Sep 012014
 

Predigt am 17. August 2014 zu Offenbarung 4 (Predigtreihe Offenbarung 10)

1 Danach wurde mir etwas anderes gezeigt. Ich sah im Himmel eine geöffnete Tür und hörte, wie die gleiche Stimme, die schon zuvor mit mir gesprochen hatte und die wie eine Posaune klang, zu mir sagte: »Komm hier herauf! Ich werde dir zeigen, was nach den Dingen, von denen du bereits gehört hast, noch kommen muss.« 2 Im gleichen Augenblick wurde ich vom Geist Gottes ergriffen. Ich sah einen Thron im Himmel stehen, und auf dem Thron saß jemand, 3 von dem ein Leuchten ausging wie von einem Diamanten oder einem Karneol. Ein Regenbogen, strahlend wie ein Smaragd, umgab den Thron mit seinem Glanz. 4 Rings um den Thron standen vierundzwanzig andere Throne, und auf diesen Thronen saßen vierundzwanzig Älteste, die in weiße Gewänder gehüllt waren und goldene Kronen trugen. 5 Von dem Thron ´in der Mitte` her gingen Blitze, Stimmen und Donner aus. Sieben Fackeln brannten vor dem Thron; das sind die sieben Geister Gottes. 6 Die Fläche, die sich vor dem Thron ausdehnte, sah wie ein gläsernes Meer aus und war von kristallener Klarheit.

Unmittelbar beim Thron, rings um ihn herum, standen vier lebendige Wesen, die vorn und hinten mit Augen bedeckt waren. 7 Das erste dieser Wesen glich einem Löwen, das zweite einem jungen Stier, das dritte hatte ein Gesicht wie ein Mensch, und das vierte sah aus wie ein Adler im Flug. 8 Jedes dieser vier Wesen hatte sechs Flügel, und auch die Flügel waren überall – selbst auf der Unterseite – mit Augen bedeckt. Tag und Nacht rufen diese Wesen immer wieder aufs Neue: »Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr, der allmächtige Herrscher, er, der war, der ist und der kommt.«

9 Und sooft sie dem Ehre erweisen, der auf dem Thron sitzt und in alle Ewigkeit lebt, sooft sie ihn rühmen und ihm ihren Dank bringen, 10 werfen sich auch die vierundzwanzig Ältesten vor ihm nieder und beten ihn an – ihn, der auf dem Thron sitzt und in alle Ewigkeit lebt. Sie legen ihre Kronen vor seinem Thron nieder und rufen: 11 »Würdig bist du, Herr, unser Gott, Ruhm und Ehre und Macht zu empfangen! Denn du bist der Schöpfer aller Dinge; nach deinem Willen wurde alles ins Dasein gerufen und erschaffen.«

Mit Kapitel 4 beginnt der zweite, viel längere Teil der Offenbarung. Bisher ging es um 7 Briefe an 7 kleine christliche Gemeinden, die auf ganz unterschiedliche Weise in Auseinandersetzungen mit ihrer Umgebung verwickelt waren. Mehr oder weniger gut haben sie in ihrem Alltag dem Druck der heidnischen Welt standgehalten, und der Seher Johannes sollte ihnen schreiben, damit sie ihre Aufgabe weiterhin gut erfüllen oder sie besser verstehen und ausfüllen.

Von jetzt ab schaut Johannes sozusagen hinter die Kulissen, jetzt wird ihm enthüllt, was im Hintergrund abläuft, im Himmel. Der Himmel ist die Seite der Welt, die den Menschen normalerweise verborgen ist. Vielleicht würden wir heute gar nicht sagen, dass eine Tür irgendwo oben am Himmel aufgeht, sondern heute wäre das entsprechende Bild dafür wohl eher, dass sich hier ganz nahe bei uns eine Tür zu einer Art Parallelwelt öffnet. Johannes darf da hineinschauen.

»Himmel« und »Erde«

»Himmel« und »Erde« sind gar nicht weit auseinander. Man könnte sagen: sie liegen ineinander, an manchen Stellen ist die Wand dazwischen sehr dünn, und manchmal scheinen sich Himmel und Erde für einen Moment zu verbinden. Das ist eine gute Sache, denn im Himmel ist jetzt schon Gottes Wille klar und stark. Im Himmel besteht kein Zweifel daran, dass Gott ein wunderbares Werk vollbracht hat, als er die Welt schuf. Deswegen wird Gott dort unentwegt gepriesen. Und das passiert jetzt, nicht erst irgendwann in der Zukunft. Im Himmel wird jetzt schon festgehalten, dass die Welt gut ist, herrlich und begeisternd.

Das ist deswegen wichtig, weil wir das nicht so klar erleben, und im Lauf der Offenbarung kommt es ja auf der Erde zu Katastrophen und schrecklichen Erschütterungen. Wir leben in einer Zeit, in der wir deutlich solche Erschütterungen spüren. An so vielen Ecken der Welt brennt es. Wir sind schon froh, wenn die Nachrichten heute wenigstens nicht noch schlimmer geworden sind als gestern. Und genau von so einer Welt redet die Offenbarung. Da kommt noch einiges auf uns zu. Aber am Anfang dieses zweiten Teils der Offenbarung sollen wir in den Thronsaal Gottes schauen, wo viele Stimmen miteinander Gott loben für seine Größe und Macht und für das Wunderwerk seiner Schöpfung. Und das bleibt wahr – trotz allem.

Widerstand gegen ein eindimensionales Weltbild

Gott zu loben ist ein Akt des Widerstandes gegen den Tod und gegen alle Mächte, die diese Welt vergiften, verhunzen und unbewohnbar machen wollen. Es wäre diesen Mächten der Zerstörung nur recht, wenn der Himmel ein Hirngespinst wäre und es nur die sichtbare Seite der Welt gäbe. Die könnten sie kontrollieren, da könnten sie die Herren sein. Deswegen versuchen sie, uns einzureden, real sei nur das, was man sehen, anfassen, berechnen und kaufen kann. Sie wollen, dass wir Gottes Alternative für die Welt aus unseren Gedanken verbannen und glauben, die Herrschaft der Mächte wäre alternativlos.

Aber zum Glück ist es nicht so. Zum Glück gibt es den Himmel. Nicht als Endlager für tote Menschen, sondern als den Ort, wo Gottes Sicht der Welt lebendig ist. Im Himmel wohnt das Wissen darum, was Gottes Wille mit der Welt ist. Und von dort aus dringt Gottes guter Wille auch in die sichtbare Welt ein, die wir vor Augen haben. Es soll z.B. hier unter uns Menschen geben, die den Glauben an die Güte des Schöpfers trotz allem festhalten.

Die Geschöpfe und Gottes Volk preisen Gott – je auf ihre Weise

Das Lob Gottes für seine trotz allem gute Schöpfung wird zuerst von den vier Wesen angestimmt, die an Gottes Thron stehen. Es gibt etliche Theorien darüber, was mit diesen Wesen gemeint ist. Es ist die Besonderheit von solchen Bildern, dass man nie 100%ig sicher sein kann, was sie bedeuten sollen. Erst recht, wenn sie fast zweitausend Jahre alt sind. Mir leuchtet am meisten ein, dass diese Wesen die nicht menschlichen Geschöpfe vertreten: der Löwe steht für die wilden Tiere, der Stier für die gezähmten Tiere, der Adler für die Bewohner der Lüfte. Und das Wesen mit menschlichen Zügen steht für uns Menschen, insofern wir auch in den Verbund der geschaffenen Lebewesen hineingehören. Auf eine gewissen Weise sind wir wirklich nackte Affen, auch wenn das längst nicht alles ist, was man über uns sagen kann.

Dass die Menschen aber mehr sind als nackte Affen, das machen die 24 Ältesten deutlich. Das sind die Vertreter der 12 Stämme Israels und die 12 Apostel als Vertreter der Christenheit. Auch das ist die Deutung, die mir am meisten einleuchtet. Aber ich glaube, es passt, dass hier die Vertreter beider Fraktionen von Gottes Volk auf Thronen sitzen und den göttlichen Rat bilden. Sie tragen Kronen als Zeichen der königlichen Würde. So, wie es den Menschen Gottes am Ende des vorigen Kapitels verheißen worden ist, dass sie an Gottes weiser Herrschaft über die Erde Anteil bekommen. Die Aufgabe der Menschen ist es, das Bindeglied zwischen Gott und seiner Schöpfung zu sein.

Und die 4 Wesen als Vertreter der nichtmenschlichen Schöpfung beginnen mit dem Lob Gottes: »Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr, der allmächtige Herrscher, der war, der ist und der kommt.« Das ist fast wörtlich der Gesang der Seraphim aus Jesaja 6. Die Schöpfung hat ihren eigenen Weg, Gott zu loben. Das wird hier im Himmel festgehalten: alle Kreaturen sind dazu bestimmt, Gott zu loben. Sie sind nicht stumm. Sie haben ihren eigenen Wert und ihre Würde, sie sind nicht einfach Sachen, die man nach Lust und Laune verwalten kann. Auch das Tierreich hat seine Repräsentanten im Himmel.

Und dann stimmen die 24 Ältesten in dieses Lob Gottes ein, und der Unterschied zu den tierartigen Wesen ist, dass die Menschen verstehen, was sie da tun, und warum. Du bist würdig, sagen sie, du verdienst es, dass wir dir Ruhm und Ehre geben, denn du hast alles geschaffen. Dein Wille war es, der diese Welt ins Leben rief. Die Schöpfung lobt auf ihre eigenen Weise Gott, aber die Menschen sagen: denn du hast alles erschaffen. Wir loben dich, weil … Menschen können die Geschichte dahinter verstehen, und sie können das durch Anbetung ausdrücken.

Auf Lobpreis hin angelegt …

Was hier im Himmel geschieht, das sagt etwas darüber, was die Aufgabe der Menschen auf der Erde ist: ein Lobpreis Gottes zu sein. In uns soll sich die Freude und das Leben des Schöpfers widerspiegeln. Das ist die große menschliche Berufung.

Ich sage das mit einem gewissen inneren Zögern, weil ich mir nur sehr begrenzt vorstellen kann, wie das aussehen könnte. Klar, dazu gehört, dass wir mit unserer Art zu leben etwas widerspiegeln von Gottes Großzügigkeit und seiner verschwenderischen Art, zu schenken und zu segnen. Das ist leichter gesagt als getan, aber ich kann mir das ein Stück weit vorstellen. Herzliche Gastfreundschaft, großzügiges Schenken, Freude an Schönheit, eine Wirtschaft, die die Umwelt nicht vergiftet oder zerstört, sondern in Frieden mit der Schöpfung lebt, ein Umgang mit Tieren, der die Geschöpfe in ihrem eigenen Wert sieht und nicht bloß als Anhängsel unserer Ernährungsindustrie – wie das alles aussehen könnte, dafür habe ich wenigstens ein paar Bilder im Kopf. Natürlich werden Leute sagen, das wäre unrealistisch, aber ich denke, wenn alle das wirklich wollen würden, dann würden wir das schon hinkriegen.

Das Problem ist nur: warum funktioniert das nicht? Warum sind Menschen wie gelähmt und denken, sie könnten nichts ändern, es sei alles alternativlos? Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass wir hier auf der Erde wenig Erfahrung haben mit dem Lobpreis Gottes. Wir leben in einer Zeit, in der das nicht wirklich einsichtig ist, wozu Anbetung Gottes eigentlich gut sein soll. Sie hat keinen moralischen Nutzen. Man kann nichts dafür kaufen. Gott zu loben bewirkt anscheinend nichts in der Welt. Vielleicht erwärmt es hier und da Herzen, aber eigentlich sind wir etwas ratlos, wozu das eigentlich da ist. Und weil es so wenig plausibel ist, deshalb haben wir auch nicht so viele überzeugende Erfahrungen, wie das aussehen könnte, jetzt, unter uns, in unserer Gegenwart.

Dabei sind wir so eingerichtet, dass Lobpreis eigentlich zu uns passt. Wenn Sie mal schauen, wie oft uns in der Werbung Menschen begegnen, die mit weit aufgerissenen Mündern auf irgendetwas schauen. Das soll ja bedeuten: da ist irgendetwas, das ist so toll und großartig, dass mir vor Staunen der Mund offen stehen bleibt. Oder denken Sie an Anzeigen oder Werbespots, wo ein Auto oder eine Praline oder ein Bier oder was auch immer so dargestellt wird, dass es eine Aura bekommt, sozusagen einen überirdischen Touch, als ob es etwas Verehrungswürdiges sei.

Ich erinnere mich auch an eine Anzeige, wo ein bekannter Sportler bewundernd auf eine Tüte Kartoffelchips zeigt, und man könnte sagen: der lobt und preist diese Chips (obwohl er sicher nie so erfolgreich geworden wäre, wenn er dauernd Kartoffelchips in sich reingestopft hätte). Man merkt daran, dass uns solche Gesten des Lobens und Preisens oder des Hingerissenwerdens nicht fremd sind, auch wenn uns das gar nicht so bewusst ist. Und dann kommen sie eben oft in einem Zusammenhang vor, wo Menschen Elemente und Dinge in der Schöpfung preisen, aber nicht den Schöpfer selbst.

Es gehört zum Menschsein dazu, etwas zu loben und zu preisen, was größer ist als wir selbst. Und wenn das nicht der Schöpfer ist, dann ist es eben eine Tüte mit fettigen Kartoffelchips. Es ist schon komisch, dass so eine Werbung für uns ganz normal ist, aber das Lob Gottes ist unplausibel und unnötig. Es war ein langes Training nötig, bis das keinem mehr auffällt. Das Problem ist nur, dass wir von dem geprägt werden, was wir loben und anbeten.

… aber ungeübt

Deswegen müssen wir uns auf die Suche machen und herausfinden, wie denn unter uns angemessene Anbetung aussieht. Einfach die alten Gesänge wiederholen, damit ist es nicht getan. Jede Zeit muss ihren eigenen Weg finden. Wir müssen heute z.B. auch so von Gottes Schöpfung sprechen, dass es die ganzen Erkenntnisse der Naturwissenschaft aufnimmt, all das Tolle, was Wissenschaftler über den Hintergrund des Kosmos gerade in den letzten Jahrzehnten herausgefunden haben.

Man kann von den früheren Generationen lernen, die irischen Loblieder auf Gott z.B. haben bis heute ganz viel Kraft und Freude in sich. Aber am Ende müssen wir unseren eigenen gemeinsamen Weg und Stil finden, um zu sagen: Gott, deine Schöpfung ist einfach großartig. Wie hast du dir das nur alles ausgedacht! Danke, dass du uns damit beschenkt hast. Ich kann mich nicht satt sehen an all dem Guten, und die Freude aller Geschöpfe erfüllt mein Herz. Du hast es so gut gemacht – wer ist wie du? Wer könnte dir das nachmachen? Und wenn du es so gut angefangen hast, ich traue dir zu, dass du es auch gegen den Widerstand aller dunklen Mächte zu deinem guten Ende bringst.

Sep 012014
 

Predigt am 10. August 2014 zu Offenbarung 3,14-22 (Predigtreihe Offenbarung 09)

14 »Und an den Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Der, der treu ist, der vertrauenswürdige und zuverlässige Zeuge, der Ursprung von allem, was Gott geschaffen hat – der lässt ´der Gemeinde` sagen:

15 Ich weiß, wie du lebst und was du tust; ich weiß, dass du weder kalt noch warm bist. Wenn du doch das eine oder das andere wärst! 16 Aber weil du weder warm noch kalt bist, sondern lauwarm, werde ich dich aus meinem Mund ausspucken.

17 Du sagst: ›Ich bin reich und habe alles im Überfluss, es fehlt mir an nichts‹, und dabei merkst du nicht, in was für einem jämmerlichen und erbärmlichen Zustand du bist – arm, blind und nackt. 18 Ich rate dir: Kaufe bei mir Gold, das im Feuer gereinigt wurde, damit du reich wirst, und weiße Kleider, damit du etwas anzuziehen hast und nicht nackt dastehen und dich schämen musst. Kaufe auch Salbe, und streiche sie dir auf die Augen, damit du wieder sehen kannst. 19 So mache ich es mit allen, die ich liebe: Ich decke auf, was bei ihnen verkehrt ist, und weise sie zurecht. Darum mach Schluss mit deiner Gleichgültigkeit und kehre um!

20 Merkst du nicht, dass ich vor der Tür stehe und anklopfe? Wer meine Stimme hört und mir öffnet, zu dem werde ich hineingehen, und wir werden miteinander essen – ich mit ihm und er mit mir.

21 Dem, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht, werde ich das Recht geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, so wie auch ich den Sieg errungen habe und jetzt mit meinem Vater auf seinem Thron sitze.

22 Wer bereit ist zu hören, achte auf das, was der Geist den Gemeinden sagt!«

Am Ende des siebten und letzten Briefes der Offenbarung steht die Perspektive, die Jesus allen seinen Gemeinden eröffnet. Sie wird beschrieben mit dem Bild, dass sie ebenso wie Jesus auf dem Thron sitzen werden. Der Thron, das ist klar, ist ein königliches Symbol: von einem Thron aus wird regiert. Die Perspektive ist also nicht nur, dass Jesus nach seiner Auferstehung diese Welt regiert, sondern dass er das tut unter Beteiligung seiner Leute.

Anteil an der Weltregierung Gottes

Wer beim Himmelfahrtsgottesdienst auf dem Hüttengelände dabei war, der könnte sich vielleicht erinnern, dass wir da gesagt haben: der Himmel ist die verborgene Seite der Welt, und von da aus wird sie in Wirklichkeit regiert. Der Himmel ist der Kontrollraum für die Erde, er ist sozusagen das Chefbüro. Heute sitzen die Leute mit Macht ja nicht mehr auf einem Thron und geben Audienzen, sondern sie sitzen in einem Büro an einem Schreibtisch oder sie sitzen am Kabinettstisch oder am Vorstandstisch.

Vielleicht ist es für manche von uns kein verlockender Gedanke, noch mehr Zeit am Schreibtisch oder mit Sitzungen zuzubringen, genauso wie mancher alte König vielleicht über seinen unbequemen Thron gestöhnt haben mag und über die vielen Leute, die er mit hoheitsvollem Gesichtsausdruck anhören musste. Aber Thron und Schreibtisch sind ja alles nur Bilder. Gemeint ist: Jesus ist der wahre König der Welt, erstaunlicherweise ist er es, der trotz aller menschlichen Irrungen und Wirrungen den Lauf der Welt lenkt, er regiert, und daran sollen seine Leute beteiligt sein.

Eine andere Art von Macht

Und die Pointe bei der ganzen Sache ist natürlich: wenn Jesus König ist, dann bekommt das Wort »König« eine ganz andere Bedeutung, als wir es normalerweise kennen. Wenn Jesus Macht ausübt, dann ist das eine andere Art von Macht. Wenn Jesus von einem siegreichen Kampf spricht, der es ihm erlaubt, auf dem Thron zu sitzen, dann sind weder Feldzüge noch politische Intrigen gemeint, die er erfolgreich bewältigt hat.

Das muss von Anfang an ganz sein, weil sonst alles falsch wird und aus Jesus und den Christen schnell eine religiös verbrämte Herrschaftsclique werden könnte. Das ist im Lauf der Geschichte manchmal passiert, aber damals zur Zeit der ersten Christen hätte jeder über so eine Idee nur gelacht, weil kaum einer weniger politische Macht hatte als die paar armen Christen. Wenn im Zusammenhang von Jesus und seinen Leuten von Thronen und Macht die Rede war, dann war das entweder ein schlechter Witz oder es muss eine völlig andere Art von Macht gemeint sein.

Und genau darum geht es, aber es ist viel einfacher zu sagen, worin diese andere Macht nicht besteht, als positiv zu beschreiben, wie sie funktioniert. Die normale Art von Macht kennen wir, über die hören wir jeden Tag in den Medien. Aber diese andere Art von Macht, über die wird seltener gesprochen, und deswegen ist sie uns nicht so geläufig, deswegen muss man das immer ganz von Anfang an durchbuchstabieren. Also habt ein bisschen Geduld mit mir und lasst euch auf diesen Gedankenweg ein!

Ein Sieg in zwei Schritten

Der Sieg, von dem Jesus redet, den hat er in zwei Etappen errungen: das erste Mal am Anfang seines Wirkens, als er in der Wüste dem Satan begegnete und der ihn auf die Probe stellte. Aber Jesus blieb fest und sagte: nein, ich werde meine göttlichen Kräfte nicht benutzen, um Brot zu zaubern, oder um Leute mit Propaganda zu beeindrucken. Und ich will auch nicht deine Art von Weltherrschaft aus deiner Hand haben. Das bleibt auch alles noch im Negativen: so nicht! Aber als sich dann der Satan wütend verzogen hat, da kommen die Engel Gottes und versorgen Jesus mit Essen. Nachdem er dem satanischen Zugriff auf die Welt widerstanden hat, da erschließt sich der verborgene Segen.

Die zweite Etappe des Kampfes kam am Ende, als Jesus auf seinen Tod zuging, und sich abzeichnete, dass er die ganze Brutalität politischer Macht am eigenen Leib erfahren würde. Und auch da hat er sich geweigert, dieser Drohung des Kreuzes mit den gleichen Mitteln entgegen zu treten. Man kann sagen, dass die Versuchung durch den Satan in einem Bild vorwegnahm, worum es für Jesus am Kreuz ging: auch unter diesem erbarmungslosen Druck frei zu bleiben von der Art, mit der die großen Mächte dieser Welt die Menschen unter Kontrolle halten. Im Kreuz konzentrierte sich die grausame Macht des stärksten Imperiums, das die Welt bis dahin gesehen hatte. Trotzdem ließ sich Jesus nicht von seinem Weg abbringen. Und auch das ist erst mal eine negative Aussage: ich lasse mich nicht auf eure Logik ein! Aber als Jesus sein Leben beendet hat, in Treue zu Gott bis zum letzten Atemzug, da griff Gott ein und ließ ihn auferstehen. Als die Mächte der Welt ihre ganze Todesmacht gezeigt hatten, da zeigte sich, dass das Leben Gottes stärker ist.

Das war der grundlegende Durchbruch. Denn wenn selbst das Kreuz nicht das Leben Gottes zerstören konnte, dann gibt es nichts, das stärker sein könnte als der Segen, der von Gott her in die Welt strömt.

Ein Durchbruch – viele Durchbrüche

Aber dieser grundlegende Durchbruch, der muss sich nun in der ganzen Welt ausbreiten. Mit einem noch ziemlich neuen Fremdwort kann man sagen: dieser Durchbruch muss implementiert werden. Er muss angewandt und umgesetzt werden, er soll zu ähnlichen Durchbrüchen im Kleinen und im Großen führen, überall auf der Welt, in allen Zeitaltern und Kulturen.

Man kann sich das auch klar machen an einem Musikstück. Der Komponist hat es geschrieben, aber es soll ja nicht auf dem Notenblatt stehen bleiben, sondern es soll zu lebendiger Musik werden. Es muss aufgeführt werden, und es wird immer wieder anders klingen, abhängig von der Qualität der Instrumente und dem Können der Musiker, je nach Geschmack der Zeit und Temperament des Dirigenten. Aber es geht immer um das selbe Stück, und ohne den Komponisten und seine Idee und seine Arbeit hätte es all diese Aufführungen nie gegeben.

Und da kommen eben die Leute Jesu ins Spiel. Wir sollen dafür sorgen, dass das Stück aufgeführt wird, dass der Durchbruch, den Jesus erreicht hat, sich in allen möglichen und unmöglichen Situationen wiederholt. Deshalb sollen wir der Logik der Mächte und ihrer Art von Macht widerstehen und stattdessen Ausschau halten nach dem verborgenen Segen, der eine bessere Lösung ist als die Herrschaftslogik der Mächte. Das ist die Art, wie Jesus die Welt regiert: indem er Menschen losschickt, die mindestens eine Ahnung haben vom verborgenen Segen in dieser Welt.

Menschen, die Segen bringen

Menschen, die mindestens eine Ahnung davon haben, dass es ganz real nachhaltiger ist zu segnen als zu bomben. Das haben uns die Kriege der letzten zwanzig Jahre sehr deutlich gezeigt, dass aus Gewalt immer neue Gewalt entsteht. Diese ganzen Methoden von Bestrafen, Vergelten, Belehren und Vernichten, die funktionieren einfach nicht. Es ist wesentlich effektiver, Segen weiterzugeben: also Krankenhäuser zu bauen und Seuchen zu bekämpfen, für Gerechtigkeit zu sorgen, Menschen ein Auskommen zu verschaffen, Flüchtlinge gastfreundlich aufzunehmen, all diese Dinge. Es ist nicht nur weniger riskant, Ärzte und Lebensmittel zu schicken als Soldaten, es ist sogar billiger. Ich frag mich, warum sich der Steuerzahlerbund da noch nicht hintergeklemmt hat und sich beschwert, was da an Geld verschwendet wird.

Im Großen, in der Politik, ist das oft besser zu beobachten, aber das funktioniert genauso leicht oder genauso schwer auch im Kleinen. Segen weitergeben, selbst zum Segen zu werden, das ist die beste Art, Einfluss auszuüben. Aber das bedeutet in der Regel mehr an persönlichem Einsatz, mehr Überwinden von Denkgewohnheiten, mehr Nötigung, sich zu exponieren. Unser ganze Alltag ist anders eingerichtet, die ganze Strömung des Lebens zieht uns woanders hin. Meistens muss erst der normale Lauf der Welt kräftig rumpeln und krachen, bis wir überlegen, ob es auch anders geht.

„Wir kriegen das schon allein hin“

Deswegen hat Jesus so viel Mühe mit der Gemeinde in Laodizea. Das war eine reiche Stadt, sie hatten dort viele bekannte Banken und exportierten Wolle und Stoffe. Kurz vor diesem Brief hatte es da ein Erdbeben gegeben, und als die Römer fragten: braucht ihr Hilfe zum Wiederaufbau?, da sagten die Laodizener: nein danke, das kriegen wir schon allein hin. Und irgendwie scheint das auch auf die Christen dort abgefärbt zu haben, diese Haltung: wir brauchen nichts.

Am entscheidenden Punkt bettelarm

Und der Brief versucht ihnen deutlich zu machen: auch wenn ihr gut versorgt seid mit Geld und Stoffen und allem möglichen – euch fehlt gerade das wirklich Wichtige, nämlich der Schatz im Himmel und das weiße Gewand der Himmelsstaatsbürgerschaft, also kurz gesagt: euch fehlen all die menschlichen Qualitäten und die Verbindung zu Gott, die es euch erlauben würden, wirklich aktiv an der Herrschaft Jesu beteiligt zu sein. Wenn man auf eure Beteiligung an der Weltregierung Gottes schaut, dann seid ihr ganz arme Hunde, und ihr wisst es noch nicht mal. Eure christliche Substanz ist so dünn, dass ihr als Thronerben Gottes eine glatte Fehlbesetzung seid, ihr wäret ein Witz auf meinem Thron.

In diesem Zusammenhang steht dann das berühmte Wort davon, dass sie weder heiß noch kalt sind, sondern lau, und dass Jesus das zum Kotzen findet. Sie haben irgend etwas von ihm begriffen, aber sie setzen es nicht um, sie schwärmen vom Notenblatt, aber sie geben kein Konzert. Sie feiern seinen Sieg, aber sie siegen nicht selbst in ihrer Zeit in ihrer Stadt. Und jeder von uns denkt jetzt hoffentlich darüber nach, wie es da mit ihm und seiner Gemeinde bestellt ist.

Bestehen in einer Welt voller Umwälzungen

Dies ist der letzte von den sieben Briefen der Offenbarung. Danach fängt das an, wofür die Offenbarung berühmt und berüchtigt ist: Schilderungen von Umbrüchen, Erschütterungen und weltweiten Katastrophen. Und diese Zusammenstellung sagt: das ist der Horizont, in dem ihr lebt. So sieht die Welt aus, in der als Gemeinden eine entscheidende Rolle spielt. Auch wenn sich das aus eurer Perspektive relativ normal und alltäglich anfühlt, ihr steht mitten in einem kosmischen Drama, und es nicht egal, ob ihr schon Übung mit dem Siegen habt, oder ob ihr immer nur die Notenblätter studiert, statt das Stück endlich mal selbst aufzuführen. Natürlich kann man sich bei so einem Auftritt blamieren, aber wozu ist denn Musik da, wenn sie nicht gespielt wird?

Und wenn all diese Umwälzungen auch euch erreichen, dann sollt ihr vorbereitet sein. Solange alles im grünen Bereich scheint, da kommt man auch mit den normalen Mitteln einigermaßen durch. Da bewältigt man auch mal kleinere Katastrophen wie ein Erdbeben ohne Hilfe von außen.

Wir haben hier in Europa jetzt lange solche Zeiten erlebt, wo alles friedlich und zivilisiert zuging. Der erste Weltkrieg liegt ein Jahrhundert zurück, der zweite bald auch schon siebzig Jahre. Aber irgendwie scheint es, dass die Zeiten wieder gefährlicher werden. Und dann braucht man dringend Erfahrung damit, auf Jesu Art zu siegen, anstatt immer wieder fantasielos die alten Reaktionsmuster durchzuspielen. Darin sind wir ziemlich untrainiert. Es wird Zeit, dass wir unsere tatsächlichen Defizite wahrnehmen und lernen, auch unter schwierigen Bedingungen aus dem verborgenen Segen heraus zu handeln.

Jun 252014
 

ww-logoIch bin mit meiner Seite auf einen neuen Server umgezogen. Das kann dazu führen, dass dein Webbrowser sich erstmal über das neue Sicherheitszertifikat beklagt und einen Betrugsversuch wittert.

Außerdem hakt es noch an einigen Stellen, weil ich interne Links erst anpassen muss und einige Bilder noch nicht wieder erreichbar sind. Das sollte aber in den nächsten Tagen erledigt sein.

Auf jeden Fall: ich bin es tatsächlich hier auf dieser Seite und kein Betrüger, der euch mit irgendwelchen Viren phishen will o.ä.
Also vertraut den neuen Wegen (EG 395) – böse Hacker haben keine Lieder.

Apr 062014
 

Predigt am 6. April 2014 zu Offenbarung 2,12-17 (Predigtreihe Offenbarung 04)

12 An den Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe:
So spricht Er, der das scharfe, zweischneidige Schwert trägt: 13 Ich weiß, wo du wohnst; es ist dort, wo der Thron des Satans steht. Und doch hältst du an meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen, als Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet wurde, dort, wo der Satan wohnt.
14 Aber ich habe etwas gegen dich: Bei dir gibt es Leute, die an der Lehre Bileams festhalten; Bileam lehrte Balak, er solle die Israeliten dazu verführen, Fleisch zu essen, das den Götzen geweiht war, und Unzucht zu treiben. 15 So gibt es auch bei dir Leute, die in gleicher Weise an der Lehre der Nikolaiten festhalten. 16 Kehr nun um! Sonst komme ich bald und werde sie mit dem Schwert aus meinem Mund bekämpfen.
17 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich von dem verborgenen Manna geben. Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt.

Ganz am Anfang der drei ersten Evangelien gibt es jeweils die Geschichte davon, wie Jesus in der Wüste vom Teufel in Versuchung geführt wird, seine Berufung zu verlassen und stattdessen Geld, Ruhm und Macht anzustreben. Zum Schluss bietet er Jesus die Herrschaft über die ganze Welt an: Jesus könnte so etwas wie ein römischer Imperator werden, wenn er nieder fällt und den Teufel anbetet. Der Teufel heißt im Originaltext der »Diabolos«, zu deutsch: der, der alles durcheinander bringt, der »Verwirrer«. Aber wenn Jesus ihn endgültig abweist und in die Wüste schickt, dann sagt er zu ihm: Hau ab, Satan!

Die Masken Satans

Und als Petrus beim Aufbruch nach Jerusalem versucht, Jesus von seinem Weg in den Tod abzuhalten, sagte er es auch zu ihm: lass mich in Ruhe, Satan! Er meint damit natürlich nicht, dass sein Jünger Petrus selbst der Satan wäre, aber er hat sich offensichtlich in einem entscheidenden Moment vom Satan beeinflussen lassen, so dass er sein Werkzeug geworden ist. Satan ist anscheinend jemand, der durch Verkleidungen hindurch, durch andere hindurch handelt. Jesus muss ihn erst hinter seiner Maske identifizieren. Über Judas Iskariot, der Jesus verrät, wird gesagt, dass der Satan in ihn fuhr. Und Paulus weiß, dass der Satan sich als »Engel des Lichts« verkleiden kann. Offenbar hat er keine eigene Gestalt, sondern braucht Menschen, durch die er wirken kann. So ein bisschen wie Sauron im „Herrn der Ringe“, der auch keine eigene Gestalt mehr hat und seine Marionetten vorschickt.

Und nun schreibt der Seher Johannes an die christliche Gemeinde in Pergamon in Kleinasien und nennt Pergamon eine Stadt, »wo der Thron des Satans steht«. Das ist natürlich auch wieder ein Codewort, eine Andeutung. Johannes konnte nicht Klartext schreiben, das wäre zu gefährlich gewesen. Aber anscheinend muss es in Pergamon irgendetwas gegeben haben, durch das der Satan ganz besonders wirken konnte. Und wenn es ein »Thron« ist, dann werden damit imperiale Assoziationen wach gerufen: es geht um Macht, um Herrschaft, um Hoheit. Also ziemlich das genaue Gegenteil von Jesus, der wusste, dass er in Jerusalem machtlos an einem römischen Kreuz sterben würde und trotzdem unbeirrt dorthin zog.

Ein Zentrum des imperialen Kults

Und nun wissen wir, dass in Pergamon der erste Kaiserkult in der römischen Provinz Asien eingerichtet worden ist, eine sogenannte »Neokorie«. Vermutlich war Pergamon ein Zentrum des Kaiserkults. Der ist dort im Osten des Reiches erfunden worden – die Römer selbst hatten eher eine tief sitzende Abneigung dagegen, Menschen als Götter zu verehren. Die Römer waren durchaus brutal, aber auch nüchtern, und sie brauchten ursprünglich keinen religiösen Klimbim, um andere zu unterdrücken. Aber dort im Osten war es normal, dass man großen Herrschern göttliche Ehren erwies, für sie Altäre errichtete und sie anbetete.

In Pergamon selbst gab es eine starke Tradition, Macht religiös aufzuladen. Wer heute in Berlin das Pergamonmuseum besucht, der kann dort den berühmten Altar besichtigen, den man vor 130 Jahren ausgegraben und nach Berlin gebracht hat. Ein gewaltiger Bau aus Marmor, etwa 35 Meter breit und tief und etwa 20 Meter hoch, mit einer breiten Freitreppe, die zu einer Säulenhalle führt, wo früher ein Altar stand. Und rund um den ganzen Bau ein Wandfries mit lauter Kampfszenen: die griechischen Götter besiegen die Giganten, so eine Art urtümliche Riesen. Da geht es schon sehr brutal zu, auch wenn es ein tolles Kunstwerk ist.

Diesen Altar haben die früheren Könige von Pergamon errichtet, die selbst im Krieg keltische Barbaren bezwungen haben. Es gab also in Pergamon eine Tradition der religiösen Überhöhung der Macht, und daran konnte später der Kaiserkult anknüpfen, selbst wenn Johannes mit dem »Thron des Satans« nicht diesen Altar gemeint hat. Genaueres weiß man nicht; aber vielleicht hat er sogar wirklich diesen Altar gemeint, in dem man mit einiger Fantasie einen Thron mit Armlehnen erkennen kann; vielleicht ist das später der Ort der ersten Kaiserverehrung geworden, und es könnte tatsächlich sein, dass der »Thron des Satans« heute in Berlin steht.

Auf jeden Fall hatte es die christliche Gemeinde in Pergamon nicht leicht in dieser Atmosphäre der Vergötterung von Macht und Gewalt. Anscheinend hat es da schon Anfeindungen gegeben, die zum Tod eines Christen namens Antipas geführt haben. Und die Gemeinde wird gelobt, weil sie standhaft geblieben ist.

Wer ist der Größte?

Auch hier wieder werden nicht die Römer oder die Priester mit dem Satan identifiziert. Aber sie sind Werkzeuge, durch die hindurch er wirkt. Das satanische Prinzip ist die Macht des Stärkeren, der Wunsch, sich das zu nehmen, was man will, das durchzusetzen, was man möchte, und keine Rücksicht nehmen zu müssen. Vorhin in der Evangelienlesung (Markus 10,35-40) ging es genau darum: wer der Größte ist, wer der Bestimmer ist, wer der vermuteten Macht Jesu am nächsten ist. Dauernd geht es unter Menschen darum: vom Kindergarten bis zum Seniorenheim, vom kleinsten Kuhdorf bis zur gigantischen Metropole: wer ist der Bestimmer, wer hat die Macht, wer ist das Alphamännchen, wer steht im Mittelpunkt, auf wen müssen die anderen hören?

Und Jesus sagt seinen Jüngern: so geht es zu in der Welt, wer die Macht hat, unterdrückt die anderen und lebt auf deren Kosten. Aber dann kommt das große Aber: »Aber bei euch ist es anders«. Ihr seid die neue Menschheit, bei euch gilt eine andere Logik, ihr lebt nach einem anderen Prinzip: nach dem Prinzip des Dienens und Helfens. Den ganzen Weg nach Jerusalem versucht Jesus, seinen Jüngern das beizubringen, und bis zum Schluss haben sie es nicht verstanden. Erst nach seinem Tod ging ihnen langsam auf, dass er das ernst gemeint hatte: nicht auf die Macht der Schwerter und der Gewehre vertrauen, nicht beim Tanz ums Goldene Kalb mitmachen, sondern aus der verborgenen Kraft Gottes leben und damit für andere da sein, anderen dienen, anstatt sich bedienen zu lassen.

Das satanische Symbol und seine Ausstrahlung in den Mainstream

Deshalb ist die Glorifizierung der Macht so ziemlich genau das Gegenteil von dem, worum es Jesus geht. Es ist die satanische Versuchung, der er ganz am Anfang widerstanden hat. Und im Schatten dieser Glorifizierung lebt auch die Gemeinde in Pergamon. Denn das ist ja nichts, was nur dort am Altar passieren würde, und man müsste dann einfach nur nicht hingehen. Der Altar ist ein mächtiges Symbol, und ein Symbol prägt den Alltag bis in die kleinen Details hinein. Wenn das Leitbild der Gesellschaft beinhaltet, dass man der Größte ist und sich durchsetzen muss, dann prägt das die Menschen in ihren alltäglichen Verhaltensweisen und Konfliktstrategien, und dann gehen eben schon die niedlichen Kinder im Sandkasten mit dem Schäufelchen aufeinander los.

Bei uns sind die Symbole keine Altäre mehr, sondern vielleicht eher die Logos und Marken und Events, die möglichst viele Menschen hinter sich versammeln und unterschwellig bestimmen, was schön und sinnvoll ist und was nicht. Und der Kampf darum, wer der größte ist, der wird ganz oben mit Aktienpaketen und kulturellen Spitzenleistungen ausgetragen und ganz unten prügelt man sich im Stadion und schlägt auf Behinderte und Ausländer ein. Das Niveau variiert, aber die Logik dahinter lautet immer noch: wer ist der Größte? Und das transportieren eben Symbole in unterschiedlichen Formen in die ganze Gesellschaft hinein, in all ihre Winkel und Schichten.

Die ersten Christen waren noch lange nicht so weit, dass sie das Klima in der Gesellschaft beeinflussen konnten. Aber sie begannen damit, sich jedenfalls in ihrem eigenen Leben der Macht dieser Symbole zu entziehen. Sie nahmen bewusst nicht am Kaiserkult teil, und deswegen galten sie dann später als Atheisten und manchmal als Menschenfeinde. Und sie hatten ihre eigenen Symbole, z.B. das Abendmahl, das in seinem Zentrum an den Tod Jesu erinnert, also geradezu ein Anti-Symbol zu Geld, Macht und Ruhm. In Pergamon haben sie das unter schwierigen Bedingungen durchgehalten.

Versuchung durch die Hintertür

Aber nun sagt ihnen Johannes: auch wenn ihr da fest geblieben seid, der Satan mit seiner imperialen Logik hat bei euch trotzdem noch einen Fuß in der Tür, weil es bei euch Anhänger der Nikolaiten gibt. Heute wissen wir fast nichts mehr über diese Bewegung, aber Johannes sagt: passt auf, da kommt das, wogegen ihr vorne tapfer kämpft, heimlich durch die Hintertür ins Haus.

Johannes redet auch hier nur in Andeutungen: er erinnert an eine Episode aus der Wüstenzeit Israels, als sie den Moabitern begegneten, und die Moabiter wussten, dass sie keine Chance gegen Israel hatten, wenn sie sich ihnen militärisch entgegenstellen würden. Stattdessen versuchten sie, Israel von innen her zu schwächen, und das machten sie mit Sex. Sie schickten den Israeliten Frauen, und die infiltrierten das Volk mit anderen Symbolen, sie brachten die Anbetung des Baal mit und untergruben den Zusammenhalt des Volkes mit Gott.

Irgend etwas in der Richtung müssen auch die Nikolaiten propagiert haben. Die menschliche Sexualität ist irgendwie besonders anfällig für die imperiale Versuchung. Da sind Menschen besonders verletzlich, und da ist die Möglichkeit zur Rücksichtslosigkeit besonders groß. Gerade wo Menschen besonders intensiv mit anderen zusammenhängen und sich für andere öffnen, da kann das auch auf viele Weise missbraucht werden, von subtil bis brutal. Nirgendwo sonst kommen Menschen dem lebendigen Kern anderer Menschen so nahe. Auf wenig andere Weisen können Menschen in ihrem Vertrauen in die Welt und in Gott so massiv geschädigt werden wie durch kaputte oder missbrauchende Sexualität. Nicht umsonst nahm es der griechische Gott Zeus mit der Treue zu seiner Frau Hera nicht so ernst und erbeutete zwischendurch auch immer mal wieder mit List oder Gewalt Menschenfrauen. Und damit gab er natürlich auch ein Leitbild für die ganze Kultur ab. Aber christliche Gemeinden sollten mitten in einer Gesellschaft mit Beutementalität sichere Orte sein – in jeder Hinsicht.

Das ist der Grund, weshalb in der biblischen Tradition die Sexualität so stark reguliert und mit Warnschildern versehen wird: weil dort das imperiale Verhalten und das Ausnutzen Schwächerer so nahe liegt. Das wird zu allen Zeiten unter den Verdacht gestellt, dass Gott uns den Spaß verderben möchte, und bei manchen Vertretern der Moral habe ich ja diesen Eindruck auch, aber in Wirklichkeit geht es darum, dass Menschen, vor allem Frauen, auf diesem sensiblen Feld vor Ausbeutung und Verletzung geschützt werden sollen.

Segen statt Beute

Johannes schließt mit einer Verheißung Jesu: wer überwindet, wer diese Versuchung siegreich besteht, dem wird er von dem verborgenen Manna geben. Auch das ist ein Bild aus der Wüstenzeit Israels: auf ihrem Weg ernährte Gott sie mit Manna, das vom Himmel fiel. Jeden Tag hatten sie genug, aber wenn sie einen Vorrat anlegen wollten, verdarb es. Das ist ein Bild für den Segen, der die Welt durchströmt. Das ist auch die Grundlage der Bergpredigt Jesu: die Welt ist reich, es ist genug für alle da, aber wenn du versuchst, den Segen an dich zu reißen und auf Vorrat zu speichern, dann verdirbt er. Wer mit Lebensmitteln spekuliert, der sorgt für Hunger. Wer die Wälder abholzt und zu Geld macht, der untergräbt das Leben.

Jesus verspricht: wer die Versuchung des Habenwollens und Beutemachens zurückweist, der bekommt Anteil an dem verborgenen Manna in dieser Welt, Anteil an dem verborgenen Segen, den man nicht zu Geld machen kann, und der nur da bleibt, wo man schenkt und teilt. Aber wer im Raubmodus durch die Welt trampelt, der wird das nie verstehen. Es gibt eine verborgene Ökonomie Gottes, die nicht nach der Logik des Kapitals funktioniert.

Das geschenkte Geheimnis

Und statt sexueller Ausbeutung verspricht Jesus einen weißen Stein, auf dem ein verborgener Name steht. Kaputte Sexualität ist immer der Versuch, sich Zugang zum Geheimnis eines Menschen zu verschaffen. Unbefugt die Macht bis in das Innerste eines Menschen zu tragen. Dagegen schenkt Jesus hier einem Menschen sein Geheimnis, seinen geheimen Namen. Nur unser Schöpfer kennt uns durch und durch, aber er respektiert uns und nur ihm können wir uns ganz anvertrauen.

Wer also der imperialen Versuchung im Großen und im Kleinen widersteht, der bekommt nicht nur Zugang zu den verborgenen Segensquellen in unserer Welt. Ihm ist auch die Verheißung einer geistlichen Nähe zu Jesus gegeben, einer geistlichen Intimität, in der wir uns selbst erst voll erkennen. Wir erkennen uns ja selbst immer erst in der Begegnung mit anderen. Aber da haben imperiale Mentalität und satanisches Beutemachen nichts zu suchen. Und all diese Begegnungen mit Menschen weisen hin auf die Begegnung mit Gott, für die wir geschaffen sind. In dieser Begegnung erfahren wir, wer wir wirklich sind und was unsere wahre Bestimmung ist: unser verborgener Name.