Mrz 112018
 

Besonderer Gottesdienst am 11. März 2018 mit Predigt zu Psalm 5

 

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen, zum Flötenspiel.

2 HERR, höre meine Worte,
merke auf mein Seufzen!

3 Vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott;
denn ich will zu dir beten.

4 HERR, frühe wollest du meine Stimme hören,
frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken.

5 Denn du bist nicht ein Gott, dem Frevel gefällt;
wer böse ist, bleibt nicht vor dir.

6 Die Ruhmredigen bestehen nicht vor deinen Augen;
du bist feind allen Übeltätern.

7 Du vernichtest die Lügner;
dem HERRN sind ein Gräuel die Blutgierigen und Falschen.

8 Ich aber darf in dein Haus gehen durch deine große Güte
und anbeten vor deinem heiligen Tempel in deiner Furcht.

9 HERR, leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde willen;
ebne vor mir deinen Weg!

10 Denn in ihrem Munde ist nichts Verlässliches; ihr Inneres ist Bosheit.
Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen heucheln sie.

11 Sprich sie schuldig, Gott, dass sie zu Fall kommen durch ihr Vorhaben.
Stoße sie aus um ihrer vielen Übertretungen willen; denn sie sind widerspenstig gegen dich.

12 Lass sich freuen alle, die auf dich trauen; ewiglich lass sie rühmen, denn du beschirmest sie.
Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben!

13 Denn du, HERR, segnest die Gerechten,
du deckest sie mit Gnade wie mit einem Schilde.

Loblieder sind die Psalmen – aber auch dieser? Dieser Psalm ist eine lange Auseinandersetzung mit Feinden, und darin nicht untypisch. Ganz oft ist die Grundsituation in den Psalmen, dass jemand von fiesen Leuten umgeben ist und sich an Gott um Hilfe wendet. So krass würden wir uns das in den Psalmen wohl eigentlich gar nicht vorstellen. Aber hier wird zuerst festgestellt: Gott will nichts zu tun haben mit Bösen jeder Art, er will nichts zu tun haben mit Großmäulern, Lügnern und Unheilstiftern. Und dann wird darum gebeten, dass diese propagandistischen Großmäuler an sich selbst scheitern, und dass sich am Ende diejenigen freuen können, die an Gott festhalten.

Darf man als guter Christ so reden?

Und der normale kirchlich-christliche Reflex auf solche Bezeichnungen ist: ja, darf man denn so über andere reden? Ist man denn dann nicht jemand, der sich über andere ein Urteil anmaßt? Kann man das denn einfach so sagen, dass die einen Gott gefallen und die anderen von ihm zu Fall gebracht werden?

Aber in der Bibel wird das dauernd gemacht. Da wird von Lügnern und Großmäulern gesprochen, von Betrügern und Mördern, und die Übersetzer haben Mühe darauf verwandt, das nicht allzu heftig klingen zu lassen. Die »Blutgierigen und Falschen«, das klingt doch etwas gesitteter als »Mörder und Betrüger«. So unterscheiden sich die verschiedenen Übersetzungen der Psalmen durch den Ton, in dem sie sprechen. Sie übersetzen in der Regel korrekt, aber der Klang ist ein anderer, sie bewegen sich – um es mal so zu sagen – in einem anderen Bedeutungsuniversum, sie orientieren sich an anderen Erfahrungen. Wer in seinem Umkreis lauter anständige Menschen und einen funktionierenden Rechtsstaat hat, der hat gar nicht so einen guten Zugang dazu, wenn im Psalm einer seufzt, weil er von Unheilstiftern, Hetzern und Lügnern umgeben ist.

Vielleicht haben wir aber in den letzten Jahren auch deutlich erleben müssen, dass die biblische Sicht auf die Welt gar nicht so weltfremd ist, sondern ziemlich realistisch: die Großmäuler sind nicht ausgestorben, sondern bekommen auch noch viel Beifall, Mörder und Völkermörder können auch höchste Ämter bekleiden, Lügner haben im Internet ein großes Betätigungsfeld, und all das vergiftet das Klima, wie sich das früher nicht viele vorgestellt hätten.

Ein realistischeres Bild von Gott

Das heißt aber auch, dass wir jetzt die Chance haben, Gott auf biblische Weise neu in den Blick zu bekommen: als den Gott, der seinen Leuten beisteht gegen die »Frevler« jeder Art, also gegen die Zerstörer und Wahrheitsverdreher, gegen die Selbstverliebten und alle, die Schwächeren Gewalt antun und ihnen die Lebensenergie rauben. In Gottes Gegenwart müssen Lügner verstummen – man macht sich das am besten klar an den Jesusgeschichten, wo seine Feinde blamiert werden und ihm nichts mehr erwidern können.

Selbst in dem wahrscheinlich bekanntesten Psalm, Psalm 23, der beginnt »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln« und der so beliebt ist, weil da so schöne Worte für Geborgenheit und Vertrauen zu finden sind, selbst in diesem eher harmonischem Psalm tauchen dann auch die Feinde auf, wenn es heißt: »Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde«. Auch da wieder die selbstverständliche Gegenwart von Feinden, aber auch der Schutzraum, den Gott für seine Leute bedeutet.

Räume zum Durchatmen

Auch in unserem Psalm merkt man, wie wohltuend der Bereich des göttlichen Einflusses ist. Das war damals wohl der Tempelbezirk, aber wir können das auch deuten auf die Hauskirchen der ersten Christen und bis heute, überall in der Welt, aber besonders dort, wo man gesellschaftlich unter großem Druck steht, und wo Menschen froh sind über diesen Raum des Aufatmens, wo man anders miteinander umgeht. Man kann das auch verstehen als Hinweis auf den inneren Raum der Freiheit, wo ein Mensch zu Gott Verbindung aufnimmt. Tempel, Hauskirche, innere Freiheit – gemeint ist immer dieser Raum, wo die Zerstörer draußen bleiben müssen. Und dort holt man sich Orientierung, damit einem die Lügner nicht das Koordinatensystem verrücken, damit man nicht in den Sog ihrer destruktiven Erzählungen gerät.

Und deshalb ist auch dieser 5. Psalm ein Lob Gottes, obwohl er ja eigentlich eher von Seufzen und Anklagen geprägt ist. Aber Gott wird dafür gelobt, dass er die Falschredner mit ihrem Gift nicht in seine Nähe kommen lässt, dass man bei Gott vor ihnen geschützt ist.

»Denn du, HERR, segnest die Gerechten,
du deckest sie mit Gnade wie mit einem Schilde«

ist der letzte Vers. Da hat sich der Beter wieder gefangen und ist in der Wirklichkeit Gottes angekommen: Gott schützt mich, er wird alle jubeln lassen, die seinen Namen lieben, d.h. die Gottes Art, Gottes Handschrift kennen und lieben.

Schwer rekonstruierbare Anfänge

Ursprünglich sind das also mal Erfahrungen gewesen, die Menschen im Tempel gemacht haben. Die kamen da mit ihrer Klage hin, wir würden heute sagen: mit ihren Problemen, die Priester haben sich das angehört und haben ihnen im Namen Gottes eine Antwort gegeben. Und im Lauf der Zeit hat man gemerkt, dass es oft ähnliche Situationen waren, wegen denen Menschen zum Tempel kamen. Und man hat das gesammelt, es muss dichterisch begabte Menschen gegeben haben, die das in poetische Sprache gebracht haben. Und irgendwann hat man das aufgeschrieben, damit es nicht verloren geht. Man hat es vielleicht auch Menschen vorgesprochen, und sie haben diese Gebete nachgesprochen, es gab ja noch keine gedruckten Bücher.

Man kann das heute alles nur indirekt erschließen, weil wir nur Andeutungen darüber haben, wie der Tempel organisiert war. Aber es muss z.B. auch Chöre von Priestern und Leviten gegeben haben, die am Gottesdienst beteiligt waren. Auch Musikinstrumente gab es schon, wir können aber nur ahnen, wie die wohl funktioniert haben. Die Melodien selber kennt heute keiner mehr, weil es noch keine Noten gab; die Melodien wurden wahrscheinlich nur durch Zuhören und Nachsingen weitergegeben. Und diese Melodien würden uns wahrscheinlich sehr fremd erscheinen.

Viel später hören wir bei Paulus im Epheserbrief (5,19), dass die ersten Christen gesungen haben, unter anderem Psalmen: »Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn!« Vermutlich haben sie da vieles einfach aus der jüdischen Musiktradition übernommen.

Christlicher Psalmgesang

Viel später, im frühen Mittelalter, ist dann daraus eine Methode des Psalmengesanges geworden. Ich beschreibe das ganz verkürzt und würde wohl von allen Fachleuten korrigiert werden, dass das ja alles viel komplizierter ist.

Beim Vortrag von Texten ging es auch um so simple Dinge wie: dass die gut zu verstehen sein mussten. Es gab ja noch keine Lautsprecheranlagen. Und wenn man einen Text nicht nur vorliest, sondern singt, dann trägt die Stimme weiter. Man wollte auch wichtige Stellen besonders betonen oder auch Stimmungen unterstreichen, damit Menschen einen besseren Zugang zum Inhalt haben. Und es ist ja so, dass wir alle uns Texte besser merken können, wenn sie nicht einfach nur gesprochen werden, sondern auch mit irgendeiner Art von Melodie verbunden sind. Und sie berühren uns dann auch tiefer – heute würde man wahrscheinlich sagen: weil dann mehr Gehirnzentren gleichzeitig angesprochen werden. Aber das ist eigentlich viel zu technisch gedacht.

Grundmuster Parallelismus

Man hat dabei den Hauptteil der Psalmtexte einfach auf einem Ton gesungen. Es ging ja vor allem um den Inhalt. Wenn eine Zeile aber zu lang war, musste man zwischendurch etwas variieren, auch zum Luftholen. Und die Psalmen bestehen ja überwiegend aus zwei Zeilen, die sich gegenseitig erläutern, indem sie eine Sache unter zwei verschiedenen Blickwinkeln beschreiben. In unserem Psalm z.B. gleich Vers 2:

HERR, höre meine Worte,
merke auf mein Seufzen!

Zwischen diesen beiden Zeilen hat man eine Pause zum Luftholen eingefügt. Ich deute das aber gern auch so, dass dadurch ein Raum entsteht, den wir Gott öffnen, damit er da an uns wirken kann.

Am Anfang und am Ende dieser Zeilen hat man dann noch ein paar andere Töne eingefügt; es ist eine überschaubare Anzahl von Tönen, die man dafür genutzt hat, aber sie geben dem Ganzen seinen charakteristischen Klang. Wenn man das Schema einmal intus hat, dann kann man im Grunde beliebige Texte danach singen.

Für den Gebrauch im Gottesdienst hat man schließlich noch ein paar Zusätze hinzugefügt, die die ganze Gemeinde singt. Z.B. steht am Ende die Zeile »Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie im Anfnag, so auch jetzt und in Ewigkeit. Amen.« Das steht natürlich noch nicht in den alttestamentlichen Psalmen, sondern ist ein neutestamentlicher, christlicher Zusatz, der das Ganze in den neuen Rahmen stellt, der durch Jesus gekommen ist.

Außerdem hat man immer noch einen Leitgedanken eingefügt, eine sogenannte Antiphon, eine Art Refrain, der noch einmal einen besonderen Gedanken heraushebt oder ergänzt. Auch den kann dann die Gemeinde mitsingen, während die Psalmtexte selber von einem Vorsänger rezitiert wurden – es gab ja noch keine Gesangbücher.

In den Klöstern konnten die Mönche aber die Psalmen auswendig, und deswegen konnte man sie auch in zwei Chören singen. Die haben sich abgewechselt: jeder Chor sang eine Doppelzeile mit der charakteristischen Pause zum Atemholen in der Mitte, und dann setzte ohne Pause der andere Chor mit der nächsten Doppelzeile ein. Auf diese Weise konnte man im Lauf einer Woche bei den Stundengebeten den ganzen Psalter einmal durchsingen.

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