Dez 172013
 

Dies ist die dritte Folge von Gedanken aus meinem Psalmenworkshop beim Emergent Forum 2013. | Teil 1 | Teil 2 |

Bhs_psalm1Jede Beschäftigung mit den Psalmen stößt eher früher als später auf die Strafwünsche gegen übermächtige Feinde. An einigen Stellen, den sogenannten „Rachepsalmen“ (z.B. Psalm 58) wird das sehr intensiv ausgemalt. Aber auch in vielen anderen Psalmen taucht die Bedrohung durch böswillige und gottlose Feinde auf – mit dem entsprechenden Appell an Gott, er möge diese Gegner scheitern lassen und sie darüber hinaus mindestens das erleiden lassen, was sie dem Bedrohten anzutun planten bzw. antaten.

Mit diesen Psalmen tun wir uns in der Moderne traditioneller Weise schwer. Wie passen diese Erwartungen an Gott mit dem Bild eines „lieben“, vergebenden, sanften, gewaltfreien usw. Gottes zusammen, den wir unseren Mitmenschen nahebringen wollen? Und – schwierigere Frage – wie passen sie mit der Feindesliebe zusammen, die Jesus beschrieb und lebte?

Leider habe ich erst nach dem Workshop einen Post auf dem Mosaik-Blog entdeckt, wo es um genau diese Frage geht. Ein paar Zitate daraus:

Der Text ist für Menschen, die unterdrückt werden. Der Text ist für die Menschen, deren Lage uns ein mulmiges Gefühl vermittelt.

und weiter:

Wie geht man mit Bibelstellen um, die Hoffnung auf Genugtuung, Vergeltung, Wut und Rache an Stelle derer ausdrücken, deren Stimmen nicht einmal bis zu uns heranreichen?  Diese Stellen werden
ignoriert
angezweifelt
verbildlicht
vergeistlicht
verniedlicht
für ungültig erklärt
stumm geschaltet.
Diese Stellen haben keinen Platz in der Anbetungszeit am Sonntag. Man druckt sie auch nicht auf Kalender oder postet sie mit einem kitschigen Bild auf Facebook. Diese Verse finden nicht statt.

Wie die Menschen, von denen sie handeln. Wir sollten lieber den Sicherheitsabstand einhalten. Unterdrückung, Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Gewalt – das hat mit uns nicht zu tun. Warum sollten wir uns damit abgeben?

und schließlich:

Wir brauchen diese Texte ebenfalls. Unbedingt. Und das nächste Mal, wenn ein Text mir vorkommt, als beschreibe er eine andere dunkle Welt, dann möchte ich mich fragen  Was muss ein Mensch erlebt haben, um so etwas zu schreiben?

Das ist also die erste Antwort – eher eine Rückfrage: in solchen Psalmen kommt eine Wirklichkeit zur Sprache, die uns in der Regel sehr fremd ist. Und vielleicht zeigt sich in der Abwehr der Vergeltungsgedanken weniger, dass uns die Feindesliebe Jesu schon in Fleisch und Blut übergegangen ist.  Könnte es nicht eher sein, dass es die Realität der Unterdrückung und des brutalen Unrechts ist (ich spare mir drastische Blitzlichter – im Prinzip weiß jeder, worum es geht), die Menschen aus dem modernen,  zivilisierten Westen erschreckt, wenn sie sich in den Psalmen sehr deutlich ausspricht?

Und würde es nicht auch im bürgerlich-zivilisierten Westen zur Klarheit beitragen, wenn heftige Konflikte auch wahrgenommen würden, anstatt unter den Teppich eines „Wir wollen ja alle das Beste, nur auf unterschiedlichen Wegen“-Feelings gekehrt zu werden?

Hinzufügen will ich noch zwei andere Gedanken:

zum einen ist ja gerade charakteristisch, dass die Rache bzw. Strafe in den Psalmen Gott überlassen wird. Das bedeutet aber auch, dass Menschen damit überfordert sind und die Finger davon lassen sollten. Natürlich kann man sich auch unter diesem Vorzeichen immer noch als „Werkzeug“ des vergeltenden Gottes verstehen – aber das liegt außerhalb der legitimen Interpretationsspannweite der Psalmen.

Zum anderen können hier die Gedanken aus meinem vorigen Post zu den Psalmen zum Tragen kommen: im Psalter stehen unterschiedliche Wahrheiten nebeneinander, ohne sich gegenseitig aufzuheben und ohne, dass eine Art arithmetisches Mittel gebildet wird. Das arithmetische Mittel aus Hass und Feindesliebe wäre Nettigkeit: Abneigung, die die Formen wahrt. Ist es wirklich das, was Jesus mit Feindesliebe meinte?

Ich glaube eher, dass beides im vollen Maße wahr ist: ja, es gibt massives Unrecht, rücksichtslosen Missbrauch, schamlose Lüge. Und es ist natürlich, menschlich, angemessen, darauf so zu reagieren, dass man sagt: „Gott, mach ihn platt. Tu ihm an, was er mir tun wollte. Lass sie in der Hölle schmoren.“ Gut, wenn du und ich das noch nicht in dem Maß erleben mussten, aber es ist Realität. Es muss ausgesprochen werden dürfen. Und wer sich da überhaupt nicht reindenken kann, der weiß sehr wenig über die Realität der Welt. Es gibt den Schrei nach Vergeltung, der alle Argumente auf seiner Seite hat, und die Psalmen geben ihm Raum und Worte.

Erst wenn das klar ist, kann man im vollen Sinn von Feindesliebe sprechen. Nicht in dem Sinn, dass man sie aus sicherem Abstand den Opfern nahelegt, damit ihre Erfahrung weniger (ver)störend wirkt. Sondern im Wissen, dass Hass auch den auffrisst und zerstört, der ihn aus gutem Grund empfindet. Im Wissen, dass durch Rache die Täter sich auch noch in den Opfern fortpflanzen. Als Bereitschaft, Gott das Problem der vergeltenden Gerechtigkeit zu überlassen, weil es für Menschen mindestens eine Nummer zu groß ist.

Erst beides zusammen ergibt das volle Bild. Die Psalmen üben mit uns, die ganze Realität zu sehen: ungeschönt und ungezähmt, und trotzdem (gerade so!) voller Hoffnung und Hilfe.

Dez 052013
 

Dies ist die zweite Folge von Gedanken aus meinem Psalmenworkshop beim Emergent Forum 2013. | Teil 1 | Teil 3 |

Bhs_psalm1Wer die Psalmen einfach in der Reihenfolge liest, wie sie im Psalter angeordnet sind, macht einige Entdeckungen. Z.B. antworten benachbarte Psalmen aufeinander bzw. setzen den Gedankengang durch Einführung neuer Gesichtspunkte fort. Auf den äußerst selbstkritischen Rückblick auf die Geschichte des Gottesvolkes in Ps. 78 folgt  Psalm 79, in dem es um die Feinde geht, die die Schwäche des Volkes brutal ausnutzen und das Land zerstört haben. Schließlich wird in Ps. 80 Gott an den Bund erinnert und um Wiederherstellung Israels gebeten.

Drei unterschiedliche Gesichtspunkte, die nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern jeder auf seine Art wahr sind. Die eigenen Irrwege und die Brutalität der Zerstörer können nicht irgendwie miteinander ausgeglichen werden. Es gibt weder ein schadenfrohes „selbst schuld“ noch ein entschuldigendes „die anderen sind viel schlimmer“. Was in diesen drei Psalmen steht, das muss alles gesagt und gehört werden, ohne dass es sich gegenseitig relativiert, ausbalanciert oder wegerklärt.

Keine große Koalition

Diese betrachtende Weise, die Welt wahrzunehmen, ohne sie schnell auf eine griffige Einheitsformel zu bringen, zeigt sich vor allem im Umgang mit der Herrlichkeit und der Zerrissenheit der Welt. Die Welt ist ein Ort voller Wunder und ein Ort voller Bedrückung. Sie ist ein Ort, wo Menschen und Gott ein nahes und inniges Verhältnis voller Vertrauen und Treue zueinander entwickeln, und sie ist ein Ort des verzweifelten Wartens auf irgendein Signal, das das Schweigen Gottes durchbricht. Sie ist ein Ort, wo Menschen sich rücksichtslos auf Kosten anderer Menschen profilieren, und sie ist ein Ort, an dem Menschen solidarisch und gemeinsam in Jubel über Gott ausbrechen. All das steckt in den Psalmen, und damit sind sie eine zutreffende Beschreibung der Realität, in der wir leben.

Aber die Psalmen gleichen das nicht aus, indem sie daraus irgendeinen Durchschnitt bilden, irgendeine Weltformel, irgendeine Mitte zwischen den Extremen. Das wäre Große Koalition, und von dieser mittelmäßigen Mitte sind unsere Politik und unsere Kultur, unsere Kirchen und unsere Gesellschaft  schon viel zu lange geprägt. Die Psalmen halten die widersprüchlichen Erfahrungen in ihrer ganzen Spannweite aus und fest. Machmal ist das eine da und manchmal das andere – so wie es Kohelet sagt: Alles hat seine Zeit.

Aber es sind keine statischen, ewigen Widersprüche, denen wir nie entkommen werden, sondern sie sind umgriffen von Hoffnung. Und diese Hoffnung gründet in der Gewissheit, dass Gott gehandelt hat und wieder handeln wird. Wie kannst du in einer finsteren Zeit mutlos werden, wenn du die Psalmen betest und merkst, dass es vielen anderen lange vor dir ebenso gegangen ist?

Psalmen sind Radikale

So sind die Psalmen Worte, die bereitliegen, bis ihre Zeit gekommen ist. Und bis dahin liest, rezitiert, singt, studiert man sie, damit der Geist die richtigen Worte vorfindet, wenn er sie braucht. Als Jesus starb, zitierte er den Beginn des 22. Psalms: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«. Er tat das sicher nicht, um einen Schriftbeweis zu führen, sondern dieser Psalm, den er vermutlich schon unzählige Male gehört hatte, gab ihm die richtigen Worte für diesen Moment. Und gleichzeitig stellte er sich damit in den Hoffnungsrahmen, den der 22. Psalm auch hat. Denn im 25. Vers heißt es dort: »Er (Gott) hat sein Antlitz nicht vor ihm verborgen und hat gehört, als er zu ihm schrie.« Tod und Leben, Kreuz und Auferstehung – beides in einem Psalm. Und keine kuschelige Mitte dazwischen.

Paul Michael Zulehner hat gerade über den neuen Papst gesagt, der sei kein Rechter und kein Linker, sondern ein Radikaler. Vielleicht kann man so auch die Psalmen am besten kennzeichnen: sie sehen die Erde und die Menschen radikal bedroht, beschmutzt, ausgebeutet, zerrissen. Und gleichzeitig beschreiben sie den Himmel, der auf den unwahrscheinlichsten Wegen die Erde radikal segnet, heilt, ernährt und erneuert. Beide Male radikal, aber insgesamt in einer Perspektive der Hoffnung. Und vielleicht besteht der wahre Gegensatz zwischen den Radikalen der Hoffnung und den Wohltemperierten, die es weder mit dem Schrecken noch mit der Hoffnung übertreiben wollen.

Dez 022013
 

In lockerer Folge poste ich Gedanken aus meinem Psalmen-Workshop beim Emergent Forum am 1.12.2013 in Berlin.
|Teil 2|

Ein stereoskopischer Zugang zur Welt

Bhs_psalm1Die Grundstruktur der Psalmen ist ein Parallelismus: immer zwei Zeilen gehören zusammen und sagen beinahe das Gleiche, aber nicht ganz. Sie sagen es mit unterschiedlichen Worten oder aus unterschiedlicher Perspektive. Das wird dadurch verstärkt, dass die Psalmen im Gottesdienst wohl von mindestens zwei Gruppen gesprochen/gesungen wurden. Erst die unterschiedlichen Sichtweisen unterschiedlicher Gruppen ergeben also das ganze Bild. Das übt eine meditative Grundhaltung ein: die Dinge müssen zunächst in ihrer Fülle wahrgenommen werden. Zudem wird in der klassischen Psalmenrezitation zwischen den beiden Zeilen eine Pause eingelegt: eine Unterbechung, die ebenfalls betrachtend verweilen lässt.

Das führt aber nicht zu Beliebigkeit, sondern der Sachverhalt wird dadurch gerade viel klarer und reicher beschrieben. Wenn es z.B. heißt (Ps. 5,6):

»Stolze kommen dir nicht vor die Augen –
du hassest alle, die Unrecht tun.«

dann wird die Grundausrichtung damit nicht relativiert oder abgemildert, sondern sie wird reicher entfaltet. Man verpackt die Realität nicht abschließend in einen Begriff und klebt ein Etikett daran, sondern man bleibt dabei und umkreist ein Stück Welt und klopft es ab auf die Bedeutungen, die es in sich trägt. Der Blick bekommt Tiefenschärfe. Die Welt ist nicht einfach das, was sie ist, sondern sie birgt in ihrer Mitte ein Geheimnis.

Spiritualität als leerer Ort

Mit der Grundstruktur des Parallelismus halten die Psalmen also die Differenz fest zwischen unseren Begriffen und Worten und der Sache, die wir bezeichnen. Indem sie den Sachverhalt von mehreren Seiten umkreisen, halten sie zwischen sich einen leeren Raum frei – ähnlich wie der Jerusalemer Tempel in seiner Mitte einen leeren Raum barg, die Wohnung des unsichtbaren Gottes. Das lässt uns verstehen, worum es in der (jüdischen und christlichen) Spiritualitat überhaupt geht: es wird ein Ort geschaffen, in dem es zur Begegnung mit der unverfügbaren Realität Gottes kommen soll.

Der Tempel schafft einen solchen leeren Ort im Raum. Der Sabbat schafft einen ebensolchen Ort in der Zeit. Die Psalmen bauen ein Heiligtum in der Sprachwelt. Es sind Worte, die zwischen sich Raum schaffen für das Unsagbare. Biblische Spiritualität ist deswegen keine wortlose Spiritualität, sondern eine wortgeprägte. Die Worte der Psalmen sind keine Bedrohung für das Geheimnis der Welt, so dass man besser auf sie verzichten sollte, sondern sie ermöglichen gerade Begegnung. Denn es ist kein beliebiges Unsagbares, auf das wir warten, sondern es geht um den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Vater Jesu Christi.

Biblische Spiritualität geht davon aus, dass die Wirklichkeit nicht einfach das ist, was sie ist. sondern sie birgt in sich ein Geheimnis, sie hat eine Tiefendimension, eine verborgene Seite: den Himmel, den Bereich Gottes. Gott überlässt seine Schöpfung nicht sich selbst, sondern belebt, segnet und durchwaltet sie auch weiterhin. In der biblischen Spiritualität geht es darum, mit dieser verborgenen Tiefendimension in Berührung zu kommen. Einen Raum zu schaffen, wo diese Begegnung möglich wird. Dafür sind die Psalmen da.