Apr 082018
 

Predigt am 8. April 2018 zu Markus 16,9-20


Wir hören heute auf die letzten Verse des Markusevangeliums, Kapitel 16, die Verse 9-20. Dieser Abschnitt ist in vielen Bibeln als irgendwie besonders gekennzeichnet, weil er vermutlich ein späterer Zusatz ist. Das Markusevangelium endet davor in Vers 8 mit dem rätselhaften Satz, dass die Frauen, die den auferstandenen Jesus sahen, niemandem davon erzählten, »denn sie fürchteten sich«. Punkt, Evangelium zu Ende.

Es gibt viele Theorien darüber, weshalb das Markusevangelium so merkwürdig endet; einige glauben, dass schlicht das letzte Blatt verloren gegangen ist, andere haben sich tiefsinnige Gedanken darüber gemacht. Man kann es letztlich nicht mit Gewissheit sagen. Und schon ganz früh scheint man das als ein Problem empfunden zu haben, jedenfalls hat irgendjemand nachträglich die Verse 9-16 hinzugefügt, vermutlich jemand aus der zweiten Generation der Nachfolger Jesu, und man merkt da deutlich, dass er sich bei den Geschichten bedient haben muss, die auch in den anderen Evangelien erzählt werden. Aber man erkennt diese Geschichten nur so ungefähr wieder; es muss damals eine ganze Menge von Auferstehungsgeschichten gegeben haben, die nur mündlich und in verschiedenen Versionen im Umlauf waren.

9 Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. 10 Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten. 11 Und als diese hörten, dass er lebe und ihr erschienen sei, glaubten sie nicht. 12 Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie aufs Feld gingen. 13 Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. 14 Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. 15 Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. 16 Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. 17 Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Zungen reden, 18 Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, so wird’s gut mit ihnen. 19 Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. 20 Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.

Jesus ist auferstanden, und die Menschen fangen an, ungewöhnliche Dinge zu tun. Das ist der grundlegende Zusammenhang. Die Kraft der Auferstehung Jesu übersetzt sich in eine ungewöhnliche Lebenspraxis. Vorhin in der Lesung (Epheser 1,18-23) haben wir es gehört: Ihr sollt erkennen, heißt es da, »mit was für einer überwältigend großen Kraft Gott unter uns, den Glaubenden, am Werk ist. Es ist dieselbe gewaltige Stärke, mit der er am Werk war, als er Christus von den Toten auferweckte.«

Eine Kraft für alle

Was da im Epheserbrief begrifflich gesagt wird, das wird hier erzählt: es ist ein und dieselbe Kraft, mit der Gott Jesus von den Toten auferweckte, und mit der er im Leben all derer wirkt, die an Jesus glauben. Jesus hat Maria Magdalena von sieben bösen Geistern befreit, und jetzt gehen seine Nachfolger los und treiben auch böse Geister aus. Jesus hat Kranke gesund gemacht, und genauso machen das jetzt auch andere, die an ihn glauben.

Und wenn wir das jetzt auf uns anwenden, dann heißt das: in deinem Leben soll sich dieselbe Kraft entfalten, die Jesus aus dem Reich des Todes befreit hat. Jesus will aus deinem Leben eine befreite Zone machen, in der nichts mehr bestehen bleiben soll, was nach Tod riecht. Der Fürst der Finsternis ist überwunden, seine Macht ist gebrochen, und deshalb können wir ihn rausschmeißen aus unserem Umfeld. Ganz normale Menschen können ihn angreifen und überwinden. Er ist nur noch ein Pappkamerad.

Das Problem ist, dass es leider viele Leute gibt, die auch noch vor einem Pappkameraden stramm stehen. Menschen, die innerlich nicht loskommen von ihrem Respekt vor all den Mächten, die die Welt im Griff haben. Menschen, die sich selbst in ihren Gedanken begrenzen, die sich selbst ängstlich einfügen in den Denkrahmen, der ihnen vorgegeben wird von ihrer Familie, von ihrer Firma, von der Behörde, in der sie arbeiten, von ihrem Freundeskreis oder den Trends in der Gesellschaft überhaupt.

Wahrscheinlich haben es viele von uns z.B. schon beim Kontakt mit Behörden erlebt, dass es da zwei Sorten von Mitarbeitern gibt: die einen kleben an einer wörtlichen Auslegung ihrer Vorschriften, verbieten sich jeden Gedanke, der diesen Rahmen überschreitet, und sagen im Zweifelsfall vorsichtshalber erst mal: das geht nicht! Die anderen versuchen, eine Lösung zu finden, die niemandem schadet und für alle akzeptabel ist. Die einen gehen souverän mit der gegebenen Lage um, die anderen haben Angst.

Neue Souveränität

Die Kraft hinter der Auferstehung Jesu zielt immer darauf ab, dass Menschen souverän mit ihrem Leben und der Welt umgehen, sich nicht einschüchtern lassen, ein klares Gespür für Gut und Böse haben, ungewöhnliche Lösungen für alte Probleme haben, Ausbeutung und Raub von Lebensenergie in jeder Form nicht beschönigen, komplizierte Zusammenhänge überschauen und aushalten können und auf einer sehr tiefen Ebene nach einem anderen Schema denken als ihre Umgebung. Es geht nicht um Zwergenaufstände und oberflächliche Rebellionen, das macht heute jeder. Es geht um einen fundamentalen Konflikt in der Sicht auf die Welt: ist der Tod eine unhinterfragbare Tatsache, oder ist dieser Grundstein allen menschlichen Zusammenlebens relativiert, begrenzt, in Frage gestellt?

Wenn in uns die Kraft lebt, die Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird unser Leben ein umkämpftes Gebiet, wo Tod und Leben sich um die Herrschaft streiten. Wir bekommen nicht weniger Konflikte, aber andere, fruchtbarere. Die neue Logik der Auferstehung Jesu und die Logik des Machtsystems, in dem wir leben, die geraten in Konflikte. Wenn Jesus Dämoninnen und Dämonen austrieb, dann gab es Geschrei und heftige Reaktionen zwischen ihm und seinem Gegenüber. Bei uns läuft in der Regel die Frontlinie mitten durch uns selbst und unser Leben hindurch. Auf einmal melden sich die Leichen im Keller. Deshalb lassen sich viele Menschen nicht allzu sehr auf das Auferstehungsleben ein, weil sie ahnen, dass dann auch in ihnen selbst Konflikte beginnen würden.

Überrascht von der Auferstehung

Dass die Jünger Jesu zuerst nicht glaubten, dass er lebt, das lag aber vermutlich daran, dass das ein ganz neuer Gedanke war. Die Juden haben wohl an die Auferstehung am Ende der Zeiten geglaubt, aber dass ein Mensch jetzt schon auferstehen könne, und dass diese Kraft des neuen Lebens jetzt schon unter Menschen präsent sein könnte, das sprengte ihren ganzen Denkrahmen. Es stellte ihre Vorstellung davon in Frage, was realistisch ist und was nicht.

Um diese Grenze bei den Jüngern zu durchbrechen, reichte es nicht, dass sie von Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus hörten. Eine Frau als Zeugin reichte nicht. Zwei Männer als Zeugen reichten nicht. Jesus musste selbst kommen. Und die vielen verschiedenen Berichte in den Evangelien lassen vermuten, dass er in den ersten Wochen nach der Auferstehung wieder und wieder zu ihnen gekommen ist. Einmal reichte nicht, das hätten sie sich im Nachhinein immer noch als kollektive Einbildung erklären können.

Die kritische Masse

Nein, sie mussten das als ganze Gruppe erleben, sie mussten untereinander darüber sprechen, es musste Zeit vergehen, es musste wiederholt passieren, bis eine ziemlich große Gruppe endlich völlig überzeugt war, dass die Auferstehung keine Fata Morgana war. Aber am Ende gab es eine kritische Masse von Menschen, die sich nicht mehr ausreden ließ, was sie mit ihren eigenen Augen gesehen hatte. Es musste eine Gegenöffentlichkeit entstehen, durch die der Einzelne Rückhalt bekam, damit er sich traute, die Welt anders anzuschauen.

Und aus dieser anderen Weltsicht entsteht dann auch eine veränderte Praxis. Wenn die Welt in ihren Grundlagen erschüttert und verändert ist, wenn der Tod nicht mehr die absolute, unhinterfragte Macht ist, dann muss das auch die ganze Welt wissen. Das kommt nicht von allein. Die Jünger und Jüngerinnen machen sich auf den Langen Marsch durch die Welt, damit überall sichtbar wird, dass die Welt wirklich eine andere geworden ist. Auf den großen Durchbruch Jesu folgen viele kleine Durchbrüche, durch die die neue Welt an vielen Orten sichtbar wird. Menschen sollen nicht nur davon hören, dass die Todesmacht besiegt ist, sondern sie sollen dabei sein, sie sollen es miterleben direkt vor ihrer Haustür.

7 Wochen für Aufbrüche

Und deshalb ist die Zeit nach Ostern die Zeit, wo wir uns Neues trauen sollen, wo wir ungewöhnliche Wege des Lebens entdecken sollen. Eigentlich ist diese Zeit noch viel wichtiger als die Passionszeit, weil es da um das Neue geht, das auf uns zu kommt, und nicht das Alte, von dem wir ja abwenden sollten. Sieben Wochen von Ostern bis Pfingsten mit Neuaufbrüchen, mit Mut und Fantasie, sieben Wochen mit der Freude der Auferstehung im Rücken – ich wundere mich, wieso so wenige diese Zeit bewusst leben.

Und dieser unbekannte Christ aus der zweiten Generation, der dem Markusevangelium den fehlenden Schluss angefügt hat, der schreibt da ausdrücklich, dass die Wunder und Machttaten Jesu weitergehen. Dämonenaustreibungen, Heilungen, Zungenreden, und wenn er davon spricht, dass die Boten Jesu vor Schlangen geschützt sind, dann denkt er wahrscheinlich an Paulus, der mal unbeschadet einen Schlangenbiss überstanden hat. Und das bedeutet: das muss tatsächlich so gewesen sein, denn hätte er das geschrieben, wenn es nicht auch in seiner Gegenwart so gewesen wäre? Gerade dieser spätere Nachtrag zu Markus zeigt uns also, dass in der ersten Christenheit die Wunder Jesu weitergegangen sind. Vielleicht nicht dauernd und jeden Tag, aber doch so, dass das eine deutliche Erfahrung war.

Kein Stress!

Wir müssen heute, glaube ich, eher entspannt mit der Frage umgehen, weshalb unsere christliche Praxis nicht in diesem Maß von Wundern begleitet wird. Ich habe da keine Theorie zu, aber einige denkbare Gründe. Die laufen letztlich alle auf eins hinaus: dass wir eben nicht mehr dieselbe Kirche wie damals sind. Und dann ist natürlich auch vieles anders, egal wie man das findet. Aber einen Plan dazu habe ich nicht. Manchmal gibt es einfach noch keine Antwort, in keine Richtung. Manche Dinge muss man stehen lassen und abwarten, bis es so weit ist, dass Gott uns eine Antwort schenkt. So wie man auch manche Bibelstellen nicht versteht und sie dann eben zur Seite legen und abwarten muss, bis sie eines Tages heller werden.

Jesus machte den Jüngern Vorwürfe wegen ihres Unglaubens und ihrer Herzenshärte. Aber er kam dann auch zu ihnen und zeigte sich ihnen. Er machte beides: er hielt fest, dass sie eigentlich gleich Maria und den beiden Jüngern hätten glauben sollen. Aber er glich auch ihre Schwäche aus, kam zu ihnen und half ihnen, eine Gemeinschaft der Auferstehung zu werden. Jesus ist da nicht konsequent und streng, er hat auch nicht Verständnis für alles, sondern er ist erfrischend ungrundsätzlich, pragmatisch. Wir haben die Hoffnung, dass er auch mit uns und unserer Herzenshärte fantasievoll und richtig umgeht.

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