Mai 272015
 

Vor einiger Zeit habe ich auf dem Blog von Emergent Deutschland eine Serie von fünf Posts über den „Abschied vom bürgerlichen Christentum“ geschrieben.

Ich habe dort beschrieben, unter welchen sehr speziellen Bedingungen das westliche Christentum in den zwei bis drei Jahrhunderten der bürgerlichen, europäischen Moderne überlebt hat, und welche Spuren das in ihm hinterlassen hat. Natürlich ist das Ganze nicht nur Beschreibung und Analyse, sondern hat auch eine Pespektive im Sinn.

Inzwischen habe ich die Texte auch zu einem gemeinsamen Dokument zusammengefasst, es kann hier heruntergeladen werden.

Dez 032011
 

Ansprache zum Volkstrauertag am 13. November 2011 in Groß Ilsede

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

wir begehen den Volkstrauertag in einem Jahr, das wie kaum ein anderes von Umwälzungen und Erschütterungen geprägt ist. Es hat begonnen mit dem arabischen Frühling, mit den Volkserhebungen in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien. Dann wurden wir Zeuge, wie in Fukushima die Atomkraft ihre ganze zerstörerische Kraft zeigte, ausgerechnet in diesem leidgeprüften Land, das am Ende des zweiten Weltkrieges die Erfahrung von zwei Atombombenabwürfen machen musste. In Norwegen sahen wir mit Schrecken, zu welcher mörderischen Energie der Hass gegen alles Fremde und Unvertraute fähig ist, auch hier in Europa. Und schließlich erleben wir Woche für Woche, wie die Welt von den wirtschaftlichen Gewalten hin und her getrieben wird, die Menschen von ihren Fesseln befreit haben und nun nicht mehr bändigen können. Wer erinnert sich heute noch an die Lebensmittelskandale am Anfang des Jahres oder an Ministerrücktritte, die uns beschäftigt haben? Es ist, als ob das alles schon ewig zurückliegt, so viel ist inzwischen schon wieder passiert. Und das Jahr ist noch nicht zu Ende.

Mitten in diesen Unsicherheiten und Umwälzungen ist heute also der Volkstrauertag und erinnert uns daran, dass die Weltgeschichte auf die eine oder andere Weise schnell zu blutigem Ernst werden kann, eine Erfahrung, die uns in den vergangenen 66 Jahren hier in Europa durch unverdiente Gnade erspart geblieben ist. Zwei Drittel eines Jahrhunderts ohne Krieg und vergleichbare Katastrophen in unserem Land – ich wüsste nicht, dass es das jemals zuvor in unserer Geschichte gegeben hat.

Aber das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Völker Europas nach den beiden großen Kriegen des vergangenen Jahrhunderts wirklich etwas gelernt haben: dass Krieg nichts sein darf, was immer mal wieder kommt, womit man sich abfindet und was man als letzte Möglichkeit gelegentlich in Kauf nehmen muss. Nein, Krieg darf nicht sein.

Deshalb haben unsere Väter und Mütter sich damals zwischen Gräbern und Ruinen geschworen: nie wieder Krieg, und sie haben es ins Grundgesetz geschrieben, und immer wieder haben wir es bekräftigt: von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen. Und es mag sein, dass in der Weltpolitik die Deutschen da als zögerlich und unsicher gelten, aber diese Erfahrung der mörderischen Kriege hat uns mit gutem Grund sehr zurückhaltend gemacht in Bezug auf Krieg und Gewalt. Das ist ein kostbares, teuer erkauftes Erbe, dass viele Menschen in unserem Land sich ganz sicher darin sind, dass es wenige irdische Güter gibt, die wichtiger sind als Frieden.

Aber zum Frieden gehört nicht nur diese Zurückhaltung gegenüber militärischer Gewalt. Zu den besten europäischen Traditionen gehört die Überzeugung, dass es auf den Geist ankommt, auf die Werte, von denen man lebt, auf die Stärke des Mitleidens, und dass diese innere Stärke auf lange Sicht mehr erreicht als militärische Macht. Der Fall der Mauer und die Umwälzungen in Osteuropa vor mehr als zwei Jahrzehnten haben uns das noch einmal deutlich bestätigt. In der Freiheitsliebe und Opferbereitschaft junger Menschen in den arabischen Ländern, in der erstaunlichen Gewaltlosigkeit auch im Angesicht tyrannischer Regime begegnen uns heute unsere eigenen besten Traditionen, und wir sind gefragt, ob wir sie wiedererkennen und um diese zarte Pflanze bangen, die da völlig überraschend aufgeblüht ist.

Und genauso sind wir gefragt, ob wir auch angesichts weltbewegender Krisen und Umwälzungen an unseren Überzeugung festhalten wollen. Wir haben Werte und Erfahrungen, die nicht nur für die Schönwettersituationen gedacht sind, sondern die uns gerade in schwierigen Zeiten Orientierung geben. Sie sind kein Luxus, sondern Überlebensausrüstung. Ein Volk ohne Vision geht zugrunde, heißt es in der Weisheit des Königs Salomo. Gerechtigkeit und Solidarität, Freiheit und Mitleid, sie sind Geschwister des Friedens, und es sind die unsicheren Zeiten, in denen sie sich bewähren werden, wenn wir ihnen trauen.

In diesem Sinn: Gott behüte unser Land und lasse uns im Frieden leben!

Okt 272011
 

Unter dem Titel „Ein Gott – ein Recht – eine Welt“ denkt Klara Butting nach über das grundlegend Neue der Sinaierfahrung. Dazu heute das erste der angekündigten Zitate aus „Hier bin ich. Unterwegs zu einer biblischen Spiritualität“ (15f):

Im Konzentrationslager Bergen-Belsen hat Abel Herzberg über die Spiritualität des Judentums und die Spiritualität des Nationalsozialismus nachgedacht. Letztere charakterisiert er als als einen Glauben an den ewigen Kampf, in dem die Macht, die siegt, das Recht setzt. „Sein und Werden (sind hier) ein ewiger Kampf zwischen Macht und Macht, Mächten, die im Prinzip in unbegrenzter Anzahl existieren. Und was ist letztlich Sitte und Recht? Die Macht, die siegt. Wer der Stärkste ist und dies zu beweisen vermag, der hat Recht. Und wer die Herrschaft zu erobern versteht, hat auch das Recht dazu“. Diese Spiritualität der Macht hasst das Judentum, weil hier immer wieder die peinliche Frage gestellt wird: „Ist es erlaubt?“. Denn zentral für den jüdischen Glauben ist das Bekenntnis „Gott ist Einer“, das – so Herzberg – „identisch ist mit der Forderung nach einer einzigen Ethik“. […]

Was hier [durch die Gesetzgebung am Sinai] passiert, ist im altorientalischen Kontext singulär. Denn normalerweise setzt der König das Recht. Königliche Erlasse sind die gebräuchliche Rechtsform. In der Bibel haben wir es jedoch mit einer Gottheit zu tun, die über dem König und über der königlichen Gesetzgebung steht. Die biblische Erzählung entmachtet den König. Er und mit ihm alle politischen und geistlichen Autoritäten werden an das Recht gebunden und dem Recht untergeordnet, das verstanden wird als vor dem Staat entstanden und über den Staat gesetzt.

Zwei Gedanken dazu:

  1. Auch in unseren Tagen ist die „Spiritualität der Macht“ nicht unbekannt: Inzwischen ist es die Macht der Märkte, die – in diesem Denken – letztlich immer Recht hat. Wer sich am Markt durchsetzt, hat Recht. Diese Spiritualität der Macht dürfte der tiefste Grund für die Hilflosigkeit sein, die die Völker Europas und ihre Repräsentanten in diesen Tagen gegenüber dem Angriff der gebündelten Kapitalströme zeigen.
  2. Wer in einer frommen Umgebung geprägt worden ist, hat die Frage „ist es erlaubt?“ oft vor allem als individuelle Gewissensfrage erlebt. Nicht wenige reagieren deshalb inzwischen allergisch auf diese Frage – manchmal sehr direkt, manchmal in theologisch verklausulierter Form. Die Gedanken, die Butting im Anschluss an Abel Herzberg formuliert, könnten eine Hilfe sein, das eigentliche Anliegen der Frage „Ist es erlaubt?“ wiederzugewinnen und das Kind nicht weiter mit dem Bade auszuschütten.
Aug 032011
 

Angeregt durch die Lektüre von NT Wright und einige Diskussionen auf meinem alten Blog „Tiefebene“ (und bei Arne), möchte ich heute den Positivismus als eine mächtige Grundströmung unserer gegenwärtigen Kultur beschreiben. Dabei geht es mir jetzt nicht um die philosophiegeschichtliche Entwicklung in ihren verschiedenen Linien; wer sich darüber informieren will, kann sich z.B. bei Wikipedia einen Überblick verschaffen und wird dann sehen, dass ich hier mit vergleichsweise groben Mustern arbeite. Es geht mir hier um die praktischen Auswirkungen eines positivistischen Denkstils in allen Lebensbereichen, öffentlich, privat, politisch und kirchlich. Ich beschreibe dazu einige Erlebnisse, die in diesem Zusammenhang für mich Aha-Erlebnise geworden sind.

  • Kurz nach der Katastrophe von Fukushima bekam ich eine Rundmail der Kerntechnischen Gesellschaft (Vereinigung von in der Atomtechnik Tätigen) zu Gesicht, in der es u.a. hieß:
    „Im Rahmen der Berichterstattung über die schrecklichen Vorfälle war es nur zu verständlich, dass nicht immer alle technischen Zusammenhänge wissenschaftlich korrekt dargestellt wurden. Das Deutsche Atomforum hat auf seiner Website umfangreiche Informationen zu den Ereignissen in Japan zusammengestellt …“. Es folgten Hinweise auf Webseiten des Atomforums und der Gesellschaft für Reaktorsicherheit.
    Ich habe diese Webseiten dann regelmäßig gelesen. Es gab dort eine aktuelle Chronik der Ereignisse im AKW einschließlich detaillierter Strahlungswerte an verschiedenen Messpunkten der Anlage, anscheinend eine Zusammenfassung der Bulletins des AKW-Betreibers TEPCO. Das konnte einem helfen, die Übersicht zu behalten. Es brachte aber keinen entscheidenden Mehrwert, wenn man sich auch aus journalistischen Quellen auf dem Laufenden hielt.
    Am interessantesten fand ich die Formulierung in der Rundmail: „dass nicht immer alle technischen Zusammenhänge wissenschaftlich korrekt dargestellt wurden“. Im Begleittext war weniger zurückhaltend von „medialer Hysterie“ die Rede.
    Wenn man sich das übersetzt, bedeutet es: Die eigentlich einzig legitime Art, über so eine Katastrophe zu sprechen, ist die Sprache der wissenschaftlich beglaubigten Fakten. Natürlich wird die Öffentlichkeit angesichts der Verwüstungsgefahr weiter Landstriche emotional reagieren, und das ist ja (wir sind heute mal großzügig) verständlich. Aber es bleibt dabei, eigentlich kann nur der sich ein Urteil über das Geschehen erlauben, der die Radioaktivitätwerte in Millisievert kennt. Und eine Schlagzeile wie „Atomare Verseuchungsgefahr für Tokio?“ wäre Panikmache, solange nicht die amtliche Wetterprognose mit Windrichtung und -stärke vorliegt.
    Die Voraussetzung dahinter ist: der eigentlich einzig legitime Zugang zur Realität läuft über objektive Messwerte. Nur daraus darf (irgendwann, wenn alle Messungen ausgewertet sind) ein Urteil erwachsen. Und eigentlich kann auch nur der es fällen, der die Messwerte mit der Methodik und Terminologie der Eingeweihten bearbeiten kann. Unterm Strich bedeutet das, dass allen anderen Menschen die Deutungshoheit über ihre Geschichte entzogen wird; eigentlich bleibt ihnen nichts anderes übrig, als vertrauensvoll das Urteil der Experten entgegen zu nehmen. Sich in dieser Situation auf seine subjektive Angst zu berufen, bedeutet nur, die positivistische Ideologie zu akzeptieren: Emotionen sind natürlich verständlich, aber für die Urteilsfindung völlig irrelevant.
    Dieser Alltagspositivismus funktioniert als geschlossenes System, das in sich relativ widerspruchsfrei funktioniert. Alles, was es irritieren könnte, wird wegdefiniert. Dass ein Erdbeben die vorausgesetzte Höchststärke überschreitet, dass TEPCO Messergebnisse unterdrückt oder manipuliert, dass Menschen versagen, bestechlich sind oder bewusst täuschen, dass auch kleine Wahrscheinlichkeiten zur Realität werden können usw. – das ist in dieser Sprache nicht vorgesehen.
    Aber der entscheidende Trick ist: dieser begrenzte Wirklichkeitszugang wird als die eigentliche Realität ausgegeben. Wer die ganze Geschichte erzählen will (und damit dieses System überschreitet), ist unwissenschaftlich, naiv oder ein Opfer medialer Hysterie. Den Menschen wird das Recht auf ihre eigene Geschichte abgesprochen, weil die ja (möglicherweise falsche, voreilige, unwissenschaftliche) Urteile enthalten würde. Positivismus ist bevormundend wie schlechte Religion.
    Nun könnte man einwenden, dass die Atomgemeinde sicher eine besonders hartnäckige Zitadelle des Positivismus ist, und das stimmt sicher. Aber immerhin hat es eine Katastrophe wie Fukushima gebraucht, bevor sich wenigstens die deutsche Gesellschaft erfolgreich gegen die Beherrschung von dieser Zitadelle aus auflehnen konnte.
  • Vor mehr als einem Jahrzehnt starb mein Vater. Er hatte wie mancher andere in seinen letzten Lebensjahren mit einer Krebserkrankung zu kämpfen, die sich nur aufhalten, aber nicht heilen ließ. Als er das letzte Mal aus dem Krankenhaus kam, brachte er einen umfangreichen Arztbrief mit. Wir haben versucht, den unter Hinzuziehung eines medizinischen Fachwörterbuches und meiner Kenntnisse der alten Sprachen zu übersetzen, mussten am Ende aber vor der medizinischen Terminologie kapitulieren. Wir ahnten nur, dass es nicht gut um ihn stand. Nicht lange danach lebte er nicht mehr.
    Ich vermute, dass es heute einfacher wäre, einen Arzt zu finden, der eine verständliche Antwort auf unsere Frage („muss er, muss ich jetzt sterben?“) geben würde. Aber ausgestorben sind die Ärzte noch längst nicht, die sich hinter eine verschleiernde Sprache zurückziehen und ihre Patienten mit ihren echten Fragen allein lassen.
    Aber wer als Arzt einen Kranken begleitet, wer als Rechtsanwalt einen Klienten im Prozess berät, wer an einem Grab redet, wer einen Staat leitet (usw.), der soll den Menschen nicht nur eine Dienstleistung bieten. Er soll ihnen (auch) helfen, ihre wirkliche Geschichte zu verstehen. Das ist mehr, als ihnen abgesicherte Fakten oder neutrale Wenn-Dann-Möglichkeiten anzubieten. Es geht darum, gemeinsam mit dem Patienten/Klienten die fachlichen Einsichten in eine Lebensgeschichte zu integrieren, gemeinsam an einem Bedeutungsnetz zu weben, das Orientierung ermöglicht. Dazu gehört natürlich immer das Risiko, dass man daneben liegen kann, dass man in seiner Subjektivität sichtbar und (schrecklich, nicht?) fehlbar wird. Für dieses Risiko wird man auf solchen Posten ja auch nicht schlecht bezahlt. Sich stattdessen hinter Fachchinesisch oder unangreifbaren Richtigkeiten zu verstecken ist einfach feige.
    Zu den verheerendsten Folgen des Positivismus gehört es, dass er diese Feigheit auch noch legitimiert. Es gibt immer noch Befunde, die erst noch abgeklärt werden müssen. Es ist immer noch zu früh für ein endgültiges Urteil. So werden Menschen im Namen der Objektivität um wesentliche Teile ihrer Geschichte betrogen. Und am Ende glauben sie selbst nicht mehr, dass sie eine haben könnten und schauen lieber DSDS.
    Ich finde das Erfrischende am exegetischen Ansatz von NT Wright, dass er sich dazu bekennt, dass man a) als Neutestamentler ein Gesamtbild zeichnen muss (anstatt sich mit Detailuntersuchungen zu begnügen) und dass b) dieses Gesamtbild nicht aus der Summe der Fakten erwächst (oder einfach nur aus dem, „was die Bibel sagt“), sondern aus der Kreativität und Weisheit des Exegeten, der die Daten einordnet. Es bleibt ein Wagnis, ohne dadurch willkürlich oder „nur subjektiv“ zu werden. Aber sollten wir überhaupt erwarten, das etwas Gutes ohne Risiko zu erreichen ist – in welchem Lebensbereich auch immer?
  • Die letzte Geschichte haben wir alle miterlebt. Im Frühjahr musste Verteidigungsminister Guttenberg zurücktreten, weil er seine Dissertation zu erheblichen Teilen bei anderen abgeschrieben hatte. Er musste nicht zurücktreten, weil er das Ende der Wehrpflicht stümperhaft organisiert und vorbereitet hatte (wie sich inzwischen immer deutlicher herausstellt, was sich aber schon damals abzeichnete).
    Dabei müsste doch eigentlich das Versagen in einem Kernbereich seines Amtes der stärkere Rücktrittsgrund sein. Warum stolpert er stattdessen über die Sünden seiner akademischen Laufbahn? Ganz klar – das Plagiat war ein „objektives“ Faktum, von einem universitären Gremium einstimmig festgestellt. Sozusagen ein wissenschaftlicher Messwert. Auch die politischen Spielregeln sind also dermaßen vom Positivismus geprägt, dass in der Regel keiner mehr einfach „nur“ wegen politischem Versagen stürzt. Dafür müsste man ja eine Geschichte erzählen, ein Gesamtbild zeichnen, ein Bedeutungsnetz weben, und wer traut sich das heute noch? Eine Öffentlichkeit, die darin geübt wäre, solche Gesamtbilder zu diskutieren und zu einem einigermaßen klaren Urteil zu kommen, gibt es kaum. Und zwar nicht nur, weil manche Medien gezielt Verwirrung stiften, sondern weil Menschen nicht mehr das Zutrauen haben, dass sie mehr hervorbringen könnten als subjektive Meinungen. Wer aber nicht mehr an die Tragfähigkeit seines Urteils glauben mag, der wird wehrlos gegenüber denen, die genau wissen, was sie wollen und wie sie die Welt sehen.
    Denn es ist ja nicht so, dass es keine (mehr oder weniger) umfassenden Geschichten mehr gäbe. Sie sind nur privatisiert. Natürlich hat der Arzt gewusst, dass mein Vater am Ende seines Lebens angekommen war. Natürlich hat bei TEPCO irgendwer gewusst, was in Fukushima los war. Natürlich wird die Bundeskanzlerin im engsten Zirkel des Kanzleramts den Guttenberg einen Blender und Selbstdarsteller (oder so ähnlich) genannt haben. Natürlich hat die Tea Party oder die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ ein Gesamtbild der Gesellschaft und ein umfassendes Konzept, wie wahnhaft es auch sein mag. Oder die Agrarlobby. Oder. Oder. Oder. Aber das bleibt privat, und die Menschen, die es betrifft, begreifen nicht, was ihnen zustößt. Daher kommt ja das Misstrauen gegen Bilderberg-Konferenzen und ähnliche Foren der Mächtigen: weil dort im Privaten eine große Geschichte erzählt (und fortgeschrieben) werden könnte, während so etwas normalen Menschen und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit durch die positivistische Norm immer weniger möglich ist. Ihnen wird das Recht auf ein Urteil geraubt, sie werden ihrer eigenen Geschichte entfremdet und damit wehrlos.
    Es ist wie mit den immer neuen Steuersenkungen, die die finanziellen Ressourcen der Allgemeinheit ausbluten lassen: wie die öffentlichen Mittel in Privatressourcen umgewandelt werden, so wird durch positivistisches Denken die öffentliche Geschichte in Privatbesitz verschoben.

Und wie sieht es in der Kirche aus? Exegetisch haben wir da auf dem einen Flügel die Erbsenzähler, die biblisches Klein-Klein machen und jeden, der mehr will, als Fundamentalisten verdächtigen. Auf der anderen Seite die Bibeltreuen, die behaupten, sie würden nur den reinen Sinn der Schrift wiedergeben (sozusagen „objektive Messergebnisse“), und ihren eigenen Anteil in der Auslegung verleugnen. Positivisten alle beide.

Mindestens in die Großkirchen, vor allem natürlich die evangelischen, ist die positivistische Grundströmung der Kultur sowieso längst eingedrungen. Sie scheint die logische Alternative zum kirchlichen Paternalismus früherer Zeiten zu sein. Daher leben die Kirchen schon lange nicht nur mit faktischem, sondern mit gewolltem Pluralismus. Das Wort Jesu, man solle nicht richten, macht sie auf eine fatale Weise ohnmächtig. Dass Paulus mit dem gleichen griechischen Wort dazu aufgefordert hat, sich um ein geübtes Urteilsvermögen zu bemühen und es auch anzuwenden, wird selten erinnert.

Aber es bleibt die Aufgabe, den Menschen von der großen Geschichte zu erzählen (die ihnen leider zu oft völlig schief erzählt worden ist), und in der sie mindestens bei uns im Westen irgendwie alle drinstecken: von dem Gott, der sich aufmacht, um seine Welt aus Zerstörung und Besudelung zu retten, und der das nicht ohne uns machen will (auch wenn er die Welt durchaus auch vor uns retten muss). Denn – wie sollten Menschen sonst in der ja vermutlich sehr chaotischen Welt der Zukunft davor geschützt sein, zum verständnislosen Opfer irgendeiner undurchschauten Krise oder Katastrophe zu werden? Nur wer seine große Geschichte kennt, kann begreifen, was mit ihm passiert. Wem man ausgeredet hat, dass es so etwas gäbe, der kann nur von Glück sagen, wenn er heil davonkommt.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit dafür bleibt. Aber wir sollten dringend die versteckten positivistischen Grundlagen unserer Kultur sehr klar in den Blick nehmen. Wir sollten uns deutlich zum riskanten Weg bekennen, aus großen Geschichten zu leben. Dabei begibt man sich in die Gefahr, schrecklich daneben zu liegen. Aber die Alternative des „demütigen“ Verzichts auf solche Gesamtbilder wäre viel riskanter. Viel zu lange haben Christen und Kirchen jeder Couleur zugelassen, dass der Positivismus sie vor sich her getrieben hat – mit katastrophalen Folgen für alle Geschöpfe.

Mai 062008
 

Es ist schon einige Zeit her, dass Tobias auf seinem Blog mehrere Beiträge (hier, hier, hier und hier) (und jetzt auch hier) zur religiös-geistigen Situation der Gegenwart veröffentlicht hat. Er macht dabei keine Schnellschüsse, sondern versucht ausdrücklich, unser Heute im Rahmen einer längeren Entwicklungsgeschichte zu verstehen. Also keine kurzfristigen Handlungsrezepte, sondern zuerst einmal verstehen, was eigentlich vorgeht: in welchem Prozess wir uns im Augenblick befinden.

Dazu stellt er verschiedene Theorieansätze vor, mit denen die Situation der Religion – vor allem in Europa – beschrieben worden ist:

  • Der bisher wirkungskräftigste Ansatz war die Säkularisierungsthese: Religion ist eine vorwissenschaftliche Denkweise, die durch rationalere Denkmuster ersetzt werden wird und auf ihr Aussterben zugeht.
  • Diese These wird jedoch inzwischen einfach durch das faktische und vitale Überleben der Religion im Weltmaßstab widerlegt. Sie ist auch nicht mehr das herrschende Denkmuster in der Religionssoziolgie.
  • Vielmehr gerät die Säkularisierungsthese selbst in Ideologieverdacht: sie hat zum Teil erst die Wirklichkeit hervorgebracht, die sie zu beschreiben vorgibt; sie war selbst ein Kampfbegriff. Aber sogar im stark säkularisierten Europa, das im Weltmaßstab eine Ausnahme ist, greift sie nicht: die länderspezifischen Unterschiede (etwa das katholische Polen neben dem gottlosen Ostdeutschland, dem ebensolchen Tschechien und dem gemischten Westdeutschland …) sind nicht nach dem Muster Fortschritt/Rückständigkeit zu erklären.
  • Der Religionspädagoge Dressler schlägt einen anderen Erklärungsrahmen vor: die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft lässt es nicht zu, dass ein Subsystem (die Religion) die ideologische Kontrolle über die ganze Gesellschaft übernimmt.

Tobias hat ausdrücklich zum Mit- und Weiterdenken eingeladen. Das will ich mit einiger zeitlicher Verzögerung hier tun.

Ich empfinde es als zentrales Defizit all dieser Theorien, dass sie von einem allgemeinen Religionsbegriff ausgehen und die christliche Religion darunter subsummieren. Wenn die Religionssoziologie inzwischen feststellt, dass es Säkularisierung eigentlich nur in Europa und bei den weltweiten europäisch geprägten Eliten gibt, dann stellt sich ja die Frage nach dem Grund dieser Sonderstellung.

Die naheliegende Hypothese wäre dann doch, dass die Säkularisierung kein allgemeines Gesetz ist, sondern eine Frucht der besonderen Religion, die Europa geprägt hat: des Christentums. Wieso ist gerade auf dem Boden des Christentums eine mindestens teilweise religionslose Gesellschaft entstanden? Ist das historischer Zufall, oder hängt das mit den spezifischen Inhalten des Christentums zusammen?

Die Frage so zu stellen bedeutet natürlich, dass man das Zweite vermutet. Genauso kann man dann aber auch unterstellen, dass es ein blinder Fleck der Religionssoziologie ist, wenn sie diesen spezifisch christlichen Sonderweg der Religion in Europa nicht angemessen wahrnimmt (ich kenne mich allerdings nicht gut genug auf diesem Felde aus, um sagen zu können, ob das durchgehend so ist. Das weißt du sicher besser, Tobias!).

Ich denke, dass eine angemessene Theorie der christlichen Religion in Europa mindestens die folgenden Besonderheiten berücksichtigen müsste:

  1. Den besonderen inhaltlichen Impuls des Christentums (Max Weber hat gezeigt, welche revolutionären gesellschaftlichen Entwicklungen der angestoßen hat)
  2. Die konkurrenzlose Monopolstellung des Christentums in Europa („Religion“ bedeutete hier über Jahrhunderte „Christentum“ – in anderen Gegenden der Welt erlebt man durchaus mehrere Religionen nebeneinander)
  3. Die staatsgestützte ideologische Dominierung der Gesellschaft durch die Kirche(n)
  4. Die Verformung des christlichen Impulses durch diese dominierende Stellung
  5. Der besondere Charakter des Widerstandes gegen die kirchliche Dominanz in der Aufklärung und der weitere Verlauf dieser Auseinandersetzung.

Meine Vermutung dazu ist, kurz gesagt: die europäische Säkularisierung ist gewachsen aus dem gesellschaftlichen Widerstand gegen die kirchliche Dominanz. Weil die so umfassend war (faktisch und ideologisch – Stichwort Monotheismus, Absolutheitsanspruch des Christentums), konnte es keinen religiösen Widerstand geben, sondern nur einen anti-religiösen, der sich nominell gegen „die Religion“, faktisch aber gegen das Christentum richtete. Eine Spätfolge davon ist das Phänomen, dass die Menschen im Augenblick zu unser aller Erstaunen wieder religiös werden, aber nicht christlich.

Dieser Widerstand gegen kirchliche Dominanz speiste sich aber – jedenfalls teilweise – aus dem christlich-jüdischen Impuls selbst (aber auch antik-heidnische und asiatische Impulse spielen eine Rolle). Nicht umsonst kamen/kommen viele Religionskritiker aus einem christlichen oder jüdischen Umfeld (Pfarrhäuser sind da recht beliebt). Die religionskritischen Impulse der Bibel sind hier auf fruchtbaren Boden gefallen, wenn auch in anderem Kontext. Das führt zu einer sehr undurchsichtigen Gemengelage.

Schließlich müsste man das Ganze auch auf der viel weniger theoretischen Ebene des Alltags, aus der Perspektive des „Volkes“ durchspielen: die zwiespältigen Erfahrungen mit Kirchen (bzw. Pastoren), die einerseits Organe gesellschaftlicher Kontrolle und andererseits auch Repräsentanten von Menschlichkeit und Menschenwürde waren. Diese beiden Ebenen (Theorie und Alltag) sind aber – vor allem durch die Arbeiterbewegung – auch miteinander verbunden.

Spannende Fragen sind für mich in diesem Zusammenhang:

  • War das Bündnis von christlichem Impuls und Religion eigentlich ein Missverständnis, oder gibt es da eine Schnittmenge (und welche)?
  • Aktuell gewendet bedeutet das: ist Religion nur eine vorübergehende Gestalt des christlichen Impulses? vielleicht noch nicht einmal eine gute? Pointiert gesprochen: wieviel Religion braucht eigentlich das Evangelium? Sollten wir uns der gegenwärtigen Renaissance der Religion anschließen oder nicht? Oder wie?
    Das ist für mich keine rhetorische, sondern eine echte und praktische Frage!
  • Hier wäre auch nach der bleibenden Bedeutung von Bonhoeffers Prophezeiung einer kommenden „religionslosen“ Zeit zu fragen. Wenn man sie als die Prophezeiung einer „christentumslosen“ Zeit verstehen würde, dann wäre diese These jedenfalls nicht einfach durch die Entwicklung widerlegt.
  • Muss sich christlicher Glaube eigentlich immer in Form einer Religion organisieren? Die frühen Christen jedenfalls wurde eher als Anti-Religion wahrgenommen.
  • Ist es möglich, relgionskritische Impulse der Aufklärung wieder mit ihren biblischen Wurzeln zu versöhnen?
  • Auffällig ist schließlich, dass sich der Katholizismus in den Ländern bis heute hält, in denen er sich über lange Zeit mit einer unterdrückten Nation verbunden hat (Polen, Irland), während er in Frankreich mit dem Ancien Regime verbunden war und sich von der Revolution nicht wieder erholt hat. Ist also für das Überleben einer Religion (oder wenigstens des Christentums) die Positionierung in gesellschaftlichen Konflikten entscheidend?

Tobias hat zur Diskussion eingeladen. Ich möchte das unterstreichen. Die Verhältnisse sind eine so unübersichtliche Gemengelage. Da muss einfach mehr Klarheit rein. Lasst uns hier Nachdenken investieren! Wer macht mit?

Jul 282007
 

Bob Smietana hat es unternommen, über die christliche Grammatik nachzudenken, die unter der Haube der Harry Potter-Geschichten arbeitet. Dass seine Mutter sich für Harry geopfert hat, und dass die Macht des Bösen an ihrem selbstlosen Opfer ihre Grenze fand, ist schon im ersten Band als bemerkenswerter Zusammenhang deutlich geworden. Trotzdem sieht es nicht so aus, als sei irgendeiner der Akteure je in einer Kirche gewesen (allerdings muss Harry, der einen Paten hat, ja irgendwann einmal getauft worden sein).

Jetzt, im letzten Band, tauchen auf dem Grabstein der Mutter/Schwester von Albus Dumbledore und auf dem Grabstein von Harrys Eltern Bibelsprüche auf – wenn auch ohne Quellenangabe. Smietana zieht den Vergleich zu den Narnia-Geschichten von C.S. Lewis und Tolkiens „Herr der Ringe“. Und er schließt: „Rowling begann mit Zauberern und Quidditch und Bertie Botts Every Flavor Beans, aber unterwegs begann Christus leise in die Geschichte hineinzusprechen. Und die ganze Welt hörte zu.

Man könnte noch viele andere Geschichten und Filme (Matrix; Wie im Himmel; Babettes Fest; Chocolat – nur als ein paar Beispiele) nennen, bei denen ähnliches passiert ist. Anscheinend kommt unsere Kultur nicht los von der großen Geschichte, die an ihren Wurzeln erzählt worden ist (ein frühes Beispiel dafür sind übriges auch viele Märchen – und einige Generationen zurück wohl Karl May!).

Es gibt dabei immer einen interessanten Punkt: (wie) legt der Autor/Regisseur diese Verbindung offen? In der Regel wird er einige Hinweise setzen, die die einen verstehen und die anderen überlesen. So wie die Grabinschriften bei Harry oder einige versteckte Hinweise in „Matrix“ usw. Und Menschen sind wirklich verwundert, wenn sie auf diese Zusammenhänge aufmerksam werden.

Das ist faszinierend: Menschen bekommen ohne irgendwelche christlichen Unternehmungen Zugang zu Grundwahrheiten des Evangeliums, begeistern sich für Lebenseinsichten, die sehr deutlich von Jesus und seinem Weg beeinflusst sind. Lernen mit Harry Potter und all den anderen, dass es im Leben Größeres und Wichtigeres gibt, als ein braves, unauffälliges Durchschnittsleben. Dass Kampf und Abenteuer und Hingabe ein reicheres, tieferes Leben bedeuten als Konsumieren und Auf-Nummer-Sicher-Gehen.

Es bleibt ein bedenkenswertes Aber: kaum jemand erkennt das, was ihn bei Harry Potter u.a. begeistert hat, in den originalen Geschichten des Evangeliums wieder. Die Enkulturation des Evangelium gelingt anscheinend in Hogwards oder dem Auenland besser als in Westeuropa. Und es nützt nicht viel, den Menschen zu sagen: ihr begeistert euch in Wirklichkeit an der Geschichte und der Persönlichkeit Jesu. Selbst wenn sie es glauben: wo können sie bei uns Teil einer solchen Geschichte werden?

Trotzdem: dies alles zeigt, dass Gott viele Wege hat, um seine Wahrheit in den Top-Medien zu kommunizieren. Mit Frodo, Neo, Harry & Co. trifft er Vorbereitungen in ganz großem Maßstab – aber wofür? Irgendwann wird hoffentlich zusammen wachsen, was zusammen gehört.