Jul 312007
 

Wir verbringen gerade unseren Urlaub in Berlin. Und, wie es so kommt, wohnen wir im Gemeindebezirk der Zionskirche, an der Dietrich Bonhoeffer 1931/32 Vikar war. Die Zionskirche wurde 1873 fertiggestellt, als Mittelpunkt eines neu entstehenden Wohnbezirks, in dem die Arbeiter der rasch wachsenden Berliner Industrie untergebracht wurden. Geldgeber waren vor allem die preußischen Könige – immer wenn nach einem Sieg wieder Geld zur Verfügung stand, konnte weitergebaut werden.
Zionskirche von Invalidenstraße aus
Um 1900 lebten im Gemeindebezirk ca. 100.000 Menschen. Sie wurden von vier Pfarrern betreut, die sonntags zwei Gottesdienste in der 1400 Menschen fassenden Kirche hielten. Verhältnisse, die man sich heute kaum noch vorstellen kann!

Zionskirche Eingang

Auch zu Bonhoeffers Zeit war es nicht einfacher geworden. Er schrieb damals einem Freund: „Das ist so ungefähr die tollste Gegend von Berlin mit den schwierigsten politischen und sozialen Verhältnissen.“ Seine Aufgabe war u.a. die Betreuung einer Konfirmandengruppe, die zuvor den unterrichtenden Pfarrer an den Rand seiner Nervenkraft gebracht hatte [so was wird dann an den Vikar delegiert, war aber in diesem Fall gut so]. Bonhoeffer schaffte es, diese Gruppe zu gewinnen: er verbrachte Freizeit mit ihnen, spielte ihnen Jazzplatten vor, die er aus Amerika mitgebracht hatte, stiftete schließlich für die Mittellosen unter ihnen Stoff für Konfirmationsanzüge. Er staunte darüber, wie diese Kinder, teilweise aus ganz verwahrlosten Verhältnissen, doch einen Zugang zum Glauben fanden. Der Kontakt zu manchen dieser Jungen hat bis in die Kriegszeit bestanden und hat für einige lebensprägende Bedeutung gehabt.

Man kann wirklich sagen: wo dieser Mann hinkam, hat er Gemeinschaft gestiftet. Hier in einer schwierigen Konfirmandengruppe, später im illegalen Predigerseminar Finkenwalde. Was wäre wohl geworden, wenn es keine Nationalsozialisten und keinen Kirchenkampf gegeben hätte und er stattdessen auf seine Art weiter Gemeindearbeit gemacht hätte? Mit der entsprechenden theologischen Auswertung, die bei ihm ja immer dazu gehörte. Aber das sind diese sinnlosen Fragen, die man nicht stellen soll.

An der Kirche findet sich heute ein Denkmal für Dietrich Bonhoeffer. Der Stadtteil ist nach der Wende größtenteils saniert worden, heute wohnen hier viele junge Leute, es gibt viele Kinder. Hier herrscht wirklich die Postmoderne. In unserer Ferienwohnung, sehr schön und genau passend für zwei Leute (zu dritt wird es schon etwas unpraktisch), könnte möglicherweise damals einer von Bonhoeffers Konfirmanden gewohnt haben. Aber dann natürlich als Teil einer (mindestens) siebenköpfigen Familie oder so.

Bonhoeffer-Denkmal

Apr 292007
 

Viele Impulse zur Erneuerung, die sich unter dem Titel „emerging church“ bündeln (eine gute Übersicht dazu findet man jetzt hier im Blog von Simon), kommen aus englischsprachigen Ländern. Im Gegensatz zu einigen anderen ist mir das überhaupt kein Problem. Trotzdem leben wir aber doch in einem etwas anderen Kontext, und deshalb sollten wir auch nach Erneuerungsimpulsen Ausschau halten, die in unserem Kontext entstanden sind.
Ein wirklich visionärer Denker ist für mich da immer Dietrich Bonhoeffer gewesen. Was er – insbesondere in seinem letzten Gefängnisjahr – schon gesehen hat, harrt bis heute noch seiner Umsetzung. Er war einsame Spitze, und zwar auch und gerade in dem Sinn, dass meines Wissens kaum ein anderer damals schon so tiefgehend den Umbruch vom konstantinischen zum nachkonstantinischen Christentum vorausgesehen, begrüßt und durchdacht hat. Das möchte ich in einigen Posts auf diesem Blog darstellen.

„… auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen“ schreibt Bonhoeffer in den Gedanken zur Taufe seines Patenkindes Dietrich Wilhelm Rüdiger Bethge im Mai 1944. „Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das ist alles so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können.“
Das klingt nach etwas anderem als nur nach einem neuen theologischen Fündlein. Dietrich Bonhoeffers Suchbewegung, die ihn ins Theologiestudium, nach Amerika (ans Union Theological Seminary und in die schwarzen Gemeinden von Harlem), in die Lebensgemeinschaft eines illegalen Predigerseminars, in den politischen Widerstand gegen Hitler und schließlich ins Gefängnis geführt hat, kommt an ihren entscheidenden Punkt. Weniger als 12 Monate hat er noch zu leben. Und er lernt noch einmal Dinge, die er in dieser Zeit wohl nirgendwo anders lernen konnte:

  • Dekonstruktion: alle bisherigen theologischen Worte werden noch einmal frag-würdig. Das ganze Gebäude kommt ins Wanken. Bonhoeffer ist ja theologisch in den Spuren Karl Barths gegangen, für den der erste Weltkrieg ein Anlass war, theologisch noch einmal ganz von vorne anzufangen. Bei Bonhoeffer verschärft sich das. „… unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun.“
  • Das Ende der Moderne: Schon in seiner „Ethik“ hatte Bonhoeffer den Aufstieg der Moderne am Ende des Mittelalters beschrieben und ihre inneren Widersprüche beschrieben. Ein ihr wesentliches Element ist die befreite ratio. Nun schreibt er: „Wir haben die Bedeutung des Vernünftigen und Gerechten auch im Geschichtsablauf immer wieder überschätzt.“ Er beschreibt die Unterschiede zwischen Amerika und Europa; und er weist (in der „Ethik“) auf die stärkere Verbindung zwischen Kirche und Moderne in Amerika hin: „Der Anspruch der Gemeinde der Gläubigen, mit christlichen Prinzipien die Welt aufzubauen, endet, wie ein Blick in den New Yorker Kirchenzettel zur Genüge zeigt, in dem völligen Verfall der Kirche an die Welt.“
    [allerdings würde Bonhoeffer als Gegenmittel sicher nicht „mehr Kerzen“ nennen]
  • Kulturbrüche, neue Unübersichtlichkeit: Bonhoeffer beschreibt verschiedene Traditionslinien/Milieus der europäischen christlichen Überlieferung und beendet diese Schilderung so: „Bis du groß bist, wird das alte Dorfpfarrhaus ebenso wie das alte Bürgerhaus eine versunkene Welt sein.“ Er redet von den kommenden Jahren der Umwälzungen und der Verstädterung des Landes und davon, dass „unser Leben im Unterschied zu dem unserer Eltern gestaltlos oder doch fragmentarisch geworden ist.“ Und trotzdem ist er sich sicher, dass er „nicht in einer anderen Zeit leben wollte als der unseren“.

So weit zu Bonhoeffers Gedanken über die Diagnose der Zeit. Hier finden sich schon Elemente, die viel später unter dem Stichwort des Postmodernen auftauchen. Und er fragt danach, wie man in dieser neuen (von ihm noch nicht postmodern genannten) Epoche wird leben und glauben können. Das Bewusstsein, an einem entscheidenden Wendepunkt der Geschichte zu stehen, verbindet sich mit der Hoffnung, dass sich hier eine Chance bietet, vieles besser zu machen.
Mit den Sackgassen der Vergangenheit setzt er sich vor allem unter dem Stichwort des „Religiösen“ auseinander. Deshalb wird der nächste Post über Bonhoeffers Sicht auf das, was er „religiös“ nennt, handeln.