Walter

Okt 072015
 

Predigt am 27. September 2015 (Erntedankfest) zu Markus 8,1-9

1 In jenen Tagen waren wieder einmal viele Menschen um Jesus versammelt. Da sie nichts zu essen hatten, rief er die Jünger zu sich und sagte: 2 Ich habe Mitleid mit diesen Menschen; sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. 3 Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen; denn einige von ihnen sind von weither gekommen.
4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher soll man in dieser unbewohnten Gegend Brot bekommen, um sie alle satt zu machen? 5 Er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie antworteten: Sieben. 6 Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet, brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen; und die Jünger teilten sie an die Leute aus. 7 Sie hatten auch noch ein paar Fische bei sich. Jesus segnete sie und ließ auch sie austeilen.
8 Die Leute aßen und wurden satt. Dann sammelte man die übrig gebliebenen Brotstücke ein, sieben Körbe voll. 9 Es waren etwa viertausend Menschen beisammen. Danach schickte er sie nach Hause.

Erntedank

Bild: Rahel via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Mitten in der Einöde, da, wo es eigentlich gar nichts gibt, lässt Jesus die Fülle des Segens sichtbar werden, die Gott in die Welt hinein gelegt hat. Diese ganze Fülle ist für uns meistens verborgen, aber es gibt die Augenblicke, in denen Menschen darauf stoßen. Diese Momente sind selten und kostbar, aber sie geben uns eine Ahnung davon, welche Möglichkeiten noch in unserer Welt schlummern. Jesus sorgte immer wieder dafür, dass es zu solchen Augenblicken kam.

Ein seltenes, kostbares Ereignis

Hier z.B. werden 4000 Menschen satt – beinahe aus dem Nichts! Wenn Menschen damals diese Geschichte hörten, dann erinnerten sie sich bestimmt an die anderen Geschichten von der Befreiung Israels aus Ägypten, als das Volk auf der Flucht aus der Sklaverei von Gott in der Wüste immer wieder wunderbar versorgt wurde. Es gab Wasser zu trinken und Manna zu essen. Es war eine ganz besondere Zeit, an die man sich noch lange erinnert hat: geflohen, aber noch nicht angekommen, alles war noch offen, nichts war sicher, nur die Güte Gottes war jeden Tag neu, darauf haben sie Tag für Tag vertraut, und sie wurden nicht enttäuscht.

Und auch die Menschen dort in der Einöde bei Jesus sind ja irgendwie in so einer ganz besonderen Situation: sie haben ihre Dörfer und Städtchen verlassen, ihre ganze gewohnte Umgebung, ihre Arbeit, aber auch die Sorgen: womit soll ich die Steuer bezahlen, wenn der Steuereinnehmer im Herbst kommt, wie wird die Ernte werden, werde ich meine Tochter endlich verheiraten können? Auch der Ärger mit den Nachbarn und die Sorge, ob es friedlich bleibt im Land, das ist jetzt alles ganz weit weg. Sie haben sich auf den Weg gemacht, um Jesus zuzuhören. Sie hoffen, dass sie bei ihm Worte hören, die nicht leer, hohl und kraftlos sind, sondern die sie und die Welt verändern und bewegen.

Die Menschen waren in ihrem Alltag damals noch nicht den Wortlawinen ausgesetzt, die uns heute jeden Tag zuschütten mit Kommentaren, Werbebotschaften, Nachrichten, Weisheiten, Gute-Laune-Slogans und was noch alles. Aber sie konnten doch unterscheiden zwischen Allerweltsworten, die vielleicht sogar richtig waren, aber nichts bewegten, und starken, verändernden Worten, Worten, die die Wahrheit Gottes sichtbar werden ließen: Worte in Vollmacht nannten sie die. Die hörten sie bei Jesus. Und dafür gingen sie lange Strecken und kampierten irgendwie zwischen Felsen und unfruchtbarer Wildnis. An ihnen wird ganz deutlich sichtbar, was Jesus mal in einer Diskussion mit dem Versucher gesagt hat: der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

Momente der Freiheit

Und die Leute, mit denen Jesus sich sonst immer auseinandersetzen musste, waren weit weg: die Leute, die immer den Finger hoben und sagten: du, du, das darfst du nicht sagen, und woher hast du überhaupt das Recht dazu, und das passt nicht zu unseren Traditionen, und du führst die Menschen in die Irre – also all die Leute, die ihm, wo es nur ging, ein Bein zu stellen versuchten, die waren da endlich mal weit weg, und er konnte die Dinge im Zusammenhang darstellen, ohne immer wieder auf das Meckern im Hintergrund eingehen zu müssen.

So entstand eine echte Ausnahmesituation, wie wir sie in unserem normalen Alltag selten erleben: die gewohnten Regeln gelten nicht mehr, Selbstverständlichkeiten sind überhaupt nicht mehr selbstverständlich, es ist alles offen, die Welt sieht neu aus, alles scheint möglich. Alle atmen die Luft der Freiheit.

Die Welt ohne Druck

Und dann werden die Mauern, die den Himmel und die Erde voneinander trennen, oft ganz dünn, und dann spüren Menschen, dass diese Welt ein Geheimnis hat, dass in ihr viel mehr verborgen ist, als das, was man messen, zählen und bezahlen kann. Unsere ganzen Alltagsregeln und -gewohnheiten sind ja so eine Barriere, mit der wir Gott und das Unerwartete aus unserer Welt aussperren. Diese Alltagsregeln geben uns Sicherheit, sie klammern das Unkontrollierbare aus, aber dann wundern wir uns, wieso Gott so fern und fremd scheint. Selbst in den Urlaub nehmen wir uns selbst und unsere Normalität mit und wundern uns, wieso hinterher die Tretmühle gleich wieder weitergeht.

Aber bei Jesus nahm die Macht dieser Alltagsselbstverständlichkeiten ab, vielleicht spürten die Menschen erst jetzt, wie drückend die in Wirklichkeit sind, mit wie viel Kraft die uns immer wieder aufgedrückt werden. Hier konnten sie alle aufatmen, sie erlebten, wie sie bessere Menschen wurden, wie ihre Sorgen zusammenschmolzen und alles möglich schien.
Und in dieser Situation sagte Jesus zu seinen Jüngern: was habt ihr dabei? Sieben Brote? Das ist doch schon mal ein guter Anfang! Und er nahm die Brote und sprach das Dankgebet, und der unbegrenzte Segensstrom Gottes kam zu den Broten, und es reichte für alle.

Segen kann fließen

Menschen haben lange darüber nachgedacht, wie das wohl funktioniert hat, ob da wirklich aus den sieben Broten viel mehr geworden ist, oder ob die Menschen dann einfach nur angefangen haben zu teilen, was sie noch dabei hatten. Ich denke, dass wir da keine Lösung für finden. Wir sind doch auch alle eingebaut in unsere Alltagsselbstverständlichkeiten und haben wenig Erfahrung mit solchen Ausnahmesituationen. Es kann ganz viel passieren, wenn es einen Riss in den Mauern gibt, mit denen wir unseren Alltag eingemauert haben, und Gottes Segensstrom in der ganzen Fülle zu uns fließt. Wer weiß denn, ob diese Fülle überhaupt Grenzen hat?

Normalerweise zapfen wir diesen Segensstrom durch unsere Arbeit an, wir lenken ihn auf die Felder, in die Gärten und in die Ställe. Und natürlich auch in die Werkstätten und Fabriken und Büros, in die Schulen, Gesundheitszentren und an viele andere Orte. Überall verbinden wir uns und unsere Arbeit mit dem Segen, der in der Welt ist. Aber wir kanalisieren ihn auch, und manchmal behandeln wir ihn schlecht oder vergiften ihn sogar. Deshalb ist diese Haltung der Dankbarkeit so wichtig. Wir erinnern uns daran, dass wir das Leben und den Segen nicht selbst schaffen, sondern es kommt zu uns, und wir nehmen es auf und tun hoffentlich Gutes damit. Es ist ein Geschenk, es gehört niemandem, es ist für alle da, und es wird mehr, wenn es geteilt wird.

Dank und Freundlichkeit

Das ist schon unter normalen Umständen zu erkennen, wenn man es sehen will. Es ist genug für alle da, aber wenn die einen über unendlich viel verfügen und immer noch mehr haben wollen und die anderen gerade mal so über die Runden kommen oder es gar nicht schaffen, dann leidet die Erde. Dann wird der Segensstrom zu einem dünnen Rinnsal. Dann gibt es Krieg und Verwüstung. Aber wenn Menschen dankbar sind und teilen, wenn wir unser Leben und alles Gute als Geschenk entgegennehmen, wenn wir dafür sorgen, dass in der großen Gemeinschaft der Menschheit alle gut leben können, dann kann auch die Erde aufatmen, gemeinsam mit allen Geschöpfen.

In der Schöpfung soll Freundschaft herrschen, dazu ist sie geschaffen, und wir entdecken ja heute immer mehr, wie eins mit dem anderen verwoben ist. Was an einer Stelle in der Welt geschieht, das hat weit entfernte Wirkungen, die wir selten wirklich durchschauen und noch seltener vorhersagen können. Aber Dank und Freundlichkeit sind eigentlich immer richtig, dazu muss man gar nicht alles durchschauen und berechnen können. Dank und Freundlichkeit heilen immer wieder die Schäden, die durch menschliche Gier und menschliche Angst angerichtet werden. Dank und Freundlichkeit heilen auch in uns selbst ganz viel und bewahren uns vor Bitterkeit und Arroganz, vor Wichtigtuerei und Neid.

Unermessbare Fülle

Die Menschen, die damals zu Jesus in die Einöde gekommen sind, die sind aus ihrem Alltag aufgebrochen, weil sie sich nach der ganzen Fülle des göttlichen Lebens sehnten. Dafür sind sie meilenweit gegangen. Sie wussten aus ihrer Bibel, dem Alten Testament, dass es noch viel mehr gab, und dass aller Segen, den wir in unserer täglichen Arbeit anzapfen, nur ein kleiner Teil von der ganzen Fülle des göttlichen Lebens ist. Das ist ein Arm des großen Segensstroms, und auch der wird immer wieder eingeengt durch Krieg, Gewalt und Herrschaft. Aber wenn der ganze Reichtum Gottes enthüllt wird, dann ist das eine neue Welt, dann blüht die Erde auf, wie wir es uns jetzt noch gar nicht vorstellen können.

Bei Jesus wurde der Vorhang immer wieder beiseite gezogen, und die Menschen bekamen einen Vorgeschmack von dem großen Leben, zu dem wir alle berufen sind. Dafür sind wir geschaffen, dafür ist die Welt geschaffen, und Gott wird nicht ruhen, bis seine Schöpfung und wir alle unsere Bestimmung erreichen. Aber er will das mit uns erreichen, deshalb lässt er uns immer wieder das Ziel sehen. Jesus hat eine Gemeinschaft gegründet, an der das sichtbar sein soll, wie gut es ist, wenn man in Offenheit und Freiheit lebt, und wenn Menschen in Solidarität füreinander da sind und sich helfen statt gegeneinander zu stehen und sich allein zu lassen. Gemeinschaften, die nicht von Angst und Sorge geprägt sind, sondern von Mut und Hoffnung.

Freiräume Gottes

Deswegen erinnern wir immer uns wieder an all das, was Jesus getan hat: wie er in unserer scheinbar so festgemauerten Welt immer wieder Freiräume geschaffen hat, in denen die Fülle Gottes präsent war. Was einmal geschehen ist, das kann und wird wieder geschehen. Und wir sollen dabei sein. In Dankbarkeit und Freundlichkeit halten wir uns bereit, um notfalls meilenweit zu gehen, wenn wieder solche Freiräume aufbrechen, durch die wir gesund und gesegnet werden.

Ja, vielleicht sind wir es ja auch, mit denen und unter denen Jesus so einen Freiraum schafft. Ob klein oder groß – es ist einmal geschehen, und es wird wieder geschehen.

Okt 062015
 

Miroslav Volf: Öffentlich glauben in einer pluralistischen Gesellschaft

Seit kurzer Zeit kann man das 2011 erschienene Buch „A Public Faith“ von Miroslav Volf in der deutschen Überstzung von Peter Aschoff lesen: „Öffentlich glauben in einer pluralistischen Gesellschaft“. Gerade noch zur richtigen Zeit, könnte man sagen: als Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm für das Vorwort den Satz schrieb

„Unsere Vorstellung menschlichen Gedeihens wieder viel kraftvoller und authentischer in die Gesellschaft einzubringen, könnte der Keim für eine Erneuerung der Ausstrahlungskraft der Kirchen in zunehmend säkular werdenden Gesellschaften sein“,

ahnte wohl noch keiner, welche Herausforderungen in diesem Sommer mit den Flüchtlingen auf uns zukommen würde.

Aber das ist das Anliegen Volfs: die langlebigen alternativen Visionen menschlichen Gedeihens, die in den großen Religionen, insbesondere dem Christentum, enthalten sind, für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Er ist dabei im Gespräch mit sehr unterschiedlichen Partnern, die dieses Anliegen kritisch sehen, es bis zur Unkenntlichkeit verzerren oder es mehr oder weniger wirkungsvoll behindern. Man kann diese Gesprächspartner in drei Gruppen sortieren:

Säkularismus

Der moderne Säkularismus möchte religiöse Standpunkte aus dem öffentlichen Diskurs von vornherein ausschließen. In seinen Augen trägt die Ausklammerung von Religion aus dem öffentlichen Diskurs zur Vermeidung von zerstörerischen Konflikten bei. Diese den europäischen Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts geschuldete Sicht stößt aber zunehmend an ihre Grenzen, wenn weltweit Angehörige unterschiedlicher Religionen darauf bestehen, auch in Öffentlichkeit und Arbeit ihren Glauben nicht auszuklammern. Dabei entpuppt sich der Säkularismus lediglich als eine weitere Perspektive auf die Welt, die nur vorgibt, eine Position jenseits weltanschaulicher Streitigkeiten einzunehmen, in Wahrheit aber selbst ein Mitspieler ist. Und spätestens seit Hitler, Stalin und Mao hat auch er eine bemerkenswerte Kriminalgeschichte vorzuweisen.

So lebt der Säkularismus vor allem von der Abgrenzung gegenüber den „Fehlfunktionen des Glaubens“, wie Volf sie nennt. Fehlfunktionen des Glaubens entstehen immer dann, wenn religiöse Menschen sich nicht auf einen tiefen, „dicken“ Glauben einlassen, der die Lebensweise prägt und den Verstand beansprucht. Die Fehlfunktionen des Glaubens entstehen in der Regel nicht durch zuviel, sondern durch zu wenig Glauben, durch einen flachen, „dünnen“ Glauben, der nur eine dünne Oberfläche auf einem Leben darstellt, das im Übrigen von ganz anderen Motiven bewegt wird. Damit kommen wir zum zweiten Gesprächspartner:

Dünner Glaube

Volfs Kernthese gegenüber der liberalen Unterstellung ist dabei, dass Menschen nicht durch einen tiefen, „dicken“ Glauben religiös unduldsam werden, sondern gerade dann, wenn sie sich nicht auf eine intensive Beschäftigung mit ihrer Religion einlassen. „Fanatisch“, wie das in bürgerlicher Lesart heißt, wird man am leichtesten dann, wenn man oberflächliche religiöse Versatzstücke in eine ansonsten anders motivierte Persönlichkeitsstruktur einbaut.

Volf konnte beim Schreiben des Buches noch nicht den „Islamischen Staat“ und seine Jünger vor Augen haben, die oft nach einer nur sehr kurzen und eher „dünnen“ Beschäftigung mit dem Islam zur mörderischen Tat schreiten. Um so mehr bestätigen sie Volfs These.

Fehlgeleitete Zwillinge: Übergriffigkeit und Untätigkeit

Der dünne Glaube kommt in zwei Spielarten daher: als Übergriffigkeit (Volf setzt sich dazu exemplarisch mit dem islamistischen Denker Sayyid Qutb auseinander, der aber – wie Volf betont – keineswegs repräsentativ für den heutigen Islam ist) und als Untätigkeit. Untätiger Glaube benutzt Religion als Ressource für eine Lebensweise, die von anderen Faktoren motiviert wird: er ist dann nur Antrieb und Reparatur, gibt aber weder Orientierung noch Leitung und lässt Menschen mit einem Gefühl des Unerfülltseins zurück.

Schlimmer noch ist, dass untätiger Glaube den Weg für den übergriffigen Glauben bereitet (und umgekehrt). Beide rechtfertigen sich durch den Verweis auf den jeweils anderen und entpuppen sich so als zusammengehörig.

Wohltuend ist in diesem Zusammenhang Volfs unaufgeregte Einordnung der Fehlfunktionen des Glaubens in die theologische Struktur des christlichen (bzw. „prophetischen“) Glaubens. Fern von allen alarmistischen Debatten und erregten Scheinalternativen beschreibt er quast eine theologische Landkarte und markiert auf ihr gelassen die möglichen Sackgassen und Engpässe. Es ist ihm gelungen, dazu in Auseinandersetzung mit vielen unterschiedlichen Positionen eine überraschend einfache Struktur zu entwickeln, die auch ohne theologisches Studium zugänglich sein dürfte. Allein schon diese erhellende Einordnung der Fehlfunktionen des Glaubens lohnt die Lektüre.

Diese Bearbeitung der Fehlfunktionen des Glaubens ist aber eher eine ausführliche Vorbereitung, die den Weg freimachen soll, um zur eigentlich aktuellen Aufgabe vorzustoßen. Denn das eigentliche Gegenüber, mit dem Volf sich immer wieder auseinandersetzt (und in diese Auseinandersetzung lädt er auch andere Religionen ein), ist

Befriedigung als zentrales Lebensziel

Im Herzen der erhofften Zukunft, die vom Gott der Liebe kommt, steht das Gedeihen von Menschen und Gemeinschaften, letztlich des ganzen Planeten. Demgegenüber hat sich im (post)modernen Westen der Erwartungshorizont auf die „spießige Hoffnung“ persönlicher Befriedigung verengt. Das gute Leben wird nur noch durch die befriedigenden Erfahrungen des Einzelnen definiert. Das geschah in mehreren Schritten:

  • zunächst wurde der Bezug menschlichen Lebens auf Gott abgeschüttelt;
  • es blieb noch der Gedanke einer universalen Solidarität zurück,
  • der aber im späten 20. Jahrhundert ebenfalls verschwand, so dass
  • am Ende nur die Sorge um sich selbst und der Wunsch, Befriedigung zu erleben, übrig blieben. Damit reduziert sich Hoffnung auf das Maß der Selbstverhätschelung.

Damit ist nur noch eine ziemlich armselige Vorstellung von erfülltem Leben übrig geblieben. Sie ist schon in sich selbst so widersprüchlich, dass sie nicht zur Erfüllung führt; außerdem ist sie (im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen Denkansätzen) nicht in einer umfassenden Vorstellung von der Struktur der Welt verankert und führt so zu einem wirklichkeitswidrigen Leben.

Der Beitrag der Christen

Es ist deshalb entscheidend wichtig, dass Christen (und auch die Angehörigen anderer Religionen) ihre Vorstellungen von gutem Leben und menschlichem Gedeihen in die gesellschaftliche Diskussion einbringen. Inhaltlich orientiert sich Volf dabei zentral am Doppelgebot der Liebe, das auch mit den besten Traditionen der anderen Religionen kompatibel ist: Gott und den Nächsten zu lieben muss als Schlüssel zum menschlichen Gedeihen für alle Lebensbereiche durchdacht und ins Zentrum gerückt werden.

Dies – so kann man Volf verstehen – ist der zentrale Beitrag der Christen zur gesellschaftlichen Diskussion; dazu will Volf die Christen motivieren und die anderen großen Religionen als Bündnispartner gewinnen. Sie müssen sich ihres Beitrages nicht schämen, sondern können dem (post)modernen Hedonismus gegenübertreten im Bewusstsein, dass sie ein reicheres und zutreffenderes Bild der Wirklichkeit einzubringen haben.

Wie das gelingen kann und was nach Volf dabei zu bedenken ist, darüber schreibe ich im zweiten Teil dieses Posts.

Sep 282015
 

Besonderer Gottesdienst am 20. September 2015 mit Predigt zu Matthäus 6,25-34

Besonderer Gottesdienst am 20. September 2015

Zu diesem Gottesdienst gehörte u.a. auch eine Theaterszene, die den Besuch eines Versicherungsvertreters darstellte und daran den Umgang mit Sicherheit thematisierte.

25 Jesus sprach auf dem Berg zu den Menschen: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt.
Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?
26 Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? 27 Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?
28 Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. 29 Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. 30 Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!
31 Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? 32 Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht.
33 Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. 34 Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.

Was wir eben gehört haben, ist einer der stärksten und kühnsten Texte aus der ganzen Bibel. Er dreht unsere Sicht der Welt um: wirklich gefährlich und unwirtlich machen wir die Welt erst durch unsere Versuche, die Gefahren abzuwehren. Jesus fasst das alles zusammen unter dem Titel der »Sorge«. Sorge ist nicht nur das Grübeln in der Nacht, das uns nicht schlafen lässt und dafür sorgt, dass wir den nächsten Tag unausgeschlafen angehen und ihn damit noch schwieriger machen. Sorge ist eine ganze Art, sich zum Leben zu verhalten, und noch mehr als damals bringt sie heute einen ganzen Lebensstil hervor, sie prägt unsere Lebensorganisation und unsere Politik, mit dem Appell an Sorgen und Ängste werden Wahlen gewonnen und Geschäfte gemacht, sie setzen enorme Finanzströme in Bewegung, und sie halten uns lange von notwendigen Veränderungen ab.

Weltmacht Sorge

Die meisten großen Weltprobleme haben heute etwas zu tun mit einem falschen Umgang mit Ängsten: der Islamismus hat seinen entscheidenden Schub durch die Kriege in Afghanistan und im Irak bekommen. Die Finanzströme, die um den Globus jagen und mal hier und mal da Länder destabilisieren, sind zu einem guten Teil Gelder, die Menschen aus Sorge um die Zukunft sicher anlegen wollen. Die gefährlichen Waffen, die immer noch die ganze Welt bedrohen, verdanken sich dem Glauben, dass man mit Waffen die Unsicherheit verringern könnte. Und die Kontrollmechanismen, die jede Bürokratie entwickelt, behindern uns und blockieren Lösungen, wenn das Leben wirklich mal gefährlich wird.

Jesus gehörte nicht zu den Menschen, die denken, man könnte Gefahren bewältigen, indem man nicht hinschaut. In seiner Welt wurden solche Illusionen viel schneller bestraft als bei uns. Er lebte in einem eroberten und unterdrückten Land, in dem die Menschen sehr schnell ins Elend geraten konnten. Und man konnte sehr schnell sein Leben verlieren, wenn man ins Visier des Sicherheitsapparates geriet. So etwas wie Menschenrechte und Rechtssicherheit gab es nicht. Jesus selbst ist ja am Ende durch Justizmord aus der Welt geschafft worden, und ihm war schon lange vorher klar, dass es so kommen würde.

Gefährliche Kontrollillusionen

Das Leben ist hochgefährlich. Jesus wusste das. Aber er warnt uns vor der Strategie, darauf mit verschärfter Kontrolle zu antworten. Du kannst immer nur einen kleinen Teil der Welt kontrollieren. Da, wo deine Kontrolle nicht hinreicht, da entwickeln sich Dinge, die du nicht in den Griff kriegst. Niemand schafft es, eine abgeschottete Zone der Sicherheit aufrechtzuerhalten, wenn ringsum alles drunter und drüber geht. Schon gar nicht in Zeiten, wo das Internet und die modernen Verkehrsmittel die Welt immer stärker zu einer einzigen machen. Niemand kann heute mehr einen Krieg am anderen Ende der Welt führen und denken, dass davon nichts zu ihm zurück kommt.

Jesus sagt uns, dass wir die Illusion aufgeben müssen, wir könnten die Gefahren unter Kontrolle halten. Diese Illusion ist es, die die Welt endgültig zu einem gefährlichen Ort macht. Denn um durch Kontrolle Sicherheit zu schaffen, braucht man immer jemanden, der zur Not Gewalt einsetzen kann. Weshalb vertrauen wir Versicherungen? Doch nicht deswegen, weil da so viele nette Menschen sitzen, sondern weil wir sie zur Not verklagen können, wenn sie nicht zahlen. Wir haben zum Glück ein Rechtssystem, aber der Kern dieses Systems ist immer noch, dass es zur Not auch Gerichtsvollzieher und Polizei gibt, die das Recht durchsetzen. Wenn man es zu Ende denkt, dann arbeitet sogar so ein zivilisiertes Rechtssystem wie unseres am Ende mit der Androhung und Ausübung von Gewalt. Und jede Art von Gewalt kann auch aus dem Ruder laufen. Du tauschst nur eine Gefahr gegen die andere.

Die Gefahr akzeptieren

Jesus sendet eine zweifache Botschaft: ihr seid in großer Gefahr – und ihr habt einen Vater, von dessen Liebe ihr leben könnt. Die Welt ist zum Fürchten – aber den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe. Nichts ist sicher – aber ihr seid geborgen.

Das ist eine große Ermutigung, die Gefahren nicht zu verleugnen, sondern sich ihnen gelassen zu stellen. Wir erleben es doch sowieso dauernd, dass wir in allen wichtigen Fragen keine Sicherheit haben. Wir sind nicht die Herren über unsere Gesundheit, wir kontrollieren nicht den Tag unseres Todes, niemand garantiert uns, dass unsere Partner verlässlich und unsere Kinder anständig bleiben. Ob die Renten sicher sind, das wird sich erst in der Zukunft zeigen. Wir sind von der Konjunktur ebenso abhängig wie vom Wetter, Meteoriten können die Erde verwüsten und Schnecken unseren Gemüsegarten. Frieden und Stabilität sind ein Geschenk, aber nichts, worauf wir ein verbrieftes Anrecht hätten. Wer uns Sicherheit verspricht oder sogar garantieren will, belügt uns, weil es das nicht gibt.

Der gemeinsame Ursprung der Welt

Was setzt Jesus dieser Unsicherheit entgegen? Das Vertrauen in den Vater im Himmel, der diese Welt geschaffen hat und sie mit seinem Segen und seiner Liebe erfüllt. Und diese Liebe Gottes nimmt Gestalt an in Menschen, die solidarisch zusammen leben und sich beistehen in all den Gefahren, die zum Leben dazu gehören. So eine Gemeinschaft hat Jesus ins Leben gerufen. In der biblischen Tradition nennt man das einen »Bund«. Gott hat am Sinai mit seinem Volk einen Bund geschlossen, und dazu gehörten Regeln, die dafür sorgten, dass niemand unter die Räder kam. Und Jesus schließt im Abendmahl einen neuen Bund, und natürlich gehört da dazu, dass man sich gegenseitig in Solidarität beisteht.

Gott hat die Welt so geschaffen, dass alle Geschöpfe zusammengehören und aufeinander angewiesen sind. Und wir gehen mit der Welt in Gottes Sinn um, wenn niemand allein gelassen wird, der in dieser gefährlichen Welt irgendwie unter die Räder gekommen ist.

Solidarität ist besser als Kontrolle

Sicherheit ist eine Illusion, aber menschliche Solidarität, die Gottes Solidarität mit der Welt widerspiegelt, ist eine sehr gute Antwort auf die Risiken und Gefahren, unter denen wir leben. Im Grunde ist sogar jede Versicherung letztlich nur eine große Gemeinschaft von Menschen, die im Schadensfall füreinander einstehen. Nur ist das so hinter Vertragsklauseln und Paragraphen versteckt, dass es uns gar nicht mehr klar ist.

Das sollte uns aber klar sein, damit wir uns keine falschen Hoffnungen machen. Wir sind immer irgendwie von anderen Menschen und ihrer Gerechtigkeit abhängig. In der Frage z.B., wer im Alter für uns sorgt, können wir entweder auf unsere Kinder vertrauen, oder auf die Solidarität aller Rentenversicherten, oder auf den Kapitalmarkt. Alle Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Aber immer sind es Menschen, auf die wir uns stützen, und Menschen kann man nur vertrauen, und es gibt keine Garantie, dass sie uns nie enttäuschen werden. Wir kommen aus der Nummer nicht raus.

Mammon betrügt

Weltfremd und naiv sind in Wirklichkeit alle Sicherheitsversprechen. Das biblische Stichwort dafür ist »Mammon«. Das ist der Götze, der Sicherheit verspricht und tatsächlich für die meisten Menschen die Welt unsicherer macht. Jesus sagt kurz vor unserer Stelle: ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen. Ihr müsst entscheiden, wem ihr vertraut. Um realistisch mit der Welt umzugehen, hat Jesus seine Gemeinschaft der Solidarität gestiftet, diesen neuen Bund, den Gott mit seinen Menschen schließt.

Und er sagt: trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, dann kommt alles andere dazu. Wenn Menschen gemeinsam dafür eintreten, dass Gottes Gerechtigkeit diese Welt regiert, wenn sie sich von diesem Geist bewegen lassen, dann wird auch für die Einzelnen gesorgt sein. Wenn wir Kanäle sind, durch die der Segen Gottes fließt, dann werden wir selbst auch nicht leer ausgehen. Und wenn wir ein Land sind, das Solidarität übt, dann kommt das allen zugute, die es brauchen.

Gefährliche Zeiten der Entsolidarisierung

Das Schlimme ist, dass uns jetzt zwanzig oder dreißig Jahre lang eingeredet worden ist, dass Solidarität überflüssiger Luxus ist, und dass jeder ganz allein für sich selbst sorgen soll. Aber in so einer Gesellschaft, der der Geist der Solidarität ausgetrieben worden ist, sind wir alle extrem verwundbar. Gegenseitiger Beistand kann nicht durch Gesetze hergestellt werden. Es braucht vor allem Menschen, die gewöhnt sind zusammenzuhalten. Wenn aber die Güter der Erde immer ungleicher verteilt sind, wenn die Einkommensschere immer weiter auseinander klafft, wenn die einen unvorstellbar viel haben und die anderen mit Mühe über die Runden kommen, dann untergräbt das jeden Zusammenhalt.

Deswegen spricht Jesus von der grundlegenden Einheit der Welt, die durch Gottes Güte geschaffen ist und von seinem Segen erfüllt ist. Deswegen hat er in seiner von Gewalt und Raub geprägten Zeit eine alternative Gemeinschaft ins Leben gerufen, und das hat ausgestrahlt durch die Jahrhunderte. Wenn wir heute bei uns relativ sicher leben, dann ist das auch noch eine Ausstrahlung von diesem Impuls, der er gebracht hat, und der immer wieder wirksam geworden ist. Es ist an uns, diese Alternative in unserer Zeit neu umzusetzen. Jede Gesellschaft braucht diese christlichen Gemeinschaften, an denen man ablesen kann, dass Gott die Welt dazu geschaffen hat, dass sie von Freundlichkeit, Segen und Klarheit erfüllt ist.

Die Priorität der Gerechtigkeit Gottes

Und es braucht Menschen, die das tun. Menschen, für die diese Aufgabe wichtiger ist als alles andere, die zuerst nach der Gerechtigkeit Gottes trachten und darauf vertrauen, dass das unser bester Schutz ist. Wir teilen alle diese Sehnsucht nach Sicherheit, nach einem Leben, das nicht mehr gefährdet ist. Was solcher Sicherheit in dieser gefährlichen Welt am nächsten kommt, das ist: gemeinsam mit anderen nach Gottes Gerechtigkeit trachten. Dann wird uns alles, was wir brauchen, dazu gegeben werden, auf die eine oder andere Weise.

Sep 212015
 

Predigt 13. September 2015 zu 1. Petrus 5,5b-11

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.
10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen. 11 Ihm gehört die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Demut – das Wort, das hier gleich von Anfang an im Mittelpunkt des Nachdenkens steht, ist aus unserem Sprachgebrauch heute ziemlich verschwunden. Und das ist in gewisser Weise gut, weil wir dann auch wieder freier sind von den schiefen Bedeutungen des Wortes, bei denen man das Gefühl hat, dass es dabei um eine falsche Untertänigkeit geht: also ein Sich-Unterwerfen unter die jeweiligen Machthaber, was dann noch zur gottgewollten Tugend erhoben wird. Weil heute aber keiner mehr das Wort noch benutzt, sind wir frei, zu entdecken, was da wirklich gemeint ist.

Eine Zeit, um die Bibel neu zu begreifen

Wir sollen uns demütig der gewaltigen Hand Gottes anvertrauen, damit wir den Respekt vor der Macht von Menschen und allen angeblichen Sachzwängen verlieren. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man gegenüber Gott demütig wird oder gegenüber Machthabern. Und wir sollen unterscheiden lernen, ob Gottes Hand uns führt, möglicherweise an einen Ort, den wir uns nicht ausgesucht hätten, oder ob einfach Menschen versuchen, uns das Leben schwer zu machen oder uns auszunutzen.

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Refugee march Hungary 2015-09-04 02

Und in diesen Wochen und Monaten, wo wir Tag für Tag Bilder sehen von Menschen, die auf vielen gefährlichen Wegen hier zu uns nach Europa kommen, wird es wieder leichter zu verstehen, was mit der gewaltigen Hand Gottes gemeint ist, der wir nicht widerstehen sollen, sondern der wir uns anvertrauen sollen: niemand hier bei uns hat sich gewünscht, dass das Unglück in der Welt uns jetzt so nahe kommt. Niemand hat das vorausgesehen, dass noch einmal in unseren Städten große Zahlen von Menschen ankommen, die fast alles verloren haben, weil ihr Land vom Krieg unbewohnbar gemacht worden ist. Viele kannten das nur noch aus den Geschichten der Eltern und Großeltern und Urgroßeltern und wir hielten das für eine ferne Vergangenheit. Vor 70 Jahren sind hier bei uns zum letzten Mal Züge angekommen, die vollgestopft waren mit Menschen, die unter die Räder der Geschichte gekommen waren und nur noch das besaßen, was sie auf dem Leib trugen und im Handgepäck dabei hatten. Jetzt passiert das wieder.

Und wenn wir heute hören, dass wir uns demütig der gewaltigen Hand Gottes anvertrauen sollen, dann ist damit vor allem gemeint, dass wir diese Realität annehmen. Dass wir nicht versuchen, uns davor abzuschirmen durch irgendwelche Zäune in Gedanken oder an Landesgrenzen, sondern einfach verstehen: So ist das. Es ist nicht toll, wir würden wünschen, dass all die Menschen in Frieden in ihrem Land leben könnten, aber es ist real. Und es ist die Hand Gottes, die uns in diese Situation bringt. Gott mutet uns zu, dass wir auch ein Teil von dem Unglück auf uns nehmen, von dem die Welt voll ist.

Gott traut uns (wieder) was zu

Man kann das auch viel positiver formulieren: Gott traut uns zu, dass wir das können. Gott hat uns nach dem Desaster von zwei Weltkriegen und Gewaltherrschaft 70 Jahre geschenkt, 70 Jahre Frieden, um wieder heil zu werden, und jetzt ist es so weit: jetzt traut er uns zu, dass wir ein freundliches Land geworden sind, das die Kraft hat, einen Teil des Unglücks in der Welt mitzutragen und zur Heilung beizutragen.

Und dann sieht man auch, warum gleich anschließend hier im Petrusbrief steht, wir sollten unsere Sorge auf Gott werfen: wenn Gott uns an diese Aufgabe stellt, dann sorgt er auch dafür, dass wir es schaffen können. Natürlich hätten wir genügend Gründe zur Sorge, wohin das alles noch führt. Natürlich überfordert das jetzt die Behörden und die Entscheidungsträger, und es kann sein, dass wir alle noch ganz schön ran müssen bei der Aufgabe, für all die Menschen einen Platz zu finden, wo sie gut leben können. Es kann sein, dass unser Land sich noch ganz schön verändern wird.

Sorgen sind vom Teufel

Aber da sagt Petrus eben: Gott sorgt für euch. Gebt ihm die Sorgen. Er bringt euch in diese Situation, akzeptiert es, dass das von ihm ist, dann wird er auch für Lösungen sorgen. Also tut, was nötig ist, und macht euch keine Sorgen. Sorgen sind Gift. Sorgen sind vom Teufel. Sie nützen nichts, sie drücken nur aufs Gemüt, aber nichts wird davon besser. Schon Jesus hat gesagt: du kannst dir Sorgen machen so viel du willst, aber davon wird dein Leben keinen Tag länger. Und wir können heute dazusetzen: eher wird das Leben kürzer, wenn man sich Sorgen macht. Auf jeden Fall wird es mühsamer. Aber wenn du dich demütig der gewaltigen Hand Gottes anvertraust, dann kannst du ruhig schlafen, auch wenn Morgen wieder eine Menge Aufgaben warten. Aber was Morgen sein wird, das kannst du Gott überlassen.

Wenn wir das lernen, dann nützt uns das nicht bloß in diesen Tagen, sondern das kann man immer brauchen. Wir sollen den Versuch aufgeben, auch die Zukunft im Griff haben zu wollen. Das kostet viel zu viel von der Energie, die wir für heute brauchen. Und im Grunde wissen wir alle, dass die Zukunft außerhalb unserer Kontrolle ist. Wir haben unsere Pläne und Bilder von der Zukunft, und dann kommt eine Finanzkrise oder eine Krankheit oder noch Schlimmeres, oder auch Besseres, und bringt alles durcheinander. Wir sollen in das Heute investieren, wir sollen in Menschen investieren, und die Sorge um die Zukunft Gott überlassen.

Gott ist stärker

Der christliche Glaube kommt ja her von der Grunderfahrung, dass Jesus auferstanden ist. Gott hat sogar auf die Kreuzigung Jesu eine Antwort gehabt. Eigentlich wäre das die ultimative Niederlage Jesu gewesen, aber Gott hat sogar auf diese Katastrophe eine Antwort gefunden. Wenn er das konnte, dann ist ihm nichts unmöglich. Hauptsache, es sind Menschen da, die sich ihm anvertrauen, so wie es Jesus getan hat. Hauptsache, es sind Menschen da, die darauf bauen, dass das Leben Gottes stärker ist als alle Mächte des Todes und der Unterdrückung.

Das alles ist natürlich auch schon zusammengefasst im Taufspruch von Luna, den wir vorhin gehört haben: »Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen (Psalm 37,5)!« Trau Gott zu, dass er deine Wege richtig lenkt, achte auf seine Weisung, und mach dir keine Sorgen. Dann wird sein Segen in deinem Leben zum Zuge kommen.

Natürlich liegt das alles nicht einfach auf der Hand. Da geht es um Glauben. Aber Glauben ist eben nicht Augenzumachen und Vernunftausschalten, sondern Glauben bedeutet: daran festhalten, dass diese Welt zur Solidarität geschaffen ist, dass Liebe eingeschrieben ist in ihre Fundamente, und dass sie am besten funktioniert, wenn wir liebevoll und freundlich bleiben, unseren Verstand benutzen und alles, was wir noch nicht übersehen können, Gott anvertrauen.

Ein Kampf darum, was die Wahrheit ist

Dadurch kann man durchaus in Konflikt mit anderen kommen, die sich viel lieber sorgen möchten. Diese Sorge, dass man zu kurz kommen könnte, wenn man mit anderen verbunden ist, die macht ja das Herz ziemlich hart. Und ob diese Welt mit Liebe und Solidarität funktioniert, oder ob man eben doch vor allem an sich selbst denken sollte, um diese Frage gibt es einen harten Kampf. Misstrauen und Sorgen sichern sich ab mit Regeln und Gesetzen, aber manchmal bricht eben auch die spontane Freundlichkeit durch und die Welt ist nicht mehr festgelegt und verrammelt, sondern offen und frei.

Wenn ich daran denke, wie oft wir hier gebetet haben, dass wir ein freundliches, gastfreundliches Land werden, und mir war es manchmal schon peinlich, immer wieder das Gleiche zu beten, als ob es nichts anderes gäbe. Aber dann ist vor einer Woche irgendetwas gekippt, und viele im Land sind zu den Bahnhöfen gegangen und haben in großer Zahl »Ja« zu den Menschen gesagt, die jetzt zu uns kommen.

Die Vision von einem guten Land

Und auf einmal sind die Flüchtlingsheimanzünder und Hassprediger nicht mehr in der Offensive. Und wir können die Vision sehen von einem Land, das stark und gesund und freundlich ist, weil es freiwillig den Teil am Unglück dieser Welt auf sich nimmt, den Gott uns zumutet. Ein Land, das sich der mächtigen Hand Gottes anvertraut und akzeptiert, was diese Hand uns gibt, und so gesegnet wird. Wenn wir davon bewegt sind, müssen wir uns keine Sorgen um die Zukunft machen.

Natürlich kann es sein, dass irgendwann die Stimmung wieder kippt, und dass irgendwann Menschen und Regierungen verzagen vor den Problemen, die da vielleicht noch auf uns zukommen. Aber – merkt ihr? – das sind schon wieder die Sorgen. Und die sollen wir nicht endlos wälzen und bereden, sondern sie Gott anvertrauen. Je mehr Raum man den Sorgen gibt, um so größer werden sie. Das ist ein ganz einfacher Zusammenhang. Ja, natürlich ist die Welt voller Probleme und Gefahren. Sie ist sogar ziemlich gefährlich. Wer das nicht sieht, hat keine Augen im Kopf. Aber deswegen müssen wir noch lange nicht unser Gehirn damit vollstopfen. Das wird für wichtigere Dinge gebraucht: um die Probleme von heute anzupacken, um auf Gott zu hören, um Menschen zu lieben. Sorgen sind vom Teufel.

Frühwarnsysteme

In vielen Geschichten und Romanen gibt es ja irgendwelche Zeichen, die anzeigen, dass man in Gefahr ist: Schwerter, die sich melden, wenn Orks in der Nähe sind oder so. Sorgen sind auch so ein Warnsignal, dass der Feind sich anschleicht. Wenn du merkst, dass du ängstlich wirst und anfängst zu grübeln und dich zu sorgen, dann schau nach, wo er sich einschleichen will und tritt ihm entgegen. Sei klar und mutig.

Denn Jesus ist auferstanden! Und deshalb wird Gott Lösungen finden. Manchmal geht es schnell, manchmal müssen wir warten und durchhalten. Die ersten Christen haben im gnadenlosen römischen Imperium dreihundert Jahre durchhalten müssen, und einige haben darüber ihr Leben verloren. Am Ende hatten sie das Imperium ein Stück menschlicher gemacht. Aber sie haben durchhalten müssen. Deswegen schließt Petrus hier mit der Verheißung, dass Gott uns »aufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen« wird. Stark wird man, wenn man eine Zeit auch bei Gegenwind durchhält. Wenn du das mal gelernt hast, egal bei welcher Gelegenheit, dann nützt dir das dein ganzes Leben lang.

Gut schlafen

Wenn wir also demütig werden gegenüber Gott und uns nicht sperren gegen seine starke Hand, die uns führt, dann werden wir mutig gegenüber Menschen und dem, was sie uns als unser »Schicksal« aufschwatzen wollen. Unser Kopf wird frei und unser Schlaf wird fest.

Vom Apostel Petrus wird erzählt, dass er in Jerusalem schon in der Todeszelle saß, und als der Engel Gottes kam, um ihn zu befreien, da musste er ihn erst schütteln, bis er wach wurde (Apostelgeschichte 12,6-7). Wenn einer in der Nacht vor seiner geplanten Hinrichtung so fest schlafen kann, dann hat er wirklich gelernt, sich Gottes gewaltiger Hand anzuvertrauen.

Sep 142015
 

Predigt am 6. September 2015 zu Offenbarung 14,1-5 (Predigtreihe Offenbarung 23)

1 Und ich sah: Das Lamm stand auf dem Berg Zion und bei ihm waren hundertvierundvierzigtausend; auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen seines Vaters. 2 Aus dem Himmel ertönte ein Brausen, das sich wie das Tosen einer mächtigen Brandung und wie gewaltiges Donnerrollen anhörte und gleichzeitig wie Musik von Harfenspielern klang. 3 Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Lebewesen und vor den Ältesten. Aber niemand konnte das Lied vernehmen außer den Hundertvierundvierzigtausend, die aus allen Völkern der Erde freigekauft sind.
4 Sie haben sich durch keinerlei Untreue dem Lamm gegenüber schuldig gemacht, sondern haben sich rein bewahrt wie eine Braut für ihren Bräutigam und folgen dem Lamm, wohin es auch geht. Unter allen Menschen sind sie diejenigen, die freigekauft wurden und wie eine Erstlingsgabe Gott und dem Lamm geweiht sind. 5 Über ihre Lippen ist nie eine Lüge gekommen; es ist nichts an ihnen, was Tadel verdient.

Als wir zuletzt vor zwei Wochen auf die Offenbarung hörten, begegneten wir da dem Tier aus dem Abgrund, dem Monster, der Kreatur des Satans. Gemeint war das Imperium Romanum mit seinem Zentrum, dem römischen Kaiser. Eine Machtmaschine, wie sie die Welt bis dahin nicht gekannt hatte. Und damit die Menschen ruhig bleiben, auch wenn sie von diesem Zentrum ausgebeutet und manchmal zugrunde gerichtet werden, gibt es eine umfassende Propagandaabteilung: den Kaiserkult, der überall im Lande seine Tempel, Standbilder und Propagandisten hat. Und gleichzeitig ist dieses Machtsystem ein Symbol für alle Imperien und Reiche, die Menschen beherrschen und eine Heerschar von Propagandisten beschäftigen, die die Loyalität der Unterworfenen sichern sollen.

Gottes Gegenmacht
Bild: nickelbabe via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Es ist ein bedrückendes Bild des Herrschaftssystems, das sich die ganze Erde unterwerfen will. Und so konnte ich das letzte Mal aus dem Text selbst gar nicht so viel Hoffnung gewinnen, weil Johannes erst einmal schlicht beschreibt, wie dieses System funktioniert. Erst heute sehen wir klarer, was Gott der Bedrohung durch das imperiale Monster entgegen setzt.

»Ich habe meinen König auf dem Berg Zion eingesetzt« heißt es in Psalm 2. Und so schwenkt das Bild jetzt von den Monstern, die dem Meer entsteigen, zum Berg Zion. Und da sehen wir das Lamm, wie Jesus in der Offenbarung oft bezeichnet wird. Das Lamm und 144.000 Menschen, die sich der imperialen Macht nicht gebeugt haben. Das ist Gottes Gegenmacht, an der der Angriff des Monsters scheitern soll.

Wir kennen diese 144.000 schon aus dem 7. Kapitel der Offenbarung. Da wird all diesen Menschen das Siegel des lebendigen Gottes auf die Stirn gedrückt. Hier erfahren wir mehr über sie: sie folgen dem Lamm, wohin es geht, heißt es. Es sind die Nachfolger Jesu, und indirekt wird damit gesagt, dass sie nötigenfalls Jesus auch ins Leid und in den Tod folgen werden. Hier sieht man: die Offenbarung greift ihre Themen und Bilder immer wieder auf und entwickelt sie nach und nach weiter.

Das himmlische Lied, gehört auf der Erde

So ist es auch mit dem Lied, das jetzt zu hören ist. In Kapitel 5 war beschrieben, wie im Himmel vor Gottes Thron ein neues Lied gesungen wird, ein Loblied für Jesus, der mit seinem Tod Menschen aus allen Völkern und Kulturen erworben und befreit hat und der als einziger in der Lage ist, das Buch mit dem geheimen Plan Gottes zu öffnen und zu lesen.

In Kapitel 5 war das eine Vision aus dem Himmel. Jetzt sehen wir das Ganze von der anderen Seite aus, von der Erde her, und da kommt es nur undeutlich an. Im Himmel ist es ein klarer, schöner, gewaltiger Gesang. Auf der Erde ist es zunächst einmal ein gewaltiges, starkes Brausen, wie eine Meeresbrandung. Übrigens wird auch die Stimme des himmlischen Jesus in Kapitel 1 mit so einem Brausen beschrieben. Aber durch das Brausen hindurch hört man die Worte Jesu und hier hört man in dem Brausen die himmlische Musik. Besser gesagt, der Seher Johannes kann sie hören, und auch die 144.000 hören das Lied. Die anderen hören nur das Brausen: sie bekommen mit, dass da irgendetwas Großes passiert, aber sie verstehen es nicht.

Dieses Bild sagt: die Leute Jesu sind diejenigen, die jetzt schon die Musik aus dem Himmel hören können. Auf der uns verborgenen Seite der Welt wissen sie schon, dass mit Jesus die große Revolution der Welt geschehen ist. Und da freuen sie sich und singen und loben Gott für seine großen Taten, aber nur die befreiten Menschen hören und verstehen auf der Erde diese Musik. Auch sie verstehen das nicht in aller Klarheit und Schönheit, aber sie ahnen wenigstens die Musik der neuen Welt, das neue Lied, das jetzt die Schöpfung bewegt. Für die anderen ist es – wenn überhaupt – nur ein unklares Getöse. Aber diese Menschen Jesu sind geschützt gegen die Parolen der Propagandamaschine, sie haben die Lügen nicht nachgeplappert, mit denen das Sicherheitssystem die Menschen besoffen redet. Weil sie das neue Lied der neuen Welt kennen und vielleicht sogar mitsingen, haben sie etwas Besseres und werden immun gegen das süße Gift der Lüge.

Eine Welt der Lüge

Lüge ist ein Grundbaustein des Systems, mit dem der Drache herrscht. Menschen glauben ihre eigenen Lebenslügen, Familien pflegen Illusionen über sich selbst und ihr harmonisches Zusammenleben, Völker leben mit Fantasien darüber, wie toll sie sind und wie wertvoll. Seit vielen Jahren erleben wir den Versuch, uns davon zu überzeugen, dass es am besten ist, wenn Menschen nur an sich selbst denken und mit niemandem anderen solidarisch sind, und dass man vor allem an der Unterstützung der Schwachen sparen, sparen, sparen muss. Ich denke, diese ganzen Parolen vom Sparen und vom Gürtel-enger-Schnallen kennen wir alle, aber sie werden nie den Superreichen dieser Welt gepredigt, denen die Hälfte oder mehr aller Vermögen gehören.

Beschämt durch Freundlichkeit

Es gibt ganze Denkfabriken, die planvoll überlegen, mit welcher Argumentation man die Menschen am besten zu Hartherzigkeit, Knauserigkeit und Selbstsucht überreden kann. Aber dann kommen Flüchtlinge in großer Zahl bei uns an, und auf einmal sind viele Menschen da, die sagen: die kann man doch nicht vor unserer Tür sich selbst überlassen, da muss man doch helfen, was kann ich tun? Und man kann sich ziemlich sicher sein, dass da viele dabei sind, die direkt oder auf Umwegen durch Jesus und seinen Weg motiviert sind. Und alle, die laut schreien: »wir wollen keine Flüchtlinge bei uns« und am Ende Häuser anzünden, die werden beschämt von all den anderen, die einfach menschlich sind – und sich vielleicht daran erinnern, dass es in der Geschichte ihrer eigenen Familie auch Flüchtlingsschicksale gibt.

Das ist die Art, wie der Krieg des Lammes geführt wird: durch Menschen, die ihr Herz nicht hart werden lassen, sondern Jesus folgen und Liebe üben. Jesus und seine Leute schlagen nicht, sie töten nicht, und trotzdem ist die Hilfsbereitschaft, die jetzt in unserem Land aufbricht, eine Ohrfeige für alle, die von Hass bewegt sind. Wenn die einen schimpfen und zündeln und die anderen helfen und freundlich sind, dann muss man schon ziemlich blind sein, wenn man nicht sieht, was die richtige Seite ist.

Den Weg für Freundlichkeit freimachen

Aber es braucht dazu Menschen, die anfangen, die vorangehen, die zeigen, dass es möglich ist. Es braucht Menschen, die andere ermutigen, damit die ihr gutes Potential auch einsetzen. Als wir vor zehn Jahren hier unser Kirchenasyl hatten, da haben auch ganz viele mitgeholfen, wenn wir sie gebeten haben, obwohl damals die allgemeine Stimmung noch anders war. Aber wir mussten vorangehen, und dann haben sich die anderen auch daran erinnert, dass sie doch eigentlich gerne helfen und gut sind. Menschen sind so geschaffen, dass wir eigentlich helfen möchten. Aber wir haben es schwer, dem zu glauben, weil die Drachenwelt uns immer wieder sagt, dass das unrealistisch ist. Wenn aber die 144.000 sich dem Drachen und seinen Propagandisten nicht beugen, dann erwacht in vielen anderen auch der Wunsch zu helfen und gut zu sein. Und am Ende macht auch die Regierung mit. Und jeder, der dann sein lebendiges, liebevolles Herz entdeckt und Solidarität übt, ist eine schallende Ohrfeige für den Drachen.

Deswegen wird über die 144.000 gesagt, dass sie die Erstlingsgabe sind, die Gott und dem Lamm, also Jesus, geweiht sind. Das ist ein Bild aus dem Bereich des Tempelopfers. Die ersten Früchte der neuen Ernte bringt man Gott, man weiht sie ihm, und zeigt damit, dass ihm die ganze Ernte gehört. So sind auch die 144.000 erst der Anfang, sie sind der Vortrupp des Lebens, und sie machen für die anderen den Weg frei. Sie schneiden mit ihrer Existenz und ihrer Lebensweise ein Loch in das Netz der Propaganda, in dem die Menschen gefangen sind. Sie können das alles, weil sie das himmlische Lied vernehmen und so immun werden gegen die krächzenden Lügen der Monster.

Die Geduld der Heiligen

Und deswegen wiederholt Johannes immer wieder, dass es auf die Geduld und Standhaftigkeit der Heiligen ankommt. Ja, es wird keine schnellen Erfolge geben, obwohl Erfolge nicht ausbleiben werden. Auch wenn der Krieg des Lammes auf der Seite der Jünger Jesu mit Waffen der Liebe ausgekämpft wird, ist es wirklich ein harter Kampf. Und er kostet Opfer. Wenn man allerdings schaut, wieviel Opfer andere Kriege kosten, also: wenn wir aktuell nach Irak und Syrien schauen, dann muss man sagen: der Krieg des Lammes ist im Vergleich einer mit viel weniger Opfern. Der Unterschied ist nur, dass die Opfer vor allem auf der Seite der Christen gebracht werden. Die 144.000, die für die starke weltweite Christenheit stehen, riskieren für sich selbst viel und zerstören niemanden. Aber das ist der Weg, wie Gott und seine Leute in dieser Welt kämpfen.

Die entscheidende Frage ist, ob wir mit Geduld und Standhaftigkeit durchhalten. Wir sollen nicht zurückweichen, wir sollen uns nicht auf falsche Fährten locken lassen. Natürlich wird der Drache sich etwas Neues ausdenken, wenn er den ersten Schreck über so viel Hilfsbereitschaft und Solidarität hinter sich hat. Wer weiß, was er noch an bösen Überraschungen bereithält. Deswegen will Johannes, dass wir auf Tricks und Angriffe vorbereitet sind.

Die Melodie muss weiter klingen

Im Grunde geht es um einen Abnutzungskrieg. Werden die 144.000 durchhalten? Werden sie konsequent immer weiter liebevoll und freundlich, hilfsbereit und verantwortungsvoll bleiben? Werden sie immer weiter auf das Siegeslied aus dem Himmel hören? Und es in ihrem Herzen weitersingen? Werden sie fest mit Jesus verbunden bleiben? Dann ist der Sieg Gottes über das Monsterimperium nicht mehr weit. Mit Menschen, die unbeirrbar durchhalten und sich nicht beirren lassen, befreit Gott seine Schöpfung.

Sep 072015
 

Predigt am 30. August 2015 zu 1. Johannes 4,7-12

7 Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. 8 Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe.
9 Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. 10 Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.
11 Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben. 12 Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns ans Ziel gekommen.

WeltGott ist Liebe. Das ist die christlichen Grundaussage über Gott, und hier wird das ganz besonders konzentriert ausgesprochen. Gott ist Liebe. Das ist sein Wesenskern, das ist seine Motivation. Aus Liebe hat er die Welt geschaffen, und Liebe hat er eingeschrieben in die Fundamente der Welt. Liebe ist das Muster, nach dem die Welt funktioniert, und wenn wir sie nach anderen Regeln behandeln, dann funktioniert sie nicht gut.

Für uns als europäische Menschen, die aus einer langen christlichen Tradition stammen, ist das keine besonders überraschende Behauptung. Natürlich ist Gott Liebe, er ist doch der »liebe Gott«, wie sollte er sonst sein? Wir haben vielleicht Probleme mit Menschen, deren Verhalten dem nicht entspricht, obwohl sie religiös zu sein scheinen, aber dass Gott, wenn es ihn gibt, Liebe ist, das ist für die meisten keine Überraschung.

Götter, die nicht Liebe sind

Als Johannes seinen Brief schrieb, war das ganz anders. Die damaligen Götter waren höchstens nebenbei auch liebevoll. Man hoffte, sie mit Opfern und Zeremonien zu freundlichem Verhalten zu bewegen. Dass sie wirklich halfen, und vor allem: dass sie überhaupt helfen wollten, war keineswegs sicher. Götter hatten ihre eigenen Ziele, sie stritten miteinander, sie verliebten sich und bekämpften sich, und wenn man als Mensch dazwischen geriet – Pech gehabt! Und wenn man nun gar an den göttlich verehrten römischen Kaiser denkt – dessen Ruhm und seine Stärke werden gepriesen, wohl auch seine Klugheit, bestenfalls der Frieden, den er gebracht hat. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, seinen Antrieb und sein innerstes Wesen in der Liebe zu suchen.

In dieser Welt, in der Liebe eher eine Randexistenz führte, schreibt Johannes seinen Brief mit dem Zentralthema Liebe. Der wirkliche, wahre Gott wird von Liebe bewegt, und ihn kennen, das geht nur, wenn ihr auch von Liebe bewegt seid und in einer ziemlich rauen Welt Gemeinschaften der Liebe aufbaut, Gemeinschaften, die sich nach dem Muster zusammenfinden, das der wahre Gott in die Grundfesten der Welt eingeschrieben hat.

Dieses Muster der Liebe kann man aber heute genauso wenig an der Welt ablesen wie damals. Johannes lebte in einer Welt, in der Menschenleben wenig zählten, wo man vor allem in der eigenen Großfamilie zusammen hielt und andere außen vor waren. Wir heute sind eher gewöhnt, die Welt als Ansammlung toter Materie anzusehen, mit der man machen kann, was man will – aber nicht als sichtbar gewordene Liebe.

Sichtbar gewordene Liebe

Aber darum geht es: die Welt ist nicht neutral und stumm, sondern hinter ihr steht Gott, und er hat alles so eingerichtet, dass die Welt erst unter den Sonnenstrahlen der Liebe wirklich aufblüht. Ohne Liebe wird die Welt kalt und zum Fürchten, und sie bleibt weit unter ihren vollen Möglichkeiten. Die ganze Schöpfung wartet darauf, dass endlich Menschen erscheinen, die die Betriebsanleitung der Welt verstehen und danach handeln.

Und damit das Wort »Liebe« nicht ein Allerweltswort wird, unter dem man alles Mögliche verstehen kann, hat Gott, der Schöpfer der Welt, sich in ein Menschenleben übersetzt: Jesus ist der Mensch, an dessen Leben und Worten man ablesen kann, was Liebe ist.

Deswegen haben wir vorhin in der Lesung diese Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37) gehört, wo Jesus nicht nur einen misstrauisch beäugten Außenseiter zum Helden macht (die Samaritaner standen in der Rangfolge der Wertschätzung damals ziemlich weit unten). Vor allem dreht Jesus die Frage des Schriftgelehrten »wer ist denn mein Nächster?« um. Es geht nicht mehr darum, wem ich helfen muss und wem nicht.

»Wem muss man helfen und wem nicht?«

Da kann man ja lange und fruchtlos drüber streiten, wann wir zur Hilfe verpflichtet sind und wann nicht. Aktuell kann man die ganzen verbalen und tätlichen Angriffe auf Fremde, die bei uns Schutz suchen, ganz gut im Rahmen dieser Frage verstehen. Da fühlen sich Menschen sowieso schon lange im Stich gelassen und abgehängt, und sie sehen, dass anderen geholfen wird, und sie fürchten, dass das auf ihre Kosten geht. Und sie haben das Gefühl: zuerst müsste eigentlich uns geholfen werden. Ob dieses Gefühl berechtigt ist, ist eine ganz andere Frage, aber diese Angst, abgehängt zu sein, ist der mehr oder weniger bewusste Hintergrund, vor dem dann einige auch ganz enormen Hass entwickeln.

Aber diese Frage »wem muss man helfen und wem braucht man nicht zu helfen?« führt in eine Sackgasse, weil Liebe unteilbar ist. Es gibt keine vernünftige Antwort, weil schon die Frage falsch ist. Liebe hat keine Grenzen, denn sie wird mehr, wenn wir Liebe ausüben. Liebe ist kein knappes Gut. Unsere Liebesfähigkeit ist wie ein Muskel: je mehr sie trainiert wird, um so stärker wird sie. Wenn sie nicht benutzt wird, verkümmert sie. Je mehr Liebe wir schenken, um so reicher werden wir an Liebe. Eine liebevolle Gesellschaft ist eine reiche Gesellschaft, und wenn wir den einen helfen, wird das allen zugute kommen. Wenn wir aber die einen schlecht behandeln, weil es den anderen auch nicht besser geht, wird daraus eine Abwärtsspirale, die alle nach unten zieht.

Es ist genug für alle da

Aber das ist überhaupt nicht nötig. Es ist genug für alle da. Gott war nicht knauserig, als er die Welt schuf. Gott ist großzügig. Und unser Land hat sogar ziemlich viel abbekommen von seiner Großzügigkeit. Liebe muss nicht sparen. Knapp wird es immer nur dann, wenn Menschen glauben, es würde nicht reichen und dann zuerst oder ausschließlich an sich selbst denken.

Deshalb dreht Jesus diese Frage: »wem muss ich helfen und wem nicht?« um und sagt: wem willst du denn helfen? Guck dir den Samariter an, der hat von sich aus den Schwerverletzten am Straßenrand zu seinem Nächsten gemacht. Niemand hätte ihn dazu verpflichten können, aber er wollte es so. Die Liebe hat ihn motiviert. Sieh ihn dir an und erkenne, dass jeder ein liebevoller Mensch sein kann, einer von denen, die die Welt freundlicher und heller machen. Jemand, an den einige Menschen ihr Leben lang zurückdenken werden und sagen: wenn die nicht gewesen wäre, ich weiß nicht, was dann aus mir geworden wäre! Als ich ganz am Ende war, da hat seine Freundlichkeit und Wärme mich gerettet! Das ist die Berufung über unserem Leben, über dem Leben von uns allen. Willst du nicht auch so sein? Wir haben selbst das meiste davon, wenn wir unserer Berufung folgen.

Liebe, die initiativ wird

Man muss das so nebeneinander sehen: Wir sind nicht verpflichtet, in jeder möglichen und unmöglichen Lage zu helfen, aber wir haben in uns das Potential, ganz viel Gutes zu bewirken. Dieses Potential ist unbegrenzt. Es gibt viele Menschen, die das von sich selbst gar nicht mehr glauben mögen, aber Jesus ist gekommen, weil Gott diesen Glauben in uns allen wecken möchte.

Gott wäre ja auch nicht verpflichtet gewesen, die Welt zu schaffen, aber er wollte es so. Die Liebe hat ihn motiviert. Er hat sich entschieden, unser Allernächster zu sein. Wir sind zuerst in seinen schöpferischen Träumen lebendig gewesen, und dann hat er sein eigenes Leben in uns hineingelegt und uns ins Leben gerufen. Und wir konnten diesem liebevollen Ruf nicht widerstehen.

Strukturen voller Misstrauen

Wir werden dann leider in eine Welt hineingeboren, die in vielen Bereichen von Misstrauen regiert wird. Der größte Teil unserer Bürokratie ist organisiertes Misstrauen. Wenn du einen Verletzten ins Krankenhaus bringst, ist die wichtigste Frage die nach der Versicherung. Wenn ein Fremder bei uns Zuflucht sucht, sind die größten Hürden die undurchschaubaren Vorschriften. Wenn jemand arbeitslos wird, gerät er in ein Gestrüpp von Regelungen, wo auch die Leute vom Jobcenter nicht immer durchblicken. Den Mindestlohn setzen wir bloß nicht zu hoch an, damit es keinem zu gut geht. Wenn du heiratest, brauchst du einen Haufen Dokumente, um zu beweisen, dass du nicht schon zwei Frauen hast. Wenn du einen Telefonvertrag abschließt, verstehst du das Kleingedruckte nicht. Eine Welt voller Misstrauen und Tricks versucht uns glauben zu machen, dass Großzügigkeit ein schöner Traum ist, eine weltfremde Illusion.

Wir haben viel zu verschenken

Und trotzdem leben wir alle immer noch von der Großzügigkeit Gottes, der es regnen lässt und die Sonne scheinen lässt über Böse und Gute: über die, die das verdienen, aber auch über die anderen. Und wir erleben natürlich auch dauernd die spontane Freundlichkeit von Menschen, die nicht mit Liebe sparen, die nicht misstrauisch sind, die von sich aus schenken und geben, und wahrscheinlich, hoffentlich sind wir doch auch so. Trotz aller Versuche, uns das auszutreiben, damit wir endlich auch in diese Welt des verwalteten Misstrauens hineinpassen. Aber wollen wir wirklich zu diesen armen Menschen gehören, die mit Überzeugung sagen »ich habe nichts zu verschenken«?

Jeder hat ganz viel zu verschenken. Wir sind reich. Gott hat uns so gemacht, er hat eine Welt voller Überfluss geschaffen. Und Johannes erinnert seine Leute in dem Brief daran, damit sie sich das nur nicht ausreden lassen. Wer glaubt, Gott wäre knauserig, der kennt ihn nicht. Aber wir, sagt er, wir kennen ihn, wie er wirklich ist, und wir leben in diesen Gemeinschaften der Großzügigkeit und der Liebe, die Jesus ins Leben gerufen hat. Wenn um uns herum der große Versuch im Gange ist, die Welt hart und karg zu machen, dann setzen wir eine Welt der Liebe dagegen. Wo alle glauben, sie kämen zu kurz, da kennen wir den unerschöpflichen Segen Gottes. Während viele am liebsten unter Gleichen sind, entdecken wir in anderen und Fremden ein Geschenk. Obwohl viele sich nichts zutrauen, wächst unsere Kraft. Andere verschanzen sich ängstlich in der Abwehr, wir gehen offensiv auf die Welt zu und entdecken ihren Reichtum. Gott ist nicht fremd und fern, sondern er lebt unter uns, und wir erinnern alle daran, wie die Schöpfung wirklich gemeint ist.

Die Welt des Misstrauens ist nicht alternativlos. Weil Gott Liebe ist, deshalb gehört der Liebe die Zukunft, und das spürt man schon in der Gegenwart.

Aug 312015
 

Predigt am 23. August 2015 zu Offenbarung 13,1-18 (Predigtreihe Offenbarung 22)

1 Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem Meer, mit zehn Hörnern und sieben Köpfen. Auf seinen Hörnern trug es zehn Diademe und auf seinen Köpfen Namen, die eine Gotteslästerung waren. 2 Das Tier, das ich sah, glich einem Panther; seine Füße waren wie die Tatzen eines Bären und sein Maul wie das Maul eines Löwen. Und der Drache hatte ihm seine Gewalt übergeben, seinen Thron und seine große Macht. 3 Einer seiner Köpfe sah aus wie tödlich verwundet; aber die tödliche Wunde wurde geheilt. Und die ganze Erde sah dem Tier staunend nach. 4 Die Menschen warfen sich vor dem Drachen nieder, weil er seine Macht dem Tier gegeben hatte; und sie beteten das Tier an und sagten: Wer ist dem Tier gleich und wer kann den Kampf mit ihm aufnehmen? 5 Und es wurde ermächtigt, mit seinem Maul anmaßende Worte und Lästerungen auszusprechen; es wurde ihm Macht gegeben, dies zweiundvierzig Monate zu tun. 6 Das Tier öffnete sein Maul, um Gott und seinen Namen zu lästern, seine Wohnung und alle, die im Himmel wohnen. 7 Und es wurde ihm erlaubt, mit den Heiligen zu kämpfen und sie zu besiegen. Es wurde ihm auch Macht gegeben über alle Stämme, Völker, Sprachen und Nationen. 8 Alle Bewohner der Erde fallen nieder vor ihm: alle, deren Name nicht seit der Erschaffung der Welt eingetragen ist ins Lebensbuch des Lammes, das geschlachtet wurde.

9 Wenn einer Ohren hat, so höre er. 10 Wer zur Gefangenschaft bestimmt ist, geht in die Gefangenschaft. Wer mit dem Schwert getötet werden soll, wird mit dem Schwert getötet. Hier muss sich die Standhaftigkeit und die Glaubenstreue der Heiligen bewähren.

11 Und ich sah: Ein anderes Tier stieg aus der Erde herauf. Es hatte zwei Hörner wie ein Lamm, aber es redete wie ein Drache. 12 Die ganze Macht des ersten Tieres übte es vor dessen Augen aus. Es brachte die Erde und ihre Bewohner dazu, das erste Tier anzubeten, dessen tödliche Wunde geheilt war. 13 Es tat große Zeichen; sogar Feuer ließ es vor den Augen der Menschen vom Himmel auf die Erde fallen. 14 Es verwirrte die Bewohner der Erde durch die Wunderzeichen, die es im Auftrag des Tieres tat; es befahl den Bewohnern der Erde, ein Standbild zu errichten zu Ehren des Tieres, das mit dem Schwert erschlagen worden war und doch wieder zum Leben kam. 15 Es wurde ihm Macht gegeben, dem Standbild des Tieres Lebensgeist zu verleihen, sodass es auch sprechen konnte und bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Standbild des Tieres nicht anbeteten. 16 Die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Sklaven, alle zwang es, auf ihrer rechten Hand oder ihrer Stirn ein Kennzeichen anzubringen. 17 Kaufen oder verkaufen konnte nur, wer das Kennzeichen trug: den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens.

18 Hier braucht man Kenntnis. Wer Verstand hat, berechne den Zahlenwert des Tieres. Denn es ist die Zahl eines Menschennamens; seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.

Aus dem Meer steigen Ungeheuer. Das wissen wir nicht nur aus Monsterfilmen, das wusste schon Johannes aus seiner Bibel, aus dem siebten Kapitel des Buches Daniel. Da wird in einer Vision beschrieben, wie vier riesige Tiere aus dem Meer steigen: ein Löwe, ein Bär, ein Panther und ein unbeschreiblich schreckliches Ungetüm. Aber da haben sich nicht ein paar kreative Filmemacher überlegt, wie sie ihre Mitmenschen am besten zum Gruseln bringen können. Bei Daniel sind die Monster Symbole für vier Großreiche, denen Israel begegnet war – wahrscheinlich Babylon, Medien, Persien und das hellenistische Reich Alexanders des Großen und seiner Nachfolger.

Monster der Macht
Bild: sindy2838 via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Für viele Menschen in der alten Zeit waren das Monster, die über ihre Welt herfielen, wo sie bis dahin verstreut in kleinen Gemeinschaften gelebt hatten. Da gab es natürlich auch Krieg und Gewalt, aber die großen Imperien waren etwas anderes. Ein Imperium ist ein Machtzentrum, das eine gut organisierte Berufsarmee hat und sich immer mehr Länder und Völker unterwirft. Die Unterworfenen werden versklavt, oder ihnen werden Tribute und Steuern abgepresst, um damit die Armee zu bezahlen und zu vergrößern, und dann kann das Imperium sich noch weiter ausdehnen. Das bedeutet noch mehr Einnahmen, man kann die Armee vergrößern, das gibt noch mehr Beute, und so weiter. Im Bild der Monster haben die Menschen sich klargemacht, was da mit ihnen passiert.

Die Könige Israels hatten gedacht, sie könnten sich gegen das babylonische Reich behaupten, aber gegen eine solche Machtmaschine hat ein kleines Königreich wie Israel keine Chance. So ein Imperium stoppt erst, wenn es an inneren Widersprüchen zugrunde geht, oder wenn es auf ein anderes Reich stößt, das eben so stark ist. Daniel in seiner Vision hat die Hoffnung, dass Gott eines Tages die Monster zur Rechenschaft zieht und die Herrschaft einem Menschen anvertraut, der sie menschlich ausübt.

Das ultimative Imperium

Johannes kannte natürlich Daniel 7. Und er beschreibt in diesem Kapitel ein Supermonster, das Merkmale all dieser vier Monster aus Daniels Vision trägt. Das ist sozusagen das ultimative Imperium, schlimmer als alles, was man bis dahin kannte. Und in der Zeit von Johannes war ganz klar, dass das nur Rom sein konnte: eine Machtzusammenballung, wie man sie in der Geschichte der Menschheit noch nie erlebt hatte. Eine Machtmaschine mit praktisch unbesiegbaren Legionen, die Länder eroberte, Städte zerstörte und die Bevölkerung als Sklaven verkaufte, die ganze Provinzen auspresste und durch die hohen Steuern die Existenz unzähliger Menschen zerstörte.

Das römische Imperium hatte bis dahin etwa 10 Kaiser gehabt – je nachdem wie man zählte. Deswegen hat das Monster 10 Diademe, also Kronen. Und all diese Kaiser waren nach ihrem Tod oder schon vorher als Götter verehrt worden. Für Juden und Christen war das eine klare Lästerung des einen Gottes. Und es war nicht einfach nur einer von den vielen regionalen Göttern, die alle Völker hatten, sondern es war ein richtiger Gegengott mit der Macht, sich weltweit durchzusetzen. Und noch mehr: die Christen wussten, dass Jesus der Herr der Welt ist. »Jesus ist der Kyrios, der Herr«, das war das zentrale Glaubensbekenntnis. Aber diese Herrschaft war ein anderer Typ von Macht, eine menschenfreundliche Art der Herrschaft. Das kollidierte mit dem Titel »Herr«, den auch die römischen Kaiser trugen, und vor allem mit ihrer Praxis. Der Kaiser ist eine schlechte Karikatur von Jesus. Und dann gibt es sogar die Geschichte von der tödlichen Wunde an einem Kopfe des Tieres, die überraschender Weise geheilt wird. Also eine Geschichte von Tod und Auferstehung!

Unerwartete Stabilität

Was könnte damit gemeint sein? Der Kaiser Nero wurde gestürzt und setzte auf der Flucht seinem Leben ein Ende. Von ihm haben die Leute sich erzählt, dass er wiederkommen, vielleicht sogar auferstehen würde. Tatsächlich folgten auf Nero in einem Jahr vier Kaiser. Die ersten drei, Galba, Otho und Vitellius, regierten jeweils ein paar Monate und wurden dann vom nächsten gestürzt, was jeweils mit ihrem Tod endete. Erst der vierte, Vespasian, blieb Kaiser. Alles in einem Jahr! Das Reich schlitterte knapp an einem blutigen Bürgerkrieg vorbei. Eine große Krise, die gerade noch mal gemeistert wurde.

Mir fällt dazu der Herbst 2008 ein: die große Krise, als die Banken gerettet werden mussten und die Weltwirtschaft am Abgrund stand. Viele dachten: jetzt ist der Kapitalismus am Ende! Aber heute scheint das Geschichte zu sein, die Wirtschaft brummt wieder und die Leute, die uns damals den Schlamassel eingebrockt haben, sind schon wieder obenauf und verdienen noch mehr Geld als vorher.

Vielleicht steht so eine Erfahrung hinter der tödlichen und doch geheilten Wunde des Monsters: es sah nach einer ernsthaften Krise des Imperiums aus, aber kurz danach ist es stärker als zuvor, seine Macht ist ungebrochen. Zweiundvierzig Monate, dreieinhalb Jahre lang sonnt es sich unangefochten im Glanz seiner Macht, und alle beten es an.

Hier haben wir wieder die dreieinhalb Jahre, die uns schon öfter begegnet sind und immer eine Zeitspanne bedeuten, wo es aussieht, als ob Gott vor den Herrschern dieser Welt kapituliert hat. Sie schalten und walten wie sie wollen, und wer nicht zum Volk Gottes gehört und es besser weiß, der huldigt der Macht. Menschen fallen immer dem Stärksten zu, wenn sie nicht fest bei Gott verankert sind.

Gewalt allein reicht nicht

Aber das geht anscheinend nicht ohne eine entsprechende Ideologie. Die Römer haben deshalb nicht allein auf die nackte Gewalt vertraut, auf ihre Legionen. Sie haben auch versucht, die Menschen religiös zu dominieren. In den Tempeln wurden überall die Bilder der alten Lokalgottheiten zur Seite gerückt und Kaiserstatuen aufgestellt. Gerade in Kleinasien, wo Johannes herkommt, wetteiferten die örtlichen Machthaber darum, wer den größten, schönsten und teuersten Kaisertempel hatte. Man kann die örtlichen Eliten und ihr Kalkül verstehen: Rom schützte sie gegen ihre Bevölkerung, sie saßen in Zukunft fester im Sattel als vorher, und im Gegenzug sorgten sie dafür, dass ihre Städte loyal blieben und pünktlich die Steuern zahlten. Und damit das Volk ruhig blieb, wurde der Kaiser als Gott und Friedensbringer und Garant des Wohlstands im Tempel verehrt. Woher soll da Opposition kommen? Wenn auch alle geistigen Mächte dem Imperium dienen – wie sollten die Menschen da auf die Idee kommen, dass es auch anders gehen könnte? Aus welcher Quelle hätten sie schöpfen können, um sich der Faszination zu entziehen, die diese monströse Machtmaschine ausstrahlte? Besonders, wenn sie dann eben noch diesen mächtigen Propagandaapparat hat?

Gleichgeschaltete Gesellschaft

Johannes beschreibt den mit dem Bild des zweiten Tieres: das kommt nicht aus dem Meer, sondern aus der Erde. Es ist sozusagen einheimisch: Die örtlichen Machthaber, die ihre Leute kennen, die Priesterschaft der Tempel kontrollieren und sich in den Dienst des großen Reiches stellen. Die sorgen dafür, dass mit den Kaiserstatuen in den Tempeln ordentlich Hokuspokus gemacht wird. Die erfinden sozusagen eine antike, religiös aufgeladene Unterhaltungsindustrie. Und dann gibt es Feste und Umzüge und die ganze Stadt ist auf den Beinen. Alle tragen irgendwelche Abzeichen, wer es nicht tut, wird schief angesehen, und wenn dir das ganze Humtata auf den Keks geht, kannst du eigentlich nichts anders machen, als möglichst weit weg in Urlaub zu fahren. Aber damals konnte das keiner, Urlaub war unbekannt, und es wollte auch keiner, denn es gab Freibier, und vom Grill gab es Fleisch umsonst. Fleisch! Das kriegten die einfachen Leute sonst nie.

Und wenn einige doch nicht mitmachten wie die Christen, dann waren sie ganz schnell außen vor, gesellschaftlich isoliert. So wie man unter den Nazis schnell negativ auffiel, wenn man nicht bei allen möglichen Gelegenheiten »Heil Hitler« blaffte. In der Offenbarung taucht an dieser Stelle das geheimnisvolle Zeichen auf, das sich alle an Stirn und Hand anbringen. Bis heute weiß man nicht genau, was damit gemeint war. Meine Vermutung ist, dass zu solchen Tempelfesten auch so was wie Jahrmärkte gehörten, und nur mit dem Festabzeichen konnte man da hingehen. Der Druck war viel größer als heute, und eine Privatsphäre, in die man sich zurückziehen kann, gab es für die normalen Menschen nicht.

Die Macht im Hintergrund

Johannes erzählt das alles und sagt: dahinter steckt die Schlange, der Satan. Aus dem Himmel ist er verstoßen worden, Jesus hat ihm mit seinem Leben und Sterben die Grundlage für seinen Einfluss zerstört, und jetzt baut er sich auf der Erde einen Propagandaapparat auf. Das ist alles nicht organisch gewachsen, sondern mit viel Aufwand künstlich inszeniert, aber es wirkt. Es entwickelt einen Sog, dem die Menschen nichts entgegen zu setzen haben.

Vorhin haben wir in der Lesung (Matthäus 4,1-11) gehört, wie Jesus vom Satan versucht wurde. Und die Versuchung bestand gerade in dieser Kombination von Versorgung mit Nahrung, religiösem Hokuspokus und Macht. Jesus hat es ausgeschlagen, auf diese Weise zu herrschen. Er hat dem Sog nicht nachgegeben, weil er wusste, dass Gott der wahre Herrscher der Welt ist, der keinen Hokuspokus braucht und die Welt ganz umsonst mit seinem Segen flutet, und der ist nicht mit Macht und Unterdrückung kontaminiert.

Und wie Jesus sollen die Christen standhaft bleiben, gegen Verlockung und gegen Druck. Johannes ist da ganz realistisch. Es kann sein, dass einigen Gefangenschaft droht. Es kann sein, dass einige getötet werden. Das ist Realität. Und Johannes sagt einfach: Da brauchen wir Geduld, die durchhält, und Glauben an Gott, dass er unterm Strich stärker ist als diese imperialen Machtmonster.

Mit Geduld und Glauben dem Sog widerstehen

Wir haben in der Offenbarung schon verschiedentlich Hinweise darauf gefunden, dass Gott durch die Geduld und Standhaftigkeit seiner Leute siegt. Wenn alle dem Sog der Macht erliegen, dann fallen die paar auf, die das nicht tun. Und dann fragen sich Leute: woher kommt diese Widerstandskraft? Zumal man ja sowieso besser lebt und gedeiht, wenn man ein freier Mensch ist.

Wir denken heute oft, das käme irgendwie so von allein, dass Menschen kritisch über die Machthaber denken und sich ihre Unabhängigkeit bewahren. In Wirklichkeit ist das ganz unwahrscheinlich, und es funktioniert nur, wenn man eine andere Macht kennt als die Macht der bewaffneten Tatsachen. Gott hat seine Leute seit langer Zeit an den Unglauben an diese gesellschaftlichen Mächte herangeführt und ihnen seine andere Macht gezeigt. Das ist jetzt in der Welt und strahlt zum Glück auch auf andere aus. Für viele ist das überhaupt nicht selbstverständlich, und für viele faszinierend. Aber das muss immer wieder ausgeübt und aktualisiert werden. Man muss das in echt erleben können. Und die Echtheit zeigt sich vor allem daran, dass Menschen auch unter Druck in dieser Unabhängigkeit bleiben. Da begegnen Menschen der wirklichen Macht Gottes. Sie hat am Ende tatsächlich auch das Imperium Romanum überwunden.

Das wird man wohl noch sagen dürfen …

Die Zahl 666 bedeutet übrigens nach den Geheimregeln, nach denen man damals so etwas verschlüsselte, »Kaiser Nero«. Sie kann aber auch »Tier« bedeuten. Also ist sie eine geheime Parole: »Der Kaiser ist ein Monster«. Nicht nur persönlich, sondern das ganze Gewaltsystem, das er verkörpert, ist monströs und widerlich. Und Gottes Macht zeigt sich darin, dass Menschen die Augen dafür aufgehen, so dass sie diese Wahrheit unbeirrt erkennen, aussprechen und weitergeben. Nicht nur damals, sondern immer wieder, zu allen Zeiten, bis heute und in Zukunft, bis die Monster am Ende sind.

Aug 242015
 

Predigt am 16. August 2015 zu Offenbarung 12,7-18 (Predigtreihe Offenbarung 21)

7 Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, 8 aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. 9 Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

10 Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten; denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte. 11 Sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod. 12 Darum jubelt, ihr Himmel und alle, die darin wohnen. Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt.

13 Als der Drache erkannte, dass er auf die Erde gestürzt war, verfolgte er die Frau, die den Sohn geboren hatte. 14 Aber der Frau wurden die beiden Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste an ihren Ort fliegen konnte. Dort ist sie vor der Schlange sicher und wird eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit lang ernährt. 15 Die Schlange spie einen Strom von Wasser aus ihrem Rachen hinter der Frau her, damit sie von den Fluten fortgerissen werde. 16 Aber die Erde kam der Frau zu Hilfe; sie öffnete sich und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Rachen gespien hatte. 17 Da geriet der Drache in Zorn über die Frau und er ging fort, um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten.

18 Und der Drache trat an den Strand des Meeres.

Die ersten drei Verse dieses Abschnitts haben wir schon vor zwei Monaten gehört, aber ich dachte, wir knüpfen da heute noch mal an, weil es schon ein bisschen her ist, und das hier ist einer der entscheidenden Wendepunkte in der Offenbarung: ein »Kampf im Himmel«. Der Kampf im Himmel entscheidet langfristig über das Schicksal der Erde. Wie ist das gemeint?

Was ist der Himmel?
Bild: alsen via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Der Himmel ist ein Teil der Schöpfung: die obere Welt, die für uns fast ganz verborgen ist. Er ist gleichzeitig der Teil der Schöpfung, von dem aus Gott auf der Erde wirkt. Er ist sozusagen die Kommandozentrale. Aber nicht in dem Sinn, dass da oben einer an Fäden zieht, und in direkter Reaktion hampeln wir dann mit Arm oder Bein. Es ist eher wie die Schaltzentrale, mit der früher das Hochofenwerk auf dem Hüttengelände gesteuert wurde. Ich habe die gerade noch besichtigen können, bevor das alles außer Betrieb ging.

Da haben sie uns erklärt, dass eine der wichtigsten Aufgaben der Zentrale war, die Temperatur der Hochöfen konstant zu halten. Aber sie konnten ja nicht einfach ein Thermostat runterdrehen, wenn es zu heiß wurde. So ein Hochofen ist kein Elektroherd. Die Öfen wurden mit Koks geheizt, und so ein Feuer brennt, so lange Koks da ist, das kann man nicht einfach runterschalten. Stattdessen haben sie die Bänder schneller laufen lassen, mit denen Erz und Kalk in die Öfen gebracht wurde, und das kühlte die Temperatur dann etwas runter. Es war eine indirekte Steuerung. Und sie brauchte Zeit, bis sie wirkte.

Das scheint mir ein gutes Bild zu sein, wie Gott vom Himmel aus die Erde steuert: er mischt sich in der Regel nicht willkürlich ein, er lässt uns nicht Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht tun wollen oder können. Stattdessen wirkt er indirekt, indem er an strategischen Stellschrauben dreht, so wie die Männer in der Hochofenzentrale die Geschwindigkeit der Förderbänder regelten.

Die Macht der Worte

Die entscheidende Stellschraube, der entscheidende Kanal ist nun aber das Wort. Worte, Gedanken, Ideen und Weltbilder steuern das, was wir tun. Sie setzen den Rahmen, sie bestimmen unsere Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Wenn wir Böses tun, dann gar nicht so oft, weil wir böse sein wollen, sondern weil wir von schlechten Grundannahmen ausgehen. Wenn wir z.B. glauben, dass Menschen grundsätzlich egoistisch sind, nur an sich selbst denken und andere übers Ohr hauen wollen, dann werden wir uns entsprechend verhalten und sagen: ich habe ja keine Wahl, ich muss sehen, dass ich und meine Familie in dieser Welt nicht unter die Räder kommen, ich muss dabei mitmachen, um mich zu schützen, auch wenn ich dafür leider zu unsympathischen Mitteln greifen muss.

Anscheinend ist es nun so, dass der Satan auf diesem Kanal der Gedanken immer wieder dazwischengefunkt hat. Einer seiner Beinamen ist ja auch Diabolos, wörtlich der »Durcheinanderbringer«, weil er die Wahrheit immer so ein bisschen überdreht und übertreibt oder unnötige Widersprüche und Gegensätze hineinbringt. Aus der Geschichte von der Versuchung Jesu kennen wir das, dass er sogar mit Bibelsprüchen arbeitet. Und irgendwie redet er im Himmel mit und stört die Kommunikation zwischen Gott und den Menschen. Er schafft so eine Art benebelnde Atmosphäre, die Menschen nicht klar sehen und denken lässt.

Ein Sturz ins Bodenlose

Aber im Zusammenhang mit dem Leben Jesu hören wir nun, dass diesem Wirken ein Ende gesetzt wird. Vorhin in der Evangelienlesung (Johannes 12,23-32) haben wir schon gehört, wie Jesus selbst sagt: »der Herrscher der Welt wird hinausgeworfen«. Er sagt das in dem Moment, wo er sich dazu durchringt, das Kreuz auf sich zu nehmen und seinen Weg ganz zu Ende zu gehen.

Also: in dem Moment, in dem Jesus sein Leben ganz, bis zum Ende, nach Gottes Willen lebt, da wird dem Verwirrer der Boden unter den Füßen weggezogen. Gegen ein Menschenleben, das nicht ein Grau von Gut und Böse ist, nicht ein unklares Gemisch, sondern gut von Anfang bis Ende, gegen so ein Leben hat der Satan nichts mehr in der Hand. Im Vergleich zu Jesus kann er nur den Kürzeren ziehen. Sein Glanz verblasst. Seine Fassade bröckelt. Seine Faszination verliert ihre Kraft, weil es etwas Besseres gibt. Er ist nicht mehr alternativlos.

Und dann gibt es einen Siegesruf im Himmel: jetzt sind wir ihn los! Bisher hat er seine Kraft daraus gezogen, dass er überall etwas gefunden hat, was widersprüchlich ist, faul oder unglaubwürdig. Satan ist der Ankläger, er empört sich, er meckert, er versucht Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen, er hat an allem etwas auszusetzen.

Die Suche nach Unglaubwürdigkeit

Kennen wir diesen Stil? Es gibt so viele Menschen, die mit dieser Energie unterwegs sind: etwas als unglaubwürdig zu entlarven oder Widersprüche aufzudecken. Das ist sehr bequem: man muss sich selbst nicht festlegen, wer man selbst ist und was für einen gilt, so lange man nur genug faule Stellen bei anderen findet. Natürlich gibt es die, sie sind ja wirklich da. Das Problem ist diese Energie, die sich darauf stürzt und dauernd darüber nachdenkt und vor allem redet.

Überall, wo es Frontlinien gibt, kann man sich über die Fehler der Gegner erregen und muss nicht die eigenen bearbeiten. Wenn sich jemand für den Schutz der Umwelt einsetzt, dann wird gesucht und geprokelt, bis man irgendetwas findet, wo er sich umweltschädigend verhalten hat, ein dickes Auto gefahren oder keinen Müll getrennt hat.

Wenn irgendwo jemand versucht, etwas Gutes zu tun, dann findet man schon etwas, was man ihm anhängen kann, um dann zu sagen: ich wusste es doch, der ist unglaubwürdig. Nach dem Motto: das wäre doch gelacht, wenn der nicht irgendwann mal seine Frau betrogen, bei der Steuer geschummelt, eine Haushaltshilfe schwarz bezahlt oder die Höchstgeschwindigkeit überschritten hätte. Vielleicht erzählt uns die NSA auch, was er im Internet so macht. Irgendetwas findet man bei jedem, wenn man nur lange genug sucht.

Ein Leben aus einem Guss

Außer bei Jesus. Da haben sie alles Mögliche probiert, um ihn unglaubwürdig zu machen oder ihm etwas anzuhängen, aber es hat nicht geklappt. Sein Leben war aus einem Guss, es spiegelte das göttliche Licht wider, es war voller Liebe, es gab keine geheimen Leichen im Keller.

Und dieses Leben strahlt aus bis in die Leben der Nachfolger Jesu. Interessanterweise heißt es hier von den Christen, dass sie den Satan besiegt haben, und zwar durch das Blut des Lammes, also durch die Energie des Todes Jesu. Das Leben Jesu erreicht die ganze Welt durch seine Nachfolger. Die Christen haben mit dieser Energie gelebt und waren bereit, äußerstenfalls dafür auch zu sterben. Und dagegen kam der Teufel nicht an. Das hat die Menschen damals enorm beeindruckt, dass die Christen sich auch vom Tod nicht schrecken ließen. In der korrupten Welt des römischen Imperiums war das ein unübersehbares Signal. Im Vergleich zu der hingebungsvollen Liebe der Christen zogen alle anderen Werte den Kürzeren. Die waren nicht perfekt, wir sind nicht perfekt, aber sie waren deutlich anders, und es ist schon wichtig, dass wir auch deutlich anders sind als andere.

Die Zerstörung der Werte

Bis dahin hatten die Menschen siegreiche Heerführer angehimmelt, sie hatten Macht und Stärke bewundert. Solchen Superhelden baute man Tempel, man stellte ihre Standbilder auf, und das höchste Ziel war es, unsterblichen Ruhm durch große Taten zu erringen. Aber jetzt vollzog sich ein Wertewandel, und die kleinen Gruppen der realen Nachfolger Jesu begannen, diesen fiktiven Superhelden den Rang abzulaufen.

Das hat noch lange gedauert, bis das auch deutlich sichtbar wurde. So wie es eine ganze Zeit dauert, bis die schneller laufenden Förderbänder am Hochofen die Temperatur im Innern runterkühlen. Aber als die ersten Christen in der Kraft Jesu zu leben begannen, da war etwas in die Welt gekommen, was in sich stärker und gesünder war als alles andere. Und es hatte das Potential, die Welt auch real zu unterwandern.

Der Drache in Panik

Der Drache, der Teufel versteht das, und er versucht mit allen Mitteln, das Steuer noch herumzureißen. Man bekämpft neue Gedanken, indem man die Träger dieser Gedanken ausrottet. Manchmal klappt das. Und so verfolgt er die Frau, die Jesus hervorgebracht hat. Dazu scheint er sogar in die Vergangenheit zurückzugehen – aus Filmen kennen wir den Trick ja.

Wie wir schon früher mal gesehen haben, ist mit der Frau hier nicht Maria, die Mutter Jesu, gemeint, sondern Israel, das als Ganzes Jesus hervorgebracht hat. Und der Angriff des Drachen auf die Frau wird beschrieben mit Erinnerungen an die Flucht Israels aus der Sklaverei in Ägypten: der Drache spuckt nicht Feuer, sondern Wasser (das geht bei Drachen eigentlich gar nicht), so wie sie damals auf der Flucht vor den Ägyptern durch das Meer hindurch mussten. Aber die Erde schluckt das Wasser, so wie Gott Israel damals durch Naturereignisse geschützt hat. Die Erde ist keine neutrale Bühne, sondern sie ist mit Gott im Bund. Sie greift eigentlich nicht aktiv ein, das ist nicht ihre Aufgabe, aber sehr selten tut sie es doch (Für alle, die den »Herrn der Ringe« kennen: da greifen in einem entscheidenden Moment auch die Bäume bzw. die Ents in den Kampf ein).

Und schließlich bekommt die Frau Adlerflügel und wird eine Zeitlang in der Wüste beschützt. Auch das ist eine Erinnerung daran, wie Gott am Berg Sinai zum befreiten Volk sagt: ich habe euch auf Adlersflügeln hierher gebracht. Man merkt, wie das hier alles mit biblischen Farben gemalt ist. Die Reihenfolge der Zeiten kommt ein bisschen durcheinander. Im Himmel laufen die Uhren eben anders als auf der Erde.

Gewalt als verzweifeltes Mittel

Als der Drache merkt, dass er Jesus nicht verhindern kann, indem er seine Vorgeschichte zerstört, wendet er sich seinen Nachfolgern zu. Er führt Krieg gegen die Christen. Die kleinen christlichen Gemeinschaften, an die Johannes schreibt, wissen nur zu gut, wie das aussieht. Sie erleben dauernd Angriffe und Verfolgung. Und deshalb sollen sie wissen: das ist ein Zeichen der Schwäche des Bösen. Wenn er obenauf wäre, müsste er nicht so wütend sein. Aber weil er schon in die Enge getrieben ist, deshalb entwickelt er enorme Energie. Er tritt ans Meeresufer. Das wird jetzt ziemlich gefährlich. Wir wissen das von Godzilla, dass alle schrecklichen Monster aus dem Meer kommen. Was wird jetzt den dunklen Wellen entsteigen? Darum geht es nächste Woche!

Aug 172015
 

Predigt am 9. August 2015 zu 2. Mose 19,1-6

1 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten – genau auf den Tag – kamen sie in der Wüste Sinai an. 2 Sie waren von Refidim aufgebrochen und kamen in die Wüste Sinai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf. Dort lagerte Israel gegenüber dem Berg. 3 Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der Herr vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden: 4 Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe. 5 Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, 6 ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst.

In dieser Szene sind wir mitten am Anfang einer wunderbaren Freundschaft: Gott schließt einen Bund mit Israel, das von nun an sein auserwähltes Volk sein wird. Der große Gott, der Schöpfer der Welt verbündet sich mit einem kleinen Volk, das noch gar kein richtiges Volk ist, sondern ein sehr gemischter Haufen ehemaliger Sklaven, die sich irgendwie noch an ihre Vorfahren erinnern, Abraham, Isaak und Jakob, die auch schon ein besonderes Verhältnis zu diesem Gott hatten.

Ein ungewöhnlicher Gott

Zu dieser Vorgeschichte gehört natürlich auch, dass er diese Menschen aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat – er hat Mose geschickt, um sie aus dieser alten Hochkultur herauszuführen, wo sie als Zwangsarbeiter gefangen gehalten wurden.

Bild: mohamed_hamdy via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Bild: mohamed_hamdy via pixabay, Lizenz: creative commons CC0


Daran sehen wir, dass das nicht nur auf menschlicher Seite ein besonderes Bündnis ist, sondern auch auf der göttlichen Seite ist der Partner ziemlich ungewöhnlich: ein Gott, der nicht mit dem jeweiligen Herrscher des Reiches zusammenarbeitet, sondern sich um die Sklaven auf der untersten Stufe der Gesellschaftspyramide kümmert, das ist ziemlich einmalig. Götter und Könige arbeiten sonst immer zusammen. Von den Königen sagte man in der Regel, sie seinen göttlichen Ursprungs. Die Könige waren dazu da, eine Ordnung zu beschützen, ohne die sonst das Chaos ausbrechen würde, und das gab ihnen eine göttliche Aura.

Der römische Kaiser Augustus z.B. ließ den großen Cäsar nach seinem Tod zum Gott erklären. Weil Augustus ein Adoptivsohn Cäsars war, hatte das für ihn den angenehmen Nebeneffekt, dass er nun der Sohn eines Gottes war. Und als Augustus tot war, ließ sein Nachfolger Tiberius ihn auch zum Gott erklären, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass er als Adoptivsohn des Augustus nun ebenfalls Sohn eines Gottes war. Und nach dem Tod des Tiberius – na, Sie wissen schon. Götter verbünden sich immer mit denen, die die Macht haben.

Das Profil des Befreiergottes

Bis auf eine Ausnahme, und um die geht es heute. Ein Gott, der einen völlig anderen Stil zeigt als alle seine Kollegen. Er ist ein Befreiergott, und er geht auf diese desorientierten Sklaven zu und sagt: ich will euch. Ich brauche euch. Ich habe eine spezielle Aufgabe für euch.

Und da ist beides drin: ich habe ein besonderes Verhältnis ausgerechnet zu euch. Und ich habe eine besondere Aufgabe für euch.

Gott hat dem Volk sozusagen eine Kostprobe von dem gegeben, was er vor hat: er hat sie aus Ägypten befreit, er hat sie gerettet vor dem Pharao und seinen Sicherheitssystemen, er hat sie durch die Wüste heil zum Berg Sinai gebracht. In Zukunft wird er sich selbst immer so vorstellen: ich bin der Gott, der euch befreit hat. Das ist seine Visitenkarte, sein Profil, seine ganz persönliche Handschrift. Das unterscheidet ihn von allen anderen, die als Götter gelten. Das unterscheidet ihn auch von allen sonstigen Prinzipien, Regeln und Systemen, die heute so etwas wie moderne Götter sind. Alle seine Gebote, die dann noch kommen stehen unter der Überschrift: ich bin der Gott, der euch befreit hat. Und sie sind dafür da, dass die Freiheit erhalten bleibt. Wenn Gott sagt: ihr sollt keine anderen Götter neben mir haben! – dann ist das kein Zeichen, dass er seine Leute beherrschen und kontrollieren will, sondern gerade andersherum: habt nichts zu tun mit den anderen Göttern, die mit dem Ausbeutungs- und Gewaltsystem verbunden sind. Gebt denen noch nicht mal den kleinen Finger, damit nicht am Ende eure beiden Hände in der Schlinge stecken!

Berufen, um als freies Volk zu leben

Das war jetzt schon ein Blick nach vorne: Gott wird den Bund so gestalten, dass sein Volk als freies Volk in einem freien Land leben soll. Er wird Gesetze geben gegen Schuldsklaverei, gegen Landraub und die Anhäufung großen Grundbesitzes, er wird Propheten schicken, die gegen die Kriegspolitik späterer israelitischer Könige protestieren, und immer wieder wird er warnen: holt euch nicht die Unterdrückergottheiten ins Haus!
Gott erzieht seine Leute in einer langen Geschichte zum Unglauben gegenüber all den beeindruckenden Mächten und Kräften, die normalen Menschen beeindrucken, begeistern und ihnen einen Schauer den Rücken herunter jagen. Gott senkt den Unglauben an all diese anderen Götter tief in das Herz seines Volkes hinein. Immer wieder gibt es Rückfälle, immer wieder sind sie doch fasziniert von der Macht anderer Götter und ihrer Könige und Systeme, viel lieber möchten sie auch so sein wie alle anderen, aber immer wieder lässt Gott sie die Kehrseite der faszinierenden Mächte erfahren, besser: erleiden. So wie sie als Sklaven die Kehrseite der faszinierenden Hochkultur Ägyptens kennengelernt haben. So werden sie immer wieder die dunkle Seite der Macht erleben.

Zwischen diesem Blick zurück und dem, was noch kommt sind wir hier in unserer Geschichte in der Mitte, an dem Punkt, wo Gott sagt: nachdem ihr mich kennengelernt habt, den Befreiergott, wollen wir das jetzt festmachen? Soll das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden? Mir gehört die ganze Erde, ich habe sie geschaffen, aber mit euch möchte ich ein ganz spezielles Verhältnis haben. Ihr sollt mein Volk sein.

Schlüsselbegriffe: Priester, heilig

Das ist sozusagen die Voranfrage, und als das Volk dazu Ja sagt, folgen die Ausführungsbestimmungen, die Regeln, die in diesem Bund gelten sollen, z.B. die 10 Gebote, und danach wird dann feierlich der Bund geschlossen. Der Kern des Ganzen wird aber schon in dieser Voranfrage gesagt: »ihr sollt ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.«

Was bedeuten diese Schlüsselworte? Priester ist man nicht deshalb, weil man in einem feierlichen und häufig unbequemen Gewand herumläuft. Heilig ist man nicht, weil man meistens ein frommes Gesicht macht. Priester zu sein, heilig zu sein, da geht es jedes Mal darum, dass man eine spezielle Funktion ausübt. Ein Priester ist ein Verbindungsmann zwischen Gott und Menschen. Er spricht zu den Menschen von Gott und er spricht im Namen der Menschen zu Gott. Israel soll für die ganze Menschheit die Verbindung zu Gott sein. An Israel sollen alle Gottes Willen ablesen können.

Priester: Gottes Alternative

Das ist der tiefste Grund, weshalb Gott ihnen diese ganzen Gesetze gibt: an diesem Volk soll man sehen können, wie Menschen nach Gottes Willen zusammen leben sollen. Israel soll ein Alternativmodell sein zu all den Großreichen, die mit dem Schweiß, dem Blut und den Tränen der Unterworfenen aufgebaut worden sind. An Israel soll man sehen können, welche Kraft in der göttlichen Freiheit liegt. Deswegen nimmt Gott es so ernst, wenn Israel sich an den unterdrückerischen Regimes ein Beispiel nimmt. Dann ist Gottes Alternative der Freiheit in Gefahr.

Wenn man darauf achtet, dann merkt man, wieviel entscheidende Impulse die Welt Israel verdankt. Dieser nüchterne Blick auf die Welt, die eben nicht heilig ist, sondern Gottes gute und weise Schöpfung, der ist eine Voraussetzung für die moderne Naturwissenschaft. Wenn dahinter ein weiser Gott steckt, dann kann und soll man seine Gesetze erforschen, und das hat man dann auch getan. Oder Albert Einstein, der einen neuen Blick auf die Welt warf und entdeckte, dass alles noch mal ganz anders ist, als es scheint, sehr offen und in manchen Bereichen im Widerspruch zu unserer Erfahrung – er war Jude. Sigmund Freud, der die geheimen Abgründe und Verknotungen unserer Seele erforschte, damit wir davon frei werden können, war Jude. Karl Marx, der dasselbe für die Wirtschaft tat, war Jude. Bis heute übt das kleine Israel einen gewaltigen Einfluss auf die ganze Welt aus. Nicht durch Macht oder Politik, sondern durch Gedanken, durch Worte – eben so, wie ein Priester es macht.

Den größten Einfluss hat Israel natürlich dadurch gehabt, dass mit dem Christentum sozusagen eine Tochterfirma entstanden ist. Seit Jesus gehören auch Menschen aus den anderen Völkern zum Volk Gottes. Und das Verhältnis zwischen den beiden Fraktionen des Gottesvolkes war von Anfang an schwierig. Erst haben die Christen für einige Zeit unter der Mehrheitsfraktion zu leiden gehabt, und dann durch alle Jahrhunderte hindurch die Juden unter der christlichen Mehrheit. Vor allem da, wo sich auch die Christen mit der Macht verbündet haben, wo auch sie aus dem Befreiergott doch wieder den Garanten der Herrschaft und den Unterstützer der bestehenden Verhältnisse gemacht haben. »Opium des Volkes« ist das Schlagwort dafür – es stammt natürlich auch von einem Juden, dem schon erwähnten Karl Marx.

Heilig: was Gott aus einem macht

Aber Gott wacht darüber, dass sein Volk aus Juden und Heiden heilig bleibt. »Heilig« ist keine Eigenschaft, die man hat, so wie man sportlich oder intelligent sein kann. Heilig ist etwas, was Gott mit einem macht. »Heilig« bedeutet eigentlich: für einen bestimmten Zweck bestimmt, unterschieden von allem anderen. Gott heiligte den siebenten Tag, und so wurde ein besonderer Tag daraus, der Ruhetag. Und dieser eine Tag prägt unser Zeitgefühl für alle Tage, erst durch ihn gibt es Werktage und eben den Feiertag.

Und ähnlich: Gott verbindet sich mit einem Volk, er heiligt es, und dadurch wird es ein besonderes Volk. Von keinem anderen Volk wird diesseits des Himmels erwartet, dass es mit seiner Lebensart, mit seiner Staatlichkeit, mit seiner ganzen Wirkung Gottes Willen widerspiegelt. Von Deutschland wird nicht erwartet, dass wir ein christlich geprägtes Volk sind. Schön, wenn es so wäre, und wir können dankbar sein, dass in unserem Land trotzdem so viele christliche Einflüsse wirksam sind. Aber es ist nirgendwo verheißen, dass in dieser alten, zerrissenen Welt ein ganzes Volk aus Jüngern Jesu besteht. Es ist ein Denkfehler, zu glauben, die Gesetze Israels sollten auch Gesetze anderer Staaten sein. Wir sollten nie versuchen, das zu erzwingen, das ist ein Irrweg, und wir haben darauf keinen Anspruch. Aber von seinem Volk, Israel, erwartet Gott, dass es mit seiner ganzen Gestalt etwas über ihn sagt.

Gott bleibt bei seinem Bund

Das ist in Israel so umkämpft gewesen, wie es in der Christenheit gefährdet war und ist. Aber Gott hat dafür gesorgt, dass seine Leute in beiden Fraktionen immer wieder daran erinnert wurden, dass sie etwas Besonderes sind. Nicht selten gegen sie und gegen ihren Willen. Die Juden haben oft darunter geseufzt, dass sie etwas Besonders sind, und die Christen, wo sie in der Minderheit sind, auch. Etwas Besonders zu sein, das macht einen ja nicht unbedingt beliebt. Der ganze Antisemitismus hängt damit zusammen, dass das ein besonderes Volk ist, dass diesen speziellen Geruch der Freiheit nie losgeworden ist. Alle hasserfüllten Leute sind meistens auch Antisemiten. Und gleich danach stehen dann oft die Christen auf der Abschussliste, nur kann man die nicht so gut herausfiltern wie die Juden.

Wir sitzen da und in vielen anderen Hinsichten mit den Juden in einem Boot. Gott sorgt dafür dass weder die Juden noch die Christen jemals ganz vergessen können, dass sie eine besondere Rolle haben. Gemeinsam repräsentieren wir Gott, und wir kriegen es auch ab, wenn einer mit Gott oder seinen Göttern oder dem Schicksal hadert. Der Befreiergott hat sich unwiderruflich mit Menschen verbunden, er will uns zu freien Menschen machen. Er will uns den Glauben an die Mächte dieser Welt untergraben, er will uns heilen von der Faszination durch die glänzende Außenseite der Götter, Idole und Leitbilder.

Und er wird uns nie aufgeben. Auch wenn Menschen dem Bund untreu werden – Gott hält daran fest. Das ist die Macht Gottes, seine Stärke: dass er seine Leute immer wieder zurückholt in den Bund den er mit uns geschlossen hat und der der ganzen Schöpfung dient.

Aug 142015
 

Predigt am 2. August 2015 zu Philipper 3,4b-11

Wenn ein anderer meint, er könne sich auf Fleisch verlassen, so könnte ich es viel mehr. 5 Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, 6 verfolgte voll Eifer die Gemeinde und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt.
7 Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. 8 Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Mist, um Christus zu gewinnen 9 und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt. 10 Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. 11 So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.

Wenn wir irgendwo in einer Kinoreklame das Wort »Fleisch« entdecken würden, also vielleicht »Begierden des Fleisches« oder so, dann wüssten wir so ungefähr, was uns in diesem Film erwartet, oder mindestens, womit wir da gelockt werden sollen: nackte Haut und schwüle, verklemmte Stimmung. Und das führt uns leider in die völlig falsche Richtung, wenn wir diese Passage aus dem Philipperbrief verstehen wollen. Was Paulus hier in erster Linie mit »Fleisch« meint, ist die Herkunft, die Abstammung von einer ehrwürdigen Traditionslinie.
In der alten Zeit war es für Menschen eine ganz wichtige Sache, dass sie ihre Herkunft durch möglichst viele Generationen zurückverfolgen konnten.

Die Bedeutung der Abstammung

In vielen Teilen der Welt ist das bis heute sehr wichtig, aus welchem Clan man kommt, und auch bei uns gibt es in vielen Wohnungen so eine Ecke, wo Bilder der Eltern und Großeltern hängen, und im Lauf der Zeit kommen dann die Bilder von der Hochzeit der Kinder und von den Enkeln und Urenkeln dazu. Und für viele Menschen, besonders, wenn sie dann schon Großeltern und Urgroßeltern geworden sind, ist das ein Ort, der ihnen am Herzen liegt, sie zeigen ihn Besuchern und können viele Geschichten dazu erzählen. Man merkt, wie wichtig ihnen das ist, dass die Kinder was Anständiges geworden sind und die Enkel gut heranwachsen. Bei uns heute sind es vielleicht stärker noch die folgenden Generationen, aus denen Menschen ein Gefühl von Bedeutung und Wert schöpfen, nicht so sehr die vorangegangenen.

Aber das alles ist kein Vergleich mit der Bedeutung, die die Abstammung damals in der Zeit des Paulus hatte. Unter seinen jüdischen Volksgenossen gab es viele, die ihre Familie bis zu den 12 Söhnen des Erzvaters Jakob zurückverfolgen konnten. Und da ging es ja nicht nur um eine Familientradition, sondern das war gleichzeitig religiös aufgeladen, weil Israel Gottes Volk war. Diesem Volk war die Überlieferung vom befreienden Gott anvertraut, der eine Alternative zu all den unterdrückerischen Systemen und Regimen schaffen wollte. Die ganze jüdische Kultur war von diesem Bewusstsein durchzogen, dass ihnen als Volk eine unglaublich wichtige Botschaft anvertraut ist. Das hat es den Juden nicht immer leicht gemacht, sie haben das oft als schwere Last empfunden, aber in allen Bedrückungen haben sie sich an diesem Auftrag festgehalten und tatsächlich ihre Identität bewahrt.

Auch Paulus konnte seine Herkunft zurückverfolgen bis zu Benjamin, einem der Lieblingssöhne des Erzvater Jakob. Und er hatte sich bewusst in diese Tradition gestellt, wie sie im Gesetz des Mose definiert war, er war nicht lax und lau, sondern als ehemaliger Pharisäer hatte er diese Tradition und diese Kultur in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit gestellt, hatte dafür gelebt und gekämpft.

Eine Umwertung aller Werte

Aber dann war ihm der auferstandene Jesus begegnet, und diese Erfahrung hatte die ganze altehrwürdige Familientradition weit übertroffen, und es war diese Begegnung, aus der er von da an seine Identität schöpfte. Wenn er jetzt seine Geschichte erzählte, dann war es die Geschichte seiner Begegnung mit Jesus, und nicht mehr die Familientradition. Und es war auch nicht mehr die Verwurzelung in der jüdischen Art zu leben, diese von Gottes Gesetz geregelte Lebensform, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen war.

Für Paulus war das eine totale Umwertung aller Werte, und deshalb redet er hier mit starken, heftigen Worten davon. Alles, was mir früher mal das Wichtigste im Leben war, habe ich hinter mir gelassen, weil mir etwas Besseres begegnet ist. Früher habe ich daraus meinen ganzen Selbstwert gezogen, aber jetzt habe ich etwas viel Besseres gefunden. Was mir früher so wichtig war, das ist für mich nur noch Schrott, ich habe etwas Besseres!

Ein unerwarteter Schatz …

Vielleicht merken Sie, dass das ganz nahe an der Geschichte von dem verborgenen Schatz liegt, die wir vorhin in der Lesung gehört haben (Matthäus 13,44-46).

Bild: JamesDeMers via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Der Mann verkauft seine ganzen Habseligkeiten, die ihm bis dahin sicher viel bedeutet haben, weil er dafür etwas noch viel Kostbareres bekommen kann.

Das heißt, es geht auch bei Paulus nicht darum, dass seine Abstammung und seine Tradition in sich schlecht wären. Da hat sich nichts geändert, aber Paulus ist auf etwas viel Besseres gestoßen, und das hat alles, was ihm früher wichtig war, entwertet. Die Freiheit, die durch das jüdische Volk und seine Kultur in die Welt transportiert werden sollte, die ist in Jesus Mensch geworden, sie war nicht nur eine kostbare Sehnsucht, sondern sie wurde real, mitten im unterdrückerischen Imperium Romanum, ganz unten am Fuß der Herrschaftspyramide, bei einem der unterdrückten Völker, da erschien mit Jesus eine Freiheit, die man vorher nicht gekannt hatte. Sie zeigte sich im Leben und Sterben Jesu, aber auch Paulus lernte, so zu leben, und er lernte die Kraft kennen, die vom auferstandenen Jesus auch zu ihm kam. Die stellte alles andere in den Schatten, und er war angetrieben von diesem Wunsch: ich möchte so leben, dass diese Kraft so stark wie möglich in meinem Leben fließt.

… auch an ungewöhnlichen Orten

Und Paulus kam immer wieder in Situationen, wo er diese Kraft dringend brauchte. Der war so oft im Gefängnis, auch diesen Brief schreibt er aus einer Gefängniszelle. Aber dann floss die Kraft tatsächlich. Und irgendwie hat Paulus ganz oft solchen Eindruck auf seine Bewacher gemacht, dass die schließlich auch Christen wurden.

Das ist wirklich sehr bemerkenswert. Der harte Kern des römischen Imperiums war der Sicherheitsapparat – Militär, Polizei, Gefängnisse, Gerichte, Folter, Todesstrafe. Das ist bis heute so. Alle Herrschaftssysteme haben ihre KZs, ihren Gulag, ihr Guantanamo, ihre Geheimdienste und Sicherheitsdienste. Das ist ihr entscheidendes Zentrum, auch wenn der in ruhigen Zeiten nicht immer in Aktion tritt, oft noch nicht mal sichtbar wird.

Eine Kraft, die das Imperium durchdringt und verwandelt

Wenn es nun aber dem auferstandenen Jesus gelingt, mit seiner Kraft diesen innersten Kern des Imperiums zu erreichen und ihn mit Liebe zu unterwandern, wenn es Jesus und seiner Bewegung gelingt, dem Herrschaftssystem seine Funktionäre abspenstig zu machen und ihre Loyalität zu untergraben, dann kommen die Grundfesten aller Gewaltregimes ins Wanken.

Militärisch kannst du gegen ein einigermaßen stabiles Regime nichts erreichen. Wenn du ein Unterdrückungsregime mit seinen eigenen Waffen bekämpfst, wird alles nur noch schlimmer. Wir bekommen das seit Jahren in Syrien vorgeführt. Da geht ein ganzes Land durch so einen Konflikt zu Grunde. Auch Israel hat so einen Aufstand gegen die Römer probiert, etwa 20 Jahre nachdem Paulus diesen Brief schrieb. Die konnten zuerst die römischen Besatzungstruppen überrumpeln, aber dann haben die Römer ihr Interventionsheer geschickt, und das hat alles platt gemacht. Fürchterliche Massaker. Gegen ein Imperium auf der Höhe seiner Macht hast du militärisch keine Chance.

Und deshalb ist Paulus so begeistert von der Kraft des gekreuzigten und auferstandenen Jesus, durch die Gott die Welt von innen heraus verwandelt. Normalerweise hat ein armes, unterdrücktes Volk auf der untersten Ebene der globalen Hierarchie keine Chance, die Spitze zu beeinflussen. Die müssen schon froh sein, wenn sie überleben können. Aber in der Kraft Jesu haben die Christen zuerst geheime befreite Zonen geschaffen, wo die Wunden geheilt werden konnten, die die Gewalt des Imperiums den Menschen zugefügt hat, und am Ende haben sie das Imperium selbst unterwandert und überwunden. Das hat drei Jahrhunderte gedauert, es hat Opfer gekostet, aber längst nicht so viele Opfer, wie erfolglose Aufstände und Kriege gekostet haben.

Wer vertraut der Verheißung?

Paulus hat zu denen gehört, die diese Opfer gebracht haben. Seinen letzten Gefängnisaufenthalt hat er wahrscheinlich nicht überlebt. Er hat tatsächlich den Leidensweg Jesu bis in den Tod hinein geteilt, so wie er es sich gewünscht hat.

Kann man das ernsthaft, sich Leiden wünschen? Paulus war kein Masochist oder irgendwie in Selbsthass verstrickt. Aber er wusste, dass die volle Lebenskraft Gottes sich gerade in der größten Gefahr entfaltet. So wie Gott auf die Kreuzigung Jesu mit der Auferstehung antwortete. Gott braucht Menschen, die freiwillig Leiden auf sich nehmen, damit er durch sie seine Macht sichtbar machen kann. Wenn Gott das Personal eines Gefängnisses erreichen will, dann muss er dafür seine Leute ins Gefängnis schicken, und die müssen bereit dazu sein, auch wenn sie wissen, dass das überhaupt nichts Schönes ist. Die Kraft der Auferstehung entfaltet sich im Angesicht der Gefahr, ja im Angesicht des Todes.

Sehr ungewohnte Gedanken

Für uns sind das relativ ungewohnte Gedanken. Wir können morgens aufstehen ohne Angst, dass uns irgendjemand auf der Straße schnappt und verschleppt. Nebenan sind heute Nacht keine Bomben eingeschlagen. Wir haben genug zu essen und zu trinken. Wir können unsere Zukunft planen. Wir müssen niemanden bestechen, um einfach unserer Arbeit nachgehen zu können. Wir sind damit enorm privilegiert gegenüber vielen anderen Menschen auf der Welt. Deswegen ist es für uns auch ein noch größeres Geheimnis, wieso Gottes Kraft sich gerade im Angesicht der Bedrohung als so kräftig erweist, dass Paulus solche Situationen beinahe schon herbeisehnt. Auch für andere ist das ein Geheimnis, aber wir haben es wahrscheinlich noch schwerer als andere, es zu verstehen.

Verstehen können es wahrscheinlich noch am besten diejenigen unter uns, die irgendeinem Grund unter sehr speziellen Druck geraten. Die eine ganz besondere Last tragen, die gerade ihren ganz eigenen harten Kampf zu kämpfen haben. Um so aufmerksamer sollten wir alle auf diese Botschaft aus dem imperialen Kerker hören: Gottes Kraft der Liebe und des Lebens zeigt sich besonders dort, wo die Mächte des Todes ihre konzentrierte Macht entfalten. Aber dazu braucht es Menschen, die dieser Macht die Tür öffnen, die bereit sind, dort hinein zu gehen und dieser Macht Zugang zu verschaffen. Und dafür muss man in seiner Identität von Jesus Christus geprägt sein. Dafür muss man verstanden haben, dass es nichts Größeres und Schöneres und Wertvolleres gibt als an diesem Weg Gottes durch die Welt beteiligt zu sein, der in Jesus seine volle Gestalt angenommen hat. Auch die beste heilige Tradition ist im Vergleich dazu immer nur höchstens das Zweitbeste, und wenn sie unsere Aufmerksamkeit vom Besten ablenkt, ist sie ein Problem und ein Schaden.

Eine neue Identität

Deshalb sollen wir das ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rücken: Menschen zu werden, durch die Jesus mit seiner Auferstehungskraft in der Welt wirkt. Zum Glück muss man dafür nicht immer gleich ins Gefängnis. Aber immer muss man etwas dafür einsetzen. Es kostet einen Preis. Aber die Botschaft aus der imperialen Zelle ist: dieser Preis ist es wert, gezahlt zu werden. Du bekommst viel mehr dafür zurück. Unter anderem eine neue Identität, die viel stärker und haltbarer ist als die alte, und sei sie noch so ehrwürdig.

Das ist der Schatz im Acker, das ist die kostbare Perle, die jeden Preis wert sind.