Sep 282015
 

Besonderer Gottesdienst am 20. September 2015 mit Predigt zu Matthäus 6,25-34

Besonderer Gottesdienst am 20. September 2015

Zu diesem Gottesdienst gehörte u.a. auch eine Theaterszene, die den Besuch eines Versicherungsvertreters darstellte und daran den Umgang mit Sicherheit thematisierte.

25 Jesus sprach auf dem Berg zu den Menschen: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt.
Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?
26 Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? 27 Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?
28 Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. 29 Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. 30 Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!
31 Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? 32 Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht.
33 Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. 34 Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.

Was wir eben gehört haben, ist einer der stärksten und kühnsten Texte aus der ganzen Bibel. Er dreht unsere Sicht der Welt um: wirklich gefährlich und unwirtlich machen wir die Welt erst durch unsere Versuche, die Gefahren abzuwehren. Jesus fasst das alles zusammen unter dem Titel der »Sorge«. Sorge ist nicht nur das Grübeln in der Nacht, das uns nicht schlafen lässt und dafür sorgt, dass wir den nächsten Tag unausgeschlafen angehen und ihn damit noch schwieriger machen. Sorge ist eine ganze Art, sich zum Leben zu verhalten, und noch mehr als damals bringt sie heute einen ganzen Lebensstil hervor, sie prägt unsere Lebensorganisation und unsere Politik, mit dem Appell an Sorgen und Ängste werden Wahlen gewonnen und Geschäfte gemacht, sie setzen enorme Finanzströme in Bewegung, und sie halten uns lange von notwendigen Veränderungen ab.

Weltmacht Sorge

Die meisten großen Weltprobleme haben heute etwas zu tun mit einem falschen Umgang mit Ängsten: der Islamismus hat seinen entscheidenden Schub durch die Kriege in Afghanistan und im Irak bekommen. Die Finanzströme, die um den Globus jagen und mal hier und mal da Länder destabilisieren, sind zu einem guten Teil Gelder, die Menschen aus Sorge um die Zukunft sicher anlegen wollen. Die gefährlichen Waffen, die immer noch die ganze Welt bedrohen, verdanken sich dem Glauben, dass man mit Waffen die Unsicherheit verringern könnte. Und die Kontrollmechanismen, die jede Bürokratie entwickelt, behindern uns und blockieren Lösungen, wenn das Leben wirklich mal gefährlich wird.

Jesus gehörte nicht zu den Menschen, die denken, man könnte Gefahren bewältigen, indem man nicht hinschaut. In seiner Welt wurden solche Illusionen viel schneller bestraft als bei uns. Er lebte in einem eroberten und unterdrückten Land, in dem die Menschen sehr schnell ins Elend geraten konnten. Und man konnte sehr schnell sein Leben verlieren, wenn man ins Visier des Sicherheitsapparates geriet. So etwas wie Menschenrechte und Rechtssicherheit gab es nicht. Jesus selbst ist ja am Ende durch Justizmord aus der Welt geschafft worden, und ihm war schon lange vorher klar, dass es so kommen würde.

Gefährliche Kontrollillusionen

Das Leben ist hochgefährlich. Jesus wusste das. Aber er warnt uns vor der Strategie, darauf mit verschärfter Kontrolle zu antworten. Du kannst immer nur einen kleinen Teil der Welt kontrollieren. Da, wo deine Kontrolle nicht hinreicht, da entwickeln sich Dinge, die du nicht in den Griff kriegst. Niemand schafft es, eine abgeschottete Zone der Sicherheit aufrechtzuerhalten, wenn ringsum alles drunter und drüber geht. Schon gar nicht in Zeiten, wo das Internet und die modernen Verkehrsmittel die Welt immer stärker zu einer einzigen machen. Niemand kann heute mehr einen Krieg am anderen Ende der Welt führen und denken, dass davon nichts zu ihm zurück kommt.

Jesus sagt uns, dass wir die Illusion aufgeben müssen, wir könnten die Gefahren unter Kontrolle halten. Diese Illusion ist es, die die Welt endgültig zu einem gefährlichen Ort macht. Denn um durch Kontrolle Sicherheit zu schaffen, braucht man immer jemanden, der zur Not Gewalt einsetzen kann. Weshalb vertrauen wir Versicherungen? Doch nicht deswegen, weil da so viele nette Menschen sitzen, sondern weil wir sie zur Not verklagen können, wenn sie nicht zahlen. Wir haben zum Glück ein Rechtssystem, aber der Kern dieses Systems ist immer noch, dass es zur Not auch Gerichtsvollzieher und Polizei gibt, die das Recht durchsetzen. Wenn man es zu Ende denkt, dann arbeitet sogar so ein zivilisiertes Rechtssystem wie unseres am Ende mit der Androhung und Ausübung von Gewalt. Und jede Art von Gewalt kann auch aus dem Ruder laufen. Du tauschst nur eine Gefahr gegen die andere.

Die Gefahr akzeptieren

Jesus sendet eine zweifache Botschaft: ihr seid in großer Gefahr – und ihr habt einen Vater, von dessen Liebe ihr leben könnt. Die Welt ist zum Fürchten – aber den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe. Nichts ist sicher – aber ihr seid geborgen.

Das ist eine große Ermutigung, die Gefahren nicht zu verleugnen, sondern sich ihnen gelassen zu stellen. Wir erleben es doch sowieso dauernd, dass wir in allen wichtigen Fragen keine Sicherheit haben. Wir sind nicht die Herren über unsere Gesundheit, wir kontrollieren nicht den Tag unseres Todes, niemand garantiert uns, dass unsere Partner verlässlich und unsere Kinder anständig bleiben. Ob die Renten sicher sind, das wird sich erst in der Zukunft zeigen. Wir sind von der Konjunktur ebenso abhängig wie vom Wetter, Meteoriten können die Erde verwüsten und Schnecken unseren Gemüsegarten. Frieden und Stabilität sind ein Geschenk, aber nichts, worauf wir ein verbrieftes Anrecht hätten. Wer uns Sicherheit verspricht oder sogar garantieren will, belügt uns, weil es das nicht gibt.

Der gemeinsame Ursprung der Welt

Was setzt Jesus dieser Unsicherheit entgegen? Das Vertrauen in den Vater im Himmel, der diese Welt geschaffen hat und sie mit seinem Segen und seiner Liebe erfüllt. Und diese Liebe Gottes nimmt Gestalt an in Menschen, die solidarisch zusammen leben und sich beistehen in all den Gefahren, die zum Leben dazu gehören. So eine Gemeinschaft hat Jesus ins Leben gerufen. In der biblischen Tradition nennt man das einen »Bund«. Gott hat am Sinai mit seinem Volk einen Bund geschlossen, und dazu gehörten Regeln, die dafür sorgten, dass niemand unter die Räder kam. Und Jesus schließt im Abendmahl einen neuen Bund, und natürlich gehört da dazu, dass man sich gegenseitig in Solidarität beisteht.

Gott hat die Welt so geschaffen, dass alle Geschöpfe zusammengehören und aufeinander angewiesen sind. Und wir gehen mit der Welt in Gottes Sinn um, wenn niemand allein gelassen wird, der in dieser gefährlichen Welt irgendwie unter die Räder gekommen ist.

Solidarität ist besser als Kontrolle

Sicherheit ist eine Illusion, aber menschliche Solidarität, die Gottes Solidarität mit der Welt widerspiegelt, ist eine sehr gute Antwort auf die Risiken und Gefahren, unter denen wir leben. Im Grunde ist sogar jede Versicherung letztlich nur eine große Gemeinschaft von Menschen, die im Schadensfall füreinander einstehen. Nur ist das so hinter Vertragsklauseln und Paragraphen versteckt, dass es uns gar nicht mehr klar ist.

Das sollte uns aber klar sein, damit wir uns keine falschen Hoffnungen machen. Wir sind immer irgendwie von anderen Menschen und ihrer Gerechtigkeit abhängig. In der Frage z.B., wer im Alter für uns sorgt, können wir entweder auf unsere Kinder vertrauen, oder auf die Solidarität aller Rentenversicherten, oder auf den Kapitalmarkt. Alle Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Aber immer sind es Menschen, auf die wir uns stützen, und Menschen kann man nur vertrauen, und es gibt keine Garantie, dass sie uns nie enttäuschen werden. Wir kommen aus der Nummer nicht raus.

Mammon betrügt

Weltfremd und naiv sind in Wirklichkeit alle Sicherheitsversprechen. Das biblische Stichwort dafür ist »Mammon«. Das ist der Götze, der Sicherheit verspricht und tatsächlich für die meisten Menschen die Welt unsicherer macht. Jesus sagt kurz vor unserer Stelle: ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen. Ihr müsst entscheiden, wem ihr vertraut. Um realistisch mit der Welt umzugehen, hat Jesus seine Gemeinschaft der Solidarität gestiftet, diesen neuen Bund, den Gott mit seinen Menschen schließt.

Und er sagt: trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, dann kommt alles andere dazu. Wenn Menschen gemeinsam dafür eintreten, dass Gottes Gerechtigkeit diese Welt regiert, wenn sie sich von diesem Geist bewegen lassen, dann wird auch für die Einzelnen gesorgt sein. Wenn wir Kanäle sind, durch die der Segen Gottes fließt, dann werden wir selbst auch nicht leer ausgehen. Und wenn wir ein Land sind, das Solidarität übt, dann kommt das allen zugute, die es brauchen.

Gefährliche Zeiten der Entsolidarisierung

Das Schlimme ist, dass uns jetzt zwanzig oder dreißig Jahre lang eingeredet worden ist, dass Solidarität überflüssiger Luxus ist, und dass jeder ganz allein für sich selbst sorgen soll. Aber in so einer Gesellschaft, der der Geist der Solidarität ausgetrieben worden ist, sind wir alle extrem verwundbar. Gegenseitiger Beistand kann nicht durch Gesetze hergestellt werden. Es braucht vor allem Menschen, die gewöhnt sind zusammenzuhalten. Wenn aber die Güter der Erde immer ungleicher verteilt sind, wenn die Einkommensschere immer weiter auseinander klafft, wenn die einen unvorstellbar viel haben und die anderen mit Mühe über die Runden kommen, dann untergräbt das jeden Zusammenhalt.

Deswegen spricht Jesus von der grundlegenden Einheit der Welt, die durch Gottes Güte geschaffen ist und von seinem Segen erfüllt ist. Deswegen hat er in seiner von Gewalt und Raub geprägten Zeit eine alternative Gemeinschaft ins Leben gerufen, und das hat ausgestrahlt durch die Jahrhunderte. Wenn wir heute bei uns relativ sicher leben, dann ist das auch noch eine Ausstrahlung von diesem Impuls, der er gebracht hat, und der immer wieder wirksam geworden ist. Es ist an uns, diese Alternative in unserer Zeit neu umzusetzen. Jede Gesellschaft braucht diese christlichen Gemeinschaften, an denen man ablesen kann, dass Gott die Welt dazu geschaffen hat, dass sie von Freundlichkeit, Segen und Klarheit erfüllt ist.

Die Priorität der Gerechtigkeit Gottes

Und es braucht Menschen, die das tun. Menschen, für die diese Aufgabe wichtiger ist als alles andere, die zuerst nach der Gerechtigkeit Gottes trachten und darauf vertrauen, dass das unser bester Schutz ist. Wir teilen alle diese Sehnsucht nach Sicherheit, nach einem Leben, das nicht mehr gefährdet ist. Was solcher Sicherheit in dieser gefährlichen Welt am nächsten kommt, das ist: gemeinsam mit anderen nach Gottes Gerechtigkeit trachten. Dann wird uns alles, was wir brauchen, dazu gegeben werden, auf die eine oder andere Weise.

Sep 212015
 

Predigt 13. September 2015 zu 1. Petrus 5,5b-11

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.
10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen. 11 Ihm gehört die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Demut – das Wort, das hier gleich von Anfang an im Mittelpunkt des Nachdenkens steht, ist aus unserem Sprachgebrauch heute ziemlich verschwunden. Und das ist in gewisser Weise gut, weil wir dann auch wieder freier sind von den schiefen Bedeutungen des Wortes, bei denen man das Gefühl hat, dass es dabei um eine falsche Untertänigkeit geht: also ein Sich-Unterwerfen unter die jeweiligen Machthaber, was dann noch zur gottgewollten Tugend erhoben wird. Weil heute aber keiner mehr das Wort noch benutzt, sind wir frei, zu entdecken, was da wirklich gemeint ist.

Eine Zeit, um die Bibel neu zu begreifen

Wir sollen uns demütig der gewaltigen Hand Gottes anvertrauen, damit wir den Respekt vor der Macht von Menschen und allen angeblichen Sachzwängen verlieren. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man gegenüber Gott demütig wird oder gegenüber Machthabern. Und wir sollen unterscheiden lernen, ob Gottes Hand uns führt, möglicherweise an einen Ort, den wir uns nicht ausgesucht hätten, oder ob einfach Menschen versuchen, uns das Leben schwer zu machen oder uns auszunutzen.

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Refugee march Hungary 2015-09-04 02

Und in diesen Wochen und Monaten, wo wir Tag für Tag Bilder sehen von Menschen, die auf vielen gefährlichen Wegen hier zu uns nach Europa kommen, wird es wieder leichter zu verstehen, was mit der gewaltigen Hand Gottes gemeint ist, der wir nicht widerstehen sollen, sondern der wir uns anvertrauen sollen: niemand hier bei uns hat sich gewünscht, dass das Unglück in der Welt uns jetzt so nahe kommt. Niemand hat das vorausgesehen, dass noch einmal in unseren Städten große Zahlen von Menschen ankommen, die fast alles verloren haben, weil ihr Land vom Krieg unbewohnbar gemacht worden ist. Viele kannten das nur noch aus den Geschichten der Eltern und Großeltern und Urgroßeltern und wir hielten das für eine ferne Vergangenheit. Vor 70 Jahren sind hier bei uns zum letzten Mal Züge angekommen, die vollgestopft waren mit Menschen, die unter die Räder der Geschichte gekommen waren und nur noch das besaßen, was sie auf dem Leib trugen und im Handgepäck dabei hatten. Jetzt passiert das wieder.

Und wenn wir heute hören, dass wir uns demütig der gewaltigen Hand Gottes anvertrauen sollen, dann ist damit vor allem gemeint, dass wir diese Realität annehmen. Dass wir nicht versuchen, uns davor abzuschirmen durch irgendwelche Zäune in Gedanken oder an Landesgrenzen, sondern einfach verstehen: So ist das. Es ist nicht toll, wir würden wünschen, dass all die Menschen in Frieden in ihrem Land leben könnten, aber es ist real. Und es ist die Hand Gottes, die uns in diese Situation bringt. Gott mutet uns zu, dass wir auch ein Teil von dem Unglück auf uns nehmen, von dem die Welt voll ist.

Gott traut uns (wieder) was zu

Man kann das auch viel positiver formulieren: Gott traut uns zu, dass wir das können. Gott hat uns nach dem Desaster von zwei Weltkriegen und Gewaltherrschaft 70 Jahre geschenkt, 70 Jahre Frieden, um wieder heil zu werden, und jetzt ist es so weit: jetzt traut er uns zu, dass wir ein freundliches Land geworden sind, das die Kraft hat, einen Teil des Unglücks in der Welt mitzutragen und zur Heilung beizutragen.

Und dann sieht man auch, warum gleich anschließend hier im Petrusbrief steht, wir sollten unsere Sorge auf Gott werfen: wenn Gott uns an diese Aufgabe stellt, dann sorgt er auch dafür, dass wir es schaffen können. Natürlich hätten wir genügend Gründe zur Sorge, wohin das alles noch führt. Natürlich überfordert das jetzt die Behörden und die Entscheidungsträger, und es kann sein, dass wir alle noch ganz schön ran müssen bei der Aufgabe, für all die Menschen einen Platz zu finden, wo sie gut leben können. Es kann sein, dass unser Land sich noch ganz schön verändern wird.

Sorgen sind vom Teufel

Aber da sagt Petrus eben: Gott sorgt für euch. Gebt ihm die Sorgen. Er bringt euch in diese Situation, akzeptiert es, dass das von ihm ist, dann wird er auch für Lösungen sorgen. Also tut, was nötig ist, und macht euch keine Sorgen. Sorgen sind Gift. Sorgen sind vom Teufel. Sie nützen nichts, sie drücken nur aufs Gemüt, aber nichts wird davon besser. Schon Jesus hat gesagt: du kannst dir Sorgen machen so viel du willst, aber davon wird dein Leben keinen Tag länger. Und wir können heute dazusetzen: eher wird das Leben kürzer, wenn man sich Sorgen macht. Auf jeden Fall wird es mühsamer. Aber wenn du dich demütig der gewaltigen Hand Gottes anvertraust, dann kannst du ruhig schlafen, auch wenn Morgen wieder eine Menge Aufgaben warten. Aber was Morgen sein wird, das kannst du Gott überlassen.

Wenn wir das lernen, dann nützt uns das nicht bloß in diesen Tagen, sondern das kann man immer brauchen. Wir sollen den Versuch aufgeben, auch die Zukunft im Griff haben zu wollen. Das kostet viel zu viel von der Energie, die wir für heute brauchen. Und im Grunde wissen wir alle, dass die Zukunft außerhalb unserer Kontrolle ist. Wir haben unsere Pläne und Bilder von der Zukunft, und dann kommt eine Finanzkrise oder eine Krankheit oder noch Schlimmeres, oder auch Besseres, und bringt alles durcheinander. Wir sollen in das Heute investieren, wir sollen in Menschen investieren, und die Sorge um die Zukunft Gott überlassen.

Gott ist stärker

Der christliche Glaube kommt ja her von der Grunderfahrung, dass Jesus auferstanden ist. Gott hat sogar auf die Kreuzigung Jesu eine Antwort gehabt. Eigentlich wäre das die ultimative Niederlage Jesu gewesen, aber Gott hat sogar auf diese Katastrophe eine Antwort gefunden. Wenn er das konnte, dann ist ihm nichts unmöglich. Hauptsache, es sind Menschen da, die sich ihm anvertrauen, so wie es Jesus getan hat. Hauptsache, es sind Menschen da, die darauf bauen, dass das Leben Gottes stärker ist als alle Mächte des Todes und der Unterdrückung.

Das alles ist natürlich auch schon zusammengefasst im Taufspruch von Luna, den wir vorhin gehört haben: »Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen (Psalm 37,5)!« Trau Gott zu, dass er deine Wege richtig lenkt, achte auf seine Weisung, und mach dir keine Sorgen. Dann wird sein Segen in deinem Leben zum Zuge kommen.

Natürlich liegt das alles nicht einfach auf der Hand. Da geht es um Glauben. Aber Glauben ist eben nicht Augenzumachen und Vernunftausschalten, sondern Glauben bedeutet: daran festhalten, dass diese Welt zur Solidarität geschaffen ist, dass Liebe eingeschrieben ist in ihre Fundamente, und dass sie am besten funktioniert, wenn wir liebevoll und freundlich bleiben, unseren Verstand benutzen und alles, was wir noch nicht übersehen können, Gott anvertrauen.

Ein Kampf darum, was die Wahrheit ist

Dadurch kann man durchaus in Konflikt mit anderen kommen, die sich viel lieber sorgen möchten. Diese Sorge, dass man zu kurz kommen könnte, wenn man mit anderen verbunden ist, die macht ja das Herz ziemlich hart. Und ob diese Welt mit Liebe und Solidarität funktioniert, oder ob man eben doch vor allem an sich selbst denken sollte, um diese Frage gibt es einen harten Kampf. Misstrauen und Sorgen sichern sich ab mit Regeln und Gesetzen, aber manchmal bricht eben auch die spontane Freundlichkeit durch und die Welt ist nicht mehr festgelegt und verrammelt, sondern offen und frei.

Wenn ich daran denke, wie oft wir hier gebetet haben, dass wir ein freundliches, gastfreundliches Land werden, und mir war es manchmal schon peinlich, immer wieder das Gleiche zu beten, als ob es nichts anderes gäbe. Aber dann ist vor einer Woche irgendetwas gekippt, und viele im Land sind zu den Bahnhöfen gegangen und haben in großer Zahl »Ja« zu den Menschen gesagt, die jetzt zu uns kommen.

Die Vision von einem guten Land

Und auf einmal sind die Flüchtlingsheimanzünder und Hassprediger nicht mehr in der Offensive. Und wir können die Vision sehen von einem Land, das stark und gesund und freundlich ist, weil es freiwillig den Teil am Unglück dieser Welt auf sich nimmt, den Gott uns zumutet. Ein Land, das sich der mächtigen Hand Gottes anvertraut und akzeptiert, was diese Hand uns gibt, und so gesegnet wird. Wenn wir davon bewegt sind, müssen wir uns keine Sorgen um die Zukunft machen.

Natürlich kann es sein, dass irgendwann die Stimmung wieder kippt, und dass irgendwann Menschen und Regierungen verzagen vor den Problemen, die da vielleicht noch auf uns zukommen. Aber – merkt ihr? – das sind schon wieder die Sorgen. Und die sollen wir nicht endlos wälzen und bereden, sondern sie Gott anvertrauen. Je mehr Raum man den Sorgen gibt, um so größer werden sie. Das ist ein ganz einfacher Zusammenhang. Ja, natürlich ist die Welt voller Probleme und Gefahren. Sie ist sogar ziemlich gefährlich. Wer das nicht sieht, hat keine Augen im Kopf. Aber deswegen müssen wir noch lange nicht unser Gehirn damit vollstopfen. Das wird für wichtigere Dinge gebraucht: um die Probleme von heute anzupacken, um auf Gott zu hören, um Menschen zu lieben. Sorgen sind vom Teufel.

Frühwarnsysteme

In vielen Geschichten und Romanen gibt es ja irgendwelche Zeichen, die anzeigen, dass man in Gefahr ist: Schwerter, die sich melden, wenn Orks in der Nähe sind oder so. Sorgen sind auch so ein Warnsignal, dass der Feind sich anschleicht. Wenn du merkst, dass du ängstlich wirst und anfängst zu grübeln und dich zu sorgen, dann schau nach, wo er sich einschleichen will und tritt ihm entgegen. Sei klar und mutig.

Denn Jesus ist auferstanden! Und deshalb wird Gott Lösungen finden. Manchmal geht es schnell, manchmal müssen wir warten und durchhalten. Die ersten Christen haben im gnadenlosen römischen Imperium dreihundert Jahre durchhalten müssen, und einige haben darüber ihr Leben verloren. Am Ende hatten sie das Imperium ein Stück menschlicher gemacht. Aber sie haben durchhalten müssen. Deswegen schließt Petrus hier mit der Verheißung, dass Gott uns »aufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen« wird. Stark wird man, wenn man eine Zeit auch bei Gegenwind durchhält. Wenn du das mal gelernt hast, egal bei welcher Gelegenheit, dann nützt dir das dein ganzes Leben lang.

Gut schlafen

Wenn wir also demütig werden gegenüber Gott und uns nicht sperren gegen seine starke Hand, die uns führt, dann werden wir mutig gegenüber Menschen und dem, was sie uns als unser »Schicksal« aufschwatzen wollen. Unser Kopf wird frei und unser Schlaf wird fest.

Vom Apostel Petrus wird erzählt, dass er in Jerusalem schon in der Todeszelle saß, und als der Engel Gottes kam, um ihn zu befreien, da musste er ihn erst schütteln, bis er wach wurde (Apostelgeschichte 12,6-7). Wenn einer in der Nacht vor seiner geplanten Hinrichtung so fest schlafen kann, dann hat er wirklich gelernt, sich Gottes gewaltiger Hand anzuvertrauen.

Sep 142015
 

Predigt am 6. September 2015 zu Offenbarung 14,1-5 (Predigtreihe Offenbarung 23)

1 Und ich sah: Das Lamm stand auf dem Berg Zion und bei ihm waren hundertvierundvierzigtausend; auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen seines Vaters. 2 Aus dem Himmel ertönte ein Brausen, das sich wie das Tosen einer mächtigen Brandung und wie gewaltiges Donnerrollen anhörte und gleichzeitig wie Musik von Harfenspielern klang. 3 Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Lebewesen und vor den Ältesten. Aber niemand konnte das Lied vernehmen außer den Hundertvierundvierzigtausend, die aus allen Völkern der Erde freigekauft sind.
4 Sie haben sich durch keinerlei Untreue dem Lamm gegenüber schuldig gemacht, sondern haben sich rein bewahrt wie eine Braut für ihren Bräutigam und folgen dem Lamm, wohin es auch geht. Unter allen Menschen sind sie diejenigen, die freigekauft wurden und wie eine Erstlingsgabe Gott und dem Lamm geweiht sind. 5 Über ihre Lippen ist nie eine Lüge gekommen; es ist nichts an ihnen, was Tadel verdient.

Als wir zuletzt vor zwei Wochen auf die Offenbarung hörten, begegneten wir da dem Tier aus dem Abgrund, dem Monster, der Kreatur des Satans. Gemeint war das Imperium Romanum mit seinem Zentrum, dem römischen Kaiser. Eine Machtmaschine, wie sie die Welt bis dahin nicht gekannt hatte. Und damit die Menschen ruhig bleiben, auch wenn sie von diesem Zentrum ausgebeutet und manchmal zugrunde gerichtet werden, gibt es eine umfassende Propagandaabteilung: den Kaiserkult, der überall im Lande seine Tempel, Standbilder und Propagandisten hat. Und gleichzeitig ist dieses Machtsystem ein Symbol für alle Imperien und Reiche, die Menschen beherrschen und eine Heerschar von Propagandisten beschäftigen, die die Loyalität der Unterworfenen sichern sollen.

Gottes Gegenmacht
Bild: nickelbabe via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Bild: nickelbabe via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Es ist ein bedrückendes Bild des Herrschaftssystems, das sich die ganze Erde unterwerfen will. Und so konnte ich das letzte Mal aus dem Text selbst gar nicht so viel Hoffnung gewinnen, weil Johannes erst einmal schlicht beschreibt, wie dieses System funktioniert. Erst heute sehen wir klarer, was Gott der Bedrohung durch das imperiale Monster entgegen setzt.

»Ich habe meinen König auf dem Berg Zion eingesetzt« heißt es in Psalm 2. Und so schwenkt das Bild jetzt von den Monstern, die dem Meer entsteigen, zum Berg Zion. Und da sehen wir das Lamm, wie Jesus in der Offenbarung oft bezeichnet wird. Das Lamm und 144.000 Menschen, die sich der imperialen Macht nicht gebeugt haben. Das ist Gottes Gegenmacht, an der der Angriff des Monsters scheitern soll.

Wir kennen diese 144.000 schon aus dem 7. Kapitel der Offenbarung. Da wird all diesen Menschen das Siegel des lebendigen Gottes auf die Stirn gedrückt. Hier erfahren wir mehr über sie: sie folgen dem Lamm, wohin es geht, heißt es. Es sind die Nachfolger Jesu, und indirekt wird damit gesagt, dass sie nötigenfalls Jesus auch ins Leid und in den Tod folgen werden. Hier sieht man: die Offenbarung greift ihre Themen und Bilder immer wieder auf und entwickelt sie nach und nach weiter.

Das himmlische Lied, gehört auf der Erde

So ist es auch mit dem Lied, das jetzt zu hören ist. In Kapitel 5 war beschrieben, wie im Himmel vor Gottes Thron ein neues Lied gesungen wird, ein Loblied für Jesus, der mit seinem Tod Menschen aus allen Völkern und Kulturen erworben und befreit hat und der als einziger in der Lage ist, das Buch mit dem geheimen Plan Gottes zu öffnen und zu lesen.

In Kapitel 5 war das eine Vision aus dem Himmel. Jetzt sehen wir das Ganze von der anderen Seite aus, von der Erde her, und da kommt es nur undeutlich an. Im Himmel ist es ein klarer, schöner, gewaltiger Gesang. Auf der Erde ist es zunächst einmal ein gewaltiges, starkes Brausen, wie eine Meeresbrandung. Übrigens wird auch die Stimme des himmlischen Jesus in Kapitel 1 mit so einem Brausen beschrieben. Aber durch das Brausen hindurch hört man die Worte Jesu und hier hört man in dem Brausen die himmlische Musik. Besser gesagt, der Seher Johannes kann sie hören, und auch die 144.000 hören das Lied. Die anderen hören nur das Brausen: sie bekommen mit, dass da irgendetwas Großes passiert, aber sie verstehen es nicht.

Dieses Bild sagt: die Leute Jesu sind diejenigen, die jetzt schon die Musik aus dem Himmel hören können. Auf der uns verborgenen Seite der Welt wissen sie schon, dass mit Jesus die große Revolution der Welt geschehen ist. Und da freuen sie sich und singen und loben Gott für seine großen Taten, aber nur die befreiten Menschen hören und verstehen auf der Erde diese Musik. Auch sie verstehen das nicht in aller Klarheit und Schönheit, aber sie ahnen wenigstens die Musik der neuen Welt, das neue Lied, das jetzt die Schöpfung bewegt. Für die anderen ist es – wenn überhaupt – nur ein unklares Getöse. Aber diese Menschen Jesu sind geschützt gegen die Parolen der Propagandamaschine, sie haben die Lügen nicht nachgeplappert, mit denen das Sicherheitssystem die Menschen besoffen redet. Weil sie das neue Lied der neuen Welt kennen und vielleicht sogar mitsingen, haben sie etwas Besseres und werden immun gegen das süße Gift der Lüge.

Eine Welt der Lüge

Lüge ist ein Grundbaustein des Systems, mit dem der Drache herrscht. Menschen glauben ihre eigenen Lebenslügen, Familien pflegen Illusionen über sich selbst und ihr harmonisches Zusammenleben, Völker leben mit Fantasien darüber, wie toll sie sind und wie wertvoll. Seit vielen Jahren erleben wir den Versuch, uns davon zu überzeugen, dass es am besten ist, wenn Menschen nur an sich selbst denken und mit niemandem anderen solidarisch sind, und dass man vor allem an der Unterstützung der Schwachen sparen, sparen, sparen muss. Ich denke, diese ganzen Parolen vom Sparen und vom Gürtel-enger-Schnallen kennen wir alle, aber sie werden nie den Superreichen dieser Welt gepredigt, denen die Hälfte oder mehr aller Vermögen gehören.

Beschämt durch Freundlichkeit

Es gibt ganze Denkfabriken, die planvoll überlegen, mit welcher Argumentation man die Menschen am besten zu Hartherzigkeit, Knauserigkeit und Selbstsucht überreden kann. Aber dann kommen Flüchtlinge in großer Zahl bei uns an, und auf einmal sind viele Menschen da, die sagen: die kann man doch nicht vor unserer Tür sich selbst überlassen, da muss man doch helfen, was kann ich tun? Und man kann sich ziemlich sicher sein, dass da viele dabei sind, die direkt oder auf Umwegen durch Jesus und seinen Weg motiviert sind. Und alle, die laut schreien: »wir wollen keine Flüchtlinge bei uns« und am Ende Häuser anzünden, die werden beschämt von all den anderen, die einfach menschlich sind – und sich vielleicht daran erinnern, dass es in der Geschichte ihrer eigenen Familie auch Flüchtlingsschicksale gibt.

Das ist die Art, wie der Krieg des Lammes geführt wird: durch Menschen, die ihr Herz nicht hart werden lassen, sondern Jesus folgen und Liebe üben. Jesus und seine Leute schlagen nicht, sie töten nicht, und trotzdem ist die Hilfsbereitschaft, die jetzt in unserem Land aufbricht, eine Ohrfeige für alle, die von Hass bewegt sind. Wenn die einen schimpfen und zündeln und die anderen helfen und freundlich sind, dann muss man schon ziemlich blind sein, wenn man nicht sieht, was die richtige Seite ist.

Den Weg für Freundlichkeit freimachen

Aber es braucht dazu Menschen, die anfangen, die vorangehen, die zeigen, dass es möglich ist. Es braucht Menschen, die andere ermutigen, damit die ihr gutes Potential auch einsetzen. Als wir vor zehn Jahren hier unser Kirchenasyl hatten, da haben auch ganz viele mitgeholfen, wenn wir sie gebeten haben, obwohl damals die allgemeine Stimmung noch anders war. Aber wir mussten vorangehen, und dann haben sich die anderen auch daran erinnert, dass sie doch eigentlich gerne helfen und gut sind. Menschen sind so geschaffen, dass wir eigentlich helfen möchten. Aber wir haben es schwer, dem zu glauben, weil die Drachenwelt uns immer wieder sagt, dass das unrealistisch ist. Wenn aber die 144.000 sich dem Drachen und seinen Propagandisten nicht beugen, dann erwacht in vielen anderen auch der Wunsch zu helfen und gut zu sein. Und am Ende macht auch die Regierung mit. Und jeder, der dann sein lebendiges, liebevolles Herz entdeckt und Solidarität übt, ist eine schallende Ohrfeige für den Drachen.

Deswegen wird über die 144.000 gesagt, dass sie die Erstlingsgabe sind, die Gott und dem Lamm, also Jesus, geweiht sind. Das ist ein Bild aus dem Bereich des Tempelopfers. Die ersten Früchte der neuen Ernte bringt man Gott, man weiht sie ihm, und zeigt damit, dass ihm die ganze Ernte gehört. So sind auch die 144.000 erst der Anfang, sie sind der Vortrupp des Lebens, und sie machen für die anderen den Weg frei. Sie schneiden mit ihrer Existenz und ihrer Lebensweise ein Loch in das Netz der Propaganda, in dem die Menschen gefangen sind. Sie können das alles, weil sie das himmlische Lied vernehmen und so immun werden gegen die krächzenden Lügen der Monster.

Die Geduld der Heiligen

Und deswegen wiederholt Johannes immer wieder, dass es auf die Geduld und Standhaftigkeit der Heiligen ankommt. Ja, es wird keine schnellen Erfolge geben, obwohl Erfolge nicht ausbleiben werden. Auch wenn der Krieg des Lammes auf der Seite der Jünger Jesu mit Waffen der Liebe ausgekämpft wird, ist es wirklich ein harter Kampf. Und er kostet Opfer. Wenn man allerdings schaut, wieviel Opfer andere Kriege kosten, also: wenn wir aktuell nach Irak und Syrien schauen, dann muss man sagen: der Krieg des Lammes ist im Vergleich einer mit viel weniger Opfern. Der Unterschied ist nur, dass die Opfer vor allem auf der Seite der Christen gebracht werden. Die 144.000, die für die starke weltweite Christenheit stehen, riskieren für sich selbst viel und zerstören niemanden. Aber das ist der Weg, wie Gott und seine Leute in dieser Welt kämpfen.

Die entscheidende Frage ist, ob wir mit Geduld und Standhaftigkeit durchhalten. Wir sollen nicht zurückweichen, wir sollen uns nicht auf falsche Fährten locken lassen. Natürlich wird der Drache sich etwas Neues ausdenken, wenn er den ersten Schreck über so viel Hilfsbereitschaft und Solidarität hinter sich hat. Wer weiß, was er noch an bösen Überraschungen bereithält. Deswegen will Johannes, dass wir auf Tricks und Angriffe vorbereitet sind.

Die Melodie muss weiter klingen

Im Grunde geht es um einen Abnutzungskrieg. Werden die 144.000 durchhalten? Werden sie konsequent immer weiter liebevoll und freundlich, hilfsbereit und verantwortungsvoll bleiben? Werden sie immer weiter auf das Siegeslied aus dem Himmel hören? Und es in ihrem Herzen weitersingen? Werden sie fest mit Jesus verbunden bleiben? Dann ist der Sieg Gottes über das Monsterimperium nicht mehr weit. Mit Menschen, die unbeirrbar durchhalten und sich nicht beirren lassen, befreit Gott seine Schöpfung.

Sep 072015
 

Predigt am 30. August 2015 zu 1. Johannes 4,7-12

7 Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. 8 Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe.
9 Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. 10 Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.
11 Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben. 12 Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns ans Ziel gekommen.

WeltGott ist Liebe. Das ist die christlichen Grundaussage über Gott, und hier wird das ganz besonders konzentriert ausgesprochen. Gott ist Liebe. Das ist sein Wesenskern, das ist seine Motivation. Aus Liebe hat er die Welt geschaffen, und Liebe hat er eingeschrieben in die Fundamente der Welt. Liebe ist das Muster, nach dem die Welt funktioniert, und wenn wir sie nach anderen Regeln behandeln, dann funktioniert sie nicht gut.

Für uns als europäische Menschen, die aus einer langen christlichen Tradition stammen, ist das keine besonders überraschende Behauptung. Natürlich ist Gott Liebe, er ist doch der »liebe Gott«, wie sollte er sonst sein? Wir haben vielleicht Probleme mit Menschen, deren Verhalten dem nicht entspricht, obwohl sie religiös zu sein scheinen, aber dass Gott, wenn es ihn gibt, Liebe ist, das ist für die meisten keine Überraschung.

Götter, die nicht Liebe sind

Als Johannes seinen Brief schrieb, war das ganz anders. Die damaligen Götter waren höchstens nebenbei auch liebevoll. Man hoffte, sie mit Opfern und Zeremonien zu freundlichem Verhalten zu bewegen. Dass sie wirklich halfen, und vor allem: dass sie überhaupt helfen wollten, war keineswegs sicher. Götter hatten ihre eigenen Ziele, sie stritten miteinander, sie verliebten sich und bekämpften sich, und wenn man als Mensch dazwischen geriet – Pech gehabt! Und wenn man nun gar an den göttlich verehrten römischen Kaiser denkt – dessen Ruhm und seine Stärke werden gepriesen, wohl auch seine Klugheit, bestenfalls der Frieden, den er gebracht hat. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, seinen Antrieb und sein innerstes Wesen in der Liebe zu suchen.

In dieser Welt, in der Liebe eher eine Randexistenz führte, schreibt Johannes seinen Brief mit dem Zentralthema Liebe. Der wirkliche, wahre Gott wird von Liebe bewegt, und ihn kennen, das geht nur, wenn ihr auch von Liebe bewegt seid und in einer ziemlich rauen Welt Gemeinschaften der Liebe aufbaut, Gemeinschaften, die sich nach dem Muster zusammenfinden, das der wahre Gott in die Grundfesten der Welt eingeschrieben hat.

Dieses Muster der Liebe kann man aber heute genauso wenig an der Welt ablesen wie damals. Johannes lebte in einer Welt, in der Menschenleben wenig zählten, wo man vor allem in der eigenen Großfamilie zusammen hielt und andere außen vor waren. Wir heute sind eher gewöhnt, die Welt als Ansammlung toter Materie anzusehen, mit der man machen kann, was man will – aber nicht als sichtbar gewordene Liebe.

Sichtbar gewordene Liebe

Aber darum geht es: die Welt ist nicht neutral und stumm, sondern hinter ihr steht Gott, und er hat alles so eingerichtet, dass die Welt erst unter den Sonnenstrahlen der Liebe wirklich aufblüht. Ohne Liebe wird die Welt kalt und zum Fürchten, und sie bleibt weit unter ihren vollen Möglichkeiten. Die ganze Schöpfung wartet darauf, dass endlich Menschen erscheinen, die die Betriebsanleitung der Welt verstehen und danach handeln.

Und damit das Wort »Liebe« nicht ein Allerweltswort wird, unter dem man alles Mögliche verstehen kann, hat Gott, der Schöpfer der Welt, sich in ein Menschenleben übersetzt: Jesus ist der Mensch, an dessen Leben und Worten man ablesen kann, was Liebe ist.

Deswegen haben wir vorhin in der Lesung diese Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37) gehört, wo Jesus nicht nur einen misstrauisch beäugten Außenseiter zum Helden macht (die Samaritaner standen in der Rangfolge der Wertschätzung damals ziemlich weit unten). Vor allem dreht Jesus die Frage des Schriftgelehrten »wer ist denn mein Nächster?« um. Es geht nicht mehr darum, wem ich helfen muss und wem nicht.

»Wem muss man helfen und wem nicht?«

Da kann man ja lange und fruchtlos drüber streiten, wann wir zur Hilfe verpflichtet sind und wann nicht. Aktuell kann man die ganzen verbalen und tätlichen Angriffe auf Fremde, die bei uns Schutz suchen, ganz gut im Rahmen dieser Frage verstehen. Da fühlen sich Menschen sowieso schon lange im Stich gelassen und abgehängt, und sie sehen, dass anderen geholfen wird, und sie fürchten, dass das auf ihre Kosten geht. Und sie haben das Gefühl: zuerst müsste eigentlich uns geholfen werden. Ob dieses Gefühl berechtigt ist, ist eine ganz andere Frage, aber diese Angst, abgehängt zu sein, ist der mehr oder weniger bewusste Hintergrund, vor dem dann einige auch ganz enormen Hass entwickeln.

Aber diese Frage »wem muss man helfen und wem braucht man nicht zu helfen?« führt in eine Sackgasse, weil Liebe unteilbar ist. Es gibt keine vernünftige Antwort, weil schon die Frage falsch ist. Liebe hat keine Grenzen, denn sie wird mehr, wenn wir Liebe ausüben. Liebe ist kein knappes Gut. Unsere Liebesfähigkeit ist wie ein Muskel: je mehr sie trainiert wird, um so stärker wird sie. Wenn sie nicht benutzt wird, verkümmert sie. Je mehr Liebe wir schenken, um so reicher werden wir an Liebe. Eine liebevolle Gesellschaft ist eine reiche Gesellschaft, und wenn wir den einen helfen, wird das allen zugute kommen. Wenn wir aber die einen schlecht behandeln, weil es den anderen auch nicht besser geht, wird daraus eine Abwärtsspirale, die alle nach unten zieht.

Es ist genug für alle da

Aber das ist überhaupt nicht nötig. Es ist genug für alle da. Gott war nicht knauserig, als er die Welt schuf. Gott ist großzügig. Und unser Land hat sogar ziemlich viel abbekommen von seiner Großzügigkeit. Liebe muss nicht sparen. Knapp wird es immer nur dann, wenn Menschen glauben, es würde nicht reichen und dann zuerst oder ausschließlich an sich selbst denken.

Deshalb dreht Jesus diese Frage: »wem muss ich helfen und wem nicht?« um und sagt: wem willst du denn helfen? Guck dir den Samariter an, der hat von sich aus den Schwerverletzten am Straßenrand zu seinem Nächsten gemacht. Niemand hätte ihn dazu verpflichten können, aber er wollte es so. Die Liebe hat ihn motiviert. Sieh ihn dir an und erkenne, dass jeder ein liebevoller Mensch sein kann, einer von denen, die die Welt freundlicher und heller machen. Jemand, an den einige Menschen ihr Leben lang zurückdenken werden und sagen: wenn die nicht gewesen wäre, ich weiß nicht, was dann aus mir geworden wäre! Als ich ganz am Ende war, da hat seine Freundlichkeit und Wärme mich gerettet! Das ist die Berufung über unserem Leben, über dem Leben von uns allen. Willst du nicht auch so sein? Wir haben selbst das meiste davon, wenn wir unserer Berufung folgen.

Liebe, die initiativ wird

Man muss das so nebeneinander sehen: Wir sind nicht verpflichtet, in jeder möglichen und unmöglichen Lage zu helfen, aber wir haben in uns das Potential, ganz viel Gutes zu bewirken. Dieses Potential ist unbegrenzt. Es gibt viele Menschen, die das von sich selbst gar nicht mehr glauben mögen, aber Jesus ist gekommen, weil Gott diesen Glauben in uns allen wecken möchte.

Gott wäre ja auch nicht verpflichtet gewesen, die Welt zu schaffen, aber er wollte es so. Die Liebe hat ihn motiviert. Er hat sich entschieden, unser Allernächster zu sein. Wir sind zuerst in seinen schöpferischen Träumen lebendig gewesen, und dann hat er sein eigenes Leben in uns hineingelegt und uns ins Leben gerufen. Und wir konnten diesem liebevollen Ruf nicht widerstehen.

Strukturen voller Misstrauen

Wir werden dann leider in eine Welt hineingeboren, die in vielen Bereichen von Misstrauen regiert wird. Der größte Teil unserer Bürokratie ist organisiertes Misstrauen. Wenn du einen Verletzten ins Krankenhaus bringst, ist die wichtigste Frage die nach der Versicherung. Wenn ein Fremder bei uns Zuflucht sucht, sind die größten Hürden die undurchschaubaren Vorschriften. Wenn jemand arbeitslos wird, gerät er in ein Gestrüpp von Regelungen, wo auch die Leute vom Jobcenter nicht immer durchblicken. Den Mindestlohn setzen wir bloß nicht zu hoch an, damit es keinem zu gut geht. Wenn du heiratest, brauchst du einen Haufen Dokumente, um zu beweisen, dass du nicht schon zwei Frauen hast. Wenn du einen Telefonvertrag abschließt, verstehst du das Kleingedruckte nicht. Eine Welt voller Misstrauen und Tricks versucht uns glauben zu machen, dass Großzügigkeit ein schöner Traum ist, eine weltfremde Illusion.

Wir haben viel zu verschenken

Und trotzdem leben wir alle immer noch von der Großzügigkeit Gottes, der es regnen lässt und die Sonne scheinen lässt über Böse und Gute: über die, die das verdienen, aber auch über die anderen. Und wir erleben natürlich auch dauernd die spontane Freundlichkeit von Menschen, die nicht mit Liebe sparen, die nicht misstrauisch sind, die von sich aus schenken und geben, und wahrscheinlich, hoffentlich sind wir doch auch so. Trotz aller Versuche, uns das auszutreiben, damit wir endlich auch in diese Welt des verwalteten Misstrauens hineinpassen. Aber wollen wir wirklich zu diesen armen Menschen gehören, die mit Überzeugung sagen »ich habe nichts zu verschenken«?

Jeder hat ganz viel zu verschenken. Wir sind reich. Gott hat uns so gemacht, er hat eine Welt voller Überfluss geschaffen. Und Johannes erinnert seine Leute in dem Brief daran, damit sie sich das nur nicht ausreden lassen. Wer glaubt, Gott wäre knauserig, der kennt ihn nicht. Aber wir, sagt er, wir kennen ihn, wie er wirklich ist, und wir leben in diesen Gemeinschaften der Großzügigkeit und der Liebe, die Jesus ins Leben gerufen hat. Wenn um uns herum der große Versuch im Gange ist, die Welt hart und karg zu machen, dann setzen wir eine Welt der Liebe dagegen. Wo alle glauben, sie kämen zu kurz, da kennen wir den unerschöpflichen Segen Gottes. Während viele am liebsten unter Gleichen sind, entdecken wir in anderen und Fremden ein Geschenk. Obwohl viele sich nichts zutrauen, wächst unsere Kraft. Andere verschanzen sich ängstlich in der Abwehr, wir gehen offensiv auf die Welt zu und entdecken ihren Reichtum. Gott ist nicht fremd und fern, sondern er lebt unter uns, und wir erinnern alle daran, wie die Schöpfung wirklich gemeint ist.

Die Welt des Misstrauens ist nicht alternativlos. Weil Gott Liebe ist, deshalb gehört der Liebe die Zukunft, und das spürt man schon in der Gegenwart.