Mai 202018
 

Predigt am 20. Mai 2018 (Pfingsten) mit 4. Mose 11,11-25

10 Als nun Mose das Volk weinen hörte, alle Geschlechter miteinander, einen jeden in der Tür seines Zeltes, da entbrannte der Zorn des HERRN sehr. Und auch Mose verdross es. 11 Und Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? 12 Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? 13 Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. 14 Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. 15 Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.

16 Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, 17 so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst. 18 Und zum Volk sollst du sagen: Heiligt euch für morgen, so sollt ihr Fleisch zu essen haben; denn euer Weinen ist vor die Ohren des HERRN gekommen, die ihr sprecht: »Wer gibt uns Fleisch zu essen? Denn es ging uns gut in Ägypten.« Darum wird euch der HERR Fleisch zu essen geben, 19 nicht nur einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang, 20 sondern einen Monat lang, bis ihr’s nicht mehr riechen könnt und es euch zum Ekel wird, weil ihr den HERRN verworfen habt, der unter euch ist, und weil ihr vor ihm geweint und gesagt habt: Warum sind wir aus Ägypten gegangen? 21 Und Mose sprach: Sechshunderttausend Mann Fußvolk sind es, mit denen ich lebe, und du sprichst: Ich will ihnen Fleisch geben, dass sie einen Monat lang zu essen haben. 22 Kann man so viele Schafe und Rinder schlachten, dass es für sie genug sei? Oder kann man alle Fische des Meeres einfangen, dass es für sie genug sei?

23 Der HERR aber sprach zu Mose: Ist denn die Hand des HERRN zu kurz? Aber du sollst jetzt sehen, ob sich mein Wort an dir erfüllt oder nicht. 24 Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

Das ist eine Geschichte aus der Wüstenzeit Israels, als sie aus der ägyptischen Sklaverei aufgebrochen waren und auf dem Weg in das Land waren, wo sie als freies Volk leben sollten. Es ist die Ursituation des Wegs in die Freiheit, und da haben sie im Prinzip alles schon einmal durchexerziert, was dann im Rest der Bibel immer wieder in neuer Gestalt begegnet: auf die Befreiung durch Gott folgt der lange Weg, auf dem sie dann auch wirklich selbst freie Menschen werden sollen. Und das ist eine ganz mühsame Angelegenheit.

Sehnsucht nach der guten alten Unfreiheit

Den ehemaligen Sklaven steckt die Sklaverei immer noch in den Knochen, und im Rückblick verklären sie die Zeit im Ägypten und sagen: eigentlich war das doch gar nicht so schlecht! Wenn man mal von der Arbeit absieht, hatten wir da wenigstens zu essen: Fische und Gurken und Melonen und Lauch und Zwiebeln und Knoblauch, ah, lecker war das, gar kein Vergleich zu dem eintönigen Manna hier in der Wüste. Dieses Manna ist eklig. Da breitet sich eine Stimmung aus, wie wenn auf der Klassenfahrt das Essen nicht schmeckt. Oder wie wenn manche Leute früher sagten: Hitler hat wenigstens die Autobahnen gebaut, und da herrschte noch Zucht und Ordnung! Wenn man mal vom verlorenen Krieg absieht, war das damals eine tolle Zeit!

Bild: Papafox via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Es ist eine erstaunliche Erfahrung, wie hartnäckig Menschen festhalten an der guten alten Unfreiheit, sobald der Weg in die Freiheit anstrengend oder unangenehm wird. Ein paar Jahrhunderte später wird das Volk sagen: wir wollen einen König wie die anderen Völker auch, wir wollen nicht immer diese Sonderrolle, anders sein zu müssen und anders zu leben als die anderen, wir wollen doch auch mal royal weddings haben, diese tollen Hochzeiten!

Und später bei Jesus verabschieden sich eine ganze Menge Jünger zwischendurch, weil es ihnen zu hart erscheint, was er von ihnen verlangt, zu anspruchsvoll, vor allem aber: zu weit weg von dem, was alle anderen denken. Oder aber sie wollen es einfach nicht begreifen, was Jesus vor hat, und er sagt dann: wie lange muss ich denn noch bei euch sein, bis ihr endlich versteht?

Ermüdendes Gemecker

Und da ist Jesus ganz nah bei Mose, der sich hier in der Geschichte bei Gott beklagt: womit habe ich das verdient, dass ich mich mit diesen Idioten herumschlagen muss, mit diesen Leuten, die so schnell vergessen, was sie dir verdanken? Ich habe die Nase voll von diesem ewigen Gemecker und Gejammer, das ist zu viel für mich, ich kündige! Und wahrscheinlich ist es so ziemlich jedem Verantwortlichen im Volk Gottes schon mal so gegangen, dass er Gott im Stillen gesagt hat: womit habe ich das verdient, dass ich diese Bande auf Kurs halten soll?

So, das war ein langer Anmarsch, vielleicht haben Sie schon gedacht, ich hätte vergessen, dass heute Pfingsten ist, das Fest des Heiligen Geistes. Aber wir mussten erst die Frage verstehen, auf die der Geist dann die Antwort ist.

Liebe zur Freiheit, Liebe zum Leben

Also: es geht darum, wie Gott es schafft, dass Menschen seine Freiheit als ihre eigene Sache ansehen, dass sie nicht immer wieder erst mühsam erinnert und überzeugt werden müssen, sondern dass sie für Gottes Freiheit um ihrer selbst willen eintreten, nicht weil die Freiheit profitabler oder bequemer wäre, sondern weil sie den befreienden Gott lieben, um seiner selbst willen, nicht weil er ihnen ein besseres Leben gibt, sondern weil Gott so ist, wie er ist. Wir wären doch auch irgendwie nicht zufrieden, wenn jemand zu uns sagt: ich liebe dich von ganzem Herzen, weil deine Bratkartoffeln immer so köstlich schmecken. Ok, Liebe geht bekanntlich durch den Magen, aber irgendwie würden wir uns doch unbehaglich fühlen, wenn wir nur deswegen geliebt würden, weil wir ein Händchen für Bratkartoffeln haben.

Und so möchte Gott eigentlich auch um seiner selbst willen geliebt werden, für das, was er im Herzen trägt, und nicht, weil er uns das Leben immer so schön leicht und mühelos macht oder uns mit anderen Prämien versorgt. Aber wie geht das? Wie soll er das schaffen? Das ist das Problem, auf das der Geist von Pfingsten die Antwort ist. Gott sendet seinen Geist. Gott zieht Menschen auf die andere Seite, auf seine Seite. Gott sorgt dafür, dass er hier auf der Erde Menschen hat, die auch diese Liebe zur Freiheit und die Liebe zum Leben entwickeln wie er.

Mit brennendem Herzen

Mose war so einer. Dem hat die Liebe zum Leben und zur Freiheit von Anfang an im Blut gesteckt. Das hat ihn am Anfang zum Terroristen gemacht, und Gott musste auch ihn erst für eine Zeit in die Wüste schicken, bis er so weit war, dass er sein Volk in die Freiheit führen konnte. Aber diese Liebe zur Freiheit war sein großes Plus. In der Wüste hat er schließlich verstanden, von wem diese Freiheit kommt. Aber dafür gebrannt hat er sein ganzes Leben lang. Das war der Geist, der auf Mose lag.

Aber selbst jemand mit diesem starken Geist kann irgendwann so weit sein, dass er alles hinschmeißen will. Irgendwann ist man es leid, wenn man immer wieder so einen Haufen auf Linie halten soll, dem die Sklavenmentalität hartnäckig in den Knochen sitzt. Und dann sagt Mose, mit vielen anderen Verantwortlichen im Volk Gottes: Gott, kümmer du dich drum, es war schließlich deine Idee und nicht meine. Du hast dieses Projekt Freiheit ins Leben gerufen, nicht ich.

Ausgebrannte Verantwortliche

So verschleißen im Volk Gottes viele Leiter, weil es so mühsam ist, die Motivation anderer mit der eigenen zu stützen.

Mose benutzt dafür zwei ganz zentrale Bilder: das vom Ernähren und vom Tragen. Die Menschen erscheinen ihm wie unmündige Babies, die immer nur versorgt werden wollen, haben wollen, und wenn sie es nicht bekommen, dann schreien sie. Und bis heute ist es ja so, dass Menschen im Volk Gottes dieses Bild benutzen und sagen: wir wollen geistlich ernährt werden! Und genauso dieses Bild vom Tragen: dass Menschen nicht selbst losgehen und sich auf den Weg in die Freiheit machen, sondern dass sie am liebsten jemanden haben möchten, der ihnen diese Mühe abnimmt und sie motiviert und ihnen gut zuredet, und sie immer wieder daran erinnert, worum es geht, so dass sie möglichst nicht selbst diese Energie der Entscheidung aufbringen müssen. Sie bedienen sich an der Energie der Gottesmänner und -frauen.

Und die Lösung Gottes für dieses Problem ist, dass er auch noch anderen von dem Geist des Mose gibt, siebzig Ältesten, die scheinbar schon gewohnt sind, Verantwortung zu tragen. Und dann ist Mose jedenfalls nicht mehr der Einzige, sondern er hat Verstärkung bekommen, andere, die seine Lage teilen. So wie Jesus seit Pfingsten die weltweite Christenheit hat, die er auf seine Seite gezogen hat, die seine Liebe zum Leben und zur Freiheit teilt, aber damit auch diese prekäre Situation, dass man andere mit viel gutem Zureden, mit Schieben und Ziehen in die Richtung bringt, die gut für sie ist, obwohl sie selbst es gar nicht unbedingt wollen.

Gottes Mühe teilen

Vielleicht ist das auch manchmal der tiefste Grund, weshalb Menschen zögern, sich auf ein Leben mit Jesus Christus einzulassen. Sie ahnen, dass sie dann auch diesen Teil seiner Rolle ein Stück weit auf sich nehmen müssen: andere Menschen zu tragen auf dem Weg in die Freiheit, ein Weg, den sie selbst eigentlich nicht wirklich wollen, wenn er mühsam wird.

Man kann sagen: Gott selbst leidet daran, dass Menschen so sind, wie sie sind. Manchmal scheint das auch in der Bibel auf, dass Gott selbst müde wird, weil er seinen Menschen den Weg freigemacht hat, und sie müssten ihn nur noch gehen, und dann sagen sie: ach nee, ich weiß nicht. Und so hat zum Leiden Jesu nicht nur das Kreuz gehört, sondern auch das hartnäckige Festhalten seiner Jünger an den allgemeinen Denkmustern.

Deswegen der Geist. Der Geist pflanzt die Motivation in Menschen ein, dass sie die Sehnsucht Gottes selbst im Herzen haben, dass sie aus eigenem Antrieb die Freiheit im Herzen tragen, und nicht, weil es ihnen jemand vorgeschrieben oder eingeredet hat. Das ist immer ein Wunder, wenn Gott Menschen auf seine Seite zieht, wenn er dafür sogt, dass sie selbst für seine Sache brennen und sich nicht bloß vom fremden Feuer wärmen lassen wollen.

Ein Umbau mit heftigen Nebenwirkungen

Und weil das Menschen so vom Kopf auf die Füße stellt, deshalb ist das manchmal mit heftigen Nebenwirkungen verbunden. Die 70 würdigen Ältesten »gerieten in Verzückung«, wie Luther es übersetzt. Sie gerieten in eine Art Ekstase, sie redeten in Zungen, sie tanzten oder sangen, sie ließen auf jede Art ihre Ehrwürdigkeit hinter sich, weil bei ihnen im Kopf alles durcheinander ging. So ähnlich wie in der Pubertät, wo ja auch vorm menschlichen Gehirn ein Schild hängt »Wegen Umbau außer Betrieb«, so war auch bei denen kurzfristig die Selbstkontrolle wegen Überlastung ausgefallen. Auch das finden wir in der Bibel immer wieder: je mehr Gottes Geist umbauen muss, um so heftiger sind die Reaktionen. Einen wie Paulus musste Gott erst brachial aus dem Verkehr ziehen – Bumm! Bei Maria Magdalena reichte ein kurzes Antippen, und alles war klar.

Kreative Minorität

Gott macht es bei jedem wieder anders, aber am Ende hat er dann Menschen, die sein Herz und seine Leidenschaft teilen. Menschen, die bereit sind, auch diese Last auf sich zu nehmen, die er trägt, die Last der ganzen Menschheit, die sich von ihm abgewandt hat und in ihr Verderben läuft. Gott beeinflusst die Welt durch seine kreativen Minderheiten, die nie die Mehrheit haben, aber von der Wahrheit bewegt sind. Die Wahrheit lässt uns leben, die Wahrheit öffnet uns die Augen dafür, wer wir sind und zu welcher Herrlichkeit wir berufen sind. Aber man kann sie nicht haben, ohne die Last Gottes zu teilen, seine Mühe, wenn er die Welt zurückholen will, und auch das Leid, mit dem Gott an Gewalt und Lüge in der Welt leidet.

Pfingsten ist es geschehen, dass Gott einen fulminanten Anfangspunkt gesetzt hat. Da hat er eine große Menge Menschen auf seine Seite gezogen, eine kritische Masse gebildet, die von nun an die Wahrheit und die Freiheit Gottes in ihre Umgebung hinein ausstrahlt. Menschen, in deren Herz ein Stück von Gottes Herzen gepflanzt war und die deshalb auch bereit sind, Gottes Last mit der Welt auf sich zu nehmen.

Das Menschen so auf eine andere Spur geraten, das können sie vorher nicht planen. Das können sie vorher noch nicht einmal wollen. Im Nachhinein sind wir froh darüber. Aber damit es soweit kommt, braucht es immer wenigstens ein klein bisschen Überwältigung. Im Rückblick sagen wir dann: das war der Heilige Geist. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo er mich hingezogen hat.

Mai 132018
 

Predigt am 13. Mai 2018 mit Johannes 14,15-19

Jesus sprach zu seinen Jüngern: 15 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16 Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. 19 Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.

Das sagt Jesus im Johannesevangelium in der Nacht vor seinem Tod. Während die anderen Evangelien davon erzählen, wie Jesus als letzten Willen seinen Jüngern das Abendmahl hinterlässt, erzählt Johannes, wie er seinen Jüngern die Füße wäscht. Damit fängt der Abend an. Und um dieses Zeichen der Fußwaschung kreisen dann die weiteren Gespräche.
Anderen die Füße zu waschen war damals eine niedrige Sklavenarbeit. Mit den Füßen ist man schließlich auf der Straße rumgelaufen, wo sich der ganze Dreck und der Kot von Menschen und Tieren sich sammelt. Bis heute gilt in den vorderasiatischen Kulturen alles als besonders niedrig, was mit Schuhen und Füßen zu tun hat. In Syrien hängen die Soldaten des Regimes Militärstiefel an Stangen und halten sie über die Busse, wenn Menschen aus irgendeinem umkämpften Gebiet abtransportiert werden. Das ist ein demütigendes Zeichen dafür, dass sie verloren haben und jetzt wieder unter den Stiefel der Militärs zurück müssen.

Eine hierarchiefreie Gemeinschaft

Im Israel der Zeit Jesu war noch nicht mal ein jüdischer Sklave verpflichtet, seinem Herrn die Füße zu waschen. Und genau diese Arbeit sucht sich Jesus aus, und er konterkariert damit die Vorstellung, dass der Chef von solchen dreckigen Arbeiten befreit ist.

Bild: Stevebidmead via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Normalerweise ist es ein Statussymbol, wenn man das nicht mehr machen muss. Wer das hinter sich hat, der ist in der Hierarchie schon ein Stück aufgestiegen. Im christlichen Umfeld kann man das aber nie ungebrochen durchhalten, weil Jesus das untergraben hat. Christliche Chefs müssen mindestens so tun, als ob sie ihren Untergebenen dienen. Auch der Papst wäscht an Gründonnerstag Menschen die Füße, traditionell den Kardinälen, aber Papst Franziskus wäscht Strafgefangenen die Füße, womit dieses Symbol erst so richtig Kraft bekommt.

Jesus selbst deutet dieses Symbol und sagt: wie ich mich für euch alle zum Sklaven gemacht habe, so sollt ihr euch auch untereinander die Füße waschen und damit Einer zum Sklaven des Anderen werden. Wenn aber alle Sklaven sind, dann ist es keiner mehr.

Dieser Gedanke einer hierarchielosen Gemeinschaft findet sich in allen Traditionssträngen des Neuen Testaments. Das ist einer der stärksten und deutlichsten Impulse, die Jesus immer wieder gesetzt hat: die Absage an eine patriarchalische Ordnung, wo die Väter das Sagen haben. »So ist es unter euch nicht« hat er den Jüngern eingeschärft, und so hat er seine Gemeinde angelegt als Gemeinschaft von Brüdern, die nicht von einem Vater regiert werden. Und heute ist uns deutlich, dass dazu auch die Schwestern gehören, die auch nicht mehr unter der Fuchtel der jeweils ältesten Mutter stehen.

Beistand für eine Gemeinschaft unter Druck

Das stärkste Symbolbild dafür ist immer noch Jesus, wie er freiwillig die Dreckarbeit annimmt und seinen Jüngern die Füße wäscht. Und es ist kein Zufall, dass sich dieses Bild gerade im Johannesevangelium findet, weil Johannes anscheinend zu einer Gruppe gehört hat, die extrem isoliert war. Die waren eine kleine jüdische Zelle in einem jüdischen Umfeld, das sie ablehnte. Sie standen enorm unter Druck, sowohl vom römischen Imperium als auch von der Seite der jüdischen Offiziellen, die sich mit dem Imperium arrangiert hatten.

Und in dieser Lage hören sie nun durch Johannes, wie Jesus ihnen sagt: ich sende euch den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht kennt und deshalb auch nicht empfangen kann. Mit Welt ist hier nicht die gute Schöpfung Gottes gemeint, sondern die Weltordnung, das römische Gewaltsystem, das alles infiltriert und den Menschen einbläut, dass man aufsteigen muss, Karriere machen muss, Macht über andere haben muss. So zerstört es den Zusammenhalt der Menschen, ihre Solidarität miteinander, und spielt alle gegen alle aus. Die »Welt« im Sinne des Johannes ist das genaue Gegenteil von der Gemeinschaft, die Jesus im Sinn hatte.

Johannes sagt also: an seinem letzten Abend hat Jesus die Weichen gestellt für eine alternative Gemeinschaft, die von gegenseitiger Liebe und der Abwesenheit von Herrschaft geprägt ist. Und damit die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu das auch durchhalten können in einer Umgebung, die ganz anders funktioniert, dafür sendet er ihnen den Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit.

Was ist Wahrheit?

Das ursprüngliche Wort, das wir mit »Wahrheit« übersetzen, kommt vom gleichen Wortstamm wie das Wort »Amen«. »Amen« ist ja eine Bestätigung: ja, so soll es sein, das ist gewisslich wahr. Das meine ich ganz ernst. Dabei bleibt es. »Wahrheit« in diesem Sinn geht also in Richtung von Beständigkeit, ja von Treue. Die Wahrheit, von der die christlichen Johannesleute leben, ist die unverbrüchliche Zuwendung Gottes zu seinem Volk. Wenn am nächsten Tag Jesus vor Pilatus stehen wird und ihm sagt: ich spreche von der Wahrheit, also von dem Beständigen, von der Treue, dann wird dieser Funktionär des Imperiums antworten: »Was ist schon Wahrheit?« Wenn man die Macht hat, kann man die Wahrheit drehen und wenden, wie man will. In der Zone der Macht gibt es keine verlässliche Treue, weder zu Menschen, noch zu Grundsätzen, und auch nicht zu Verträgen, wie wir ja jetzt wieder vom amerikanischen Präsidenten deutlich vorgeführt bekommen haben.

Gerade deswegen ist für diese kleinen christlichen Zellen der »Geist der Wahrheit« so wichtig. Sie leben von der unverbrüchlichen Treue Gottes. Ihre einzige Hoffnung ist, dass Gott sein Volk nicht im Stich lässt. Und deshalb sollen sie auch einander nicht im Stich lassen. Die Wahrheit Gottes ist ihre einzige Inspiration. Anders könnten sie es gar nicht durchhalten. Für einen Handlanger der Macht wie Pilatus ist das völlig unzugänglich und undenkbar. Leute wie er sind verschlossen und unempfänglich für den Geist, der diese Gemeinschaften inspiriert. Aber in diesen Gruppen wissen sie, dass das die Kraft ist, durch die sie überleben.

Überleben in Wahrheit

Man kann daran sehen, wie sehr Johannes in der Defensive ist, ganz zurückgedrängt auf den Kern, das Wesentliche. Anscheinend waren die Johannesleute noch weit stärker unter Druck als die Christen sowieso schon. Missionarisch zu sein, oder große Außenwirkung zu erzielen, das ist in seiner Situation gar keine realistische Perspektive. Die sind froh, wenn sie überhaupt als Gruppe einigermaßen überleben. Und ihre einzige Chance ist dieser Geist der Treue und Beständigkeit, der Geist, der die göttliche Wahrheit in die Gemeinschaft bringt und ihr damit ein Widerstandspotential gibt, für das die Pilatus-Ordnung blind ist, weil sie es weder begreift noch für möglich hält. Johannes nennt das oft »Liebe«, aber er meint damit gar nicht die ganzen Emotionen, die für uns in diesem Wort mitschwingen. Bei Johannes bringt Jesus »Liebe« ganz oft mit dem Halten der Gebote zusammen. Es geht nicht darum, welche Gefühle die christlichen Brüder und Schwestern einander entgegenbringen, sondern ob sie bereit sind, einander die Füße zu waschen, füreinander da zu sein, ihre Lebensenergie mit den anderen zu teilen und aneinander festzuhalten. Deswegen ist für uns heute das Wort »Solidarität« die treffendere Übersetzung für das, was Johannes mit dem Wort »Liebe« meint.

Bisher hat Jesus für diesen Zusammenhalt unter seinen Leuten gesorgt. Aber Jesus wird am nächsten Tag sterben, und dann wird die Pilatus-Ordnung natürlich davon ausgehen, dass er ein für allemal erledigt ist. Aber Jesus wird Gott bitten, seinen Leuten einen anderen Helfer zu geben, der in Zukunft sein Werk unter ihnen fortsetzt. Pilatus legt den Fall Jesus ad acta, aber in Wirklichkeit geht es jetzt erst richtig los. Auch wenn die Gruppen, für die Johannes schreibt, ums Überleben kämpfen müssen: in ihnen lebt der Funke einer neuen Welt, die Revolution des Reiches Gottes, und dieser Funke hat das Potential, alles vom Kopf auf die Füße zu stellen und die Welt zurückzuholen in den Gehorsam zu Gott.

Schutz gegen den falschen Glanz

Vielleicht merken Sie, wie weit weg das ist von dem, was Menschen sich landläufig unter Kirchen und Christlichkeit vorstellen. Die einen sagen: ich bin ein anständiger Mensch, weil ich noch keinen umgebracht habe, und deswegen auch ein Christ. Die anderen sagen: ich habe mich immer an die zehn Gebote gehalten! Und dann gibt es noch die Kirche als gesellschaftliche Großorganisation, die Angst bekommt, wenn die Zahlen nach unten gehen und die sich gar nicht vorstellen kann, wie Christentum denn funktionieren kann ohne teuren Verwaltungsapparat, ohne Sitzungen, ohne regelmäßige Einnahmen, und ohne möglichst häufige Präsenz in den Medien.

Solche Vorstellungen sind ziemlich weit weg von dem Bild, das Johannes beschreibt: eine Gemeinschaft von Menschen, wo keiner Macht hat, anderen Lebensenergie zu rauben, wo man aber seine Lebenskraft freiwillig mit anderen teilt. Eine Gruppe von Menschen, die inspiriert ist von dem Bild eines alternativen Miteinanders, das Jesus ihnen hinterlassen hat. Eine Gruppe, die nicht durch die gemeinsame Kultur oder die gesellschaftliche Stellung definiert wird, weder durch Nationalität noch durch Bildung, sondern durch die gemeinsame Hoffnung auf die Treue Gottes, der an seiner Schöpfung und an seinem Volk festhält. Eine Zone der Unabhängigkeit, wo man immun wird gegen die imperiale Propaganda, wo man sich nicht beeindrucken lässt vom falschen Glanz, der von der Ausbeutung fremder Lebenskraft zehrt.

Die Welt braucht inspiriertes Leben

Weltweit betrachtet sind wir hier Menschen auf der Sonnenseite der Welt, auch wenn wir persönlich jeder sein Päckchen zu tragen haben. Aber kaum jemand sonst lebt so sicher wie wir, so geschützt gegen alle möglichen Gefahren. Wir sind alle in Versuchung, uns an eine imperiale Lebensweise zu gewöhnen, die nur auf Kosten anderer möglich ist, auf Kosten der Schöpfung und auf Kosten der Zukunft. Wir sind alle in Versuchung, uns vom imperialen Glanz beeindrucken zu lassen, vom Stil und von der Haltung, denen scheinbar alle nacheifern.

Wir werden uns dem nur dann wirklich entziehen können, wenn wir in solchen inspirierten Gemeinschaften verankert sind wie denen, für die Johannes schreibt. Selbst die muss er immer wieder erinnern an den unglamourösen Jesus, der anderen die stinkenden, verdreckten Füße gewaschen hat. Aber dort, sagt Johannes, ist Gott zu finden, nur dort.

Wir wissen alle nicht, wie die Zukunft aussieht. Aber wir machen uns berechtigte Sorgen. Unsere Welt braucht es dringend, dass es überall solche inspirierten Gemeinschaften gibt, die sich dem Sog von Macht und Glanz entziehen. Aber zuerst brauchen wir selbst es, dass wir das wahre Leben kennen, das in solchen Gemeinschaften zu finden ist. Wir wollen doch nicht so verschlossen und ahnungslos werden wie Pilatus und all die anderen, die nicht über den Tellerrand der imperialen Weltordnung hinaussehen können.

Mai 102018
 

Predigt am 10. Mai 2018 (Christi Himmelfahrt) im Rahmen des Regionalgottesdienstes auf dem Groß Ilseder Hüttengelände mit Offenbarung 5,1-5

Wenn Sie schon einige Himmelfahrtsgottesdienste miterlebt haben, dann wissen Sie, dass Himmelfahrt nichts mit Raketen und Raumfahrt zu tun hat. Aber die Frage bleibt ja immer noch: Was will Jesus da oben eigentlich?

Das Problem dabei ist: man kann darüber am besten in Bildern sprechen. In unserer modernen Humorlosigkeit haben wir vergessen, dass es Realitäten gibt, die sich fast nur in Bildern ausdrücken lassen. Aber deshalb sind sie nicht weniger real. Wir sagen ja auch zu unseren Partnern und Partnerinnen »Schatz« oder »meine Rose« und nicht »meine derzeitige Lebensabschnittsgefährtin, zu der ich eine singuläre Bindung entwickelt habe«. Gut, manche sagen auch »Mausi« oder »Scheißerchen«, aber das ändert das Prinzip nicht: über manche Dinge kann man nur bildhaft reden, und dazu gehört auch der Himmel und alles, was da passiert.

Die Offenbarung des Johannes ist der Teil der Bibel, wo wir die meisten Bilder über den Himmel finden; fast die Hälfte des Buches spielt im Himmel. Und ein zentrales Bild dabei ist das Buch mit den sieben Siegeln, bis heute ein sprichwörtliches Bild für etwas, was man nicht versteht. Aber wenn man das einfach mal liest, dann merkt man: wenn Jesus in den Himmel kommt, ist es gerade seine zentrale Aufgabe, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen.

In diesem Buch steht die geheime Geschichte der Welt, die Tiefengeschichte Gottes und der Menschen, die Auflösung aller Rätsel und Dunkelheiten der Weltgeschichte. Es ist das Buch mit den geheimen Erinnerungen der Menschheit: alles was versiegelt und verschlossen werden muss, damit wir weiterleben können. Alles, was sich manchmal noch in den Nachtgedanken meldet, aber was wir selbst da kaum ertragen können: Schrecken, Schmerzen, Enttäuschungen, abgeschnittene Wege, Trauer, aber auch ungelebtes Leben, Möglichkeiten, die nicht zur Realität wurden, geheime Weichenstellungen, die alles Weitere überschattet haben. Und auch wenn das versiegelt und weggeschlossen ist, es ist doch noch da.

Viele Geschichten darüber gäbe es zu erzählen; ich bin neulich auf den Artikel einer jungen Journalistin gelesen, die auf dem Boden des elterlichen Hauses auf die Briefe gestoßen ist, die sich ihr Großvater und ihre Großmutter geschrieben haben, von der ersten zarten Bekanntschaft bis zu den Feldpostbriefen aus dem zweiten Weltkrieg. Und sie sagt: ich habe meine verstorbene Oma von einer Seite kennengelernt, von der ich vorher nichts, aber auch gar nichts ahnte. Ich habe sie in Erinnerung als ein geschlechtsloses Wesen, das sich immer beige kleidete, eine gesetzte ältere Dame, die sonntags mit ihrem Kränzchen im Cafe ein Stück Mokka-Bisquit aß und ein Kännchen Kaffee Hag trank. Und jetzt lese ich diese Briefe, und es sind Liebesbriefe: voll Hingabe und Lust, voll Erotik und Humor, die überhaupt nicht passen zu dieser älteren Dame, die sich nur bei den Kirschlikör-Pralinen ein ganz klein wenig gehen ließ. Und sogar Fotos von dem Mann liegen dabei, ein schöner Mann, und auf zwei Fotos hat er gar nichts an, und die Enkelin fragt sich: wie oft hat sich die Oma diese Bilder wohl sehnsüchtig angeguckt, als er im Krieg war?

Und dann findet sie einen Brief von ihrer Oma, wo sie dem geliebten Mann Rosenblätter an die Front geschickt hat. Aber der Brief ist zurückgekommen. Und auch alle weiteren Feldpostbriefe sind zurückgekommen, weil niemand mehr wusste, wo dieser Soldat war. Er ist verschollen. 40 Jahre später stellte sich heraus, dass er wahrscheinlich in einem Kriegsgefangenenlager im Kaukasus gestorben ist.

Solche Geschichten meine ich, wenn ich von der geheimen Geschichte dieser Welt spreche, von dem Buch mit den sieben Siegeln. In diesem Fall ein beiges, unauffälliges Siegel, mit dem die Großmutter ihren Schmerz und ihre Trauer versiegelt und weggeschlossen hat, aber damit hat sie auch die Erinnerung an die Zeit weggeschlossen, als sie mit Lust und Liebe eine junge Frau voller Leben und Begeisterung war. Und das alles gab es für sie irgendwann nicht mehr.

Können Sie sich vorstellen, wie viele solche Siegel auf menschlichen Herzen gedrückt worden sind, weil man nicht gewusst hat, wie man mit solchen Erinnerungen weiterleben soll? Und wie viele Erinnerungen bis heute so versiegelt werden, jeden Tag, schreckliche Erinnerungen? Wie sollen all diese Siegel jemals wieder geöffnet werden? Auch damit die Lebenskraft frei wird, die da mit eingesperrt ist, die Freude, Lust und Liebe?

Und in der Offenbarung (5,4) heißt es: der Seher Johannes weinte, weil es niemanden gab, der die sieben Siegel an diesem Buch öffnen konnte. Es ist zu schlimm. Keiner kann sich da rantrauen. Es ist ein schrecklicher, trauriger Moment, wo die Möglichkeit sichtbar wird, dass all diese Siegel nie geöffnet werden könnten. Aber dann kommt das Lamm und öffnet die Siegel, eins nach dem anderen. Und als moderner Mensch kann ich mich jetzt natürlich darüber aufregen, wie denn ein Lamm mit seinen Hufen die Siegel an einem Buch aufmachen kann. Aber das ist ein Bild, und wir müssen wieder lernen, Bilder zu lesen. Es ist ein Bild für Jesus, der sich als Einziger an diese Gewalt- und Leidgeschichte der Menschheit herantraut.

Er hat sich am Kreuz selbst in die Gewalt- und Todesgeschichte hineingestellt, hat sie auf sich genommen und getragen. Und deshalb kann das jetzt geheilt werden. Jesus hat ja selbst nichts zu dieser Schreckensgeschichte beigetragen, er war gewaltlos, er hat nicht zu denen gehört, die Leid ummünzen in Erbitterung, Empörung und Gewalt, sondern er hat das alles auf sich genommen und getragen, und deshalb kann er dieses verschlossene Buch der Rätsel und Abgründe öffnen. Er kann das mit Gottes Verheißung für seine Welt zusammenbringen und es so heilen. Er öffnet die Siegel, damit das Verschlossene geheilt wird.

Das ist es, was Jesus im Himmel macht. Das ist der Weg, wie er die Welt regiert. Seit damals werden in seinem Namen Siegel geöffnet, die beigen ebenso wie die blutroten. Die Siegel, mit denen das Leben der Völker und Klassen genauso versperrt und verriegelt ist wie das Leben von Frauen, Männern, Kindern und Familien. Im Himmel sieht man deutlich, was auf der Erde bisher nur vorläufig und im Verborgenen geschieht. Aber vom Himmel her infiltriert Jesus die Erde. Er regiert sie durch seine Leute, die sich, von ihm inspiriert, herantrauen an die Dunkelheiten und Abgründe, mindestens ein Stück weit: an Siegel, mit denen die Lebenden sich plagen und an die Siegel, unter denen die Toten begraben liegen. Die Welt kommt in Bewegung, wo die Siegel gebrochen und Menschen lebendig werden, wo das alte Unrecht und die alten Schmerzen sich wieder melden, aber auch die gefangene Lebenskraft wieder frei wird. Bei Einzelnen wie bei ganzen Völkern. Das ist kein Spaß, es ist nicht feierlich, wenn Jesus herauskommt aus dem Gefängnis der Harmlosigkeit, in das Menschen ihn (und sich selbst) zu oft gesperrt haben.

Jesus, das Lamm, heißt beim Seher Johannes auch »der Löwe«, der Löwe von Juda. Und Löwen sind nicht zahm. Vom Himmel aus infiltriert Jesus die Welt, und er würde sich freuen, wenn du dabei mitmachst.

Apr 222018
 

Predigt am 22. April 2018 zu Psalm 8

1 DEM MUSIKMEISTER. AUF DER GITTIT. EIN DAVIDSPSALM.
2 HERR, unser Herrscher‚*
wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!
Deine Hoheit zeigst du weit über die Himmel hin.*
3 Mit der Kinder und Säuglinge Mund
hast du eine Feste gegründet, deinen Gegnern zum Trotz,*
zum Schweigen zu bringen den Feind und den Rächer.
4 Schaue ich deinen Himmel, das Werk deiner Finger‚*
Mond und Sterne, die du befestigt hast:
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,*
des Menschen Kind, dass du seiner dich annimmst?
6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott‚*
hast ihn gekrönt mit Herrlichkeit und Pracht.
7 Du hast ihn als Herrscher gesetzt über das Werk deiner Hände‚*
alles legtest du ihm unter die Füße:
8 die Schafe und Ziegen und Rinder‚*
und auch die Tiere des Feldes,
9 die Vögel des Himmels und die Fische im Meer,*
und ihn, der dahinzieht die Pfade der Meere.
10 HERR, unser Herrscher‚*
wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!

Dieser Psalm fängt an als Lob Gottes und setzt sich fort als Lobpreis des Menschen. Der ganze Mittelteil ist ein Staunen über das menschliche Potential, dass dieses geringe Menschengeschöpf von Gott so überaus erhöht wird. Aber dieses Lob des Menschen ist gerahmt vom Lobpreis Gottes, der das alles erstaunlicher Weise genau so gewollt hat.

Großer Gott — kleiner Mensch?

Wir kennen ja vielleicht Traditionen, in denen Gott dadurch erhöht wird, dass man den Menschen möglichst klein macht. Luther z.B. hat von sich selbst immer mal wieder als von einem »fetten, stinkenden Madensack« gesprochen. Und immer mal wieder hören wir, dass wir als Menschen nichts tun können, dass wir ohnmächtig sind und Gott an unserer Stelle und für uns handeln muss. Und man glaubt, damit Gott besonders zu rühmen.

Hier im Psalm ist der Ton völlig anders. Die Herrlichkeit Gottes zeigt sich gerade darin, dass er den Menschen groß macht. Das ist es, worüber der Psalmsänger total erstaunt ist, wenn es sich klar macht: Gott hat die unendlichen Weiten des Weltalls geschaffen, er hat den Mond und die Sterne auf ihre Bahnen gesetzt, wir würden heute sagen: er die Milliarden und Abermilliarden Galaxien geschaffen, und wenn wir nachts unter dem Sternenhimmel stehen, dann wird uns erst bewusst, wie klein wir sind. Und trotzdem hat er sich in ganz besonderem Maß dem schwachen und äußerlich so unscheinbaren Menschen zugewandt. Wie kann das sein? Der Schöpfer des Universums schaut – auf uns?? In gewisser Weise sind wir doch wirklich nur nackte Affen. Warum sind ausgerechnet wir die Zentralfigur der Schöpfung? Warum schaut Gott vor allem auf uns, wenn er seine Schöpfung anschaut? Was ist denn an uns Besonderes? Sind nicht vielleicht viele, viele Planeten im weiten Weltall bewohnt wie die Erde?

Auf der Suche nach dem spezifisch Menschlichen

Es hat viele Theorien darüber gegeben, was das eigentlich Besondere am Menschen ist. Die einen sagen: die Vernunft ist das Einzigartige am Menschen, anderen meinen: es ist die Sprache. Oder es ist der Gebrauch von Werkzeugen. Oder es ist Freiheit von vielen Instinkten – wir bauen unsere Nester nicht instinktiv wie die Ameisen oder die Vögel, sondern planen unsere Häuser vorher, haben vorher ein Bild vom Ergebnis im Kopf. Oder ist es vielleicht die Fähigkeit zur Kooperation, dass wir gemeinsame Projekte anpacken können? Oder könnte es sein, dass das spezifisch Menschliche darin besteht, dass wir die Zukunft in Gedanken vorwegnehmen können, dass wir auch wissen, dass wir eines Tages sterben müssen?

Aber immer wenn jemand so eine Theorie darüber entwickelt, was das spezifisch Menschliche ist, dann kommt ein Forscher und sagt: Das ist aber kein grundsätzlicher Unterschied zu den Tieren. Auch Tiere können zielgerichtet handeln. Auch Tiere verständigen sich mit Signalen. Auch manche Tiere haben eine Ahnung von ihrer Sterblichkeit. Auch manche Tiere benutzen so etwas wie Werkzeuge, um sich Nüsse aufzuklopfen. Und viele Tierhalter sind fest davon überzeugt, dass ihr Hund sie zutiefst versteht und eigentlich sowieso der bessere Mensch ist.

Wenn wir jetzt noch einmal auf den Psalm schauen, dann können wir sehen, wie dort zwar beschrieben wird, dass der Mensch eine besondere Stellung gegenüber den Tieren hat. Aber der Mensch wird nicht in Abgrenzung zu den Tieren definiert. Dass der Mensch anders ist als die Tiere, dass er sie sogar beherrscht, das wird hier schlicht als Fakt vorausgesetzt. Aber das macht den Menschen nicht zum Menschen. Wir sind nicht deshalb etwas Besonderes, weil wir besser oder schlauer sind als die Tiere, sondern weil Gott sich aus Gründen, die wir nicht durchschauen, ausgerechnet uns zugewandt hat.

Der Mensch ist angeredet

Genau darüber staunt der Psalm: »Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du seiner dich annimmst?« Man könnte sogar sagen: die Sonderstellung des Menschen ist nicht darin begründet, dass wir vernünftig sind oder sprechen können, sondern gerade andersherum: weil Gott uns angeredet hat, deshalb konnten wir Sprache entwickeln. Weil Gott sich auf besondere Weise unserer angenommen hat, deshalb können wir seine Gedanken verstehen und sind etwas Besonderes.

Es ist wie bei vielen anderen Überlegungen: nimm Gott raus aus dem Bild, und alles kommt aus dem Gleichgewicht, es wird schief und problematisch. Wenn wir das Besondere des Menschen nicht wie der Psalm in der Erwählung durch Gott sehen, sondern in Abgrenzung zu den Tieren bestimmen, was folgt daraus? Dann müssen wir die Tiere klein machen, um uns groß zu machen. Sie kennen das vielleicht, dass reiche Leute gern auf Großwildjagd gehen, die letzten Elefanten oder Löwen abknallen, und man hat das Gefühl: die brauchen das, weil sie sich so bestätigen, dass sie noch stärker sind als Löwe oder Elefant. Wer sein eigenes Wesen in der Abgrenzung zu anderen sieht, der muss die anderen klein halten, weil sonst seine eigene Größe und seine Identität bedroht wäre.

Wenn wir aber einfach konstatieren, dass Gott uns unbegreiflicher Weise als etwas Besonderes gewollt hat, ohne dass wir irgendetwas dazu getan hätten, dann empfangen wir unser Wesen und unsere Sonderstellung von Gott und müssen uns nicht immer wieder unsere Überlegenheit bestätigen, indem wir die Tiere klein halten.

Der freie Mensch ist Gottes Ruhm

Gott braucht es ja auch nicht, dass er immer wieder bestätigt bekommt, wie viel stärker oder größer er ist als wir. Seine Herrlichkeit zeigt sich im Gegenteil gerade in der Größe seines Geschöpfes, des Menschen. Gottes Herrlichkeit zeigt sich an freien Menschen, die aus seiner Zuwendung leben und in Freiheit und Verantwortlichkeit die Schöpfung gestalten. Die wahre Größe des Menschen preist Gott.

Deswegen heißt es nicht: wie herrlich ist deine Schöpfung! Sondern: wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde! Die Erwähnung des Namens Gottes erinnert immer daran, dass Gott sich ansprechbar gemacht hat, dass er mit uns in eine Beziehung eintritt. Die volle Herrlichkeit erreicht die Schöpfung also dann, wenn dort Wesen sind, die mit Gott kommunizieren, die von ihm angesprochen werden und ihm antworten. Erst damit ist die Schöpfung vollständig. Und diese Wesen, die Menschen, die hat Gott nur ein klein wenig geringer gemacht als sich selbst. Er wollte Wesen, mit denen er auf Augenhöhe, oder jedenfalls beinahe auf Augenhöhe kommunizieren kann.

Wenn man das auf unser Verhältnis zu den Tieren anwendet, dann würde das bedeuten: wir erreichen unsere wahre Größe als Menschen gerade dann, wenn wir die Tiere in ihrem ganzen Potential fördern, vielleicht Dinge an ihnen entdecken, von denen jetzt noch niemand ahnt, sie in jedem Fall nicht in Tierfabriken einsperren und als Anhängsel einer seelenlosen Maschinerie weit unter ihren Möglichkeiten vernutzen.

Aus dem Mund der Kleinen …

Und nun steht ganz am Anfang eine merkwürdige Zeile, die im Alten Testament ganz einzigartig ist. Aber wir haben vorhin in der Lesung gehört, dass Jesus sie zitiert (Matthäus 21,16), als die Priester sich bei ihm beschweren, weil die Kinder im Tempel »Hosianna dem Sohn Davids« schreien. Und da entgegnet Jesus mit dieser Stelle: »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«.

Der Zusammenhang hier im Psalm scheint zu sein: es gibt Mächte der Zerstörung, die nicht zulassen wollen, dass Gottes Herrlichkeit sich in seinem Geschöpf, dem Menschen, widerspiegelt. Es gibt schon von Anbeginn der Schöpfung an die Stimme der Skepsis, die sagt: so gut kann es doch gar nicht sein! Wir wollen doch nicht alle Hurrajubler sein. Einer muss doch mal ein bisschen Wasser in den Wein gießen. Alles hat zwei Seiten, und auch die Welt muss ihre dunkle Seite haben. Und diese Stimme der Skepsis, man könnte auch sagen: die Stimme des Meckerns und der Unzufriedenheit, die sucht Verbündete. Nichts wäre für sie schlimmer, als wenn alle anderen sagen würden: wunderbar! Herrlich! Gott hat es richtig toll hingekriegt! Dann käme nämlich heraus, dass nicht Gott das Problem ist, sondern der ewige Skeptiker selbst. Und deshalb versucht er, die Ehre Gottes zu beschädigen, indem er den Menschen beschädigt.

Wir wissen aus der Schöpfungsgeschichte, dass ihm das leider gelungen ist: er hat sein eigenes Misstrauen in den Menschen, das herrliche Geschöpf Gottes, eingepflanzt. Und jetzt sagt der Psalm: aber bei den Kindern und Säuglingen ist ihm das nicht gelungen. Die schreien ihre Lebensfreude heraus, und im Tempel scheren sie sich nicht um die heiligen Vorschriften der Priester, sondern nennen Jesus bedenkenlos den »Sohn Davids«. Der Feind hat vieles verdorben in der Welt, aber jede neue Generation muss er erst wieder neu mit Misstrauen infizieren, er muss ihnen mühsam die Freude am Leben austreiben. Und an den Kindern bekommen auch die Erwachsenen wieder eine Ahnung von der einfachen Freude am Sein, am Leben. Und immer wieder werden auch die Erwachsenen neu verzaubert von dem Augenblick, wenn ein neuer Mensch seine Lungen entfaltet und mit lauten Schreien die Welt begrüßt. Und für die Stimme der Skepsis ist das jedes Mal wieder ein Schlag ins Gesicht. Gottes Größe zeigt sich daran, dass er gerade durch die Kleinsten verherrlicht wird.

Alle tragen gleichermaßen Gottes Bild

So groß wird im Alten Testament vom Menschen gesprochen. Und das wird noch erstaunlicher, wenn man weiß, dass in der alten Welt bei den anderen Völkern so nur von den Königen gesprochen wurde. Der König, der war das Bild Gottes, der war der Inbegriff göttlicher Herrlichkeit. In wessen Adern königliches Blut floss, der war etwas ganz anderes als alle anderen. Aber hier wird vom Menschen gesprochen, von der ganzen Menschheit und von jedem einzelnen Menschen. Wir alle gemeinsam und auch jeder Einzelne haben die Herrlichkeit und Würde, die bei den anderen Völkern nur dem König zukam und seine Herrschaft begründete.

Es ist wahr, dass Menschen beschädigt sind in ihrem Auftrag, Bild Gottes zu sein. Es ist wahr, dass Menschen ihre Sonderstellung falsch verstanden und missbraucht haben, dass wir vergessen haben, dass diese Stellung ein Geschenk ist, auf das kein Recht haben, ein Auftrag, über den wir Rechenschaft ablegen müssen.

Gottes Grundentscheidung ändert sich nicht

Aber trotz allem bleibt diese Entscheidung Gottes gültig, dass die Menschen Stellvertreter Gottes in der Schöpfung und seine Ansprechpartner auf der Erde sind. Das ist unsere wahre Berufung. Und als Menschen sich immer weiter von dieser Berufung entfernten, da hat Gott selbst dafür gesorgt, dass mit Jesus ein Mensch lebte, der dieser Berufung gerecht wurde. Er erinnert uns an unsere wahre Wirklichkeit. Er ist der Anfang der neuen Menschheit, die sich von der Skepsis getrennt hat und voller Freude vor Gott auf seiner Erde lebt.

Dieser Psalm ist ein Aufruf, unsere wahre Größe in Gott zu entdecken und nicht gegen Gott oder ohne Gott. Eine Einladung, dankbar teilzunehmen am Staunen darüber, dass Gott gerade uns begnadet und berufen hat, gerade uns es zutraut, mit unserem Leben und unserem Lob seine Herrlichkeit zu vollenden.

Apr 082018
 

Predigt am 8. April 2018 zu Markus 16,9-20


Wir hören heute auf die letzten Verse des Markusevangeliums, Kapitel 16, die Verse 9-20. Dieser Abschnitt ist in vielen Bibeln als irgendwie besonders gekennzeichnet, weil er vermutlich ein späterer Zusatz ist. Das Markusevangelium endet davor in Vers 8 mit dem rätselhaften Satz, dass die Frauen, die den auferstandenen Jesus sahen, niemandem davon erzählten, »denn sie fürchteten sich«. Punkt, Evangelium zu Ende.

Es gibt viele Theorien darüber, weshalb das Markusevangelium so merkwürdig endet; einige glauben, dass schlicht das letzte Blatt verloren gegangen ist, andere haben sich tiefsinnige Gedanken darüber gemacht. Man kann es letztlich nicht mit Gewissheit sagen. Und schon ganz früh scheint man das als ein Problem empfunden zu haben, jedenfalls hat irgendjemand nachträglich die Verse 9-16 hinzugefügt, vermutlich jemand aus der zweiten Generation der Nachfolger Jesu, und man merkt da deutlich, dass er sich bei den Geschichten bedient haben muss, die auch in den anderen Evangelien erzählt werden. Aber man erkennt diese Geschichten nur so ungefähr wieder; es muss damals eine ganze Menge von Auferstehungsgeschichten gegeben haben, die nur mündlich und in verschiedenen Versionen im Umlauf waren.

9 Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. 10 Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten. 11 Und als diese hörten, dass er lebe und ihr erschienen sei, glaubten sie nicht. 12 Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie aufs Feld gingen. 13 Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. 14 Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. 15 Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. 16 Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. 17 Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Zungen reden, 18 Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, so wird’s gut mit ihnen. 19 Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. 20 Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.

Jesus ist auferstanden, und die Menschen fangen an, ungewöhnliche Dinge zu tun. Das ist der grundlegende Zusammenhang. Die Kraft der Auferstehung Jesu übersetzt sich in eine ungewöhnliche Lebenspraxis. Vorhin in der Lesung (Epheser 1,18-23) haben wir es gehört: Ihr sollt erkennen, heißt es da, »mit was für einer überwältigend großen Kraft Gott unter uns, den Glaubenden, am Werk ist. Es ist dieselbe gewaltige Stärke, mit der er am Werk war, als er Christus von den Toten auferweckte.«

Eine Kraft für alle

Was da im Epheserbrief begrifflich gesagt wird, das wird hier erzählt: es ist ein und dieselbe Kraft, mit der Gott Jesus von den Toten auferweckte, und mit der er im Leben all derer wirkt, die an Jesus glauben. Jesus hat Maria Magdalena von sieben bösen Geistern befreit, und jetzt gehen seine Nachfolger los und treiben auch böse Geister aus. Jesus hat Kranke gesund gemacht, und genauso machen das jetzt auch andere, die an ihn glauben.

Und wenn wir das jetzt auf uns anwenden, dann heißt das: in deinem Leben soll sich dieselbe Kraft entfalten, die Jesus aus dem Reich des Todes befreit hat. Jesus will aus deinem Leben eine befreite Zone machen, in der nichts mehr bestehen bleiben soll, was nach Tod riecht. Der Fürst der Finsternis ist überwunden, seine Macht ist gebrochen, und deshalb können wir ihn rausschmeißen aus unserem Umfeld. Ganz normale Menschen können ihn angreifen und überwinden. Er ist nur noch ein Pappkamerad.

Das Problem ist, dass es leider viele Leute gibt, die auch noch vor einem Pappkameraden stramm stehen. Menschen, die innerlich nicht loskommen von ihrem Respekt vor all den Mächten, die die Welt im Griff haben. Menschen, die sich selbst in ihren Gedanken begrenzen, die sich selbst ängstlich einfügen in den Denkrahmen, der ihnen vorgegeben wird von ihrer Familie, von ihrer Firma, von der Behörde, in der sie arbeiten, von ihrem Freundeskreis oder den Trends in der Gesellschaft überhaupt.

Wahrscheinlich haben es viele von uns z.B. schon beim Kontakt mit Behörden erlebt, dass es da zwei Sorten von Mitarbeitern gibt: die einen kleben an einer wörtlichen Auslegung ihrer Vorschriften, verbieten sich jeden Gedanke, der diesen Rahmen überschreitet, und sagen im Zweifelsfall vorsichtshalber erst mal: das geht nicht! Die anderen versuchen, eine Lösung zu finden, die niemandem schadet und für alle akzeptabel ist. Die einen gehen souverän mit der gegebenen Lage um, die anderen haben Angst.

Neue Souveränität

Die Kraft hinter der Auferstehung Jesu zielt immer darauf ab, dass Menschen souverän mit ihrem Leben und der Welt umgehen, sich nicht einschüchtern lassen, ein klares Gespür für Gut und Böse haben, ungewöhnliche Lösungen für alte Probleme haben, Ausbeutung und Raub von Lebensenergie in jeder Form nicht beschönigen, komplizierte Zusammenhänge überschauen und aushalten können und auf einer sehr tiefen Ebene nach einem anderen Schema denken als ihre Umgebung. Es geht nicht um Zwergenaufstände und oberflächliche Rebellionen, das macht heute jeder. Es geht um einen fundamentalen Konflikt in der Sicht auf die Welt: ist der Tod eine unhinterfragbare Tatsache, oder ist dieser Grundstein allen menschlichen Zusammenlebens relativiert, begrenzt, in Frage gestellt?

Wenn in uns die Kraft lebt, die Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird unser Leben ein umkämpftes Gebiet, wo Tod und Leben sich um die Herrschaft streiten. Wir bekommen nicht weniger Konflikte, aber andere, fruchtbarere. Die neue Logik der Auferstehung Jesu und die Logik des Machtsystems, in dem wir leben, die geraten in Konflikte. Wenn Jesus Dämoninnen und Dämonen austrieb, dann gab es Geschrei und heftige Reaktionen zwischen ihm und seinem Gegenüber. Bei uns läuft in der Regel die Frontlinie mitten durch uns selbst und unser Leben hindurch. Auf einmal melden sich die Leichen im Keller. Deshalb lassen sich viele Menschen nicht allzu sehr auf das Auferstehungsleben ein, weil sie ahnen, dass dann auch in ihnen selbst Konflikte beginnen würden.

Überrascht von der Auferstehung

Dass die Jünger Jesu zuerst nicht glaubten, dass er lebt, das lag aber vermutlich daran, dass das ein ganz neuer Gedanke war. Die Juden haben wohl an die Auferstehung am Ende der Zeiten geglaubt, aber dass ein Mensch jetzt schon auferstehen könne, und dass diese Kraft des neuen Lebens jetzt schon unter Menschen präsent sein könnte, das sprengte ihren ganzen Denkrahmen. Es stellte ihre Vorstellung davon in Frage, was realistisch ist und was nicht.

Um diese Grenze bei den Jüngern zu durchbrechen, reichte es nicht, dass sie von Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus hörten. Eine Frau als Zeugin reichte nicht. Zwei Männer als Zeugen reichten nicht. Jesus musste selbst kommen. Und die vielen verschiedenen Berichte in den Evangelien lassen vermuten, dass er in den ersten Wochen nach der Auferstehung wieder und wieder zu ihnen gekommen ist. Einmal reichte nicht, das hätten sie sich im Nachhinein immer noch als kollektive Einbildung erklären können.

Die kritische Masse

Nein, sie mussten das als ganze Gruppe erleben, sie mussten untereinander darüber sprechen, es musste Zeit vergehen, es musste wiederholt passieren, bis eine ziemlich große Gruppe endlich völlig überzeugt war, dass die Auferstehung keine Fata Morgana war. Aber am Ende gab es eine kritische Masse von Menschen, die sich nicht mehr ausreden ließ, was sie mit ihren eigenen Augen gesehen hatte. Es musste eine Gegenöffentlichkeit entstehen, durch die der Einzelne Rückhalt bekam, damit er sich traute, die Welt anders anzuschauen.

Und aus dieser anderen Weltsicht entsteht dann auch eine veränderte Praxis. Wenn die Welt in ihren Grundlagen erschüttert und verändert ist, wenn der Tod nicht mehr die absolute, unhinterfragte Macht ist, dann muss das auch die ganze Welt wissen. Das kommt nicht von allein. Die Jünger und Jüngerinnen machen sich auf den Langen Marsch durch die Welt, damit überall sichtbar wird, dass die Welt wirklich eine andere geworden ist. Auf den großen Durchbruch Jesu folgen viele kleine Durchbrüche, durch die die neue Welt an vielen Orten sichtbar wird. Menschen sollen nicht nur davon hören, dass die Todesmacht besiegt ist, sondern sie sollen dabei sein, sie sollen es miterleben direkt vor ihrer Haustür.

7 Wochen für Aufbrüche

Und deshalb ist die Zeit nach Ostern die Zeit, wo wir uns Neues trauen sollen, wo wir ungewöhnliche Wege des Lebens entdecken sollen. Eigentlich ist diese Zeit noch viel wichtiger als die Passionszeit, weil es da um das Neue geht, das auf uns zu kommt, und nicht das Alte, von dem wir ja abwenden sollten. Sieben Wochen von Ostern bis Pfingsten mit Neuaufbrüchen, mit Mut und Fantasie, sieben Wochen mit der Freude der Auferstehung im Rücken – ich wundere mich, wieso so wenige diese Zeit bewusst leben.

Und dieser unbekannte Christ aus der zweiten Generation, der dem Markusevangelium den fehlenden Schluss angefügt hat, der schreibt da ausdrücklich, dass die Wunder und Machttaten Jesu weitergehen. Dämonenaustreibungen, Heilungen, Zungenreden, und wenn er davon spricht, dass die Boten Jesu vor Schlangen geschützt sind, dann denkt er wahrscheinlich an Paulus, der mal unbeschadet einen Schlangenbiss überstanden hat. Und das bedeutet: das muss tatsächlich so gewesen sein, denn hätte er das geschrieben, wenn es nicht auch in seiner Gegenwart so gewesen wäre? Gerade dieser spätere Nachtrag zu Markus zeigt uns also, dass in der ersten Christenheit die Wunder Jesu weitergegangen sind. Vielleicht nicht dauernd und jeden Tag, aber doch so, dass das eine deutliche Erfahrung war.

Kein Stress!

Wir müssen heute, glaube ich, eher entspannt mit der Frage umgehen, weshalb unsere christliche Praxis nicht in diesem Maß von Wundern begleitet wird. Ich habe da keine Theorie zu, aber einige denkbare Gründe. Die laufen letztlich alle auf eins hinaus: dass wir eben nicht mehr dieselbe Kirche wie damals sind. Und dann ist natürlich auch vieles anders, egal wie man das findet. Aber einen Plan dazu habe ich nicht. Manchmal gibt es einfach noch keine Antwort, in keine Richtung. Manche Dinge muss man stehen lassen und abwarten, bis es so weit ist, dass Gott uns eine Antwort schenkt. So wie man auch manche Bibelstellen nicht versteht und sie dann eben zur Seite legen und abwarten muss, bis sie eines Tages heller werden.

Jesus machte den Jüngern Vorwürfe wegen ihres Unglaubens und ihrer Herzenshärte. Aber er kam dann auch zu ihnen und zeigte sich ihnen. Er machte beides: er hielt fest, dass sie eigentlich gleich Maria und den beiden Jüngern hätten glauben sollen. Aber er glich auch ihre Schwäche aus, kam zu ihnen und half ihnen, eine Gemeinschaft der Auferstehung zu werden. Jesus ist da nicht konsequent und streng, er hat auch nicht Verständnis für alles, sondern er ist erfrischend ungrundsätzlich, pragmatisch. Wir haben die Hoffnung, dass er auch mit uns und unserer Herzenshärte fantasievoll und richtig umgeht.

Apr 012018
 

Predigt am 1. April 2018 (Ostern) zu Jesaja 25,6-9

6 Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. 7 Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. 8 Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt. 9 Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«

Kann man Ostern mit einem alttestamentlichen Text feiern? Ja, man kann. Erstaunlicherweise ist hier schon ganz viel von dem da, was dann mit der Auferstehung Jesu verbunden ist: Der Tod wird verschlungen sagt schon das Buch Jesaja, vermutlich war das 400 oder 500 Jahre vor Christus. Der Tod, der Allesverschlinger wird selbst verschlungen. Paulus hat sich im 1. Korintherbrief diese Stelle geschnappt und sie eingebaut in seine Argumentation und gesagt: bitte schön, da hat das schon immer gestanden bei Jesaja, dass Gott am Ende auch den Tod vernichten wird, und wir sind jetzt dabei, wir erleben es mit, wie das jetzt anfängt zu geschehen.

Bild: Congerdesign via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Jesus ist auferstanden – das ist nichts, was plötzlich irgendwie vom Himmel fällt, sondern es hat Vorzeichen gegeben, durch viele Jahrhunderte hindurch. Das ist das Schöne, dass man im Alten Testament sehen kann, wie eine große Erwartung immer mal wieder auftaucht, gerade wenn die Zeiten schlecht sind.

Es konnte nicht anders sein!

Sie haben damals schon gewusst, dass Gott und der Tod nicht zusammen passen. Sie haben gewusst, dass Gott treu ist. Sie haben gewusst, dass er seine Menschen nicht im Stich lässt. Und sie mussten dann einfach nur 1 und 1 und 1 zusammenzählen: Gott ist treu, er hält an seinen Menschen fest, aber mit dem Tod will er nichts zu tun haben – wenn das alles richtig ist und richtig bleiben soll, dann bleibt Gott eigentlich gar nichts anderes übrig, als den Tod abzuschaffen. Und das Einzige, was uns zögern lässt, diese Schlussfolgerung zu ziehen, ist die Unwahrscheinlichkeit des Ergebnisses. Geht das wirklich? Den Tod überwinden? Aber sie kannten Gott und hatten im Lauf der Jahre gelernt, ihm zu vertrauen. Und dann gibt es eben diese Stellen im Alten Testament, wo das auf einmal aufblitzt und ausgesprochen wird: der Tod wird zerstört werden.

Und Jesus selbst hat hat auch nichts anderes in der Hand gehabt, als er auf seinen Tod zu ging: der hat auch nicht vorher genau gewusst, was kommen wird, sondern der hat auch nur Gott gekannt und daraus abgeleitet, dass Gott einen Weg des Lebens finden wird, wenn er im Gehorsam gegen seinen Vater im Himmel in den Tod geht. Für Jesus war ganz klar, dass Gott ihn nicht fallen lassen würde, das konnte einfach nicht sein.

Die Probe

Aber fest davon überzeugt sein und es dann tatsächlich darauf ankommen lassen, das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Jesus hat die Probe aufs Exempel gemacht. Und er hat es nicht als misstrauischen Test gemacht (»wollen wir doch mal sehen, ob Gott sich an seine Versprechen hält«), sondern er bekam das als Auftrag von Gott: geh nach Jerusalem, geh hinein in den Konflikt, du wirst darin umkommen, aber vertrau mir, ich werde treu sein.

Also kein Übermut von einem Naseweisen, der willkürlich das Schicksal herausfordert, sondern ein Schritt des Gehorsams, der auch für Jesus ein großer und schwerer Schritt war. Nicht umsonst hat er im Garten Gethsemane lange gebetet, bis es für ihn am Ende ganz klar war: ja, ich soll es tun, und ich werde es tun. Dann war die Entscheidung gefallen, und alles weitere ergab sich daraus.

Und dann war die Frage: würde Gott so sein, wie er sich Menschen immer dargestellt hatte? Würde er Wort halten? Die ganze lange Tradition des Vertrauens hing jetzt daran: würde Gott so antworten, wie sie es immer erwartet und erhofft hatten? Theologische Theorien sind eine Sache, aber sich aufgrund so einer Theorie dann wirklich auf den Weg zu machen, das ist etwas ganz anderes.

Aber Jesus ist auferstanden, er ist den Jüngern erschienen, er hat mit ihnen gegessen und getrunken, und die jahrhundertealte Hoffnung Israels war bestätigt. Hoffnung ist eine tolle Sache, sie kann uns aufrichten und stärken, aber am Ende kommt es darauf an, dass sie die Probe der Realität besteht. Eine hohle, leere Hoffnung, die die Realität verfehlt, die kann uns nicht aufrichten und stärken. Die ist Lug und Trug.

Eine bestätigte Theorie

Es ist ähnlich wie in der Physik des ganz Großen oder ganz Kleinen, da rechnen sich die Wissenschaftler eine komplizierte Theorie aus, über Schwarze Löcher oder den gekrümmten Raum und das Verhalten des Lichts, oder sie rechnen sich aus, dass es ein Elementarteilchen mit diesen ganz besonderen Eigenschaften geben muss, und es sieht auf dem Papier gut aus, aber dann muss man irgendwo eine Beobachtung machen können, die zu dieser Theorie passt. Und dann wird erstmals ein schwarzes Loch gesichtet, oder das Licht biegt tatsächlich ein wenig von seiner Bahn ab, wenn es an einem schweren Stern vorbeikommt, oder das Elementarteilchen aus dem Beschleuniger hinterlässt wirklich in den Messungen genau den Fingerabdruck, den die Forscher vorausberechnet haben, und dann freuen sie sich, weil sie ihre Theorie an einer Stelle bewiesen haben, und dann kann man davon ausgehen, dass sie auch in anderen Fällen funktioniert.

So etwas war die Auferstehung Jesu: sie ist die entscheidende Bestätigung dafür, dass es keine Einbildung war, was Israel über die Jahrhunderte geglaubt hatte. Sie hatten keine leere Theorie aufgestellt, die zwar logisch ist und gut klingt, sich aber am Ende in Luft auflöst. Nein, sie hatten Gott richtig verstanden. Jesus hatte Gott richtig verstanden.

Das Ende von Schmerzen und Schmach

Und so, wie eine bestätigte Theorie dann in der ganzen Breite der Wirklichkeit angewandt wird, so gibt es von der Auferstehung her einen neuen Blick auf ganz viele wichtige Dinge in der Welt. Übrigens schon bei Jesaja: schon für ihn gehört es zur Überwindung des Todes, dass Gott alle Tränen abwischen wird, dass er also die ganze Masse an Schmerzen und Leid tilgt, all die Spuren, die der Tod im Laufe der Geschichte in den menschlichen Herzen hinterlassen hat. Denn der Tod ist der eigentliche Gegner, der sich hinter allem Chaos und aller Zerstörung verbirgt. Der Tod ist es, der all die Verwüstungen anrichtet, und so lange Menschen irgendwie noch mit dem Tod paktieren, geht das immer weiter.

Aber jetzt hat Jesus eine neue Menschheit gegründet, die nichts mehr mit den Mächten von Tod und Zerstörung zu tun hat. Und wenn das Neue da ist, dann wird man des Alten nicht mehr gedenken. Das ist aus und vorbei.

Und vorbei ist es auch mit der Schmach von Gottes Volk. Immer wieder hat Gottes Volk gedemütigt und beschämt dagestanden, weil es nichts anderes vorweisen konnte als die Überzeugung, dass Gott zu seinen Versprechen stehen und treu sein würde. Eine große Zukunftshoffnung, die oft von einer ganz erbärmlichen Schwachheit in der Gegenwart kontrastiert wurde. Und noch viel schlimmer, wenn Gottes Volk selbst Gott nicht treu geblieben ist, wenn sie selbst anfingen, mit den Mächten der Zerstörung zu paktieren, weil ihnen die Hoffnungsgewissheit abhanden gekommen war, und sie sich selbst beeindrucken ließen von den anderen Völkern und ihrem scheinbaren Glanz, ihrem scheinbaren Erfolg. Was für ein erbärmliches Bild, wenn das Volk Gottes in der Hand von Leuten ist, die keine Ahnung von Gott haben und sich beeindrucken lassen von allem möglichen anderen.

Aber Jesaja sieht die Zeit kommen, wo dieses erbärmliche Bild des Gottesvolkes der Vergangenheit angehört, das Bild des Gottesvolkes, das seiner eigenen Hoffnung nicht mehr glaubt und stattdessen den hoffnungslosen Heiden hinterherläuft. Und er nimmt das vorweg, 400 oder 500 Jahre vor Christus, und sagt: der Tag wird kommen, wo ihr zurückschaut und sagt: ja, so ist Gott, wir haben darauf gewartet, dass er uns hilft, und wir sind nicht enttäuscht worden. Über 400 oder 500 Jahre hat Jesaja es voraus gesehen: am Ende werdet ihr jubeln und froh sein, weil Gott euch wirklich so hilft, wie wir es immer erwartet haben.

Ein Festmahl für alle Völker

Und auch das nimmt Jesaja vorweg, dass es dann ein großes Fest für alle Völker geben wird: ein Festmahl auf dem Berg Zion, mit alten Weinen ohne Zusatz von Konservierungsstoffen, mit fetten Speisen (und vor Fett hatten die Menschen damals keine Angst, sondern das Fett war das Beste, weil es Energie gibt, weil es den Geschmack trägt, und weil es ein Zeichen ist, dass alles im Überfluss vorhanden ist).

Wenn wir Abendmahl feiern, dann ist das der Anfang dieses universalen Festmahls der ganzen Menschheit, für das der Tisch jetzt langsam schon gedeckt wird. Nein, bisher sind noch nicht alle dabei, die Völker zieren sich noch, aber der Anfang ist gemacht. Die Auferstehung Jesu ist noch nicht der endgültige Durchbruch der neuen Welt auf der ganzen Erde, aber sie ist das entscheidende Indiz dafür, dass die Theorie dahinter stimmt, dass die Frommen nicht leeren Worten gefolgt sind, wenn sie über die Jahrhunderte daran festgehalten haben, dass Gott seine Leute nicht im Stick lässt, und dass er sich an den Tod nie gewöhnen wird.

Wir sind noch nicht so weit, dass alle Rätsel aufgelöst sind. Aber wir stehen besser da als Jesaja und alle, die sich über die Jahrhunderte von seinem Wort haben leiten lassen, bis hin zu Jesus. Wir können wissen, dass es keine leere Hoffnung war, sondern sie ist eindrucksvoll bestätigt worden. Das war die Energie, die die Christenheit von Anfang an bewegt hat: Wir wissen jetzt, dass es alles wahr ist, was die Alten gehofft haben. Die Auferstehung Jesu war der entscheidende Durchbruch, und der Rest kommt nach, bis die Erde erneuert ist und der Tod ein für allemal verschwunden.

Mrz 302018
 

Erzählung zum Karfreitag 2018 (30. März) mit Markus 15,15-39

Niemand hat am Tag des Todes Jesu den genauen Ablauf protokolliert. Erst später wurde aus vielen Einzelerinnerungen eine zusammenhängende Geschichte. Wir haben sie in den vier Versionen der vier Evangelien, die sich in manchen Details unterscheiden. Im Markusevangelium läuft die Geschichte erstaunlicherweise auf den Henker Jesu zu, den römischen Offizier, der die Hinrichtung leitet. Er ist eine geheime Hauptperson, weil an ihm deutlich wird, wie im Tod Jesu sich seine Kraft erst recht entfaltet.

Die Evangelien sind gerade bei der Passionsgeschichte sparsam mit Deutungen und machen eher durch ihr Erzählen deutlich, worum es ihnen geht. Ich möchte es hier ähnlich machen, indem ich die Geschichte aus der Perspektive dieses römischen Offiziers erzähle. Was kann er uns sagen?

»Normalerweise bin ich nicht in Jerusalem stationiert, sondern in Cäsarea am Meer. Aber wenn in Jerusalem die großen Feste anstehen, dann begibt sich der Gouverneur dorthin und übernimmt selbst das Kommando. Diesmal begleitete auch ich mit meinen Leuten Pilatus nach Jerusalem.

Die Feste der Judäer bedeuten für uns immer Stress. Jerusalem ist voll mit aufgeregten Menschen, und aus einem kleinen Funken kann schnell ein Flächenbrand werden. In den Tagen nach unserer Ankunft merkten wir, dass Spannungen und heftige Diskussionen auch dieses Fest prägten. Trotzdem wäre es für mich wohl ein unbedeutender Einsatz geblieben, wenn der Chef mich nicht am Ende der Festwoche kurzfristig zu einer Hinrichtung eingeteilt hätte.

Hinrichtungen an sich sind für uns nichts Besonderes. Immer mal wieder kommt es vor, dass wir die Ordnung und den Frieden mit drakonischen Maßnahmen aufrecht erhalten müssen. Unsere römischen Truppen in Syrien und Judäa sind eigentlich viel zu schwach, um eine so große und unruhige Provinz zu beherrschen. Einem ernsthaften Aufstand könnten wir nur wenig entgegensetzen. Deshalb müssen wir auch der kleinsten Widersetzlichkeit sofort mit aller Härte entgegentreten. Die Leute sollen Angst vor uns haben. Sie hassen uns sowieso, und sie verachten uns. Das sehe ich, wenn ich mit meinen Leuten durch die Straßen marschiere. Ich war auch schon im Norden an der germanischen Grenze, aber da kann man unbesorgt in ein Gasthaus der Einheimischen gehen. Hier kann man dabei plötzlich einen Dolch zwischen den Rippen haben.

Die Judäer sind anders als die anderen Völker des Imperiums: unruhig, fanatisch – sie haben sich nie damit abgefunden, dass sie nur noch eine Provinz unseres Reiches sind. Es gibt keine Götterbilder, noch nicht mal Statuen des Kaisers, der schließlich auch ein Sohn der Götter ist. Aber gut, das ist Politik. Solange sie Steuern zahlen, lassen wir ihnen ihre merkwürdigen Bräuche.

Aber ich wollte von der Hinrichtung erzählen. Am Tag vor dem Fest brachten morgens die Oberpriester einen Gefangenen zum Chef, angeblich ein Rebell, der sich selbst zum König Israels ausrufen wollte wie schon einige vor ihm. Sie verlangten die Todesstrafe für ihn. Pilatus verhandelte lange mit ihnen; er hatte anscheinend den Verdacht, dass es ihnen in Wirklichkeit um etwas ganz anders ging, und wahrscheinlich hatte er Recht. Aber irgendwie schlossen sie einen Deal miteinander, und der Chef ließ mich holen und beauftragte mich mit der Durchführung der Exekution.

Wenn wir schon einen Rebellen hinrichten, dann bekommt er auch das volle Programm: auspeitschen, kreuzigen, und dann bleibt er da hängen, bis die Vögel sich über ihn hermachen. Sollen die Leute ruhig sehen, was ihnen blüht, wenn sie den römischen Frieden infrage stellen!

Also ließ ich ihn auspeitschen, aber nur so, dass er danach noch lebte und gehen konnte. Wenn man nicht rechtzeitig aufhört, bleibt da kaum noch was übrig, was man kreuzigen kann. Während ich noch einiges vorbereitete, durften die Soldaten dann ihren gewohnten Spaß mit ihm haben. Die sind ja alle frustriert, dass sie in diesem barbarischen Land ihren Dienst tun müssen, zwischen Leuten, die sie hassen, wo es sogar schwierig ist, Wein oder Frauen zu bekommen. Da sind sie froh, wenn sie mal einen von diesen Leuten in die Finger kriegen.

Schon da fiel mir kurz auf, wie wenig ihn das zu beeindrucken schien. Klar, jedem tut es weh, wenn er geschlagen wird. Am Ende blutete er aus der Nase und von den Dornenzweigen, die sie ihm um den Kopf geschlungen haben wie eine Krone. Aber er blieb unbeeindruckt von den Spielchen, die sie mit ihm machten, und eigentlich sind die sonst für meine Leute der größte Spaß. Dieses Good Cop – Bad Cop–Theater, das den Gefangenen normalerweise ihren letzten emotionalen Halt raubt, wenn sie also zwischendurch freundlich und sogar ehrerbietig behandelt werden, nur um sich anschließend um so grausamer entwürdigt zu fühlen: das schien ihn nicht zu beeindrucken.

Das fällt mir aber erst im Rückblick auf. Damals war ich viel zu beschäftigt. Es sollte ja alles schnell gehen. Als ich mit den Vorbereitungen fertig war, suchte ich fünf zuverlässige Leute aus, die so etwas nicht zum ersten Mal machten. Sie luden ihm den Balken auf, und dann ging es los.

Obwohl es noch früh war, waren die Straßen voll. Die Nachricht von der Hinrichtung hatte sich herumgesprochen. Wir kamen nur langsam voran. Und dann brach der Delinquent auch noch zusammen. Da hatten sie wohl doch mit der Peitsche zu viel des Guten getan. Wenn das so weiterging, würden wir den ganzen Tag mit dieser Hinrichtung vertrödeln. Zum Glück stand da an der Straße ein kräftiger Mann; ich ließ ihn von zweien meiner Leute greifen und ihm den Balken aufladen. So ging es schneller.

Schließlich kamen wir an die Stelle, wo die senkrechten Balken für die Kreuzigungen standen. Wir geben den Delinquenten vorher noch Wein mit betäubenden Zusätzen zu trinken, damit sie etwas ruhiger sind beim Annageln. Auch wenn wir so etwas gewöhnt sind, selbst für uns ist es nicht schön, diese schrecklichen Schreie zu hören, wenn die Schmerzen anfangen, die noch etwas ganz anderes sind als die Schmerzen, die die Peitsche verursacht. Aber, und da fiel er mir zum zweiten Mal auf, er probierte einen Schluck, und dann schüttelte er den Kopf. Ganz ruhig und klar. Gut, das war nicht der Moment für Diskussionen. Ich ließ ihn also ohne Wein annageln. Danach zogen sie den Querbalken hoch, bis er in der richtigen Höhe war, und dann kamen noch die Füße dran.

Ich hatte vom Chef die Tafel mit der Kurzfassung des Urteils mitbekommen: »Jesus von Nazareth, König der Juden«, in drei Sprachen. Wir leben in einer globalisierten, vielsprachigen Welt. Pilatus legte Wert darauf, klarzustellen, dass es hier um eine politische Sache ging. Wahrscheinlich musste er sich gegenüber irgend jemandem absichern. Auch Gouverneure sind nicht allmächtig, obwohl die meisten das nicht glauben würden. Ich ließ die Tafel oben am Kreuz anbringen. Immerhin wusste ich jetzt, wie der Mann hieß: Jesus, aus dem Ort Nazareth, aus Galiläa.

Dann kam das lange Warten auf den Tod. Meine Leute vertrieben sich die Zeit mit Würfeln. Sie hatten sich darauf geeinigt, die Tunika dieses Jesus nicht zu zerteilen, sondern sie ganz zu lassen und lieber darum zu spielen.

Währenddessen begann auf einmal diese merkwürdige Prozession von einheimischen Würdenträgern. Das waren nicht die normalen Gaffer, die zu allen Hinrichtungen kommen. Ich sah in ihren Augen denselben Hass, mit denen die Leute sonst uns anschauen. Es ist schon erstaunlich, wie sehr Menschen sich gegenseitig hassen können, obwohl sie beinahe in derselben Lage sind. Wäre es anders, dann hätten wir es viel schwerer mit der römischen Herrschaft, wo wir die Einen gegen die anderen ausspielen. Aber ich sah bei diesen Honoratioren, die unsere Verbündeten sind, noch etwas anderes als nur Hass. Er war zu meiner Verwunderung vermischt mit einer Art Angst. Es war, als ob sie von ihm die Bestätigung hören mussten, dass er gescheitert war. Sie versuchten tatsächlich noch mit ihm zu diskutieren. »Tu ein Wunder und komm runter vom Kreuz!« – das hörte ich ein paar Mal. Und es klang mir so, als ob sie insgeheim befürchteten, er könnte es vielleicht wirklich tun. Aber er antwortete nicht.

Das war das dritte, was mir an ihm auffiel: dass er stumm blieb. Ich habe ja schon viele so sterben sehen. Die Einen brechen zusammen und schreien nur noch »Nein, Nein!« Sie flehen und bitten, und wir müssen sie mit aller Gewalt festhalten, bis die Nägel das übernehmen. Die anderen fluchen und rufen den Zorn ihrer Götter auf uns herab. Die machen uns weniger Ärger, und was den Zorn der Götter betrifft, so haben sich unsere römischen Götter bisher immer noch als die stärkeren erwiesen.

Er aber sagte gar nichts. Er reagierte nicht auf den Hass, der ihm entgegenschlug. Und ich sah auch in seinen Augen nichts davon. Wenn sie auf eine Antwort von ihm gehofft hatten: sie bekamen keine. Als ob sie für ihn gar keine Rolle spielten. Das war seltsam, denn er war noch nicht so weit, dass er nichts mehr mitbekommen hätte, das sah ich.

Gegen Mittag gab es dann eine Sonnenfinsternis. Das war natürlich Zufall, aber irgendwie war ich froh, dass er wenigstens nicht auch noch nackt den höllischen Sonnenstrahlen ausgesetzt war. Und als die Sonne zurückkam, so gegen drei Uhr, da redete er zum ersten Mal. Später habe ich es mir übersetzen lassen. Aber obwohl ich damals nicht verstand, dass er in seiner barbarischen Sprache gerufen hatte »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« – es war genau das, was ich empfand, als ich ihn hörte. In diesem Moment verstand ich, dass sein barbarischer judäischer Gott die ganze Zeit lang sein Gegenüber gewesen war, nicht die Gaffer und die Hasser, noch nicht mal wir, seine Henker. Aber anscheinend auch nicht dieser fürchterliche, grausame Schmerz, den wir ihm bereitet hatten, und den er doch die ganze Zeit über spüren musste. Die ganze Zeit über war dieser fremdartige Gott der Mittelpunkt seiner Existenz geblieben. Kann es so etwas geben?

Ich gehe ja auch mit meinen Leuten in den Tempel und opfere da den verschiedenen Göttern. Seit kurzem gehören nicht nur die verstorbenen Kaiser dazu, sondern auch der jeweils regierende. Gut. das mache ich so, wie ich zu Hause unseren Hausgöttern opfere. Aber auch wenn mir in einem Kampf ein feindlicher Speer die Eingeweide aufreißt, würde ich nie auf den Gedanken kommen, mit einem unserer Götter so zu reden wie er das tat. Ich würde hoffen, dass meine Söhne mich als tapferen Soldaten in Erinnerung behalten und am Hausaltar an mich denken, so wie ich es mit unseren Vätern getan habe. Aber kann ein Mann so mit seinem Gott zusammenhängen, dass alles andere zweitrangig wird? Selbst dann, wenn dieser Gott ihm nicht hilft?

Der Kaiser, so sagen sie, ist ein Sohn der Götter, ein Sohn Jupiters sogar. Aber ich glaube nicht, dass er an Jupiter denken wird, wenn seine Leibgarde wieder einmal putscht und ihn vom Leben zum Tod befördert. Wenn einer in Wahrheit ein Sohn Gottes ist, dann war es der hier, Jesus aus dem unbedeutenden Nazareth im unbedeutenden Galiläa.

Ich weiß nicht, was das bedeutet. Bisher war der Imperator derjenige, dem ich gedient habe, für den ich gelebt und für den ich getötet habe. Auf sein Feldzeichen habe ich geschworen. Er ist ein Sohn Gottes. Aber wenn in Wirklichkeit der hier der wahre Sohn Gottes war: wem will ich in Zukunft dienen?

Mrz 182018
 

Predigt am 18. März 2018 zu Johannes 11,47-53

47 Da beriefen die Hohepriester und die Pharisäer eine Versammlung des Hohen Rates ein. Sie sagten: Was sollen wir tun? Dieser Mensch tut viele Zeichen. 48 Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die heilige Stätte und das Volk nehmen.
49 Einer von ihnen, Kajaphas, der Hohepriester jenes Jahres, sagte zu ihnen: Ihr versteht nichts. 50 Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.
51 Das sagte er nicht aus sich selbst; sondern weil er der Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde. 52 Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln. 53 Von diesem Tag an waren sie entschlossen, ihn zu töten.

Hier schauen wir hinein in den inneren Zirkel der Macht und können der Meinungsbildung kurz vor dem Beschluss zur Beseitigung Jesu zuschauen. Irgendwer aus dieser Gruppe hat sich später nicht an seine Schweigeverpflichtung gehalten und den Jüngern Jesu erzählt, welche Überlegungen und Diskussionen in den herrschenden Kreisen diesem Beschluss vorangingen.

Vielleicht war es Nikodemus, der heimlich zu Jesus kam, um mit ihm zu diskutieren; vielleicht Joseph von Arimathia, der später sein eigenes Grab zur Bestattung von Jesus zur Verfügung stellte. Vielleicht war es auch Gamaliel, der große Rabbi, der später seinem Schüler Paulus davon erzählt haben könnte. Jesus hatte viele Sympathisanten auch in den höchsten Kreisen. Das sind ja nicht alles skrupellose Machtmenschen gewesen, sondern es gab Leute dabei, die es ehrlich meinten mit ihrem Glauben an Gott und ihrem Wunsch, etwas für ihr Volk zu erreichen.

Man kann vermuten, dass manchen sogar die skrupellosen Machtmenschen wie Kaiphas höchst unsympathisch waren. Sonst müsste Kaiphas sich nicht so ins Zeug legen und seine Vorstandskollegen zusammenfalten nach dem Motto: ihr ahnungslosen Idealisten, ihr bildet euch ein, ihr könntet in dieser schmutzigen Welt saubere Hände behalten! Was glaubt ihr denn, wie ich mich all die Jahre oben gehalten habe? Ihr könnt mir dankbar sein, dass ich immer für euch den Bluthund gemacht habe. Ihr konntet euch doch bloß als Gutmenschen fühlen, weil Leute wie ich im Hintergrund die Dreckarbeit erledigt haben.

Machtmensch Kaiphas

Bis heute, nach 2000 Jahren, spürt man in den Worten, die Johannes da überliefert, immer noch die Wut des Machtmenschen Kaiphas auf diese ahnungslosen Kleingeister, die ihm mit ihrer Unentschlossenheit und ihren moralischen Skrupeln das Leben schwer machen, statt einfach zu sehen, was jetzt getan werden muss. Kaum gibt es mal Probleme, schon haben die die Hose voll und gackern durcheinander wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen. Da muss man einfach mal mit der Faust auf den Tisch hauen und an die Realität erinnern!

Gleichzeitig gestaltet Johannes die Schilderung der Diskussion so, dass deutlich wird: alle im Gremium werden nicht einfach von der verantwortungsvollen Sorge um das Schicksal des Volkes umgetrieben, sondern viel mehr noch von der Sorge um ihre Position.

Und die war ja nicht unberechtigt. Die Römer herrschten gerne indirekt durch die örtlichen Führungsfiguren, aber wenn die nicht für Ruhe sorgten, dann konnten sie auch sehr schnell weg vom Fenster sein. Und da erscheint einer wie Jesus als Gefahr, weil er die Machtbalance aus dem Gleichgewicht bringt. Die Mitglieder des Hohen Rats haben sich ja nicht auf subtile theologische Diskussionen eingelassen; sie haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass hier ein Faktor ins Spiel kommen könnte, der die normalen Regeln der Macht unterläuft. Aus ihrer Sicht war die Gleichung einfach: Jesus bedeutet Unruhe im Volk, das bedeutet die konkrete Gefahr einer römischen militärischen Intervention, und die wiederum bedeutet ein Blutbad und Machtverlust für sie selbst, vielleicht sogar Schlimmeres. Die Macht ist nicht tolerant, auch nicht gegenüber ihren Dienern, wenn sie versagen.

Bauchschmerzen oder Gründe?

Das wissen alle in dem Gremium, und Kaiphas zählt ihnen nur ein und eins zusammen, wenn er sagt: Jesus muss weg. Moralische Zweifel sind Luxus, Schwäche und Zögern sind feige und tödlich, also reißt euch zusammen. Es ist doch besser, wir opfern den einen, als wir provozieren ein Massaker und die eigene Absetzung.

Dem können sich auch die Wohlmeinenden im Gremium nicht entziehen. Vielleicht haben sie Bauchschmerzen dabei, aber sie haben keine Argumente, mit denen sie Kaiphas entgegentreten könnten, sie haben nichts in der Hand, womit sie die Stimmung irgendwie drehen könnten.
Und wir, aus der Distanz von 2000 Jahren, mit dem Wissen darum, wie es weitergegangen ist, hätten wir bessere Argumente, um den Kaiphassen dieser Welt entgegenzutreten, den Wortführern der Realpolitik? Es geht jetzt nicht darum, dass die in der Regel auch sehr robust und einschüchternd auftreten. Es geht um echte Argumente. Was hätten Nikodemus, Gamaliel und all die ungenannten Jesus-Sympathisanten in dem Gremium denn dem Kaiphas entgegenhalten können?

Die Machtlogik funktioniert nicht

Das stärkste Argument wäre mindestens im Rückblick: die Methode Kaiphas hat nicht funktioniert. 35 Jahre später kam es doch zum jüdischen Krieg, und genau das, was Kaiphas befürchtete, ist eingetreten. Der Tempel wurde zerstört, das Volk niedergemetzelt und vertrieben, die Machteliten kamen um. All diese Machtspiele, die Kaiphas souverän zu beherrschen scheint, die gehen irgendwann mal schief. Man kann den Tiger eine ganze Zeit reiten, aber irgendwann wird man doch gefressen. Manchmal haben die Diktatoren Glück und erleben das nicht mehr, manche sterben tatsächlich im Bett wie Stalin, aber die Widersprüche, die sie gewaltsam gebändigt haben, melden sich dann nach ihrem Tod zurück.

Gerade die Praktiker der Macht, die sich etwas darauf einbilden, Realisten zu sein, gerade die machen sich was vor. Sie halten die Konflikte für einige Zeit trickreich unter Kontrolle, aber irgendwann kommen die Widersprüche um so heftiger zurück. Die Welt ist nun mal so eingerichtet, dass sie mit Gerechtigkeit funktioniert, und wenn Leute das dauernd außer Acht lassen, dann geht das irgendwann schief. Wenn man die gerechte innere Logik der Welt ignoriert, wenn man Menschen immer wieder mit Füßen tritt, richtet man große Zerstörung an. Das trifft zuerst die anderen, aber am Ende richtet es sich auch gegen einen selbst.

Opfer für die Stabilität

Die Logik der Machtmenschen fordert immer neue Opfer. Immer wieder muss einer geopfert werden, damit die anderen weitermachen können wie gehabt. Manchmal muss nur einer sterben, manchmal müssen ganze Völker verschwinden, manchmal müssen Menschen »nur« »den Gürtel enger schnallen«, damit alles stabil bleibt. Aber es ist nicht Gott, der diese Opfer fordert. Es sind Menschen, die das für andere beschließen. Kaiphas spricht das offen aus. Johannes beschreibt das mit Ironie: Kaiphas als Hoher Priester hatte den Job, die Wahrheit auszusprechen, und das hat er tatsächlich getan. Er und seine Gesinnungsgenossen sind es, die andere opfern und das als das kleinere Übel verkaufen.

Deshalb konnte Kaiphas Jesus nur als Bedrohung und Feind sehen. Er konnte nicht sehen, dass Jesus neue Spielregeln brachte. Auch ganz realpolitisch hätte Jesu Weg weniger Opfer gekostet. Hätten die führenden Schichten auf Jesus gehört, dann hätten sie an der Solidarität in ihrer Gesellschaft gearbeitet, sie hätten auf Ausgrenzungen verzichtet, sie hätten die Ungleichheit in der Gesellschaft verringert, und sie hätten genau auf die Energie der Liebe gesetzt, die sie an Jesus so fürchteten. Sie hätten die Grenzen ihres Volkes geöffnet und das Imperium von Innen überwunden, wie das später die Christen getan haben.

Nicht Gott fordert Opfer

Aber die Kaiphasse, die sich in ihrem Denkrahmen schlafwandlerisch zurecht finden, sind blind für Gottes unberechenbares Wirken in seiner Welt. So sind sie verantwortlich für all die Opfer, die am Wegrand der Menschheit verreckt sind. Man weiß nicht, ob es Blindheit oder Berechnung ist, aber unterm Strich tun sie alles, um eine Alternative zu ihrer Logik zu zerstören. Und sie versuchen, alle anderen von ihrer Weltsicht zu überzeugen und sie da hineinzuziehen. Die Dampfwalze Kaiphas bringt auch die Jesus-Sympathisanten im Hohen Rat mindestens zum Schweigen.

Und am Ende sieht es auch noch so aus, als ob Gott es wäre, der Opfer fordern würde, Gott oder die Sachzwänge oder der Welthandel oder wer auch immer. In Wirklichkeit ist es der Kaiphas-Glaube, der die Welt so gefährlich macht, und auch Jesus ist ihm zum Opfer gefallen.

Ein Weg, der dem Opfern ein Ende setzt

Aber an dieser Stelle merkt man, wie Johannes die Opferlogik des Kaiphas gegen den Strich bürstet. Ja, sagt er, Jesus hat tatsächlich durch sein Opfer die Menschen gerettet. Die Kaiphas-Logik und der Weg Jesu, die sind wie zwei Züge, die aufeinander zurasen. In jeder Passionszeit können wir das wieder nachvollziehen, wie es zu einer Kollision mit Ansage kommt zwischen den beiden Logiken, und Jesus stirbt an diesem Zusammenstoß. Aber das ist das einzige Opfer, durch das etwas besser geworden ist. Denn Jesus stirbt zwar an der Verbohrtheit der Kaiphasse dieser Welt, aber damit sind sie enttarnt. Wer Augen hat zu sehen, für den ist ihre Logik nicht mehr einsichtig. Die Jesus-Sympathisanten haben ihr jetzt etwas entgegenzusetzen: der Kaiphas-Weg funktioniert nicht, sondern fordert immer nur neue Opfer. Jesu Weg der Liebe dagegen ist selbst am Tod nicht gescheitert.

Menschen können so zusammenleben, dass nicht immer wieder jemand geopfert werden muss. Für so ein Leben ist die Welt eigentlich eingerichtet. Und man kann damit sogar jetzt schon im Angesicht der Kaiphasse und Imperatoren und Machtmenschen anfangen. Sogar jetzt schon kann man die nationalen und kulturellen und Klassengrenzen überwinden und mit den Menschen guten Willens überall auf der Welt zusammengehören. Überall gibt es die versprengten Kinder Gottes, aber durch Jesus haben sie jetzt ein Zentrum, sie haben ein gemeinsames Ziel, sie haben eine starke Grundlage.

Sie müssen sich nicht länger von sogenannten Realisten als Traumtänzer und Idealisten vorführen lassen. Die Jesusleute wissen viel besser, wie die Welt wirklich funktioniert. Sie haben keinen Anteil mehr an der Kaiphas-Welt und ihrer Logik. Und dadurch werden sie am Ende in den Spuren Jesu diese Welt überwinden, die immer neue Opfer fordert, um bleiben zu können, wie sie ist.

Mrz 112018
 

Besonderer Gottesdienst am 11. März 2018 mit Predigt zu Psalm 5

 

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen, zum Flötenspiel.

2 HERR, höre meine Worte,
merke auf mein Seufzen!

3 Vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott;
denn ich will zu dir beten.

4 HERR, frühe wollest du meine Stimme hören,
frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken.

5 Denn du bist nicht ein Gott, dem Frevel gefällt;
wer böse ist, bleibt nicht vor dir.

6 Die Ruhmredigen bestehen nicht vor deinen Augen;
du bist feind allen Übeltätern.

7 Du vernichtest die Lügner;
dem HERRN sind ein Gräuel die Blutgierigen und Falschen.

8 Ich aber darf in dein Haus gehen durch deine große Güte
und anbeten vor deinem heiligen Tempel in deiner Furcht.

9 HERR, leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde willen;
ebne vor mir deinen Weg!

10 Denn in ihrem Munde ist nichts Verlässliches; ihr Inneres ist Bosheit.
Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen heucheln sie.

11 Sprich sie schuldig, Gott, dass sie zu Fall kommen durch ihr Vorhaben.
Stoße sie aus um ihrer vielen Übertretungen willen; denn sie sind widerspenstig gegen dich.

12 Lass sich freuen alle, die auf dich trauen; ewiglich lass sie rühmen, denn du beschirmest sie.
Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben!

13 Denn du, HERR, segnest die Gerechten,
du deckest sie mit Gnade wie mit einem Schilde.

Loblieder sind die Psalmen – aber auch dieser? Dieser Psalm ist eine lange Auseinandersetzung mit Feinden, und darin nicht untypisch. Ganz oft ist die Grundsituation in den Psalmen, dass jemand von fiesen Leuten umgeben ist und sich an Gott um Hilfe wendet. So krass würden wir uns das in den Psalmen wohl eigentlich gar nicht vorstellen. Aber hier wird zuerst festgestellt: Gott will nichts zu tun haben mit Bösen jeder Art, er will nichts zu tun haben mit Großmäulern, Lügnern und Unheilstiftern. Und dann wird darum gebeten, dass diese propagandistischen Großmäuler an sich selbst scheitern, und dass sich am Ende diejenigen freuen können, die an Gott festhalten.

Darf man als guter Christ so reden?

Und der normale kirchlich-christliche Reflex auf solche Bezeichnungen ist: ja, darf man denn so über andere reden? Ist man denn dann nicht jemand, der sich über andere ein Urteil anmaßt? Kann man das denn einfach so sagen, dass die einen Gott gefallen und die anderen von ihm zu Fall gebracht werden?

Aber in der Bibel wird das dauernd gemacht. Da wird von Lügnern und Großmäulern gesprochen, von Betrügern und Mördern, und die Übersetzer haben Mühe darauf verwandt, das nicht allzu heftig klingen zu lassen. Die »Blutgierigen und Falschen«, das klingt doch etwas gesitteter als »Mörder und Betrüger«. So unterscheiden sich die verschiedenen Übersetzungen der Psalmen durch den Ton, in dem sie sprechen. Sie übersetzen in der Regel korrekt, aber der Klang ist ein anderer, sie bewegen sich – um es mal so zu sagen – in einem anderen Bedeutungsuniversum, sie orientieren sich an anderen Erfahrungen. Wer in seinem Umkreis lauter anständige Menschen und einen funktionierenden Rechtsstaat hat, der hat gar nicht so einen guten Zugang dazu, wenn im Psalm einer seufzt, weil er von Unheilstiftern, Hetzern und Lügnern umgeben ist.

Vielleicht haben wir aber in den letzten Jahren auch deutlich erleben müssen, dass die biblische Sicht auf die Welt gar nicht so weltfremd ist, sondern ziemlich realistisch: die Großmäuler sind nicht ausgestorben, sondern bekommen auch noch viel Beifall, Mörder und Völkermörder können auch höchste Ämter bekleiden, Lügner haben im Internet ein großes Betätigungsfeld, und all das vergiftet das Klima, wie sich das früher nicht viele vorgestellt hätten.

Ein realistischeres Bild von Gott

Das heißt aber auch, dass wir jetzt die Chance haben, Gott auf biblische Weise neu in den Blick zu bekommen: als den Gott, der seinen Leuten beisteht gegen die »Frevler« jeder Art, also gegen die Zerstörer und Wahrheitsverdreher, gegen die Selbstverliebten und alle, die Schwächeren Gewalt antun und ihnen die Lebensenergie rauben. In Gottes Gegenwart müssen Lügner verstummen – man macht sich das am besten klar an den Jesusgeschichten, wo seine Feinde blamiert werden und ihm nichts mehr erwidern können.

Selbst in dem wahrscheinlich bekanntesten Psalm, Psalm 23, der beginnt »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln« und der so beliebt ist, weil da so schöne Worte für Geborgenheit und Vertrauen zu finden sind, selbst in diesem eher harmonischem Psalm tauchen dann auch die Feinde auf, wenn es heißt: »Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde«. Auch da wieder die selbstverständliche Gegenwart von Feinden, aber auch der Schutzraum, den Gott für seine Leute bedeutet.

Räume zum Durchatmen

Auch in unserem Psalm merkt man, wie wohltuend der Bereich des göttlichen Einflusses ist. Das war damals wohl der Tempelbezirk, aber wir können das auch deuten auf die Hauskirchen der ersten Christen und bis heute, überall in der Welt, aber besonders dort, wo man gesellschaftlich unter großem Druck steht, und wo Menschen froh sind über diesen Raum des Aufatmens, wo man anders miteinander umgeht. Man kann das auch verstehen als Hinweis auf den inneren Raum der Freiheit, wo ein Mensch zu Gott Verbindung aufnimmt. Tempel, Hauskirche, innere Freiheit – gemeint ist immer dieser Raum, wo die Zerstörer draußen bleiben müssen. Und dort holt man sich Orientierung, damit einem die Lügner nicht das Koordinatensystem verrücken, damit man nicht in den Sog ihrer destruktiven Erzählungen gerät.

Und deshalb ist auch dieser 5. Psalm ein Lob Gottes, obwohl er ja eigentlich eher von Seufzen und Anklagen geprägt ist. Aber Gott wird dafür gelobt, dass er die Falschredner mit ihrem Gift nicht in seine Nähe kommen lässt, dass man bei Gott vor ihnen geschützt ist.

»Denn du, HERR, segnest die Gerechten,
du deckest sie mit Gnade wie mit einem Schilde«

ist der letzte Vers. Da hat sich der Beter wieder gefangen und ist in der Wirklichkeit Gottes angekommen: Gott schützt mich, er wird alle jubeln lassen, die seinen Namen lieben, d.h. die Gottes Art, Gottes Handschrift kennen und lieben.

Schwer rekonstruierbare Anfänge

Ursprünglich sind das also mal Erfahrungen gewesen, die Menschen im Tempel gemacht haben. Die kamen da mit ihrer Klage hin, wir würden heute sagen: mit ihren Problemen, die Priester haben sich das angehört und haben ihnen im Namen Gottes eine Antwort gegeben. Und im Lauf der Zeit hat man gemerkt, dass es oft ähnliche Situationen waren, wegen denen Menschen zum Tempel kamen. Und man hat das gesammelt, es muss dichterisch begabte Menschen gegeben haben, die das in poetische Sprache gebracht haben. Und irgendwann hat man das aufgeschrieben, damit es nicht verloren geht. Man hat es vielleicht auch Menschen vorgesprochen, und sie haben diese Gebete nachgesprochen, es gab ja noch keine gedruckten Bücher.

Man kann das heute alles nur indirekt erschließen, weil wir nur Andeutungen darüber haben, wie der Tempel organisiert war. Aber es muss z.B. auch Chöre von Priestern und Leviten gegeben haben, die am Gottesdienst beteiligt waren. Auch Musikinstrumente gab es schon, wir können aber nur ahnen, wie die wohl funktioniert haben. Die Melodien selber kennt heute keiner mehr, weil es noch keine Noten gab; die Melodien wurden wahrscheinlich nur durch Zuhören und Nachsingen weitergegeben. Und diese Melodien würden uns wahrscheinlich sehr fremd erscheinen.

Viel später hören wir bei Paulus im Epheserbrief (5,19), dass die ersten Christen gesungen haben, unter anderem Psalmen: »Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn!« Vermutlich haben sie da vieles einfach aus der jüdischen Musiktradition übernommen.

Christlicher Psalmgesang

Viel später, im frühen Mittelalter, ist dann daraus eine Methode des Psalmengesanges geworden. Ich beschreibe das ganz verkürzt und würde wohl von allen Fachleuten korrigiert werden, dass das ja alles viel komplizierter ist.

Beim Vortrag von Texten ging es auch um so simple Dinge wie: dass die gut zu verstehen sein mussten. Es gab ja noch keine Lautsprecheranlagen. Und wenn man einen Text nicht nur vorliest, sondern singt, dann trägt die Stimme weiter. Man wollte auch wichtige Stellen besonders betonen oder auch Stimmungen unterstreichen, damit Menschen einen besseren Zugang zum Inhalt haben. Und es ist ja so, dass wir alle uns Texte besser merken können, wenn sie nicht einfach nur gesprochen werden, sondern auch mit irgendeiner Art von Melodie verbunden sind. Und sie berühren uns dann auch tiefer – heute würde man wahrscheinlich sagen: weil dann mehr Gehirnzentren gleichzeitig angesprochen werden. Aber das ist eigentlich viel zu technisch gedacht.

Grundmuster Parallelismus

Man hat dabei den Hauptteil der Psalmtexte einfach auf einem Ton gesungen. Es ging ja vor allem um den Inhalt. Wenn eine Zeile aber zu lang war, musste man zwischendurch etwas variieren, auch zum Luftholen. Und die Psalmen bestehen ja überwiegend aus zwei Zeilen, die sich gegenseitig erläutern, indem sie eine Sache unter zwei verschiedenen Blickwinkeln beschreiben. In unserem Psalm z.B. gleich Vers 2:

HERR, höre meine Worte,
merke auf mein Seufzen!

Zwischen diesen beiden Zeilen hat man eine Pause zum Luftholen eingefügt. Ich deute das aber gern auch so, dass dadurch ein Raum entsteht, den wir Gott öffnen, damit er da an uns wirken kann.

Am Anfang und am Ende dieser Zeilen hat man dann noch ein paar andere Töne eingefügt; es ist eine überschaubare Anzahl von Tönen, die man dafür genutzt hat, aber sie geben dem Ganzen seinen charakteristischen Klang. Wenn man das Schema einmal intus hat, dann kann man im Grunde beliebige Texte danach singen.

Für den Gebrauch im Gottesdienst hat man schließlich noch ein paar Zusätze hinzugefügt, die die ganze Gemeinde singt. Z.B. steht am Ende die Zeile »Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie im Anfnag, so auch jetzt und in Ewigkeit. Amen.« Das steht natürlich noch nicht in den alttestamentlichen Psalmen, sondern ist ein neutestamentlicher, christlicher Zusatz, der das Ganze in den neuen Rahmen stellt, der durch Jesus gekommen ist.

Außerdem hat man immer noch einen Leitgedanken eingefügt, eine sogenannte Antiphon, eine Art Refrain, der noch einmal einen besonderen Gedanken heraushebt oder ergänzt. Auch den kann dann die Gemeinde mitsingen, während die Psalmtexte selber von einem Vorsänger rezitiert wurden – es gab ja noch keine Gesangbücher.

In den Klöstern konnten die Mönche aber die Psalmen auswendig, und deswegen konnte man sie auch in zwei Chören singen. Die haben sich abgewechselt: jeder Chor sang eine Doppelzeile mit der charakteristischen Pause zum Atemholen in der Mitte, und dann setzte ohne Pause der andere Chor mit der nächsten Doppelzeile ein. Auf diese Weise konnte man im Lauf einer Woche bei den Stundengebeten den ganzen Psalter einmal durchsingen.

Mrz 042018
 

Predigt am 4. März 2018 zu Psalm 4

DEM MUSIKMEISTER. MIT SAITENSPIEL.
EIN DAVIDSPSALM.

Wenn ich rufe, gib mir Antwort,*
du Gott, der für mich Recht schafft.

Du hast mir Raum geschaffen in der Bedrängnis,*
sei mir gnädig und höre mein Beten!

Ihr Mächtigen, wie lange noch schmäht ihr meine Ehre‚*
wie lang liebt ihr das Nichtige und sucht die Lüge?

Erkennt: Den Treuen hat der HERR sich auserwählt.*
Der HERR — er hört es, wenn ich zu ihm rufe.

Erschreckt und lasst die Sünde!*
Bedenkt es auf eurem Lager und werdet stille!

Bringet rechte Opfer dar‚*
auf den HERRN setzt euer Vertrauen!

Viele sind es, die sagen: /
»Wer läßt uns Gutes erfahren?*
Über uns, o HERR, erhebe dein leuchtendes Antlitz!«

Du hast mir weit größere Freude ins Herz gelegt‚*
als jene sie haben bei Korn und Wein in Fülle.

In Frieden leg ich mich nieder und schlafe;*
denn du allein, HERR, lässt mich sorglos wohnen.

Wir hören hier die Worte eines Menschen, der von anderen verleumdet und unter Druck gesetzt wird. Das ist in den Psalmen eine der am häufigsten erkennbaren Situationen: da scheint es mächtige Leute zu geben, die jemanden fälschlich beschuldigen oder Schlechtes über ihn verbreiten.

Bild: geralt via pixabay,
Lizenz: creative commons CC0

Und dieser manipulierte Dorfklatsch ist vermutlich deshalb so gefährlich, weil es damals ja keine Gerichte in unserem Sinn gab, wo man gegen ein Urteil auch Berufung einlegen kann. Streitigkeiten entschieden damals die Ältesten, die Oberhäupter der Familien, die sich im Stadttor trafen. Und die waren natürlich viel stärker manipulierbar durch das allgemeine Gerede, als es ein ordentliches Gericht ist. Da gab es direkte und indirekte Korruption, oder man traute sich nicht, dem Chef einer besonders angesehenen Familie zu widersprechen.

Außerdem sind in so einem überschaubaren Ort natürlich alle voneinander abhängig, und wenn über jemanden böse Gerüchte verbreitet wurden, dann konnte der nicht einfach sagen: rutscht mir doch den Buckel runter! Das hatte schnell Auswirkungen im Alltag, wenn der Rest des Dorfes mit einem nichts mehr zu tun haben will, wenn die Nachbarschaftshilfe nicht funktioniert und der Bauer von gegenüber mir nicht mehr seinen Pflug leiht, wenn meiner kaputt ist.

Nun muss man aber sagen, dass das alles Vermutungen sind. Man kann so eine Situation aus den Psalmen rekonstruieren, aber worum genau es bei diesen Verleumdungen und Streitigkeiten genau geht, das wird nie klar gesagt. Die konkrete Situation ist in der Regel nur andeutungsweise erkennbar. Viele Psalmen werden dem König David zugeschrieben, der ja ein großer Dichter und Sänger war. Manchmal werden sie sogar einer besonderen Situation in seinem Leben zugeschrieben. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass alle Psalmen, über denen »Ein Davidspsalm« steht, auch wirklich von David stammen.

Aber das muss kein Nachteil sein. Die Psalmen sind eben keine Geschichtsbücher, in denen uns 3000 Jahre alte Dorfkonflikte beschrieben werden, sondern sie sind Dichtung, und weil sich da jemand an Gott richtet, ist es Gebetsdichtung. In den Psalmen sind die genauen Umstände so unpräzise beschrieben, damit sich viele Menschen darin wiederfinden können. Und die Situation, dass andere dich zu Unrecht beschuldigen, das ist eben eine universal menschliche Situation. Klatsch wird zwar bei uns heute nicht mehr am Dorfbrunnen weitererzählt, sondern bei Facebook oder WhatsApp oder auf Bewertungsportalen, aber das macht die Sache nicht angenehmer.

Wer in der Schule oder am Arbeitsplatz gemobbt wird, wo er den Leuten nicht einfach aus dem Weg gehen kann, der hat ein großes Problem. Da kann man krank von werden. In der ehemaligen DDR war das sogar staatlich organisiert durch die Stasi, da hat man Oppositonelle systematisch zermürbt, indem man mit genauer Planung Gerüchte über sie verbreitet hat.

Deswegen sagt ja auch das 8. Gebot: »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten«. Es geht nicht ums Lügen allgemein, sondern um Lügen, mit denen man andere in ihrem Umfeld unmöglich machen will, vielleicht sogar ihre soziale Existenz zerstört. Es geht um Menschen, die über andere eine falsche Geschichte erzählen und damit ihre Ehre, ihre Reputation, ihren Ruf ruinieren wollen. Man nennt das heute eher Mobbing, aber die Mechanismen sind die gleichen.

Ganz viele Psalmen beschreiben also eine Mobbing-Situation. Wenn man die Psalmen nicht nur in Auszügen liest, sondern ganz, dann ist es total auffällig, wie oft das vorkommt. Und erst recht auffällig ist es, dass Gott dabei derjenige ist, auf den die Gemobbten hoffen. Wir würden es ja vielleicht eher so erwarten, dass da gesagt wird: nimm das als Anlass, in dich zu gehen, überlege, ob die nicht vielleicht Recht haben, irgendwie musst du doch auch Schuld haben, wenn die dir so etwas vorwerfen, du bist schließlich auch ein Sünder.

Aber in den Psalmen ist Gott nicht jemand, der Menschen die von außen angegriffen werden, auch noch von innen bedrängt und ihnen ein schlechtes Gewissen macht. Stattdessen ist Gott in den Psalmen immer wieder der letzte und einzige Verbündete, den einer noch hat. So wie in unserem Psalm 4 gleich in der ersten Strophe nach der Überschrift:

Wenn ich rufe, gib mir Antwort,*
du Gott, der für mich Recht schafft.

Gott erscheint in den Psalmen immer wieder als der starke Verbündete, der dem Gemobbten beisteht und ihm Recht verschafft. Man kann sogar vermuten, dass es dafür im Tempel ein Ritual gab, in dem sich der Angegriffene verteidigen konnte, eine Art Gottesurteil, das die Priester vollzogen. Auch darüber wissen wir leider nichts wirklich Klares, aber in den Psalmen finden sich immer wieder Andeutungen, dass der Tempel eine Art Berufungsinstanz war, wo Menschen Zuflucht fanden, die in ihrer Gemeinschaft verurteilt worden waren. In den Gesetzen des Mose hören wir von einem Ritual für Frauen, die fälschlich des Ehebruchs beschuldigt wurden. Aber über das meiste haben wir nur Andeutungen.

Hier in unserem Psalm scheint es nun so zu sein, dass im Tempel so eine Art Gottesurteil zugunsten des Beters ausgegangen ist, denn es heißt ja:

Du hast mir Raum geschaffen in der Bedrängnis,*
sei mir gnädig und höre mein Beten!

Und das Problem scheint zu sein, dass die Verleumder trotz dieses Gottesurteils nicht aufhören mit ihrem Gerede. Denn anschließend wendet sich der Beter direkt an seine Verleumder:

Ihr Mächtigen, wie lange noch schmäht ihr meine Ehre‚*
wie lang liebt ihr das Nichtige und sucht die Lüge?

Anscheinend akzeptieren die nicht, dass Gott sich in irgendeiner Weise für diesen Beter ausgesprochen hat. Aber das Gute ist, dass dieser Psalm ihm Worte gibt, um die Situation zu kennzeichnen. Jemand, der gemobbt wird, der findet sich ja in einem Strudel von negativer Energie wieder, von allen Seiten dringen die Angriffe und Verleumdungen auf ihn ein. Das ist äußerst verwirrend. Natürlich fragst du dich in so einer Situation, ob die vielleicht Recht haben. Wenn es alle sagen, vielleicht bin ich ja wirklich so? Und es kann sein, dass Menschen dann das Urteil der anderen über sich akzeptieren und sich selbst als wertlos ansehen.

Wir hören das heute dauernd von Menschen, die von anderen missbraucht worden sind, dass die Täter denen dann auch noch einreden, sie seien selbst schuld, weil sie böse wären, und die schämen sich sowieso schon und können sich dann erst recht nicht wehren, weil sie in ihrem Selbstwert beschädigt worden sind. Aber das läuft alles indirekt und verwirrend ab, dass sie gar nicht begreifen, was da mit ihnen geschieht.

Hier in unserem Psalm wird deshalb ein anderes Deutungsmuster angeboten: da sind Mächtige, die die Ehre, das Ansehen anderer zerstören wollen. Und dazu bedienen sie sich der Lüge und sind verliebt in das »Nichtige«, damit ist gemeint das Kaputte und Zerstörerische. Es sind Menschen, die Unheil stiften, es sind Zerstörer. Und damit hat so ein Mensch endlich Worte für das, was ihm angetan wird. So wie es gut ist, dass es heute Worte wie »Mobbing« oder »Missbrauch« gibt, die Menschen helfen, ihre Situation zu begreifen.

Der Vorzug der Psalmen ist aber, dass sie Gott in diese Situation hineinbringen als den großen Verbündeten gegen die Verleumder. Und der Beter ruft seine Feinde auf, das endlich anzuerkennen:

Erkennt: Den Treuen hat der HERR sich auserwählt.*
Der HERR — er hört es, wenn ich zu ihm rufe.

Erschreckt und lasst die Sünde!*
Bedenkt es auf eurem Lager und werdet stille!

Er sagt damit: ich habe einen Verbündeten, unterschätzt den nicht! Denkt noch mal darüber nach, ob ihr euch mit Gott anlegen wollt! Wir scheuen uns heute, so direkt Gott ins Spiel zu bringen, ja sogar mit ihm zu drohen, weil damit ja auch viel Schindluder getrieben worden ist. Aber ich glaube, dass man das durchaus ernst nehmen sollte: es ist gar nicht so selten, dass Menschen, die andere hartnäckig verleumden, ein böses Ende finden. Zerstörer zerstören immer auch sich selbst mit. Auf jeden Fall bringen sie sich um die Erfahrung, dass man sich auf Gott verlassen kann. Und in dieses Vertrauen lädt der Psalmbeter sie ein:

Bringet rechte Opfer dar‚*
auf den HERRN setzt euer Vertrauen!

Er beschreibt die zynische Haltung, die sich einstellt, wenn man aus diesem Vertrauen herausgefallen ist:

Viele sind es, die sagen: /
»Wer läßt uns Gutes erfahren?*

Das ist die Haltung von Menschen, die sagen: um mich kümmert sich ja doch keiner, ich muss für mich selbst sorgen! Wir erleben, wie zerstörerisch sich das in der Politik auswirkt, wenn Menschen sich in diese Haltung verrennen: ich bin denen da oben doch egal! Selbst wenn es stimmt (und es stimmt ja leider manchmal), dann ist das eine zerstörerische Haltung, aus der nichts Gutes entsteht, für niemanden. Dagegen setzt der Psalmbeter die Bitte:

Über uns, o HERR, erhebe dein leuchtendes Antlitz!«

Und er beschreibt, dass es tatsächlich eine Gemeinschaft mit Gott gibt, die unabhängig ist von den Umständen, unter denen Menschen leben müssen:

Du hast mir weit größere Freude ins Herz gelegt‚*
als jene sie haben bei Korn und Wein in Fülle.

Es gibt tatsächlich eine Freude, die von innen kommt und die einem niemand nehmen kann. Alle äußeren Reichtümer und Erlebnisse müssen ja bei uns innen ankommen, und wenn das gestört ist, dann nützt auch die tollste Urlaubsreise nichts: sie bleibt äußerlich. Was nützen Korn und Wein in Fülle, wenn Menschen mit sich und ihrem Ursprung nicht im Reinen sind?

Dagegen sagt der Psalmbeter: auch wenn ich verleumdet werde,

In Frieden leg ich mich nieder und schlafe;*
denn du allein, HERR, lässt mich sorglos wohnen.

Vielleicht hat er eine Art Zuflucht im Tempel gefunden, die genauen Umstände wissen wir nicht, aber Gott hat dafür gesorgt, dass er wieder ruhig schlafen kann. So wie Petrus viel später in der Nacht vor seiner geplanten Hinrichtung tief und fest schlief.

Gott schaut auf uns und übersieht uns nicht. Und so begegnet Gott bis heute angegriffenen und verleumdeten Menschen, die sich an ihn wenden, und schenkt ihnen ruhigen Schlaf.