Nov 022012
 
einfach emergent Band 1

Der erste Band der neuen Reihe „einfach emergent“ ist in diesen Tagen erschienen und bietet einen ausgewogenen Zugang zur emergenten Bewegung. Er verzichtet auf dramatische Parolen oder Zuspitzungen und beschreibt stattdessen aus der Kenntnis von Beteiligten, weshalb sich in der ganzen Welt Christen aufgemacht haben, um das Christentum neu zu entdecken:

Tobias Künkler, Tobias Faix, Arne Bachmann:
Emerging Curch verstehen. Eine Einladung zum Dialog (Verlag der Francke-Buchhandlung)

Nach einer Einführung, die am Anfang einigen gern verbreiteten Verkürzungen vorbeugen soll, benennen die Autoren als Ausgangspunkt für das emergente Denken den gesellschaftlichen Wandel, der uns an den Übergang von der Moderne zur Postmoderne gebracht hat. In dieser Situation werden die Defizite der modernen Versionen des Christentums (seien sie liberal oder konservativ) sichtbar. Diese modernen Christentumsvarianten sind aber weltweit verbreitet, so dass auch weltweit spontan ähnliche Suchbewegungen nach einem neuen Verständnis von Evangelium, Glaube und Gemeinde eingesetzt haben. Die Autoren beschreiben, wie diese weltweite Bewegung (vor allem in den Industrie- und Schwellenländern) in Deutschland aufgenommen und weiterentwickelt wurde.

Einen Schwerpunkt bildet das fünfte Kapitel, in dem die Themen benannt werden, an denen es zu theologischen Verschiebungen, Diskussionen und Neuansätzen kommt. Dies ist ein gute Orientierung in den Fragen, um die es bei der aktuellen theologischen Arbeit im emergenten Umfeld geht. Das folgende, eher praxisorientierte Kapitel beschreibt einige Folgerungen aus diesen Neuansätzen und stellt ein Praxisbeispiel (die Mosaik-Gottesdienste) ausführlicher dar. Im Schlusskapitel deuten sich vorsichtig einige mögliche Antworten auf die Fragen an, die durch den emergenten Dialog aufgeworfen werden. Vor allem aber werden dort für alle, die sich an diesem Dialog beteiligen möchten, geeignete Schnittstellen und Andockmöglichkeiten benannt.

Durchgängig fällt die Ausgewogenheit auf, mit der hier einzelne steile, möglicherweise missverständliche Thesen aus der emergenten Diskussion in ihren Zusammenhang gestellt und so zumindest nachvollziehbar werden.  Wer sich in Zukunft an der Diskussion um Emergent Deutschland beteiligt, wird um dieses Buch nicht herumkommen, wenn er als seriös wahrgenommen werden will. Schrille Alarmrufe, die mit der Emerging Church ein weiteres Mal das Ende des christlichen Abendlandes heraufziehen sehen, bleiben deutlich unterhalb der hier erreichten Reflexionshöhe. Natürlich kann ein 90 Seiten – Büchlein nicht alle Themen erschöpfend behandeln. Die „einfach-emergent“-Reihe ist bewusst kurz gehalten, um einen schnellen (und preisgünstigen) Einstieg in das Thema zu ermöglichen. Für alle, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen, endet das Buch mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis.

Am Ende der Werbeblock:
empfehlenswert ist natürlich auch der  zweite Band der Reihe, „Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt„. Dazu habe ich hier schon etwas geschrieben.

Okt 162012
 

Heute hab ich doch tatsächlich völlig unerwartet von Wolfgang das Buch von Peter und mir zugeschickt bekommen und habe es jetzt zum ersten Mal auch in analoger Form in der Hand. Eine Super-Überraschung! Und auch wenn die Zeit der Arbeit daran jetzt schon ein bisschen zurückliegt: ich mag es immer noch wie während des Schreibens. Danke, Wolfgang! Jetzt muss ich es doch nicht extra beim Francke-Verlag bestellen.

Jul 192012
 

Was „emerging church“ eigentlich ist, das ist innerhalb der Bewegung immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Da ist es schön, wenn man sich auch mal von anderen etwas dazu sagen lassen kann.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen bringt in der neuesten Ausgabe ihres Materialdienstes (7/2012) einen Beitrag zum Thema „Die Emerging Church“. Verfasst ist er von Anika Rönz, Studentin der Religionswissenschaft in Marburg, die im Frühjahr 2012 ein Praktikum in der EZW gemacht hat.

Rönz beschreibt die Emerging Church (EmCh)  als „dezentrale, konfessions- und nationenübergreifende christliche Bewegung, die sich konstruktiv mit den Bedingungen der Postmoderne auseinandersetzen will, um Wege zu finden, unter diesen Bedingungen einen zeitgemäßen und zugleich evangeliumsnahen Glauben zu leben“. Tobias Faix wird mit den Worten zitiert, die EmCh sei „eine dynamische Bewegung inmitten des gesellschaftlichen Wandels“.

Zur Beschreibung der postmodernen Problematik wird der Aufsatz „Kurze Geschichte der Postmoderne“ von Tobias Künkler herangezogen. Als praktische Folgerungen aus dem EmCh-Ansatz werden benannt:

  • Bildung netzwerkartiger Strukturen
  • Interaktion und Beteiligung von Gemeindegliedern
  • Veranstaltungen an nichtkirchlichen Orten

Rönz greift eine Einteilung Ed Stetzers auf, der in der EmCh drei unterschiedliche Strömungen unterscheidet: der ersten geht es nur um zeitgemäße Umsetzung klassisch-evangelikaler Inhalte, der zweiten (den „Rekonstruktionisten“) um neues, nicht-traditionelles Denken, während die „Revisionisten“ tiefgreifende Veränderungen in Theologie und Lebensvollzug anpeilen.

Als übergreifende theologische Anliegen benennt Rönz die Orientierung an Jesus und die Betonung der Inkarnation, die die Trennung sakral/weltlich überwindet und damit eine Öffnung zur Gesellschaft auch theologisch begründet; sowie ein „missionales“ Selbstverständnis, das an biblisch-hebräisches ganzheitliches Denken anknüpft.

Als exemplarische Kritiker werden benannt Rudolf Ebertshäuser und Ron Kupsch. Rönz beobachtet, dass unsachliche Kritik von der EmCh eher ignoriert wird, die Auseinandersetzung mit konstruktiver Kritik jedoch zur Dynamik innerhalb der Bewegung beiträgt.

In der Schlussbewertung akzentuiert die Autorin die schwierige Einordnung der EmCh als einerseits evangelikale, andererseits aber zentralen evangelikalen Positionen widersprechende Bewegung. Zukunftsprognosen seien schwierig zu stellen. „Noch ist die Bewegung keine bestimmende Größe innerhalb des Spektrums christlicher Ausprägungen. Sie kann aber keinesfalls als unbedeutende Randgruppe … angesehen werden.“

Das klingt doch gar nicht so schlecht.

Mai 272012
 

Pfingsten ist ein guter Augenblick, um diese neue Webseite online zu stellen. Ich möchte in Zukunft alle meine Texte zentral an einer Stelle veröffentlichen. Bisher habe ich Predigten auf der Webseite unserer Kirchengemeinde veröffentlicht, andere Texte auf meinem alten Blog „Tiefebene„, und dann gab es noch einige andere verstreute Orte. Die Tiefebene-Artikel (erkennbar am Autorennamen „Tiefebene“) sind fast alle nun auch hier versammelt, sogar mit den jeweiligen Kommentaren.

Warum eine neue Webseite?

Schon lange haben mich die begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten eines wordpress.com – Blogs gestört. So schön es ist, dass man sich sich dort nicht um die Installation und die Updates kümmern muss: ich wollte gern die Möglichkeit haben, die CSS zu verändern und die Struktur der Seite freier zu gestalten (wenn dir diese Begriffe nichts sagen, vergiss sie einfach). Und unsere seit 2000 kontinuierlich gewachsene Gemeindewebseite noch nachträglich  manuell mit Kommentarfunktionen auszustatten, wäre eine wahre Herkulesaufgabe geworden.

Also fange ich neu an und werde nach und nach auch noch mehr von meinen früheren Predigten hierher holen. Ein Bibelstellenregister (auch das fehlte auf der Gemeindewebseite) soll alle bibelbezogenen Inhalte erschließen helfen. Allerdings werde ich auch weiterhin Predigten parallel auf der Gemeindewebseite veröffentlichen.

Ich möchte mit dieser zentralen Webseite vor allem deutlich machen, dass Theologie, praktische Bibelauslegung in der Gemeindearbeit, Nachdenken über Politik und anderes Zeitgeschehen, Auseinandersetzung mit den prägenden Grundgedanken der Gegenwart und Anteilnahme an den Entwicklungen vor Ort für mich eine Einheit darstellen. Alles beeinflusst sich gegenseitig. Nichts davon möchte ich missen. Die emergente Art, Theologie zu betreiben, bringt all diese unterschiedlichen Themen zusammen.

Neue Webseite online: Walters Werkstatt

Ich nenne diese Webseite „Walters Werkstatt“, weil all unser Nachdenken z.Zt. im permanenten Umbau ist. Vielleicht wird das ja eines Tages auch wieder anders, aber vorerst muss noch weiter heftig in der Werkstatt gearbeitet werden. Mögen daraus neue Perspektiven entstehen für die Gemeinde der Zukunft, und vielleicht auch neue Perspektiven für unsere Welt, in der seit Beginn des neuen Jahrtausend die Unsicherheit stetig zunimmt. Eigentlich ist das ein gutes Szenario für eine Neugeburt des christlichen Glauben. Gott hat in solchen Situationen immer wieder für überraschende Wendungen gesorgt. Wir können einiges erwarten.

In den letzten Monaten habe ich vor allem an dieser Webpräsenz gearbeitet; dabei hat die Produktion von Inhalten zurückstehen müssen. Die letzte Veröffentlichung auf „Tiefebene“ liegt schon länger zurück. Ich hoffe, dass sich das nun wieder ändern wird. Heute wird dieser Blog auch für die Suchmaschinen freigeschaltet; auf „Tiefebene“ wird es noch eine Zeit lang Hinweise auf die neuen Veröffentlichungen hier geben.

Tiefebene, es war eine schöne Zeit mit dir, aber nun geht es anders weiter, und du bleibst erhalten im Untertitel dieses Blogs: Texte aus der norddeutschen Tiefebene.

Nov 232010
 
  1. Dieses Forum war nicht nur durch die Inhalte, sondern auch im Stil wahrscheinlich das bisher emergenteste (kann man „emergent“ steigern?). Der Schwerpunkt lag eindeutig bei den Teilnehmern und ihren Aktivitäten, in den Themenräumen, in in der Lounge und im Rock-Cafe. Um es grotesk zu überspitzen: ein Kongress mit Spitzenreferenten braucht keine Teilnehmer, um abzulaufen; das Forum hätte ohne seine Teilnehmer nicht funktioniert.
  2. Wer also war da? Mit etwa 130-150 Leuten (genau gezählt hat, glaube ich, keiner – oder doch?) waren wir etwa ein Drittel mehr als im Vorjahr. Und geschätzte 40 % waren zum ersten Mal auf einem Forum. Die Mund-zu-Mund-Propaganda scheint zu funktionieren. Der Altersschwerpunkt lag dabei ganz deutlich zwischen gut 20 und gut 30 Jahren; darüber wurde die Luft schnell dünner.
  3. Bei meiner ersten emergenten Veranstaltung 2007 war ich über eine beinahe reine Männergesellschaft verwundert. Bei diesem Forum gab es ein ziemlich ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Für einen Landeskirchler (wir müssen ja wahrscheinlich demnächst Männerschutzgebiete einrichten) wie mich immer noch eine ungewohnte Erfahrung.
  4. Das charakteristische Bild aus diesen Tagen in Essen sind für mich viele kleine und große Runden, in denen intensiv und mit wertschätzender Neugier untereinander diskutiert wird. Von Anfang an konnte man mit vielen interessanten Leuten ins Gespräch kommen, die man vorher nicht kannte. Oder bisher nur aus dem Internet (Simon und Martin haben das ausdrücklich reflektiert). Am intensivsten erlebt habe ich das im Plenum am Samstag Mittag (ich habe allerdings schon den Abend und den Sonntag nicht mehr miterlebt, weil ich zu Hause arbeiten musste): der große Saal summte nicht wie der buchstäbliche Bienenkorb, sondern glich mit seinem Stimmengewirr eher einem Marktplatz. Spätestens da war ich mir sicher: es hat sich gelohnt, so konsequent auf die Teilnehmenden und ihre Aktivität zu setzen. Der Ansatz, Räume bereitzustellen, in denen nicht vorhersehbare Lernprozesse ablaufen können, hat funktioniert. Ja, das war das Forum: ein Ort für unübersehbar viele Lernprozesse; ein Ermöglichungsrahmen, in dem sich Menschen gegenseitig auf vielen kleinen und großen Lernschritten begleitet haben. Und das Ganze selbstorganisiert ohne großen Apparat.
  5. Dankbar waren wir aber für die großzügige Gastfreundschaft des Essener Weigle-Hauses. „Wenn sich irgendwo etwas gutes Neues bewegt, dann möchten wir da dabei sein“ hatte Rolf Zwick uns am ersten Abend sinngemäß begrüßt. Und das Haus war für das Forum ein beinahe perfektes Umfeld: mit der Lounge und all den vielen größeren und kleineren Räumen, in denen viele unterschiedliche Prozesse gleichzeitig Platz hatten. Dazu kamen die engagierten und freundlichen Mitglieder des Staffs, die anscheinend eine gut funktionierende Organisationskultur im Rücken haben. Und nie habe ich Tobias Klug genervt oder unfreundlich erlebt, trotz der unzähligen kleinen und großen Fragen, die an diesen Tagen bei ihm aufgelaufen sein müssen.
  6. Das vierte Forum war somit eine Illustration der Emergenztheorie: soziale Systeme haben das Potential, sich selbst zu organisieren. Sie sind nicht kontrollierbar und für Überraschungen gut. Sie entwickeln sich weiter und passen sich an Veränderungen an. Es mag sein, dass es auch etwas dauert, bis sich deutlicher herausstellt, wohin die Reise geht. Emergent Deutschland bleibt spannend. Wenn man aber den Echos im Internet zuhört, hat man den Eindruck: nächstes Jahr werden noch ein paar mehr dabei sein.
  7. Eben gerade lese ich noch auf der Website von Emergent Deutschland die Anfrage von Jay, ob es nicht – bei aller Wertschätzung der dezentralen Formen – auch ein paar Elemente geben könnte, die das Ganze wieder stärker zusammenführen (Jay hat es nicht verdient, dass sich ein etwas merkwürdiger Kritiker an ihn angehängt hat). Das ist sicherlich eine Anregung, die in die Überlegungen zum nächsten Forum eingehen wird. Wir sind eben ein lernendes System.
Okt 222008
 

Shane Clayborne hat nicht nur das auch in Deutschland bekannte Buch „Ich muss verrückt sein, so zu leben“ geschrieben, sondern jetzt auch einen Film gemacht: eine Reise zu den radikalen Christen Amerikas, die von den Mainstream-Medien nicht wahrgenommen werden. Motto „A conspiracy of faith in the margins of empire“. Hier ist ein kurzer Trailer:

http://www.youtube.com/v/gNYgwNYf6Ok

Ein paar Textauszüge:

They’re not trying to provide a set of political suggestions for the world: they are invoking and embodying the alternative.

This is the story of a peculiar people with no king but a God.

Theirs isnt’t the old-time religion of saving up for going to heaven; this is bringing heaven to the world.

Interviewt werden auch Brian McLaren, Ron Sider, Tony Campolo, Jim Wallis u.a. Leider gibt es die DVD bisher nur bei amazon/USA.

Hier ist die Website mit einem Blog zum Film.