Nov 232010
 
  1. Dieses Forum war nicht nur durch die Inhalte, sondern auch im Stil wahrscheinlich das bisher emergenteste (kann man „emergent“ steigern?). Der Schwerpunkt lag eindeutig bei den Teilnehmern und ihren Aktivitäten, in den Themenräumen, in in der Lounge und im Rock-Cafe. Um es grotesk zu überspitzen: ein Kongress mit Spitzenreferenten braucht keine Teilnehmer, um abzulaufen; das Forum hätte ohne seine Teilnehmer nicht funktioniert.
  2. Wer also war da? Mit etwa 130-150 Leuten (genau gezählt hat, glaube ich, keiner – oder doch?) waren wir etwa ein Drittel mehr als im Vorjahr. Und geschätzte 40 % waren zum ersten Mal auf einem Forum. Die Mund-zu-Mund-Propaganda scheint zu funktionieren. Der Altersschwerpunkt lag dabei ganz deutlich zwischen gut 20 und gut 30 Jahren; darüber wurde die Luft schnell dünner.
  3. Bei meiner ersten emergenten Veranstaltung 2007 war ich über eine beinahe reine Männergesellschaft verwundert. Bei diesem Forum gab es ein ziemlich ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Für einen Landeskirchler (wir müssen ja wahrscheinlich demnächst Männerschutzgebiete einrichten) wie mich immer noch eine ungewohnte Erfahrung.
  4. Das charakteristische Bild aus diesen Tagen in Essen sind für mich viele kleine und große Runden, in denen intensiv und mit wertschätzender Neugier untereinander diskutiert wird. Von Anfang an konnte man mit vielen interessanten Leuten ins Gespräch kommen, die man vorher nicht kannte. Oder bisher nur aus dem Internet (Simon und Martin haben das ausdrücklich reflektiert). Am intensivsten erlebt habe ich das im Plenum am Samstag Mittag (ich habe allerdings schon den Abend und den Sonntag nicht mehr miterlebt, weil ich zu Hause arbeiten musste): der große Saal summte nicht wie der buchstäbliche Bienenkorb, sondern glich mit seinem Stimmengewirr eher einem Marktplatz. Spätestens da war ich mir sicher: es hat sich gelohnt, so konsequent auf die Teilnehmenden und ihre Aktivität zu setzen. Der Ansatz, Räume bereitzustellen, in denen nicht vorhersehbare Lernprozesse ablaufen können, hat funktioniert. Ja, das war das Forum: ein Ort für unübersehbar viele Lernprozesse; ein Ermöglichungsrahmen, in dem sich Menschen gegenseitig auf vielen kleinen und großen Lernschritten begleitet haben. Und das Ganze selbstorganisiert ohne großen Apparat.
  5. Dankbar waren wir aber für die großzügige Gastfreundschaft des Essener Weigle-Hauses. „Wenn sich irgendwo etwas gutes Neues bewegt, dann möchten wir da dabei sein“ hatte Rolf Zwick uns am ersten Abend sinngemäß begrüßt. Und das Haus war für das Forum ein beinahe perfektes Umfeld: mit der Lounge und all den vielen größeren und kleineren Räumen, in denen viele unterschiedliche Prozesse gleichzeitig Platz hatten. Dazu kamen die engagierten und freundlichen Mitglieder des Staffs, die anscheinend eine gut funktionierende Organisationskultur im Rücken haben. Und nie habe ich Tobias Klug genervt oder unfreundlich erlebt, trotz der unzähligen kleinen und großen Fragen, die an diesen Tagen bei ihm aufgelaufen sein müssen.
  6. Das vierte Forum war somit eine Illustration der Emergenztheorie: soziale Systeme haben das Potential, sich selbst zu organisieren. Sie sind nicht kontrollierbar und für Überraschungen gut. Sie entwickeln sich weiter und passen sich an Veränderungen an. Es mag sein, dass es auch etwas dauert, bis sich deutlicher herausstellt, wohin die Reise geht. Emergent Deutschland bleibt spannend. Wenn man aber den Echos im Internet zuhört, hat man den Eindruck: nächstes Jahr werden noch ein paar mehr dabei sein.
  7. Eben gerade lese ich noch auf der Website von Emergent Deutschland die Anfrage von Jay, ob es nicht – bei aller Wertschätzung der dezentralen Formen – auch ein paar Elemente geben könnte, die das Ganze wieder stärker zusammenführen (Jay hat es nicht verdient, dass sich ein etwas merkwürdiger Kritiker an ihn angehängt hat). Das ist sicherlich eine Anregung, die in die Überlegungen zum nächsten Forum eingehen wird. Wir sind eben ein lernendes System.
Nov 212010
 

Deutschlandkarte Emergent ForumLeider habe ich beim Emergent Forum in Essen die Deutschlandkarte mit den Heimatorten der Teilnehmer zu früh fotografiert – im Laufe des Tages ist der hier beschriebene Effekt noch deutlicher geworden. Aber auch auf diesem Bild ist er schon zu erkennen: die Herkunftsverteilung spiegelt in etwa die Missionssituation auf dem Gebiet des späteren Deutschland um etwa 800 (Kaiserkrönung Karls des Großen).

Im Einzelnen: Gut bestückt ist die Rheinschiene. Das ist alter christlicher Boden noch aus der Zeit des Imperium Romanum. Auch im Süden ist das Christentum seit alters hinter dem schützenden Limes früh verankert gewesen; die Missionstätigkeiten der irischen Mönche (Columban, Gallus) haben es nach der Völkerwanderung wieder neu aktiviert. In der Mitte Deutschlands (Hessen von Frankfurt bis Kassel) hat Bonifatius schon sein Werk getan. Von dort aus wird auch Thüringen beeinflusst.
Spärlich hingegen sind der Norden und Osten christianisiert. Einzelne frühe Missionsstützpunkte (Hamburg, Bremen) liegen ziemlich verloren im heidnischen Gebiet. Auch in Ostfriesland hat sich der neue Glaube noch nicht so richtig durchgesetzt; das Blut des Bonifatius und seiner Mitstreiter wird erst später den Boden dort fruchtbar machen.

Eine relativ starke christliche Zusammenballung ist im Ruhrgebiet zu erkennen; von dort aus startete die fränkische Initiative gegen die heidnischen Sachsen. Wir stehen also an einem Scheidepunkt: sollen die Sachsen und die anderen Ostlinge mit Feuer und Schwert bekehrt werden, wie es ab 800 Karl der Große im Sachsenkrieg versuchte – oder werden wir diesmal andere Wege finden?

Dez 022009
 

Jemand wollte von mir die Abendmahlsliturgie aus dem Gottesdienst am 29.11.09 beim Emergent Forum in Erlangen haben. Da ich sie dafür sowieso rekonstruieren muss, kann ich sie auch gleich hier zugänglich machen.

Nach dieser Liturgie feiern wir auch in Ilsede im normalen Gottesdienst das Abendmahl. Allerdings ist es eine bewegliche Liturgie, die je nach Situation – geplant oder auch spontan – veränderbar ist. Es ist nicht so gedacht, dass man diese Texte Wort für Wort abliest; sie sollen lebendig bleiben und das heißt: durch die Subjektivität eines Menschen hindurchgehen. Nur das Grundgerüst bleibt als Rahmen bestehen. Deshalb ist dies hier auch nur eine ungefähre Wiedergabe aus dem Gedächtnis.

Ich habe den größten Teil des Textes aus vielen verschiedenen Quellen genommen und im Lauf der Zeit mit eigenen Formulierungen zu diesem Ablauf verbunden. Ich weiß mich allen, auf deren Ideen und Formulierungen ich aufbaue, zu Dank verpflichtet, sehe mich aber außerstande, all diese Quellen noch zu benennen. Stellvertretend für alle sei als wichtige Inspirationsquelle Huub Oosterhuis genannt.

Übrigens hat Peter auf seinem Blog auch etwas Theologisches dazu geschrieben.

Die Zwischenüberschriften mit ihren teilweise traditionellen Namen sind für die Orientierung da – lasst euch nicht davon abschrecken, ihr könnt sie auch einfach ignorieren.

Gabenbereitung:
Wir wollen Abendmahl feiern mit Brot und Wein.
Das Brot ist Zeichen für alles, wovon wir leben. Unsere Nahrung verbindet uns Tag für Tag mit der Erde und mit unzähligen Menschen, ihrer Geschichte und ihrer Arbeit.
[An dieser Stelle habe ich die Geschichte der kurdischen Familie erzählt, von der das Brot zum Abendmahl stammte.]
Der Wein ist das Zeichen der Freude und des Festes. Gott gibt uns nicht nur das Notwendige zum Überleben, sondern auch der Glanz und die Freude sollen zum Leben dazugehören.
Jesus nimmt Brot und Wein und verbindet sie für immer mit seinem Tod: sein vergossenes Blut, sein zerbrochener Leib. Wir sollen verstehen, dass Gottes Liebe zu uns keine Schmerzen scheut. Und wenn wir das Brot essen und aus dem Kelch trinken, dann verbinden wir uns mit Jesus Christus und seiner Geschichte, die eingewoben ist in das Netzwerk des Lebens, das die Welt umspannt. Im Abendmahl wird sichtbar, dass wir dazugehören und dazugehören wollen.
Und so lasst uns Gott loben über Brot und Wein:

Lobgebet:
Herr, unser Gott,
wir danken dir, dass du uns gewollt hast, erschaffen, ins Leben gerufen.
Wir danken dir für jeden Tag, für jede Stunde unseres Lebens,
für die Luft, die wir atmen und das Licht, das wir sehen.
Du wolltest ein Gott der Menschen sein.
Und auch, als wir uns von dir abwandten und unsere eigenen Wege gingen, hast du uns nicht allein gelassen. Du hast uns deinen Sohn gesandt, Jesus Christus.
Wir danken dir für diesen einzigartigen Menschen. Er hat uns gezeigt, wie ein Mensch leben soll und geht uns voran. Bis zum letzten Atemzug hielt er fest an dir und an seinem Weg.
Und so hast du ihn dann aus dem Tod herausgerufen und hast ihm gutes, starkes, ewiges Leben gegeben, das den Tod nicht mehr fürchten muss.
Mit ihm verbindest du uns in der Kraft deines Heiligen Geistes.
Du machst uns zum Glied seines Leibes, du nimmst uns auf in das Netzwerk der neuen Schöpfung.
Darum loben wir dich mit allen, die uns vorangegangen sind im Glauben, gemeinsam mit dem ganzen Erdkreis preisen wir deinen heiligen Namen. Mit allen, die dich lieben, zu allen Zeiten und in allen Sprachen, singen wir den Lobgesang „Heilig, Heilig, Heilig“
[Danke Jan, für das „Heilig, heilig … holy, holy“ – das passte super hierher!]

Einsetzungsworte mit Einleitung:
Noch immer ist die Welt voller Unrecht, Lüge, Gewalt und traumatisierter Menschen. Mitten in dieser Welt lud Jesus seine Jünger ein an seinen Tisch:
Es war in der Nacht, in der einer seiner Freunde ihn verriet.
Es war in der Nacht, in der sie ihn gefangen nahmen und anklagten.
Es war in der Nacht, in der sie ihn schlugen und verurteilten.
Es war in der Nacht, bevor sie ihn zur Stadt hinaus stießen und kreuzigten.
Es war in der Nacht vor seinem bitteren Leiden und Sterben:
in dieser Nacht kam er noch einmal mit seinen Jüngern zusammen.
Ich bitte euch aufzustehen!
Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: „Nehmt hin und esst! Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte, und gab ihnen den und sprach: „Nehmt hin und trinkt alle daraus! Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, so oft ihr’s trinkt, zu meinem Gedächtnis.“
Wenn wir also von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken, dann verkünden wir das Leben, den Tod und die Auferstehung unseres Herrn, bis er wiederkommt vor den Augen aller.

Gebet:
Gott,
verbinde uns mit dem Leben, dem Tod und der Auferstehung deines Sohnes Jesus Christus.
Sende deinen Geist aus über uns.
Lass es unter uns sichtbar werden, dass du der Gott des Lebens bist.
Sei treu und gib uns den Frieden!

Friedensgruß:
Lasst uns einander das Zeichen des Friedens und der Versöhnung geben, indem wir uns die Hand reichen und den Frieden zusprechen: Friede sei mit dir!

Vaterunser
[an dieser Stelle singen wir in Ilsede noch „Christe, du Lamm Gottes“]
Austeilung
[Danke an Tobi K., Sandra und Peter für die klasse Zusammenarbeit!]

Dankgebet:
Herr, unser Gott,
wir danken dir, dass du uns verbindest:
hier in Erlangen, als emergent conversation in Deutschland und in der ganzen Welt, als deine Christenheit unter allen Völkern. Wir gehören zu dir, wir lieben dich, wir vertrauen auf dich, wir halten Ausschau nach dir, bis du kommst und die Erde erneuerst in Herrlichkeit.
Amen.

Sep 092008
 

Über das EmergentCamp am vergangenen Wochenende haben schon andere hier und hier und hier geschrieben – ich hoffe, ich habe jetzt niemanden übersehen. Demnächst wird es auch auf Emergent Deutschland die Präsentationen und Podcasts von den sechs Beiträgen geben. Man kann sie auch schon hier hören.

Eins will ich hier noch mal besonders erwähnen: Mir hat die Selbstorganisation des Treffens wirklich gut gefallen. Keine Tagungsstätte, keine Arbeitsstelle oder andere entscheiden über den Verlauf, sondern er entsteht aus dem, was die Teilnehmer mitbringen. Und das war wirklich anregend, brachte neue Perspektiven und überraschende Blicke auf neue Zusammenhänge. Wir haben alle viel mehr einzubringen, als wir denken, und wenn wir es zusammenschmeißen, wird richtig was Gutes draus.