Aug 312015
 

Predigt am 23. August 2015 zu Offenbarung 13,1-18 (Predigtreihe Offenbarung 22)

1 Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem Meer, mit zehn Hörnern und sieben Köpfen. Auf seinen Hörnern trug es zehn Diademe und auf seinen Köpfen Namen, die eine Gotteslästerung waren. 2 Das Tier, das ich sah, glich einem Panther; seine Füße waren wie die Tatzen eines Bären und sein Maul wie das Maul eines Löwen. Und der Drache hatte ihm seine Gewalt übergeben, seinen Thron und seine große Macht. 3 Einer seiner Köpfe sah aus wie tödlich verwundet; aber die tödliche Wunde wurde geheilt. Und die ganze Erde sah dem Tier staunend nach. 4 Die Menschen warfen sich vor dem Drachen nieder, weil er seine Macht dem Tier gegeben hatte; und sie beteten das Tier an und sagten: Wer ist dem Tier gleich und wer kann den Kampf mit ihm aufnehmen? 5 Und es wurde ermächtigt, mit seinem Maul anmaßende Worte und Lästerungen auszusprechen; es wurde ihm Macht gegeben, dies zweiundvierzig Monate zu tun. 6 Das Tier öffnete sein Maul, um Gott und seinen Namen zu lästern, seine Wohnung und alle, die im Himmel wohnen. 7 Und es wurde ihm erlaubt, mit den Heiligen zu kämpfen und sie zu besiegen. Es wurde ihm auch Macht gegeben über alle Stämme, Völker, Sprachen und Nationen. 8 Alle Bewohner der Erde fallen nieder vor ihm: alle, deren Name nicht seit der Erschaffung der Welt eingetragen ist ins Lebensbuch des Lammes, das geschlachtet wurde.

9 Wenn einer Ohren hat, so höre er. 10 Wer zur Gefangenschaft bestimmt ist, geht in die Gefangenschaft. Wer mit dem Schwert getötet werden soll, wird mit dem Schwert getötet. Hier muss sich die Standhaftigkeit und die Glaubenstreue der Heiligen bewähren.

11 Und ich sah: Ein anderes Tier stieg aus der Erde herauf. Es hatte zwei Hörner wie ein Lamm, aber es redete wie ein Drache. 12 Die ganze Macht des ersten Tieres übte es vor dessen Augen aus. Es brachte die Erde und ihre Bewohner dazu, das erste Tier anzubeten, dessen tödliche Wunde geheilt war. 13 Es tat große Zeichen; sogar Feuer ließ es vor den Augen der Menschen vom Himmel auf die Erde fallen. 14 Es verwirrte die Bewohner der Erde durch die Wunderzeichen, die es im Auftrag des Tieres tat; es befahl den Bewohnern der Erde, ein Standbild zu errichten zu Ehren des Tieres, das mit dem Schwert erschlagen worden war und doch wieder zum Leben kam. 15 Es wurde ihm Macht gegeben, dem Standbild des Tieres Lebensgeist zu verleihen, sodass es auch sprechen konnte und bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Standbild des Tieres nicht anbeteten. 16 Die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Sklaven, alle zwang es, auf ihrer rechten Hand oder ihrer Stirn ein Kennzeichen anzubringen. 17 Kaufen oder verkaufen konnte nur, wer das Kennzeichen trug: den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens.

18 Hier braucht man Kenntnis. Wer Verstand hat, berechne den Zahlenwert des Tieres. Denn es ist die Zahl eines Menschennamens; seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.

Aus dem Meer steigen Ungeheuer. Das wissen wir nicht nur aus Monsterfilmen, das wusste schon Johannes aus seiner Bibel, aus dem siebten Kapitel des Buches Daniel. Da wird in einer Vision beschrieben, wie vier riesige Tiere aus dem Meer steigen: ein Löwe, ein Bär, ein Panther und ein unbeschreiblich schreckliches Ungetüm. Aber da haben sich nicht ein paar kreative Filmemacher überlegt, wie sie ihre Mitmenschen am besten zum Gruseln bringen können. Bei Daniel sind die Monster Symbole für vier Großreiche, denen Israel begegnet war – wahrscheinlich Babylon, Medien, Persien und das hellenistische Reich Alexanders des Großen und seiner Nachfolger.

Monster der Macht
Bild: sindy2838 via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Für viele Menschen in der alten Zeit waren das Monster, die über ihre Welt herfielen, wo sie bis dahin verstreut in kleinen Gemeinschaften gelebt hatten. Da gab es natürlich auch Krieg und Gewalt, aber die großen Imperien waren etwas anderes. Ein Imperium ist ein Machtzentrum, das eine gut organisierte Berufsarmee hat und sich immer mehr Länder und Völker unterwirft. Die Unterworfenen werden versklavt, oder ihnen werden Tribute und Steuern abgepresst, um damit die Armee zu bezahlen und zu vergrößern, und dann kann das Imperium sich noch weiter ausdehnen. Das bedeutet noch mehr Einnahmen, man kann die Armee vergrößern, das gibt noch mehr Beute, und so weiter. Im Bild der Monster haben die Menschen sich klargemacht, was da mit ihnen passiert.

Die Könige Israels hatten gedacht, sie könnten sich gegen das babylonische Reich behaupten, aber gegen eine solche Machtmaschine hat ein kleines Königreich wie Israel keine Chance. So ein Imperium stoppt erst, wenn es an inneren Widersprüchen zugrunde geht, oder wenn es auf ein anderes Reich stößt, das eben so stark ist. Daniel in seiner Vision hat die Hoffnung, dass Gott eines Tages die Monster zur Rechenschaft zieht und die Herrschaft einem Menschen anvertraut, der sie menschlich ausübt.

Das ultimative Imperium

Johannes kannte natürlich Daniel 7. Und er beschreibt in diesem Kapitel ein Supermonster, das Merkmale all dieser vier Monster aus Daniels Vision trägt. Das ist sozusagen das ultimative Imperium, schlimmer als alles, was man bis dahin kannte. Und in der Zeit von Johannes war ganz klar, dass das nur Rom sein konnte: eine Machtzusammenballung, wie man sie in der Geschichte der Menschheit noch nie erlebt hatte. Eine Machtmaschine mit praktisch unbesiegbaren Legionen, die Länder eroberte, Städte zerstörte und die Bevölkerung als Sklaven verkaufte, die ganze Provinzen auspresste und durch die hohen Steuern die Existenz unzähliger Menschen zerstörte.

Das römische Imperium hatte bis dahin etwa 10 Kaiser gehabt – je nachdem wie man zählte. Deswegen hat das Monster 10 Diademe, also Kronen. Und all diese Kaiser waren nach ihrem Tod oder schon vorher als Götter verehrt worden. Für Juden und Christen war das eine klare Lästerung des einen Gottes. Und es war nicht einfach nur einer von den vielen regionalen Göttern, die alle Völker hatten, sondern es war ein richtiger Gegengott mit der Macht, sich weltweit durchzusetzen. Und noch mehr: die Christen wussten, dass Jesus der Herr der Welt ist. »Jesus ist der Kyrios, der Herr«, das war das zentrale Glaubensbekenntnis. Aber diese Herrschaft war ein anderer Typ von Macht, eine menschenfreundliche Art der Herrschaft. Das kollidierte mit dem Titel »Herr«, den auch die römischen Kaiser trugen, und vor allem mit ihrer Praxis. Der Kaiser ist eine schlechte Karikatur von Jesus. Und dann gibt es sogar die Geschichte von der tödlichen Wunde an einem Kopfe des Tieres, die überraschender Weise geheilt wird. Also eine Geschichte von Tod und Auferstehung!

Unerwartete Stabilität

Was könnte damit gemeint sein? Der Kaiser Nero wurde gestürzt und setzte auf der Flucht seinem Leben ein Ende. Von ihm haben die Leute sich erzählt, dass er wiederkommen, vielleicht sogar auferstehen würde. Tatsächlich folgten auf Nero in einem Jahr vier Kaiser. Die ersten drei, Galba, Otho und Vitellius, regierten jeweils ein paar Monate und wurden dann vom nächsten gestürzt, was jeweils mit ihrem Tod endete. Erst der vierte, Vespasian, blieb Kaiser. Alles in einem Jahr! Das Reich schlitterte knapp an einem blutigen Bürgerkrieg vorbei. Eine große Krise, die gerade noch mal gemeistert wurde.

Mir fällt dazu der Herbst 2008 ein: die große Krise, als die Banken gerettet werden mussten und die Weltwirtschaft am Abgrund stand. Viele dachten: jetzt ist der Kapitalismus am Ende! Aber heute scheint das Geschichte zu sein, die Wirtschaft brummt wieder und die Leute, die uns damals den Schlamassel eingebrockt haben, sind schon wieder obenauf und verdienen noch mehr Geld als vorher.

Vielleicht steht so eine Erfahrung hinter der tödlichen und doch geheilten Wunde des Monsters: es sah nach einer ernsthaften Krise des Imperiums aus, aber kurz danach ist es stärker als zuvor, seine Macht ist ungebrochen. Zweiundvierzig Monate, dreieinhalb Jahre lang sonnt es sich unangefochten im Glanz seiner Macht, und alle beten es an.

Hier haben wir wieder die dreieinhalb Jahre, die uns schon öfter begegnet sind und immer eine Zeitspanne bedeuten, wo es aussieht, als ob Gott vor den Herrschern dieser Welt kapituliert hat. Sie schalten und walten wie sie wollen, und wer nicht zum Volk Gottes gehört und es besser weiß, der huldigt der Macht. Menschen fallen immer dem Stärksten zu, wenn sie nicht fest bei Gott verankert sind.

Gewalt allein reicht nicht

Aber das geht anscheinend nicht ohne eine entsprechende Ideologie. Die Römer haben deshalb nicht allein auf die nackte Gewalt vertraut, auf ihre Legionen. Sie haben auch versucht, die Menschen religiös zu dominieren. In den Tempeln wurden überall die Bilder der alten Lokalgottheiten zur Seite gerückt und Kaiserstatuen aufgestellt. Gerade in Kleinasien, wo Johannes herkommt, wetteiferten die örtlichen Machthaber darum, wer den größten, schönsten und teuersten Kaisertempel hatte. Man kann die örtlichen Eliten und ihr Kalkül verstehen: Rom schützte sie gegen ihre Bevölkerung, sie saßen in Zukunft fester im Sattel als vorher, und im Gegenzug sorgten sie dafür, dass ihre Städte loyal blieben und pünktlich die Steuern zahlten. Und damit das Volk ruhig blieb, wurde der Kaiser als Gott und Friedensbringer und Garant des Wohlstands im Tempel verehrt. Woher soll da Opposition kommen? Wenn auch alle geistigen Mächte dem Imperium dienen – wie sollten die Menschen da auf die Idee kommen, dass es auch anders gehen könnte? Aus welcher Quelle hätten sie schöpfen können, um sich der Faszination zu entziehen, die diese monströse Machtmaschine ausstrahlte? Besonders, wenn sie dann eben noch diesen mächtigen Propagandaapparat hat?

Gleichgeschaltete Gesellschaft

Johannes beschreibt den mit dem Bild des zweiten Tieres: das kommt nicht aus dem Meer, sondern aus der Erde. Es ist sozusagen einheimisch: Die örtlichen Machthaber, die ihre Leute kennen, die Priesterschaft der Tempel kontrollieren und sich in den Dienst des großen Reiches stellen. Die sorgen dafür, dass mit den Kaiserstatuen in den Tempeln ordentlich Hokuspokus gemacht wird. Die erfinden sozusagen eine antike, religiös aufgeladene Unterhaltungsindustrie. Und dann gibt es Feste und Umzüge und die ganze Stadt ist auf den Beinen. Alle tragen irgendwelche Abzeichen, wer es nicht tut, wird schief angesehen, und wenn dir das ganze Humtata auf den Keks geht, kannst du eigentlich nichts anders machen, als möglichst weit weg in Urlaub zu fahren. Aber damals konnte das keiner, Urlaub war unbekannt, und es wollte auch keiner, denn es gab Freibier, und vom Grill gab es Fleisch umsonst. Fleisch! Das kriegten die einfachen Leute sonst nie.

Und wenn einige doch nicht mitmachten wie die Christen, dann waren sie ganz schnell außen vor, gesellschaftlich isoliert. So wie man unter den Nazis schnell negativ auffiel, wenn man nicht bei allen möglichen Gelegenheiten »Heil Hitler« blaffte. In der Offenbarung taucht an dieser Stelle das geheimnisvolle Zeichen auf, das sich alle an Stirn und Hand anbringen. Bis heute weiß man nicht genau, was damit gemeint war. Meine Vermutung ist, dass zu solchen Tempelfesten auch so was wie Jahrmärkte gehörten, und nur mit dem Festabzeichen konnte man da hingehen. Der Druck war viel größer als heute, und eine Privatsphäre, in die man sich zurückziehen kann, gab es für die normalen Menschen nicht.

Die Macht im Hintergrund

Johannes erzählt das alles und sagt: dahinter steckt die Schlange, der Satan. Aus dem Himmel ist er verstoßen worden, Jesus hat ihm mit seinem Leben und Sterben die Grundlage für seinen Einfluss zerstört, und jetzt baut er sich auf der Erde einen Propagandaapparat auf. Das ist alles nicht organisch gewachsen, sondern mit viel Aufwand künstlich inszeniert, aber es wirkt. Es entwickelt einen Sog, dem die Menschen nichts entgegen zu setzen haben.

Vorhin haben wir in der Lesung (Matthäus 4,1-11) gehört, wie Jesus vom Satan versucht wurde. Und die Versuchung bestand gerade in dieser Kombination von Versorgung mit Nahrung, religiösem Hokuspokus und Macht. Jesus hat es ausgeschlagen, auf diese Weise zu herrschen. Er hat dem Sog nicht nachgegeben, weil er wusste, dass Gott der wahre Herrscher der Welt ist, der keinen Hokuspokus braucht und die Welt ganz umsonst mit seinem Segen flutet, und der ist nicht mit Macht und Unterdrückung kontaminiert.

Und wie Jesus sollen die Christen standhaft bleiben, gegen Verlockung und gegen Druck. Johannes ist da ganz realistisch. Es kann sein, dass einigen Gefangenschaft droht. Es kann sein, dass einige getötet werden. Das ist Realität. Und Johannes sagt einfach: Da brauchen wir Geduld, die durchhält, und Glauben an Gott, dass er unterm Strich stärker ist als diese imperialen Machtmonster.

Mit Geduld und Glauben dem Sog widerstehen

Wir haben in der Offenbarung schon verschiedentlich Hinweise darauf gefunden, dass Gott durch die Geduld und Standhaftigkeit seiner Leute siegt. Wenn alle dem Sog der Macht erliegen, dann fallen die paar auf, die das nicht tun. Und dann fragen sich Leute: woher kommt diese Widerstandskraft? Zumal man ja sowieso besser lebt und gedeiht, wenn man ein freier Mensch ist.

Wir denken heute oft, das käme irgendwie so von allein, dass Menschen kritisch über die Machthaber denken und sich ihre Unabhängigkeit bewahren. In Wirklichkeit ist das ganz unwahrscheinlich, und es funktioniert nur, wenn man eine andere Macht kennt als die Macht der bewaffneten Tatsachen. Gott hat seine Leute seit langer Zeit an den Unglauben an diese gesellschaftlichen Mächte herangeführt und ihnen seine andere Macht gezeigt. Das ist jetzt in der Welt und strahlt zum Glück auch auf andere aus. Für viele ist das überhaupt nicht selbstverständlich, und für viele faszinierend. Aber das muss immer wieder ausgeübt und aktualisiert werden. Man muss das in echt erleben können. Und die Echtheit zeigt sich vor allem daran, dass Menschen auch unter Druck in dieser Unabhängigkeit bleiben. Da begegnen Menschen der wirklichen Macht Gottes. Sie hat am Ende tatsächlich auch das Imperium Romanum überwunden.

Das wird man wohl noch sagen dürfen …

Die Zahl 666 bedeutet übrigens nach den Geheimregeln, nach denen man damals so etwas verschlüsselte, »Kaiser Nero«. Sie kann aber auch »Tier« bedeuten. Also ist sie eine geheime Parole: »Der Kaiser ist ein Monster«. Nicht nur persönlich, sondern das ganze Gewaltsystem, das er verkörpert, ist monströs und widerlich. Und Gottes Macht zeigt sich darin, dass Menschen die Augen dafür aufgehen, so dass sie diese Wahrheit unbeirrt erkennen, aussprechen und weitergeben. Nicht nur damals, sondern immer wieder, zu allen Zeiten, bis heute und in Zukunft, bis die Monster am Ende sind.

Aug 242015
 

Predigt am 16. August 2015 zu Offenbarung 12,7-18 (Predigtreihe Offenbarung 21)

7 Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, 8 aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. 9 Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

10 Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten; denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte. 11 Sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod. 12 Darum jubelt, ihr Himmel und alle, die darin wohnen. Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt.

13 Als der Drache erkannte, dass er auf die Erde gestürzt war, verfolgte er die Frau, die den Sohn geboren hatte. 14 Aber der Frau wurden die beiden Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste an ihren Ort fliegen konnte. Dort ist sie vor der Schlange sicher und wird eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit lang ernährt. 15 Die Schlange spie einen Strom von Wasser aus ihrem Rachen hinter der Frau her, damit sie von den Fluten fortgerissen werde. 16 Aber die Erde kam der Frau zu Hilfe; sie öffnete sich und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Rachen gespien hatte. 17 Da geriet der Drache in Zorn über die Frau und er ging fort, um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten.

18 Und der Drache trat an den Strand des Meeres.

Die ersten drei Verse dieses Abschnitts haben wir schon vor zwei Monaten gehört, aber ich dachte, wir knüpfen da heute noch mal an, weil es schon ein bisschen her ist, und das hier ist einer der entscheidenden Wendepunkte in der Offenbarung: ein »Kampf im Himmel«. Der Kampf im Himmel entscheidet langfristig über das Schicksal der Erde. Wie ist das gemeint?

Was ist der Himmel?
Bild: alsen via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Der Himmel ist ein Teil der Schöpfung: die obere Welt, die für uns fast ganz verborgen ist. Er ist gleichzeitig der Teil der Schöpfung, von dem aus Gott auf der Erde wirkt. Er ist sozusagen die Kommandozentrale. Aber nicht in dem Sinn, dass da oben einer an Fäden zieht, und in direkter Reaktion hampeln wir dann mit Arm oder Bein. Es ist eher wie die Schaltzentrale, mit der früher das Hochofenwerk auf dem Hüttengelände gesteuert wurde. Ich habe die gerade noch besichtigen können, bevor das alles außer Betrieb ging.

Da haben sie uns erklärt, dass eine der wichtigsten Aufgaben der Zentrale war, die Temperatur der Hochöfen konstant zu halten. Aber sie konnten ja nicht einfach ein Thermostat runterdrehen, wenn es zu heiß wurde. So ein Hochofen ist kein Elektroherd. Die Öfen wurden mit Koks geheizt, und so ein Feuer brennt, so lange Koks da ist, das kann man nicht einfach runterschalten. Stattdessen haben sie die Bänder schneller laufen lassen, mit denen Erz und Kalk in die Öfen gebracht wurde, und das kühlte die Temperatur dann etwas runter. Es war eine indirekte Steuerung. Und sie brauchte Zeit, bis sie wirkte.

Das scheint mir ein gutes Bild zu sein, wie Gott vom Himmel aus die Erde steuert: er mischt sich in der Regel nicht willkürlich ein, er lässt uns nicht Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht tun wollen oder können. Stattdessen wirkt er indirekt, indem er an strategischen Stellschrauben dreht, so wie die Männer in der Hochofenzentrale die Geschwindigkeit der Förderbänder regelten.

Die Macht der Worte

Die entscheidende Stellschraube, der entscheidende Kanal ist nun aber das Wort. Worte, Gedanken, Ideen und Weltbilder steuern das, was wir tun. Sie setzen den Rahmen, sie bestimmen unsere Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Wenn wir Böses tun, dann gar nicht so oft, weil wir böse sein wollen, sondern weil wir von schlechten Grundannahmen ausgehen. Wenn wir z.B. glauben, dass Menschen grundsätzlich egoistisch sind, nur an sich selbst denken und andere übers Ohr hauen wollen, dann werden wir uns entsprechend verhalten und sagen: ich habe ja keine Wahl, ich muss sehen, dass ich und meine Familie in dieser Welt nicht unter die Räder kommen, ich muss dabei mitmachen, um mich zu schützen, auch wenn ich dafür leider zu unsympathischen Mitteln greifen muss.

Anscheinend ist es nun so, dass der Satan auf diesem Kanal der Gedanken immer wieder dazwischengefunkt hat. Einer seiner Beinamen ist ja auch Diabolos, wörtlich der »Durcheinanderbringer«, weil er die Wahrheit immer so ein bisschen überdreht und übertreibt oder unnötige Widersprüche und Gegensätze hineinbringt. Aus der Geschichte von der Versuchung Jesu kennen wir das, dass er sogar mit Bibelsprüchen arbeitet. Und irgendwie redet er im Himmel mit und stört die Kommunikation zwischen Gott und den Menschen. Er schafft so eine Art benebelnde Atmosphäre, die Menschen nicht klar sehen und denken lässt.

Ein Sturz ins Bodenlose

Aber im Zusammenhang mit dem Leben Jesu hören wir nun, dass diesem Wirken ein Ende gesetzt wird. Vorhin in der Evangelienlesung (Johannes 12,23-32) haben wir schon gehört, wie Jesus selbst sagt: »der Herrscher der Welt wird hinausgeworfen«. Er sagt das in dem Moment, wo er sich dazu durchringt, das Kreuz auf sich zu nehmen und seinen Weg ganz zu Ende zu gehen.

Also: in dem Moment, in dem Jesus sein Leben ganz, bis zum Ende, nach Gottes Willen lebt, da wird dem Verwirrer der Boden unter den Füßen weggezogen. Gegen ein Menschenleben, das nicht ein Grau von Gut und Böse ist, nicht ein unklares Gemisch, sondern gut von Anfang bis Ende, gegen so ein Leben hat der Satan nichts mehr in der Hand. Im Vergleich zu Jesus kann er nur den Kürzeren ziehen. Sein Glanz verblasst. Seine Fassade bröckelt. Seine Faszination verliert ihre Kraft, weil es etwas Besseres gibt. Er ist nicht mehr alternativlos.

Und dann gibt es einen Siegesruf im Himmel: jetzt sind wir ihn los! Bisher hat er seine Kraft daraus gezogen, dass er überall etwas gefunden hat, was widersprüchlich ist, faul oder unglaubwürdig. Satan ist der Ankläger, er empört sich, er meckert, er versucht Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen, er hat an allem etwas auszusetzen.

Die Suche nach Unglaubwürdigkeit

Kennen wir diesen Stil? Es gibt so viele Menschen, die mit dieser Energie unterwegs sind: etwas als unglaubwürdig zu entlarven oder Widersprüche aufzudecken. Das ist sehr bequem: man muss sich selbst nicht festlegen, wer man selbst ist und was für einen gilt, so lange man nur genug faule Stellen bei anderen findet. Natürlich gibt es die, sie sind ja wirklich da. Das Problem ist diese Energie, die sich darauf stürzt und dauernd darüber nachdenkt und vor allem redet.

Überall, wo es Frontlinien gibt, kann man sich über die Fehler der Gegner erregen und muss nicht die eigenen bearbeiten. Wenn sich jemand für den Schutz der Umwelt einsetzt, dann wird gesucht und geprokelt, bis man irgendetwas findet, wo er sich umweltschädigend verhalten hat, ein dickes Auto gefahren oder keinen Müll getrennt hat.

Wenn irgendwo jemand versucht, etwas Gutes zu tun, dann findet man schon etwas, was man ihm anhängen kann, um dann zu sagen: ich wusste es doch, der ist unglaubwürdig. Nach dem Motto: das wäre doch gelacht, wenn der nicht irgendwann mal seine Frau betrogen, bei der Steuer geschummelt, eine Haushaltshilfe schwarz bezahlt oder die Höchstgeschwindigkeit überschritten hätte. Vielleicht erzählt uns die NSA auch, was er im Internet so macht. Irgendetwas findet man bei jedem, wenn man nur lange genug sucht.

Ein Leben aus einem Guss

Außer bei Jesus. Da haben sie alles Mögliche probiert, um ihn unglaubwürdig zu machen oder ihm etwas anzuhängen, aber es hat nicht geklappt. Sein Leben war aus einem Guss, es spiegelte das göttliche Licht wider, es war voller Liebe, es gab keine geheimen Leichen im Keller.

Und dieses Leben strahlt aus bis in die Leben der Nachfolger Jesu. Interessanterweise heißt es hier von den Christen, dass sie den Satan besiegt haben, und zwar durch das Blut des Lammes, also durch die Energie des Todes Jesu. Das Leben Jesu erreicht die ganze Welt durch seine Nachfolger. Die Christen haben mit dieser Energie gelebt und waren bereit, äußerstenfalls dafür auch zu sterben. Und dagegen kam der Teufel nicht an. Das hat die Menschen damals enorm beeindruckt, dass die Christen sich auch vom Tod nicht schrecken ließen. In der korrupten Welt des römischen Imperiums war das ein unübersehbares Signal. Im Vergleich zu der hingebungsvollen Liebe der Christen zogen alle anderen Werte den Kürzeren. Die waren nicht perfekt, wir sind nicht perfekt, aber sie waren deutlich anders, und es ist schon wichtig, dass wir auch deutlich anders sind als andere.

Die Zerstörung der Werte

Bis dahin hatten die Menschen siegreiche Heerführer angehimmelt, sie hatten Macht und Stärke bewundert. Solchen Superhelden baute man Tempel, man stellte ihre Standbilder auf, und das höchste Ziel war es, unsterblichen Ruhm durch große Taten zu erringen. Aber jetzt vollzog sich ein Wertewandel, und die kleinen Gruppen der realen Nachfolger Jesu begannen, diesen fiktiven Superhelden den Rang abzulaufen.

Das hat noch lange gedauert, bis das auch deutlich sichtbar wurde. So wie es eine ganze Zeit dauert, bis die schneller laufenden Förderbänder am Hochofen die Temperatur im Innern runterkühlen. Aber als die ersten Christen in der Kraft Jesu zu leben begannen, da war etwas in die Welt gekommen, was in sich stärker und gesünder war als alles andere. Und es hatte das Potential, die Welt auch real zu unterwandern.

Der Drache in Panik

Der Drache, der Teufel versteht das, und er versucht mit allen Mitteln, das Steuer noch herumzureißen. Man bekämpft neue Gedanken, indem man die Träger dieser Gedanken ausrottet. Manchmal klappt das. Und so verfolgt er die Frau, die Jesus hervorgebracht hat. Dazu scheint er sogar in die Vergangenheit zurückzugehen – aus Filmen kennen wir den Trick ja.

Wie wir schon früher mal gesehen haben, ist mit der Frau hier nicht Maria, die Mutter Jesu, gemeint, sondern Israel, das als Ganzes Jesus hervorgebracht hat. Und der Angriff des Drachen auf die Frau wird beschrieben mit Erinnerungen an die Flucht Israels aus der Sklaverei in Ägypten: der Drache spuckt nicht Feuer, sondern Wasser (das geht bei Drachen eigentlich gar nicht), so wie sie damals auf der Flucht vor den Ägyptern durch das Meer hindurch mussten. Aber die Erde schluckt das Wasser, so wie Gott Israel damals durch Naturereignisse geschützt hat. Die Erde ist keine neutrale Bühne, sondern sie ist mit Gott im Bund. Sie greift eigentlich nicht aktiv ein, das ist nicht ihre Aufgabe, aber sehr selten tut sie es doch (Für alle, die den »Herrn der Ringe« kennen: da greifen in einem entscheidenden Moment auch die Bäume bzw. die Ents in den Kampf ein).

Und schließlich bekommt die Frau Adlerflügel und wird eine Zeitlang in der Wüste beschützt. Auch das ist eine Erinnerung daran, wie Gott am Berg Sinai zum befreiten Volk sagt: ich habe euch auf Adlersflügeln hierher gebracht. Man merkt, wie das hier alles mit biblischen Farben gemalt ist. Die Reihenfolge der Zeiten kommt ein bisschen durcheinander. Im Himmel laufen die Uhren eben anders als auf der Erde.

Gewalt als verzweifeltes Mittel

Als der Drache merkt, dass er Jesus nicht verhindern kann, indem er seine Vorgeschichte zerstört, wendet er sich seinen Nachfolgern zu. Er führt Krieg gegen die Christen. Die kleinen christlichen Gemeinschaften, an die Johannes schreibt, wissen nur zu gut, wie das aussieht. Sie erleben dauernd Angriffe und Verfolgung. Und deshalb sollen sie wissen: das ist ein Zeichen der Schwäche des Bösen. Wenn er obenauf wäre, müsste er nicht so wütend sein. Aber weil er schon in die Enge getrieben ist, deshalb entwickelt er enorme Energie. Er tritt ans Meeresufer. Das wird jetzt ziemlich gefährlich. Wir wissen das von Godzilla, dass alle schrecklichen Monster aus dem Meer kommen. Was wird jetzt den dunklen Wellen entsteigen? Darum geht es nächste Woche!

Aug 172015
 

Predigt am 9. August 2015 zu 2. Mose 19,1-6

1 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten – genau auf den Tag – kamen sie in der Wüste Sinai an. 2 Sie waren von Refidim aufgebrochen und kamen in die Wüste Sinai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf. Dort lagerte Israel gegenüber dem Berg. 3 Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der Herr vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden: 4 Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe. 5 Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, 6 ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst.

In dieser Szene sind wir mitten am Anfang einer wunderbaren Freundschaft: Gott schließt einen Bund mit Israel, das von nun an sein auserwähltes Volk sein wird. Der große Gott, der Schöpfer der Welt verbündet sich mit einem kleinen Volk, das noch gar kein richtiges Volk ist, sondern ein sehr gemischter Haufen ehemaliger Sklaven, die sich irgendwie noch an ihre Vorfahren erinnern, Abraham, Isaak und Jakob, die auch schon ein besonderes Verhältnis zu diesem Gott hatten.

Ein ungewöhnlicher Gott

Zu dieser Vorgeschichte gehört natürlich auch, dass er diese Menschen aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat – er hat Mose geschickt, um sie aus dieser alten Hochkultur herauszuführen, wo sie als Zwangsarbeiter gefangen gehalten wurden.

Bild: mohamed_hamdy via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Daran sehen wir, dass das nicht nur auf menschlicher Seite ein besonderes Bündnis ist, sondern auch auf der göttlichen Seite ist der Partner ziemlich ungewöhnlich: ein Gott, der nicht mit dem jeweiligen Herrscher des Reiches zusammenarbeitet, sondern sich um die Sklaven auf der untersten Stufe der Gesellschaftspyramide kümmert, das ist ziemlich einmalig. Götter und Könige arbeiten sonst immer zusammen. Von den Königen sagte man in der Regel, sie seinen göttlichen Ursprungs. Die Könige waren dazu da, eine Ordnung zu beschützen, ohne die sonst das Chaos ausbrechen würde, und das gab ihnen eine göttliche Aura.

Der römische Kaiser Augustus z.B. ließ den großen Cäsar nach seinem Tod zum Gott erklären. Weil Augustus ein Adoptivsohn Cäsars war, hatte das für ihn den angenehmen Nebeneffekt, dass er nun der Sohn eines Gottes war. Und als Augustus tot war, ließ sein Nachfolger Tiberius ihn auch zum Gott erklären, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass er als Adoptivsohn des Augustus nun ebenfalls Sohn eines Gottes war. Und nach dem Tod des Tiberius – na, Sie wissen schon. Götter verbünden sich immer mit denen, die die Macht haben.

Das Profil des Befreiergottes

Bis auf eine Ausnahme, und um die geht es heute. Ein Gott, der einen völlig anderen Stil zeigt als alle seine Kollegen. Er ist ein Befreiergott, und er geht auf diese desorientierten Sklaven zu und sagt: ich will euch. Ich brauche euch. Ich habe eine spezielle Aufgabe für euch.

Und da ist beides drin: ich habe ein besonderes Verhältnis ausgerechnet zu euch. Und ich habe eine besondere Aufgabe für euch.

Gott hat dem Volk sozusagen eine Kostprobe von dem gegeben, was er vor hat: er hat sie aus Ägypten befreit, er hat sie gerettet vor dem Pharao und seinen Sicherheitssystemen, er hat sie durch die Wüste heil zum Berg Sinai gebracht. In Zukunft wird er sich selbst immer so vorstellen: ich bin der Gott, der euch befreit hat. Das ist seine Visitenkarte, sein Profil, seine ganz persönliche Handschrift. Das unterscheidet ihn von allen anderen, die als Götter gelten. Das unterscheidet ihn auch von allen sonstigen Prinzipien, Regeln und Systemen, die heute so etwas wie moderne Götter sind. Alle seine Gebote, die dann noch kommen stehen unter der Überschrift: ich bin der Gott, der euch befreit hat. Und sie sind dafür da, dass die Freiheit erhalten bleibt. Wenn Gott sagt: ihr sollt keine anderen Götter neben mir haben! – dann ist das kein Zeichen, dass er seine Leute beherrschen und kontrollieren will, sondern gerade andersherum: habt nichts zu tun mit den anderen Göttern, die mit dem Ausbeutungs- und Gewaltsystem verbunden sind. Gebt denen noch nicht mal den kleinen Finger, damit nicht am Ende eure beiden Hände in der Schlinge stecken!

Berufen, um als freies Volk zu leben

Das war jetzt schon ein Blick nach vorne: Gott wird den Bund so gestalten, dass sein Volk als freies Volk in einem freien Land leben soll. Er wird Gesetze geben gegen Schuldsklaverei, gegen Landraub und die Anhäufung großen Grundbesitzes, er wird Propheten schicken, die gegen die Kriegspolitik späterer israelitischer Könige protestieren, und immer wieder wird er warnen: holt euch nicht die Unterdrückergottheiten ins Haus!
Gott erzieht seine Leute in einer langen Geschichte zum Unglauben gegenüber all den beeindruckenden Mächten und Kräften, die normalen Menschen beeindrucken, begeistern und ihnen einen Schauer den Rücken herunter jagen. Gott senkt den Unglauben an all diese anderen Götter tief in das Herz seines Volkes hinein. Immer wieder gibt es Rückfälle, immer wieder sind sie doch fasziniert von der Macht anderer Götter und ihrer Könige und Systeme, viel lieber möchten sie auch so sein wie alle anderen, aber immer wieder lässt Gott sie die Kehrseite der faszinierenden Mächte erfahren, besser: erleiden. So wie sie als Sklaven die Kehrseite der faszinierenden Hochkultur Ägyptens kennengelernt haben. So werden sie immer wieder die dunkle Seite der Macht erleben.

Zwischen diesem Blick zurück und dem, was noch kommt sind wir hier in unserer Geschichte in der Mitte, an dem Punkt, wo Gott sagt: nachdem ihr mich kennengelernt habt, den Befreiergott, wollen wir das jetzt festmachen? Soll das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden? Mir gehört die ganze Erde, ich habe sie geschaffen, aber mit euch möchte ich ein ganz spezielles Verhältnis haben. Ihr sollt mein Volk sein.

Schlüsselbegriffe: Priester, heilig

Das ist sozusagen die Voranfrage, und als das Volk dazu Ja sagt, folgen die Ausführungsbestimmungen, die Regeln, die in diesem Bund gelten sollen, z.B. die 10 Gebote, und danach wird dann feierlich der Bund geschlossen. Der Kern des Ganzen wird aber schon in dieser Voranfrage gesagt: »ihr sollt ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.«

Was bedeuten diese Schlüsselworte? Priester ist man nicht deshalb, weil man in einem feierlichen und häufig unbequemen Gewand herumläuft. Heilig ist man nicht, weil man meistens ein frommes Gesicht macht. Priester zu sein, heilig zu sein, da geht es jedes Mal darum, dass man eine spezielle Funktion ausübt. Ein Priester ist ein Verbindungsmann zwischen Gott und Menschen. Er spricht zu den Menschen von Gott und er spricht im Namen der Menschen zu Gott. Israel soll für die ganze Menschheit die Verbindung zu Gott sein. An Israel sollen alle Gottes Willen ablesen können.

Priester: Gottes Alternative

Das ist der tiefste Grund, weshalb Gott ihnen diese ganzen Gesetze gibt: an diesem Volk soll man sehen können, wie Menschen nach Gottes Willen zusammen leben sollen. Israel soll ein Alternativmodell sein zu all den Großreichen, die mit dem Schweiß, dem Blut und den Tränen der Unterworfenen aufgebaut worden sind. An Israel soll man sehen können, welche Kraft in der göttlichen Freiheit liegt. Deswegen nimmt Gott es so ernst, wenn Israel sich an den unterdrückerischen Regimes ein Beispiel nimmt. Dann ist Gottes Alternative der Freiheit in Gefahr.

Wenn man darauf achtet, dann merkt man, wieviel entscheidende Impulse die Welt Israel verdankt. Dieser nüchterne Blick auf die Welt, die eben nicht heilig ist, sondern Gottes gute und weise Schöpfung, der ist eine Voraussetzung für die moderne Naturwissenschaft. Wenn dahinter ein weiser Gott steckt, dann kann und soll man seine Gesetze erforschen, und das hat man dann auch getan. Oder Albert Einstein, der einen neuen Blick auf die Welt warf und entdeckte, dass alles noch mal ganz anders ist, als es scheint, sehr offen und in manchen Bereichen im Widerspruch zu unserer Erfahrung – er war Jude. Sigmund Freud, der die geheimen Abgründe und Verknotungen unserer Seele erforschte, damit wir davon frei werden können, war Jude. Karl Marx, der dasselbe für die Wirtschaft tat, war Jude. Bis heute übt das kleine Israel einen gewaltigen Einfluss auf die ganze Welt aus. Nicht durch Macht oder Politik, sondern durch Gedanken, durch Worte – eben so, wie ein Priester es macht.

Den größten Einfluss hat Israel natürlich dadurch gehabt, dass mit dem Christentum sozusagen eine Tochterfirma entstanden ist. Seit Jesus gehören auch Menschen aus den anderen Völkern zum Volk Gottes. Und das Verhältnis zwischen den beiden Fraktionen des Gottesvolkes war von Anfang an schwierig. Erst haben die Christen für einige Zeit unter der Mehrheitsfraktion zu leiden gehabt, und dann durch alle Jahrhunderte hindurch die Juden unter der christlichen Mehrheit. Vor allem da, wo sich auch die Christen mit der Macht verbündet haben, wo auch sie aus dem Befreiergott doch wieder den Garanten der Herrschaft und den Unterstützer der bestehenden Verhältnisse gemacht haben. »Opium des Volkes« ist das Schlagwort dafür – es stammt natürlich auch von einem Juden, dem schon erwähnten Karl Marx.

Heilig: was Gott aus einem macht

Aber Gott wacht darüber, dass sein Volk aus Juden und Heiden heilig bleibt. »Heilig« ist keine Eigenschaft, die man hat, so wie man sportlich oder intelligent sein kann. Heilig ist etwas, was Gott mit einem macht. »Heilig« bedeutet eigentlich: für einen bestimmten Zweck bestimmt, unterschieden von allem anderen. Gott heiligte den siebenten Tag, und so wurde ein besonderer Tag daraus, der Ruhetag. Und dieser eine Tag prägt unser Zeitgefühl für alle Tage, erst durch ihn gibt es Werktage und eben den Feiertag.

Und ähnlich: Gott verbindet sich mit einem Volk, er heiligt es, und dadurch wird es ein besonderes Volk. Von keinem anderen Volk wird diesseits des Himmels erwartet, dass es mit seiner Lebensart, mit seiner Staatlichkeit, mit seiner ganzen Wirkung Gottes Willen widerspiegelt. Von Deutschland wird nicht erwartet, dass wir ein christlich geprägtes Volk sind. Schön, wenn es so wäre, und wir können dankbar sein, dass in unserem Land trotzdem so viele christliche Einflüsse wirksam sind. Aber es ist nirgendwo verheißen, dass in dieser alten, zerrissenen Welt ein ganzes Volk aus Jüngern Jesu besteht. Es ist ein Denkfehler, zu glauben, die Gesetze Israels sollten auch Gesetze anderer Staaten sein. Wir sollten nie versuchen, das zu erzwingen, das ist ein Irrweg, und wir haben darauf keinen Anspruch. Aber von seinem Volk, Israel, erwartet Gott, dass es mit seiner ganzen Gestalt etwas über ihn sagt.

Gott bleibt bei seinem Bund

Das ist in Israel so umkämpft gewesen, wie es in der Christenheit gefährdet war und ist. Aber Gott hat dafür gesorgt, dass seine Leute in beiden Fraktionen immer wieder daran erinnert wurden, dass sie etwas Besonderes sind. Nicht selten gegen sie und gegen ihren Willen. Die Juden haben oft darunter geseufzt, dass sie etwas Besonders sind, und die Christen, wo sie in der Minderheit sind, auch. Etwas Besonders zu sein, das macht einen ja nicht unbedingt beliebt. Der ganze Antisemitismus hängt damit zusammen, dass das ein besonderes Volk ist, dass diesen speziellen Geruch der Freiheit nie losgeworden ist. Alle hasserfüllten Leute sind meistens auch Antisemiten. Und gleich danach stehen dann oft die Christen auf der Abschussliste, nur kann man die nicht so gut herausfiltern wie die Juden.

Wir sitzen da und in vielen anderen Hinsichten mit den Juden in einem Boot. Gott sorgt dafür dass weder die Juden noch die Christen jemals ganz vergessen können, dass sie eine besondere Rolle haben. Gemeinsam repräsentieren wir Gott, und wir kriegen es auch ab, wenn einer mit Gott oder seinen Göttern oder dem Schicksal hadert. Der Befreiergott hat sich unwiderruflich mit Menschen verbunden, er will uns zu freien Menschen machen. Er will uns den Glauben an die Mächte dieser Welt untergraben, er will uns heilen von der Faszination durch die glänzende Außenseite der Götter, Idole und Leitbilder.

Und er wird uns nie aufgeben. Auch wenn Menschen dem Bund untreu werden – Gott hält daran fest. Das ist die Macht Gottes, seine Stärke: dass er seine Leute immer wieder zurückholt in den Bund den er mit uns geschlossen hat und der der ganzen Schöpfung dient.

Aug 142015
 

Predigt am 2. August 2015 zu Philipper 3,4b-11

Wenn ein anderer meint, er könne sich auf Fleisch verlassen, so könnte ich es viel mehr. 5 Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, 6 verfolgte voll Eifer die Gemeinde und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt.
7 Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. 8 Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Mist, um Christus zu gewinnen 9 und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt. 10 Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. 11 So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.

Wenn wir irgendwo in einer Kinoreklame das Wort »Fleisch« entdecken würden, also vielleicht »Begierden des Fleisches« oder so, dann wüssten wir so ungefähr, was uns in diesem Film erwartet, oder mindestens, womit wir da gelockt werden sollen: nackte Haut und schwüle, verklemmte Stimmung. Und das führt uns leider in die völlig falsche Richtung, wenn wir diese Passage aus dem Philipperbrief verstehen wollen. Was Paulus hier in erster Linie mit »Fleisch« meint, ist die Herkunft, die Abstammung von einer ehrwürdigen Traditionslinie.
In der alten Zeit war es für Menschen eine ganz wichtige Sache, dass sie ihre Herkunft durch möglichst viele Generationen zurückverfolgen konnten.

Die Bedeutung der Abstammung

In vielen Teilen der Welt ist das bis heute sehr wichtig, aus welchem Clan man kommt, und auch bei uns gibt es in vielen Wohnungen so eine Ecke, wo Bilder der Eltern und Großeltern hängen, und im Lauf der Zeit kommen dann die Bilder von der Hochzeit der Kinder und von den Enkeln und Urenkeln dazu. Und für viele Menschen, besonders, wenn sie dann schon Großeltern und Urgroßeltern geworden sind, ist das ein Ort, der ihnen am Herzen liegt, sie zeigen ihn Besuchern und können viele Geschichten dazu erzählen. Man merkt, wie wichtig ihnen das ist, dass die Kinder was Anständiges geworden sind und die Enkel gut heranwachsen. Bei uns heute sind es vielleicht stärker noch die folgenden Generationen, aus denen Menschen ein Gefühl von Bedeutung und Wert schöpfen, nicht so sehr die vorangegangenen.

Aber das alles ist kein Vergleich mit der Bedeutung, die die Abstammung damals in der Zeit des Paulus hatte. Unter seinen jüdischen Volksgenossen gab es viele, die ihre Familie bis zu den 12 Söhnen des Erzvaters Jakob zurückverfolgen konnten. Und da ging es ja nicht nur um eine Familientradition, sondern das war gleichzeitig religiös aufgeladen, weil Israel Gottes Volk war. Diesem Volk war die Überlieferung vom befreienden Gott anvertraut, der eine Alternative zu all den unterdrückerischen Systemen und Regimen schaffen wollte. Die ganze jüdische Kultur war von diesem Bewusstsein durchzogen, dass ihnen als Volk eine unglaublich wichtige Botschaft anvertraut ist. Das hat es den Juden nicht immer leicht gemacht, sie haben das oft als schwere Last empfunden, aber in allen Bedrückungen haben sie sich an diesem Auftrag festgehalten und tatsächlich ihre Identität bewahrt.

Auch Paulus konnte seine Herkunft zurückverfolgen bis zu Benjamin, einem der Lieblingssöhne des Erzvater Jakob. Und er hatte sich bewusst in diese Tradition gestellt, wie sie im Gesetz des Mose definiert war, er war nicht lax und lau, sondern als ehemaliger Pharisäer hatte er diese Tradition und diese Kultur in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit gestellt, hatte dafür gelebt und gekämpft.

Eine Umwertung aller Werte

Aber dann war ihm der auferstandene Jesus begegnet, und diese Erfahrung hatte die ganze altehrwürdige Familientradition weit übertroffen, und es war diese Begegnung, aus der er von da an seine Identität schöpfte. Wenn er jetzt seine Geschichte erzählte, dann war es die Geschichte seiner Begegnung mit Jesus, und nicht mehr die Familientradition. Und es war auch nicht mehr die Verwurzelung in der jüdischen Art zu leben, diese von Gottes Gesetz geregelte Lebensform, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen war.

Für Paulus war das eine totale Umwertung aller Werte, und deshalb redet er hier mit starken, heftigen Worten davon. Alles, was mir früher mal das Wichtigste im Leben war, habe ich hinter mir gelassen, weil mir etwas Besseres begegnet ist. Früher habe ich daraus meinen ganzen Selbstwert gezogen, aber jetzt habe ich etwas viel Besseres gefunden. Was mir früher so wichtig war, das ist für mich nur noch Schrott, ich habe etwas Besseres!

Ein unerwarteter Schatz …

Vielleicht merken Sie, dass das ganz nahe an der Geschichte von dem verborgenen Schatz liegt, die wir vorhin in der Lesung gehört haben (Matthäus 13,44-46).

Bild: JamesDeMers via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Der Mann verkauft seine ganzen Habseligkeiten, die ihm bis dahin sicher viel bedeutet haben, weil er dafür etwas noch viel Kostbareres bekommen kann.

Das heißt, es geht auch bei Paulus nicht darum, dass seine Abstammung und seine Tradition in sich schlecht wären. Da hat sich nichts geändert, aber Paulus ist auf etwas viel Besseres gestoßen, und das hat alles, was ihm früher wichtig war, entwertet. Die Freiheit, die durch das jüdische Volk und seine Kultur in die Welt transportiert werden sollte, die ist in Jesus Mensch geworden, sie war nicht nur eine kostbare Sehnsucht, sondern sie wurde real, mitten im unterdrückerischen Imperium Romanum, ganz unten am Fuß der Herrschaftspyramide, bei einem der unterdrückten Völker, da erschien mit Jesus eine Freiheit, die man vorher nicht gekannt hatte. Sie zeigte sich im Leben und Sterben Jesu, aber auch Paulus lernte, so zu leben, und er lernte die Kraft kennen, die vom auferstandenen Jesus auch zu ihm kam. Die stellte alles andere in den Schatten, und er war angetrieben von diesem Wunsch: ich möchte so leben, dass diese Kraft so stark wie möglich in meinem Leben fließt.

… auch an ungewöhnlichen Orten

Und Paulus kam immer wieder in Situationen, wo er diese Kraft dringend brauchte. Der war so oft im Gefängnis, auch diesen Brief schreibt er aus einer Gefängniszelle. Aber dann floss die Kraft tatsächlich. Und irgendwie hat Paulus ganz oft solchen Eindruck auf seine Bewacher gemacht, dass die schließlich auch Christen wurden.

Das ist wirklich sehr bemerkenswert. Der harte Kern des römischen Imperiums war der Sicherheitsapparat – Militär, Polizei, Gefängnisse, Gerichte, Folter, Todesstrafe. Das ist bis heute so. Alle Herrschaftssysteme haben ihre KZs, ihren Gulag, ihr Guantanamo, ihre Geheimdienste und Sicherheitsdienste. Das ist ihr entscheidendes Zentrum, auch wenn der in ruhigen Zeiten nicht immer in Aktion tritt, oft noch nicht mal sichtbar wird.

Eine Kraft, die das Imperium durchdringt und verwandelt

Wenn es nun aber dem auferstandenen Jesus gelingt, mit seiner Kraft diesen innersten Kern des Imperiums zu erreichen und ihn mit Liebe zu unterwandern, wenn es Jesus und seiner Bewegung gelingt, dem Herrschaftssystem seine Funktionäre abspenstig zu machen und ihre Loyalität zu untergraben, dann kommen die Grundfesten aller Gewaltregimes ins Wanken.

Militärisch kannst du gegen ein einigermaßen stabiles Regime nichts erreichen. Wenn du ein Unterdrückungsregime mit seinen eigenen Waffen bekämpfst, wird alles nur noch schlimmer. Wir bekommen das seit Jahren in Syrien vorgeführt. Da geht ein ganzes Land durch so einen Konflikt zu Grunde. Auch Israel hat so einen Aufstand gegen die Römer probiert, etwa 20 Jahre nachdem Paulus diesen Brief schrieb. Die konnten zuerst die römischen Besatzungstruppen überrumpeln, aber dann haben die Römer ihr Interventionsheer geschickt, und das hat alles platt gemacht. Fürchterliche Massaker. Gegen ein Imperium auf der Höhe seiner Macht hast du militärisch keine Chance.

Und deshalb ist Paulus so begeistert von der Kraft des gekreuzigten und auferstandenen Jesus, durch die Gott die Welt von innen heraus verwandelt. Normalerweise hat ein armes, unterdrücktes Volk auf der untersten Ebene der globalen Hierarchie keine Chance, die Spitze zu beeinflussen. Die müssen schon froh sein, wenn sie überleben können. Aber in der Kraft Jesu haben die Christen zuerst geheime befreite Zonen geschaffen, wo die Wunden geheilt werden konnten, die die Gewalt des Imperiums den Menschen zugefügt hat, und am Ende haben sie das Imperium selbst unterwandert und überwunden. Das hat drei Jahrhunderte gedauert, es hat Opfer gekostet, aber längst nicht so viele Opfer, wie erfolglose Aufstände und Kriege gekostet haben.

Wer vertraut der Verheißung?

Paulus hat zu denen gehört, die diese Opfer gebracht haben. Seinen letzten Gefängnisaufenthalt hat er wahrscheinlich nicht überlebt. Er hat tatsächlich den Leidensweg Jesu bis in den Tod hinein geteilt, so wie er es sich gewünscht hat.

Kann man das ernsthaft, sich Leiden wünschen? Paulus war kein Masochist oder irgendwie in Selbsthass verstrickt. Aber er wusste, dass die volle Lebenskraft Gottes sich gerade in der größten Gefahr entfaltet. So wie Gott auf die Kreuzigung Jesu mit der Auferstehung antwortete. Gott braucht Menschen, die freiwillig Leiden auf sich nehmen, damit er durch sie seine Macht sichtbar machen kann. Wenn Gott das Personal eines Gefängnisses erreichen will, dann muss er dafür seine Leute ins Gefängnis schicken, und die müssen bereit dazu sein, auch wenn sie wissen, dass das überhaupt nichts Schönes ist. Die Kraft der Auferstehung entfaltet sich im Angesicht der Gefahr, ja im Angesicht des Todes.

Sehr ungewohnte Gedanken

Für uns sind das relativ ungewohnte Gedanken. Wir können morgens aufstehen ohne Angst, dass uns irgendjemand auf der Straße schnappt und verschleppt. Nebenan sind heute Nacht keine Bomben eingeschlagen. Wir haben genug zu essen und zu trinken. Wir können unsere Zukunft planen. Wir müssen niemanden bestechen, um einfach unserer Arbeit nachgehen zu können. Wir sind damit enorm privilegiert gegenüber vielen anderen Menschen auf der Welt. Deswegen ist es für uns auch ein noch größeres Geheimnis, wieso Gottes Kraft sich gerade im Angesicht der Bedrohung als so kräftig erweist, dass Paulus solche Situationen beinahe schon herbeisehnt. Auch für andere ist das ein Geheimnis, aber wir haben es wahrscheinlich noch schwerer als andere, es zu verstehen.

Verstehen können es wahrscheinlich noch am besten diejenigen unter uns, die irgendeinem Grund unter sehr speziellen Druck geraten. Die eine ganz besondere Last tragen, die gerade ihren ganz eigenen harten Kampf zu kämpfen haben. Um so aufmerksamer sollten wir alle auf diese Botschaft aus dem imperialen Kerker hören: Gottes Kraft der Liebe und des Lebens zeigt sich besonders dort, wo die Mächte des Todes ihre konzentrierte Macht entfalten. Aber dazu braucht es Menschen, die dieser Macht die Tür öffnen, die bereit sind, dort hinein zu gehen und dieser Macht Zugang zu verschaffen. Und dafür muss man in seiner Identität von Jesus Christus geprägt sein. Dafür muss man verstanden haben, dass es nichts Größeres und Schöneres und Wertvolleres gibt als an diesem Weg Gottes durch die Welt beteiligt zu sein, der in Jesus seine volle Gestalt angenommen hat. Auch die beste heilige Tradition ist im Vergleich dazu immer nur höchstens das Zweitbeste, und wenn sie unsere Aufmerksamkeit vom Besten ablenkt, ist sie ein Problem und ein Schaden.

Eine neue Identität

Deshalb sollen wir das ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rücken: Menschen zu werden, durch die Jesus mit seiner Auferstehungskraft in der Welt wirkt. Zum Glück muss man dafür nicht immer gleich ins Gefängnis. Aber immer muss man etwas dafür einsetzen. Es kostet einen Preis. Aber die Botschaft aus der imperialen Zelle ist: dieser Preis ist es wert, gezahlt zu werden. Du bekommst viel mehr dafür zurück. Unter anderem eine neue Identität, die viel stärker und haltbarer ist als die alte, und sei sie noch so ehrwürdig.

Das ist der Schatz im Acker, das ist die kostbare Perle, die jeden Preis wert sind.