Aug 032011
 

Angeregt durch die Lektüre von NT Wright und einige Diskussionen auf meinem alten Blog „Tiefebene“ (und bei Arne), möchte ich heute den Positivismus als eine mächtige Grundströmung unserer gegenwärtigen Kultur beschreiben. Dabei geht es mir jetzt nicht um die philosophiegeschichtliche Entwicklung in ihren verschiedenen Linien; wer sich darüber informieren will, kann sich z.B. bei Wikipedia einen Überblick verschaffen und wird dann sehen, dass ich hier mit vergleichsweise groben Mustern arbeite. Es geht mir hier um die praktischen Auswirkungen eines positivistischen Denkstils in allen Lebensbereichen, öffentlich, privat, politisch und kirchlich. Ich beschreibe dazu einige Erlebnisse, die in diesem Zusammenhang für mich Aha-Erlebnise geworden sind.

  • Kurz nach der Katastrophe von Fukushima bekam ich eine Rundmail der Kerntechnischen Gesellschaft (Vereinigung von in der Atomtechnik Tätigen) zu Gesicht, in der es u.a. hieß:
    „Im Rahmen der Berichterstattung über die schrecklichen Vorfälle war es nur zu verständlich, dass nicht immer alle technischen Zusammenhänge wissenschaftlich korrekt dargestellt wurden. Das Deutsche Atomforum hat auf seiner Website umfangreiche Informationen zu den Ereignissen in Japan zusammengestellt …“. Es folgten Hinweise auf Webseiten des Atomforums und der Gesellschaft für Reaktorsicherheit.
    Ich habe diese Webseiten dann regelmäßig gelesen. Es gab dort eine aktuelle Chronik der Ereignisse im AKW einschließlich detaillierter Strahlungswerte an verschiedenen Messpunkten der Anlage, anscheinend eine Zusammenfassung der Bulletins des AKW-Betreibers TEPCO. Das konnte einem helfen, die Übersicht zu behalten. Es brachte aber keinen entscheidenden Mehrwert, wenn man sich auch aus journalistischen Quellen auf dem Laufenden hielt.
    Am interessantesten fand ich die Formulierung in der Rundmail: „dass nicht immer alle technischen Zusammenhänge wissenschaftlich korrekt dargestellt wurden“. Im Begleittext war weniger zurückhaltend von „medialer Hysterie“ die Rede.
    Wenn man sich das übersetzt, bedeutet es: Die eigentlich einzig legitime Art, über so eine Katastrophe zu sprechen, ist die Sprache der wissenschaftlich beglaubigten Fakten. Natürlich wird die Öffentlichkeit angesichts der Verwüstungsgefahr weiter Landstriche emotional reagieren, und das ist ja (wir sind heute mal großzügig) verständlich. Aber es bleibt dabei, eigentlich kann nur der sich ein Urteil über das Geschehen erlauben, der die Radioaktivitätwerte in Millisievert kennt. Und eine Schlagzeile wie „Atomare Verseuchungsgefahr für Tokio?“ wäre Panikmache, solange nicht die amtliche Wetterprognose mit Windrichtung und -stärke vorliegt.
    Die Voraussetzung dahinter ist: der eigentlich einzig legitime Zugang zur Realität läuft über objektive Messwerte. Nur daraus darf (irgendwann, wenn alle Messungen ausgewertet sind) ein Urteil erwachsen. Und eigentlich kann auch nur der es fällen, der die Messwerte mit der Methodik und Terminologie der Eingeweihten bearbeiten kann. Unterm Strich bedeutet das, dass allen anderen Menschen die Deutungshoheit über ihre Geschichte entzogen wird; eigentlich bleibt ihnen nichts anderes übrig, als vertrauensvoll das Urteil der Experten entgegen zu nehmen. Sich in dieser Situation auf seine subjektive Angst zu berufen, bedeutet nur, die positivistische Ideologie zu akzeptieren: Emotionen sind natürlich verständlich, aber für die Urteilsfindung völlig irrelevant.
    Dieser Alltagspositivismus funktioniert als geschlossenes System, das in sich relativ widerspruchsfrei funktioniert. Alles, was es irritieren könnte, wird wegdefiniert. Dass ein Erdbeben die vorausgesetzte Höchststärke überschreitet, dass TEPCO Messergebnisse unterdrückt oder manipuliert, dass Menschen versagen, bestechlich sind oder bewusst täuschen, dass auch kleine Wahrscheinlichkeiten zur Realität werden können usw. – das ist in dieser Sprache nicht vorgesehen.
    Aber der entscheidende Trick ist: dieser begrenzte Wirklichkeitszugang wird als die eigentliche Realität ausgegeben. Wer die ganze Geschichte erzählen will (und damit dieses System überschreitet), ist unwissenschaftlich, naiv oder ein Opfer medialer Hysterie. Den Menschen wird das Recht auf ihre eigene Geschichte abgesprochen, weil die ja (möglicherweise falsche, voreilige, unwissenschaftliche) Urteile enthalten würde. Positivismus ist bevormundend wie schlechte Religion.
    Nun könnte man einwenden, dass die Atomgemeinde sicher eine besonders hartnäckige Zitadelle des Positivismus ist, und das stimmt sicher. Aber immerhin hat es eine Katastrophe wie Fukushima gebraucht, bevor sich wenigstens die deutsche Gesellschaft erfolgreich gegen die Beherrschung von dieser Zitadelle aus auflehnen konnte.
  • Vor mehr als einem Jahrzehnt starb mein Vater. Er hatte wie mancher andere in seinen letzten Lebensjahren mit einer Krebserkrankung zu kämpfen, die sich nur aufhalten, aber nicht heilen ließ. Als er das letzte Mal aus dem Krankenhaus kam, brachte er einen umfangreichen Arztbrief mit. Wir haben versucht, den unter Hinzuziehung eines medizinischen Fachwörterbuches und meiner Kenntnisse der alten Sprachen zu übersetzen, mussten am Ende aber vor der medizinischen Terminologie kapitulieren. Wir ahnten nur, dass es nicht gut um ihn stand. Nicht lange danach lebte er nicht mehr.
    Ich vermute, dass es heute einfacher wäre, einen Arzt zu finden, der eine verständliche Antwort auf unsere Frage („muss er, muss ich jetzt sterben?“) geben würde. Aber ausgestorben sind die Ärzte noch längst nicht, die sich hinter eine verschleiernde Sprache zurückziehen und ihre Patienten mit ihren echten Fragen allein lassen.
    Aber wer als Arzt einen Kranken begleitet, wer als Rechtsanwalt einen Klienten im Prozess berät, wer an einem Grab redet, wer einen Staat leitet (usw.), der soll den Menschen nicht nur eine Dienstleistung bieten. Er soll ihnen (auch) helfen, ihre wirkliche Geschichte zu verstehen. Das ist mehr, als ihnen abgesicherte Fakten oder neutrale Wenn-Dann-Möglichkeiten anzubieten. Es geht darum, gemeinsam mit dem Patienten/Klienten die fachlichen Einsichten in eine Lebensgeschichte zu integrieren, gemeinsam an einem Bedeutungsnetz zu weben, das Orientierung ermöglicht. Dazu gehört natürlich immer das Risiko, dass man daneben liegen kann, dass man in seiner Subjektivität sichtbar und (schrecklich, nicht?) fehlbar wird. Für dieses Risiko wird man auf solchen Posten ja auch nicht schlecht bezahlt. Sich stattdessen hinter Fachchinesisch oder unangreifbaren Richtigkeiten zu verstecken ist einfach feige.
    Zu den verheerendsten Folgen des Positivismus gehört es, dass er diese Feigheit auch noch legitimiert. Es gibt immer noch Befunde, die erst noch abgeklärt werden müssen. Es ist immer noch zu früh für ein endgültiges Urteil. So werden Menschen im Namen der Objektivität um wesentliche Teile ihrer Geschichte betrogen. Und am Ende glauben sie selbst nicht mehr, dass sie eine haben könnten und schauen lieber DSDS.
    Ich finde das Erfrischende am exegetischen Ansatz von NT Wright, dass er sich dazu bekennt, dass man a) als Neutestamentler ein Gesamtbild zeichnen muss (anstatt sich mit Detailuntersuchungen zu begnügen) und dass b) dieses Gesamtbild nicht aus der Summe der Fakten erwächst (oder einfach nur aus dem, „was die Bibel sagt“), sondern aus der Kreativität und Weisheit des Exegeten, der die Daten einordnet. Es bleibt ein Wagnis, ohne dadurch willkürlich oder „nur subjektiv“ zu werden. Aber sollten wir überhaupt erwarten, das etwas Gutes ohne Risiko zu erreichen ist – in welchem Lebensbereich auch immer?
  • Die letzte Geschichte haben wir alle miterlebt. Im Frühjahr musste Verteidigungsminister Guttenberg zurücktreten, weil er seine Dissertation zu erheblichen Teilen bei anderen abgeschrieben hatte. Er musste nicht zurücktreten, weil er das Ende der Wehrpflicht stümperhaft organisiert und vorbereitet hatte (wie sich inzwischen immer deutlicher herausstellt, was sich aber schon damals abzeichnete).
    Dabei müsste doch eigentlich das Versagen in einem Kernbereich seines Amtes der stärkere Rücktrittsgrund sein. Warum stolpert er stattdessen über die Sünden seiner akademischen Laufbahn? Ganz klar – das Plagiat war ein „objektives“ Faktum, von einem universitären Gremium einstimmig festgestellt. Sozusagen ein wissenschaftlicher Messwert. Auch die politischen Spielregeln sind also dermaßen vom Positivismus geprägt, dass in der Regel keiner mehr einfach „nur“ wegen politischem Versagen stürzt. Dafür müsste man ja eine Geschichte erzählen, ein Gesamtbild zeichnen, ein Bedeutungsnetz weben, und wer traut sich das heute noch? Eine Öffentlichkeit, die darin geübt wäre, solche Gesamtbilder zu diskutieren und zu einem einigermaßen klaren Urteil zu kommen, gibt es kaum. Und zwar nicht nur, weil manche Medien gezielt Verwirrung stiften, sondern weil Menschen nicht mehr das Zutrauen haben, dass sie mehr hervorbringen könnten als subjektive Meinungen. Wer aber nicht mehr an die Tragfähigkeit seines Urteils glauben mag, der wird wehrlos gegenüber denen, die genau wissen, was sie wollen und wie sie die Welt sehen.
    Denn es ist ja nicht so, dass es keine (mehr oder weniger) umfassenden Geschichten mehr gäbe. Sie sind nur privatisiert. Natürlich hat der Arzt gewusst, dass mein Vater am Ende seines Lebens angekommen war. Natürlich hat bei TEPCO irgendwer gewusst, was in Fukushima los war. Natürlich wird die Bundeskanzlerin im engsten Zirkel des Kanzleramts den Guttenberg einen Blender und Selbstdarsteller (oder so ähnlich) genannt haben. Natürlich hat die Tea Party oder die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ ein Gesamtbild der Gesellschaft und ein umfassendes Konzept, wie wahnhaft es auch sein mag. Oder die Agrarlobby. Oder. Oder. Oder. Aber das bleibt privat, und die Menschen, die es betrifft, begreifen nicht, was ihnen zustößt. Daher kommt ja das Misstrauen gegen Bilderberg-Konferenzen und ähnliche Foren der Mächtigen: weil dort im Privaten eine große Geschichte erzählt (und fortgeschrieben) werden könnte, während so etwas normalen Menschen und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit durch die positivistische Norm immer weniger möglich ist. Ihnen wird das Recht auf ein Urteil geraubt, sie werden ihrer eigenen Geschichte entfremdet und damit wehrlos.
    Es ist wie mit den immer neuen Steuersenkungen, die die finanziellen Ressourcen der Allgemeinheit ausbluten lassen: wie die öffentlichen Mittel in Privatressourcen umgewandelt werden, so wird durch positivistisches Denken die öffentliche Geschichte in Privatbesitz verschoben.

Und wie sieht es in der Kirche aus? Exegetisch haben wir da auf dem einen Flügel die Erbsenzähler, die biblisches Klein-Klein machen und jeden, der mehr will, als Fundamentalisten verdächtigen. Auf der anderen Seite die Bibeltreuen, die behaupten, sie würden nur den reinen Sinn der Schrift wiedergeben (sozusagen „objektive Messergebnisse“), und ihren eigenen Anteil in der Auslegung verleugnen. Positivisten alle beide.

Mindestens in die Großkirchen, vor allem natürlich die evangelischen, ist die positivistische Grundströmung der Kultur sowieso längst eingedrungen. Sie scheint die logische Alternative zum kirchlichen Paternalismus früherer Zeiten zu sein. Daher leben die Kirchen schon lange nicht nur mit faktischem, sondern mit gewolltem Pluralismus. Das Wort Jesu, man solle nicht richten, macht sie auf eine fatale Weise ohnmächtig. Dass Paulus mit dem gleichen griechischen Wort dazu aufgefordert hat, sich um ein geübtes Urteilsvermögen zu bemühen und es auch anzuwenden, wird selten erinnert.

Aber es bleibt die Aufgabe, den Menschen von der großen Geschichte zu erzählen (die ihnen leider zu oft völlig schief erzählt worden ist), und in der sie mindestens bei uns im Westen irgendwie alle drinstecken: von dem Gott, der sich aufmacht, um seine Welt aus Zerstörung und Besudelung zu retten, und der das nicht ohne uns machen will (auch wenn er die Welt durchaus auch vor uns retten muss). Denn – wie sollten Menschen sonst in der ja vermutlich sehr chaotischen Welt der Zukunft davor geschützt sein, zum verständnislosen Opfer irgendeiner undurchschauten Krise oder Katastrophe zu werden? Nur wer seine große Geschichte kennt, kann begreifen, was mit ihm passiert. Wem man ausgeredet hat, dass es so etwas gäbe, der kann nur von Glück sagen, wenn er heil davonkommt.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit dafür bleibt. Aber wir sollten dringend die versteckten positivistischen Grundlagen unserer Kultur sehr klar in den Blick nehmen. Wir sollten uns deutlich zum riskanten Weg bekennen, aus großen Geschichten zu leben. Dabei begibt man sich in die Gefahr, schrecklich daneben zu liegen. Aber die Alternative des „demütigen“ Verzichts auf solche Gesamtbilder wäre viel riskanter. Viel zu lange haben Christen und Kirchen jeder Couleur zugelassen, dass der Positivismus sie vor sich her getrieben hat – mit katastrophalen Folgen für alle Geschöpfe.

Mrz 132011
 

Predigt über Römer 3,9-24 am 13. März 2011, zwei Tage nach der Katastrophe in Japan, nach der vermutlich zweiten Kernschmelze in Fukushima (Predigtreihe Römerbrief 08)

9 Was heißt das nun? Sind wir als Juden im Vorteil? Ganz und gar nicht. Denn wir haben vorher die Anklage erhoben, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Herrschaft der Sünde stehen, 10 wie es in der Schrift heißt: „Es gibt keinen, der gerecht ist, auch nicht einen; 11 es gibt keinen Verständigen, keinen, der Gott sucht. 12 Alle sind abtrünnig geworden, alle miteinander taugen nichts. Keiner tut Gutes, auch nicht ein Einziger. 13 Ihre Kehle ist ein offenes Grab, mit ihrer Zunge betrügen sie; Schlangengift ist auf ihren Lippen. 15 Ihr Mund ist voll Fluch und Gehässigkeit. Schnell sind sie dabei, Blut zu vergießen; 16 Verderben und Unheil sind auf ihren Wegen, 17 und den Weg des Friedens kennen sie nicht. 18 Die Gottesfurcht steht ihnen nicht vor Augen.“ 19 Wir wissen aber: Was das Gesetz sagt, sagt es denen, die unter dem Gesetz leben, damit jeder Mund verstummt und die ganze Welt vor Gott schuldig wird. 20 Denn durch Werke des Gesetzes wird niemand vor ihm gerecht werden; durch das Gesetz kommt es vielmehr zur Erkenntnis der Sünde.
21 Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden, bezeugt vom Gesetz und von den Propheten: 22 die Gerechtigkeit Gottes deren Grundlage die Treue des Messias Jesus ist, die zu allen kommt, die glauben. Denn es gibt keinen Unterschied: 23 Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. 24 Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung im Messias Jesus.

Paulus ist am ersten Höhepunkt seines Briefes angekommen: er hat sich durch das ganze Tal menschlicher Verirrungen durchgearbeitet, und jetzt erklimmt er den ersten Berg auf der anderen Seite, wo man endlich aus dem Nebel heraus ist und wieder eine Orientierung hat, wie es weitergeht. Dieser Orientierungspunkt steckt in den letzten zwei Versen. Zuerst: »alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren.« Das ist noch einmal die Zusammenfassung des Problems: Menschen waren berufen, die Mittler zwischen Gott und der Schöpfung zu sein. Sie sollten nur ein klein wenig geringer sein als Gott, aber an ihnen sollte der Glanz Gottes sichtbar werden, sie sollten seine Herrlichkeit in die Schöpfung hinein reflektieren. Stellt euch Adam und Eva vor, wie sie im Paradies mit Gott genauso reden wie mit den Tieren, ohne Scheu und Abstand. Wie sie als Bilder Gottes seine Herrlichkeit widerspiegeln in einer Fülle, die wir uns gar nicht mehr vorstellen können, sondern von der wir nur indirekt sprechen können, in Bildern und Vergleichen: Wie sie als weise Könige über die Schöpfung geherrscht haben und dafür gesorgt haben, dass keine Zerstörung geschieht, keine Katastrophen, keine Erdbeben, kein Atomtod, keine Gewalt; die Erde war durchstrahlt von der Herrlichkeit Gottes, und die ersten Menschen waren der konzentrierte Mittelpunkt dieses Glanzes.

Und dann ist das alles verloren gegangen und wir landen in der Welt, die wir aus eigener Erfahrung nur zu gut kennen, mit Menschen, die sich ängstigen und gleichzeitig größenwahnsinnig werden, die die Schöpfung misshandeln und ausbeuten, Menschen, die auch untereinander uneins sind, die lügen und betrügen, sich ihrer Verantwortung entziehen, sich gegenseitig töten und ein Schrecken für alle Kreaturen sind. Paulus hat in den Versen vorher noch die drastischsten Stellen aus dem Alten Testament zusammengestellt, wo das in möglichster Klarheit ausgesprochen wird: Gott ist ihnen egal, sie reden vom Frieden und liefern Waffen in alle Welt, sie prahlen mit den Menschenrechten und paktieren mit Diktatoren, sie lesen die BILD-Zeitung und scheren sich einen Dreck um die Leute, die auf der Flucht vor dem Elend an ihrer Grenze stehen, sie plappern jede Propaganda nach und hinterlassen eine Spur der Zerstörung. Aus den weisen Königen im Garten Eden sind miese kleine Gartenzwerge in einer vermüllten Welt geworden, ängstlich und unsicher, und immer bereit, das Wohl aller anderen zu opfern, wenn sie sich selbst dadurch für einen kurzen Moment besser fühlen. Die Herrlichkeit Gottes, der großzügig schenkt und gibt, ist verloren gegangen und seine Ebenbilder gebrauchen die Ellbogen und raffen und plündern ohne Rücksicht auf die Folgen. Und auch das auserwählte Volk Gottes, durch das der Segen von neuem in die Welt kommen sollte, auch das macht mit und ist zum Teil des Problems geworden. So ist die Lage, das steht in aller Klarheit schon in der Bibel.

Was wird Gott jetzt tun? Wird er sein Projekt Schöpfung wieder kassieren und in die Tonne treten? Oder hat er noch einen Plan B, nachdem Israel selbst zum Problem geworden ist?

Weder noch, sagt Paulus. Gott bleibt bei seinem ursprünglichen Plan. Er macht seine Schöpfung nicht rückgängig. Er macht auch seinen Plan mit Israel nicht rückgängig. Er ist auch nicht überrascht, dass seine menschlichen Partner versagen. Das hat er alles schon mit einkalkuliert. Deshalb bleibt er bei dem Plan, den er von Anfang an im Sinn hatte. Er sendet einen Menschen, der von neuem Gottes Herrlichkeit verkörpert, der die göttliche Art zu leben zurückbringt, der von neuem der weise und mächtige König der Welt wird, wir wissen alle seinen Namen: Jesus, der Messias Israels, der Christus. Er ist Gottes Plan A, den Gott schon bei der Schöpfung im Sinn hatte. Und dieser König der Welt wird zum Oberhaupt einer neuen Gemeinschaft von Menschen, er teilt seine Art von Herrschaft mit allen, die zu ihm gehören, mit allen, die an ihn »glauben«.

So, jetzt ist es heraus, da wollte Paulus hin: die verloren gegangene Herrlichkeit des Menschen wird erneuert: Adam und Eva haben sie verspielt, Jesus hat sie zurückgewonnen, und er teilt sie mit allen, die an ihn glauben:

»Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung im Messias Jesus.«

Das Bild hinter dem Wort Erlösung ist der Freikauf eines Sklaven. So wie ein indischer Bauer, der für die Hochzeit seiner Kinder seinen Hof verpfändet hat und irgendwann kann er die Zinsen nicht mehr bezahlen, verliert seinen Hof und muss selbst samt seinen Kindern immer und ewig für den Geldverleiher arbeiten und wird die Schuld nie zurückzahlen können. Und dann kommt jemand anders und bezahlt das und kauft ihm den Hof zurück und er kann neu anfangen, er kommt zurück an den Start. So ist Jesus die Wurzel einer neue Menschheit, ein Reset, ein Neustart mit der Herrlichkeit, die Adam verspielt hat.

Aber es gibt einen Unterschied: wir sind nicht mehr im Garten Eden. Die vermüllte Welt ist nicht plötzlich vom Gift gereinigt. Die verbogenen Menschen sind nicht plötzlich strahlende Helden. Der Feind ist nicht mehr eine sprechende Schlange, die man getrost ignorieren könnte, sondern er ist eine grausame Macht, die überall ihre Finger im Spiel hat. Und kaum ist Jesus getauft und zum neuen König der Welt ausgerufen, da kommt der Satan an und sagt: das wollen wir doch mal sehen, ob ich dich nicht auch unter Kontrolle kriege. Ich hab dir was anzubieten: spring vom Tempeldach, werde ein Superstar mit Superkräften, mach aus Steinen Brot, wie ein Spekulant, der aus ein bisschen Papier und Computerdaten Milliarden und Billionen macht. Und wenn es sein muss, kannst du von mir die Weltherrschaft haben, werde zum römischen Kaiser, zum mächtigsten Mann der Welt. Ich biete dir Herrlichkeit an. Und dann antwortet Jesus ungefähr drei Sätze, und der Teufel ist am Boden zerstört, geht zurück in die Hölle und leckt seine Wunden. Und der Inhalt dieser Sätze ist unter dem Strich: Deine Herrlichkeit will ich nicht. Die stinkt. Die ist von Fäulnis zerfressen. Nicht so.

Und dann geht Jesus durch diese kranke Welt und hinterlässt eine Segensspur. Er heilt, er spricht die Wahrheit aus, er bringt einen Sturm zur Ruhe. Es ist als ob er einen löcherigen Mantel an hätte und durch alle Löcher und Nähte dringt sein Glanz nach außen. Aber am Ende hängt er nackt an einem Kreuz und quält sich zu Tode wie ein aufgespießter Schmetterling, er versteht seinen Vater im Himmel nicht mehr, aber sein letzter Gedanke gilt diesem Vater, und als er tot ist, sagt sein Henker, der alles gesehen hat: jetzt habe ich es verstanden, der war Gottes Sohn.

Das ist Herrlichkeit. Das ist Gottes Herrlichkeit unter den Bedingungen dieser kaputten Welt. Liebe Freunde, das ist der Punkt, den wir vom Christentum verstehen müssen. Wenn wir den verstanden haben, kommt der Rest nach. Herrlichkeit zeigt sich in dieser Welt, wenn einer (nämlich Jesus) sich in einem Universum voller Schmerz und Dunkel wiederfindet, aus dem auch der letzte Rest von Gottes Güte verschwunden ist, und wenn er da trotzdem an Gott festhält und nach ihm ruft und immer noch die Avancen des Feindes zurückweist und Gottes Weg treu bleibt bis zum letzten Atemzug. Wenn Paulus in einer Kurzformel vom »Kreuz« spricht, dann meint er das.

Ich habe neulich den Bericht einer Journalistin gelesen, die drei Monate in einem iranischen Gefängnis eingesperrt war, also an einem der schrecklichsten Orte, die es z.Zt. auf der Welt gibt. Sie ist nicht gefoltert worden, sie ist „nur“ massiv unter Druck gesetzt worden, aber sie hat mitbekommen, wie es anderen ging, die da länger bleiben mussten und die nicht den Schutz der ausländischen Öffentlichkeit hatten. Und in diesem Gefängnis, an diesem fürchterlichen Ort, da ist sie iranischen Frauen begegnet, die ihr beigebracht haben, wie man an so einem Ort überlebt. Und eine der wichtigsten Lehren war: gib deine Überzeugungen nicht auf. Wenn du hier überleben willst, dann darfst du nicht deine Überzeugungen aufgeben, um keine Preis, sonst bist du verloren.

Das ist Herrlichkeit. Darum geht es. Diese iranischen Frauen, wahrscheinlich Muslimas oder Atheistinnen, haben mehr vom Kreuz Jesu verstanden als viele Christen. Aber ich muss gleich klarstellen, das heißt andererseits nicht, dass diese Kraft nur an Kreuzen oder nur in Gefängnissen sichtbar würde. Gemeint ist: diese Kraft ist selbst an den Orten der größten Dunkelheit lebendig – und dann ist sie unter weniger schlimmen Bedingungen doch wohl erst recht wirksam. Nicht jeder muss erleben, was diese iranische Journalistin – oder was Jesus selbst erlebt hat – aber wir alle sollen Anteil an der Herrlichkeit haben, dafür ist Jesus gekommen, darin zeigt sich Gottes Treue (im Sprachgebrauch von Paulus: Gottes Gerechtigkeit), dass er uns auf diesen neuen Weg mitnimmt. Jesus ist uns vorangegangen, er hat uns gezeigt, worum es geht, er hat im Selbstversuch bewiesen, dass Gott treu ist, er hat uns den Heiligen Geist gesandt – jetzt sind wir dran. Unsere Berufung ist die Nachfolge.

Und wenn jetzt jemand sagt: das kann ich nicht, unmöglich, das geht nicht – dann ist die Antwort: hast du es eigentlich schon mal wirklich versucht? Was hast du denn schon investiert, um Anteil an dieser Herrlichkeit zu haben? Jesus selbst hat dreißig Jahre gebraucht, bis er so weit war, dass der Teufel keine Macht über ihn bekam. Also, dann versuch es jetzt dreißig Jahre lang intensiv, lese, bete, diene, geh zum Gottesdienst, faste, liebe, und dann komm wieder, und dann reden wir darüber, ob das unmöglich ist oder nicht.

Und jetzt kommen wir zu Japan. Liebe Freunde, was braucht man, wenn so etwas Unglaubliches passiert? Was brauchst du, wenn die Erde unter dir wankt, wenn ein Tsunami dich verschluckt oder der Schlund der atomaren Hölle sich auftut? Was brauchst du, wenn du aufwachst in einem zerstörten Landstrich und keiner ist da, der dir irgendwas sagen kann, was du tun sollst? Da hilft nur diese Herrlichkeit Gottes, die auch mitten im dunkelsten Winkel der Welt nicht verlöscht. Und wenn sie dir „nur“ dazu hilft, mit deinem letzten Gedanken nicht Verzweiflung und Tod zu denken, sondern an deinen Vater im Himmel. Aber vielleicht hilft sie dir ja auch, nicht gelähmt herumzusitzen, sondern einen Spaten zu nehmen, eine Stange, deine Hände, irgendwas, um nach Verschütteten zu graben, oder einem verstörten Kind mit einem Wort oder einem Blick wieder das Vertrauen in die Welt zurückzugeben, oder dein letztes Brot mit einem anderen zu teilen. Das ist Herrlichkeit.

Aber wahrscheinlich wird keiner von uns ein Erdbeben und einen Tsunami erleben. Es wird ganz anders sein. Wenn bei uns ein Atomkraftwerk schmilzt, dann wird es so kommen, dass alle sagen, so eine unglückliche Verkettung von Umständen hätte niemand vorhersehen können, und die wäre in den Sicherheitsberechnungen einfach nicht vorgesehen gewesen. Aber es kann ja auch gut gehen bei uns. Nur: dass wir auf die Dauer heil durchkommen, wenn sich im Untergrund der Welt die Erdschollen verschieben und sich immer höhere Spannungen aufbauen, die sich in immer heftigeren Explosionen entladen; dass wir da heil durchkommen, nur weil wir in Ilsede wohnen, in einem Winkel der Welt, wo grundsätzlich nichts Aufregendes passiert – darauf würde ich mich nicht verlassen. Schon gar nicht in den Zeiten des Klimawandels, von ungeahnten Seuchen und anderer Instabilitäten. Je jünger wir sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgend so etwas irgendwann auch am eigenen Leibe erleben werden. Und die privaten Katastrophen sind ja auch nicht ohne.

Wie sagten die iranischen Frauen: du brauchst Überzeugungen. Überzeugungen, die du um keinen Preis aufgibst. Und ich würde sagen, die musst du dein Leben lang so einüben, dass sie dir in Fleisch und Blut übergehen, dass sie dich auch dann noch tragen, wenn die Flut über dir zusammen schlägt und die Luft nur noch für drei Atemzüge reicht. Dann werden sie dir auch in viel harmloseren Situationen Vollmacht geben, Herrlichkeit, und du wirst ein königlicher Mensch sein, denn in dir wird Jesus sichtbar werden.

Wenn die Welt wieder zurecht kommen soll, dann durch königliche Menschen, Menschen wie dich und mich, die in den Spuren Jesu gehen, die das ein Leben lang unter Einsatz von Kraft und Zeit und Fantasie lernen und dann, wenn es darauf ankommt, in großen und kleinen Momenten, seine Herrlichkeit widerspiegeln. Weißt du, was passieren kann, wenn du dich nicht aufmachst weil dir andere Sachen viel wichtiger sind? Vielleicht wirst du dann im entscheidenden Moment nicht gewohnt sein, als so ein königlicher Mensch zu handeln, und du wirst dir oder anderen großen Schaden zufügen. Vielleicht kannst du dann etwas entscheidendes Gutes nicht tun, was dich oder andere gerettet hätte.

Könnte es irgendetwas Wichtigeres geben? Könnte es irgendein Gesprächsthema geben, das dringender ist? Sollten wir nicht sehr entschlossen das Reden über Arztbesuche, Meerschweinchen, Sportergebnisse, Enkelgeburtstage oder Fernsehshows auf seinen angemessenen Platz im Hintergund stellen und uns zuerst mit dem beschäftigen, was wirklich zählt: Die Herrlichkeit Gottes, die Jesus erneuert hat und die zu allen kommt, die an ihn glauben? Wäre dieses Thema nicht eine angemessene Solidarität mit Japan?