Okt 072015
 

Predigt am 27. September 2015 (Erntedankfest) zu Markus 8,1-9

1 In jenen Tagen waren wieder einmal viele Menschen um Jesus versammelt. Da sie nichts zu essen hatten, rief er die Jünger zu sich und sagte: 2 Ich habe Mitleid mit diesen Menschen; sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. 3 Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen; denn einige von ihnen sind von weither gekommen.
4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher soll man in dieser unbewohnten Gegend Brot bekommen, um sie alle satt zu machen? 5 Er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie antworteten: Sieben. 6 Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet, brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen; und die Jünger teilten sie an die Leute aus. 7 Sie hatten auch noch ein paar Fische bei sich. Jesus segnete sie und ließ auch sie austeilen.
8 Die Leute aßen und wurden satt. Dann sammelte man die übrig gebliebenen Brotstücke ein, sieben Körbe voll. 9 Es waren etwa viertausend Menschen beisammen. Danach schickte er sie nach Hause.

Erntedank

Bild: Rahel via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Mitten in der Einöde, da, wo es eigentlich gar nichts gibt, lässt Jesus die Fülle des Segens sichtbar werden, die Gott in die Welt hinein gelegt hat. Diese ganze Fülle ist für uns meistens verborgen, aber es gibt die Augenblicke, in denen Menschen darauf stoßen. Diese Momente sind selten und kostbar, aber sie geben uns eine Ahnung davon, welche Möglichkeiten noch in unserer Welt schlummern. Jesus sorgte immer wieder dafür, dass es zu solchen Augenblicken kam.

Ein seltenes, kostbares Ereignis

Hier z.B. werden 4000 Menschen satt – beinahe aus dem Nichts! Wenn Menschen damals diese Geschichte hörten, dann erinnerten sie sich bestimmt an die anderen Geschichten von der Befreiung Israels aus Ägypten, als das Volk auf der Flucht aus der Sklaverei von Gott in der Wüste immer wieder wunderbar versorgt wurde. Es gab Wasser zu trinken und Manna zu essen. Es war eine ganz besondere Zeit, an die man sich noch lange erinnert hat: geflohen, aber noch nicht angekommen, alles war noch offen, nichts war sicher, nur die Güte Gottes war jeden Tag neu, darauf haben sie Tag für Tag vertraut, und sie wurden nicht enttäuscht.

Und auch die Menschen dort in der Einöde bei Jesus sind ja irgendwie in so einer ganz besonderen Situation: sie haben ihre Dörfer und Städtchen verlassen, ihre ganze gewohnte Umgebung, ihre Arbeit, aber auch die Sorgen: womit soll ich die Steuer bezahlen, wenn der Steuereinnehmer im Herbst kommt, wie wird die Ernte werden, werde ich meine Tochter endlich verheiraten können? Auch der Ärger mit den Nachbarn und die Sorge, ob es friedlich bleibt im Land, das ist jetzt alles ganz weit weg. Sie haben sich auf den Weg gemacht, um Jesus zuzuhören. Sie hoffen, dass sie bei ihm Worte hören, die nicht leer, hohl und kraftlos sind, sondern die sie und die Welt verändern und bewegen.

Die Menschen waren in ihrem Alltag damals noch nicht den Wortlawinen ausgesetzt, die uns heute jeden Tag zuschütten mit Kommentaren, Werbebotschaften, Nachrichten, Weisheiten, Gute-Laune-Slogans und was noch alles. Aber sie konnten doch unterscheiden zwischen Allerweltsworten, die vielleicht sogar richtig waren, aber nichts bewegten, und starken, verändernden Worten, Worten, die die Wahrheit Gottes sichtbar werden ließen: Worte in Vollmacht nannten sie die. Die hörten sie bei Jesus. Und dafür gingen sie lange Strecken und kampierten irgendwie zwischen Felsen und unfruchtbarer Wildnis. An ihnen wird ganz deutlich sichtbar, was Jesus mal in einer Diskussion mit dem Versucher gesagt hat: der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

Momente der Freiheit

Und die Leute, mit denen Jesus sich sonst immer auseinandersetzen musste, waren weit weg: die Leute, die immer den Finger hoben und sagten: du, du, das darfst du nicht sagen, und woher hast du überhaupt das Recht dazu, und das passt nicht zu unseren Traditionen, und du führst die Menschen in die Irre – also all die Leute, die ihm, wo es nur ging, ein Bein zu stellen versuchten, die waren da endlich mal weit weg, und er konnte die Dinge im Zusammenhang darstellen, ohne immer wieder auf das Meckern im Hintergrund eingehen zu müssen.

So entstand eine echte Ausnahmesituation, wie wir sie in unserem normalen Alltag selten erleben: die gewohnten Regeln gelten nicht mehr, Selbstverständlichkeiten sind überhaupt nicht mehr selbstverständlich, es ist alles offen, die Welt sieht neu aus, alles scheint möglich. Alle atmen die Luft der Freiheit.

Die Welt ohne Druck

Und dann werden die Mauern, die den Himmel und die Erde voneinander trennen, oft ganz dünn, und dann spüren Menschen, dass diese Welt ein Geheimnis hat, dass in ihr viel mehr verborgen ist, als das, was man messen, zählen und bezahlen kann. Unsere ganzen Alltagsregeln und -gewohnheiten sind ja so eine Barriere, mit der wir Gott und das Unerwartete aus unserer Welt aussperren. Diese Alltagsregeln geben uns Sicherheit, sie klammern das Unkontrollierbare aus, aber dann wundern wir uns, wieso Gott so fern und fremd scheint. Selbst in den Urlaub nehmen wir uns selbst und unsere Normalität mit und wundern uns, wieso hinterher die Tretmühle gleich wieder weitergeht.

Aber bei Jesus nahm die Macht dieser Alltagsselbstverständlichkeiten ab, vielleicht spürten die Menschen erst jetzt, wie drückend die in Wirklichkeit sind, mit wie viel Kraft die uns immer wieder aufgedrückt werden. Hier konnten sie alle aufatmen, sie erlebten, wie sie bessere Menschen wurden, wie ihre Sorgen zusammenschmolzen und alles möglich schien.
Und in dieser Situation sagte Jesus zu seinen Jüngern: was habt ihr dabei? Sieben Brote? Das ist doch schon mal ein guter Anfang! Und er nahm die Brote und sprach das Dankgebet, und der unbegrenzte Segensstrom Gottes kam zu den Broten, und es reichte für alle.

Segen kann fließen

Menschen haben lange darüber nachgedacht, wie das wohl funktioniert hat, ob da wirklich aus den sieben Broten viel mehr geworden ist, oder ob die Menschen dann einfach nur angefangen haben zu teilen, was sie noch dabei hatten. Ich denke, dass wir da keine Lösung für finden. Wir sind doch auch alle eingebaut in unsere Alltagsselbstverständlichkeiten und haben wenig Erfahrung mit solchen Ausnahmesituationen. Es kann ganz viel passieren, wenn es einen Riss in den Mauern gibt, mit denen wir unseren Alltag eingemauert haben, und Gottes Segensstrom in der ganzen Fülle zu uns fließt. Wer weiß denn, ob diese Fülle überhaupt Grenzen hat?

Normalerweise zapfen wir diesen Segensstrom durch unsere Arbeit an, wir lenken ihn auf die Felder, in die Gärten und in die Ställe. Und natürlich auch in die Werkstätten und Fabriken und Büros, in die Schulen, Gesundheitszentren und an viele andere Orte. Überall verbinden wir uns und unsere Arbeit mit dem Segen, der in der Welt ist. Aber wir kanalisieren ihn auch, und manchmal behandeln wir ihn schlecht oder vergiften ihn sogar. Deshalb ist diese Haltung der Dankbarkeit so wichtig. Wir erinnern uns daran, dass wir das Leben und den Segen nicht selbst schaffen, sondern es kommt zu uns, und wir nehmen es auf und tun hoffentlich Gutes damit. Es ist ein Geschenk, es gehört niemandem, es ist für alle da, und es wird mehr, wenn es geteilt wird.

Dank und Freundlichkeit

Das ist schon unter normalen Umständen zu erkennen, wenn man es sehen will. Es ist genug für alle da, aber wenn die einen über unendlich viel verfügen und immer noch mehr haben wollen und die anderen gerade mal so über die Runden kommen oder es gar nicht schaffen, dann leidet die Erde. Dann wird der Segensstrom zu einem dünnen Rinnsal. Dann gibt es Krieg und Verwüstung. Aber wenn Menschen dankbar sind und teilen, wenn wir unser Leben und alles Gute als Geschenk entgegennehmen, wenn wir dafür sorgen, dass in der großen Gemeinschaft der Menschheit alle gut leben können, dann kann auch die Erde aufatmen, gemeinsam mit allen Geschöpfen.

In der Schöpfung soll Freundschaft herrschen, dazu ist sie geschaffen, und wir entdecken ja heute immer mehr, wie eins mit dem anderen verwoben ist. Was an einer Stelle in der Welt geschieht, das hat weit entfernte Wirkungen, die wir selten wirklich durchschauen und noch seltener vorhersagen können. Aber Dank und Freundlichkeit sind eigentlich immer richtig, dazu muss man gar nicht alles durchschauen und berechnen können. Dank und Freundlichkeit heilen immer wieder die Schäden, die durch menschliche Gier und menschliche Angst angerichtet werden. Dank und Freundlichkeit heilen auch in uns selbst ganz viel und bewahren uns vor Bitterkeit und Arroganz, vor Wichtigtuerei und Neid.

Unermessbare Fülle

Die Menschen, die damals zu Jesus in die Einöde gekommen sind, die sind aus ihrem Alltag aufgebrochen, weil sie sich nach der ganzen Fülle des göttlichen Lebens sehnten. Dafür sind sie meilenweit gegangen. Sie wussten aus ihrer Bibel, dem Alten Testament, dass es noch viel mehr gab, und dass aller Segen, den wir in unserer täglichen Arbeit anzapfen, nur ein kleiner Teil von der ganzen Fülle des göttlichen Lebens ist. Das ist ein Arm des großen Segensstroms, und auch der wird immer wieder eingeengt durch Krieg, Gewalt und Herrschaft. Aber wenn der ganze Reichtum Gottes enthüllt wird, dann ist das eine neue Welt, dann blüht die Erde auf, wie wir es uns jetzt noch gar nicht vorstellen können.

Bei Jesus wurde der Vorhang immer wieder beiseite gezogen, und die Menschen bekamen einen Vorgeschmack von dem großen Leben, zu dem wir alle berufen sind. Dafür sind wir geschaffen, dafür ist die Welt geschaffen, und Gott wird nicht ruhen, bis seine Schöpfung und wir alle unsere Bestimmung erreichen. Aber er will das mit uns erreichen, deshalb lässt er uns immer wieder das Ziel sehen. Jesus hat eine Gemeinschaft gegründet, an der das sichtbar sein soll, wie gut es ist, wenn man in Offenheit und Freiheit lebt, und wenn Menschen in Solidarität füreinander da sind und sich helfen statt gegeneinander zu stehen und sich allein zu lassen. Gemeinschaften, die nicht von Angst und Sorge geprägt sind, sondern von Mut und Hoffnung.

Freiräume Gottes

Deswegen erinnern wir immer uns wieder an all das, was Jesus getan hat: wie er in unserer scheinbar so festgemauerten Welt immer wieder Freiräume geschaffen hat, in denen die Fülle Gottes präsent war. Was einmal geschehen ist, das kann und wird wieder geschehen. Und wir sollen dabei sein. In Dankbarkeit und Freundlichkeit halten wir uns bereit, um notfalls meilenweit zu gehen, wenn wieder solche Freiräume aufbrechen, durch die wir gesund und gesegnet werden.

Ja, vielleicht sind wir es ja auch, mit denen und unter denen Jesus so einen Freiraum schafft. Ob klein oder groß – es ist einmal geschehen, und es wird wieder geschehen.

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