Apr 172007
 

Am Wochenende war bei uns Konfirmation, deswegen hatte ich beim Bloggen eine längere Pause eingelegt. In diesem Jahr ist es gut gelaufen – wir hatten eine Gruppe, die im letzten Jahr richtig gut zusammengewachsen ist, mit den Eltern haben wir uns prima verstanden (bei uns arbeiten Eltern im Konfirmandenunterricht mit – ungefähr 30 % der Familien sind dabei vertreten) und jetzt die Konfirmation war auch sehr schön.
Trotzdem spüre ich – und zwar ganz besonders in den Momenten, wo es gut läuft! – sehr deutlich die Begrenzungen des gesellschaftlichen Musters, nach dem bei uns Christentum funktioniert. Ich versuche es zu formulieren: ihr Kirchenleute erledigt für uns die Sache mit Gott. Irgendwer muss es ja wohl machen. Wir freuen uns, wenn ihr es gut macht, wir schätzen euch dann, wir bezahlen euch, wir machen auch in Grenzen mit – aber bewahrt uns davor, allzu tief da hineingezogen zu werden.
So ist das wohl kaum von jemandem formuliert worden, aber so funktioniert es. Ganz selbstverständlich und ohne dass man da groß drüber nachdenken müsste. Auch relativ unabhängig von der Qualität kirchlicher Arbeit. Alle Gemeindearbeit steht unter diesem Vorzeichen – schön, wenn dann in der Klammer gute Dinge geschehen. Aber die Klammer bleibt.
Das ist der gesellschaftliche Kompromiss zwischen Gesellschaft und Kirche. Er kann von der Kirche nicht einseitig verändert werden, weil es ja ein Gegenüber gibt, das dabei mitspielen muss. Übrigens: auch eine Freikirche kommt da nicht einfach raus. Aber es ist natürlich die Frage, ob die Kirche diesen Status Quo auch selbst akzeptiert und richtig findet.
Wir wissen aus der Paartherapie: wenn von zwei Partnern einer sich ändert, dann kann der andere auf die Dauer auch nicht so bleiben, wie er ist. Also geht es zuerst darum, uns selbst zu verändern. Die Organisationsgeschichte neu zu erzählen. Mit ein bisschen Kosmetik und Modernisierung ist es da wirklich nicht getan.

Feb 252007
 

Aus gegebenem Anlass (unsere Gerichtsverhandlung zum Kirchenasyl letzte Woche, bei der ja auch einige mit dabei waren) habe ich jetzt über Hinweise Jesu für Christen vor Gericht nachgedacht. Um es vorweg zu sagen: an Stellen wie Markus 13,9-11 ist natürlich von brutaler Christenverfolgung die Rede, und darum ging es bei uns nicht. Trotzdem: wenn Jesus sagt, dass wir vorher unsere Worte nicht planen sollen, sondern uns vom Heiligen Geist leiten lassen sollen, dann kann man das sicher auch für so eine Situation gelten lassen.

Anscheinend ist eine Gerichtsverhandlung in Jesu Augen eine verheißungsvolle Situation: man kann da ganz besonders mit dem Heiligen Geist rechnen. Ich finde das eine wichtige Ergänzung zu all der Lobpreis-Theologie, die wir sonst auch kennen. Es muss eben kein mit besonderer Kreativität und Können vorbereiteter Gottesdienst sein. Gerade mitten in den sehr weltlichen Kämpfen und Entscheidungssituationen sollen wir mit Gottes Präsenz rechnen. Das war ja auch eine der Erkenntnisse Dietrich Bonhoeffers aus seiner Haftzeit.

Warum aber die Warnung davor, sich vorher alles gut zurechtzulegen?

  1. Wir sollen uns sowieso keine Sorgen machen, und deshalb auch nicht vor einer Gerichtsverhandlung.
  2. Ängstliches Grübeln vorher macht eher schwach.
  3. Der Heilige Geist hilft uns, die Situation zu erspüren und auf sie einzugehen. Eine vorher eingeübte Strategie kann da hinderlich sein, denn es kommt leicht ganz anders als gedacht, und dann kann man nicht so schnell umschalten.
  4. Eine Gerichtsverhandlung – so habe ich es erlebt – ist tatsächlich im aktenorientierten Justizbetrieb ein Moment, in dem echtes Leben die Begrenzungen des Papiers hinter sich lässt und eine Möglichkeit hat, authentisch zur Sprache zu kommen. Und zwar, wenn sie gut geleitet wird, auch so, dass Menschen das Gefühl haben können, dass ihr Anliegen gehört worden ist. Dieser authentischen Situation soll man eine Chance geben.
  5. Wir überschauen sowieso nicht so genau, was wir mit unseren Worten bewirken – warum also sich nicht dem Heiligen Geist anvertrauen?
Jan 292007
 

Wer sich im Internet umschaut, merkt: Es gibt viele grundlegend neue Gedanken über die Gemeinde der Zukunft. Skizzenhaft oft noch, aber mit der Bereitschaft, Gemeinde noch einmal ganz neu zu denken. Weg von dem, was wir als die Gesellschaft dominierendes Christentum kennen. Wie aber sieht das aus in der norddeutschen Tiefebene?

Unter einem Stichwort wie „emerging church“ denken international viele unterschiedliche Christen darüber nach, wie zukunftsfähige christliche Gemeinschaften aussehen können: ohne den Ballast aufwändiger und teurer Organisation, dafür echt, an Menschen orientiert, der sozialen Gerechtigkeit und einem freundlichen Umgang mit der Schöpfung verpflichtet. Orientiert an den ersten drei Jahrhunderten der Christenheit, die ohne staatliche Unterstützung (unter staatlichem Druck) ein enormes missionales Potential entfaltete. Inspirierende neue Gedanken kommen dabei vor allem aus dem englischsprachigen Raum – England, Australien, auch USA. Bücher sind oft (noch) nicht übersetzt, und vieles wird erst einmal im Internet formuliert und diskutiert. In Weblogs finden sich viele Mosaiksteine. Als jemand, der in einer eher ländlichen Situation lebt und arbeitet, interessiert mich vor allem, wie das alles in meiner Umgebung funktionieren kann.

Denn viele Überlegungen und Experimente sind sehr deutlich von städtischer Kultur und deren Möglichkeiten geprägt. So viel Sympathie ich auch dafür habe – ich würde doch gern wissen, wie Gemeinde aussehen kann in einem Umfeld, in dem (noch?) sehr viel mehr Homogenität vorhanden ist, und wo die (auch vorhandenen) unterschiedlichen Kulturen und Lebensstile sehr viel durchlässiger sind.

Und dieses Umfeld ist keine aussterbende Kultur, sondern stellt einen erheblichen Anteil der deutschen Bevölkerung und Wirtschaftsleistung. So schrieb neulich (17.1.07) die Frankfurter Rundschau:

Rein numerisch hat der ländliche Raum noch ein großes Gewicht: Gut die Hälfte der Bevölkerung und 90 Prozent der Fläche des Staats gehören zum ländlichen Raum. Auch ökonomisch ist der ländliche Raum nicht von vornherein das Armenhaus der Nation. Natürlich gibt es viele ländliche Gebiete, die von hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung betroffen sind. Auf der anderen Seite stehen jedoch reiche oder aufstrebende Agrarlandschaften mit baulich und infrastrukturell attraktiven und intakten Dörfern.

und weiter:

Dörfer und ländliche Regionen sind äußerst vielfarbig und tiefgründig zugleich. Ihre ausgeprägten regionalen und lokalen Individualitäten, ihre vielschichtigen Potenziale und Probleme entziehen sich einer einfachen Darstellung und Generalisierung.

Aber auch auf dem Land bleibt die Zeit nicht stehen:

Als neuer Trend ist zu beobachten, dass – fast unsichtbar – moderne private Dienstleistungen wie Versicherungen, Steuer- und Unternehmensberatung, Soft- und Hardwareentwicklung ins Dorf Eingang gefunden haben.

Also: die gesellschaftlichen Trends kommen – mit einer gewissen Verzögerung – auch hier an. Aber sie mischen sich stärker in den Mainstream, werden unaufgeregt eingebaut. Was bedeutet das für die Zukunft der Gemeinde hier bei uns?

Diesem Thema möchte ich hier nachgehen – und auf der anderen Seite die motivierendsten Ideen zur Gemeinde der Zukunft sammeln und kommentieren. Ich finde es faszinierend, wie seit einigen Jahren ein ungeheuer beschleunigter Fluss von Gedanken und Ideen Christen verbindet, die geografisch manchmal Hunderte und Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind. Ohne große Organisation, einfach indem man sich von einer Website zur anderen, von einem Blog zum nächsten hangelt. Und hiermit startet auch mein Beitrag dazu.