tun.
    Also keine Trennung in tolle missionarische Aktivitäten und das dann vielleicht enttäuschende Gruppenleben.
  6. Zur Gruppe sollen jederzeit neue Teilnehmer auf allen Stationen ihrer geistlichen Reise dazustoßen können.
    Und so soll
    auch an ganz normalen Abenden das Programm gestaltet sein.
  7. Wir entwickeln eine befreiende Kultur des christlichen Glaubens. Dazu gestalten wir auch Details bewusst.
    Wir wollen uns hüten vor engen und bevormundenden Stilen, die einige von uns schmerzlich erlebt haben und vor Ritualen, die Selbstzweck geworden sind. „Kultur“ bedeutet: es geht nicht nur um die grundsätzlichen Fragen, sondern die sollen sich auch in den Details der Gruppenkultur ausdrücken. Daran arbeiten wir permanent.
  8. Wir bleiben unabhängig von anderen christlichen Traditionen, aber wir übernehmen alles, was hilfreich und sinnvoll ist.
    Lernen kann man überall. Ganz viel haben wir uns bei den unterschiedlichsten Gemeinden abgeguckt. Aber wir prüfen genau, was zu uns passt und was nicht. Wir sind nicht die Ortsgruppe von Bewegung XY.
  9. Wir wollen mit Jesus Schritt halten – deshalb reflektieren wir regelmäßig den Weg der Gruppe und wollen flexibel bleiben.
    Wir wissen, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Wir wollen Innovation in die Gene der Gruppe einbauen. Deshalb besprechen wir immer wieder den Weg der Gruppe im ganzen Cluster und in den Teams.

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Mai 172007
 

In einem ersten Post hatte ich eine Übersicht über die bei uns entwickelte Form eines Clusters (Bündelung von Kleingruppen) gegeben. In diesem Post stelle ich die unterstützende Infrastruktur im Hintergrund dar.

Leitung

Wie jede Gruppe braucht auch HorizonT eine Leitungsstruktur. Zentrales Leitungsorgan ist bei uns das kleine Team, das aus etwa 5 Mitgliedern besteht. Das Team ist vor allem zuständig für die Beobachtung der Gruppenentwicklung und die Planung. Wir verbringen viel Zeit damit, mögliche Entwicklungspfade zu diskutieren und neue Impulse zu finden, die wir dann in die Gruppe hineingeben. Natürlich geht es auch immer mal wieder um Organisatorisches, aber diesen Teil versuchen wir zu minimieren. Stattdessen überlegen wir lieber, wie wir die Prozesse in der Gruppe so einfach und übersichtlich gestalten, dass die Organisation von allein klappt.

Das kleine Team wertet jede Woche den Abend im Anschluss kurz aus: wie hat alles geklappt, wie läuft es in den Gruppen, was muss für das nächste Mal bedacht werden usw. So geht wenig verloren oder wird übersehen. Außerdem trifft sich das kleine Team etwa alle zwei Wochen zur Teamsitzung, bei der wir intensiv über die Weiterentwicklung der Gruppe nachdenken: was muss verändert werden, welche Regelungen sollten wie implementiert werden, müsste man nicht alles noch mal ganz anders machen? Wir denken über alles nach, schmeißen viele Ideen wieder weg und behalten das, was uns am besten gefällt. Und hinterher werten wir aus. Wir sind gern zusammen, wir denken gern gemeinsam nach. Manchmal merken wir aber auch, dass wir kaum noch wissen, wie es dem anderen geht (wir sind über die Untergruppen verstreut). Dann erzählen wir uns erstmal gegenseitig, wie es bei uns aussieht. Oft fragt mich meine Frau hinterher: »Was war denn heute wieder bei euch los? Ich habe euch dauernd lachen gehört.« (unser Haus ist nicht gut schallisoliert). Die Teamarbeit muss Spaß machen, sonst ist sie nur ein weiterer belastender Termin im Kalender.
Diese Fantasiearbeit im kleinen (und auch im großen, s. u.) Team ist von entscheidender Bedeutung. Hätten wir nur einen Leiter oder ein Leiterehepaar, dann wäre die Gefahr der Stagnation viel größer – einfach, weil man als Einzelner viel schneller dazu neigt, alles wieder nach Schema F zu machen. Wir haben immer wieder erlebt, dass die Gruppe leidet, wenn sich das Team – z.B. wegen Terminproblemen – länger nicht trifft. Die Gruppe läuft dann eben wie immer, aber es kommen keine neuen Impulse, und Probleme werden übersehen. Das alles trägt dazu bei, dass die Gruppe auch nach 9 Jahren (da fingen wir mit einer Kleingruppe an) flexibel bleibt und immer wieder Neues ausprobiert.
Ein weiteres Leitungsgremium ist das große Team. Es trifft sich in größeren Abständen (1-3 Monate) und bespricht die großen Linien. Grundsätzlich gilt für das große Team alles, was ich zum kleinen Team geschrieben habe. Es ist nur weniger intensiv, weil es sich seltener trifft. Zum großen Team gehören Gruppenmitglieder, die am Kurs der Gruppe interessiert sind, aber nicht die Zeit haben, regelmäßig in der Leitung mitzuarbeiten. Diese Gruppe ist offen für alle Interessierten; ihre Treffen werden regelmäßig angekündigt. Wenn alle da sind, gehören zum großen Team beinahe 50 % der Mitglieder.
Diese Leitungsstruktur ist für die Gruppe transparent. Weniger in dem Sinn, dass Titel und Ämter vergeben werden, sondern so, dass die Gruppe weiß, dass es die verschiedenen Teams gibt. Sie merkt es vor allem daran, dass sie immer wieder mal mit neuen Ideen traktiert wird 😉 . Aber inzwischen ist das schon nicht mehr so überraschend. Man kann sich auch an konstante Veränderung gewöhnen, wirklich. Wir versuchen dafür zu sorgen, dass das Wissen um die Planungsprozesse durch den Cluster hindurch verteilt ist.
Der ganze Cluster ist durch regelmäßige Planungsabende an der Leitung beteiligt.

Planungsabende

Im Abstand von etwa 1/2 Jahr gibt es Planungsabende für die ganze Gruppe. Wir tragen auf Karten Eindrücke zusammen, sammeln sie an einer Pinwand und ordnen sie zu einer Momentaufnahme der Gruppe. Von da aus entwickeln wir dann Perspektiven für das nächste halbe Jahr. Es ist interessant zu sehen, dass sich in der Regel aus den unterschiedlichen Beiträgen eine relativ einheitliche Momentaufnahme des Gruppenprozesses ergibt.
Über die Ergebnisse wird ein Protokoll erstellt – an Hand dieser Protokolle kann man recht gut sehen, wie sich die Gruppe entwickelt, welche Problem gelöst und welche Aufgaben noch offen sind.

Die bisher beschriebenen Elemente gehören sozusagen zum Kern unserer Cluster-Infrastruktur. Darüber hinaus haben wir noch weitere Strukturen entwickelt oder eingebaut (ich nenne sie mal Module), die wichtig und hilfreich, aber variabel sind. Sie kommen je nach Situation stärker oder schwächer zur Geltung.

Modul: Freundeskreis

Im Laufe der Zeit stießen wir darauf, dass die Gruppe ein Umfeld an »Sympathisanten« erzeugt: Menschen, die wir kennen, die freundlich an uns interessiert sind, ohne sich jedoch der Gruppe anschließen zu wollen. Oft sind es Freunde und Bekannte, Ehepartner und Kinder der Gruppenmitglieder; oder interessierte Menschen, auf die ich im Rahmen meiner Gemeindearbeit aufmerksam werde. Auch wenn wir es sehr bedauerlich fanden, dass sie nicht zu uns stießen, so entschlossen wir uns doch, diese Tatsache zu akzeptieren. Wir überlegen deshalb ständig, wie wir alles, was wir tun, so gestalten können, dass jederzeit Außenstehende – auch nur punktuell – dazustoßen können. So entsteht eine Art Freundeskreis, für den es keine feste Mitgliedschaft gibt, den wir aber immer mal wieder (z.B. zu HorizonT- Abenden, s. u.) einladen. Dabei gilt: wir machen nur Dinge, von denen wir selbst etwas haben. Wenn dann jemand aus dem Freundeskreis dazu kommt – um so besser. Wenn nicht, ist es für uns selbst. Einige aus dem Freundeskreis sind doch noch Gruppenmitglieder geworden, andere haben sich aus diesem Umfeld auch wieder entfernt.

Modul: HorizonT- Abend

Alle 1-2 Monate machen wir einen gemeinsamen Abend, zu dem wir auch gezielt Gäste einladen (in der Regel nicht öffentlich, sondern persönlich). Mal kommen mehr, mal weniger. Es gibt ein gemeinsames Abendessen, anschließend einen inhaltlichen Beitrag, dann Gespräche dazu in den Kleingruppen, die um unsere Gäste verstärkt sind. Im letzten halben Jahr hatten wir einen fortlaufenden Ehe-Kurs im Monatsabstand, aber meist machen wir abgeschlossene Einzelabende. Wir suchen uns nicht besondere „missionarische“ Themen aus, sondern bearbeiten Themen, die uns selbst auch voranbringen. Manchmal laden wir auch Referenten ein (z.B. hat ein örtlicher Gynäkologe über seine befristete Mitarbeit in einer afrikanischen Klinik erzählt – das war übrigens teilnehmermäßig der Renner).

Modul: Seminar

Ca. zweimal im Jahr machen wir gemeinsam ein Wochenendseminar: eins im Gemeindehaus und eins auswärts. Auch dazu fahren oft Gäste mit. Gerade eben war das Thema der sich abzeichnende Klimawandel, im vergangenen Herbst haben wir gemeinsam Bonhoeffer-Texte gelesen.

Modul: Internet

Eigentlich müsste sich in einer Gruppe wie HorizonT ausgezeichnet internetgestützt arbeiten lassen: Termine, Ideen, Texte in der Woche übers Internet zu kommunizieren, das würde die Kommunikationsdichte enorm verstärken. Oder wenn alle twittern täten. Als Idee klasse (vielleicht klappt es ja bei anderen), aber in der Praxis ist es daran gescheitert, dass viele unserer Mitglieder nicht gern oder gar nicht im Internet sind. Stattdessen blogge ich jetzt eben.

Modul: Musikalische Späterziehung

Einige von uns wollten gern nachholen, was ihnen in ihrer Jugend nicht gelungen ist: Zugang zur Musik finden. Dafür gibt es jetzt zusätzlich eine Gruppe. Auch dort machen einige Gäste mit.

Ideen für weitere Module

Wir probieren immer mal wieder was Neues aus, ohne vorher zu wissen, was draus wird:

  • Wir haben zusammen ein Gefängnis besucht
  • Vielleicht arbeiten wir mal bei einer Tafel mit
  • wir kümmern uns, wenn es sich ergibt, um Menschen mit besonderen Problemen – mit wechselndem Erfolg
  • wir geben uns Tipps, wie sich der Alltag schöpfungsfreundlicher gestalten lässt (gestern hatte unsere neue Bio-Kiste [Gemüse-Abo, auch das gibt es inzwischen auf dem Land] ihren großen Auftritt bei HorizionT)

So, das war eine Übersicht über die Organisation. Dahinter stehen natürlich auch formulierte Grundsätze und pragmatische Prinzipien. Darüber wird es demnächst einen weiteren Post geben.

Mai 142007
 

Ich hatte im letzten Post ein Cluster-Konzept aus Sheffield übersetzt, das ich interessant fand, weil wir bei uns – ohne den Begriff zu kennen – auch so etwas wie ein Cluster-Konzept entwickelt haben. Durch den Kommentar von Simon erfuhr ich jetzt von anderen Cluster-Erfahrungen und möchte nun noch einmal unser Konzept etwas deutlicher beschreiben.

Probleme mit Kleingruppen

Ausgangspunkt war bei uns die übliche Kleingruppen-Erfahrung: wachsende Kleingruppen werden irgendwann zu groß, und dann schrumpfen sie wieder oder wachsen wenigstens nicht mehr. Außerdem werden sie mit der Zeit unbeweglich. Der übliche Ratschlag für so eine Situation ist das Teilen der Gruppe: es entstehen zwei Gruppen, die dann wieder wachsen, bis sie so groß sind, dass sie wieder geteilt werden.
Manchmal funktioniert dieses Konzept wohl auch. Ich habe es jedenfalls jahrelang brav probiert. Wir hatten damit aber fast immer Probleme:

  • meistens lässt sich so eine Gruppenteilung nur mit einem gewissen Maß an Gewalt durchdrücken, weil Menschen an den Beziehungen in ihrer Kleingruppe hängen
  • bei solchen Teilungen verliert man fast immer Menschen (aus den verschiedensten Gründen)
  • die neuen Gruppen entwickeln schnell ein Eigenleben, und es ist schwer, sie dann punktuell wieder zusammen zu bekommen
  • es stehen nicht immer genügend neue Gruppenleiter zur Verfügung (mein ursprünglicher naiver Optimismus, dass Gott die schon schicken würde, hat den Praxistest nicht bestanden – vielleicht funktioniert das ja in anderen Umgebungen)
  • für die Gruppenleiter ist das dann notwendige Koordinierungstreffen eine weitere Terminbelastung – und sie sehen nicht unbedingt, was ihnen das bringt; ein individuelles Coachung ist bei solchen Treffen nicht immer möglich
  • wenn ich zusätzlich noch eine individuelle Betreuung der Leiter leisten soll, dann bin ich auch zeitlich überfordert

Als wir dann mit unserer Gruppe „HorizonT“ (eine Art Experimental-Gruppe auf der Suche nach neuen Möglichkeiten) die normale Kleingruppen-Größe überschritten, war für mich deshalb klar: keine weiteren Teilungsversuche. Aber was dann?
Als Antwort entwickelten wir so etwas wie ein Cluster-Modell. Continue reading »

Mai 062007
 

Freitag und Samstag hatten wir von HorizonT aus ein Seminar mit dem Thema „Schöpfung und Globale Erwärmung“. Es sieht so aus, als ob wir noch einmal neu überlegen müssen, was die kommenden Veränderungen des Weltklimas auch für uns als Gemeinschaft bedeuten.

Mir ist vor allem wichtig geworden, dass wir uns selbst und die Menschen um uns herum vor jeder Art von Zynismus bewahren müssen. Mit Zynismus meine ich: ein Sich-Einrichten im Schlimmen, mit irgendwelchen Argumentationen (von Nicht-wahr-haben-Wollen bis Resignation), die sich alle darin treffen, dass sie uns Umkehr und Engagement ersparen.

Die entscheidenden Probleme sind in den Köpfen (und Herzen) lokalisiert, sie sind geistlicher Art.

Für dieses Seminar habe ich in der vergangenen Woche gearbeitet, deshalb ist es hier mit Bonhoeffer nicht weitergegangen.

Für alle, die sich gewünscht hatten, dass man die Präsentation noch einmal nachlesen kann:
hier ist sie im OpenOffice-Format (1MB)
hier im Power-Point-Format (1,2 MB) für alle die nicht von Microsoft loskommen
hier im Flash-Format (300kB), dann aber ohne die netten Klick-Effekte
Allerdings ist das immer nur das argumentative Gerüst – was ich dazu erzählt habe, war nicht aufgeschrieben.

Eine-unbequeme-WahrheitDer Al Gore-Film („Eine unbequeme Wahrheit“) ist auch sehr zu empfehlen. Gut, wie er auch immer die tieferen Fragen nach der persönlichen Haltung stellt.

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Apr 022007
 

Wenn ich es recht sehe, dann gehören die meisten in der „emergent“-Blogosphäre entweder in selbständige christliche Gemeinschaften, Freikirchen oder landeskirchliche Gemeinden besonderen Typs. Ein bisschen exotisch komme ich mir da schon vor als Pastor einer ländlichen landeskirchlichen Ortsgemeinde. Deswegen schreibe ich heute etwas darüber, was ich als unterschiedliche Perspektive von Landes- und Freikirchen wahrnehme.

  • Zunächst einmal: der Unterschied liegt eigentlich nicht in der Theologie. In all den Diskussionen über das Ende der „Christendom“-Ära wird deutlich, dass aus dieser Perspektive gar kein großer Unterschied zwischen Landes- und Freikirchen ist. Oder, anders gesagt: die Freikirchen haben sich organisatorisch von der Staatskirche getrennt, sind ihr aber theologisch an den entscheidenden Punkten treu geblieben. Aus der Post-Christendom-Sicht rücken Gegensätze wie Kinder/Glaubenstaufe, Mitgliedschafts- oder Entscheidungschristentum, ja sogar die Frage nach den Charismen in die zweite bis dritte Reihe. Und ich habe erlebt, dass freikirchliche church plants dem Pfarramt die starke Stellung einräumen, die es sonst nur in der Landeskirche hat – und das als Schritt nach vorn beschreiben (wegen der Innovationschancen). Und die These, dass die Ära des „Christendom“ zu Ende geht, kommt ja u.a. aus den USA, die nie unsere landeskirchlichen Strukturen hatten.
  • Es gibt hier eine sehr grundlegende gemeinsame Basis, die die allermeisten Christen in unserem Land, aber auch in vielen anderen Ländern verbindet, eine gemeinsame Systemgeschichte. Die ist das Problem, und wie wir die neu erzählen können, wissen wir alle noch nicht so genau.
  • Aber im Bereich freier Gemeinden und Gemeinschaften gibt es offensichtlich mehr Nischen, in denen über neue Dinge nachgedacht werden kann. Man hat da nicht so viele Vorschriften, die man beachten muss. Und man hat mehr Leute, die sich auch ganz persönlich mehr von Jesus erwarten.
    Obwohl, da würde ich gern mal was von den Brüdern und Schwestern aus den entsprechenden Gruppierungen hören: wie groß ist eigentlich bei euch der Druck zur Konformität? Kann die stärkere persönliche Verbundenheit eigentlich auch eine Blockade sein, die einen bei neuen Gedanken ausbremst? Das ist keine Behauptung, sondern eine echte Frage. Ich hab da zu wenig Übersicht. Aber wenn dann einer auf neue Gedanken kommt, dann findet er in freien Gemeinden auch schneller eine interessierte Umgebung – stimmt das?
  • Ich selbst schätze an meiner Arbeit in einer landeskirchlichen Gemeinde, dass man als Pastor immer wieder mit einem repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaft zu tun bekommt. Ich habe Konfirmanden von Sonderschule bis Gymnasium (und die Eltern dazu), ich beerdige Leute aus jeder sozialen Schicht, höre ihre Lebensgeschichten und denke mich in ihre Lebenswelt hinein. Ich kann mich in keine fromme Sonderwelt zurückziehen. Die Kultur der normalen Leute holt mich immer wieder ein. Nicht, dass ich es dann immer richtig mache, aber ich werde die Aufgabe nicht los.
  • Was ich theologisch überlege, muss ich auch Viertklässlern erklären können; oder ich muss herausfinden, was das für Hochzeiten und Traueransprachen bedeutet. Wenn ich kulturell irrelevant werde, bekomme ich schnell und manchmal auch heftig Reaktionen. Andererseits: wenn Konfirmanden bei irgendetwas tatsächlich zuhören und verstehen, kann es nicht ganz falsch sein.
  • Dieser Vorteil gleicht für mich die natürlich auch vorhandenen Schattenseiten der Landeskirche entscheidend aus. Als solche würde ich sehen:
    – das chronische Misstrauen gegenüber den Gemeinden und Pastoren, kurz: gegenüber der Basis;
    – die Kontrolle, die damit verbunden ist und unheimlich viel Reibungsverluste bedeutet, die Energie und Zeit rauben;
    – das Denken in Strukturen, Ordnungen, Vorschriften, Institutionen. Dass es dabei eigentlich doch um die Menschen gehen sollte, verschwindet faktisch dahinter (auch wenn es natürlich immer wieder verkündet wird);
    – die organisatorische Schwerfälligkeit und die denkerische Horizontbegrenzung, die solch feste Strukturen fast immer mit sich bringen;
    – die zentrale Finanzierung bedeutet, dass die Ortsgemeinden die Finanzen bekommen, die übrig bleiben, nachdem alle anderen kirchlichen Ebenen versorgt sind. Hätten wir das Geld, das unsere Mitglieder als Kirchensteuer bezahlen, dann hätten wir keine finanziellen Probleme und könnten trotzdem noch eine ganze Menge für übergemeindliche Zwecke abgeben!

So weit erst einmal meine Eindrücke. Ich würde mich freuen, wenn du aus deiner speziellen Sicht etwas dazu schreiben würdest!

Mrz 062007
 

Das SINUS-Institut beobachtet die verschiedenen gesellschaftlichen Milieus und ihre Veränderung. Sie teilen die Gesellschaft in zehn Milieus ein (Bürgerliche Mitte, Etablierte, Konservative, Hedonisten, Experimentalisten, Post-Materielle, Traditionsverwurzelte, Moderne Performer, DDR-Nostalgiker, Konsum-Materialisten). Kurzbeschreibungen davon kann man sich im Web ansehen – sehr lebendig und eindrücklich – kurz: das pralle Leben.
Interessant, wenn man sich oder andere dort wiederfindet …

Jan 292007
 

Wer sich im Internet umschaut, merkt: Es gibt viele grundlegend neue Gedanken über die Gemeinde der Zukunft. Skizzenhaft oft noch, aber mit der Bereitschaft, Gemeinde noch einmal ganz neu zu denken. Weg von dem, was wir als die Gesellschaft dominierendes Christentum kennen. Wie aber sieht das aus in der norddeutschen Tiefebene?

Unter einem Stichwort wie „emerging church“ denken international viele unterschiedliche Christen darüber nach, wie zukunftsfähige christliche Gemeinschaften aussehen können: ohne den Ballast aufwändiger und teurer Organisation, dafür echt, an Menschen orientiert, der sozialen Gerechtigkeit und einem freundlichen Umgang mit der Schöpfung verpflichtet. Orientiert an den ersten drei Jahrhunderten der Christenheit, die ohne staatliche Unterstützung (unter staatlichem Druck) ein enormes missionales Potential entfaltete. Inspirierende neue Gedanken kommen dabei vor allem aus dem englischsprachigen Raum – England, Australien, auch USA. Bücher sind oft (noch) nicht übersetzt, und vieles wird erst einmal im Internet formuliert und diskutiert. In Weblogs finden sich viele Mosaiksteine. Als jemand, der in einer eher ländlichen Situation lebt und arbeitet, interessiert mich vor allem, wie das alles in meiner Umgebung funktionieren kann.

Denn viele Überlegungen und Experimente sind sehr deutlich von städtischer Kultur und deren Möglichkeiten geprägt. So viel Sympathie ich auch dafür habe – ich würde doch gern wissen, wie Gemeinde aussehen kann in einem Umfeld, in dem (noch?) sehr viel mehr Homogenität vorhanden ist, und wo die (auch vorhandenen) unterschiedlichen Kulturen und Lebensstile sehr viel durchlässiger sind.

Und dieses Umfeld ist keine aussterbende Kultur, sondern stellt einen erheblichen Anteil der deutschen Bevölkerung und Wirtschaftsleistung. So schrieb neulich (17.1.07) die Frankfurter Rundschau:

Rein numerisch hat der ländliche Raum noch ein großes Gewicht: Gut die Hälfte der Bevölkerung und 90 Prozent der Fläche des Staats gehören zum ländlichen Raum. Auch ökonomisch ist der ländliche Raum nicht von vornherein das Armenhaus der Nation. Natürlich gibt es viele ländliche Gebiete, die von hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung betroffen sind. Auf der anderen Seite stehen jedoch reiche oder aufstrebende Agrarlandschaften mit baulich und infrastrukturell attraktiven und intakten Dörfern.

und weiter:

Dörfer und ländliche Regionen sind äußerst vielfarbig und tiefgründig zugleich. Ihre ausgeprägten regionalen und lokalen Individualitäten, ihre vielschichtigen Potenziale und Probleme entziehen sich einer einfachen Darstellung und Generalisierung.

Aber auch auf dem Land bleibt die Zeit nicht stehen:

Als neuer Trend ist zu beobachten, dass – fast unsichtbar – moderne private Dienstleistungen wie Versicherungen, Steuer- und Unternehmensberatung, Soft- und Hardwareentwicklung ins Dorf Eingang gefunden haben.

Also: die gesellschaftlichen Trends kommen – mit einer gewissen Verzögerung – auch hier an. Aber sie mischen sich stärker in den Mainstream, werden unaufgeregt eingebaut. Was bedeutet das für die Zukunft der Gemeinde hier bei uns?

Diesem Thema möchte ich hier nachgehen – und auf der anderen Seite die motivierendsten Ideen zur Gemeinde der Zukunft sammeln und kommentieren. Ich finde es faszinierend, wie seit einigen Jahren ein ungeheuer beschleunigter Fluss von Gedanken und Ideen Christen verbindet, die geografisch manchmal Hunderte und Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind. Ohne große Organisation, einfach indem man sich von einer Website zur anderen, von einem Blog zum nächsten hangelt. Und hiermit startet auch mein Beitrag dazu.