Mrz 152013
 

RomanescoEs kann nützlich sein, mit einem Mathematiker die Bibel zu lesen. Wir haben jedenfalls einen in unserer Gemeinschaft, und als wir am Ende einer fast 1/2jährigen Lektüre der Bergpredigt nun noch einmal versuchten, den Gesamtaufbau von Matthäus 5-7 zu verstehen, sagte er so nebenbei: das ist doch eigentlich eine fraktale Struktur.

Für alle Nicht-Mathematiker (und alle, die den Hype um die Apfelmännchen vor ein paar Jahren nicht registriert haben) kommt hier meine laienhafte Zusammenfassung dessen, was ich meine, von Fraktalen verstanden zu haben: es ist eine Struktur, bei der sich bestimmte Muster im Großen und im Detail wiederholen. Aber nicht mechanisch, sondern so, dass sie immer leicht abgewandelt sind. Wolken z.B. kann man so beschreiben. Oder Landschaften. Oder Blumenkohl.

Wendet man das auf die Bergpredigt an, dann merkt man, wie sich bestimmte Gedanken immer wieder leicht abgewandelt wiederholen, Das Vaterunser z.B., das etwa in der Mitte der Bergpredigt steht, hat in sich das Gefälle vom Reich Gottes zum täglichen Brot. Und etwas später findet sich in 6,33 der Satz: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ Man kann das aber z.B. auch schon am Anfang finden in der 3. Seligpreisung: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen“ (in den anderen sicher auch).

Eine andere Art zu „argumentieren“

Die „Argumentationsstruktur“ der Bergpredigt ist also eher nicht so, wie wir es gelernt haben zu argumentieren: These oder Fragestellung darlegen, entfalten, sich mit Einwänden auseinandersetzen, logisches Ergebnis am Ende – also eine aufeinanderfolgende Reihe. Obwohl man auch das finden kann.

Man könnte die Argumentationsstruktur eher „kreisend“ nennen: alte Fragen werden in neuem Gewand wieder hervorgeholt, am Anfang sind die Lösungen schon präsent (in den Seligpreisungen), aber die Begründung wird eigentlich nicht geliefert, jedenfalls nicht so, wie man es erwarten würde. Stattdessen werden neue Themen eingeführt (Ehebruch, Schwören …). Sind das jetzt Beispiele, an denen das Prinzip klar gemacht werden soll, oder geht es um „ethische Fragen“? Vermutlich beides. Das Gravitationszentrum der ganzen Rede liegt bei 6,24-34 („Niemand kann zwei Herren dienen – trachtet zuerst nach dem Reich Gottes“), aber danach geht es weiter mit der Warnung vor dem Richten (7,1), die wiederum von der Warnung konterkariert und begrenzt wird, das Heilige den Hunden zu geben (7,6). Die folgende Passage ab 7,7 („Bittet, so wird euch gegeben …“) würde hingegen viel besser direkt zum oben beschriebenen „Gravitationszentrum“ passen. So kann man eigentlich nicht argumentieren. Ist das jetzt Kraut und Rüben? Hatte Matthäus einen Schnipsel Text übrig, den er schnell noch unterbringen musste?

Old-school-mäßig würde man das natürlich traditions- oder redaktionsgeschichtlich auseinandersortieren, aber das ist ja so was von öde … Langweiliger Rationalismus, der glaubt, er selbst wäre die einzig richtige Art, die Welt zu sehen.

kreisend, spiralig, musikalisch, … fraktal!

Angemessener ist es, sich auf diese ungewohnte Art der Argumentation einzulassen: nicht geradlinig, sondern kreisend, oder spiralig, wie eine musikalische Komposition vielleicht, oder eben: fraktal. Das Ganze spiegelt sich im Detail. Die Details ergeben ein Ganzes, das mit ihnen zusammenstimmt, aber voller ist. Du kannst es in einem Satz oder auf vielen Seiten zusammenfassen, und immer bleibt etwas übrig, was nicht reinpasst, und trotzdem richtig ist. Oder mindestens für produktive Unruhe sorgt.

Und schaut man weiter, dann ist eigentlich die ganze Bibel so: in einem Vers spiegelt sich die ganze Geschichte. In einem Kapitel ein ganzes Buch. Gott hat uns nicht ein Lehrbuch der Dogmatik gegeben, auch nicht vier geistliche Gesetze, auch keinen großen oder kleinen Katechismus, sondern – einen Blumenkohl.

Jul 212007
 

Der vorige – von Haso inspirierte – Post ist mir zu einer Parabel über den Umgang mit der Bibel geraten: Die Bibel als Partitur, nach der Menschen ihre Lebens-Musik machen. Jetzt will ich, anknüpfend an diese Parabel, in ein paar Thesen zusammenfassen, was sich für mich aus diesem Vergleich ergibt:

  • Der lebende Christ ist kein Störfaktor – im Gegenteil!
    Lebendige, handelnde Christen sind für das Reich Gottes so essentiell wie die Musiker bei der Aufführung von Beethovens Pastorale (das war Hasos Beispiel). Musiker mit ihren Gaben, Traditionen, persönlichen Eigenheiten und ihrem Verständnis des jeweiligen Werkes sind keine Störfaktoren, die man leider in Kauf nehmen muss. Gerade durch diese ganzen Einflüsse wird die Musik (von neuem) farbig und lebendig.
    Genauso sind lebendige Christen mit ihrer Persönlichkeit, ihrer Kultur, ihrer Geschichte usw. keine möglichst zu reduzierenden Störfaktoren. Die Bibel ist darauf angelegt, sich durch die Subjektivität von Menschen hindurch zu verwirklichen. Gerade die Umsetzung biblischer Überlieferung durch konkrete Menschen hindurch ruft nach dem Geist, lässt die Überlieferung von neuem aufleben. Nur so wird sie erkennbar und gewinnt Macht über Menschenherzen. Es ist einfach nicht zu vermeiden, dass wir mit unserem Leben soviel zur biblischen Überlieferung dazu tun wie ein Musiker bei der Aufführung zu einer Partitur – im Guten wie im Bösen. Gott hat es so gewollt. Und das ist gut so.
    Kann man eigentlich auch hier von einer „Inkarnation“, wenn auch zweiter Ordnung, sprechen?
  • Ist es eigentlich ein Kompliment, wenn irgendetwas sich „biblisch“ nennt?
    An allen Ecken der Christenheit finden sich „biblische“ Christen, Werte, Gemeinden, Standpunkte, Sichtweisen, Predigten usw. Ich finde das etwa so sinnvoll, wie wenn ein Dirigent hervorheben würde, dass er die Pastorale „notengetreu“ aufführt. Natürlich erwarte ich, dass in einem Konzert die angekündigten Stücke gespielt werden und keine anderen. Aber erst danach wird es doch interessant: wie werden diese Noten interpretiert? Wie singt der Sänger das Lied? Hat er – aufgrund seiner besonderen Begabung und Prägung – etwas Neues darin gefunden, was ich vorher noch nicht gesehen bzw. gehört habe? Genauso wenig, wie es die eine „richtige“, „werkgetreue“ Aufführung der Pastorale gibt (und die anderen wären dann nur Interpretationen), gibt es die eine „biblische“ Version des Evangeliums (und das andere wäre Menschenlehre). Es gibt allerdings Menschen und Traditionen, die ihre Interpretation mit dem Original verwechseln – in der Musik wie in der Kirche.
  • „Einfach nur die Bibel“ gibt es nicht
    Sich „einfach nur nach der Bibel zu richten“ ist deshalb genauso wenig möglich wie „einfach nur die Noten, die dastehen“ zu spielen. Alles ist immer schon (gute oder schlechte) Interpretation. Aber das ist kein zu minimierender Störfaktor, sondern geplant, gewollt, Teil von Gottes Wunsch, den Menschen nach seinem Bilde zu schaffen: nämlich als schöpferisches Wesen.
  • Die entscheidende Frage ist, ob die Bibel gelebt wird
    Theologie auf jeder Ebene – von der Uni bis zum Bibelkreis – soll dafür sorgen, dass die Partitur gespielt wird – die Bibel zum Klingen kommt im realen Leben von Menschen. Bibelstudium (wie gesagt – auf jeder Ebene) hat dafür eine dienende Funktion – so wie ein Musiker die Partitur und ihre Zusammenhänge studieren muss, bevor er sie aufführen kann. Es kann aber auch dazu führen, dass man sich das Wagnis einer „Aufführung“ schenkt und sich mit Notenstudium begnügt. Das bringt Menschen hervor, die ungefähr wissen, wie es klingen müsste, auch sagen können, wenn andere von der Partitur abweichen, aber nicht selbst spielen. Das kann u. U. mehr schaden als nutzen.
Jul 152007
 

Neulich habe ich bei Haso einen Vergleich gefunden, der mir ausgezeichnet gefallen hat: Die Bibel entspricht einer Notenpartitur. Noten sind wichtig, aber sie sind nicht die Musik. Gott will, dass wir in der Bibel die Musik seines Wortes hören – und in sein Lied einstimmen.

Dieser geniale Vergleich bringt das Verhältnis zwischen Bibel, Gottes Wort und Gottes Volk mit seiner Lebenspraxis anschaulich auf den Punkt. Ich nehme mir deshalb die Freiheit, das, was Haso ziemlich kurz geschrieben hat, noch ein bisschen weiterzuspinnen:

Aus Noten soll Musik werden

Noten wollen in lebendige Musik verwandelt werden. Dazu sind sie geschrieben. Natürlich kann man eine Partitur studieren, analysieren, interpretieren, mit ähnlichen Werken vergleichen und über verlorengegangene Passagen rätseln. Das alles macht seinen Sinn. Trotzdem: der Endzweck einer Partitur ist die lebendige Musik. Es gibt zwar Menschen, die Noten so gut lesen können, dass sie sich im Kopf dabei schon die Musik vorstellen können. Aber das sind die wenigsten, und auch solche musikalischen Menschen würden deshalb ja nicht auf das (elektro-)akustische Hören eines Konzertes oder anderer Musik verzichten.

Noten haben eine indirekte, dienende Funktion: sie stellen die Verbindung zwischen dem Komponisten und seinem Werk und der lebendigen Musik dar – auch wenn diese Musik erst viel später gespielt wird. Wer diese Noten spielt bzw. aufführt, der hat einen großen Spielraum in der Interpretation und kann ihnen trotzdem treu bleiben. Wahrscheinlich spielen keine zwei Menschen ein Stück ganz genau gleich (außer vielleicht im Klavierunterricht). Sie werden es sich immer ein bisschen anders vorstellen. Und der eine kann es besser, der andere muss noch viel üben. Schließlich spielen auch die Zeitumstände eine Rolle: welche Instrumente zur Verfügung stehen, wie gut sie sind, wie sie sich inzwischen weiterentwickelt haben, wie der Zeitgeschmack ist, in welchen Passagen die Menschen sich wiederfinden usw.

Die Geschichte der göttlichen Musik

Wenden wir das also auf die Bibel an! Da ist einmal die Musik des göttlichen Wortes erklungen. Menschen haben sie gehört und sich davon bewegen lassen: sie haben überwältigt zugehört, haben mitgesungen, haben getanzt, sind in den (natürlich geistlichen!) Kampf gezogen. Und einiges von dem, was sie da gehört haben, haben sie notiert. In der Bibel. Damit auch spätere Generationen diese Musik wiedererkennen und dazu tanzen können. Damit diese Musik von neuem aufgeführt werden kann. Und es ist gelungen. Immer neue Generationen haben diese Musik aufgeführt, sie immer wieder neu interpretiert. Auch völlig Neues kam dazu. Dann gab es um 30 n.Chr. eine unübertroffene Neuinterpretation und Neuschöpfung, und trotz aller Anfeindungen und Angriffe des musikalischen Establishments wurde die Aufführung bis zum Ende durchgehalten. Seit dieser revolutionären Aufführung versteht man erst wirklich, wie die Musik des göttlichen Wortes eigentlich von Anfang an gemeint war – was für eine Fülle darinsteckt.

Auf der Grundlage dieser Neuschöpfung gewann die göttliche Musik sehr viele Anhänger. Sie studierten die Partitur und sie spielten sie immer wieder neu: in großer und kleiner Besetzung, mit unterschiedlichen Temperamenten, laut und leise, manchmal grandios und ergreifend, manchmal stümperhaft und uninspiriert. Aber selbst dann konnte sie noch Menschen begeistern. Ja, die Musik wurde auch kopiert und plagiiert, sie wurde verfälscht und persifliert. Trotzdem, nichts kam auf die Dauer an die Originalpartitur heran.

Man begann nach dem Geheimnis dieser Musik zu suchen. Man analysierte die Partitur. Man las sie wieder und wieder voll Bewunderung. Man machte sich auf besonders gelungene Passagen aufmerksam. Man forschte nach ihrer Entstehungssituation. Schulen der Interpretation entwickelten sich. Irgendwann wurde es wichtiger, die richtige Interpretation zu kennen als das Werk zu spielen. Dazu kam, dass eines Tages nur noch staatlich anerkannte Musiker zu den Konzerten zugelassen waren. Und die spielten – abgesichert durch den Beamtenstatus – eher lahm. So begannen die Musikfreunde, sich in Notenzirkeln zu organisieren. Viele Abende verbrachten sie mit dem Studium der Partitur. Und sie kamen an kein Ende. So reich war noch die stumme Partitur. Wenn einer tanzen wollte, dann wurde er daran erinnert, dass man mit dem Studium noch nicht weit genug sei, um solche gefährlichen Experimente zu wagen.

Eines Tages fiel das Verbot. Jeder durfte wieder nach Herzenslust Musik machen, nur wenn es gar zu laut wurde, riefen die Nachbarn nach der Polizei. Aber keiner wusste jetzt mehr so richtig, wie die Musik eigentlich einmal geklungen hatte. Keiner hatte eine inspirierte Aufführung erlebt. „Wir müssen uns ganz genau an die Noten halten“ sagten die einen. Aber sie hatten so lange nur die Partitur studiert, dass sie ihre Instrumente kaum noch beherrschten. Sie hatten sich inzwischen sowieso mehr zu Musikgelehrten entwickelt. Sie konnten genau erkennen, wenn jemand die Partitur falsch spielte. Und dann protestierten sie heftig.

Andere, wenige, holten zwar ihre Instrumente heraus, aber sie waren sehr unsicher, und sie klangen mal ziemlich langweilig oder auch mal ziemlich gewagt. Auch in den alten Musiksälen spielte man noch, oft eher lahm, manchmal aber durchaus inspiriert. Und dann gab es noch die Straßenmusikanten, die gar keine Noten lesen konnten, improvisierten und trotzdem manchmal inuitiv eine Sequenz der ursprünglichen Musik trafen. Aber danach war es auch mal wieder nur Katzenmusik. Und trotzdem – die Partitur ist immer noch da, und irgendwann muss doch mal einer wieder herausfinden, wie sie kongenial gespielt werden kann …

Apr 272007
 

Haso beschreibt Jesus als jemanden, der uns ermutigt, auch in der Bibelauslegung auf unser eigenes Herz zu hören.
Er endet: „In welcher bibeltreuen Gemeinde oder an welcher theologischen Ausbildungsstätte käme Jesus mit dieser Hermeneutik durch?“
Interessant zu bedenken!