Jun 012012
 
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Das Reich Gottes als übergreifender Verständnisrahmen für das Kreuz

Das Reich Gottes, Gottes Königtum auf Erden, ist der Verständnisrahmen auch für die Kreuzigung Jesu. Für die Evangelien gehört der Tod Jesu von Anfang an in die Botschaft hinein, darauf läuft es von Anfang an hinaus, und das wird auch in vielen Details der Evangelienerzählungen deutlich. Sein Tod wird als die endgültige Aufrichtung der Herrschaft Gottes auf der Erde verstanden. Die sühnende Wirkung dieses Todes ist nur eine Unterabteilung in einem viel größeren Zusammenhang, in dem Gott seine Welt wieder in Ordnung bringt. Dass die Christenheit sich weithin auf die Sündenvergebung durch das Kreuz konzentriert hat, ist eine Verkürzung.

Das Ziel der ganzen Geschichte Jesu, von der Inkarnation bis zum Kreuz, ist die Aufrichtung der gerechten Herrschaft Gottes, wie im Himmel so auf Erden. Der Tod Jesu ist nicht sein Scheitern, sondern Jesus wurde gerade durch seinen Tod endgültig zum König der Welt. Im Johannesevangelium zeigt sich das z.B. dadurch, dass die Kreuzigung als „Erhöhung“ bezeichnet wird. Bei Matthäus erfüllt Jesus in seinem Sterben die Weisungen der Bergpredigt.

Damit wird der Tod Jesu zum Augenblick, in dem die Geschichte Israels ihren Höhepunkt erreicht: die Liebe Gottes geht in den endgültigen Kampf mit den Mächten der Welt und überwindet sie. Gerade durch das Leiden wird die Herrschaft Gottes aufgerichtet. Sein Wille geschieht nun auf der Erde so wie im Himmel.

Jesus als neuer Tempel

In jüdischer Sicht gab es schon immer einen Ort, an dem die Sphären von Himmel und Erde sich berührten, ja, wo sie sich überschnitten: das war der Tempel. Er war der Ort von Heilung, Vergebung und Bundeserneuerung. Die Evangelien beschreiben nun Jesus als den Ort, an dem all das passiert. Er war sozusagen ein wandelnder Tempel, darin vergleichbar der beweglichen Bundeslade aus der Wüstenzeit Israels. Gegenüber ihm musste der Tempel samt seinen offiziellen Vertretern weichen.

Für die Nachfolger Jesu ersetzt sein letztes Mahl den Tempel. Dieses erneuerte Passamahl schaut nicht nur zurück auf die Befreiung aus Ägypten, sondern genauso voraus: auf den neuen Exodus, in den Jesus seine Jünger mitnimmt; und damit haben sie aktiv Anteil an dieser neuen Befreiung. Sie sind die königliche Priesterschaft, die die Welt regieren wird, aber nicht mit Liebe zur Macht, sondern mit der Macht der Liebe. Es geht um eine neue Art von Theokratie, die aber keinen Triumphalismus bedeutet, weil in ihrem Zentrum das Mitleiden steht.

Die Aufgabe der Kirche

Die Aufgabe der Kirche ist es deshalb, ein Ort von Gebet und Heiligkeit im Herzen der Welt zu sein: da, wo der Schmerz am größten ist. Diese Form der Herrschaft definiert „Herrschaft“ neu. Sie ist – in Parallele zum Sieg Jesu in seinem Tod – ein Regieren durch teilnehmendes Leiden.

Es ist schade, dass Wright hier wie an anderen Stellen über solche theologischen Wegweiser nicht grundsätzlich hinaus kommt. Er bleibt im Rahmen neutestamentlicher Theologie. Im letzten Teil des Buches beschreibt er zwar eine revidierte Art, wie man mit den Evangelien im Sinn das Glaubensbekenntnis auf neue Art verstehen kann. Aber auch das ist eben noch Theologie. Was es für Gestalt und Praxis der Gemeinde bedeutet, muss letztlich vor Ort erfunden werden.

Wright zeigt im Buch, wie seine Sicht von Reich Gottes und Kreuz Auswirkungen insbesondere für vier strategische Themen hat: für die Einbettung Jesu in die Geschichte Israels, die Bedeutung Jesu für das Gottesbild, die Geschichte der frühen Christenheit und den Konflikt zwischen der Herrschaft Gottes und der Herrschaft Cäsars. Ich werde das im nächsten Post der Reihe beschreiben.

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Mai 272012
 
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„Die Macht der Ohnmächtigen (Teil 2)
Neues Testament: Reich Gottes und Kreuz“

Beitrag beim Treffen der Emergenten Initiative Theologie am 18./19.5.2012 in Haiger

Die Macht der Ohnmächtigen – das ist das Thema des diesjährigen Emergent Forums am 30.11.-2.12.2012 in Erlangen.

Die Emergente Initiative Theologie hat sich bei einem Treffen in Haiger schon darauf vorbereitet. Neben einem Beitrag von Peter Aschoff (über die „prophetische Imagination“ im Alten Testament), der leider nicht aufgenommen wurde, habe ich einen Beitrag zum Neuen Testament beigesteuert: Überlegungen zur Frage, warum der Tod Jesu ein Sieg über die imperialen Mächte war und inwiefern das Abendmahl eine Spiritualität des Widerstandes enthält.

Leider ist die Aufnahme zwar verständlich, aber in der Qualität nicht optimal. Beim nächsten Mal denke ich daran, das richtige Aufnahmegerät mitzunehmen.

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Link zur Audiodatei

 

Wer den Beitrag lieber lesen möchte, findet hier eine leicht überarbeitete schriftliche Fassung.

Mrz 112008
 

Unser Gottesdienst gestern stand unter dem Thema „Christen und das Kreuz“. Die Teilnehmer des Ü10-Gottesdienstes am Samstag vorher hatten die Kirche mit einem großen Kreuz und Bildern von heutigem Leid und gegenwärtiger Zerstörung gestaltet – von Hurricans über die Ausrottung von Tierarten bis zur Todesstrafe.

Benny, Rene und Tom zeigten am Anfang eine (ein bisschen gewalttätige) Szene, die aus Markus 3,27 heraus entwickelt war: man kann die Kunstgegenstände im Haus eines Schwergewichtsboxers erst klauen, wenn man den Besitzer vorher irgendwie außer Gefecht gesetzt hat. Da redet Jesus selbst davon, dass es eine entscheidende Begegnung gab, bei der die Machtfrage geklärt wurde. Anschließend konnte er (und später seine Jünger, wir) dann den Einfluss des Bösen an vielen Stellen zurückdrängen. Es gibt also eine einmalige, strategische Entscheidung, die erst einen Raum öffnet, in dem man dann der konkreten Zerstörung entgegentreten kann.

Direkt im Anschluss ans Credo sang unser Musikteam ein modernes Glaubensbekenntnis.

Im folgenden Predigtteil habe ich um das Kreuz und die Bilder ein Absperrband herumgelegt, als Zeichen dafür, dass niemand freiwillig diese Zone von Leid und Gefahr betreten möchte.

Etwas später bekamen alle einen Stein – nicht zum Aussuchen, sondern zugeteilt: als Symbol für unseren Anteil am Schweren in der Welt, den wir uns nicht aussuchen können. Die Anteile sind unterschiedlich groß, sie sehen so unterschiedlich aus und fühlen sich so unterschiedlich an wie die Steine. Keiner weiß, wieso er gerade diesen Anteil bekommen hat. In einer Zeit der Stille konnten alle ihrem Stein einen Namen geben – ihn verbinden mit dem Bedrückenden, Belastenden oder Beängstigenden in ihrem Leben.

Anschließend waren alle eingeladen, ihren Stein zum Kreuz nach vorn zu bringen. Aber das bedeutete auch, die Linie zu übertreten und Jesus zu folgen in den dunklen Bereich der Welt. „Sich für Jesus zu entscheiden“ ist nicht zu haben ohne Nachfolge in diesen dunklen Bereich hinein. Auch wer tröstet oder hilft, bleibt davon nicht unberührt.

Es war schön, dass dann viele gekommen sind.

Auf dem Weg zurück bekamen sie von den den dreien aus dem Ü10-Gottesdienst eine „Medaille“, mit dem Kreuz auf der einen und dem leeren Grab am Auferstehungsmorgen auf der anderen Seite. Sie soll als Erinnerungszeichen dienen: damit wir in der kommendenZeit darauf achten, was aus den Dingen geworden ist, die wir zum Kreuz gebracht haben.

Mit einem Gebet haben wir den Predigtteil beschlossen.

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