Mai 172007
 

In einem ersten Post hatte ich eine Übersicht über die bei uns entwickelte Form eines Clusters (Bündelung von Kleingruppen) gegeben. In diesem Post stelle ich die unterstützende Infrastruktur im Hintergrund dar.

Leitung

Wie jede Gruppe braucht auch HorizonT eine Leitungsstruktur. Zentrales Leitungsorgan ist bei uns das kleine Team, das aus etwa 5 Mitgliedern besteht. Das Team ist vor allem zuständig für die Beobachtung der Gruppenentwicklung und die Planung. Wir verbringen viel Zeit damit, mögliche Entwicklungspfade zu diskutieren und neue Impulse zu finden, die wir dann in die Gruppe hineingeben. Natürlich geht es auch immer mal wieder um Organisatorisches, aber diesen Teil versuchen wir zu minimieren. Stattdessen überlegen wir lieber, wie wir die Prozesse in der Gruppe so einfach und übersichtlich gestalten, dass die Organisation von allein klappt.

Das kleine Team wertet jede Woche den Abend im Anschluss kurz aus: wie hat alles geklappt, wie läuft es in den Gruppen, was muss für das nächste Mal bedacht werden usw. So geht wenig verloren oder wird übersehen. Außerdem trifft sich das kleine Team etwa alle zwei Wochen zur Teamsitzung, bei der wir intensiv über die Weiterentwicklung der Gruppe nachdenken: was muss verändert werden, welche Regelungen sollten wie implementiert werden, müsste man nicht alles noch mal ganz anders machen? Wir denken über alles nach, schmeißen viele Ideen wieder weg und behalten das, was uns am besten gefällt. Und hinterher werten wir aus. Wir sind gern zusammen, wir denken gern gemeinsam nach. Manchmal merken wir aber auch, dass wir kaum noch wissen, wie es dem anderen geht (wir sind über die Untergruppen verstreut). Dann erzählen wir uns erstmal gegenseitig, wie es bei uns aussieht. Oft fragt mich meine Frau hinterher: »Was war denn heute wieder bei euch los? Ich habe euch dauernd lachen gehört.« (unser Haus ist nicht gut schallisoliert). Die Teamarbeit muss Spaß machen, sonst ist sie nur ein weiterer belastender Termin im Kalender.
Diese Fantasiearbeit im kleinen (und auch im großen, s. u.) Team ist von entscheidender Bedeutung. Hätten wir nur einen Leiter oder ein Leiterehepaar, dann wäre die Gefahr der Stagnation viel größer – einfach, weil man als Einzelner viel schneller dazu neigt, alles wieder nach Schema F zu machen. Wir haben immer wieder erlebt, dass die Gruppe leidet, wenn sich das Team – z.B. wegen Terminproblemen – länger nicht trifft. Die Gruppe läuft dann eben wie immer, aber es kommen keine neuen Impulse, und Probleme werden übersehen. Das alles trägt dazu bei, dass die Gruppe auch nach 9 Jahren (da fingen wir mit einer Kleingruppe an) flexibel bleibt und immer wieder Neues ausprobiert.
Ein weiteres Leitungsgremium ist das große Team. Es trifft sich in größeren Abständen (1-3 Monate) und bespricht die großen Linien. Grundsätzlich gilt für das große Team alles, was ich zum kleinen Team geschrieben habe. Es ist nur weniger intensiv, weil es sich seltener trifft. Zum großen Team gehören Gruppenmitglieder, die am Kurs der Gruppe interessiert sind, aber nicht die Zeit haben, regelmäßig in der Leitung mitzuarbeiten. Diese Gruppe ist offen für alle Interessierten; ihre Treffen werden regelmäßig angekündigt. Wenn alle da sind, gehören zum großen Team beinahe 50 % der Mitglieder.
Diese Leitungsstruktur ist für die Gruppe transparent. Weniger in dem Sinn, dass Titel und Ämter vergeben werden, sondern so, dass die Gruppe weiß, dass es die verschiedenen Teams gibt. Sie merkt es vor allem daran, dass sie immer wieder mal mit neuen Ideen traktiert wird 😉 . Aber inzwischen ist das schon nicht mehr so überraschend. Man kann sich auch an konstante Veränderung gewöhnen, wirklich. Wir versuchen dafür zu sorgen, dass das Wissen um die Planungsprozesse durch den Cluster hindurch verteilt ist.
Der ganze Cluster ist durch regelmäßige Planungsabende an der Leitung beteiligt.

Planungsabende

Im Abstand von etwa 1/2 Jahr gibt es Planungsabende für die ganze Gruppe. Wir tragen auf Karten Eindrücke zusammen, sammeln sie an einer Pinwand und ordnen sie zu einer Momentaufnahme der Gruppe. Von da aus entwickeln wir dann Perspektiven für das nächste halbe Jahr. Es ist interessant zu sehen, dass sich in der Regel aus den unterschiedlichen Beiträgen eine relativ einheitliche Momentaufnahme des Gruppenprozesses ergibt.
Über die Ergebnisse wird ein Protokoll erstellt – an Hand dieser Protokolle kann man recht gut sehen, wie sich die Gruppe entwickelt, welche Problem gelöst und welche Aufgaben noch offen sind.

Die bisher beschriebenen Elemente gehören sozusagen zum Kern unserer Cluster-Infrastruktur. Darüber hinaus haben wir noch weitere Strukturen entwickelt oder eingebaut (ich nenne sie mal Module), die wichtig und hilfreich, aber variabel sind. Sie kommen je nach Situation stärker oder schwächer zur Geltung.

Modul: Freundeskreis

Im Laufe der Zeit stießen wir darauf, dass die Gruppe ein Umfeld an »Sympathisanten« erzeugt: Menschen, die wir kennen, die freundlich an uns interessiert sind, ohne sich jedoch der Gruppe anschließen zu wollen. Oft sind es Freunde und Bekannte, Ehepartner und Kinder der Gruppenmitglieder; oder interessierte Menschen, auf die ich im Rahmen meiner Gemeindearbeit aufmerksam werde. Auch wenn wir es sehr bedauerlich fanden, dass sie nicht zu uns stießen, so entschlossen wir uns doch, diese Tatsache zu akzeptieren. Wir überlegen deshalb ständig, wie wir alles, was wir tun, so gestalten können, dass jederzeit Außenstehende – auch nur punktuell – dazustoßen können. So entsteht eine Art Freundeskreis, für den es keine feste Mitgliedschaft gibt, den wir aber immer mal wieder (z.B. zu HorizonT- Abenden, s. u.) einladen. Dabei gilt: wir machen nur Dinge, von denen wir selbst etwas haben. Wenn dann jemand aus dem Freundeskreis dazu kommt – um so besser. Wenn nicht, ist es für uns selbst. Einige aus dem Freundeskreis sind doch noch Gruppenmitglieder geworden, andere haben sich aus diesem Umfeld auch wieder entfernt.

Modul: HorizonT- Abend

Alle 1-2 Monate machen wir einen gemeinsamen Abend, zu dem wir auch gezielt Gäste einladen (in der Regel nicht öffentlich, sondern persönlich). Mal kommen mehr, mal weniger. Es gibt ein gemeinsames Abendessen, anschließend einen inhaltlichen Beitrag, dann Gespräche dazu in den Kleingruppen, die um unsere Gäste verstärkt sind. Im letzten halben Jahr hatten wir einen fortlaufenden Ehe-Kurs im Monatsabstand, aber meist machen wir abgeschlossene Einzelabende. Wir suchen uns nicht besondere „missionarische“ Themen aus, sondern bearbeiten Themen, die uns selbst auch voranbringen. Manchmal laden wir auch Referenten ein (z.B. hat ein örtlicher Gynäkologe über seine befristete Mitarbeit in einer afrikanischen Klinik erzählt – das war übrigens teilnehmermäßig der Renner).

Modul: Seminar

Ca. zweimal im Jahr machen wir gemeinsam ein Wochenendseminar: eins im Gemeindehaus und eins auswärts. Auch dazu fahren oft Gäste mit. Gerade eben war das Thema der sich abzeichnende Klimawandel, im vergangenen Herbst haben wir gemeinsam Bonhoeffer-Texte gelesen.

Modul: Internet

Eigentlich müsste sich in einer Gruppe wie HorizonT ausgezeichnet internetgestützt arbeiten lassen: Termine, Ideen, Texte in der Woche übers Internet zu kommunizieren, das würde die Kommunikationsdichte enorm verstärken. Oder wenn alle twittern täten. Als Idee klasse (vielleicht klappt es ja bei anderen), aber in der Praxis ist es daran gescheitert, dass viele unserer Mitglieder nicht gern oder gar nicht im Internet sind. Stattdessen blogge ich jetzt eben.

Modul: Musikalische Späterziehung

Einige von uns wollten gern nachholen, was ihnen in ihrer Jugend nicht gelungen ist: Zugang zur Musik finden. Dafür gibt es jetzt zusätzlich eine Gruppe. Auch dort machen einige Gäste mit.

Ideen für weitere Module

Wir probieren immer mal wieder was Neues aus, ohne vorher zu wissen, was draus wird:

  • Wir haben zusammen ein Gefängnis besucht
  • Vielleicht arbeiten wir mal bei einer Tafel mit
  • wir kümmern uns, wenn es sich ergibt, um Menschen mit besonderen Problemen – mit wechselndem Erfolg
  • wir geben uns Tipps, wie sich der Alltag schöpfungsfreundlicher gestalten lässt (gestern hatte unsere neue Bio-Kiste [Gemüse-Abo, auch das gibt es inzwischen auf dem Land] ihren großen Auftritt bei HorizionT)

So, das war eine Übersicht über die Organisation. Dahinter stehen natürlich auch formulierte Grundsätze und pragmatische Prinzipien. Darüber wird es demnächst einen weiteren Post geben.

Mai 142007
 

Ich hatte im letzten Post ein Cluster-Konzept aus Sheffield übersetzt, das ich interessant fand, weil wir bei uns – ohne den Begriff zu kennen – auch so etwas wie ein Cluster-Konzept entwickelt haben. Durch den Kommentar von Simon erfuhr ich jetzt von anderen Cluster-Erfahrungen und möchte nun noch einmal unser Konzept etwas deutlicher beschreiben.

Probleme mit Kleingruppen

Ausgangspunkt war bei uns die übliche Kleingruppen-Erfahrung: wachsende Kleingruppen werden irgendwann zu groß, und dann schrumpfen sie wieder oder wachsen wenigstens nicht mehr. Außerdem werden sie mit der Zeit unbeweglich. Der übliche Ratschlag für so eine Situation ist das Teilen der Gruppe: es entstehen zwei Gruppen, die dann wieder wachsen, bis sie so groß sind, dass sie wieder geteilt werden.
Manchmal funktioniert dieses Konzept wohl auch. Ich habe es jedenfalls jahrelang brav probiert. Wir hatten damit aber fast immer Probleme:

  • meistens lässt sich so eine Gruppenteilung nur mit einem gewissen Maß an Gewalt durchdrücken, weil Menschen an den Beziehungen in ihrer Kleingruppe hängen
  • bei solchen Teilungen verliert man fast immer Menschen (aus den verschiedensten Gründen)
  • die neuen Gruppen entwickeln schnell ein Eigenleben, und es ist schwer, sie dann punktuell wieder zusammen zu bekommen
  • es stehen nicht immer genügend neue Gruppenleiter zur Verfügung (mein ursprünglicher naiver Optimismus, dass Gott die schon schicken würde, hat den Praxistest nicht bestanden – vielleicht funktioniert das ja in anderen Umgebungen)
  • für die Gruppenleiter ist das dann notwendige Koordinierungstreffen eine weitere Terminbelastung – und sie sehen nicht unbedingt, was ihnen das bringt; ein individuelles Coachung ist bei solchen Treffen nicht immer möglich
  • wenn ich zusätzlich noch eine individuelle Betreuung der Leiter leisten soll, dann bin ich auch zeitlich überfordert

Als wir dann mit unserer Gruppe „HorizonT“ (eine Art Experimental-Gruppe auf der Suche nach neuen Möglichkeiten) die normale Kleingruppen-Größe überschritten, war für mich deshalb klar: keine weiteren Teilungsversuche. Aber was dann?
Als Antwort entwickelten wir so etwas wie ein Cluster-Modell. Continue reading »

Mai 082007
 

Ich fand via Marlin bei der St. Thomas‘ Church in Sheffield einen interessanten Artikel über Cluster – eine Organisationsform zwischen Kleingruppe und Ortsgemeinde. Es erinnert mich an unsere Organisationsform bei HorizonT. Bevor ich noch viel erkläre, übersetze ich den Artikel – da steht alles drin. Man beachte aber, dass der Artikel im September 2003 zuletzt bearbeitet wurde.

Was?

Viele Gemeinden haben Kleingruppen oder Zellgruppen (oft informelle Bibelgruppen, die von Freiwilligen geleitet werden) und Versammlungen der ganzen Gemeinde (in der Church of England meist in der festen Form des Kathedralgottesdienstes unter Leitung der Geistlichen). Wir in St. Thomas haben uns bemüht, wieder eine überschaubare Form dazwischen zu finden, in der man Gemeinde leben und erleben kann: eine Gemeinschaft von Christen, die sich zur Mission in der größeren Gemeinschaft, zu der sie gehören, verpflichtet hat; die Leitung liegt in der Hand von Freiwilligen, die von erfahrenen Leitern (einige davon ordinierte Geistliche, aber nicht nur) unterstützt werden.
Cluster bestehen aus Kleingruppen, die die gleiche oder eine ähnliche Vision gemeinsam haben. Oft sind sie aus der Vervielfältigung einer einzigen Kleingruppe hervorgegangen. Eine Gemeinschaft von zwei oder drei Kleingruppen würde man einen wachsenden Cluster nennen, und wenn im Laufe der Zeit die Kleingruppen auf sechs oder acht gewachsen sind, dann entstehen aus dem ursprünglichen Cluster normalerweise zwei neue Cluster.

Warum?

Es scheint, dass Gott Menschen so eingerichtet hat, dass wir uns normalerweise in drei verschiedenen Gruppengrößen versammeln. In der Bibel finden sich etwa im Alten Testament die Familie, der Clan und der Stamm; in den Evangelien das Haus, die Synagoge und der Tempel; und unter den Jüngern Jesu die Gruppen der Zwölf, der Siebzig und der Hundertzwanzig.
In St. Thomas kennen wir diese Gruppen als Kleingruppen, als Cluster und als Gottesdienst [Engl. celebration. Dieses Wort bedeutet hier offenbar mehr als einen Gottesdienst, nämlich so etwas wie eine Sub-Gemeinde. Auf der aktuellen Website der Gemeinde taucht der Begriff jetzt aber nicht mehr auf.]. Die Beziehungen werden um so enger, je mehr man zu den kleineren Gruppenformen kommt; auf der anderen Seite nimmt die Qualität der Inhalte (in Anbetung, Lehre, Kinderarbeit usw.) zu, wenn man zu den größeren Einheiten kommt. Für manche Continue reading »

Apr 172007
 

Am Wochenende war bei uns Konfirmation, deswegen hatte ich beim Bloggen eine längere Pause eingelegt. In diesem Jahr ist es gut gelaufen – wir hatten eine Gruppe, die im letzten Jahr richtig gut zusammengewachsen ist, mit den Eltern haben wir uns prima verstanden (bei uns arbeiten Eltern im Konfirmandenunterricht mit – ungefähr 30 % der Familien sind dabei vertreten) und jetzt die Konfirmation war auch sehr schön.
Trotzdem spüre ich – und zwar ganz besonders in den Momenten, wo es gut läuft! – sehr deutlich die Begrenzungen des gesellschaftlichen Musters, nach dem bei uns Christentum funktioniert. Ich versuche es zu formulieren: ihr Kirchenleute erledigt für uns die Sache mit Gott. Irgendwer muss es ja wohl machen. Wir freuen uns, wenn ihr es gut macht, wir schätzen euch dann, wir bezahlen euch, wir machen auch in Grenzen mit – aber bewahrt uns davor, allzu tief da hineingezogen zu werden.
So ist das wohl kaum von jemandem formuliert worden, aber so funktioniert es. Ganz selbstverständlich und ohne dass man da groß drüber nachdenken müsste. Auch relativ unabhängig von der Qualität kirchlicher Arbeit. Alle Gemeindearbeit steht unter diesem Vorzeichen – schön, wenn dann in der Klammer gute Dinge geschehen. Aber die Klammer bleibt.
Das ist der gesellschaftliche Kompromiss zwischen Gesellschaft und Kirche. Er kann von der Kirche nicht einseitig verändert werden, weil es ja ein Gegenüber gibt, das dabei mitspielen muss. Übrigens: auch eine Freikirche kommt da nicht einfach raus. Aber es ist natürlich die Frage, ob die Kirche diesen Status Quo auch selbst akzeptiert und richtig findet.
Wir wissen aus der Paartherapie: wenn von zwei Partnern einer sich ändert, dann kann der andere auf die Dauer auch nicht so bleiben, wie er ist. Also geht es zuerst darum, uns selbst zu verändern. Die Organisationsgeschichte neu zu erzählen. Mit ein bisschen Kosmetik und Modernisierung ist es da wirklich nicht getan.

Feb 252007
 

Aus gegebenem Anlass (unsere Gerichtsverhandlung zum Kirchenasyl letzte Woche, bei der ja auch einige mit dabei waren) habe ich jetzt über Hinweise Jesu für Christen vor Gericht nachgedacht. Um es vorweg zu sagen: an Stellen wie Markus 13,9-11 ist natürlich von brutaler Christenverfolgung die Rede, und darum ging es bei uns nicht. Trotzdem: wenn Jesus sagt, dass wir vorher unsere Worte nicht planen sollen, sondern uns vom Heiligen Geist leiten lassen sollen, dann kann man das sicher auch für so eine Situation gelten lassen.

Anscheinend ist eine Gerichtsverhandlung in Jesu Augen eine verheißungsvolle Situation: man kann da ganz besonders mit dem Heiligen Geist rechnen. Ich finde das eine wichtige Ergänzung zu all der Lobpreis-Theologie, die wir sonst auch kennen. Es muss eben kein mit besonderer Kreativität und Können vorbereiteter Gottesdienst sein. Gerade mitten in den sehr weltlichen Kämpfen und Entscheidungssituationen sollen wir mit Gottes Präsenz rechnen. Das war ja auch eine der Erkenntnisse Dietrich Bonhoeffers aus seiner Haftzeit.

Warum aber die Warnung davor, sich vorher alles gut zurechtzulegen?

  1. Wir sollen uns sowieso keine Sorgen machen, und deshalb auch nicht vor einer Gerichtsverhandlung.
  2. Ängstliches Grübeln vorher macht eher schwach.
  3. Der Heilige Geist hilft uns, die Situation zu erspüren und auf sie einzugehen. Eine vorher eingeübte Strategie kann da hinderlich sein, denn es kommt leicht ganz anders als gedacht, und dann kann man nicht so schnell umschalten.
  4. Eine Gerichtsverhandlung – so habe ich es erlebt – ist tatsächlich im aktenorientierten Justizbetrieb ein Moment, in dem echtes Leben die Begrenzungen des Papiers hinter sich lässt und eine Möglichkeit hat, authentisch zur Sprache zu kommen. Und zwar, wenn sie gut geleitet wird, auch so, dass Menschen das Gefühl haben können, dass ihr Anliegen gehört worden ist. Dieser authentischen Situation soll man eine Chance geben.
  5. Wir überschauen sowieso nicht so genau, was wir mit unseren Worten bewirken – warum also sich nicht dem Heiligen Geist anvertrauen?
Jan 292007
 

Wer sich im Internet umschaut, merkt: Es gibt viele grundlegend neue Gedanken über die Gemeinde der Zukunft. Skizzenhaft oft noch, aber mit der Bereitschaft, Gemeinde noch einmal ganz neu zu denken. Weg von dem, was wir als die Gesellschaft dominierendes Christentum kennen. Wie aber sieht das aus in der norddeutschen Tiefebene?

Unter einem Stichwort wie „emerging church“ denken international viele unterschiedliche Christen darüber nach, wie zukunftsfähige christliche Gemeinschaften aussehen können: ohne den Ballast aufwändiger und teurer Organisation, dafür echt, an Menschen orientiert, der sozialen Gerechtigkeit und einem freundlichen Umgang mit der Schöpfung verpflichtet. Orientiert an den ersten drei Jahrhunderten der Christenheit, die ohne staatliche Unterstützung (unter staatlichem Druck) ein enormes missionales Potential entfaltete. Inspirierende neue Gedanken kommen dabei vor allem aus dem englischsprachigen Raum – England, Australien, auch USA. Bücher sind oft (noch) nicht übersetzt, und vieles wird erst einmal im Internet formuliert und diskutiert. In Weblogs finden sich viele Mosaiksteine. Als jemand, der in einer eher ländlichen Situation lebt und arbeitet, interessiert mich vor allem, wie das alles in meiner Umgebung funktionieren kann.

Denn viele Überlegungen und Experimente sind sehr deutlich von städtischer Kultur und deren Möglichkeiten geprägt. So viel Sympathie ich auch dafür habe – ich würde doch gern wissen, wie Gemeinde aussehen kann in einem Umfeld, in dem (noch?) sehr viel mehr Homogenität vorhanden ist, und wo die (auch vorhandenen) unterschiedlichen Kulturen und Lebensstile sehr viel durchlässiger sind.

Und dieses Umfeld ist keine aussterbende Kultur, sondern stellt einen erheblichen Anteil der deutschen Bevölkerung und Wirtschaftsleistung. So schrieb neulich (17.1.07) die Frankfurter Rundschau:

Rein numerisch hat der ländliche Raum noch ein großes Gewicht: Gut die Hälfte der Bevölkerung und 90 Prozent der Fläche des Staats gehören zum ländlichen Raum. Auch ökonomisch ist der ländliche Raum nicht von vornherein das Armenhaus der Nation. Natürlich gibt es viele ländliche Gebiete, die von hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung betroffen sind. Auf der anderen Seite stehen jedoch reiche oder aufstrebende Agrarlandschaften mit baulich und infrastrukturell attraktiven und intakten Dörfern.

und weiter:

Dörfer und ländliche Regionen sind äußerst vielfarbig und tiefgründig zugleich. Ihre ausgeprägten regionalen und lokalen Individualitäten, ihre vielschichtigen Potenziale und Probleme entziehen sich einer einfachen Darstellung und Generalisierung.

Aber auch auf dem Land bleibt die Zeit nicht stehen:

Als neuer Trend ist zu beobachten, dass – fast unsichtbar – moderne private Dienstleistungen wie Versicherungen, Steuer- und Unternehmensberatung, Soft- und Hardwareentwicklung ins Dorf Eingang gefunden haben.

Also: die gesellschaftlichen Trends kommen – mit einer gewissen Verzögerung – auch hier an. Aber sie mischen sich stärker in den Mainstream, werden unaufgeregt eingebaut. Was bedeutet das für die Zukunft der Gemeinde hier bei uns?

Diesem Thema möchte ich hier nachgehen – und auf der anderen Seite die motivierendsten Ideen zur Gemeinde der Zukunft sammeln und kommentieren. Ich finde es faszinierend, wie seit einigen Jahren ein ungeheuer beschleunigter Fluss von Gedanken und Ideen Christen verbindet, die geografisch manchmal Hunderte und Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind. Ohne große Organisation, einfach indem man sich von einer Website zur anderen, von einem Blog zum nächsten hangelt. Und hiermit startet auch mein Beitrag dazu.