Okt 202012
 

Predigt am 14. Oktober 2012

In diesem Gottesdienst wurde die Konfirmandengruppe zum Abendmahl zugelassen; vorausgegangen war im Gottesdienst ein Gespräch mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden über das Thema. In der Predigt wurden mehrere dünne Seile zur Illustration verwandt.

Die Geschichte, die wir mit dem Abendmahl, mit Brot und Wein erzählen, die fängt schon lange vor Jesus an. Es ist eine Geschichte, die bis zur Schöpfung zurück reicht. Und im Laufe der Zeit ist diese Geschichte immer ausführlicher geworden, immer mehr Erinnerungen haben sich da gebündelt. Und deshalb möchte ich uns das Abendmahl heute vorstellen als ein Bündel von Seilen, als ein Geflecht von Bedeutungssträngen, das im Lauf der Zeit immer umfassender geworden ist.

Hier haben wir den ersten Bedeutungsstrang: das ist die Schöpfung. Gott hat uns beschenkt mit unserem Leben, mit der Welt und mit genügend Nahrung, von der wir leben können. Das ist die Grundlage von allem: es ist genug für alle da. Und das ist bis heute so geblieben. Auch wenn es inzwischen 8 Milliarden Menschen gibt: es ist genug da für alle. Niemand müsste hungern, wenn das Brot gut aufgeteilt würde. Nur weil die einen sich einen sehr großen Teil vom Brot nehmen, nur dadurch reicht es nicht für die anderen. Gott hat die Erde so geschaffen, dass auch 8 Milliarden satt werden können. Und es ist nicht nur genug da, um irgendwie zu überleben. Es ist auch Wein da, das Zeichen für die Freude und das Fest, das Zeichen für alles, was man nicht unbedingt braucht zum Überleben, aber ohne Freude wäre das Leben so arm, dass wir gar nicht wüssten, wieso wir eigentlich leben sollten. Brot und Wein stehen für alles, was wir zum Leben brauchen, für das Notwendige und für das Schöne, das den Glanz ins Leben bringt. Und als Jesus beim Abendmahl das Brot nahm, da dankte er zuerst Gott für diese Gaben.

Nun kommt ein zweiter Strang dazu: auf den Bäumen des Paradieses wuchs kein Brot. Und man konnte sicherlich Trauben pflücken, aber Wein gab es auch noch nicht. Erst mit der menschlichen Arbeit wurde aus dem Korn Brot und aus den Trauben Wein. Die Schöpfung ist so eingerichtet, dass Menschen da mitmachen können. Deshalb ist der zweite Strang die menschliche Mitwirkung an der Schöpfung Gottes. Gearbeitet haben die Menschen schon im Paradies, aber damals war Arbeit noch eine reine Freude, so wie es zum Glück bis heute Arbeit gibt, die einem Freude macht. Es ist schön, wenn man etwas fertig hat und sagen kann: das habe ich gemacht, und es ist schön geworden.

Aber viel zu oft wird heute aus Arbeit Plackerei, und bevor man etwas Schönes fertigstellt, muss man sich meistens zuerst durch ein Gestrüpp von Schwierigkeiten durchkämpfen: Dornen und Disteln; Computer, die nicht tun, was sie sollen; Vorschriften, durch die keiner mehr durchsteigt; Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen, die einem das Leben schwer machen und Zeit und Aufmerksamkeit brauchen. Das Volk Israel hat es besonders schwer gehabt, als sie in die ägyptische Sklaverei gerieten.

Und deshalb ist der dritte Strang die Unterdrückung, die in die Welt hineingekommen ist: die einen leben auf Kosten der anderen. Das ist genau das Gegenteil von Gottes ursprünglichem Plan, dass die ganze Schöpfung miteinander das Leben feiern sollte. Jetzt stehen Menschen gegeneinander, machen sich gegenseitig klein, statt sich zu helfen, sehen die anderen als Feinde an: Männer gegen Frauen, Alte gegen Junge, Reiche gegen Arme, Gebildete gegen Dummköpfe, Inländer gegen Ausländer, Nationen, Rassen und Kulturen gegeneinander. Manchmal werden dadurch ganze Völker ausgelöscht – und als Israel in Ägypten Sklavenarbeit tun musste, da waren sie auf dem besten Weg dazu. Im Passafest wird das durch die bitteren Kräuter symbolisiert, die auf dem Tisch stehen zur Erinnerung an die bittere Zeit in der Sklaverei. Und heute sehen wir, dass darunter nicht nur die Menschen leiden, sondern die ganze Schöpfung ächzt unter der Unterdrückung und Vergewaltigung, die sie erleiden muss. Aber dabei blieb es nicht, sondern Gott griff ein, und das ist

der vierte Strang: Gott befreit. Gott holt Menschen heraus aus der Sklaverei. Gott stellt sich der Verkehrung seiner Schöpfung entgegen. Gott lässt nicht zu, dass sein Werk entstellt wird. Und ebenso, wie er seine Schöpfung darauf angelegt hat, dass wir mitmachen, so will er uns auch dabei haben, wenn es um die Befreiung der Schöpfung geht. Er teleportierte sie nicht einfach raus aus Ägypten, sondern er sandte Mose, um Israel aus der Sklaverei zu führen, und alle machten sich auf den mühsamen Weg durch die Wüste, und Gott sorgte dafür, dass sie alle miteinander zur Erinnerung das Passafest feierten, Jahrhundert um Jahrhundert, damit die Hoffnung auf den Befreiergott lebendig bleibt. Und da verbanden sich das Brot und der Wein mit der Erinnerung an die Befreiung. Und auch als die Jahre kamen, in denen das Volk unter neuer Unterdrückung litt, da hielten sie sich fest an dieser Erinnerung: Gott hat uns schon einmal geholfen, er wird es wieder tun.

Und tatsächlich, als die Not am größten war, kam Jesus, und das ist der fünfte Strang. Er zeigte einen neuen Weg der Befreiung. Denn inzwischen hatte sich die Welt verändert. Es gab keine freien Länder mehr, in die man fliehen konnte. Die ganze Welt ist heute aufgeteilt unter den Pharaos und Kaisern und Machthabern und Mächten. Man kann nicht mehr einfach weglaufen. Aber Jesus zeigte uns, wie wir auch im Angesicht der Mächte befreite Zonen schaffen können, in denen Menschen nicht andere dominieren und klein machen, sondern wo wir immer wieder neu unsere Würde erfahren. Jesus schuf eine Bewegung von Menschen, die gegen alle Zerstörung Gottes neue Menschheit verkörpert. Menschen, die nicht mitmachen in dem Spiel: wer ist der Größte, Stärkste und Tollste, und gerade so die Welt wirklich beeinflussen können.

Und er deutete das Brot und den Wein noch einmal neu: das Brot, sagte er, ist mein Leib, an dem ihr gesehen habt, wie ein freies Leben aussieht. Ein Leben, das nicht den Mächten der Zerstörung dient. Und auch wenn dieser Leib jetzt zerbrochen wird, mein Leben geht weiter. Und das Blut, sagt er, das ist meine Lebenskraft, mit der ich den Segen Gottes in ganzer Fülle zurückgebracht habe, und alles wurde gesund, was ich anrührte. Und auch wenn dieses Blut jetzt vergossen wird, es geht durch den Tod hindurch und wird der ganzen Welt Leben bringen.

Es gibt ein starkes, heilendes Leben auch mitten im feindlichen Land, mitten in der Unterdrückung, und dieses Leben ist stärker, weil Gott es bestätigt. Jesu Leben, sein Tod und seine Auferstehung werden im Abendmahl zusammengefasst, und die ganze Vorgeschichte gehört dazu. In jedem Abendmahl wird diese ganze Geschichte von der Schöpfung an wieder dargestellt, sie wird sozusagen in einer Szene aufgeführt, aber nicht so, dass Schauspieler sie vor Publikum spielen, sondern alle machen es miteinander, wir selbst sind beteiligt, wir sind keine Zuschauer, wir sind die Akteure. Und deshalb kommt jetzt noch

ein sechster Strang dazu. Und dieser Strang ist etwas dünner als die anderen, aber dafür ist er rot, weil er normalerweise das erste ist, was wir sehen: es ist unser eigenes Leben. Wir mit unserem Leben sollen da hineinkommen in diese lange Geschichte von der Schöpfung, von der Arbeit, von der Unterdrückung, von der Befreiung und von Jesus. Diese Stränge sind eigentlich ineinander verflochten – das konnte ich jetzt hier auf die Schnelle nicht tun – und nun soll auch unser Lebensstrang da hineingeflochten werden. Wir sollen auch einen Platz in dieser Geschichte bekommen, keine Zuschauerrolle, sondern wir sollen aktiv dabei sein. Und wenn wir im Abendmahl miteinander diese Geschichte aktualisieren, dann werden wir mit unserer Lebensgeschichte hineingezogen in die Geschichte Gottes, und auch unser Leben steht dann im Zeichen der Befreiung.

In jedem Menschenleben gibt es die Augenblicke, wo wir die Zerstörung in der Welt sehr deutlich spüren. Manchmal erleben wir es früher und manchmal später, wie etwas zerbricht, wie wir Dinge tun, die wir eigentlich nicht wollen, Menschen uns enttäuschen, auf die wir vertraut haben. Meistens können wir das nicht ungeschehen machen. Aber wir können diese Geschichten neu erzählen, wir können sie hineinstellen in die große Geschichte Gottes, und dann gibt es Hoffnung auch für die dunkelsten Situationen. Dann steht auch über unserem Leben die Verheißung der neuen Welt Gottes. Dann werden wir auch von dem Segensstrom erreicht, der durch Jesus neu zu fließen begonnen hat. Dann werden auch wir ein Akteur oder eine Akteurin in der Geschichte der Welt und nicht ein hilfloses Opfer, das nicht begreift, wie ihm geschieht, und das sich nicht wehren kann. Und weil wir es zusammen tun, deshalb entsteht dadurch eine Gemeinschaft, die auch nach außen die Freiheit von den Mächten ausstrahlt und sich nach innen auch ganz praktisch stützt.

Viele Stränge laufen zusammen im Abendmahl Jesu, viele Geschichten sind dort gebündelt, sie sind noch nicht zu Ende, sondern gehen weiter, und Jesus hat es so vorgesehen, dass einer von diesen Strängen die Geschichte unseres Lebens sein soll.

Mai 272012
 
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„Die Macht der Ohnmächtigen (Teil 2)
Neues Testament: Reich Gottes und Kreuz“

Beitrag beim Treffen der Emergenten Initiative Theologie am 18./19.5.2012 in Haiger

Die Macht der Ohnmächtigen – das ist das Thema des diesjährigen Emergent Forums am 30.11.-2.12.2012 in Erlangen.

Die Emergente Initiative Theologie hat sich bei einem Treffen in Haiger schon darauf vorbereitet. Neben einem Beitrag von Peter Aschoff (über die „prophetische Imagination“ im Alten Testament), der leider nicht aufgenommen wurde, habe ich einen Beitrag zum Neuen Testament beigesteuert: Überlegungen zur Frage, warum der Tod Jesu ein Sieg über die imperialen Mächte war und inwiefern das Abendmahl eine Spiritualität des Widerstandes enthält.

Leider ist die Aufnahme zwar verständlich, aber in der Qualität nicht optimal. Beim nächsten Mal denke ich daran, das richtige Aufnahmegerät mitzunehmen.

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Wer den Beitrag lieber lesen möchte, findet hier eine leicht überarbeitete schriftliche Fassung.

Okt 122011
 

Predigt zu Matthäus 13,31-32 am 9. Oktober 2011

In diesem Gottesdienst wurde die Konfirmandengruppe (Konfirmationsjahrgang 2012) zum Abendmahl zugelassen.

31 Jesus erzählte ihnen ein weiteres Gleichnis und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. 32 Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.

Ein Senfkorn ist tatsächlich ziemlich klein, und für Jesus war es ein Bild dafür, wie Gottes Wege in der Welt laufen: aus etwas ganz Kleinem und Unscheinbaren wird etwas ganz Großes. Wir können uns das gar nicht vorstellen, wir denken normalerweise: »viel hilft viel«, aber Gott arbeitet anders. Gott fängt klein an und lässt die Dinge wachsen. Oder, andersherum gesagt: in den kleinen Anfängen steckt schon das Große drin, das Gott vor hat. Und es wird zu seiner vollen Größe wachsen, so wie aus dem Senfkorn eine große Pflanze wird.

Jesus konnte im kleinen Anfang das sehen, was Gott hineingelegt hatte, und er erzählt uns dieses Gleichnis, damit wir auch solche klugen Augen bekommen. Wenn wir das Abendmahl verstehen wollen, brauchen wir solch einen Blick, weil auch das Abendmahl ein kleiner Same ist, aus dem etwas Großes wächst.

Man muss sich das mal vorstellen: bevor er mit seinen Jüngern zum ersten mal Abendmahl feierte, war Jesus drei Tage im Tempel, und der war wirklich ein gewaltiges Bauwerk. Im Johannesevangelium wird einmal gesagt, dass es 46 Jahre gedauert hat, bis er fertig war. Heute noch steht die gewaltige Tempelmauer in Jerusalem, die Klagemauer, 18 Meter ist sie hoch, gewaltige Steinblöcke sind aufeinander getürmt, und die Menschen, die dort beten, sehen winzig aus dagegen. Und dabei ist das noch nicht einmal ein Rest vom Tempel selbst, sondern nur ein Stück vom Sockel, auf dem der eigentliche Tempel sich erhob. Das war eine Anlage, die Platz für Tausende, nein, für Zehntausenden von Menschen hatte. Hunderte von Priestern waren dort an großen Feiertagen im Einsatz. Die Pracht des Bauwerks und der Zeremonien muss überwältigend gewesen sein. Aus diesem riesigen Bauwerk kam Jesus, und dann geht er mit seinen Jüngern in irgendein Haus in Jerusalem, er und zwölf Jünger, 13 Leute insgesamt, einer davon ein Verräter, und sie feiern das erste Abendmahl Jesu. 12 Stunden später wird er gekreuzigt und 18 Stunden später ist er tot. Wenn das kein unscheinbarer Anfang ist. Keiner hätte erwartet, dass daraus noch was werden könnte. Wir würden wahrscheinlich sagen: sympathisch, wie sie da in ihrer Gemeinschaft zusammensitzen, aber Zukunft hat das nicht.

Doch gehen wir jetzt 40 Jahre weiter: da war dieser gewaltige Tempel so zerstört, dass er noch nicht einmal eine Ruine war. Aber Menschen, die so miteinander Abendmahl feierten, wie Jesus es ihnen gezeigt hatte, gab es mittlerweile schon in so ziemlich allen Ecken der zivilisierten Welt. Und je länger es dauerte, um so weiter kam diese Bewegung. Sie brauchten keinen gewaltigen Tempel, sie brauchten keine Hohenpriester in prachtvollen Gewändern, sondern an jedem Küchentisch konnten sie im Namen Jesu Abendmahl feiern, mit Brot und Wein, den Grundnahrungsmitteln, die jeder im Haus hat. Das alles war schon angelegt in diesem letzten Abend, den Jesus vor seinem Tod noch mit den Jüngern verbrachte. In diesem winzigen Senfkorn hat das schon alles dringesteckt.

Aber das war noch längst nicht alles. An den unzähligen Abendmahlstischen kamen Menschen zusammen, die sonst nie etwas miteinander zu tun gehabt hätten. Menschen aus aller Herren Länder, aus den unterschiedlichsten Kulturen, saßen da beieinander. Sklaven und ihre Herren saßen zusammen und merkten, dass sie gar nicht so unterschiedlich waren. Reiche und Arme teilten miteinander. Auch das alles steckte schon in diesem winzigen Samen des ersten Abendmahls Jesu.

Und so ist das bis heute: das Abendmahl ist ein kleiner Samen, in dem ganz viel angelegt ist. Wenn wir nachher den Friedensgruß austauschen, dann schüttelst du vielleicht jemandem die Hand, der dir schon immer auf den Keks gegangen ist, oder einer, die ganz merkwürdig ist. Aber in dieser kleinen Geste steckt die Verheißung drin, dass Jesus uns auch mit den merkwürdigsten Menschen verbinden kann, dass das vielleicht sogar mal ein guter Freund wird.

Und wenn wir das Brot essen und den Wein trinken, die für den Leib und das Blut Jesu stehen, dann steckt da drin, dass Gott auch aus dem Schlimmsten und Dunkelsten Auswege kennt, denn er hat ja sogar eine Antwort auf den Tod Jesu gefunden, nämlich die Auferstehung. Und vielleicht ist da schon verborgen drin ein ganz dunkler, trauriger Moment in vielen Jahren oder auch schon bald, wo dich dieser Gedanke aufrecht erhält, dass Gott sogar den Tod überwindet.

Und man muss noch weiter schauen: in dem Abendmahl steckt schon drin eine ganze neue Menschheit, die nicht mehr gegeneinander Kriege führt, sondern wo Menschen einträchtig an einem Tisch versammelt sind. Im Abendmahl steckt drin, dass die Vielfalt der menschlichen Völker und Kulturen eines Tages nicht mehr ein Anlass zu Misstrauen sein wird, sondern ein Grund zur Freude über den unfassbaren Reichtum, den Gott in die Menschen hineingelegt hat. Im Abendmahl steckt auch drin die Vision einer Menschheit, in der alle genug haben, wo keiner hungern muss, weil die Güter der Erde solidarisch geteilt werden. Und es steckt darin die Vision vom Frieden zwischen dem Menschen und der Schöpfung: im Tempel wurden Tiere geschlachtet und geopfert, für das Abendmahl muss kein Geschöpf sterben. Aber am Brot und am Wein kann man sehen, welche köstlichen Dinge dabei herauskommen, wenn sich die Früchte der Erde und die menschliche Kultur und Arbeit verbinden.

Kurz gesagt: Im Abendmahl steckt klitzeklein verpackt schon die ganze neue Welt, die Gott heraufführt. Und wir sollen beim Abendmahl lernen, dass in allen Dingen mehr drinsteckt, als man auf den ersten Blick sieht. Alle Dinge sind anders als sie scheinen. Die Innenseite ist größer als die Außenseite. Das verstehen wir zuerst nicht, aber das Abendmahl ist eine Übung, durch die wir das allmählich lernen.

Und wie sehen die Wege aus, auf denen Gott diese neue Welt heraufführt? Es ist der Weg Jesu, der sich hingegeben hat, der nicht zum Raffen und Festhalten kam, sondern um zu schenken und zu teilen und zu segnen. Wohin die Gier nach immer mehr führt, das erleben wir zur Zeit sehr deutlich. Die Jagd nach immer mehr führt uns in eine Krise nach der anderen. Diese Gier wird noch die ganze Welt ruinieren, wenn sie nicht ausgebremst wird.

Es ist Zeit für den Weg Jesu, der aus dem Segen lebte und ihn weitergab an andere, der sich auf Gott verließ und der am Ende auch sein Leben opferte, weil er diesem Weg treu bleiben wollte. Im Abendmahl ist das alles zusammengefasst in dem Bild vom Brot, das gebrochen und ausgeteilt wird und dem Bild vom Wein, der vergossen wird, und wenn wir so feiern, dann verbinden wir uns mit der Art, wie Jesus lebte, starb und auferstand. Da fällt dieser Same auch in uns hinein und soll in uns wachsen.

Ich glaube, dass Jesus eine besondere Art hatte, das Brot und den Wein zu segnen und weiterzugeben. Ich glaube, dass seine Jünger an ihm etwas sehen konnten von der schenkenden, segnenden Hand Gottes. Für einen Moment wurde an Jesus die Fülle des göttlichen Lebens sichtbar, die bis heute die Welt durchströmt. Jesus hat uns gezeigt, wie wir diese Fülle in allem erkennen können.

Im Abendmahl sollen wir lernen zu sehen, was wir sonst nicht sehen würden, und so werden wir gute Augen für das Verborgene bekommen, das in allen Dingen steckt.

Dez 022009
 

Jemand wollte von mir die Abendmahlsliturgie aus dem Gottesdienst am 29.11.09 beim Emergent Forum in Erlangen haben. Da ich sie dafür sowieso rekonstruieren muss, kann ich sie auch gleich hier zugänglich machen.

Nach dieser Liturgie feiern wir auch in Ilsede im normalen Gottesdienst das Abendmahl. Allerdings ist es eine bewegliche Liturgie, die je nach Situation – geplant oder auch spontan – veränderbar ist. Es ist nicht so gedacht, dass man diese Texte Wort für Wort abliest; sie sollen lebendig bleiben und das heißt: durch die Subjektivität eines Menschen hindurchgehen. Nur das Grundgerüst bleibt als Rahmen bestehen. Deshalb ist dies hier auch nur eine ungefähre Wiedergabe aus dem Gedächtnis.

Ich habe den größten Teil des Textes aus vielen verschiedenen Quellen genommen und im Lauf der Zeit mit eigenen Formulierungen zu diesem Ablauf verbunden. Ich weiß mich allen, auf deren Ideen und Formulierungen ich aufbaue, zu Dank verpflichtet, sehe mich aber außerstande, all diese Quellen noch zu benennen. Stellvertretend für alle sei als wichtige Inspirationsquelle Huub Oosterhuis genannt.

Übrigens hat Peter auf seinem Blog auch etwas Theologisches dazu geschrieben.

Die Zwischenüberschriften mit ihren teilweise traditionellen Namen sind für die Orientierung da – lasst euch nicht davon abschrecken, ihr könnt sie auch einfach ignorieren.

Gabenbereitung:
Wir wollen Abendmahl feiern mit Brot und Wein.
Das Brot ist Zeichen für alles, wovon wir leben. Unsere Nahrung verbindet uns Tag für Tag mit der Erde und mit unzähligen Menschen, ihrer Geschichte und ihrer Arbeit.
[An dieser Stelle habe ich die Geschichte der kurdischen Familie erzählt, von der das Brot zum Abendmahl stammte.]
Der Wein ist das Zeichen der Freude und des Festes. Gott gibt uns nicht nur das Notwendige zum Überleben, sondern auch der Glanz und die Freude sollen zum Leben dazugehören.
Jesus nimmt Brot und Wein und verbindet sie für immer mit seinem Tod: sein vergossenes Blut, sein zerbrochener Leib. Wir sollen verstehen, dass Gottes Liebe zu uns keine Schmerzen scheut. Und wenn wir das Brot essen und aus dem Kelch trinken, dann verbinden wir uns mit Jesus Christus und seiner Geschichte, die eingewoben ist in das Netzwerk des Lebens, das die Welt umspannt. Im Abendmahl wird sichtbar, dass wir dazugehören und dazugehören wollen.
Und so lasst uns Gott loben über Brot und Wein:

Lobgebet:
Herr, unser Gott,
wir danken dir, dass du uns gewollt hast, erschaffen, ins Leben gerufen.
Wir danken dir für jeden Tag, für jede Stunde unseres Lebens,
für die Luft, die wir atmen und das Licht, das wir sehen.
Du wolltest ein Gott der Menschen sein.
Und auch, als wir uns von dir abwandten und unsere eigenen Wege gingen, hast du uns nicht allein gelassen. Du hast uns deinen Sohn gesandt, Jesus Christus.
Wir danken dir für diesen einzigartigen Menschen. Er hat uns gezeigt, wie ein Mensch leben soll und geht uns voran. Bis zum letzten Atemzug hielt er fest an dir und an seinem Weg.
Und so hast du ihn dann aus dem Tod herausgerufen und hast ihm gutes, starkes, ewiges Leben gegeben, das den Tod nicht mehr fürchten muss.
Mit ihm verbindest du uns in der Kraft deines Heiligen Geistes.
Du machst uns zum Glied seines Leibes, du nimmst uns auf in das Netzwerk der neuen Schöpfung.
Darum loben wir dich mit allen, die uns vorangegangen sind im Glauben, gemeinsam mit dem ganzen Erdkreis preisen wir deinen heiligen Namen. Mit allen, die dich lieben, zu allen Zeiten und in allen Sprachen, singen wir den Lobgesang „Heilig, Heilig, Heilig“
[Danke Jan, für das „Heilig, heilig … holy, holy“ – das passte super hierher!]

Einsetzungsworte mit Einleitung:
Noch immer ist die Welt voller Unrecht, Lüge, Gewalt und traumatisierter Menschen. Mitten in dieser Welt lud Jesus seine Jünger ein an seinen Tisch:
Es war in der Nacht, in der einer seiner Freunde ihn verriet.
Es war in der Nacht, in der sie ihn gefangen nahmen und anklagten.
Es war in der Nacht, in der sie ihn schlugen und verurteilten.
Es war in der Nacht, bevor sie ihn zur Stadt hinaus stießen und kreuzigten.
Es war in der Nacht vor seinem bitteren Leiden und Sterben:
in dieser Nacht kam er noch einmal mit seinen Jüngern zusammen.
Ich bitte euch aufzustehen!
Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: „Nehmt hin und esst! Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte, und gab ihnen den und sprach: „Nehmt hin und trinkt alle daraus! Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, so oft ihr’s trinkt, zu meinem Gedächtnis.“
Wenn wir also von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken, dann verkünden wir das Leben, den Tod und die Auferstehung unseres Herrn, bis er wiederkommt vor den Augen aller.

Gebet:
Gott,
verbinde uns mit dem Leben, dem Tod und der Auferstehung deines Sohnes Jesus Christus.
Sende deinen Geist aus über uns.
Lass es unter uns sichtbar werden, dass du der Gott des Lebens bist.
Sei treu und gib uns den Frieden!

Friedensgruß:
Lasst uns einander das Zeichen des Friedens und der Versöhnung geben, indem wir uns die Hand reichen und den Frieden zusprechen: Friede sei mit dir!

Vaterunser
[an dieser Stelle singen wir in Ilsede noch „Christe, du Lamm Gottes“]
Austeilung
[Danke an Tobi K., Sandra und Peter für die klasse Zusammenarbeit!]

Dankgebet:
Herr, unser Gott,
wir danken dir, dass du uns verbindest:
hier in Erlangen, als emergent conversation in Deutschland und in der ganzen Welt, als deine Christenheit unter allen Völkern. Wir gehören zu dir, wir lieben dich, wir vertrauen auf dich, wir halten Ausschau nach dir, bis du kommst und die Erde erneuerst in Herrlichkeit.
Amen.

Jul 302008
 

Übersichtsseite zum Buch von Scott McKnight

Kapitel 11:
Wie Jesus seine Geschichte sah: Passa

Was dachte Jesus selbst über seinen Tod? Viele gehen davon aus, dass Jesus dachte, was sie selbst darüber denken: die einen sehen keinen Zusammenhang zwischen Jesu Mission und seinem Tod, die anderen sind überzeugt, dass Jesus von Anfang an wusste, dass sein Tod das eigentliche Ziel seines Mission war.

Nun muss das, was Jesus dachte und was die späteren neutestamentlichen Autoren (Paulus, Petrus, Hebräer) dachten, nicht unbedingt identisch sein. Dieser Unterschied darf auch nicht verwischt werden. Ein großer Teil der neutestamentlichen Wissenschaftler bezweifeln heute allerdings ganz, dass Jesus selbst seinen Tod als sühnend/versöhnend verstand. McKnight gibt dazu zwei Punkte zu bedenken:

  • einmal muss Jesus spätestens seit dem Tod Johannes des Täufers auch die Möglichkeit seines eigenen gewaltsamen Todes vor Augen gehabt haben;
  • zum anderen ist es nicht vorstellbar, dass Jesus diese Möglichkeit nicht im Licht der Schrift bedacht haben würde. Und tatsächlich gibt es zwei Stellen (Markus 10,45; 14,24), in denen Jesus seinen Tod als sühnend/versöhnend deutet – ein Hinweis, dass die spätere kirchliche Lehrentwicklung ihre Wurzeln schon in Jesu eigenen Gedanken hat.

Bei der Einsetzung des Abendmahls (Markus 14,24) stellt Jesus seinen Tod in den Kontext des Passafestes und der Befreiung aus Ägypten. Die Frage, ob das beim eigentlichen Passamahl geschah oder am Tag davor, kann offen bleiben, weil Passa ein Fest war, das sich über eine ganze Woche erstreckte. Alles, was geschah, stand in diesem Zusammenhang. In der Symbolhandlung mit Brot und Wein thematisiert Jesus seinen Tod und fordert seine Jünger auf, daran Anteil zu haben. Jesus identifiziert sich mit seinen Jüngern und nimmt sie mit hinein in seinen Tod. Mit diesem Mahl begründet Jesus seine ekklesiale Gemeinschaft, und die Jünger werden durch ihr Esen und Trinken Teil dieser Gemeinschaft.
Dabei ist nun wichtig, dass der Passa-Kontext die Befreiung aus Ägypten thematisierte – das hatte damals deutliche politische Dimensionen, als eine Stellungnahme gegen die erdrückende Pax Romana. Jesus wählte gerade das Passafest als Kontext für das Abendmahl und nicht den großen Versöhnungstag (Yom Kippur). Er brachte damit seinen Tod in Verbindung mit dem Blut des Passalammes, das als Schutz vor dem Todesengel an die Türen gestrichen wurde. In Analogie dazu forderte er seine Jünger auf, sich durch dieses Essen und Trinken vor dem Gericht Gottes über die ungerechten römischen Machthaber und ihre Verbündeten in Israel zu schützen. Gottes Zorn zielt hier deutlich auf konkrete politische Zusammenhänge.

Die zweite Stelle, an der Jesus seinen zukünftigen Tod deutet, ist Markus 10,45. Jesus sagt voraus, dass er sterben werde „als Lösegeld für viele“. Damit verweist er auf Gedanken Deuterojesajas, insbesondere die Aussagen über den leidenden Gottesknecht. Dort wird ein Tod als Preis für die Befreiung des Volkes aus Gefangenschaft und Unterdrückung verstanden. Der Zusammenhang von 10,45 bestätigt das: Jesus rügt seine Jünger für ihre Machtgier, die der Machtgier des römischen Imperiums gleicht. Aber davon sind sie durch Jesus befreit. Jesus befreit seine Jünger von Sünde und ungerechten Systemen, damit sie als neue Gemeinschaft nach Gottes Willen leben können.
Damit werden Jesu Botschaft vom Reich Gottes und die Sühne/Versöhnung durch seinen Tod ein sinnvolles Ganzes: Jesus kam, um das Reich Gottes aufzurichten, eine Gemeinschaft, in der Gottes Wille getan wird. Er vollbringt das, indem er in das feindliche Gebiet eindringt, dort anstelle und zum Nutzen anderer stirbt und durch die Auferstehung den Tod überwindet. Wenn die Jünger das Abendmahl essen und trinken, bekennen sie ihre Komplizenschaft mit der Sünde und nehmen Jesu Tod anstelle ihres eigenen an. Für sie gilt die Logik von Passa: ein stellvertretender Tod, der das Gericht Gottes auf sich zieht, die Teilnehmer am Mahl schützt und sie befreit.

Von Jesus zu Paulus

Folgende Beobachtung ist wichtig: Die Worte, die Jesus gebrauchte, sind für die anderen Autoren des Neuen Testaments nicht bindend. Paulus und Johannes etwa fühlten sich nicht verpflichtet, bei den Reich-Gottes-Formulierungen Jesu zu bleiben; Johannes z.B. sprach lieber vom „Ewigen Leben“. Sachlich aber gibt es starke Entsprechungen: der Zorn von Röm. 1,18 – 3,20 etwa entspricht dem Gericht Gottes über Ägypten, an das Passa erinnert. Aber auch wenn Paulus so Gedanken von Jesus weiterentwickelt, tut er das in anderen Formulierungen. Schon für die Apostel gab es keine endgültigen Sprachregelungen. Jede Begrifflichkeit ist begrenzt. Es sind nur Bilder, die Menschen zur Sühne/Versöhnung selbst bringen sollen.