Feb 092011
 

Es ist noch nicht lange her, da habe ich auf den 11. September 2001 oder die Finanzkrise verwiesen, um zu belegen, dass sich unsere Welt sprunghaft und unvorhersehbar verändert. Für kirchlich Interessierte kamen dann 2010 der Käßmann-Rücktritt und die plötzliche tiefe Krise der katholischen Kirche hinzu. Jetzt gibt es ein neues, spektakuläres Beispiel: Ägypten bzw. die ganze, in Bewegung geratene arabische Welt. Wie üblich: (fast) keiner hat es kommen sehen, keiner ist vorbereitet, keiner weiß, wo es hingehen wird. Aber alle wollen auf einmal mitmischen. Tariq Ramadan, Islamwissenschaftler in Oxford und Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, findet in der Frankfurter Rundschau sehr deutliche Worte für den Umgang mit der ägyptischen Volksbewegung:

Hinter der opportunistischen Rede von Demokratie, Freiheit und Menschenrechte werden kaltblütig die zynischsten Kalküle gemacht. Von Washington bis Tel Aviv, von Kairo bis Damaskus, Sanaa, Algier, Tripolis und Riad gibt es nur eine Sorge: Wie kann man diese Bewegung unter Kontrolle bringen, wie kann man aus ihr Profit ziehen? Denn wer will schon in Ägypten und in der arabischen Welt ernsthaft eine wirkliche, transparente und unabhängige Demokratie? Wer – außer den Völkern und der Zivilgesellschaft – hat denn Interesse daran, dass die Massenproteste ihre Ziele erreichen: Freiheit, ein Leben in Würde, wirkliche Demokratisierung?

Der Eindruck, dass die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz leicht im Interessengewirr der Machteliten unter die Räder kommen könnten, verstärkt sich, wenn man in der FAZ eine Darstellung der zerklüfteten ägyptischen Machtlandschaft liest (Dank an Ingo Zwinkau für den getwitterten Hinweis auf diesen instruktiven Artikel! Unbedingt Lesen!). Die Widersprüche zwischen den ägyptischen Machteliten haben einen Raum geöffnet, in dem sich der Protest entfalten kann. Wenn erst hinter den Kulissen die Reihen wieder geschlossen worden sind, dann könnten die Demonstranten schnell sehr allein dastehen.

Aber was heißt eigentlich allein? Sollten uns nicht jetzt die Augen aufgehen für einen neueren Typ gesellschaftlicher Umwälzung, der sich schon seit einigen Jahrzehnten herausbildet und in unterschiedlichen Kulturen/Systemen ganz unterschiedliche Formen annimmt? Bei dem nur eine Seite (die „pharaonische“ nämlich) Gewalt einsetzt? Und der dann auch ganz unterschiedliche Ausgänge gefunden hat? Stehen die jungen Ägypter nicht in einer Linie mit den Demonstranten vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 und den Volksbewegungen in Osteuropa, die zum Fall der Mauer führten? Müsste man nicht sogar die Linien noch weiter zurückverfolgen bis zum Prager Frühling von 1968?

Jedes Mal eine ähnliche Grundkonstellation: eine unbewegliche Führung aus älteren politbürokratischen Herren, die die Gesellschaft fest unter Kontrolle zu haben scheinen. Über Jahrzehnte scheint sich nichts zu bewegen. Aber auf einmal – keiner hat es vorausgesehen! – passiert das Unglaubliche: das Volk geht massenhaft auf die Straße. Für kurze Zeit entsteht ein neuer gesellschaftlicher Konsens, gegen den die Machteliten entweder nicht oder nur mit allerbrutalster Gewalt ankommen. Wozu das am Ende führt – Okkupation, Blutbad, Wiedervereinigung, nationale Befreiung … – hängt vom Geschick der Akteure und den konkreten Konstellationen ab.

Woher kommt aber dieser neue Konsens, der ja gerade nicht künstlich organisiert wird, sondern sich spontan erhebt – angestoßen durch ein eher zufälliges Ereignis? Das Interessante ist, dass das keine typischen Klassenkonflikte sind, wie wir sie aus dem klassischen Kapitalismus kennen. Es ist weniger der soziale Status als jüngeres Alter und bessere Ausbildung, die den Kern der Protestierenden prägen. Es scheint also der Widerspruch zwischen (nennen wir es erst einmal so:) der Entfaltung der menschlichen Geisteskräfte und ihrer Hemmung durch die geistlose Macht zu sein, der heimlich einen großen Teil der Gesellschaft ergriffen hat. Das ist nicht neu; Geist und Macht standen schon immer in einem Spannungsverhältnis. Neu ist die rasante Entwicklung des gesamtgesellschaftlichen Bildungsniveaus, wie sie die Industriegesellschaft mit sich bringt. Das reichte schon ohne Internet zum Prager Frühling und später zum Mauerfall; internetgestützt kommt jetzt das, was die DDR 1989 erlebte, auch in den entwickelteren Staaten des Südens an.

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an Rudolf Bahro. Er hat schon vor 1977 eine Analyse des DDR-Sozialismus verfasst, die den Widerspruch der kreativen, aber auch der technischen Intelligenz zur Gängelung durch die herrschaftssichernde Bürokratie in den Mittelpunkt stellt. Er hat das Dilemma beschrieben, in das jede autoritäre Staatsführung gerät, die aus wirtschaftlichen Gründen für eine gute Ausbildung der künftigen Funktionäre (und heute auch für Internetanschluss) sorgen muss. Unweigerlich wird dabei schwer kontrollierbare „überschüssige Qualifikation“ erzeugt, die lange Zeit atomisiert bleibt und sich nur in Meckern, innerer Kündigung und ähnlichem zeigt. Aber – inzwischen haben wir es immer wieder erlebt – diese überschüssige Qualifikation kann wie aus heiterem Himmel massenhaft Gestalt annehmen und die Straßen füllen.

Ziehen wir die Linie nun weiter. Was sich hier in ganz unterschiedlichen Gestalten regt – können wir nicht seine Züge sogar wiederfinden in dem, was Richard Florida als „Aufstieg der kreativen Klasse“ bezeichnet? Kreativität wird zunehmend zum zentralen Produktionsfaktor, auf den kein Unternehmen mehr verzichten kann. Der Umfang der Kreativarbeit wächst rasant, die Entwicklung des menschlichen Geistes beschleunigt sich, und das hat unmittelbare Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Reichtum.

Aber auch hier zeigen sich die Widersprüche zwischen den Kreativen und ihren Produktionsverhältnissen. Florida schreibt über die hochentwickelten Industriestaaten, Staaten ohne Pharaonen und Politbürokraten. Aber einen vergleichbaren Feind gibt es bei bei ihm und ähnlichen Autoren auch: die Wirtschaftsbürokratie mit ihren Meetings und Statusritualen, die Gift für die Krativität sind (kirchliche Funktionsträger – obwohl in der Regel leidensfähiger – könnten ähnliches berichten). Der Ausweg ist dann nicht der friedliche Protest im Zentrum der Hauptstadt, sondern die Gründung der eigenen Firma, die 4-hour-workweek und ähnliches. Die Konstellationen unterscheiden sich also erheblich. Aber die Kraft dahinter ist hier wie dort der Überschuss „menschlichen, auf kein abstraktes Funktionieren für begrenzte Zwecke reduziblen Bewusstseins“ (Bahro), das in Zeiten des Internets immer stärker zum kollektiven Bewusstsein wird.

Wir sind alle Ägypter. Das ist keine moralische Aussage, kein Appell, sondern eine Diagnose.

Und sollte – Fragen ist ja erlaubt – dieses sich immer mehr ausweitende „menschliche Bewusstsein“ nicht vielleicht auch der materielle Kern dessen sein, was wir in verschiedenen Versionen als Postmoderne diskutieren? Eine enorme Ausweitung des menschlichen Geistes, die Raum schafft für viele unterschiedliche Weltanschauungen, Religionen, Fernsehprogramme, Ernährungsstile usw.? Und wäre „Kirche für das 21. Jahrhundert“ dann also eine Kirche, die sich mit diesem enormen Entwicklungsschub des menschlichen Geistes verbündet, anstatt ihn ängstlich zu kanalisieren? Eine Kirche, die nicht verwirrt die Augen verschließt vor diesem menschlichen Kompetenzzuwachs, sondern ihn in einem Umfeld der Freiheit willkommen heißt? Eine Kirche, die sich daran erinnert, dass schon in den Gemeinden des römischen Reiches die missachtete Kreativität der Sklaven, Frauen, Barbaren und auch der Funktionäre (ja, ja!) einen Freiraum fand? Eine emergente Kirche, die entdeckt, dass die Gemeinde Jesu sich selbst organisieren kann, weil der Heilige Geist schon immer den menschlichen Geist gebildet und befreit hat?

Und was bedeutet es, dass nun ausgerechnet in Ägypten, dem biblischen Beth Abdim, dem Sklavenhaus, die Freiheit aufbricht? Sollte das vielleicht ein Zeichen der Endzeit sein, das die einschlägigen Publikationen bisher übersehen haben? Fragen über Fragen. Die Beispiele für unvorhersehbaren, rasanten Wandel werden uns nicht ausgehen.

Jul 312009
 

Angeregt von der Beschäftigung mit Barack Obama bin ich auf die Frage gestoßen, welche Spuren die Begegnung zwischen Moderne und traditioneller Kultur eigentlich bei uns hinterlassen hat. Der Unterschied ist natürlich, dass die Moderne (ich benutze mit Absicht einen etwas unscharfen Begriff) in Europa erfunden worden ist und dass die Menschen hier jahrhundertelang Zeit hatten, sich modernem Denken anzunähern.

Dennoch war auch bei uns die Durchsetzung der Moderne ein ziemlich heftiger Eingriff in die Lebenswelt der Menschen. Dafür zwei Beispiele:

  • Die Einführung und Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht ging auch mit brutaler Gewalt gegen die Schulkinder einher. Noch heute erzählen ältere Menschen davon, wie sie in der Schule massiv geschlagen worden sind (der Konfirmandenunterricht unterschied sich davon nicht grundsätzlich). Nicht, dass Kinder vorher ohne Schule gewaltfrei aufgewachsen wären. Und natürlich ist Alphabetisierung ein wichtiger Schritt zur Überwindung von Armut und Krankheit und in Richtung auf gesellschaftliche Teilhabe breiter Schichten. Trotzdem erinnern die Prügel in der Schule ein wenig an die Rolle der Peitsche bei der Unterwerfung der außereuropäischen Kolonien. Die Menschen wurden nicht nur gebildet, sondern ihnen wurde auch der Eigensinn aus dem Leib geprügelt. Sie wurden früh jedenfalls ein Stück weit traumatisiert (oder lebten in Furcht davor), und andere Großorgansationen wie das Militär und später die Fabriken konnten da weitermachen. Wer darüber mit älteren Menschen spricht, spürt bis heute einen Widerhall davon in Sätzen wie „Eine Tracht Prügel hat noch keinem geschadet“.
    Überhaupt ist ein zentraler Effekt der Moderne die Eingliederung von Menschen in rational entworfene Großorganisationen. Wer sich quer dazu stellte, wurde in Gefängnissen und Irrenhäusern entsorgt. Die Biotope, in denen man sich dem Zugriff der Zentralmacht noch entziehen konnte, wurden nach und nach ziemlich wirksam ausgetrocknet.
  • Diese Eingliederung in größere Einheiten führte zu einer massiven Schwächung der älteren Sozialformen: Familie und Dorfgemeinschaft. Auch hier geht es mir nicht um den Mythos einer vormodernen heilen Welt. Diese alten Sozialformen waren oft eng und unterdrückerisch. Der Konformitätsdruck war hoch. Keiner von uns heute würde so leben wollen. In den Märchen und Geschichten unserer Gegend z.B. sucht man vergebens die tapferen Schneiderleins und pfiffigen jüngeren Königssöhne aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Stattdessen stößt man haufenweise auf Geschichten davon, was mit vorwitzigen Kindern geschieht, die sich nicht an die Regeln hatten: die holt die Kornmuhme oder ein anderer Unhold. Punkt. Aus. So läuft es eben.
    Bis in die 1960er Jahre ist auf dem Lande das enge Lebensumfeld der Menschen eher vormodern geprägt gewesen. Der Individualismus ist hier noch nicht sehr alt. Die immense frühere Bedeutung der Großfamilie ist bis heute spürbar. Das ändert sich erst, wenn die Großmütter nicht mehr da sind, deren Bestreben es war, die Schar der Kinder, Enkel und Urenkel wenigstens ideell zusammenzuhalten. Erst das Fernsehen, die bessere Schulbildung und die berufliche Mobilität haben diese Lebenswelt endgültig aufgebrochen. Dadurch fehlt manchem aber auch die Orientierung, die früher die Großfamilie gegeben hat. Vielleicht sind auch bei uns manche chaotischen Lebens- und Beziehungsverläufe aus dieser Zerrissenheit zwischen zwei (und mehr) Kulturen zu erklären.

Auch bei uns ist das Doppelgesicht der Moderne zu spüren: einerseits eine enorme Verbesserung der Lebensbedingungen, eine Stärkung der Kompetenz und Mündigkeit der Menschen. Aber gleichzeitig entkleidet sie die Menschen – sie nimmt ihnen die (soziale und kulturelle) Umgebung, in der sie sich bisher einigermaßen geborgen haben und nimmt sie für übermächtige Institutionen in Anspruch. Und wenn diese Institutionen Verbrechen begehen, dann in großem Maßstab. Beides gehört zur Moderne: die Befreiung aus Unmündigkeit und Enge; und die viel intensivere Ausnutzung der Menschen, ihre Verfügbarmachung für rational funktionierende Großorganisationen.

Auf dieses Doppelgesicht reagiert mancher mit der Sehnsucht nach einem Zurück in die Zeit vor die Moderne. Aber das ist weder möglich noch erstrebenswert. Auch Traditionalisten nutzen Handys und Internet, gehen zum Arzt, kaufen bei Aldi. Keiner kann zurück in die Zeit vor der Aufklärung. Und wer würde sich ernsthaft wünschen, wieder im geografischen und geistigen Horizont eines Dorfes und seiner Machtstrukturen zu leben?

Es bleibt nur der Weg nach vorn: die Doppelheit im Impuls der Moderne zu entwirren. Obama hat das unter dem Stichwort des „amerikanischen Traums“ versucht. Sicher ein bisschen zu optimistisch – es ging ja schließlich auch um Wählerstimmen. Die öffentliche Inszenierung solcher Inhalte unterliegt trotz aller brillanten Rhetorik den Regeln der Massenkommunikation und ist natürlich plakativer als ein dickes Buch.

Aber Obama hat offensichtlich einen Weg gefunden, um den Konflikt zu überwinden, der in seinen doppelten Wurzeln (Kansas und Kenia) angelegt war. Deswegen kann er dann auch rückblickend mit einer fairen Balance zwischen Zuneigung, Skepsis, Kritik und Solidarität die Geschichte seiner Familie(n) entdecken und beschreiben. Weil er einen Weg nach vorn gefunden hat, deshalb kann er der Vergangenheit gerecht werden und sie so ein Stück weit befrieden.

Dieser Weg nach vorn ist ihm anscheinend bei der Stadtteilarbeit in Chicago endgültig deutlich geworden: die modernen Traditionen der Freiheit nicht obrigkeitlich den Menschen aufzudrücken, sondern sie mit ihnen zu leben. Eine Moderne, die nicht als Diktat kommt, nicht als Entwicklungsdiktatur (brutal oder gemäßigt), sondern als ein gemeinsamer Weg ins Offene. Eine Moderne, die zurückgeht und noch einmal von vorn beginnt, aber diesmal mit den Menschen und nicht gegen sie. Auf dieser Basis könnten die Wunden der Modernisierung vielleicht eines Tages geheilt werden.

Und was könnte das für uns bedeuten?

Jul 142009
 

Nachdem ich mich mit Barack Obamas Biografie beschäftigt habe, möchte ich sie nun als Teil eines größeren, weltweiten Themas verstehen: der Begegnung der älteren, traditionellen Kulturen mit der weißen Moderne.

Obamas kenianischer Großvater und Vater waren keine typischen Mitglieder ihrer Dorfgemeinschaft. Sie waren irgendwie anders, unruhig, unzufrieden. Sie sahen in der Begegnung mit den Weißen eine Chance, aus ihrer bisherigen Welt auszubrechen und neue Perspektiven zu gewinnen. Obamas Großvater arbeitete bei Europäern, seinem Vater gelang es, ein Stipendium zum Studium in Amerika zu bekommen.  Beide waren hin- und hergerissen zwischen ihrer Herkunft und der westlichen, weißen Kultur.

Beiden ist diese Zerreißprobe persönlich nicht gut bekommen. Obamas Vater macht den Eindruck eines Getriebenen, der die unterschiedlichen Teile seiner Biografie nicht mehr integrieren kann: seine verschiedenen Frauen unterschiedlicher Hautfarbe und die zugehörigen Kinder, seine Heimat in einem afrikanischen Dorf und seine Karriere im Staatsdienst, Wohlstand und Armut, nachdem er mit dem korrupten System in Konflikt kam. Trotz erstaunlicher persönlicher Fähigkeiten hat er manche Perioden seines Lebens, besonders am Ende, nur mit viel Alkohol ertragen können. Er lebte in einer Situation, die die Schwächen eines Menschen gnadenlos aufdeckt, und in der er eigentlich nur scheitern konnte. Dass er trotzdem immer wieder erstaunliches Format zeigt, ist Grund genug für Wertschätzuung und Anerkennung.

In Barack Obamas Buch entsteht so ein vielschichtiges Bild seiner Vorfahren, wo nichts beschönigt, aber auch nichts verurteilt wird. Stattdessen erkennt Obama, dass es seine Aufgabe ist, den Weg seiner Vorfahren zu einem besseren Ende zu bringen (deshalb der englische Titel: „Dreams from my father“). Er nimmt die Geschichte seiner Familie als sein Erbe an.

Die Zerreißprobe, in die Obamas Vorfahren schon früh gerieten, ist die Begegnung der traditionellen afrikanischen Kultur mit der modernen westlichen Zivilisation. Sie kamen aus einer Welt, in der jeder seinen Platz hat, wo man nie allein und erst recht nicht einsam ist. Familien, Dörfer und Stämme halten zusammen, und alles ist in eine uralte Ordnung eingebettet, an die man sich halten muss. Aber diese Kultur hat auch ihre Schattenseiten. Obamas Vorfahren haben sie offensichtlich schon früh als einengend erlebt und versucht, ihren eigenen Weg zu gehen.

So stießen sie auf die Welt der Weißen, die für sie viele Versprechen beinhaltete: Ausbruch aus der Enge, keine Armut, neue Möglichkeiten. Aber in der Welt der Weißen ist man auch oft allein. Es gibt keinen sicheren Status, für Schwarze sowieso nicht. Und wenn afrikanische Staaten die europäischen Organisationsformen einführen (und trotzdem weiter die alten Stammesloyalitäten gelten), entsteht ein Mischmasch, der nicht gut funktioniert.

Wer in diese Widersprüche gerät, wird brutal mit der Frage konfrontiert, wer er eigentlich ist und wo er hingehört. Und es übersteigt in der Regel die Kräfte eines Menschen (und sei er noch so stark und zäh), eine neue Identität zu konstruieren, für die es kein Vorbild gibt. Obamas Vater hatte eine beeindruckende Gabe, mit persönlicher Kraft viele Widersprüche zu überwinden oder wenigstens zur Seite zu schieben. Aber auch er hat viele Abgründe mit Illusionen überdeckt, die eines Tages nicht mehr tragfähig waren.

Diese Zerreißprobe ist natürlich nicht nur ein afrikanisches Thema. Sie ist nur dort unübersehbar, weil sie einen ganzen Kontinent betrifft (und durch die schwarzen Amerikaner einen zweiten). Aber im Grunde sind durch die Begegnung mit der weißen Kultur alle traditionellen Völker immer in ähnliche Krisen geraten: die Ureinwohner Amerikas und Australiens, die Inuit, aber auch die islamischen Länder, Indien, China, Japan. Je nach Eigenart dieser Kulturen und dem Verlauf der Begegnung hat das sehr unterschiedliche Ergebnisse gehabt. Aber die Widersprüche zwischen den traditionellen, eher kollektiv angelegten Kulturen und der individualistischen westlichen Zivilisation sind weltweit zu spüren. Vielleicht ist das sogar der zentrale Konflikt unserer Epoche. Uns fällt er nur nicht so auf, weil wir im Zentrum der westlichen Kultur leben.

Trotzdem frage ich mich, ob es nicht auch bei uns Spuren dieses Konflikts gibt. Aber dazu komme ich nun doch erst im nächsten Post.

Jul 062009
 

Der erste Post in dieser Reihe thematisierte die Reden Obamas; hier geht es um die Einbettung in seine Biografie.

Barack Obama ist schwarzer Amerikaner mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf: sein kenianischer Vater lebte weit entfernt, er wuchs auf bei seiner weißen Mutter und ihren Eltern in Hawaii, für einige Zeit auch in Indonesien, in einer wenig rassistisch geprägten Umgebung. So ist ihm in seiner Kindheit lange nicht wirklich klar gewesen, dass er schwarz ist.

Cover des Buches

Von der Hautfarbe eingeholt
Trotzdem hat ihn in seiner Jugend seine Hautfarbe eingeholt. Ich habe bisher noch nirgendwo so eindrucksvoll wie in Obamas Buch beschrieben gefunden, was es bedeutet, ein schwarzer Amerikaner zu sein: seiner Hautfarbe nicht entkommen zu können, von ihr her definiert zu werden, auf Ablehnung oder herablassende Freundlichkeit zu stoßen. Eine weiße Freundin zu lieben und zu wissen: in ihrer Familie werde ich immer ein Fremder bleiben. Immer wieder zu spüren: ich bin anders, ausgeschlossen, für mich ist vieles nicht einfach normal, was für Weiße selbstverständlich ist.
Obama beschreibt Wege, mit denen er und andere auf diese Situation als schwarze Amerikaner reagiert haben: z.B. unter sich bleiben, das Problem ignorieren, Selbsthass, eine bewusst schwarze Identität ausbilden, Islam, Drogen, sich irgendwie durchschlagen.

Wendepunkt Chicago
Anscheinend war es für Obama der entscheidende Schritt, dass er 1985 mit Stadtteilarbeit in der Southside von Chicago begann – einem Stadtviertel, das durch die Schließung der Stahlwerke in Arbeitslosigkeit und Depression abzurutschen begann. Hier bekam er praktischen Kontakt mit den Traditionen der Bürgerrechtsbewegung (die er schon von seiner Mutter her kannte), und hier stieß er auf die Kraft der kleinen Leute, die sich ohne großes Pathos trotz ihrer desolaten Lage die Hoffnung bewahren und daraus Kraft schöpfen, auch wenn sie nicht unempfänglich sind für selbstschädigende Einflüsse. Beides hat ihm wohl geholfen, für sich einen Weg jenseits des schwarz/weiß-Gegensatzes zu finden. Hier lernte er auch in der Trinity-Gemeinde von Rev. Wright ein Christentum kennen, das gerade in seiner Spiritualität relevant war für die schwarzen Gemeindemitglieder.

Auf der Suche nach den Wurzeln
In dieser Situation fasste er zwei Entschlüsse: Jura zu studieren, um die Machtverhältnisse von innen heraus zu verstehen, und vorher die Familie seines inzwischen verstorbenen Vaters in Kenia zu besuchen. Dem Besuch in Kenia ist der dritte Teil des Buches (nach Kindheit/Jugend und Chicago) gewidmet. Obama beschreibt ihn mit allen Licht- und Schattenseiten: Armut und Korruption, die Verantwortungslosigkeit der Männer, den Streit in der Familie. Die Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit der Menschen, das Zugehörigkeitsgefühl, das er dort sofort erlebt, obwohl er vorher mit der Familie noch nie zu tun hatte. Die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, die aber immer wieder verraten werden. Er beschreibt, ohne zu verurteilen oder zu glorifizieren. Am Ende sitzt er am Grab seines Vaters, der im Zerbrechen der alten Gesellschaft und der Begegnung mit der weißen Moderne versucht hat, seinen Weg zu finden und immer wieder an seine Grenzen gestoßen ist – wie schon der Großvater.
An dieser Stelle ist das Buch fast zu Ende. Es folgt ein Blitzlicht auf Obamas Jurastudium (und seinen Versuch, Gesetze wieder als Ausfluss der Ideale von 1776 zu lesen) und am Ende eine kurze Schilderung seiner Hochzeit mit Michelle, die aus der Southside von Chicago kommt. Die Trauung hält Rev. Wright. In den Gästen sind alle Traditionslinien, denen Obama sich verdankt, repräsentiert, von Afrika über Hawaii bis Chicago. Es ist eine optimistische Szene, voller Hoffnung, und Obama schließt mit den Worten, dass er in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt war.

Integration auf der Basis amerikanischer Ideale
Obama hat seinen Weg gefunden: die Realität, einschließlich der schmerzhaften Vergangenheit, muss wahrgenommen werden, mit ihrem ganzen Licht und ihren Schatten. Aber sie muss zusammengebracht werden mit den besten Traditionen Amerikas. Wo das Christentum so fundamentalistisch verseucht ist wie in den USA, redet ein säkular geprägter Mensch wie Obama lieber vom „amerikanischen Traum“ als vom Evangelium. Aber in der Argumentationsstruktur des Buches wie in seinen späteren Reden steht der „amerikanische Traum“ genau an der Stelle, wo – theologisch gedacht – der Ort des Evangeliums wäre.
Was Obama 1995 aufgeschrieben hat, passt zu dem, was er seit 2004 in seinen politischen Reden als Programm entfaltet. Es ist die Aufnahme eines enorm breiten Realitätsspektrums, das ihn glaubwürdig erscheinen lässt. Die Integration all dieser Wirklichkeiten im Zeichen des amerikanischen Traumes ist das Thema fast aller seiner Reden – so durchgehend, dass es im Internet schon eine Anleitung „Verfass deine eigene Obama-Rede“ gibt.

Werte realpolitisch
Man kann an Obama sehen, dass es im Hintergrund der Politik auch ganz machtrealistisch um die kreative Bildung von Werten geht. Sie können neue Mehrheiten produzieren. Was als persönlicher Kampf eines Schwarzen aus Hawaii um seine Identität begann (und schon viel früher als Aufbruch seines unangepassten Großvaters), hat 30 Jahre später weltweite Folgen.
Wie sich das im Alltagsgeschäft der Politik bewähren wird, ist die Frage der Zukunft. Kaum einer kommt da ohne Schrammen durch. Wer Versöhnung auf seine Fahnen geschrieben hat, kann Probleme bekommen, wenn sich reale Gegensätze zuspitzen und nicht mit Formeln zu überbrücken sind. Aber man kann klar erkennen, dass Obamas Grundansatz fest in seiner Biografie verankert ist. Es ist kein rhetorischer Trick zum Zweck der Präsidentenwahl (und deswegen ist er auch nicht mal schnell für die deutsche Bundestagswahl kopierbar). Gut, wenn ein amerikanischer Präsident so breit mit der Realität umgehen kann – auf eine fast kontemplative Weise. Das hatten wir schon lange nicht mehr. Hoffen und beten wir, dass sein Secret Service besser auf ihn aufpasst als auf Kennedy.

Im nächsten Post dieser Reihe will ich mir Gedanken über den Zusammenstoß der weißen Moderne mit den älteren indigenen Kulturen machen – das Problem, das Obamas kenianische Familie seit mindestens drei Generationen bewegt und verstört hat.

Dez 182008
 

Endlich habe ich – via kapeka – eine gute Darstellung der Zusammenhänge der gegenwärtigen Wirtschaftskrise gefunden. Tomasz Konicz hat im Online-Journal “Telepolis” eine dreiteilige Serie über die aktuelle Wirtschaftskrise und deren Hintergründe publiziert.

Teil 1: Das Ende des “Goldenen Zeitalters” des Kapitalismus und der Aufstieg des Neoliberalismus
Teil 2: Explosionsartige Ausweitung der Finanzmärkte in der Clinton-Ära
Teil 3: Von der Immobilienspekulation zum Zusammenbrach der globalen Defizitkonjunktur

Der dreiteilige Artikel selbst ist eigentlich schon zu konzentriert, um ihn hier noch einmal zusammenzufasssen. Ich kann die Lektüre nur unbedingt jedem empfehlen, der in dieser Zeit Orientierung sucht. Es lohnt sich wirklich. Im Kern beschreibt Konicz, wie die Konjunktur der letzten Jahre durch gigantische Verschuldungskreisläufe ermöglicht wurde – und dieses Kartenhaus ist nun zusammengebrochen.

Hier wenigstens ein Zitat:

Die Vereinigten Staaten dienten als ein „Schwarzes Loch der Weltkonjunktur“, in dem die Überschussproduktion der exportorientierten Volkswirtschaften verschwand. An die 20 Milliarden US-Dollar müssen monatlich in den Finanzsektor der USA fließen, um deren gigantische Defizite aufrecht erhalten zu können. Das Handelsdefizit zwischen den USA und China betrug beispielsweise in 2007 über 250 Milliarden US-Dollar. Die Chinesen leihen den USA somit das Geld, damit diese weiter ihre Produkte kaufen können. Somit ist klar, dass die gute Konjunktur der letzten Jahre einfach auf Pump realisiert wurde, insbesondere durch die Verschuldung innerhalb der USA.

Das Finanzsystem der USA erfand schlicht die „Finanzprodukte“, die im Austausch für all die in die Vereinigten Staaten fließenden Waren in alle Welt gingen. Finanziert auf Pump, waren eigentlich alle Teilnehmer an diesen Defizitkreisläufen zufrieden: Die exportierenden Länder hatten einen Absatzmarkt, die USA ihren lang anhaltenden Konsumboom. Die aus Stagnation und der Krise der Arbeitsgesellschaft resultierenden Spannungen und Widersprüche des spätkapitalistischen Weltsystems scheinen ins Nirvana des munter wuchernden Finanzsystems zu verschwinden – bis zum bösen Erwachen.

Vielleicht darf man noch hinzufügen, dass auf diese Weise die USA auf Kosten all der Menschen gelebt haben, deren Anteil am Nationaleinkommen – auch bei uns – seit den 1980er Jahren immer mehr gedrückt worden ist. Aber, natürlich, nicht die amerikanischen working poor.

Also, lest selbst. Und macht euch Gedanken darüber, was jetzt eigentlich zu tun ist. Für mich ist deutlich, dass sich Ungerechtigkeit über kurz oder lang immer rächt. Nur leider nicht immer an den Richtigen.

Okt 042007
 

Free Burma
Auch wenn es nur eine Geste ist: heute weisen Blogs auf der ganzen Welt hin auf die Brutalität, mit der die Freiheitsbewegung in Burma unterdrückt wird. Lasst uns beten, dass sich für dieses arme Land eine Perspektive auftut!

Mehr Infos unter http://www2.free-burma.org/links.php .

Mai 072007
 

Nach vielen Wochen Frühsommer im April regnet es heute wieder. Peter Aschoff macht sich Gedanken, ob sich unsere Einstellung zum Regen in Zukunft wandeln wird und wir Christen demnächst auch wieder um Regen beten werden/müssen.

Bei ihm findet man auch einen Link zu einem Artikel über den neuesten Klimabericht der UNO mit den verschiedenen wissenschaftlichen Kommentaren dazu.
Besonders interessant finde ich das Phänomen der „Kipp-Punkte“, die sich mit den bisherigen Rechenmodellen sehr schlecht voraussagen lassen. Eine bisher überschaubare und stetige Entwicklung kann sich (durch Rückkopplungsfaktoren) auf einmal dramatisch und unumkehrbar beschleunigen. Solche Kipp-Punkte können negative und positive Auswirkungen haben. Und sie können sich natürlich auch gegenseitig beeinflussen. Das bedeutet, dass im ganzen Bereich des Klimawandels über die grundsätzlichen Trends hinaus eigentlich gar nichts wirklich berechenbar ist.

Aber was heißt das? Weder positiver noch negativer Fatalismus ist realistisch:

  • Wir können uns weder darauf verlassen, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen,
  • noch kann man behaupten, dass wir jetzt sowieso nichts mehr ändern können.

Die Situation ist wirklich offen, und das bedeutet letztlich, dass es tatsächlich um das „Beten (auch um Regen) und das Tun des Gerechten (im Kleinen und im Großen)“ geht. Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte sich nicht an schwankenden Prognosen orientieren, sondern an  geistlichen Zusammenhängen: Gott ist kein zeitloses Fatum, sondern er wartet auf unsere Gebete und verantwortlichen Taten.

Ich denke, es wird höchste Zeit, Jeremia und andere noch einmal sehr aufmerksam zu lesen.

Mai 062007
 

Freitag und Samstag hatten wir von HorizonT aus ein Seminar mit dem Thema „Schöpfung und Globale Erwärmung“. Es sieht so aus, als ob wir noch einmal neu überlegen müssen, was die kommenden Veränderungen des Weltklimas auch für uns als Gemeinschaft bedeuten.

Mir ist vor allem wichtig geworden, dass wir uns selbst und die Menschen um uns herum vor jeder Art von Zynismus bewahren müssen. Mit Zynismus meine ich: ein Sich-Einrichten im Schlimmen, mit irgendwelchen Argumentationen (von Nicht-wahr-haben-Wollen bis Resignation), die sich alle darin treffen, dass sie uns Umkehr und Engagement ersparen.

Die entscheidenden Probleme sind in den Köpfen (und Herzen) lokalisiert, sie sind geistlicher Art.

Für dieses Seminar habe ich in der vergangenen Woche gearbeitet, deshalb ist es hier mit Bonhoeffer nicht weitergegangen.

Für alle, die sich gewünscht hatten, dass man die Präsentation noch einmal nachlesen kann:
hier ist sie im OpenOffice-Format (1MB)
hier im Power-Point-Format (1,2 MB) für alle die nicht von Microsoft loskommen
hier im Flash-Format (300kB), dann aber ohne die netten Klick-Effekte
Allerdings ist das immer nur das argumentative Gerüst – was ich dazu erzählt habe, war nicht aufgeschrieben.

Eine-unbequeme-WahrheitDer Al Gore-Film („Eine unbequeme Wahrheit“) ist auch sehr zu empfehlen. Gut, wie er auch immer die tieferen Fragen nach der persönlichen Haltung stellt.

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