Okt 062015
 

Miroslav Volf: Öffentlich glauben in einer pluralistischen Gesellschaft

Seit kurzer Zeit kann man das 2011 erschienene Buch „A Public Faith“ von Miroslav Volf in der deutschen Überstzung von Peter Aschoff lesen: „Öffentlich glauben in einer pluralistischen Gesellschaft“. Gerade noch zur richtigen Zeit, könnte man sagen: als Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm für das Vorwort den Satz schrieb

„Unsere Vorstellung menschlichen Gedeihens wieder viel kraftvoller und authentischer in die Gesellschaft einzubringen, könnte der Keim für eine Erneuerung der Ausstrahlungskraft der Kirchen in zunehmend säkular werdenden Gesellschaften sein“,

ahnte wohl noch keiner, welche Herausforderungen in diesem Sommer mit den Flüchtlingen auf uns zukommen würde.

Aber das ist das Anliegen Volfs: die langlebigen alternativen Visionen menschlichen Gedeihens, die in den großen Religionen, insbesondere dem Christentum, enthalten sind, für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Er ist dabei im Gespräch mit sehr unterschiedlichen Partnern, die dieses Anliegen kritisch sehen, es bis zur Unkenntlichkeit verzerren oder es mehr oder weniger wirkungsvoll behindern. Man kann diese Gesprächspartner in drei Gruppen sortieren:

Säkularismus

Der moderne Säkularismus möchte religiöse Standpunkte aus dem öffentlichen Diskurs von vornherein ausschließen. In seinen Augen trägt die Ausklammerung von Religion aus dem öffentlichen Diskurs zur Vermeidung von zerstörerischen Konflikten bei. Diese den europäischen Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts geschuldete Sicht stößt aber zunehmend an ihre Grenzen, wenn weltweit Angehörige unterschiedlicher Religionen darauf bestehen, auch in Öffentlichkeit und Arbeit ihren Glauben nicht auszuklammern. Dabei entpuppt sich der Säkularismus lediglich als eine weitere Perspektive auf die Welt, die nur vorgibt, eine Position jenseits weltanschaulicher Streitigkeiten einzunehmen, in Wahrheit aber selbst ein Mitspieler ist. Und spätestens seit Hitler, Stalin und Mao hat auch er eine bemerkenswerte Kriminalgeschichte vorzuweisen.

So lebt der Säkularismus vor allem von der Abgrenzung gegenüber den „Fehlfunktionen des Glaubens“, wie Volf sie nennt. Fehlfunktionen des Glaubens entstehen immer dann, wenn religiöse Menschen sich nicht auf einen tiefen, „dicken“ Glauben einlassen, der die Lebensweise prägt und den Verstand beansprucht. Die Fehlfunktionen des Glaubens entstehen in der Regel nicht durch zuviel, sondern durch zu wenig Glauben, durch einen flachen, „dünnen“ Glauben, der nur eine dünne Oberfläche auf einem Leben darstellt, das im Übrigen von ganz anderen Motiven bewegt wird. Damit kommen wir zum zweiten Gesprächspartner:

Dünner Glaube

Volfs Kernthese gegenüber der liberalen Unterstellung ist dabei, dass Menschen nicht durch einen tiefen, „dicken“ Glauben religiös unduldsam werden, sondern gerade dann, wenn sie sich nicht auf eine intensive Beschäftigung mit ihrer Religion einlassen. „Fanatisch“, wie das in bürgerlicher Lesart heißt, wird man am leichtesten dann, wenn man oberflächliche religiöse Versatzstücke in eine ansonsten anders motivierte Persönlichkeitsstruktur einbaut.

Volf konnte beim Schreiben des Buches noch nicht den „Islamischen Staat“ und seine Jünger vor Augen haben, die oft nach einer nur sehr kurzen und eher „dünnen“ Beschäftigung mit dem Islam zur mörderischen Tat schreiten. Um so mehr bestätigen sie Volfs These.

Fehlgeleitete Zwillinge: Übergriffigkeit und Untätigkeit

Der dünne Glaube kommt in zwei Spielarten daher: als Übergriffigkeit (Volf setzt sich dazu exemplarisch mit dem islamistischen Denker Sayyid Qutb auseinander, der aber – wie Volf betont – keineswegs repräsentativ für den heutigen Islam ist) und als Untätigkeit. Untätiger Glaube benutzt Religion als Ressource für eine Lebensweise, die von anderen Faktoren motiviert wird: er ist dann nur Antrieb und Reparatur, gibt aber weder Orientierung noch Leitung und lässt Menschen mit einem Gefühl des Unerfülltseins zurück.

Schlimmer noch ist, dass untätiger Glaube den Weg für den übergriffigen Glauben bereitet (und umgekehrt). Beide rechtfertigen sich durch den Verweis auf den jeweils anderen und entpuppen sich so als zusammengehörig.

Wohltuend ist in diesem Zusammenhang Volfs unaufgeregte Einordnung der Fehlfunktionen des Glaubens in die theologische Struktur des christlichen (bzw. „prophetischen“) Glaubens. Fern von allen alarmistischen Debatten und erregten Scheinalternativen beschreibt er quast eine theologische Landkarte und markiert auf ihr gelassen die möglichen Sackgassen und Engpässe. Es ist ihm gelungen, dazu in Auseinandersetzung mit vielen unterschiedlichen Positionen eine überraschend einfache Struktur zu entwickeln, die auch ohne theologisches Studium zugänglich sein dürfte. Allein schon diese erhellende Einordnung der Fehlfunktionen des Glaubens lohnt die Lektüre.

Diese Bearbeitung der Fehlfunktionen des Glaubens ist aber eher eine ausführliche Vorbereitung, die den Weg freimachen soll, um zur eigentlich aktuellen Aufgabe vorzustoßen. Denn das eigentliche Gegenüber, mit dem Volf sich immer wieder auseinandersetzt (und in diese Auseinandersetzung lädt er auch andere Religionen ein), ist

Befriedigung als zentrales Lebensziel

Im Herzen der erhofften Zukunft, die vom Gott der Liebe kommt, steht das Gedeihen von Menschen und Gemeinschaften, letztlich des ganzen Planeten. Demgegenüber hat sich im (post)modernen Westen der Erwartungshorizont auf die „spießige Hoffnung“ persönlicher Befriedigung verengt. Das gute Leben wird nur noch durch die befriedigenden Erfahrungen des Einzelnen definiert. Das geschah in mehreren Schritten:

  • zunächst wurde der Bezug menschlichen Lebens auf Gott abgeschüttelt;
  • es blieb noch der Gedanke einer universalen Solidarität zurück,
  • der aber im späten 20. Jahrhundert ebenfalls verschwand, so dass
  • am Ende nur die Sorge um sich selbst und der Wunsch, Befriedigung zu erleben, übrig blieben. Damit reduziert sich Hoffnung auf das Maß der Selbstverhätschelung.

Damit ist nur noch eine ziemlich armselige Vorstellung von erfülltem Leben übrig geblieben. Sie ist schon in sich selbst so widersprüchlich, dass sie nicht zur Erfüllung führt; außerdem ist sie (im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen Denkansätzen) nicht in einer umfassenden Vorstellung von der Struktur der Welt verankert und führt so zu einem wirklichkeitswidrigen Leben.

Der Beitrag der Christen

Es ist deshalb entscheidend wichtig, dass Christen (und auch die Angehörigen anderer Religionen) ihre Vorstellungen von gutem Leben und menschlichem Gedeihen in die gesellschaftliche Diskussion einbringen. Inhaltlich orientiert sich Volf dabei zentral am Doppelgebot der Liebe, das auch mit den besten Traditionen der anderen Religionen kompatibel ist: Gott und den Nächsten zu lieben muss als Schlüssel zum menschlichen Gedeihen für alle Lebensbereiche durchdacht und ins Zentrum gerückt werden.

Dies – so kann man Volf verstehen – ist der zentrale Beitrag der Christen zur gesellschaftlichen Diskussion; dazu will Volf die Christen motivieren und die anderen großen Religionen als Bündnispartner gewinnen. Sie müssen sich ihres Beitrages nicht schämen, sondern können dem (post)modernen Hedonismus gegenübertreten im Bewusstsein, dass sie ein reicheres und zutreffenderes Bild der Wirklichkeit einzubringen haben.

Wie das gelingen kann und was nach Volf dabei zu bedenken ist, darüber schreibe ich im zweiten Teil dieses Posts.

Sep 192013
 

ntwright-psalmesN.T. Wright, der englische Neutestamentler und ehemalige anglikanische Bischof, hat kürzlich ein Buch über die Psalmen veröffentlicht  („The Case for the Psalms. Why they are essential“), in dem er etwas Wesentliches über seinen eigenen Hintergrund verrät: seit langer Zeit liest er täglich fünf Psalmen, also einmal im Monat den ganzen Psalter. Immer mal wieder spürt man in diesem Buch auch den Hintergrund der anglikanischen Tradition des liturgischen Psalmgesangs. Wright hält die Psalmen für unentbehrliche Quellen christlicher Anbetung – sie sind wie ein „tiefer, schnell fließender Fluss, der Tag für Tag und Stunde für Stunde die Stufen der Kirche reinigt“. Gottesdienstmusik und -Texte werden oberflächlich, wenn sie diese Quellen ignorieren oder nur als Steinbruch nutzen.

Warum sie unentbehrlich sind

Wright beschreibt zunächst, dass Israel in der Antike in seiner Weltsicht Psalmen-geprägt war; und das gilt ganz eindeutig auch für Jesus. Wer hinschaut, entdeckt im Neuen Testament jede Menge psalmgeprägter Argumentationen. Solche direkten oder indirekten Zitate sind nicht als legitimierende „Beweisstellen“ zu verstehen, sondern als Ausdruck des Argumentationsrahmens, in dem sich auch das Neue Testament bewegt. Die Psalmen, die Israel durch die Jahrhunderte begleiteten, stellen eine Weltsicht eigener Art zur Verfügung und üben in sie ein: weder ist die Welt in sich göttlich (Pantheismus), noch haben uninteressierte Götter den Kosmos sich selbst überlassen (Epikuräismus/Deismus), sondern der Gott Israels hat die Welt erschaffen und bleibt auch weiter in Beziehung mit ihr, um sie schlussendlich zu der Herrlichkeit zu erneuern, die von Anfang an seine Absicht war.

Diese Weltsicht legen die Psalmen aber nicht als theologischen Traktat dar, sondern üben durch regelmäßigen Gebrauch in sie ein. Indem sie Poesie sind (und im Regelfall gesungene Poesie), haben sie das Potential, Menschen nicht nur zu belehren, sondern zu transformieren.

Zeit, Raum, Materie

Wright beschreibt diese spezielle Weltsicht der Psalmen als ein Dazwischenstehen: als eine Position an der Grenze von Vergangenheit und Zukunft; an dem Ort, wo Himmel und Erde sich übereinander schieben; und wo die neue Schöpfung in die alte einbricht. Die enorme Spannweite der Psalmen (von untröstlicher Klage bis zum felsenfesten Vertrauen) erklärt sich aus ihrem Ort inmitten dieser Widersprüche. So beschreiben sie das Geheimnis der Welt besser als alle Versuche, die Welt auf (hoffnungsvolle oder depressive) Eindeutigkeiten zu reduzieren. Sie helfen, sich in der realen Welt zu orientieren, die hin und her gerissen ist zwischen ihrem göttlichen Ursprung, ihrer (Selbst)Zerstörung und der Verheißung ihres künftigen Erneuerung. Als Leitfaden dienen Wright dabei die Stichworte Zeit, Raum und Materie:

  • Die Psalmen stellen den Beter dahin, wo Damals, Einmal und Jetzt sich überschneiden. Deswegen stehen Siegespsalmen und Klagepsalmen direkt nebeneinander (die Reihenfolge der Psalmen ist lt. Wright keine zufällige – deswegen solte man den Psalter im Zusammenhang lesen). Und so lernt die Beterin, die Schrecken der Gegenwart im Licht der großen Taten Gottes in der Vergangenheit zu sehen und unter der Verheißung der neuen Schöpfung. Dieser Schnittpunkt von unserer Zeit und Gottes Zeit ist ein Ort intensiven Schmerzes und intensiver Freude, und vielleicht können nur Musik und Poesie das angemessen ausdrücken.
  • Die Psalmen wissen, dass Gott sich einen Ort gesucht hat, von dem aus er die Welt regieren will: Zion, Jerusalem, den Tempel. Gott bleibt nicht im Ungefähr, sondern sucht sich einen konkreten Ort. Für neuzeitliches bürgerliches Denken ist das ein Unding. Diese Bindung ist aber ein Zeichen, dass es Gott nicht darum geht, seine Leute aus der Welt herauszuholen. Stattdessen will er die Welt von innen heraus erneuern und dann endgültig dort wohnen. Deshalb ist der Tempel als symbolisches Abbild der Welt gestaltet. So wie Gott in diesem Abbild wohnt, so will er schließlich die ganze Schöpfung mit seiner Herrlichkeit erfüllen.
    Innerhalb der Psalmen ist aber eine Entwicklung erkennbar, in der die Tempeltheologie übertragen wird auf die Gegenwart Gottes unter seinen die Tora studierenden Leuten überall auf der Welt. Damit war eine Basis vorbereitet, von der aus die Christen von Gottes Gegenwart in Jesus und durch den Heiligen Geist in seinem Volk sprechen konnten.
  • Die Psalmen preisen die materielle, physische Welt als gute Schöpfung Gottes und treten so einer platonisierenden Weltverachtung entgegen. Sie sehen, dass die materielle Schöpfung das Lob Gottes singt und verbinden den menschlichen Gottesdienst mit diesem Lobpreis. Sie erwarten, dass auch die Materie transformiert wird, wenn Gott die Welt mit seiner Herrlichkeit flutet. Und das wird dann dazu führen, dass einerseits die Schöpfung zur vollen Lebendigkeit erwacht und andererseits die menschliche Gesellschaft von Gerechtigkeit und Fülle geprägt ist. Die Materie ist nicht ein vorübergehendes Ornament der Schöpfung, sondern dazu bestimmt, von Gottes Herrlichkeit erfüllt zu werden. So stellen uns die Psalmen auch hier wieder in die Hoffnung auf die in Herrlichkeit erneuerte Schöpfung (wie Paulus sie in Römer 8 beschreibt) und leiten uns an, jetzt schon im Licht dieser kommenden Welt zu leben und so (fern jeder Weltflucht) die ganze Schöpfung zum Lobpreis Gottes zu rufen.
    Die Konsequenz dieser Treue Gottes zu seiner Schöpfung ist Auferstehung. Und tatsächlich fassen einige Psalmen die ins Auge.

Wenn Menschen in den Psalmen leben, werden sie transformiert, weil diese Weltsicht allmählich zu ihrer zweiten Natur wird. Und weil Leib und Seele nicht voneinander zu trennen sind, ist das auch eine Transformation unseres materiellen Körpers. Sie zeigt sich in „holiness, wisdom, gentleness and firmness of the heart“ und weist voraus auf die Erneuerung der ganzen Schöpfung, zu der auch die Verwandlung unserer Körper in die Gestalt Jesu gehört. Und die Psalmen weisen auf diese Transformation nicht nur hin, sondern sind auch ein Mittel dazu.

 Konsequenzen für die Kirchen

Wright hat dieses Buch offensichtlich geschrieben, weil er die überall aufbrechenden Erneuerungsbewegungen davor bewahren möchte, sich ohne diesen Rückhalt des Psalters auf den Weg zu machen. Seine Hoffnung ist, dass  die musikalische Kreativität dieser Erneuerungsbewegungen und die Psalmen zusammenfinden. So werden Menschen erleben, dass der Heilige Geist die vertrauten Worte der Psalmen nimmt und sie dadurch je und je zu aktuellen Einsichten finden lässt. In einem persönlichen Schlusskapitel beschreibt Wright deshalb den kontnuierlichen Einfluss der Psalmen auf sein Leben.

Ich selbst, der ich in musikalischer Hinsicht eher abschreckende Beispiele von Psalmgesang in Erinnerung habe, freue mich darauf, in einem Workshop des Emergent Forums 2013 (29.11.-1.12.2013 in Berlin) vielleicht auch mit einigen meiner Leser darüber nachzudenken, wie wir in Deutschland zu einer neuen und hilfreichen, auch musikalischen Begegnung mit den Psalmen kommen können.

Hinweis:
Hier findet sich ein Auszug aus dem Buch, und
hier ein Interview mit N.T. Wright zum Buch (empfehle ich zur ergänzenden Lektüre).

Nov 022012
 
einfach emergent Band 1

Der erste Band der neuen Reihe „einfach emergent“ ist in diesen Tagen erschienen und bietet einen ausgewogenen Zugang zur emergenten Bewegung. Er verzichtet auf dramatische Parolen oder Zuspitzungen und beschreibt stattdessen aus der Kenntnis von Beteiligten, weshalb sich in der ganzen Welt Christen aufgemacht haben, um das Christentum neu zu entdecken:

Tobias Künkler, Tobias Faix, Arne Bachmann:
Emerging Curch verstehen. Eine Einladung zum Dialog (Verlag der Francke-Buchhandlung)

Nach einer Einführung, die am Anfang einigen gern verbreiteten Verkürzungen vorbeugen soll, benennen die Autoren als Ausgangspunkt für das emergente Denken den gesellschaftlichen Wandel, der uns an den Übergang von der Moderne zur Postmoderne gebracht hat. In dieser Situation werden die Defizite der modernen Versionen des Christentums (seien sie liberal oder konservativ) sichtbar. Diese modernen Christentumsvarianten sind aber weltweit verbreitet, so dass auch weltweit spontan ähnliche Suchbewegungen nach einem neuen Verständnis von Evangelium, Glaube und Gemeinde eingesetzt haben. Die Autoren beschreiben, wie diese weltweite Bewegung (vor allem in den Industrie- und Schwellenländern) in Deutschland aufgenommen und weiterentwickelt wurde.

Einen Schwerpunkt bildet das fünfte Kapitel, in dem die Themen benannt werden, an denen es zu theologischen Verschiebungen, Diskussionen und Neuansätzen kommt. Dies ist ein gute Orientierung in den Fragen, um die es bei der aktuellen theologischen Arbeit im emergenten Umfeld geht. Das folgende, eher praxisorientierte Kapitel beschreibt einige Folgerungen aus diesen Neuansätzen und stellt ein Praxisbeispiel (die Mosaik-Gottesdienste) ausführlicher dar. Im Schlusskapitel deuten sich vorsichtig einige mögliche Antworten auf die Fragen an, die durch den emergenten Dialog aufgeworfen werden. Vor allem aber werden dort für alle, die sich an diesem Dialog beteiligen möchten, geeignete Schnittstellen und Andockmöglichkeiten benannt.

Durchgängig fällt die Ausgewogenheit auf, mit der hier einzelne steile, möglicherweise missverständliche Thesen aus der emergenten Diskussion in ihren Zusammenhang gestellt und so zumindest nachvollziehbar werden.  Wer sich in Zukunft an der Diskussion um Emergent Deutschland beteiligt, wird um dieses Buch nicht herumkommen, wenn er als seriös wahrgenommen werden will. Schrille Alarmrufe, die mit der Emerging Church ein weiteres Mal das Ende des christlichen Abendlandes heraufziehen sehen, bleiben deutlich unterhalb der hier erreichten Reflexionshöhe. Natürlich kann ein 90 Seiten – Büchlein nicht alle Themen erschöpfend behandeln. Die „einfach-emergent“-Reihe ist bewusst kurz gehalten, um einen schnellen (und preisgünstigen) Einstieg in das Thema zu ermöglichen. Für alle, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen, endet das Buch mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis.

Am Ende der Werbeblock:
empfehlenswert ist natürlich auch der  zweite Band der Reihe, „Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt„. Dazu habe ich hier schon etwas geschrieben.

Okt 162012
 

Heute hab ich doch tatsächlich völlig unerwartet von Wolfgang das Buch von Peter und mir zugeschickt bekommen und habe es jetzt zum ersten Mal auch in analoger Form in der Hand. Eine Super-Überraschung! Und auch wenn die Zeit der Arbeit daran jetzt schon ein bisschen zurückliegt: ich mag es immer noch wie während des Schreibens. Danke, Wolfgang! Jetzt muss ich es doch nicht extra beim Francke-Verlag bestellen.

Aug 162012
 

Heute kamen die Vorschau-Dateien für das neue Buch von Peter und mir in der Reihe „einfach emergent“ zum Korrekturlesen: „Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt“. Zum Glück gab es nur Kleinigkeiten zu beanstanden. Langsam kann man sich vorstellen, wie das Buch einmal aussehen wird. Und jetzt wird es schon irgendwie spannend.

Ich habe beim Schreiben ganz viel gelernt – z.B., dass man das Evangelium nicht einfach nur als theologische Formel verstehen sollte. Die Menschen, die sich davon in Bewegung bringen lassen, gehören dazu. Evangelium ist eine Bewegung von Menschen aus vielen verschiedenen Zeiten, manchmal in den offiziellen Kirchen, manchmal neben ihnen. Und diese Bewegung wird nicht nur durch den Heiligen Geist, sondern oft auch durch viele historische Einflüsse und Connections verbunden. Gerne hätte ich noch viel mehr darüber reingeschrieben. Das Weglassen war das Schwierigste (besonders, wenn einem manche Personen ans Herz gewachsen sind). Aber es sollte ganz bewusst ein gut und schnell zu lesendes Buch werden. Ich glaube jetzt, dass es das auch geworden ist.

Jul 102012
 
Cover "Geschichte des Westens I"

Der Historiker Heinrich August Winkler hat ein monumentales Werk geschrieben: „Geschichte des Westens“.  2009 ist der erste Band erschienen, im Herbst 2011 der zweite (den ich noch nicht gelesen habe). Zwei Bände im 1350 Seiten-Format. Der erste reicht bis 1914, der zweite bis 1945. Ein dritter, der die Gegenwart erreichen soll, ist in Arbeit. Warum sollte man dieses Werk im christlichen Kontext zur Kenntnis nehmen?

Winkler sieht den „Westen“ als Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alte Wertegemeinschaft, die mit den Ideen von 1776 und 1789 (also den Menschenrechten) ihren Maßstab formulierte, an dem sie sich seither messen lassen muss. Winkler beschreibt einerseits die langwierige Entstehung dieses Projekts, andererseits die Ungleichzeitigkeit seiner Verwirklichung und die Widersprüche zwischen dem Anspruch des Projektes und seiner Praxis.

Besonders interessant ist, dass Winkler den Ursprung des Westens im jüdischen Monotheismus sieht, der dann über das Christentum weltgeschichtlich wirksam wurde. Entscheidend ist für Winkler dabei die Trennung von weltlicher und göttlicher Sphäre, die er im Wort Jesu „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist“ ausgedrückt findet. Aus diesem Keim der Trennung von politischer und geistlicher Gewalt wächst nach Winkler binnen 1000 Jahren in der westlichen Christenheit der Dualismus von Kirche und Reich, Papst und Kaiser. Durch dieses spannungsvolle Mit- und Gegeneinander wird die Macht beider begrenzt. Dadurch entsteht ein Freiraum, in dem nach und nach eine Pluralität unabhängiger Akteure möglich wird: verschiedene Territorialherrschaften, Stände, Nationalitäten, schließlich Gewaltenteilung.

Winkler sieht das Spezifikum Europas in diesem Grundzug der Pluralität, der Machtmonopole verhütet und damit Freiheit ermöglicht. Wie diese Freiheit im Lauf der europäischen (und ab dem 18. Jahrhundert auch der amerikanischen) Geschichte zu sich selbst fand, beschreibt er im ersten Band seines Werkes; wie sie sich unter Aufbietung aller Kräfte gegen den vor allem deutschen Angriff 1914-1945 zur Wehr setzte, im zweiten.

Als Theologe mag einem die Herleitung der christlichen Wurzeln dieser Freiheit bei Winkler ein wenig zu mager erscheinen; dass Winkler sich theologisch vor allem auf Bultmann, Freud und ein einziges Jesuswort stützt, zeigt, dass die historische Theologie nicht zu seinem Fachgebiet zählt. Dennoch hat er eine bemerkenswert tragfähige Linie von der Freiheit des Evangeliums zur Freiheit des Westens gezogen. Nicht zuletzt bemerkenswert ist dabei die Parallele, dass beide sich immer wieder in Widersprüche zwischen Projekt und Praxis verstricken und darüber ins Stolpern geraten.

Von einer leicht veränderten theologischen Position aus könnte man es so formulieren: nachdem erst einmal der Gott Israels und sein Wort in der Welt waren, erwächst den Mächten dieser Welt ein ernsthafter Gegenspieler, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Wenn das gut läuft, entstehen daraus Gewaltenteilung, Menschenrechte und mannigfaltige zivilisatorische Errungenschaften. Aber niemand denke, dass solche Errungenschaften ein für alle Mal gesichert sind. Der Kampf ist noch nicht zu Ende.

Jun 082012
 
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Der geistesgeschichtliche Kontext

Wright geht sein Thema nicht nur biblisch an. Er bezieht die Geistesgeschichte und speziell die Geschichte der neutestamentlichen Wissenschaft mit ein. Nur von dieser Geschichte her kann verstanden werden, weshalb es für die Gelehrten so schwierig war, die Botschaft der Evangelien zu verstehen. Es lag nicht daran, dass die Evangelisten sie nicht deutlich gemacht hätten. Aber unter dem Druck der Aufklärung schlossen Wissenschaftler und Verkündiger die Augen vor bestimmten Zusammenhängen.

Neutestamentliche Wissenschaft und Aufklärung

Die kritische neutestamentliche Wissenschaft der letzten zwei Jahrhunderte entwickelte sich in einem Umfeld, in dem vielen daran lag, Religion und Politik auseinander zu halten. Das aufgeklärte Bürgertum, das sich gerade von der Dominanz der Kirche befreite, fürchtete alles, was nach Theokratie roch. Deswegen wurden gesellschaftliche Bereiche separiert (Religion, Politik, Kultur, Wirtschaft …), die in neutestamentlicher Zeit selbstverständlich zusammen gehörten – und zwar für Griechen, Römer und Juden. In Deutschland kam die lutherische Zwei-Reiche-Lehre (die sich ja einer ähnlichen Problemlage verdankt) als theologisches Motive für die Trennung hinzu. In diesem Kontext blieb die Botschaft der Evangelien, dass – im Leben und Sterben Jesu – Gott seine Herrschaft auf Erden angetreten habe („the message of God becoming king“), nicht nur unverständlich, sondern ungehört.

Infolge dessen wurde Jesu Ankündigung, das Reich Gottes werde in Kürze kommen, auf zwei mögliche Weisen missverstanden: entweder als Voraussage einer revolutionären Befreiung von der römischen Herrschaft oder als Ankündigung des nahen Weltendes/Weltuntergangs. In jedem Fall ließ sich – aus dem Abstand von vielen Jahrhunderten – leicht nachweisen, das Jesus sich geirrt hatte. Stattdessen, so die in vielerlei Nuancen verbreitete These, habe die frühe Kirche aus den Geschichten und Lehren Jesu etwas Neues, Eigenes rekonstruiert und den Mythos der Auferstehung als Chiffre für ihren eigenen Aufbruch hinzugefügt. Somit las etwa Bultmann die Evangelien als Reflexe von Entwicklungen und Problemen der jungen Christenheit.

Enteschatologisierung des Christentums

In diesem Zusammenhang entstand der moderne Mythos vom Scheitern der Kirche, die auf Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverbrennung reduziert wurde. Es konnte einfach nicht sein, dass Jesus der Wendepunkt der Weltgeschichte sein sollte – wo doch die Aufklärer überzeugt waren, dass ihr eigenes Zeitalter, das Europa des 18. Jahrhunderts, die wirkliche Wende der Weltgeschichte vom Aberglauben zum Licht der modernen Wissenschaft, Technik und Philosophie sei.

Da aber die Weltgeschichte nicht zwei Wendepunkte haben kann, wurde das Christentum enteschatologisiert und zu etwas Spirituellem, Religiösen reduziert. Jesus war immer noch wohl gelitten als Symbol des unverfügbaren, Göttlichen und als Verkündiger nützlicher moralischer Wahrheiten. Die revolutionäre Botschaft der Evangelien dagegen wird in das Reich der privaten Spiritualität und der Jenseitserwartung verwiesen (ironischerweise halten daran bis heute die Frommen am heftigsten fest). Dort ist sie neutralisiert und lässt die Welt ungestört ihre Geschäfte machen.

Wright hat in diesem Buch nicht nur die unselige Aufspaltung der Christenheit in Reich-Gottes-Christen und „in den Himmel kommen“-Christen in ihrem Kern beschrieben und biblische Gründe zur Überwindung dieser Spaltung freigelegt. Er hat gleichzeitig deutlich benannt, wo seine Wissenschaft sich von der Aufklärung Denkverbote aufdrängen ließ, die sich mit älteren theologischen Kurzschlüssen verbündeten und Verkündigung und Praxis der Kirche kraftlos werden ließen. Hoffentlich kommt es auch durch Wrights Impulse zu einer Aufarbeitung der Forschungsgeschichte auf einer breiten Basis, die der westlichen Christenheit hilft, ihre milde Depression hinter sich zu lassen und ihren Auftrag in vollem Maß anzunehmen.

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Jun 052012
 
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Wright beschreibt, wie vier theologische Themen durch eine bessere Zuordnung von Evangelien und Kreuzestheologie verändert werden. Er vergleicht das mit einer Musikanlage mit vier Kanälen, die in ihrer jeweiligen Lautstärke aufeinander abgestimmt sein müssen, wenn man die Musik gut hören will. Keiner darf zu leise (so dass man ihn überhört) oder zu laut (so dass er die anderen Kanäle übertönt und selbst nur verzerrt rüberkommt) sein. Diese Kanäle sind:

1. Die Geschichte Israels

In der kirchlichen Tradition wurde dieser Kanal oft beinahe ausgeblendet. Im apostolischen Glaubensbekenntnis fehlt Israel völlig. Tatsächlich erzählen aber alle vier Evangelisten die Geschichte Jesu als Höhepunkt und Zielpunkt der Geschichte Israels. Sie wollten deutlich machen, dass die schon verloren geglaubte Geschichte Israel durch Jesus unerwarteter Weise doch eine äußerst hoffnungsvolle Wendung genommen hat. Und zwar eine Wendung, die – obwohl unerwartet – doch die genau passende Wendung ist.

Die Evangelisten unterstreichen das jeder auf seine Weise: Matthäus z.B. durch die Genealogie Jesu gleich am Anfang; Markus beginnend mit dem Rückbezug auf Deuterojesaja schon in Kap. 1; ebenso Lukas, beginnend mit dem Magnifikat in Kap. 1 und endend mit dem Rückbezug auf die Schrift in der Emmausgeschichte in Kap. 24;  Johannes schließlich beginnt sein Evangelium in Kap. 1 mit einem großen Rückblick bis zur Erschaffung der Welt – die ganze Schöpfung erreicht also in Jesus ihr Ziel, und er spricht es am Kreuz aus mit den Worten „Es ist vollbracht“. Dieser Kanal – die Geschichte Israels – muss also eine entschieden höhere Lautstärke bekommen, wenn man die Geschichte Jesu angemessen verstehen will.

Demgegenüber distanzieren sich die späteren gnostischen Evangelien von der Geschichte Israels und erzählen die Geschichte Jesu nicht als Rettung für die Welt, sondern als Rettung von der Welt.

2. Die Geschichte von Israels Gott in der Geschichte Jesu

Dieser Kanal ist – als Reaktion auf die Aufklärung – besonders in der konservativen Fraktion der Christenheit so stark aufgedreht worden, dass er alle anderen Kanäle übertönt und selbst nur verzerrt rüberkommt: ES GIBT EINEN GOTT. UND JESUS IST GOTT. Dabei geht die andere Frage unter: was für ein Gott ist es, und was tut er?

Das besondere Charakteristikum von Israels Gott ist, dass er in seiner Welt unter seinen Menschen wohnen will. Menschliche Rebellion macht ihm das unmöglich, aber er kommt trotzdem zurück. Die ganze Zeit des zweiten Tempels (seit 538 v.Chr.) steht aber im Zeichen der Wahrnehmung, dass Gott noch nicht wieder zu seinem Volk zurückgekommen ist.

Die Evangelien erzählen nun, wie Gott schließlich doch zurückkommt, unter den Menschen seine Herrschaft aufrichtet und ihr Elend teilt: nämlich in Jesus. An vielen Details weisen die Evangelien darauf hin, dass man in Jesu Praxis das Handeln von Israels Gott erkennen soll.  Man braucht also gar keine theologisch-begriffliche Christologie, sondern die Erzählungen der Evangelien erschließen diesen Zusammenhang, aber mit weniger Lautstärke, weniger schrill: In Jesus sollen wir die Gegenwart von Israels Gott sehen, wie er zu seinem Volk kommt und es rettet. Da ist keine Rede von einer Art Superman, sondern ein anteilnehmender Gott wird sichtbar.

3. Jesus und das erneuerte Gottesvolk

Auch der dritte Kanal ist traditionell zu laut eingestellt. In einigen modernen theologischen Traditionen übertönt er sogar alle anderen: die Evangelien werden dort gelesen als Dokumente, in denen sich nur die Reflektionen und Krisen der jungen Kirche widerspiegeln. Solche Worte wurden angeblich Jesus von urchristlichen Propheten aus aktuellem Anlass nachträglich in den Mund gelegt.  Diese Überzeugung verdankt sich zwei Vorentscheidungen, die sich im Lauf der Zeit unter dem Titel  der „kritischen Wissenschaft“ ausbreiteten: zunächst einmal die Überzeugung, dass es Wunder usw. einfach nicht geben könne. Deshalb kann es gar nicht anders sein, als dass die entsprechenden Texte in Wirklichkeit Produkte der Kirche sind. Dazu kam die radikal-lutherische Überzeugung der Bultmannschule, dass der Glaube sich nicht auf historische Fakten stützen dürfe, sondern auf sich selbst stehen müsse. Diese Vor-Urteile haben das angemessene Verständnis der Evangelien schwer behindert.

Allerdings erzählen die Evangelisten ihre Geschichte natürlich in dem Bewusstsein, dass es um die Ereignisse geht, mit denen „unsere Bewegung“ begonnen hat. Aber das bedeutet nicht, dass sie Falsches erzählen. Im Kontext des 1. Jahrhunderts macht die Geschichte Jesu guten Sinn. Aber wenn man ihn aus diesem Zusammenhang reißt, aus ihm einen Morallehrer macht und ihn vor allem als Gründer der Kirche versteht, dann passt es nicht mehr. Ja, die Evangelien sind Gründungsdokumente des erneuerten Gottesvolkes, die auch etwas über den Charakter dieser Bewegung sagen. Aber es war keine Neugründung auf der grünen Wiese, sondern ein Neuansatz im Rahmen des bestehenden Gottesvolkes. Natürlich haben die Evangelisten die Kirche und ihre Mission im Blick. Aber was sie mit Blick darauf sagen, ist fest in der tatsächlichen Praxis Jesu verankert. Wäre es nicht so, wäre die Kirche nur in sich selbst gegründet.

4. Der Konflikt der Reiche

Traditionell zu stark heruntergedreht ist wiederum der Kanal, bei dem es um den Zusammenstoß des Reiches Gottes mit der Herrschaft Cäsars geht. Aber für die ersten Leser der Evangelien war das ein Kontext, den sie immer mitdachten. Es war eine sehr wichtige Frage, wie sich die Nachfolge Jesu und ein Leben im Reich Cäsars zueinander verhielten. Dabei hilft ein Rückblick auf den ersten – ebenfalls zu stark gedämpften – Kanal. Die jüdische Tradition dreht sich immer wieder um die wichtige Frage, wie Gott mit den arroganten Mächten umgehen wird, die sein Volk bedrücken.

Im Horizont dieses Konflikts muss man auch die Evangelien lesen. Von der Geburtsgeschichte bis zum Prozess vor Pilatus (und an vielen Stellen dazwischen) ist der Konflikt zwischen Gott und den Mächten in den Evangelien sehr präsent. Im Umfeld der Aufklärung, die Staat und Kirche trennen wollte und der Israels Religion zu materiell erschien, verbanden sich jedoch unpolitische und un-jüdische Lektüre der Schriften und blendeten diesen Kanal oft ganz aus. Aber es geht bei Jesus darum, dass die Mächte, die die Welt beherrschen, in seiner Kreuzigung überwunden werden. Und das Kreuz ist gleichzeitig das Mittel, durch das Menschen aus der ganzen Welt zu Jesus, und damit zu Israels Gott, gezogen werden. In der Gerichtsszene – eine Konfrontation zwischen Jesus und Pilatus, dem Vertreter des Imperiums – wird gezeigt, wie das Kreuz der Weg ist, auf dem die Mächte der Welt sich selbst in die Lage bringen, von der siegreichen Liebe Gottes überwältigt zu werden. Jesus gab in seinem Tod „Gott, was Gott gehört“ und veränderte damit alles.

Alle diese vier Kanäle (wenn sie richtig aufeinander  abgestimmt sind) wirken zusammen in der Beschreibung der Praxis Jesu als der endgültige Exodus. Es war kein Zufall, dass Jesus das Passafest für seine entscheidende Initiative wählte. Was er dort erreichte, soll nun durch seine Jünger in der Welt implementiert werden. Deswegen weist die Story der Evangelien nach vorne und ist unabgeschlossen.

Immer wieder hat Wright darauf hingewiesen, dass die Aufklärung und ihr Einfluss eine wichtige Rolle beim (Miss)verständnis der Evangelien spielt. Man kann sein Buch auch lesen als eine entschiedene Auseinandersetzung mit aufklärerischem Denken innerhalb der neutestamentlichen Wissenschaft.  Diesem Aspekt wird sich der nächste (und letzte) Post in dieser Reihe widmen.

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Jun 012012
 
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Das Reich Gottes als übergreifender Verständnisrahmen für das Kreuz

Das Reich Gottes, Gottes Königtum auf Erden, ist der Verständnisrahmen auch für die Kreuzigung Jesu. Für die Evangelien gehört der Tod Jesu von Anfang an in die Botschaft hinein, darauf läuft es von Anfang an hinaus, und das wird auch in vielen Details der Evangelienerzählungen deutlich. Sein Tod wird als die endgültige Aufrichtung der Herrschaft Gottes auf der Erde verstanden. Die sühnende Wirkung dieses Todes ist nur eine Unterabteilung in einem viel größeren Zusammenhang, in dem Gott seine Welt wieder in Ordnung bringt. Dass die Christenheit sich weithin auf die Sündenvergebung durch das Kreuz konzentriert hat, ist eine Verkürzung.

Das Ziel der ganzen Geschichte Jesu, von der Inkarnation bis zum Kreuz, ist die Aufrichtung der gerechten Herrschaft Gottes, wie im Himmel so auf Erden. Der Tod Jesu ist nicht sein Scheitern, sondern Jesus wurde gerade durch seinen Tod endgültig zum König der Welt. Im Johannesevangelium zeigt sich das z.B. dadurch, dass die Kreuzigung als „Erhöhung“ bezeichnet wird. Bei Matthäus erfüllt Jesus in seinem Sterben die Weisungen der Bergpredigt.

Damit wird der Tod Jesu zum Augenblick, in dem die Geschichte Israels ihren Höhepunkt erreicht: die Liebe Gottes geht in den endgültigen Kampf mit den Mächten der Welt und überwindet sie. Gerade durch das Leiden wird die Herrschaft Gottes aufgerichtet. Sein Wille geschieht nun auf der Erde so wie im Himmel.

Jesus als neuer Tempel

In jüdischer Sicht gab es schon immer einen Ort, an dem die Sphären von Himmel und Erde sich berührten, ja, wo sie sich überschnitten: das war der Tempel. Er war der Ort von Heilung, Vergebung und Bundeserneuerung. Die Evangelien beschreiben nun Jesus als den Ort, an dem all das passiert. Er war sozusagen ein wandelnder Tempel, darin vergleichbar der beweglichen Bundeslade aus der Wüstenzeit Israels. Gegenüber ihm musste der Tempel samt seinen offiziellen Vertretern weichen.

Für die Nachfolger Jesu ersetzt sein letztes Mahl den Tempel. Dieses erneuerte Passamahl schaut nicht nur zurück auf die Befreiung aus Ägypten, sondern genauso voraus: auf den neuen Exodus, in den Jesus seine Jünger mitnimmt; und damit haben sie aktiv Anteil an dieser neuen Befreiung. Sie sind die königliche Priesterschaft, die die Welt regieren wird, aber nicht mit Liebe zur Macht, sondern mit der Macht der Liebe. Es geht um eine neue Art von Theokratie, die aber keinen Triumphalismus bedeutet, weil in ihrem Zentrum das Mitleiden steht.

Die Aufgabe der Kirche

Die Aufgabe der Kirche ist es deshalb, ein Ort von Gebet und Heiligkeit im Herzen der Welt zu sein: da, wo der Schmerz am größten ist. Diese Form der Herrschaft definiert „Herrschaft“ neu. Sie ist – in Parallele zum Sieg Jesu in seinem Tod – ein Regieren durch teilnehmendes Leiden.

Es ist schade, dass Wright hier wie an anderen Stellen über solche theologischen Wegweiser nicht grundsätzlich hinaus kommt. Er bleibt im Rahmen neutestamentlicher Theologie. Im letzten Teil des Buches beschreibt er zwar eine revidierte Art, wie man mit den Evangelien im Sinn das Glaubensbekenntnis auf neue Art verstehen kann. Aber auch das ist eben noch Theologie. Was es für Gestalt und Praxis der Gemeinde bedeutet, muss letztlich vor Ort erfunden werden.

Wright zeigt im Buch, wie seine Sicht von Reich Gottes und Kreuz Auswirkungen insbesondere für vier strategische Themen hat: für die Einbettung Jesu in die Geschichte Israels, die Bedeutung Jesu für das Gottesbild, die Geschichte der frühen Christenheit und den Konflikt zwischen der Herrschaft Gottes und der Herrschaft Cäsars. Ich werde das im nächsten Post der Reihe beschreiben.

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