Jun 082012
 
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Der geistesgeschichtliche Kontext

Wright geht sein Thema nicht nur biblisch an. Er bezieht die Geistesgeschichte und speziell die Geschichte der neutestamentlichen Wissenschaft mit ein. Nur von dieser Geschichte her kann verstanden werden, weshalb es für die Gelehrten so schwierig war, die Botschaft der Evangelien zu verstehen. Es lag nicht daran, dass die Evangelisten sie nicht deutlich gemacht hätten. Aber unter dem Druck der Aufklärung schlossen Wissenschaftler und Verkündiger die Augen vor bestimmten Zusammenhängen.

Neutestamentliche Wissenschaft und Aufklärung

Die kritische neutestamentliche Wissenschaft der letzten zwei Jahrhunderte entwickelte sich in einem Umfeld, in dem vielen daran lag, Religion und Politik auseinander zu halten. Das aufgeklärte Bürgertum, das sich gerade von der Dominanz der Kirche befreite, fürchtete alles, was nach Theokratie roch. Deswegen wurden gesellschaftliche Bereiche separiert (Religion, Politik, Kultur, Wirtschaft …), die in neutestamentlicher Zeit selbstverständlich zusammen gehörten – und zwar für Griechen, Römer und Juden. In Deutschland kam die lutherische Zwei-Reiche-Lehre (die sich ja einer ähnlichen Problemlage verdankt) als theologisches Motive für die Trennung hinzu. In diesem Kontext blieb die Botschaft der Evangelien, dass – im Leben und Sterben Jesu – Gott seine Herrschaft auf Erden angetreten habe („the message of God becoming king“), nicht nur unverständlich, sondern ungehört.

Infolge dessen wurde Jesu Ankündigung, das Reich Gottes werde in Kürze kommen, auf zwei mögliche Weisen missverstanden: entweder als Voraussage einer revolutionären Befreiung von der römischen Herrschaft oder als Ankündigung des nahen Weltendes/Weltuntergangs. In jedem Fall ließ sich – aus dem Abstand von vielen Jahrhunderten – leicht nachweisen, das Jesus sich geirrt hatte. Stattdessen, so die in vielerlei Nuancen verbreitete These, habe die frühe Kirche aus den Geschichten und Lehren Jesu etwas Neues, Eigenes rekonstruiert und den Mythos der Auferstehung als Chiffre für ihren eigenen Aufbruch hinzugefügt. Somit las etwa Bultmann die Evangelien als Reflexe von Entwicklungen und Problemen der jungen Christenheit.

Enteschatologisierung des Christentums

In diesem Zusammenhang entstand der moderne Mythos vom Scheitern der Kirche, die auf Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverbrennung reduziert wurde. Es konnte einfach nicht sein, dass Jesus der Wendepunkt der Weltgeschichte sein sollte – wo doch die Aufklärer überzeugt waren, dass ihr eigenes Zeitalter, das Europa des 18. Jahrhunderts, die wirkliche Wende der Weltgeschichte vom Aberglauben zum Licht der modernen Wissenschaft, Technik und Philosophie sei.

Da aber die Weltgeschichte nicht zwei Wendepunkte haben kann, wurde das Christentum enteschatologisiert und zu etwas Spirituellem, Religiösen reduziert. Jesus war immer noch wohl gelitten als Symbol des unverfügbaren, Göttlichen und als Verkündiger nützlicher moralischer Wahrheiten. Die revolutionäre Botschaft der Evangelien dagegen wird in das Reich der privaten Spiritualität und der Jenseitserwartung verwiesen (ironischerweise halten daran bis heute die Frommen am heftigsten fest). Dort ist sie neutralisiert und lässt die Welt ungestört ihre Geschäfte machen.

Wright hat in diesem Buch nicht nur die unselige Aufspaltung der Christenheit in Reich-Gottes-Christen und „in den Himmel kommen“-Christen in ihrem Kern beschrieben und biblische Gründe zur Überwindung dieser Spaltung freigelegt. Er hat gleichzeitig deutlich benannt, wo seine Wissenschaft sich von der Aufklärung Denkverbote aufdrängen ließ, die sich mit älteren theologischen Kurzschlüssen verbündeten und Verkündigung und Praxis der Kirche kraftlos werden ließen. Hoffentlich kommt es auch durch Wrights Impulse zu einer Aufarbeitung der Forschungsgeschichte auf einer breiten Basis, die der westlichen Christenheit hilft, ihre milde Depression hinter sich zu lassen und ihren Auftrag in vollem Maß anzunehmen.

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