Mai 272012
 

Predigt zu 4. Mose 11,11-25 pass. am 27. Mai 2012 (Pfingsten I)

10 Mose sah die Leute von Israel, alle Sippen und Familien, vor ihren Zelten stehen und hörte sie klagen. Ein heftiger Zornausbruch des Herrn bahnte sich an. Mose war die ganze Sache leid 11 und sagte zum Herrn: »Warum tust du mir, deinem Diener, dies alles an? Womit habe ich es verdient, dass du mir eine so undankbare Aufgabe übertragen hast? Dieses Volk liegt auf mir wie eine drückende Last. 12 Schließlich bin ich doch nicht seine Mutter, die es geboren hat! Wie kannst du von mir verlangen, dass ich es auf den Schoß nehme wie die Amme den Säugling und es auf meinen Armen in das Land trage, das du ihren Vätern zugesagt hast? 13 Fleisch wollen sie; sie liegen mir in den Ohren mit ihrem Geschrei. Woher soll ich Fleisch nehmen für ein so großes Volk? 14 Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, die Last ist mir zu schwer. 15 Wenn du sie mir nicht erleichtern willst, dann hab wenigstens Erbarmen mit mir und töte mich, damit ich nicht länger diese Qual ausstehen muss.« 16 Der Herr antwortete Mose: »Versammle siebzig angesehene Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels, die sich als Aufseher bewährt haben, und hole sie zum Heiligen Zelt. Dort sollen sie sich neben dir aufstellen. 17 Ich werde herabkommen und mit dir sprechen, und dann werde ich von dem Geist, den ich dir gegeben habe, einen Teil nehmen und ihnen geben. Dann können sie die Verantwortung für das Volk mit dir teilen und du brauchst die Last nicht allein zu tragen. […] 24 Mose ging hinaus und teilte dem Volk mit, was der Herr gesagt hatte. Er versammelte siebzig Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels und stellte sie rings um das Heilige Zelt auf. 25 Da kam der Herr in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm einen Teil des Geistes, den er Mose gegeben hatte, und gab ihn den siebzig Ältesten. Als der Geist Gottes über sie kam, gerieten sie vorübergehend in ekstatische Begeisterung wie Propheten.

Gott in der Mitte seiner Menschen – dieses Thema zieht sich durch die ganze Bibel. Am Anfang der Garten, wo Gott Adam und Eva besucht und sich mit ihnen unter den Bäumen des Gartens unterhält. Am Ende das neue Jerusalem, das vom Himmel auf die Erde kommt und wo Gott mitten unter den Menschen wohnt. Und dazwischen immer wieder die Momente, wo Gott schon unter seinem Volk präsent ist, und der scheinbare Normalzustand ist aufgehoben, und die alltäglichen Ordnungen kommen durcheinander, weil Gottes Gegenwart Freiheit bringt.

So eine Geschichte von Gott, wie er mit seiner Herrlichkeit zu seinen Menschen kommt, ist heute dieser Abschnitt aus dem 4. Buch Mose, und es ist eine Vorgängergeschichte zur Pfingstgeschichte. Wir sehen dadurch klarer, worum es Pfingsten gegangen ist – das Bild bekommt mehr Tiefenschärfe.

Es geht um eine Überlieferung aus der Zeit der Wüstenwanderung Israels. Das ist eine Zeit des Übergangs. Die hebräischen Sklaven sind unter Führung des Mose aus der Sklaverei in Ägypten geflohen, sie haben das Wunder ihrer Rettung am Schilfmeer erlebt, sie haben am Sinai Gesetze bekommen, die ihnen helfen sollen, in Zukunft als freies Volk zu leben, wo es keine Sklaverei mehr gibt, keine Götzen und keine Tyrannen.

Und dann ziehen sie weiter durch die Wüste ins verheißene Land. Und die Wüste ist die Situation dazwischen: nicht mehr in der Sklaverei, aber noch nicht im Land der Freiheit. Nicht mehr in der alten unterdrückerischen Ordnung, aber noch nicht in einer neuen stabilen Ordnung, wo alles seinen geregelten Gang geht. Das Leben ist unvorhersehbar, es ist ganz viel offen, nichts ist selbstverständlich. Alle möglichen Alternativen sind plötzlich denkbar, weil so wenig vorgegeben ist. Der Weg in die Freiheit führt durch die Wüste. Und da lernt man sich und die anderen gründlich kennen, weil sich Menschen in solchen Situationen nicht an vorgegebene Traditionen anlehnen können. Es gibt ja keine.

Was erlebt Mose in der Wüste mit seinem Volk? Sie fangen an zu meckern. Sie meckern über das Essen. Bis heute ist das Essen ein beliebtes Thema, an dem sich Unzufriedenheit fest macht. Wenn sich erstmal die Überzeugung verbreitet hat, dass das Essen ein ekliger Fraß ist, dann kann der Koch machen, was er will, es wird immer nur scheußlich schmecken.

In diesem Fall ist Gott der Koch. Er gibt ihnen ja als Essen das Manna. Jeden Tag fällt Manna vom Himmel, und nur so kommen sie durch die Wüste, ohne zu verhungern. Und auf einmal schmeckt das Manna nicht mehr. Auf einmal sagen sie alle: »Ih! wie scheußlich. Bäh! Das ist ja eklig.« Da bricht eine richtige Massenhysterie aus. Alle stehen da und weinen und tun sich selbst leid und sprechen von der Pizza und den Hamburgern, die es in Ägypten gab. Auf einmal erinnert sich keiner mehr an die Sklavenarbeit und an die Schläge, die in Ägypten ihr täglich Brot waren, alle stehen nur da und jammern, dass es in der Wüste kein MacDonalds gibt. In Gedanken gehen sie die ganze Speisekarte rauf und runter und sagen: wie toll waren doch die doppelten Hamburger und die Chickenburger, und dann erst die Überraschungstüten! Was ist das Leben noch wert, wenn man sich keinen Big Mac mehr bestellen kann? Wir wollen endlich wieder richtiges Fleisch haben, nicht mehr dieses eklige Manna!

Das ist der Ausgangspunkt unserer Geschichte: die ehemaligen Sklaven merken plötzlich, dass Freiheit anstrengend sein kann. Und im Rückblick kommt ihnen die Fronarbeit weniger schlimm vor als das freie Leben auf eigene Verantwortung. Als Sklave muss man keine eigenen Entscheidungen treffen und die Folgen tragen. Als Sklave hat man immer einen Chef, der Schuld ist, und auf den kann man schimpfen. Kluge Sklavenhalter regen sich nicht darüber auf, weil sie wissen: wer meckert, denkt nicht an Revolution. Gib ihnen MacDonalds, und sie machen keine Probleme mehr.

Aber für Gott ist das ein Problem, weil er freie Menschen will und keine Untertanen mit Sklavenmentalität. Gott will reife, erwachsene Menschen und keinen dauernden Zwer­genaufstand. Und jetzt kriegt Gott sogar noch Probleme mit Mose. Mose hat endgültig die Nase voll. Er droht mit Streik und sagt: Lös mich ab. Töte mich! Das Ganze war dein Projekt und nicht meins. Ich bin es leid, einen Haufen Kinder durch die Wüste zu führen. Lieber einen Sack Flöhe hüten als dieses Volk!

Das ist die Problematik, die schon manchen mürbe gemacht hat, der freie Menschen wollte. Die Leute ertragen lieber ganz viel, als auf eigene Verantwortung in die Freiheit zu ziehen. Wenn sie ein bisschen Komfort haben, ein paar kleine Freuden, dann arrangieren sie sich auch mit der Sklaverei. Wir wissen aus der Bibel: am Ende blieb Gott nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis die Generation der ehemaligen Sklaven tot war. Erst die nächste Generation, die frei geboren und in der Wüste groß geworden ist, erst die darf ins Land der Verheißung.

Aber einen Versuch macht er hier noch: Mose soll 70 von den Ältesten Israels zusammenholen. Das ist kein festes Gremium, sondern Mose sucht Leute aus, die ein gewisses Ansehen haben und die vielleicht auch schon daran gewöhnt sind, verantwortlicher zu denken als die anderen. Und dann kommt Gott mit seiner Herrlichkeit an den Heiligen Ort, an das Zelt der Begegnung, wo er sich sonst nur mit Mose trifft, und er gibt von dem Geist, der auf Mose liegt, auch diesen 70.

Und da versteht man, was Geist, Gottes Geist, Heiliger Geist bedeutet: Gott gibt etwas von seiner Gesinnung auf Menschen, damit in ihnen etwas anders drinsteckt als die Sklavenmentalität. Die kennen ja kaum etwas anderes, und die müssen erst einmal eine Ahnung davon bekommen, dass es eine Alternative gibt und man auch anders denken kann. Gott zieht Menschen auf seine Seite, so wie er Mose auf seine Seite gezogen hat, und sie sollen gegenüber den anderen Gott repräsentieren. An ihnen sollen die anderen etwas von Gottes Art sehen können, damit sie merken: ach so, das gibt es auch! Aha, so sieht also das Leben aus, wenn es von Gott her beflügelt ist!

Gott nimmt sich immer einen kleinen Teil der Menschen, zieht sie durch seinen Geist auf seine Seite und zeigt dadurch den anderen, wie er wirklich ist, und wie ein Leben mit ihm aussieht. Gott zeigt an seinen Leuten allen Menschen, dass Freiheit möglich ist. Dass es etwas Besseres gibt als Sklaverei, aber auch etwas Besseres als Bequemlichkeit und Verantwortungslosigkeit.

Und wir sehen an Mose, dass es eine Last sein kann, wenn man so auf Gottes Seite gezogen wird. Man spürt dann etwas von der Last, die Gott selbst trägt, indem er seiner Schöpfung treu bleibt. Alle Menschen Gottes haben irgendwann einmal in dieser Versuchung gestanden, Gott den Job vor die Füße zu werfen und zu sagen: such dir einen anderen! Ich will jetzt endlich mal Urlaub machen, ich bin es leid, Kinder durch die Wüste zu führen und mir geduldig und verständnisvoll ihr Gejammer anzuhören, ich bin es leid, immer in der Minderheit zu sein, immer der Verantwortliche sein zu müssen, immer ihr Gemecker abzukriegen, ihr Selbstmitleid, ihre Bequemlichkeit – gib ihnen doch ihren Big Mac, oder tu was du willst, dann hab ich wenigstens mal Ruhe.

Das ist die Versuchung, vor der Jesus im Garten Gethsemane stand, kurz vor seiner Verhaftung, als er Gott fragte: muss das sein? Muss ich wirklich sterben? Jesus hat das nicht in dem erbitterten Ton gefragt wie Mose, und er hat ja am Ende auch die Last auf sich genommen, aber diese Versuchung kannte er auch. Doch am Ende hat er sich dann nicht von Gott distanziert, sondern er ist freiwillig bis zuletzt auf der Seite Gottes geblieben. Er hat Gott nicht allein die Last tragen lassen, sondern er hat Gottes Last geteilt. Ja, Gott trägt an uns wie an einer schweren Last. Und wir machen Gott müde, wenn wir immer wieder zurückfallen in den Wunsch nach Verantwortungslosigkeit, nach Bequemlichkeit, nach Unmündigkeit.

Gottes Problem ist, dass er niemanden hat, dem er die Verantwortung vor die Füße werfen kann. Aber seit Jesus ist er endlich nicht mehr mit diesem Problem allein, sondern endlich hat ein Mensch Gottes Last wirklich geteilt, freiwillig geteilt, ohne den Vorbehalt, dass das nicht zu anstrengend und stressig werden darf. Und an Jesus kann man sehen, was für ein großartiges Menschsein das ergibt, wenn sich einer so auf die Seite Gottes stellen lässt. Weil Jesus das durchgehalten hat, bis zum bitteren Ende am Kreuz durchgehalten hat, deshalb ist jetzt endlich in vollem Maß zu sehen, um wie viel besser so ein freies Leben mit Gott ist als eine Sklavenexistenz, egal, mit wieviel Überraschungstüten die dekoriert wird. Selbst wenn man die Last der Verantwortung dazurechnet, diesen Kraftakt, sich allein oder mit Wenigen auf die Seite Gottes zu stellen, das ist immer noch ein größeres und volleres Leben als alles andere.

Aber wir sollen dann eben auch Nachfolger Jesu sein und nicht Nachfolger des Mose. So groß Mose auch war – er hat mit Gott wie mit einem Freund gesprochen, von Angesicht zu Angesicht – wir sollen uns dennoch an Jesus ein Vorbild nehmen, der Gott den Job nicht vor die Füße geworfen hat.

Und Gott teilt nun den Geist Jesu aus. Das bedeutet Pfingsten: Menschen werden durch den Geist Jesu in die Solidarität mit Gott hinein geholt. Menschen sind bereit, den Sklavenstatus hinter sich zu lassen und auf eigene Verantwortung die Last Gottes mit dieser Welt zu teilen, weil sie gesehen haben, dass man nur so ein wahrer Mensch wird. Nur so kann sich all das, was in uns steckt, auch entfalten. Nur so werden wir zu souveränen Menschen, zu Menschen, die nicht von Furcht beherrscht sind, zu königlichen Menschen. Und die Schöpfung atmet auf, wenn diese Menschen sichtbar werden.

Alles fängt damit an, dass Gott in der Mitte seines Volkes erscheint. Bei Mose in der Wüste war das die Herrlichkeit Gottes in der Wolke, die sich nieder senkt auf das Zelt der Begegnung. Im Neuen Testament ist das der Mensch Jesus, der unter den Menschen erscheint, »und wir sahen seine Herrlichkeit«. Und was ist das Ergebnis?

Die 70 Ältesten »geraten in Verzückung«, sie »gerieten in Begeisterung«, sie kamen in eine Art Ausnahmezustand. Wenn Menschen unvermutet der Herrlichkeit Gottes begegnen, dann haut sie das erstmal um, sie geraten aus ihrem normalen Betriebszustand heraus und schalten in eine Art Sonderprogramm. Gott schaltet sie quasi in den Wartungsmodus, damit er umfangreichere Reparaturen an ihrem Herzen vornehmen kann und ein neues Programm einspielt, ein Update, um es so zu sagen. Gott erweitert kurzzeitig ihren Horizont, er lässt sie Ungewohntes und Neues erleben, damit sie anschließend wissen, dass es jenseits des Sklavenzustandes noch viel größere, andere Modi gibt, andere, bessere Zustände der Freiheit. Gott schmeißt das normale Alltagspuzzle durcheinander, damit er ein neues Bild zusammensetzen kann.

Das heißt, diese »Verzückung«, dieser »Prophetenstatus«, das ist immer ein Durchgangsstadium zu etwas Neuem, etwas Größerem. Es geht nicht darum, das möglichst oft zu erleben, sondern es geht darum, dass wir anschließend anders sind, dass wir Gott besser kennen und einen weiteren Blick haben.

Damals bei Mose hat das nur kurzzeitig geklappt. In den nächsten Kapiteln geht das Murren und Meckern weiter. Aber mindestens hat Gott Mose gezeigt, dass er nicht allein bleiben wird. Es gibt Hoffnung für Mose. Als Jesus in Menschengestalt kam, war der Erfolg größer als damals im Zelt der Begegnung, als Gott in der Wolke kam.

In Zukunft wird es Menschen geben, die sich auf Gottes Seite stellen lassen. Vielleicht nicht unbedingt eine große Zahl, aber es wird sie geben. Sie werden in der Nachfolge Jesu bereit sein, die Last der Welt zu teilen, sie nicht Gott vor die Füße zu werfen. Sie haben an Jesus gesehen, was wahres Menschsein ist, und darauf wollen sie nie wieder verzichten.

Dazu sind wir berufen: zur Last und zur Größe wahren jesusförmigen Menschseins. Beides gibt es diesseits des Himmels nur im Doppelpack. Und dazu möchte Gott dein Ja, unser Ja.

Aug 122009
 

Übersichtsseite mit allen Posts zum Buch und den Kontemplativen Übungen

Immer wieder bin ich gefragt worden, wie diese Übungen eigentlich mit dem christlichen Glauben zusammenpassen – manchmal aus echtem Interesse, manchmal vorwurfsvoll und angriffig. Und in der Tat will ich ja auch verstehen, worum es dabei eigentlich geht. Nach inzwischen bald acht Monaten theoretischem und praktischem Sich-Einlassen auf die Übungen sieht meine Deutung so aus:

Es geht bei den Übungen um Wüstenerfahrung. Die Wüste steht für eine Situation, in der Menschen einerseits schutzlos, andererseits in eine Leere versetzt sind: kaum Ablenkungen, wenig bis keine Kommunikation, fern von Kultur und Zivilisation. Ein Großteil der Hilfsmittel, mit denen wir uns das Leben leichter machen, fällt weg. Das Gedankenkarussell im Kopf bekommt von außen keine neuen Anstöße.

In der Bibel ist die Wüste ein Ort, an dem sich Gott und Mensch auf unerwartete Weise intensiv begegnen: Mose am Dornbusch, Israel am Sinai, Elia am Horeb, Johannes der Täufer und Jesus in der Wüste am Jordan, wahrscheinlich auch Paulus in Arabien (Gal. 1,17). Anscheinend ist die ungeschützte, auf das Einfache reduzierte Umgebung der Wüste besonders geeignet für tiefgreifende geistliche Erfahrungen. Und geistliche Übungen sind ein Stück Wüste im Alltag.

Deshalb sind geistliche Übungen fast immer Akte der freiwilligen Reduktion. Fasten sowieso, aber oft geht es auch um geistige Reduktion: Konzentration auf einen Gedanken, ein Wort, ein Bild, den Atem, die Natur. Gleichzeitig freiwilliger Verzicht auf Hilfsmittel, die mit schneller Erleichterung versorgen: Süßigkeiten, TV, oberflächliche Gespräche und Gedanken; aber auch Distanz zum Strom der Gedanken, Fantasien und Pläne, mit dem wir die Illusion aufrechterhalten, wir hätten die Welt im Griff.

Diese Reduktion soll eine Leere schaffen, die Gottes Geist ausfüllen kann. Das ist eine neue Sichtweise: Wir müssen Gottes Geist nicht mühsam herbeibitten, sondern wir müssen aufhören, ihn durch unser prall gefülltes Leben zu verdrängen. Gerade der unaufhörliche Gedankenstrom, den wir in uns tragen, ist ein direkter Ausfluss des Sündenfalls: wer sein will wie Gott, muss an alles denken. Er hat Sorgen im weitesten Sinn. Da ist kein Platz mehr für den echten Gott. Jesus wusste, warum er vor den Sorgen warnte.

Direkt bekämpfen kann man diesen Gedankenstrom nicht. Das würde ihn erst recht stärken. Aber man kann die Aufmerksamkeit von ihm abziehen, ihm den Brennstoff nehmen. Man kann die äußeren Anlässe reduzieren.

Was wird nun aber diesen leeren Raum füllen, der in den Übungen entsteht? An dieser Stelle bestehen in christlichen Kreisen viele Esoterikängste. Geistliche Übungen gibt es ja in vielen Religionen. Fasten z.B. tun nicht nur Christen. Welchen Einflüssen setzen wir uns dabei aus?

Ich bin bisher zu einer dreifachen Antwort auf diese Frage gekommen:

  • Erstens trägt die Methode in sich tatsächlich grundlegende Wertentscheidungen: sie macht uns in unserem Lebensgefühl weniger abhängig von oberflächlichen Tröstungen, von der Ausbeutung anderer und eben von der Scheinsicherheit der Sorgen. Sie weicht Schutzpanzer auf, mit denen wir Gott abblocken. Wenn andere geistliche Strömungen das auch gut finden: um so besser für sie.
  • Zweitens hängt die Art der Füllung des leeren Raumes, der bei bei der Übung entsteht, von dem Gegenstand ab, auf den man die Aufmerksamkeit stattdessen konzentriert. Deshalb richten sich christliche Aufmerksamkeitsübungen auf Gegenstände oder Symbole, die Gott widerspiegeln oder repräsentieren: die Natur (einschließlich des eigenen Körpers), ein Kreuz, eine Ikone, den Namen Jesu. Deshalb ist es auch richtig, diese Zeit ausdrücklich Gott zu widmen und den Heiligen Geist einzuladen.
  • Drittens wird bei den Übungen an die Oberfläche kommen, was in einem Menschen schon längst drin ist. Ein Christ wird deshalb auch bei diesen Übungen von seiner religiösen Grundhaltung (einschließlich seiner Verortung in einer der verschiedenen Fraktionen des Christentums) geprägt sein.
    Er wird aber in dieser Zeit möglicherweise auch mit dem Dunklen konfrontiert werden, das er in sich trägt. Der Heilige Geist führte Jesus in die Wüste, damit er sich mit dem Satan auseinandersetzte – auch wenn der in diesem Fall nicht von innen, sondern von außen kam.

Dieses Dunkel in einem Menschen mit dem Licht zusammen zu bringen ist ein weiterer Effekt der Übungen. Jalics nennt das die „Bereitschaft, Unerlöstes an sich heranzulassen und sich nicht dagegen zu wehren„. Das ist mit Schmerz verbunden, aber so „kann es von Christus aufgenommen und erlöst werden.“ Voraussetzung ist also, dass Jesus durch den Heiligen Geist schon in uns wohnt und dann, wenn wir ihm Freiheit dazu geben, sein heilendes Werk in uns tun kann: nicht ohne uns, aber nicht unter unserer Kontrolle. Dies ist ein dem Zungenreden (Glossolalie, Sprachengebet oder wie man es nennen will) vergleichbarer Prozess.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Äußerung Jesu über das Fasten in Markus 2,19-20: So lange Jesus bei den Jüngern ist, können sie auf geistliche Übungen verzichten – die sind schließlich kein Selbstzweck. Passend dazu brauchte das Zungenreden in den ersten Gemeinden keine vorbereitenden Übungen. Die Präsenz des Heiligen Geistes war auch ohne sie stark genug. Aber Jesus kündigt schon in Markus 2,20 eine Zeit an, in der geistliche Übungen wieder dran sind. Und so taucht in Apostelgeschichte 13,2 die Übung des Fastens als Vorbereitung auf den Empfang des Geistes wieder auf.

Feb 252007
 

Aus gegebenem Anlass (unsere Gerichtsverhandlung zum Kirchenasyl letzte Woche, bei der ja auch einige mit dabei waren) habe ich jetzt über Hinweise Jesu für Christen vor Gericht nachgedacht. Um es vorweg zu sagen: an Stellen wie Markus 13,9-11 ist natürlich von brutaler Christenverfolgung die Rede, und darum ging es bei uns nicht. Trotzdem: wenn Jesus sagt, dass wir vorher unsere Worte nicht planen sollen, sondern uns vom Heiligen Geist leiten lassen sollen, dann kann man das sicher auch für so eine Situation gelten lassen.

Anscheinend ist eine Gerichtsverhandlung in Jesu Augen eine verheißungsvolle Situation: man kann da ganz besonders mit dem Heiligen Geist rechnen. Ich finde das eine wichtige Ergänzung zu all der Lobpreis-Theologie, die wir sonst auch kennen. Es muss eben kein mit besonderer Kreativität und Können vorbereiteter Gottesdienst sein. Gerade mitten in den sehr weltlichen Kämpfen und Entscheidungssituationen sollen wir mit Gottes Präsenz rechnen. Das war ja auch eine der Erkenntnisse Dietrich Bonhoeffers aus seiner Haftzeit.

Warum aber die Warnung davor, sich vorher alles gut zurechtzulegen?

  1. Wir sollen uns sowieso keine Sorgen machen, und deshalb auch nicht vor einer Gerichtsverhandlung.
  2. Ängstliches Grübeln vorher macht eher schwach.
  3. Der Heilige Geist hilft uns, die Situation zu erspüren und auf sie einzugehen. Eine vorher eingeübte Strategie kann da hinderlich sein, denn es kommt leicht ganz anders als gedacht, und dann kann man nicht so schnell umschalten.
  4. Eine Gerichtsverhandlung – so habe ich es erlebt – ist tatsächlich im aktenorientierten Justizbetrieb ein Moment, in dem echtes Leben die Begrenzungen des Papiers hinter sich lässt und eine Möglichkeit hat, authentisch zur Sprache zu kommen. Und zwar, wenn sie gut geleitet wird, auch so, dass Menschen das Gefühl haben können, dass ihr Anliegen gehört worden ist. Dieser authentischen Situation soll man eine Chance geben.
  5. Wir überschauen sowieso nicht so genau, was wir mit unseren Worten bewirken – warum also sich nicht dem Heiligen Geist anvertrauen?