Jul 132012
 

Predigt im Trauergottesdienst für Pia, Noah, Lean und Lio am 23. Juni 2012

In der Nacht zum 15. Juni 2012 wurden in unserer Gemeinde vier Kinder vom eigenen Vater getötet. Dies ist die Ansprache aus dem Trauergottesdienst am 23. Juni. Sie folgte auf eine Erinnerung an die vier Kinder, die durch große Porträts vertreten waren.
Wir sind hier beieinander, weil in unserem Ort ein großes Unheil geschehen ist, das uns alle erschreckt und erschüttert hat. Wir sind daran erinnert worden, dass es in unserer Welt entsetzliche Dunkelheiten gibt, von denen wir nichts geahnt haben. Sie wohnen verborgen in menschlichen Herzen, manchmal direkt neben uns. Und wir haben es nicht gewusst.Jesus hat gesagt, dass alles Unheil im menschlichen Herzen beginnt. Da wohnen die Enttäuschungen, die Ängste, die Verletzungen, und manchmal mischt sich das alles, und daraus wird Wut und der Wunsch zu zerstören. Ich glaube nicht, dass irgendeiner und irgendeine von uns davor sicher ist. Aber bei den Allermeisten von uns geht das vorüber – Gott sei Dank! – und irgendwann erinnern wir uns noch nicht einmal mehr selbst daran.

Aber dann gibt es diese wenigen, schrecklichen Augenblicke, in denen mörderische Gedanken es schaffen, zur Realität zu werden, zur Tat. Und warum das jetzt ausgerechnet hier unter uns geschehen ist, das kann keiner sagen. Natürlich wird es Gründe dafür geben, vielleicht wird es irgendwann eine Gerichtsverhandlung geben, die Erklärungen zu Tage fördert. Aber im Ernst: müssen wir das wirklich wissen, müssen wir das in allen Einzelheiten wissen?

Ich glaube, für die Allermeisten von uns reicht es aus, zu wissen, dass wir alle auf unser Herz achten müssen, damit darin das Leben wohnt und nicht der Tod. Wir müssen uns nicht so direkt der Begegnung mit dieser grauenvollen Tat aussetzen wie die Polizisten und Rettungskräfte, die das für uns alle tun und denen wir dafür wirklich ganz großen Dank schulden. Wir sind auch nicht verpflichtet, uns in unseren Gedanken mit den Einzelheiten dieser Tat beschäftigen. Damit werden die Juristen, Psychologen und Seelsorger noch genug zu tun haben.

Aber wir sollen jeder an seinem Ort unser Teil dazu beitragen, dass gute Worte gesprochen werden, dass gesegnet wird und nicht beschuldigt, dass die Ausstrahlung dieser Tat gestoppt wird, dass Wunden geheilt werden und wieder ein gutes Leben möglich wird.

Liebe Freunde, besonders ihr aus Groß Ilsede, lasst uns alle miteinander hinarbeiten auf den Tag, an dem »Tanja S.« einfach wieder nur eine Bürgerin unseres Ortes ist, eine Nachbarin, jemand, über die es nicht mehr dauernd heißt: das ist die, deren Kinder damals getötet worden sind. Lasst uns nach vorne schauen zu dem Tag, an dem es stattdessen vielleicht über sie heißt: das ist die Tanja, die so schöne Bilder malt, ganz fröhlich, aber ein klein bisschen Traurigkeit ist fast immer auch dabei. Und wir treffen sie morgens oft, wenn sie ihre Runden läuft, die hat ganz schön Kondition. Wenn all das eines Tages wieder in den Vordergrund rückt, dann haben wir es richtig gemacht.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und es ist ein schwerer Weg. Natürlich vor allem für die, die da ganz nah dran sind. Alle, die so etwas aus der Nähe miterleben müssen, die wird das von nun an begleiten. Aber es muss nicht für immer als Schatten über dem Leben liegen.

Selbst jetzt ist Tanja immer noch viel mehr als das, was man ihr angetan hat. Und wir wollen sie nicht auf die schrecklichen Ereignisse in diesen Tagen festlegen, sondern wir wollen offen bleiben für das, was morgen aus ihr werden soll. Sie soll in Ruhe ihren Weg finden, und wir halten uns mit Ratschlägen zurück. Aber lasst uns alle für sie beten. Sie braucht jetzt Zeit, um ihr Leben zurückzugewinnen. Und dafür braucht sie einen sicheren, geschützten Ort.

Und das gilt auch für die ganze Familie, für die Nachbarn und Freunde und viele andere. Lasst uns hier ein sicherer Ort werden für uns und für alle, die in diesen Tagen besonders verletzt und erschreckt worden sind. Und das geschieht ja schon. In all diesem Dunkel gibt es doch so viel Hilfsbereitschaft, so viel Hoffnung, so viel Verantwortung und Verbundenheit. In diesen schlimmen Tagen zeigt sich auch, wie viel Gutes unter uns wohnt.

Und wenn ihr Tanja helfen wollt, dann sagt ihr: du darfst mich ansprechen, wenn du Hilfe brauchst. Oder sagt ihr: du kannst mich anrufen, wenn du jemanden zum Reden brauchst. Und wenn es passt, dann wird sie es tun. Und wenn sie sich nicht meldet, dann seid ihr nicht böse deswegen – vielleicht gibt es ja einfach so viele Helfer, dass sie nicht allen antworten kann. Denn sogar das – glaubt es mir – kostet Kraft.

Aber niemand ist verpflichtet, solche Hilfe anzubieten. Hilfe ist es auch schon, wenn man normal und freundlich auf sie zu geht. Natürlich sind wir jetzt alle befangen. Natürlich sind viele unsicher, wie man sich jetzt verhalten soll. Aber habt keine Angst, wenn ihr ihr begegnet. Wenn man den ersten Schritt tut, dann ergibt sich das andere. Drückt ihr einfach die Hand ein bisschen länger als sonst.

Wir sind nicht ohnmächtig. Wir können nicht ungeschehen machen, was passiert ist, aber wir sind nicht ohnmächtig. Wir können alle ein großes oder kleines Zeichen aufrichten gegen die Mächte der Zerstörung und des Todes. Keinem von uns ist die Kraft Gottes fern, sein Leben, seine Liebe. Überall in der Welt wartet sie darauf, dass wir sie wahrnehmen, uns für sie öffnen und aus ihr leben.

Denn unsere Welt besteht aus Himmel und Erde. Seit langer Zeit ist der Himmel verborgen, damit er nicht auch noch von unseren Finsternissen verdunkelt werden kann. Er ist jetzt noch die verborgene Seite der Welt. Aber immer wieder erreichen uns von dort Zeichen und Signale. Gott sendet seine Engel vom Himmel auf die Erde, seine guten Mächte, damit sie die Zerstörung begrenzen, die Menschen hier immer wieder anrichten, im Großen und im Kleinen. Und ich kann wirklich sagen, dass wir diese Bewahrung in den vergangenen Tagen immer wieder erlebt haben.

Als größtes und klarstes Zeichen ist Jesus Christus zu uns allen gekommen. Er hat unter uns ein Leben gelebt, das ganz von den Kräften des Himmels erfüllt war. Er ist dem Tod in jeder Gestalt entgegengetreten und ist nicht zurückgewichen. Und als er selbst sterben musste, da war die Macht Gottes stärker als die Macht des Todes, und Gott hat ihn auferweckt, und der Tod musste zurückweichen. Von Jesus sollen wir lernen: damit wir auch Menschen des Lebens sind, bewegt von den Kräften des Himmels, und in Solidarität verbunden mit allen, die uns brauchen.

Alles, was daraus wächst, wird bleiben. Jedes freundliche Wort, jede Geste der Anteilnahme, jedes aufrichtige Gebet, und alle Tränen der Liebe werden bleiben. Gott bewahrt sie auf in der unsichtbaren Welt, im Himmel. »Sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie« heißt es im 56. Psalm. Gott kennt alle Tränen, und er vergisst keine. Der Krug, in dem er sie sammelt – auch das ist ein Bild für die verborgene Seite der Welt, wo Gottes Wille schon jetzt geschieht. Wie sollten wir davon anders reden als in Bildern?

Und in seiner verborgenen Welt behütet Gott jetzt auch diese vier Kinder, damit sie am Ende doch noch ihren vollen Platz finden, den Platz, den er ihnen von Anfang an zugedacht hat: in der kommenden Welt, wenn alle Tränen abgewischt werden, und wenn Himmel und Erde wieder zusammen kommen. Gott setzt der Zerstörung die sanfte, ausdauernde Kraft seiner Liebe entgegen – und deshalb tun wir es auch.

Wir bewahren das Bild dieser Kinder in unseren Herzen, weil wir wissen, dass sie selbst geborgen sind in der guten und geliebten Hand Gottes.

Dez 032011
 

Ansprache zum Volkstrauertag am 13. November 2011 in Groß Ilsede

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

wir begehen den Volkstrauertag in einem Jahr, das wie kaum ein anderes von Umwälzungen und Erschütterungen geprägt ist. Es hat begonnen mit dem arabischen Frühling, mit den Volkserhebungen in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien. Dann wurden wir Zeuge, wie in Fukushima die Atomkraft ihre ganze zerstörerische Kraft zeigte, ausgerechnet in diesem leidgeprüften Land, das am Ende des zweiten Weltkrieges die Erfahrung von zwei Atombombenabwürfen machen musste. In Norwegen sahen wir mit Schrecken, zu welcher mörderischen Energie der Hass gegen alles Fremde und Unvertraute fähig ist, auch hier in Europa. Und schließlich erleben wir Woche für Woche, wie die Welt von den wirtschaftlichen Gewalten hin und her getrieben wird, die Menschen von ihren Fesseln befreit haben und nun nicht mehr bändigen können. Wer erinnert sich heute noch an die Lebensmittelskandale am Anfang des Jahres oder an Ministerrücktritte, die uns beschäftigt haben? Es ist, als ob das alles schon ewig zurückliegt, so viel ist inzwischen schon wieder passiert. Und das Jahr ist noch nicht zu Ende.

Mitten in diesen Unsicherheiten und Umwälzungen ist heute also der Volkstrauertag und erinnert uns daran, dass die Weltgeschichte auf die eine oder andere Weise schnell zu blutigem Ernst werden kann, eine Erfahrung, die uns in den vergangenen 66 Jahren hier in Europa durch unverdiente Gnade erspart geblieben ist. Zwei Drittel eines Jahrhunderts ohne Krieg und vergleichbare Katastrophen in unserem Land – ich wüsste nicht, dass es das jemals zuvor in unserer Geschichte gegeben hat.

Aber das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Völker Europas nach den beiden großen Kriegen des vergangenen Jahrhunderts wirklich etwas gelernt haben: dass Krieg nichts sein darf, was immer mal wieder kommt, womit man sich abfindet und was man als letzte Möglichkeit gelegentlich in Kauf nehmen muss. Nein, Krieg darf nicht sein.

Deshalb haben unsere Väter und Mütter sich damals zwischen Gräbern und Ruinen geschworen: nie wieder Krieg, und sie haben es ins Grundgesetz geschrieben, und immer wieder haben wir es bekräftigt: von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen. Und es mag sein, dass in der Weltpolitik die Deutschen da als zögerlich und unsicher gelten, aber diese Erfahrung der mörderischen Kriege hat uns mit gutem Grund sehr zurückhaltend gemacht in Bezug auf Krieg und Gewalt. Das ist ein kostbares, teuer erkauftes Erbe, dass viele Menschen in unserem Land sich ganz sicher darin sind, dass es wenige irdische Güter gibt, die wichtiger sind als Frieden.

Aber zum Frieden gehört nicht nur diese Zurückhaltung gegenüber militärischer Gewalt. Zu den besten europäischen Traditionen gehört die Überzeugung, dass es auf den Geist ankommt, auf die Werte, von denen man lebt, auf die Stärke des Mitleidens, und dass diese innere Stärke auf lange Sicht mehr erreicht als militärische Macht. Der Fall der Mauer und die Umwälzungen in Osteuropa vor mehr als zwei Jahrzehnten haben uns das noch einmal deutlich bestätigt. In der Freiheitsliebe und Opferbereitschaft junger Menschen in den arabischen Ländern, in der erstaunlichen Gewaltlosigkeit auch im Angesicht tyrannischer Regime begegnen uns heute unsere eigenen besten Traditionen, und wir sind gefragt, ob wir sie wiedererkennen und um diese zarte Pflanze bangen, die da völlig überraschend aufgeblüht ist.

Und genauso sind wir gefragt, ob wir auch angesichts weltbewegender Krisen und Umwälzungen an unseren Überzeugung festhalten wollen. Wir haben Werte und Erfahrungen, die nicht nur für die Schönwettersituationen gedacht sind, sondern die uns gerade in schwierigen Zeiten Orientierung geben. Sie sind kein Luxus, sondern Überlebensausrüstung. Ein Volk ohne Vision geht zugrunde, heißt es in der Weisheit des Königs Salomo. Gerechtigkeit und Solidarität, Freiheit und Mitleid, sie sind Geschwister des Friedens, und es sind die unsicheren Zeiten, in denen sie sich bewähren werden, wenn wir ihnen trauen.

In diesem Sinn: Gott behüte unser Land und lasse uns im Frieden leben!