Feb 182018
 

Besonderer Gottesdienst am 18. Februar 2018 mit Predigt zu Markus 3,13-19

Die folgenden Texte waren im Gottesdienst auf zwei Blöcke aufgeteilt.

Dass der Name »Schall und Rauch« sei, das behauptet Faust in der gleichnamigen Tragödie von Goethe. Aber wenn das so wäre, warum haben Menschen dann Namen? Und wir geben sogar Tieren, Orten, Schiffen und anderen Gegenständen – Namen! Anscheinend sind Namen für uns so wichtig, dass wir auch alles um uns herum mit Namen versehen, jedenfalls, wenn es für uns Bedeutung hat. Und da, wo man Menschen kleinmachen will und sie nicht achtet, da nimmt man ihnen den Namen und gibt ihnen eine Nummer.

Wenn Faust sagt, dass der »Name« Schall und Rauch ist, dann hat er wohl im Sinn, dass ein Name so etwas ist wie ein austauschbares Etikett. Ist doch egal, wie einer heißt, viel wichtiger ist, wer man ist! Aber Namen sind mit meiner Geschichte verbunden. Deswegen kann man sie nicht so einfach austauschen. Ich persönlich trage z.B. die Vornamen von zwei Brüdern meiner Mutter und meines Vaters, die im Krieg gefallen sind. Andere Menschen tragen vielleicht den Namen von Großeltern, und das soll die Verbundenheit einer Familie ausdrücken. Oder man kannte mal jemanden mit diesem Name und hat mit dem gute Erfahrungen gemacht. Früher gab man seinem Kind auch gern den Namen des jeweiligen Königs, weshalb es so viele Friedrichs und Wilhelms gab. Heute sind es eher Promis jeder Art, an denen Menschen sich bei der Namenswahl orientieren.

In der Zeit der Bibel hat man Namen oft sehr bewusst gewählt. Der Name sagt etwas über die Geschichte eines Menschen, oft über seinen Ursprung:

► Adam z.B., der erste Mensch, ist aus Erde gemacht und heißt auch so. Seine Frau
► nennt er »Eva«, weil sie die Mutter allen Lebens ist.
► Ihr Sohn Kain heißt »der Erworbene«,
► sein Bruder Abel heißt »der Hauch«, und er lebt auch nur kurz und vergeht wie ein Hauch.
► Danach bekommen sie noch einen Sohn, Set, »Steckling«, »Setzling«, als Ersatz für den erschlagenen Abel.
► Abraham bekommt seinen Namen »Vater von vielen«, weil er zum großen Volk werden soll.
► Sein Enkel Jakob hält bei der Geburt die Ferse seines Zwillingsbruders fest und heißt deshalb der »Fersenhalter«.
► Später bekommt er den neuen Namen »Israel«, was »Fürst Gottes« oder »Gottesstreiter« heißen kann.
► Und im Namen »Mose« schließlich spiegelt sich seine Geschichte, dass er als Baby »aus dem Wasser gezogen« und so gerettet worden ist.

Im Namen konzentriert sich die Geschichte eines Menschen. Er wird erkennbar mit seinem ganz besonderen Lebensweg. Das Interessante ist aber, dass diese Namen oft ein bisschen unscharf sind. Sie legen einen Menschen nicht völlig fest, sondern lassen eine Spielraum zur Interpretation. Ein Name ist kein Schicksal. Ganz deutlich sieht man das an folgender Geschichte:

9 Ein Mann namens Jabez war der angesehenste unter seinen Brüdern. Bei seiner Geburt hatte seine Mutter gesagt: »Ich habe ihn mit Schmerzen geboren«, und deshalb hatte sie ihn Jabez genannt.

Im Namen »Jabez« klingt so etwas wie »Schmerz« und »Mühe« an, als ob man ein Kind »Aua« nennen würde. Wie kann man das seinem Kind nur antun! Stell dir vor, du müsstest mit einem Namen wie »Aua« oder »Oweh« leben! Das kann doch nicht gut gehen! Aber die Geschichte geht weiter. Jabez bringt Gott ins Spiel. Er betet:

»Segne mich und erweitere mein Gebiet! Steh mir bei und halte Unglück und Schmerz von mir fern!«

Und Gott erhört die Bitte. Jabez wird der angesehenste unter seinen Brüdern. Ein Name muss kein Schicksal sein. Genauso wenig wie ein Sternzeichen, von dem manche glauben, dass es ihren Lebensweg bestimmt. Wir gehören einem lebendigen Gott, der uns frei machen kann von den Belastungen solcher Lebensgeschichten.

Schwierig wird es aber immer, wenn Menschen ohne Gott versuchen, ihre Lebensgeschichte zu drehen. Und dann eben selbst »etwas aus sich zu machen«, sich selbst »einen Namen zu machen«. Einen Namen bekommt man aber, man kann ihn sich nicht selbst geben. Und wenn man es doch versucht, geht es meistens schief.

Das bekannteste Beispiel dafür ist der Turm von Babel. Die Menschen haben Angst, sich zu verlieren und versuchen dem entgegenzuwirken, indem sie ein gigantisches Bauwerk schaffen. Sie sagen:

»Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.«

Aber so erreichen sie genau das Gegenteil: am Ende gibt es viele unterschiedliche Völker, mit unterschiedlichen Sprachen. Die angestrebte Einheit spaltet sich auf in viele Nationalitäten und Völkerschaften und führt dann natürlich auch zu den entsprechenden Konflikten und Kriegen. Das ist die Folge davon, wenn Menschen sich selbst einen Namen machen wollen: sofort gibt es Abgrenzungen zu anderen.

Also, im Guten wie im Bösen: unser Name ist wie ein Speicher, in dem sich unsere Geschichte in konzentrierter Form ansammelt. Erst die Motive und Gedanken unserer Eltern und ihrer Familien, dann unsere eigenen Erlebnisse, schließlich auch all das, was Menschen über uns denken und mit uns erleben. Und in dem allen sagt auch Gott etwas zu uns, weil wir, jeder Mensch, immer auch eine Geschichte mit Gott haben.

Ein Name ist dazu da, dass wir angesprochen werden können. Wir sind Menschen mit einem Namen, weil wir grundlegend von Gott angesprochen und gerufen sind. Wir können »Ich« sagen, weil zuvor jemand »Du« zu uns gesagt hat. Wer wir sind, das wird uns am Anfang durch andere gesagt. Und erst allmählich sagen wir selbst auch etwas dazu.

Mit einem modernen Wort könnte man auch sagen: der Name ist die konzentrierte Form unserer Identität. Der Name sagt, wer wir sind. Er repräsentiert unsere Geschichte. Selbst wenn wir unseren Namen mit vielen anderen teilen, am Ende sind wir eine ganz spezielle Inge oder dieser eine Leon, der einen anderen Weg gegangen ist als alle anderen Leons. Und jetzt kommen wir zu Versen aus dem Markusevangelium (3,13-19), wo sich ganz viele Namen finden:

13 Und Jesus ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm. 14 Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen 15 und dass sie Vollmacht hätten, die Dämonen auszutreiben. 16 Und er setzte die Zwölf ein: Simon – ihm gab er den Namen Petrus – 17 und Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus – ihnen gab er den Namen Boanerges, das heißt: Donnersöhne – 18 und Andreas und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und Thomas und Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Thaddäus und Simon Kananäus 19 und Judas Iskariot, der ihn dann verriet.

12 Namen sind uns überliefert, mit denen Jesus seine Bewegung begann. Nicht einfach 12 Jünger, sondern Simon, Jakobus, Johannes, Andreas und so weiter bis hin zu Judas. Jeder ein eigener Mensch mit einem eigenen Namen und einer eigenen Geschichte. Und selbst hier in dieser kurzen Liste wird etwas von dieser Geschichte erkennbar. Dem Simon gibt Jesus den neuen Namen »Petrus«, zu deutsch: der Fels. In diesem temperamentvollen, energiegeladenen Mann, der schnell mal über das Ziel hinausschießt, hat er das künftige Urgestein der Gemeinde gesehen.

Dann die Brüder Jakobus und Johannes, die zu den ersten Jüngern gehörten und mit Petrus zusammen seine engsten Vertrauten waren – sie nennt er »Donnersöhne«: das ist wahrscheinlich ein Spitzname, denn die scheinen ziemlich heftig gewesen zu sein. Einmal wollten sie am liebsten Feuer vom Himmel fallen lassen, weil ein Dorf sie nicht beherbergen wollte.

Und so geht es weiter mit den Jüngern, die Namen werden genannt, manchmal mit dem Namen ihres Vaters oder ihres Heimatortes, und am Ende kommt Judas mit dem Zusatz, dass er es war, der Jesus verriet. Bis heute ist dieser Name verbrannt: niemand nennt sein Kind »Judas«. Und das teilt er mit dem Kaiser Nero: so nennt man Hunde, aber keine Kinder.

Ein neues Leben — ein neuer Name

Dass Menschen bei einer wichtigen Lebenswende manchmal sogar neue Namen bekommen, das ist gar nicht so selten. Paulus, der vorher Saulus hieß, ist ein sehr bekanntes Beispiel. Im Alten Testament bekommt Abram einen neuen Namen: als er sich von Gott rufen lässt, wird aus Abram Abraham, und seine Frau Sarai heißt danach Sara. Mit ihnen fängt Gott eine neue Geschichte an, die Geschichte einer neuen Menschheit, die dann in Jesus voll sichtbar wird. Bis heute bekommen Menschen manchmal einen neuen Namen, wenn sie sich taufen lassen oder in einen Orden eintreten.

Und auf einer viel einfacheren Ebene bekommen sehr viele Menschen einen zweiten Namen, wenn sie sich nämlich eng mit einem anderen verbinden: Dann bekommen sie einen Kosenamen, und auf einmal heißen sie Schatzi oder Mausi oder Kätzchen oder Pumpel und was es da noch so an geheimen Namen gibt. In anderen Kulturen werden sie aber manchmal auch Gazelle genannt, da gibt es deutliche Unterschiede.

Andere reden mit

In beinahe jedem Fall sind es andere, die uns so einen Namen geben. Wir können in der Regel dagegen protestieren, wenn uns der Name überhaupt nicht passt. Aber normalerweise bekommen wir ihn von anderen. Andere sehen in uns etwas mehr oder weniger Richtiges und nennen uns dann passend.

Und auf diese Weise verbinden sie sich mit uns. Wer uns einen Namen gibt, egal, ob es der erste Name ist oder ein neuer Name, der nimmt eine Beziehung zu uns auf. Der Name kann treffend sein oder diskriminierend, angemessen oder völlig daneben, aber er sagt immer etwas über unsere Beziehungen zu anderen. Im Namen als Kurzbezeichnung dessen, wer wir sind, konzentriert sich unsere Geschichte mit anderen: mit Gott, mit unseren Eltern, mit unseren Freunden und Geschäftspartnern, mit Menschen überhaupt. All diese Beziehungen hinterlassen ihre Spuren in unserem Namen.

Das heißt aber: wir sind bis in den Kern unserer Identität hinein angewiesen auf andere. Im Zentrum unserer Person, da, wo wir eigentlich glauben, dass wir ganz wir selbst sind, gerade da tauchen die anderen auf und das, was sie in uns sehen, was sie von uns erhoffen, und wie sie das ausdrücken. Ausgerechnet im Kern unserer Persönlichkeit sind wir nicht autonom, nicht ganz selbstbestimmt, sondern da reden dauernd andere mit.

Kampf um den Namen

Wenn wir noch einmal an dieses Negativbeispiel des Turms von Babel denken, da haben Menschen ja versucht, »sich einen Namen zu machen«, sich auf eigene Faust eine Identität zu geben um einen riesigen Turm herum. Aber das hat nicht funktioniert. Das hat sie selbst zerrissen. Den Namen bekommen wir von anderen. Man kann das bis heute sehen, wenn Völker versuchen, sich unabhängig zu machen wie z.B. gerade die Katalanen versuchen, sich von Spanien loszusagen: ob das gelingt, hängt ganz stark davon ab, ob sie von den anderen Staaten anerkannt werden. Es reicht nicht, dass eine Gruppe von Menschen überzeugt ist, eine eigenständige Einheit zu sein – sie müssen auch die anderen überzeugen.

Geschenkter Name

Bei Abraham ist es anders gelaufen. Er war sozusagen Gottes eigentliche Antwort auf den Turm von Babel: Gott hat ihn gerufen, hat ihn angesprochen, und als er auf diesen Ruf antwortete, da bekam er den neuen Namen Abraham. Deswegen muss er sich nicht selbst eine Identität aus eigener Produktion geben. Er muss nicht um seine Identität kämpfen. Er hat sie geschenkt bekommen. Jemand anders, Gott, hat ihm gesagt, wer er ist.

Viel, viel später kommt Jesus zum Jordan, um sich taufen zu lassen. Er macht deutlich, dass er bereit ist für einen neuen Aufbruch mit Gott. Und Gott antwortet, indem er ihm sagt: du bist mein lieber Sohn. Auch Jesus hat nicht darum gekämpft, jemand zu sein. Und deshalb bekam er von Gott gesagt, wer er ist: mein geliebter Sohn.

Selbstvermarktung

Wir leben in einer Umgebung, wo es inzwischen ganz wichtig ist, sich selbst als etwas Besonderes und Einmaliges zu präsentieren. Ein ganzer Wirtschaftszweig ist damit beschäftigt, Menschen sozusagen als Marke aufzubauen, eine Marke, wie es früher nur Staubsauger oder Waschmittel waren. Jetzt kannst du dich beraten lassen, wie du dich am besten vermarktest, mit welchem Lebenslauf und mit welchem Styling, mit welchem Persönlichkeitsprofil und mit welcher Adresse, mit welchem Internetauftritt und mit welchen Vorlieben in Kultur, Sport, Ernährung, Urlaub, Musik und so weiter.

Du sollst richtig daran arbeiten, wer du bist. In manchen Berufen ist das inzwischen eine bittere Notwendigkeit. Aber haben wir den Eindruck, dass Menschen davon sicherer werden, wer sie sind? Vielleicht kann man sich so erfolgreicher vermarkten, aber wir stehen dann auch gleich mit unserer ganzen Person auf dem Prüfstand. Es gibt immer noch etwas zu optimieren. Das hört nie auf.

Ein neues Kapitel

Jesus musste sich nicht auf diese Weise »einen Namen machen«. Im Gegenteil, vorhin in der Epistellesung (Philipper 2,5-11) haben wir gehört, dass er alles aufgegeben hat, was unter Menschen Wert und Würde bedeutet. Er »entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an« schreibt Paulus dort. »Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.« Er war bereit, alles aufzugeben, womit man sich unter Menschen einen Namen macht. Er konnte das, weil er seinen Namen schon von Gott bekommen hatte. Deshalb musste er ihn sich nicht mehr von Menschen geben lassen.

Und dass wir hier auf der richtigen Spur sind, das zeigt sich darin, wie es weitergeht: »Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist.« Das Vertrauen Jesu ist nicht enttäuscht worden, sondern Gott hat in der Geschichte Jesu ein neues Kapitel hinzugefügt, hat ihn erhöht, hat ihn an die oberste Stelle der Schöpfung gesetzt, hat seinen Namen über alle anderen erhöht. Das kann allein Gott tun. In der Versuchungsgeschichte bietet der Satan Jesus die Weltherrschaft an und verspricht ihm damit das, was Jesus am Ende von Gott bekommt. Das hätte bedeutet, es sich selbst zu nehmen, und Jesus lehnt das ab. Stattdessen bekommt er es am Ende von Gott geschenkt.

Das ist ein neues Kapitel in der Geschichte Jesu. Gott hat es hinzugefügt als Antwort auf Jesu gehorsamen Gang in die tiefste Dunkelheit des Kreuzes. So fügt Gott im Leben von Menschen, die mit ihm gehen, immer noch neue Kapitel dazu. Erinnern Sie sich an Jabez, der so einen schlechten Start ins Leben hatte, den seine Mutter belastet hat mit einem Namen, der ihn immer an ihre Mühe bei seiner Geburt erinnern würde? Jabez hat sich gegen diese Festlegung gewehrt. Er hat Gott angerufen, und der hat ihn von dieser Last befreit, die von Geburt auf ihm lag. In der Bibel gibt es keine tragischen Helden, die ihr Leben lang ihrer Bestimmung nicht entkommen können. Wenn Gott eingeschaltet wird, dann ist so ein schrecklicher Name tatsächlich nur noch Schall und Rauch.

Der verheißene Name

Und in der Offenbarung des Johannes gibt es für uns alle einen Ausblick auf unsere wahre Identität, die wir jetzt noch gar nicht kennen, unseren eigentlichen Namen. Wer wir einmal sein werden, wozu wir in Wahrheit berufen sind, das ist jetzt noch verborgen. Aber eines Tages wird es offenbar werden. Jesus sagt dort, im zweiten Kapitel der Offenbarung: »Dem, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht, werde ich … einen weißen Stein geben, in den ein neuer Name eingraviert ist, den niemand kennt außer dem, der ihn bekommt.«

Wer wir wirklich sind, das ist noch verborgen. Das ist eine Verheißung, ein Geheimnis, das sich noch enthüllen wird. Auch wir selbst haben darüber keine Macht, und das ist auch gut so. Wir selbst würden immer zu kurz greifen, wir würden unser wahres Potential immer unterschätzen. Und zwar gerade dann, wenn wir versuchen, uns einen möglichst großen Namen zu machen. Dann denken wir immer zu klein und zu popelig.

Unseren wahren Namen bekommen wir verliehen, geschenkt. Gerade wenn wir ihn nicht als Beute an uns reißen, wenn wir der Versuchung widerstehen, uns selbst zu definieren.

Unser verborgener, wahrer Name verbindet uns mit Gott, mit Jesus. Wir müssen uns keine Sorge um ihn machen. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er enthüllt. Und dann kommt alles in unserem Leben an seinen richtigen Platz, und wir werden verstehen, weshalb unser Weg gerade so gelaufen ist und nicht anders.

Feb 112018
 

Predigt am 11. Februar 2018 zu Psalm 2

1 Warum toben die Völker,*
warum ersinnen die Nationen nichtige Pläne?

2 Die Könige der Erde stehen auf,/
die Großen tun sich zusammen*
gegen den HERRN und seinen Gesalbten:

3 Lasst uns ihre Fesseln zerreißen*
und von uns werfen ihre Stricke!

4 Er, der im Himmel thront, lacht,*
der HERR verspottet sie.

5 Dann spricht er in seinem Zorn zu ihnen,*
in seinem Grimm wird er sie erschrecken:

6 Ich selber habe meinen König eingesetzt*
auf Zion, meinem heiligen Berg.

7 Den Beschluss des HERRN will ich kundtun./
Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du.*
Ich selber habe dich heute gezeugt.

8 Fordere von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe*
und zum Eigentum die Enden der Erde.

9 Du wirst sie zerschlagen mit eisernem Stab,*
wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern.

10 Nun denn, ihr Könige, kommt zur Einsicht,*
lasst euch warnen, ihr Richter der Erde!

11 Mit Furcht dient dem HERRN,/
jubelt ihm zu mit Beben,*
12 küsst den Sohn [oder: seine Füße],

damit er nicht zürnt*
und euer Weg sich nicht verliert,

denn wenig nur und sein Zorn ist entbrannt.*
Selig alle, die bei ihm sich bergen!

Das ist vermutlich ein Text, den der König in Jerusalem früher bei seiner Thronbesteigung rezitiert hat: Könige und Mächtige der Erde, passt auf, rebelliert nicht gegen Gott, und nicht gegen seinen Gealbten, das geht nicht gut aus, ich warne euch!

Sinagoga din Sibiu6Auf den ersten Blick klingt das ziemlich anmaßend: der König eines doch ziemlich bescheidenen Ländchens nimmt sich das Recht, seinen Kollegen auf der ganzen Welt Ratschläge oder gar Befehle zu geben. Aber es hat mal eine Zeit gegeben, in der Israel wirklich ein Großreich war, das immerhin über das ganze Land zwischen dem Mittelmeer und der arabischen Wüste geherrscht hat: das war in der Zeit von König David. Schon unter seinem Nachfolger Salomo ging das halb verloren, und sein Enkel Rehabeam verspielte durch seine Arroganz fast den ganzen Rest. Aber für einen Moment war andeutungsweise sichtbar geworden, dass Gott sich ein Volk berufen hatte, durch das er die Welt regieren will. Und die folgenden Könige sollten sich erinnern, was mal möglich gewesen war.

Das Problem an der Konstruktion war, dass sie nur mit einem König wie David funktionierte, der ein Genie war, wenn es darum ging, Menschen zu motivieren, sich im komplizierten Gewebe der Mächte zurechtzufinden und auch Kriege zu gewinnen. Davids Problem wiederum war, dass er sich in der Politik wesentlich besser zurechtfand als in der Patchwork-Landschaft seiner vielen Frauen und Kinder. Und deswegen waren seine Kinder nicht gut vorbereitet auf ihre Rolle als Davids Nachfolger. Dieser menschliche Faktor ließ es nicht zu, dass Gott einfach durch einen beauftragten König die Welt regiert. Aber aus dieser Zeit ist die Erkenntnis geblieben, dass Gott durch ein kleines Volk die ganze Welt lenken will. Ja, vielleicht sogar nur durch einen einzigen Menschen.

Gott als Unterdrücker?

Und es klingt für uns zunächst merkwürdig, wenn Gott hier plötzlich in die Rolle des Unterdrückers zu geraten scheint, über den die anderen Könige sagen: Lasst uns endlich die Stricke und Fesseln abwerfen, mit denen sie uns gebunden haben! Wir wollen endlich frei sein und tun, was wir wollen, ohne diese lästige Oberherrschaft!

Ist Gott denn nicht ein Gott der Freiheit?

Ja, niemand mag es gern, wenn ihm Vorschriften gemacht werden, aber am wenigsten mögen das die Mächtigen. Wer die Macht hat, braucht keine Gesetze, die ihn schützen. Wer die Macht hat, möchte sie auch in völliger Freiheit einsetzen. Aber die Machtlosen, die brauchen unbedingt Gesetze, die ihre Rechte festlegen, und ihnen Schutz geben gegen die Willkür der Mächtigen. Deswegen ist Freiheit so eine zweischneidige Sache. Freiheit, die nicht begrenzt wird, nützt immer den Starken und bringt die Schutzlosen in Gefahr. Deswegen sind in unserem Grundgesetz die Menschenrechte festgeschrieben, die jeden Menschen schützen, auch wenn er schwach und machtlos ist. Es ist ausdrücklich Aufgabe des Staates, auch seine Menschenwürde zu schützen.

Macht wird begrenzt

Und das ist ein Echo der Weltregierung Gottes. Nicht in religiöser Sprache, sondern juristisch formuliert, aber auch unser Grundgesetz ist eine Begrenzung der Macht der Mächtigen, wie Gott sie im Auge hatte, als er uns die Gebote gab: Macht muss sich immer verantworten, ob sie dem Leben dient. Macht muss sich immer verantworten vor dem Willen Gottes, wie er in seinen Geboten zum Ausdruck kommt. Und da gehört zentral der Schutz der Schwachen dazu, der Schutz ihres Lebensrechtes.

Und man kann es schon verstehen, dass alle, die Macht in der Hand haben, das als Fessel empfinden, als unangemessene Einschränkung ihrer Möglichkeiten: Warum kann da irgend so ein Nobody vor Gericht ziehen und mich verklagen, wenn ich ihn geschädigt habe? Wie kann es sein, dass mir ein Staat vorschreibt, wo ich meinen Dreck hinkippen darf und wo nicht? Was für ein Unsinn, dass mein Flieger nachts nicht landen darf, bloß weil die Faulpelze am Boden nachts schlafen wollen! Was für bescheuerte Vorschriften, die mich zwingen, in meine Autos teure Katalysatoren einzubauen und den Schadstoffausstoß zu begrenzen, nur weil die Atmosphäre oder irgendwelche Leute sonst krank werden könnten! Hey, Vorschriften sind dazu da, dass man sie trickreich umgeht!

»Lasst uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke!«

Und dann die Steuern! Da verdient man einen Haufen Geld und soll davon auch noch Steuern zahlen, damit die Straßen repariert werden und Kinder lernen können. Oder damit irgendwelche überflüssige Prolls nicht verhungern. Wir sollen Geld zahlen, damit Leute, die uns völlig egal sind, eine gute Gesundheitsversorgung bekommen? Das ist ja wohl die Höhe! Dann ist uns ein Idiot als Präsident viel lieber, weil der wenigstens unsere Steuern senkt. Am besten schafft man die Steuern ganz ab, oder bezahlt nur die Sicherheitskräfte davon, die uns vor dem Mob schützen.

»Lasst uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke!«

Und erst der Datenschutz in Europa! Da könnte man ohne Probleme weltweit den gläsernen Menschen schaffen, und dann kommen die uns mit ihren kleinlichen Datenschutzbestimmungen! »Informationelle Selbstbestimmung« – wenn man so was schon hören muss!

Was aus der Sicht der Einen ein Schutz der Schwachen, ein Schutz der Schöpfung und des Lebens ist, das ist aus der Sicht der anderen ein unzulässiger Eingriff in ihre Freiheit. Gott ist immer derselbe, aber wie Menschen ihn erleben, das hängt auch davon ab, wie mächtig oder wie schutzbedürftig sie sind.

»Lasst uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke!«

Auch am Anfang unserer Neuzeit in Europa stand so ein Aufbruch: wir wollen uns nichts mehr vorschreiben lassen, am wenigsten von dieser unterdrückerischen Kirche, die keine geistliche Autorität mehr hat, sondern ganz auf weltliche Macht gesetzt hat. Und in der Tat ist das ein Problem, wenn Gottes Beauftragte ihren Job schlecht machen und selbst nicht auf Gott hören. David hat Gott gut gekannt, aber seine Nachfolger nicht, und auch die mittelalterliche Kirche hat sich da nur selten mit Ruhm bekleckert. Die Kirche war hochmütig, und im Gegenzug ist in Europa ein hochmütiger Atheismus entstanden. Immer sind Gottes Beauftragte der Schwachpunkt! Deshalb hat Gott dann selbst dafür gesorgt, dass es einen König gibt, der in seinem Sinn regiert.

Bei Jesus passt der Psalm

Ich stelle mir gelegentlich vor, wie Gott seufzt: alles muss ich selber machen! Ich muss nicht nur gute Gesetze geben, sondern auch noch dafür sorgen, dass es einen gibt, der sie einhält. Und dann schickt er Jesus, damit endlich einer so lebt und regiert, wie Gott es gut findet. Auch die Nachfolger Jesu kriegen es nicht immer hin, aber da gibt es wenigstens den einen, der ihnen gezeigt hat, wie es sein soll. An dem können sich alle anderen messen. Wenigstens an einer Stelle, bei einem Menschen muss Gott nicht seufzen, zum ersten Mal seit Erschaffung der Welt. Das ist die Revolution!

Und wenn man sich Jesus vorstellt, wie der den Psalm 2 zitieren würde, dann bekommt dieser Psalm einen ganz anderen Klang. »Du bist mein Sohn« sagt Gott zu Jesus wirklich bei seiner Taufe. Die Taufe ist sozusagen die Thronbesteigung Jesu, da bekommt er von Gott seine Vollmacht, von da ab bewegt er die Menschen und die Welt, und wieder sind die Herrscher der Erde wütend über diese Einmischung. Deswegen versuchen sie erst, ihn unglaubwürdig zu machen, und dann ermorden sie ihn.

»Lasst uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke!«

Aber er, der im Himmel thront, lacht über sie und lässt Jesus auferstehen. Der Herr verspottet sie. Den einen Jesus haben sie gekreuzigt, aber stattdessen haben sie es jetzt mit vielen Jüngern und Jüngerinnen Jesu zu tun, die einfach weitermachen, wo ihr Meister aufgehört hat. Aus der Sicht von Herodes, Pilatus und so weiter ist es ein Alptraum, dass die weiter in Jesu Namen reden. Und im Konfliktfall holen sie sich ihre Kraft direkt aus dem 2. Psalm. Man kann das in der Apostelgeschichte (4,23-31) nachlesen:

»Als die Christen in Jerusalem das hörten, erhoben sie ihre Stimme einmütig zu Gott und sprachen: Herr, du hast Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht, 25 du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt (Psalm 2,1-2): »Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was vergeblich ist? 26 Die Könige der Erde treten zusammen, und die Fürsten versammeln sich wider den Herrn und seinen Christus.« 27 Wahrhaftig, sie haben sich versammelt in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels.«

Auf einmal ist Psalm 2 ganz aktuell. Und dann bitten sie Gott um Mut, und der Heilige Geist kommt und erfüllt sie mit Furchtlosigkeit, und sie reden trotz aller Verboten laut weiter von Jesus. Also vergesst die Weltherrschaftsgedanken der alten Könige, das war nur ein erster Versuch Gottes, seinen Menschen so ungefähr die Richtung zu zeigen, wo es hingehen soll. Hier in der Apostelgeschichte sieht man, wie es wirklich gemeint ist: Menschen, die in der Kraft des Heiligen Geistes die Wahrheit aussprechen, die sich nicht mehr fürchten, und bei denen die neue Welt, die Auferstehungswelt schon präsent ist.

Furchtlose Liebe

So freundlich sie sind, gerade so sind sie eine Bedrohung, vor der die Mächtigen zu Recht Angst haben sollten. Wer Gottes Gebot der Liebe und Solidarität als Zwang und Unterdrückung empfindet, wer Gott am liebsten heraushalten möchte aus seiner privaten Welt, der hat am meisten solche Menschen zu fürchten, die Gottes Gebote als hilfreich und segensreich ansehen und sie von sich aus freiwillig befolgen.

In der sichtbaren Welt wird Gott zur Seite gedrängt, er soll draußen gehalten werden, man will sich nicht reinreden lassen. Aber es gibt immer wieder Zeichen, dass das nicht so einfach ist: da sind Gottes furchtlose Beauftragte, die sich den Mund nicht verbieten lassen, und die sich nicht korrumpieren lassen. Die sind Zeichen für die jetzt noch verborgene Macht Gottes. Auf dieser verborgenen Seite der Welt, da triumphiert Gott jetzt schon, er weiß, dass er sich am Ende die ganze Welt zurückholen wird, er spottet über alle, die glauben, sie könnten die Gesetze seiner Welt aus den Angeln heben.

Wenigstens ein bisschen von dieser Siegeszuversicht soll aus dem 2. Psalm zu uns kommen. Das ist viel besser als das Gejammer über den Mitgliederverlust der Kirche oder gar den Untergang des Abendlandes: ihr Mächtigen auf Erden, legt euch nicht mit unserem Chef an. Der kann ganz schnell richtig böse werden.

Aber selig sind alle, die sich bei ihm bergen.