Nov 022012
 
einfach emergent Band 1

Der erste Band der neuen Reihe „einfach emergent“ ist in diesen Tagen erschienen und bietet einen ausgewogenen Zugang zur emergenten Bewegung. Er verzichtet auf dramatische Parolen oder Zuspitzungen und beschreibt stattdessen aus der Kenntnis von Beteiligten, weshalb sich in der ganzen Welt Christen aufgemacht haben, um das Christentum neu zu entdecken:

Tobias Künkler, Tobias Faix, Arne Bachmann:
Emerging Curch verstehen. Eine Einladung zum Dialog (Verlag der Francke-Buchhandlung)

Nach einer Einführung, die am Anfang einigen gern verbreiteten Verkürzungen vorbeugen soll, benennen die Autoren als Ausgangspunkt für das emergente Denken den gesellschaftlichen Wandel, der uns an den Übergang von der Moderne zur Postmoderne gebracht hat. In dieser Situation werden die Defizite der modernen Versionen des Christentums (seien sie liberal oder konservativ) sichtbar. Diese modernen Christentumsvarianten sind aber weltweit verbreitet, so dass auch weltweit spontan ähnliche Suchbewegungen nach einem neuen Verständnis von Evangelium, Glaube und Gemeinde eingesetzt haben. Die Autoren beschreiben, wie diese weltweite Bewegung (vor allem in den Industrie- und Schwellenländern) in Deutschland aufgenommen und weiterentwickelt wurde.

Einen Schwerpunkt bildet das fünfte Kapitel, in dem die Themen benannt werden, an denen es zu theologischen Verschiebungen, Diskussionen und Neuansätzen kommt. Dies ist ein gute Orientierung in den Fragen, um die es bei der aktuellen theologischen Arbeit im emergenten Umfeld geht. Das folgende, eher praxisorientierte Kapitel beschreibt einige Folgerungen aus diesen Neuansätzen und stellt ein Praxisbeispiel (die Mosaik-Gottesdienste) ausführlicher dar. Im Schlusskapitel deuten sich vorsichtig einige mögliche Antworten auf die Fragen an, die durch den emergenten Dialog aufgeworfen werden. Vor allem aber werden dort für alle, die sich an diesem Dialog beteiligen möchten, geeignete Schnittstellen und Andockmöglichkeiten benannt.

Durchgängig fällt die Ausgewogenheit auf, mit der hier einzelne steile, möglicherweise missverständliche Thesen aus der emergenten Diskussion in ihren Zusammenhang gestellt und so zumindest nachvollziehbar werden.  Wer sich in Zukunft an der Diskussion um Emergent Deutschland beteiligt, wird um dieses Buch nicht herumkommen, wenn er als seriös wahrgenommen werden will. Schrille Alarmrufe, die mit der Emerging Church ein weiteres Mal das Ende des christlichen Abendlandes heraufziehen sehen, bleiben deutlich unterhalb der hier erreichten Reflexionshöhe. Natürlich kann ein 90 Seiten – Büchlein nicht alle Themen erschöpfend behandeln. Die „einfach-emergent“-Reihe ist bewusst kurz gehalten, um einen schnellen (und preisgünstigen) Einstieg in das Thema zu ermöglichen. Für alle, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen, endet das Buch mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis.

Am Ende der Werbeblock:
empfehlenswert ist natürlich auch der  zweite Band der Reihe, „Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt„. Dazu habe ich hier schon etwas geschrieben.

Nov 212010
 

Deutschlandkarte Emergent ForumLeider habe ich beim Emergent Forum in Essen die Deutschlandkarte mit den Heimatorten der Teilnehmer zu früh fotografiert – im Laufe des Tages ist der hier beschriebene Effekt noch deutlicher geworden. Aber auch auf diesem Bild ist er schon zu erkennen: die Herkunftsverteilung spiegelt in etwa die Missionssituation auf dem Gebiet des späteren Deutschland um etwa 800 (Kaiserkrönung Karls des Großen).

Im Einzelnen: Gut bestückt ist die Rheinschiene. Das ist alter christlicher Boden noch aus der Zeit des Imperium Romanum. Auch im Süden ist das Christentum seit alters hinter dem schützenden Limes früh verankert gewesen; die Missionstätigkeiten der irischen Mönche (Columban, Gallus) haben es nach der Völkerwanderung wieder neu aktiviert. In der Mitte Deutschlands (Hessen von Frankfurt bis Kassel) hat Bonifatius schon sein Werk getan. Von dort aus wird auch Thüringen beeinflusst.
Spärlich hingegen sind der Norden und Osten christianisiert. Einzelne frühe Missionsstützpunkte (Hamburg, Bremen) liegen ziemlich verloren im heidnischen Gebiet. Auch in Ostfriesland hat sich der neue Glaube noch nicht so richtig durchgesetzt; das Blut des Bonifatius und seiner Mitstreiter wird erst später den Boden dort fruchtbar machen.

Eine relativ starke christliche Zusammenballung ist im Ruhrgebiet zu erkennen; von dort aus startete die fränkische Initiative gegen die heidnischen Sachsen. Wir stehen also an einem Scheidepunkt: sollen die Sachsen und die anderen Ostlinge mit Feuer und Schwert bekehrt werden, wie es ab 800 Karl der Große im Sachsenkrieg versuchte – oder werden wir diesmal andere Wege finden?

Sep 192008
 

Daniel Ehniss schreibt hier etwas über die Wurzeln des Fundamentalismus. Gut, wenn man erfährt, wie Gedanken einmal angefangen habe, die heute weit verbreitet sind – vielleicht noch nicht einmal als klare Theorie wie in den Anfängen, sondern als Mentalität. Der Kern der fundamentalistischen Grundhaltung sind nach seiner Zusammenstellung folgende Punkte:

1) die buchstäbliche Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift und die unbeirrbare Gewissheit, dass die Heilige Schrift keinen Irrtum enthalten könne;

2) die Nichtigkeit aller modernen Theologie und Wissenschaft, soweit sie dem Bibelglauben widersprechen;

3) die Überzeugung, dass niemand, der vom fundamentalistischen Standpunkt abweicht, ein wahrer Christ sein könne, und

4) die Überzeugung, dass die moderne Trennung von Kirche und Staat immer dann zugunsten einer religiösen Bestimmung des Politischen aufgehoben werden muss, wenn politische Regelungen mit fundamentalen religiösen Überzeugungen kollidieren.

Damit besteht Fundamentalismus eigentlich aus zwei Elementen: der Absolutsetzung eines Heiligen Buches und der Überzeugung, dass die dort gefundenen  Wahrheiten nicht verhandelbar, sondern inner- wie außerkirchlich notfalls mit politischen bzw. Machtmitteln durchgesetzt werden müssen (erinnert mich das nicht an eine andere große Weltreligion? welche war das bloß nochmal?).

Wenn man nun berücksichtigt, dass jedes noch so heilige Buch immer durch eine interpretierende Brille gelesen wird, die das Verständnis vorgibt (wobei die Interpreten regelmäßig ihre jeweilige Interpretation mit der Wahrheit selbst gleichsetzen), dann besteht Fundamentalismus letztlich in der Erlaubnis/Aufforderung, das eigene Weltbild bei günstiger Gelegenheit dem Rest der Welt aufzuzwingen.

Wundert sich da jemand noch über den nervigen Denk-, Argumentations- und Umgangsstil der entsprechenden Vertreter?

Ja, in der Tat, dagegen ist christlicher Widerstand geboten. Eigentlich müsste jeder, der Jesus ein bisschen kennt, schon über diesen humorlosen, verbissenen Denkstil den Kopf schütteln. Aber um es auch mal thetisch zu sagen: keiner von den vier Grundsätzen (auch der erste nicht, u.a. weil dabei nicht zwischen Gottes Wort und meinem Verständnis von Gottes Wort unterschieden wird) ist ein legitimer christlicher Grundsatz. Wir kriegen in den Medien Prügel für etwas, was uns andere Leute eingebrockt haben. Oder hat sich etwa irgendwer aus dem Volk Gottes auch daran beteiligt??

Mai 062008
 

Es ist schon einige Zeit her, dass Tobias auf seinem Blog mehrere Beiträge (hier, hier, hier und hier) (und jetzt auch hier) zur religiös-geistigen Situation der Gegenwart veröffentlicht hat. Er macht dabei keine Schnellschüsse, sondern versucht ausdrücklich, unser Heute im Rahmen einer längeren Entwicklungsgeschichte zu verstehen. Also keine kurzfristigen Handlungsrezepte, sondern zuerst einmal verstehen, was eigentlich vorgeht: in welchem Prozess wir uns im Augenblick befinden.

Dazu stellt er verschiedene Theorieansätze vor, mit denen die Situation der Religion – vor allem in Europa – beschrieben worden ist:

  • Der bisher wirkungskräftigste Ansatz war die Säkularisierungsthese: Religion ist eine vorwissenschaftliche Denkweise, die durch rationalere Denkmuster ersetzt werden wird und auf ihr Aussterben zugeht.
  • Diese These wird jedoch inzwischen einfach durch das faktische und vitale Überleben der Religion im Weltmaßstab widerlegt. Sie ist auch nicht mehr das herrschende Denkmuster in der Religionssoziolgie.
  • Vielmehr gerät die Säkularisierungsthese selbst in Ideologieverdacht: sie hat zum Teil erst die Wirklichkeit hervorgebracht, die sie zu beschreiben vorgibt; sie war selbst ein Kampfbegriff. Aber sogar im stark säkularisierten Europa, das im Weltmaßstab eine Ausnahme ist, greift sie nicht: die länderspezifischen Unterschiede (etwa das katholische Polen neben dem gottlosen Ostdeutschland, dem ebensolchen Tschechien und dem gemischten Westdeutschland …) sind nicht nach dem Muster Fortschritt/Rückständigkeit zu erklären.
  • Der Religionspädagoge Dressler schlägt einen anderen Erklärungsrahmen vor: die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft lässt es nicht zu, dass ein Subsystem (die Religion) die ideologische Kontrolle über die ganze Gesellschaft übernimmt.

Tobias hat ausdrücklich zum Mit- und Weiterdenken eingeladen. Das will ich mit einiger zeitlicher Verzögerung hier tun.

Ich empfinde es als zentrales Defizit all dieser Theorien, dass sie von einem allgemeinen Religionsbegriff ausgehen und die christliche Religion darunter subsummieren. Wenn die Religionssoziologie inzwischen feststellt, dass es Säkularisierung eigentlich nur in Europa und bei den weltweiten europäisch geprägten Eliten gibt, dann stellt sich ja die Frage nach dem Grund dieser Sonderstellung.

Die naheliegende Hypothese wäre dann doch, dass die Säkularisierung kein allgemeines Gesetz ist, sondern eine Frucht der besonderen Religion, die Europa geprägt hat: des Christentums. Wieso ist gerade auf dem Boden des Christentums eine mindestens teilweise religionslose Gesellschaft entstanden? Ist das historischer Zufall, oder hängt das mit den spezifischen Inhalten des Christentums zusammen?

Die Frage so zu stellen bedeutet natürlich, dass man das Zweite vermutet. Genauso kann man dann aber auch unterstellen, dass es ein blinder Fleck der Religionssoziologie ist, wenn sie diesen spezifisch christlichen Sonderweg der Religion in Europa nicht angemessen wahrnimmt (ich kenne mich allerdings nicht gut genug auf diesem Felde aus, um sagen zu können, ob das durchgehend so ist. Das weißt du sicher besser, Tobias!).

Ich denke, dass eine angemessene Theorie der christlichen Religion in Europa mindestens die folgenden Besonderheiten berücksichtigen müsste:

  1. Den besonderen inhaltlichen Impuls des Christentums (Max Weber hat gezeigt, welche revolutionären gesellschaftlichen Entwicklungen der angestoßen hat)
  2. Die konkurrenzlose Monopolstellung des Christentums in Europa („Religion“ bedeutete hier über Jahrhunderte „Christentum“ – in anderen Gegenden der Welt erlebt man durchaus mehrere Religionen nebeneinander)
  3. Die staatsgestützte ideologische Dominierung der Gesellschaft durch die Kirche(n)
  4. Die Verformung des christlichen Impulses durch diese dominierende Stellung
  5. Der besondere Charakter des Widerstandes gegen die kirchliche Dominanz in der Aufklärung und der weitere Verlauf dieser Auseinandersetzung.

Meine Vermutung dazu ist, kurz gesagt: die europäische Säkularisierung ist gewachsen aus dem gesellschaftlichen Widerstand gegen die kirchliche Dominanz. Weil die so umfassend war (faktisch und ideologisch – Stichwort Monotheismus, Absolutheitsanspruch des Christentums), konnte es keinen religiösen Widerstand geben, sondern nur einen anti-religiösen, der sich nominell gegen „die Religion“, faktisch aber gegen das Christentum richtete. Eine Spätfolge davon ist das Phänomen, dass die Menschen im Augenblick zu unser aller Erstaunen wieder religiös werden, aber nicht christlich.

Dieser Widerstand gegen kirchliche Dominanz speiste sich aber – jedenfalls teilweise – aus dem christlich-jüdischen Impuls selbst (aber auch antik-heidnische und asiatische Impulse spielen eine Rolle). Nicht umsonst kamen/kommen viele Religionskritiker aus einem christlichen oder jüdischen Umfeld (Pfarrhäuser sind da recht beliebt). Die religionskritischen Impulse der Bibel sind hier auf fruchtbaren Boden gefallen, wenn auch in anderem Kontext. Das führt zu einer sehr undurchsichtigen Gemengelage.

Schließlich müsste man das Ganze auch auf der viel weniger theoretischen Ebene des Alltags, aus der Perspektive des „Volkes“ durchspielen: die zwiespältigen Erfahrungen mit Kirchen (bzw. Pastoren), die einerseits Organe gesellschaftlicher Kontrolle und andererseits auch Repräsentanten von Menschlichkeit und Menschenwürde waren. Diese beiden Ebenen (Theorie und Alltag) sind aber – vor allem durch die Arbeiterbewegung – auch miteinander verbunden.

Spannende Fragen sind für mich in diesem Zusammenhang:

  • War das Bündnis von christlichem Impuls und Religion eigentlich ein Missverständnis, oder gibt es da eine Schnittmenge (und welche)?
  • Aktuell gewendet bedeutet das: ist Religion nur eine vorübergehende Gestalt des christlichen Impulses? vielleicht noch nicht einmal eine gute? Pointiert gesprochen: wieviel Religion braucht eigentlich das Evangelium? Sollten wir uns der gegenwärtigen Renaissance der Religion anschließen oder nicht? Oder wie?
    Das ist für mich keine rhetorische, sondern eine echte und praktische Frage!
  • Hier wäre auch nach der bleibenden Bedeutung von Bonhoeffers Prophezeiung einer kommenden „religionslosen“ Zeit zu fragen. Wenn man sie als die Prophezeiung einer „christentumslosen“ Zeit verstehen würde, dann wäre diese These jedenfalls nicht einfach durch die Entwicklung widerlegt.
  • Muss sich christlicher Glaube eigentlich immer in Form einer Religion organisieren? Die frühen Christen jedenfalls wurde eher als Anti-Religion wahrgenommen.
  • Ist es möglich, relgionskritische Impulse der Aufklärung wieder mit ihren biblischen Wurzeln zu versöhnen?
  • Auffällig ist schließlich, dass sich der Katholizismus in den Ländern bis heute hält, in denen er sich über lange Zeit mit einer unterdrückten Nation verbunden hat (Polen, Irland), während er in Frankreich mit dem Ancien Regime verbunden war und sich von der Revolution nicht wieder erholt hat. Ist also für das Überleben einer Religion (oder wenigstens des Christentums) die Positionierung in gesellschaftlichen Konflikten entscheidend?

Tobias hat zur Diskussion eingeladen. Ich möchte das unterstreichen. Die Verhältnisse sind eine so unübersichtliche Gemengelage. Da muss einfach mehr Klarheit rein. Lasst uns hier Nachdenken investieren! Wer macht mit?

Apr 222008
 

Kay Pollak ist der Regisseur des wunderbaren Films „Wie im Himmel„, der für den Oscar nominiert war und auch in vielen deutschen Städten wochenlang lief. Es ist der beste Film über Gemeindegründung, den ich je gesehen habe. Auch „Chocolat“ kommt da nicht mit, aber die Geschichte ist ähnlich: ein Dirigent formt (nicht aus den Kunden einer Chocolaterie, sondern) aus einem mittelmäßigen Kirchenchor eine befreiende und heilende Gemeinschaft. Zwischendrin gibt es so etwas wie eine Kreuzabnahme und am Ende einen großen Saal mit Menschen, die in Zungen reden. Hufi hat neulich darüber gepostet.

Das Verrückte dabei ist wieder mal: Gott kommt in dem Film eigentlich nicht vor. Religion wird nur durch den strengen staatskirchlichen Pfarrer repräsentiert, der sich von der Gemeinschaft des Chores bedroht fühlt, weil die seine auf Angst und Gewissensdruck gegründete Herrschaft über die Gemeinde gefährdet.

Kay Pollak schreibt auch Bücher über persönliches Wachstum und Freiheit. Das Grundmotiv dabei ist: trenn dich von der Illusion, dass das Problem da draußen bei den anderen liegt. Verändere dein Denken, das ist der Schlüssel. Man merkt, dass das sein Weg war und dass der für ihn eine große Befreiung bedeutet hat: sich nicht mehr als Opfer zu fühlen, sondern sich als verantwortlich zu verstehen.

Ich habe gerade „Für die Freude entscheiden“ gelesen. Darin beschreibt Pollak gegen Ende (ab Seite 210 – wer es nachlesen will, kann bei amazon  in der Volltextsuche die Zahl „210“ eingeben und dann auf die nächsten Seiten weiterklicken. Interessant könnten auch die Suchbegriffe „Sonntagsschule“ und „Kirche“ sein) einen inneren Weg der Umkehr und Vergebung, der eigentlich eine sehr zeitgemäße Form dessen ist, was man sonst Beichte und Vergebungszuspruch nennen würde. Das ist in vielem so gut formuliert und gedacht, dass man sich da manches für die Seelsorge abgucken kann.

Aber auch hier ist das Verrückte: obwohl sogar die Zusage „ich vergebe dir“ wörtlich vorkommt, wird Gott nirgendwo genannt. Wer vergibt also an dieser Stelle? Das von Pollak so genannte „höhere Ich“ – der Mensch, der wir auch sind: sicher, präsent, angstfrei, liebevoll. Die Utopie des Menschen, der wir sein könnten, sollen und manchmal auch sind. Das finde ich einen sehr wichtigen Gedanken: mit jeder Sünde (Pollak benutzt das Wort natürlich nicht) versündigen wir uns an dieser Utopie.

Nur – dass Gott es sein könnte, der diese Utopie von uns hat und diesen Traum auch in Kay Pollak träumt, das ist ein Gedanke, an den Pollak sich nicht heranwagt. Er beschreibt bis ins Detail geistliche Prozesse, ohne den Namen Gottes oder Jesu zu erwähnen. Warum?

An einigen Stellen wird deutlich, dass Pollak aus einem christlich geprägten Elternhaus kommt (woher sollte er auch sonst diese intime Kenntnis geistlicher Strukturen haben …), aber es war offenbar auch ein Elternhaus (oder eine Gemeindekultur), in dem er zum Unglück erzogen wurde. Er lernte, auf Probleme und Ängste mit Irritation, Ärger und Zorn zu reagieren. Vor allem aber war in ihm eine Stimme, die beständig zu ihm sprach: Du bist ein armer sündiger Mensch … geboren in Sünde!

„Wenn ich es für einen Moment wagte, meine einzigartige und wunderbare Größe zu bejahen, dann war es der verurteilende und strafende Gott, der mich in die Knie zwingen wollte.“

Pollak steht für viele andere. Viele wissen oder ahnen, dass sie einen geistlichen Prozess dringend brauchen. Sie sehnen sich danach, und es ist der Sache nach nicht die buddhistische (oder esoterische o.ä.) Grunderfahrung, die sie ersehnen, sondern eine genuin christliche. Aber entweder ahnen sie gar nicht, dass es so etwas unter dem Label „christlich“ geben könnte, oder sie bekommen den christlichen Gott und ihre Kirchenerfahrungen (oder ihr Kirchenbild) nicht auseinander. Sie fürchten viel zu sehr (und nicht zu Unrecht!), dass sie am Ende doch wieder bei der ganzen alten unterdrückerischen Scheiße landen, wenn sie sich auf ausdrücklich christliches Vokabular einlassen. Das gebrannte Kind scheut das Feuer.

Stattdessen konstruiert sich Pollak einen Gott, der nur Liebe ist und nie verurteilt, und man möchte ihn fragen: brauchen denn die Unterdrückten dieser Erde das nicht, dass Gott Recht spricht und ihre Unterdrücker verurteilt? Ist das nur ein Problem im Kopf der Armen, das durch Umdenken zu lösen ist?

Aber man sollte wohl mit verletzten Menschen nicht so reden. Schon gar nicht, wenn aus dieser Verletzung so viel Heiles und Positives wächst. Vielleicht müssen Pollak und andere einen ganz eigenen Weg gehen, bis sie sich an die Erkenntnis herantrauen, dass sie in ihrer Sehnsucht dem wirklichen Gott ganz nahe auf den Spuren sind.

Wir – Vertreter einer christlichen Kultur, die noch längst nicht frei ist von dem, was Pollak zu Recht beklagt – helfen ihm und anderen wahrscheinlich am besten dadurch, dass wir mit dem arbeiten, was sie uns zu geben haben. Pollaks Buch ist eine wunderbare Hilfe für die Seelsorge (in manchem ja auch nicht neu). Aber es braucht so etwas wie ein Re-engeneering: wir müssen lernen, ihre Weisheit zu nutzen, aber den Namen Gottes, den Namen Jesu auch ausdrücklich auszusprechen und dabei trotzdem (!) so befreiend zu bleiben, wie Pollak und andere es uns vormachen.

Wenn der ausgesprochene Name und die Sache, die damit gemeint ist, wieder zusammenkommen, was wird das anderes bedeuten als Leben aus dem Tod (Römer 11,15)? Vielleicht erleben wir es ja noch, in geringerem oder größerem Maß.

Und: wer sich „Wie im Himmel“ noch nicht angeschaut hat – ab ins Kino! Oder die DVD bestellen. Der Film sollte Pflichtprogramm bei allen Schulungen für Gemeindegründung sein. Denn vom Singen werden Menschen immer noch schneller heil als vom Schokoladefuttern.

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Apr 292007
 

Viele Impulse zur Erneuerung, die sich unter dem Titel „emerging church“ bündeln (eine gute Übersicht dazu findet man jetzt hier im Blog von Simon), kommen aus englischsprachigen Ländern. Im Gegensatz zu einigen anderen ist mir das überhaupt kein Problem. Trotzdem leben wir aber doch in einem etwas anderen Kontext, und deshalb sollten wir auch nach Erneuerungsimpulsen Ausschau halten, die in unserem Kontext entstanden sind.
Ein wirklich visionärer Denker ist für mich da immer Dietrich Bonhoeffer gewesen. Was er – insbesondere in seinem letzten Gefängnisjahr – schon gesehen hat, harrt bis heute noch seiner Umsetzung. Er war einsame Spitze, und zwar auch und gerade in dem Sinn, dass meines Wissens kaum ein anderer damals schon so tiefgehend den Umbruch vom konstantinischen zum nachkonstantinischen Christentum vorausgesehen, begrüßt und durchdacht hat. Das möchte ich in einigen Posts auf diesem Blog darstellen.

„… auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen“ schreibt Bonhoeffer in den Gedanken zur Taufe seines Patenkindes Dietrich Wilhelm Rüdiger Bethge im Mai 1944. „Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das ist alles so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können.“
Das klingt nach etwas anderem als nur nach einem neuen theologischen Fündlein. Dietrich Bonhoeffers Suchbewegung, die ihn ins Theologiestudium, nach Amerika (ans Union Theological Seminary und in die schwarzen Gemeinden von Harlem), in die Lebensgemeinschaft eines illegalen Predigerseminars, in den politischen Widerstand gegen Hitler und schließlich ins Gefängnis geführt hat, kommt an ihren entscheidenden Punkt. Weniger als 12 Monate hat er noch zu leben. Und er lernt noch einmal Dinge, die er in dieser Zeit wohl nirgendwo anders lernen konnte:

  • Dekonstruktion: alle bisherigen theologischen Worte werden noch einmal frag-würdig. Das ganze Gebäude kommt ins Wanken. Bonhoeffer ist ja theologisch in den Spuren Karl Barths gegangen, für den der erste Weltkrieg ein Anlass war, theologisch noch einmal ganz von vorne anzufangen. Bei Bonhoeffer verschärft sich das. „… unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun.“
  • Das Ende der Moderne: Schon in seiner „Ethik“ hatte Bonhoeffer den Aufstieg der Moderne am Ende des Mittelalters beschrieben und ihre inneren Widersprüche beschrieben. Ein ihr wesentliches Element ist die befreite ratio. Nun schreibt er: „Wir haben die Bedeutung des Vernünftigen und Gerechten auch im Geschichtsablauf immer wieder überschätzt.“ Er beschreibt die Unterschiede zwischen Amerika und Europa; und er weist (in der „Ethik“) auf die stärkere Verbindung zwischen Kirche und Moderne in Amerika hin: „Der Anspruch der Gemeinde der Gläubigen, mit christlichen Prinzipien die Welt aufzubauen, endet, wie ein Blick in den New Yorker Kirchenzettel zur Genüge zeigt, in dem völligen Verfall der Kirche an die Welt.“
    [allerdings würde Bonhoeffer als Gegenmittel sicher nicht „mehr Kerzen“ nennen]
  • Kulturbrüche, neue Unübersichtlichkeit: Bonhoeffer beschreibt verschiedene Traditionslinien/Milieus der europäischen christlichen Überlieferung und beendet diese Schilderung so: „Bis du groß bist, wird das alte Dorfpfarrhaus ebenso wie das alte Bürgerhaus eine versunkene Welt sein.“ Er redet von den kommenden Jahren der Umwälzungen und der Verstädterung des Landes und davon, dass „unser Leben im Unterschied zu dem unserer Eltern gestaltlos oder doch fragmentarisch geworden ist.“ Und trotzdem ist er sich sicher, dass er „nicht in einer anderen Zeit leben wollte als der unseren“.

So weit zu Bonhoeffers Gedanken über die Diagnose der Zeit. Hier finden sich schon Elemente, die viel später unter dem Stichwort des Postmodernen auftauchen. Und er fragt danach, wie man in dieser neuen (von ihm noch nicht postmodern genannten) Epoche wird leben und glauben können. Das Bewusstsein, an einem entscheidenden Wendepunkt der Geschichte zu stehen, verbindet sich mit der Hoffnung, dass sich hier eine Chance bietet, vieles besser zu machen.
Mit den Sackgassen der Vergangenheit setzt er sich vor allem unter dem Stichwort des „Religiösen“ auseinander. Deshalb wird der nächste Post über Bonhoeffers Sicht auf das, was er „religiös“ nennt, handeln.

Apr 082007
 

Mit müden Augen sehen sie das Licht
und lassen hinter sich die Spuren dunkler Jahre
in ihren Augen spiegelt sich Erkennen
für einen Augenblick enthüllt sich, wer sie sind
gesandt, begabt, befreit, geliebt, entronnen,
verstehen wir noch ohne zu versteh’n.

Für einen Augenblick enthüllt sich, wer sie sind
strahlt auf der Glanz, der lange sich verbarg.
Die Macht der Fesseln ist verschwunden.
Ein leichter Sieg. Geflohen ist der Feind
im ersten Schreck und sammelt seine Kräfte neu.
Der Schleier ist gefallen. Für einen Augenblick
weht Luft der Freiheit. Wir sehen das Gelobte Land.

Erweck dein Volk der Auferstehung
zum Leben ohne Grenzen.
Führ uns aus dieser Wüste.
Die ersten Früchte werden reif.
Wann wird ein Ende sein für dunkle Jahre?
Wann wird der Friede wohnen?
Wann wird der Schleier
zerrissen?

Apr 022007
 

Wenn ich es recht sehe, dann gehören die meisten in der „emergent“-Blogosphäre entweder in selbständige christliche Gemeinschaften, Freikirchen oder landeskirchliche Gemeinden besonderen Typs. Ein bisschen exotisch komme ich mir da schon vor als Pastor einer ländlichen landeskirchlichen Ortsgemeinde. Deswegen schreibe ich heute etwas darüber, was ich als unterschiedliche Perspektive von Landes- und Freikirchen wahrnehme.

  • Zunächst einmal: der Unterschied liegt eigentlich nicht in der Theologie. In all den Diskussionen über das Ende der „Christendom“-Ära wird deutlich, dass aus dieser Perspektive gar kein großer Unterschied zwischen Landes- und Freikirchen ist. Oder, anders gesagt: die Freikirchen haben sich organisatorisch von der Staatskirche getrennt, sind ihr aber theologisch an den entscheidenden Punkten treu geblieben. Aus der Post-Christendom-Sicht rücken Gegensätze wie Kinder/Glaubenstaufe, Mitgliedschafts- oder Entscheidungschristentum, ja sogar die Frage nach den Charismen in die zweite bis dritte Reihe. Und ich habe erlebt, dass freikirchliche church plants dem Pfarramt die starke Stellung einräumen, die es sonst nur in der Landeskirche hat – und das als Schritt nach vorn beschreiben (wegen der Innovationschancen). Und die These, dass die Ära des „Christendom“ zu Ende geht, kommt ja u.a. aus den USA, die nie unsere landeskirchlichen Strukturen hatten.
  • Es gibt hier eine sehr grundlegende gemeinsame Basis, die die allermeisten Christen in unserem Land, aber auch in vielen anderen Ländern verbindet, eine gemeinsame Systemgeschichte. Die ist das Problem, und wie wir die neu erzählen können, wissen wir alle noch nicht so genau.
  • Aber im Bereich freier Gemeinden und Gemeinschaften gibt es offensichtlich mehr Nischen, in denen über neue Dinge nachgedacht werden kann. Man hat da nicht so viele Vorschriften, die man beachten muss. Und man hat mehr Leute, die sich auch ganz persönlich mehr von Jesus erwarten.
    Obwohl, da würde ich gern mal was von den Brüdern und Schwestern aus den entsprechenden Gruppierungen hören: wie groß ist eigentlich bei euch der Druck zur Konformität? Kann die stärkere persönliche Verbundenheit eigentlich auch eine Blockade sein, die einen bei neuen Gedanken ausbremst? Das ist keine Behauptung, sondern eine echte Frage. Ich hab da zu wenig Übersicht. Aber wenn dann einer auf neue Gedanken kommt, dann findet er in freien Gemeinden auch schneller eine interessierte Umgebung – stimmt das?
  • Ich selbst schätze an meiner Arbeit in einer landeskirchlichen Gemeinde, dass man als Pastor immer wieder mit einem repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaft zu tun bekommt. Ich habe Konfirmanden von Sonderschule bis Gymnasium (und die Eltern dazu), ich beerdige Leute aus jeder sozialen Schicht, höre ihre Lebensgeschichten und denke mich in ihre Lebenswelt hinein. Ich kann mich in keine fromme Sonderwelt zurückziehen. Die Kultur der normalen Leute holt mich immer wieder ein. Nicht, dass ich es dann immer richtig mache, aber ich werde die Aufgabe nicht los.
  • Was ich theologisch überlege, muss ich auch Viertklässlern erklären können; oder ich muss herausfinden, was das für Hochzeiten und Traueransprachen bedeutet. Wenn ich kulturell irrelevant werde, bekomme ich schnell und manchmal auch heftig Reaktionen. Andererseits: wenn Konfirmanden bei irgendetwas tatsächlich zuhören und verstehen, kann es nicht ganz falsch sein.
  • Dieser Vorteil gleicht für mich die natürlich auch vorhandenen Schattenseiten der Landeskirche entscheidend aus. Als solche würde ich sehen:
    – das chronische Misstrauen gegenüber den Gemeinden und Pastoren, kurz: gegenüber der Basis;
    – die Kontrolle, die damit verbunden ist und unheimlich viel Reibungsverluste bedeutet, die Energie und Zeit rauben;
    – das Denken in Strukturen, Ordnungen, Vorschriften, Institutionen. Dass es dabei eigentlich doch um die Menschen gehen sollte, verschwindet faktisch dahinter (auch wenn es natürlich immer wieder verkündet wird);
    – die organisatorische Schwerfälligkeit und die denkerische Horizontbegrenzung, die solch feste Strukturen fast immer mit sich bringen;
    – die zentrale Finanzierung bedeutet, dass die Ortsgemeinden die Finanzen bekommen, die übrig bleiben, nachdem alle anderen kirchlichen Ebenen versorgt sind. Hätten wir das Geld, das unsere Mitglieder als Kirchensteuer bezahlen, dann hätten wir keine finanziellen Probleme und könnten trotzdem noch eine ganze Menge für übergemeindliche Zwecke abgeben!

So weit erst einmal meine Eindrücke. Ich würde mich freuen, wenn du aus deiner speziellen Sicht etwas dazu schreiben würdest!

Mrz 272007
 

Alle Posts zum Buch von Brafman/Beckstrom:  |Einleitung|1|2|3|4|5|6|7|8|9 — Übersicht

Kapitel 7
Die Hybridorganisation

Brafman/Beckstrom stellen in diesem Kapitel Firmen vor, die in einem zentralisierten Rahmen dezentralisierte Zonen schaffen. Sie nennen Organisationen, die „das Beste aus beiden Welten kombinieren“ Hybrid-Organisationen. Drei Beispiele:

  1. eBay
    Die Firma hat klare Strukturen, ein Hauptquartier und eine zentrale Leitung. Andererseits organisiert diese Firma aber ein dezentrales Einkaufserlebnis und lässt die Nutzer Anteil haben an Wissen und Macht – durch das community-gestützte System der Kundenbewertungen. Diese Kombination erklärt den Erfolg von eBay. Und nachdem eBay erst einmal das größte Auktionshaus im Netz war, kam niemand mehr dagegen an (der Netzwerk-Effekt: je größer das Netzwerk schon ist, um so mehr kann es den Benutzern bieten).
  2. Amazon
    Einerseits eine zentralisierte Firma, andererseits schafft sie Räume für dezentrale Aktionen (Verkauf von gebrauchten Büchern und Medien sowie das geniale Instrument der Kunden-Rezensionen). Amazon lebt bei den Kunden-Rezensionen vom menschlichen Verlangen, etwas beizutragen.
  3. Oprah Winfreys Book Club
    Ein TV-unterstütztes Netzwerk von Literaturzirkeln, ursprünglich ins Leben gerufen, um das Lesen von guten Büchern zu fördern. In der Kombination von dezentralen Clubs mit einer zentralen Redaktion für die Fernsehsendungen ist der Club inzwischen jedoch eine Marktmacht geworden.

Jede dieser vorgestellten Organisationen hat in ihre zentralisierte Struktur dezentralisierte Elemente eingebaut und so ihren Kunden eine Rolle gegeben. Ähnlich organisieren Firmen Wissensdatenbanken, zu denen ihre Kunden etwas beitragen können oder lassen ihre Kunden die Produkte weiterentwickeln (z.B. Google, IBM und Sun). In vielen Fällen ist es inzwischen eine Überlebensnotwendigkeit, die Kunden mit einzubeziehen.

Ein anderer Typ von Hybrid-Organisation sorgt für eine unternehmensinterne Dezentralisierung, etwa durch Gründung von selbständigen Tochtergesellschaften, die selbst für ihre Entscheidungen und ihre Profite verantwortlich sind. Wie auch immer, Unternehmen kommen zwar nicht mehr gegen die Kraft der Dezentralisation an, haben aber durchaus Möglichkeiten, sich damit zu arrangieren, indem sie dezentrale Elemente einbauen, wo es erfolgversprechend scheint.

Kommentar:
Auch dieses Kapitel lässt mich zwiespältig zurück. Kontrollierte Dezentralisation kann also auch eine Methode sein, um die Initiative und die Kreativität von Menschen effektiver abzugreifen. Wir sind weit weg vom Ausgangspunkt, den unkontrollierbaren Apachen (Kap. 1).
Auf der anderen Seite zeigt es, dass man an die mentalen Ressourcen von Menschen eben nur herankommt, wenn man ihnen Freiräume gibt. Die große Herausforderung für jede zentralisierte Organisation ist daher heute, wie man diese Freiräume organisieren kann und trotzdem letztendlich die Kontrolle behält. Das ist sicher besser als es lernunfähige sture Organisationen wären. Aber das freigesetzte menschliche Potential soll eben doch unter Kontrolle bleiben (und damit wird es auch begrenzt). Karl Marx hätte hier vom Konflikt zwischen den Produktivkräften (dem menschlichen Potential) und den Produktionsverhältnissen (den Begrenzungen, die entstehen, wenn ein Machtgefälle mit im Spiel ist) gesprochen.

Die Kirche ist in ihrer Geschichte meistens so eine Hybrid-Organisation gewesen: ein Gegenüber von zentraler Leitung und dezentralen Gemeinden. Deswegen war sie auch recht erfolgreich. Dabei hat sich im Zweifelsfall immer die Zentrale durchgesetzt (mal abgesehen von kleinen Unfällen wie der Reformation 😉 ). Das ist dem Evangelium nicht gut bekommen. Es waren eher die chaotischen Zeiten und Strukturen, in denen es zum Blühen kam. Geistliche Aufbrüche (z.B. die Bewegung des Franziskus) verloren ihre Dynamik, weil sie die kirchliche Approbation mit einem mehr oder weniger großen Maß an Kontrolle erkauften.
Mich lehrt diese Überlegung: auch der gegenwärtige Umbruch und die Bedingungen der Postmoderne müssen nicht notwendig zu einer anderen, besseren Kirche führen. Es ist auch denkbar, dass die Organisation lernt, ihre alte Systemgeschichte von Kontrolle und Misstrauen gegenüber der Basis auch unter neuen Bedingungen weiterzuschreiben. Der Ausgang ist offen.

Mrz 202007
 

Eine gut verständliche Übersicht über die Situation am Ende der Konstantinischen Ära findet man in einer Zusammenfassung des Buches von Stuart Murray: „Post-Christendom: Church and Mission in a Strange New World“ auf dem Coachnet-Blog „Mehr-und-bessere-Gemeinden„. Vor allem sind hier auch zunächst bescheidene, aber realistische Perspektiven aufgezeigt, wie man in dieser Situation weitermachen sollte. Insbesondere die deutliche Absage an die rückwärtsgewandten schnellen Erweckungs-Prophetien überzeugt mich.

Einige Zitate:

„Gemeinde ist eigentlich recht einfach“, meint Murray. „Sie besteht im wesentlichen aus Freundschaft als beziehungsmäßigem Paradigma, aus gemeinsamem Essen und Lachen.“

Gerade in unserem Land wird „Erweckung“ regelmäßig angesagt. In der Regel erwartet man – neben vielen Bekehrungen – eine Wiederherstellung flächendeckender christlicher Kultur und ganze gesellschaftliche Bereiche, die „wieder“ vom Evangelium geprägt werden. Angesichts der Tatsache, dass die christlich geprägte Kultur in Westeuropa an ihr Ende kommt, ist immer mehr denkenden Christen bei dieser Perspektive nicht wohl.

Akzeptiert euren Status als Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft.

Meidet kurzfristige Perspektiven, strebt nachhaltige Transformation an.

Der Umzug von der Mitte der Gesellschaft an die Ränder, von privilegierter Religion zu einer Stimme unter vielen und von aufgezwungenem Glauben zu radikaler Freiwilligkeit wird dem Christentum gut tun. Immerhin hat es ja auch so angefangen.