Jun 282015
 

Predigt am 28. Juni 2015 zu Lukas 6,36-42

Jesus sprach: 36 Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! 37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. 38 Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.
39 Er gebrauchte auch einen Vergleich und sagte: Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen? 40 Der Jünger steht nicht über seinem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein. 41 Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? 42 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du den Balken in deinem eigenen Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

Früher gab es für Menschen, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten, den Schuldturm: sie wurden so lange eingesperrt, bis sie alles zurück gezahlt hatten. Obendrauf kamen noch die Kosten für das Schuldgefängnis – das mussten sie auch bezahlen. Es gab dabei allerdings Unterschiede: Adlige kamen in die bessere Abteilung, wo sie Besuch bekommen und sich gutes Essen bringen lassen konnten. Die einfachen Leute wurden in kalten, feuchten Zellen aneinander gekettet und gingen dort zugrunde.

Bild: tpsdave via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Denn wie sollten sie ihre Schulden jemals bezahlen, wenn sie nicht arbeiten konnten, aber die Schulden durch Zinsen und Gebühren immer weiter wuchsen?

Verschiedene Arten von Schuldgefängnissen

Der Schuldturm ist ein Symbol dafür, wie Menschen in eine Abhängigkeit von anderen geraten, aus der sie nie wieder herauskommen können. In Indien kann das dann so weit gehen, dass der Schuldner de facto zum Sklaven des Geldverleihers wird, und dass sogar seine Kinder dann von klein auf als Sklaven arbeiten müssen.

Es gibt aber auch Schuldtürme, die nicht mit Geld und Zinsen gebaut werden, sondern aus Verfehlungen und Vorwürfen. Da hat jemand angeblich oder tatsächlich mal etwas Schlimmes gemacht, und jetzt muss er sich das ein Leben lang immer wieder anhören. »Du hast damals diesen Unfall verursacht, durch den ich bis heute behindert bin.« »Du hast mich so enttäuscht, dass ich dir immer noch nicht wieder vertrauen kann.« »Dass du geboren wurdest, das hat mein Leben ruiniert.«

Das sind alles Sätze, die Menschen in einen Schuldturm sperren, aus dem sie nie wieder herauskommen. Und jedes Mal, wenn sie nicht so wollen, wie sie sollen, dann werden sie daran erinnert, dass auf ihnen eine Schuld liegt, die sie nie loswerden können. Das ist der Grund, weshalb Menschen ungern zugeben, dass sie an irgendetwas schuld sind: gar nicht so sehr, weil sie sich schämen oder weil das ihr Selbstbild beschädigen würde, sondern weil sie möglicherweise eine hohe Rechnung präsentiert bekommen, wenn sie eine Schuld anerkennen. Man kann ein ganzes Netz von Abhängigkeiten aufbauen, wenn man Menschen in Vorwürfe, Schuld oder Schulden verstrickt.

Ein großzügiger Gott

Jesus hat immer wieder gesagt, dass Gott nicht mit diesen Methoden arbeitet, und dass wir es deshalb auch nicht tun sollen. Jesus verkörpert einen großzügigen Gott. Jesus redet normalerweise nicht in vielen, großen Worten, aber wenn er von der Güte und Großzügigkeit Gottes spricht, dann spricht er von dem ‚reichen, vollen, gehäuften, überfließenden Maß‘, mit dem wir beschenkt werden. Gott schenkt im großen Stil; er verstreut bedenkenlos seinen Segen überall in der Schöpfung, ohne zu knausern oder zu sparen. Es ist genug für alle da! Und ausdrücklich sagt Jesus einen Vers vor unserem Abschnitt, dass Gott gütig ist gegenüber den Undankbaren und Bösen. Und dann beginnt er unseren Abschnitt mit dem Satz: seid ihr auch so barmherzig wie Gott!

Alles kommt zurück

Und es wird deutlich: das Einzige, was die Fülle Gottes einschränkt, sind wir, wenn wir sie nicht weitergeben. Dann wird die Welt arm und karg, dann wächst die Gnadenlosigkeit, dann werden die Lebensmittel knapp und die Neurosen und Depressionen breiten sich aus. Und am Ende trifft es nicht bloß die anderen, sondern uns selbst genauso. Wenn wir Schuldtürme bauen, egal, ob sie aus Kreditverträgen bestehen oder aus moralischen Vorwürfen, dann sperren wir uns selbst genauso ein.

Stattdessen sagt Jesus: gebt los, gebt frei, und ihr werdet befreit werden! Seid genauso großzügig wie Gott, und ihr werdet großzügig beschenkt. Vergesst diese ewige Angst, dass es nicht reicht. Genau die produziert Armut, Misstrauen und Ungleichheit. Ihr habt die Wahl, wie ihr behandelt werden wollt. Nach der Logik, mit der ihr die anderen behandelt, werdet ihr auch behandelt. Mit dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr auch gemessen. Wenn ihr von anderen verlangt, dass sie bis zum letzten Heller zurückzahlen, dann wird Gott euch auch so eine gnadenlose Rechnung präsentieren.

Unerwartete Aktualität

Wir hören das heute natürlich auf dem Hintergrund der Verhandlungen um die griechischen Schulden, und das ist ein gutes Beispiel, wie Bibeltexte in neuen Situationen auf einmal neue Einsichten eröffnen. Dieses Bestehen darauf, dass Schulden zurückgezahlt werden müssen, auch wenn der Schuldner darüber kaputtgeht, das ist ein wunderbares Beispiel für das, was überhaupt nicht zu Gott passt.

Ich sollte jetzt eigentlich nicht mehr viel dazu sagen, weil das ja nächste Woche bei unserem Besonderen Gottesdienst »Schuld und Schulden« Thema sein wird. Aber wenn man sieht, wie gnadenlos da mit Griechenland verfahren wird, dann kann man nur ganz große Angst vor dem Moment haben, wo das zu uns zurück kommt und wir eines Tages ebenso gnadenlos behandelt werden, wie unsere Regierung es jetzt mit den Griechen durchexerziert. Man muss dafür kein Experte sein, der die ganzen Tricks und Haken der Finanzgeschäfte durchschaut. Es reicht die schlichte biblische Einsicht: mit dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr selbst gemessen werden.

Blinde Experten

Und erstaunlicher Weise redet Jesus gleich anschließend über die Experten und Fachleute. »Kann denn ein Blinder einen Blinden führen?« Die Blinden, das sind die Experten und Fachleute, damals die Pharisäer, die Experten fürs Sündenmanagement, heute die Finanzgurus. Die wissen alles über die ganzen komplizierten Regelwerke, die sie sich ausgedacht haben. Die kennen alle Feinheiten der Formeln, mit denen sie die Welt im Griff haben, aber keiner hat 2008 die Finanzkrise vorhergesagt. Und das gilt für alle Experten, die im Einzelnen ganz viel wissen und meinen, die Welt käme in Ordnung, wenn sie als Fachleute das Sagen hätten. Aber wissen sie etwas von dem großzügigen Gott, der gegen alle Regeln schenkt und gibt und Freundlichkeit verbreitet?

Wer bei denen in die Lehre geht, der wird auch so. Ein Schüler kann nicht mehr werden als der Lehrer, bei dem er in die Lehre geht; allerhöchstens wird er so gut wie sein bester Lehrer. Wenn du den Fachleuten glaubst, wirst du bestenfalls auch einer, aber nichts anderes. Aber das reicht nicht, wenn die Welt in ihren Grundfesten erschüttert wird. Deswegen: wenn du einem begegnest, der sich als Fachmann ausgibt, dann nimm die Beine in die Hand. Wenn das Schiff auf einen Eisberg zusteuert, dann nützt es dir nichts, wenn dir jemand ganz genau erklären kann, wie der Propeller geölt wird.

Lieber kleine Fragen als große!

Es gibt eine nette Geschichte aus dem Russland des Jahres 1917. Da gab es unter den Bischöfen der orthodoxen Kirche einen heftigen Streit, der ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Sie debattierten intensiv über die richtigen Priestergewänder. Während sie das taten, begann in Russland die kommunistische Revolution, die Russland und die ganze Welt am Ende dramatisch verändert hat. Aber die Bischöfe haben das nicht mitbekommen, weil sie sich so intensiv mit den kleinen Fragen beschäftigten, wo sie Fachleute waren.

Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt. Wenn nicht, ist sie jedenfalls gut erfunden. Menschen sind so gut darin, sich auf den kleinen Ausschnitt der Welt zu konzentrieren, den sie verstehen, und sie übersehen dabei die großen Umwälzungen, die ihnen nicht geheuer sind, denen sie aber trotzdem nicht entgehen. Menschen konzentrieren sich auf die kleinen Splitter im Auge, aber wirklich entscheidend sind die Balken, die großen Grundentscheidungen: wie ist Gott? Ist er ein Buchhalter, der nur im Rahmen seiner Zahlen denkt und darauf besteht, dass die Schulden auf Heller und Pfennig zurückgezahlt werden? Ist Gott ein Apparatschik, der nur seine Vorschriften kennt und es nicht schafft, danach zu fragen, was gerecht und lebensfördernd ist? Oder ist Gott wirklich an seiner ganzen Schöpfung interessiert, freut sich an ihr, kämpft für ihre Befreiung und möchte ihr einen Neuanfang schenken? Ist Gott in Wirklichkeit ganz anders, konträr zu der Art, wie wir die Welt verwalten, und ist er es, der kommt und unsere Art von Welt erschüttert? Das sind die wirklich wichtigen Fragen.

Und zwar deshalb, weil wir so werden, wie wir uns Gott vorstellen. Wenn wir uns einen Buchhalter-Gott vorstellen, der sich auf den Kleinkram konzentriert, dann werden wir auch so. Wenn wir glauben, dass Gott sich vor allem auf die Sünde konzentriert und sofort draufhaut, wenn wir was falsch machen, dann werden wir auch so. Aber wenn wir an dem biblischen Gott hängen, der großzügig Leben und Segen in der Welt verstreut, der nicht rechnet, sondern befreit und über diesen ganzen Kleinkram lacht, dann werden wir auch so: großzügig und voller Liebe, angstfrei und sorglos, zuversichtlich und reich.

Die Welt der Schuldtürme wankt

Dieses Gleichnis von dem Splitter und dem Balken bedeutet ja nicht, dass jeder selbst die eigenen Sünden nicht sieht, obwohl sie die allergrößten sind, und stattdessen den anderen die Schuld gibt. Es geht gerade umgekehrt darum, dass Menschen sich viel lieber mit einzelnen konkreten, persönlichen Fragen beschäftigen, auch mit Einzelsünden, wo wir nicht ehrlich waren oder zornig oder neidisch, aber es ist viel schwieriger, das ganze System anzuschauen, das wir mit anderen teilen: das Denkmuster, in dem wir überlegen; das Familiensystem, in dem wir drinstecken und das unsere Vorstellungen und Werte prägt; oder auch das Gesellschaftssystem, dem wir verbunden sind. Und sie alle sind irgendwie mit den Schuldtürmen dieser Welt verbunden.

Aber Gott kommt und öffnet mit seiner Güte all die Schuldtürme, mit denen Menschen andere Menschen unter Kontrolle halten. Die ganze menschliche Lebensart ist darauf aufgebaut, dass Menschen anderen Menschen etwas schuldig sind, und wenn sie es nicht freiwillig tun, wird es erzwungen. Wo Gottes Reich kommt, da gilt das andere Gesetz des Gebens, Segnens und Schenkens. Das erschüttert die ganzen Selbstverständlichkeiten, aus denen unsere Welt aufgebaut ist. Endlich! Die Schuldtürme sind unterminiert, und wir müssen vor ihnen keinen Respekt mehr haben.

Jun 232015
 

Predigt am 14. Juni 2015 zu Offenbarung 12,1-9 (Predigtreihe Offenbarung 20)

Drache_730In den ganzen letzten Predigten habe ich immer wieder daran erinnert: die Offenbarung ist noch nicht zu Ende, wir haben noch die ganze zweite Hälfte vor uns! Es sah immer so aus, als ob jetzt eigentlich alle sieben Siegel am geheimen Buch Gottes geöffnet sind, die sieben Posaunen sind geblasen, und im Himmel gibt es großen Jubel, weil jetzt Gott seine Königsherrschaft auf der Erde angetreten hat.

Da war noch was …

Aber es gab immer mal wieder kurze Hinweise darauf, dass da noch eine böse Macht verborgen ist: das Tor zum Abgrund, aus dem Killerheuschrecken herausströmen. Ein kurzer Hinweis, dass aus diesem Abgrund ein Monster heraufsteigen wird, das sogar die beiden bevollmächtigten Propheten Gottes überwindet. Johannes muss die Geschichte noch einmal erzählen, aber diesmal gräbt er noch tiefer: der ganze Widerstand gegen Gott hat ein verborgenes Zentrum, und dieses Zentrum wird jetzt langsam sichtbar.

Es ist wie in einem Horrorfilm, wo in der ersten Stunde alles relativ harmlos aussieht, aber immer mal wieder sind Hinweise ausgestreut, dass es eine dunkle Bedrohung gibt. Die Musik lässt nichts Gutes ahnen, und dann auf einmal zeigt sich das Ungeheuer in seiner ganzen Schrecklichkeit. Diese Schlüsselszene ist jetzt auch in der Offenbarung des Johannes gekommen:

1 Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. 2 Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen.
3 Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. 4 Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. 5 Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt.
6 Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte; dort wird man sie mit Nahrung versorgen, zwölfhundertsechzig Tage lang.
7 Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, 8 aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel.
9 Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

Jetzt ist er da! In einem Computerspiel würde man sagen: das ist der Endgegner, auf den man stößt, wenn man all die vielen kleineren Monster, Untoten und Hexenmeister hinter sich hat. Jetzt hält er sich nicht mehr im Hintergrund und schickt andere vor, sondern jetzt kommt er selber aus seinem Versteck.

Der verborgene Konflikt wird sichtbar

Darum geht es ja in der Offenbarung: die Konturen werden klarer. Der verborgene Konflikt, der die Welt bisher im Hintergrund durchzogen hat, zeigt sich immer direkter. Und Johannes benutzt die Sprache der Symbole, der Mythologie, um ihn zu beschreiben. Er wird auch noch konkreter von Geschehnissen auf der Erde reden, aber zunächst einmal spricht er von zwei Zeichen in der himmlischen Sphäre: die Frau und der Drache.

Da ist einmal die Frau, die schwanger ist. Damit wir es verstehen, wird gesagt, dass sie ein Kind gebar, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Das ist eine Anspielung auf Psalm 2, wo vom gesalbten König Gottes die Rede ist, und die Christen haben das natürlich immer auf Jesus bezogen. Also könnte man sagen, dass diejenige, die ihn zur Welt bringt, Maria sein müsste, die Mutter Jesu. Aber das ist ein Kurzschluss, und wir merken es daran, dass die Frau mit Zeichen kosmischer Hoheit versehen ist: sie ist mit der Sonne bekleidet, trägt einen Kranz von zwölf Sternen und steht auf dem Mond. Das ist nicht die junge Mirjam aus Nazareth, die während der Volkszählung des Augustus in Bethlehem ihren ersten Sohn bekommt, sondern wir sind in der symbolischen Sphäre, und da steht diese Frau für das treue Gottesvolk, das an seiner Berufung festgehalten hat und aus dem schließlich Jesus hervorgegangen ist. Das ganze Gottesvolk ermöglicht Jesus. Der lange Weg der Nachkommen Abrahams, also der Juden, durch die Jahrhunderte erscheint als Zeit der Schwangerschaft, und die unsichere und bedrohte Lage Israels im römischen Imperium wird im Bild schmerzhafter Geburtswehen geschildert.

Die Verkörperung von Chaos und Zerstörung

Wir haben also den grundlegenden Konflikt zwischen dem Volk Gottes, aus dem der Messias, Gottes König, der Christus kommen soll, und dem Drachen auf der anderen Seite. Der Drache ist das Zentrum der lebensfeindlichen Macht, eine Quelle von Zerstörung und Chaos. Sieben Köpfe hat er und zehn Hörner, irgendwie passt das nicht, da ist etwas schief, wie verteilen sich zehn Hörner auf sieben Köpfe? Aber auf jeden Fall hat er auf allen Köpfen eine Krone. Wie ein Emporkömmling, der an jedem Finger einen dicken Ring hat, muss er mit seinen Machtsymbolen protzen. Und er richtet Chaos und Zerstörung an.

Am Ende des Abschnitts wird der Drache noch einmal identifiziert mit all den anderen Symbolen des Feindes, die im Lauf der Zeit benutzt worden sind: die alte Schlange, der Satan, der Teufel. Das konzentriert sich jetzt im Bild des Drachen.

Denken wir daran, dass es damals noch keine Filme und special effects gab. Normale Menschen hatten noch nicht mal Bilder in der Wohnung, sie sahen Bilder und Statuen meistens nur in Tempeln oder auf öffentlichen Plätzen. Wir sind heute ganz anderes gewöhnt, wir sehen im Film Godzilla, King Kong und die animierten Dinosaurier aus »Jurassic Park«, als ob es sie wirklich geben würde. Dagegen wirken ein paar Sätze über einen Drachen mit 7 Köpfen und 10 Hörnern eher harmlos. Aber auf die Menschen damals müssen sie eine Wirkung gehabt haben so wie für uns die aktuellsten Monster aus den Trickfilmmanufakturen Hollywoods.

Der Drache ist eine schreckenerregende Macht. Mit seinem Schwanz fegt er ein Drittel der Sterne vom Himmel. Die Sterne mit ihren regelmäßigen Bahnen sind ja ein Symbol für die Ordnung in der Welt. Das bedeutet: der Drache richtet Chaos an, er zerstört die Ordnung der Welt. Vor allem aber versucht er zu verhindern, dass im Gottesvolk der verheißene Messias zur Welt kommt. Er bereitet sich darauf vor, das Kind gleich nach der Geburt zu vernichten.

Jesus in einem kurzen Vers

Das erinnert an die Geschichte davon, wie Herodes versucht hat, Jesus gleich nach der Geburt beseitigen zu lassen, indem er alle Kinder aus Bethlehem tötet (Matthäus 2,13-18 – wir haben es vorhin in der Lesung gehört). Mögliche Feinde zu beseitigen, bevor sie überhaupt gefährlich werden können – das ist immer eine Taktik der Tyrannen gewesen. Lieber ein paar zu viel beseitigen, als die entscheidende Gefahr zu übersehen. Und deswegen ist auch das ganze Gottesvolk immer bedroht gewesen, weil kluge Tyrannen gemerkt haben, dass sich dort etwas vorbereitet, was sie nicht unter Kontrolle bekommen.

Aber dieses Kind wird erst geboren und dann zu Gott entrückt – das ist die Geschichte von Himmelfahrt! Hier ist also der ganze Weg Jesu komprimiert auf den allerersten Anfang (die Geburt) und die allerletzte Geschichte (die Himmelfahrt). Der Anfang und das Ende: die stehen für den ganzen Weg. Und dem Drachen gelingt es nicht, diesen Weg Jesu zu verhindern. Auch die Frau, also das Volk Gottes, wird beschützt. Hier an dieser Stelle, im Leben Jesu unter den Menschen, erleidet der Drache die entscheidende Niederlage.

Zwei parallele Schauplätze

Und nun entspricht diesen Geschehnissen auf der Erde eine Szene im Himmel, nämlich der Kampf zwischen dem Erzengel Michael und dem Drachen. Bisher war anscheinend auch der Drache oder der Satan in der himmlischen Sphäre vertreten. So lange noch nicht klar war, wie der Kampf um die Erde ausgehen würde, so lange hatte er da noch einen Fuß in der Tür. Aber wenn Jesus seinen Weg geht, wenn mit Jesus ein Mensch ganz nach Gottes Herzen lebt und handelt und eine neue Menschheit gründet, dann ist auf der Erde das Entscheidende passiert und dann wird der Teufel aus dem Himmel vertrieben und auf die Erde geworfen.

Bemerkenswerterweise formuliert das auch Jesus sehr ähnlich. Im Lukasevangelium (10,18) sagt er: »Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen«. Und im Johannesevangelium (12,31) am Tag vor seinem Tod: »Jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden«.

Menschen machen Gott verwundbar

Das heißt: was hier auf der Erde geschieht, in diesem Fall das Leben Jesu, das hat Auswirkungen auf die himmlische Sphäre. Gott hat der Menschheit eine entscheidende Rolle anvertraut, und deshalb kann er nicht mehr einfach tun und lassen, was er will. Er hat einen Teil seiner Macht abgetreten. Solange Menschen dem Bösen Spielraum geben, muss er den Satan in seiner Nähe dulden und sich anhören, wie der triumphierend von all der Bosheit auf der Erde erzählt.

Um es mit einem Vergleich zu sagen: Wir kennen ja alle Menschen, die mit großer Freude davon erzählen, was alles schief läuft und wie schlecht die Welt ist und was ganz besonders dieser und jener falsch macht. Und das nervt natürlich schrecklich, wenn man sich das dauernd anhören muss. Und so muss man sich den Satan vorstellen, als jemanden, der dauernd Gott in den Ohren liegt und ihn nervt mit lauter Geschichten darüber, was die Menschen alles falsch machen. Du wirst ja ganz wuschig, wenn dir einer dauernd mit großer Freude erzählt, was der wieder falsch gemacht hat und wie blöd die ist, und dass die Politiker alle Verbrecher sind, dass man bei Hitler jedenfalls nachts auf der Straße sicher war und die Aliens sowieso demnächst die Macht übernehmen. So einer kann mit seinem Gerede das Niveau jeder Feier deutlich nach unten drücken. Am besten geht man so einem Gerede aus dem Weg, aber man kann es nicht immer vermeiden, vielleicht ist es ja ein Verwandter, den man zum Geburtstag einladen muss, und auch Gott erscheint hier als jemand, der irgendwie den Satan nicht vermeiden kann, solange die Menschen ihren Auftrag nicht erfüllen. Die Menschen machen Gott verwundbar.

Ein mieser Typ fliegt raus

SatanssturzErst, als hier auf der Erde ein Mensch erscheint, der alles richtig macht, als es dem Satan nicht gelungen ist, Jesus zu verhindern, da sagt der Erzengel Michael zum Drachen: jetzt verschwinde hier! Du hast im Himmel nichts mehr zu suchen, du Schandmaul! Und du wirst auch nicht mehr zur Goldenen Hochzeit eingeladen!

Das gibt natürlich Terror. Der Satan keift und schimpft und argumentiert und moralisiert in voller Lautstärke. Michael und die anderen Engel müssen sich alles mögliche anhören und brauchen gute Nerven, bis sie ihn endlich hinauskomplimentiert haben, aber am Ende steht der Satan mit seiner Gang wütend draußen und kann schimpfen wie er will – keiner hört ihn mehr.

Das Ende ist eingeläutet

Johannes schreibt diese Vision für seine Gemeinden auf, die die Macht des Bösen gut kennen, die unter ihm leiden, die verleumdet und angeklagt werden und manchmal auch getötet. Und er sagt ihnen damit: die Energie dieser bösen Macht ist schon untergraben. Es gibt einen höheren Ort, wo er keinen Raum und kein Recht mehr hat. Wenn Jesus in echt präsent ist, nicht als Lehre oder Zerrbild, sondern verkörpert in lebendigen Menschen, dann verliert der Verführer seinen Glanz. Jesus stiehlt ihm die Schau. Und über kurz oder lang werdet ihr das auch merken.

Damals im römischen Imperium hat das noch dreihundert Jahre gedauert, bis die Christen die imperiale Herrschaft Roms überwunden hatten, und danach wurde leider nicht alles gut. Aber im Grundsatz war die entscheidende Schlacht geschlagen, als Jesus an einem römischen Kreuz starb, ohne seinem Weg mit Gott untreu zu werden. Da war das Ende des Imperiums eingeläutet. So wie Hitlers Ende mit der Invasion in der Normandie besiegelt war und vielleicht mit der Finanzkrise von 2008 das Ende unseres jetzigen Wirtschaftssystems. Aber wirklich wissen tut man das erst im Rückblick. Oder durch eine Vision wie die von Johannes, aber auch Visionen werden immer erst nachträglich bestätigt.

Es gibt noch genug zu tun

Johannes lehrt uns, zu unterscheiden: das Eine passiert am höheren Ort, im Himmel, da fallen die grundlegenden Entscheidungen. Und dann setzen die sich auf der Erde um, und das kann dauern. Die ganze Welt wartet noch darauf, dass Leben, Tod und Auferstehung Jesu in der Breite der Wirklichkeit umgesetzt werden.

Und wir alle, jeder an seinem Platz, müssen in dem Teil der Welt, für den wir verantwortlich sind, darum kämpfen, dass die himmlische Entscheidung auf der Erde real wird. Um es noch mal mit dem Bild vom Nationalsozialismus zu sagen: auch als Hitler tot und der Krieg verloren war, haben sich in manchen Bereichen die alten Nazis noch lange gehalten. In anderen Bereichen hat man sie schnell von den Schalthebeln entfernt. Es war ein langer Kampf, bis zum Beispiel die Verantwortlichen der KZs vor Gericht gestellt wurden. Und der Kampf ist selbst heute noch nicht zu Ende, weil wir immer wieder auf Spätfolgen stoßen, die noch nicht bearbeitet sind.

So muss auch diese grundsätzliche Niederlage des Drachen immer wieder in vielen kleinen und großen Kämpfen bestätigt werden. Hier auf der Erde, unter uns, mit uns als Akteuren. Das macht Jesus nicht für uns. Er hat den grundlegenden Durchbruch geschafft, er steht uns im Heiligen Geist zur Seite, aber es ist entschieden, dass die Umsetzung nur mit uns passiert. Und um diese Phase der Kämpfe geht es im zweiten Teil der Offenbarung.

Jun 222015
 

Predigt am 7. Juni 2015 zu 1. Johannes 4,16b-21

16 (b) Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. 17 Darin ist unter uns die Liebe vollendet, dass wir am Tag des Gerichts Zuversicht haben. Denn wie er, so sind auch wir in dieser Welt. 18 Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe(,) und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet. 19 Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.
20 Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht. 21 Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben.

Bild: Stux via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Gott ist Liebe – das ist ein vertrauter Vers, irgendwie kennen tun ihn wahrscheinlich viele von uns, immer wieder wird er als Konfirmationsspruch ausgesucht. Ja natürlich ist Gott Liebe, was sollte er sonst sein? Ab und zu fragt einer vielleicht, wie so ein liebevoller Gott schlimme Dinge zulassen kann, und es gibt Leute, die deswegen an Gott irre geworden sind. Aber auch die sind in der Regel der Meinung, dass Gott, sollte es ihn doch geben, ein lieber Gott sein müsste. Was denn sonst?

Lieblose Götter

Als der 1. Johannesbrief geschrieben wurde, war es aber überhaupt nicht selbstverständlich, dass Gott Liebe ist. Die Götter außerhalb des jüdischen und christlichen Bereichs waren alles mögliche, aber nicht liebevoll. Sie waren öfter mal gewalttätig, auch untereinander trugen sie ihre Konflikte mit List und Tücke aus. Der griechische Dichter Homer erzählt, wie im trojanischen Krieg die eine Götterpartei die Griechen und eine andere die Trojaner unterstützte. Zoff im Götterhimmel! Zeus, der oberste Gott, liebte schöne Menschenfrauen, aber das ist nicht die Liebe, von der Johannes schreibt. Heute würde Zeus wahrscheinlich wegen Missbrauchs Schutzbefohlener angezeigt. Die babylonischen Götter, so wird erzählt, schufen Menschen, damit es jemanden gibt, der ihnen die Dreckarbeit abnimmt. Auch das ist kein Zeichen von Liebe.

In so einer Welt ist das eine unglaubliche, eine verrückte Botschaft: Gott ist – ausgerechnet Liebe! Und dann muss man noch hinzusetzen, was Johannes an anderen Stellen des Briefes immer wieder schreibt: es geht um kein schwammiges warmes Gefühl, sondern was Liebe ist, das wird an Jesus sichtbar. Also seine Bergpredigt, seine heilende Ausstrahlung, sein Vertrauen auf den Segen, der in der Welt zu finden ist: das alles beschreibt, wie Gott ist. Die Macht hinter allem; das, was hinter dem Universum steht, auch hinter dem Urknall, wenn es ihn gegeben hat, ist Liebe von der Art, wie wir sie an Jesus sehen. Das ist das Geheimnis der Welt. Die Welt ist nicht neutral, sie wird nicht von ungerührten Naturgesetzen regiert. Sie ist aus Liebe geschaffen, sie ist dafür da, dass dort Liebe stattfindet, und dass sie von Liebe erfüllt ist. Sie hat eine innere Richtung. Und wir selbst sind von Gott ins Leben gerufen, damit wir Liebe empfangen und üben – gemeinsam mit allen Kreaturen.

Eine Gemeinschaft verkörpert Gottes Liebe

Diese Macht hinter allem, die von unserem Wort »Gott« bezeichnet wird, ist natürlich unsichtbar – wer das Universum schafft, kann nicht ein Teil des Universums sein, das ist ja wohl logisch. Aber damit wir trotzdem wissen können, wie Gott ist, hat er es doch geschafft, ein Teil der Welt zu werden, ein Mensch: Jesus. Der verkörpert Gott. Und Jesus hat erst in zweiter Linie Worte über die Liebe hinterlassen. In erster Linie hat er eine Gemeinschaft von Menschen gegründet, die als Kollektiv die Liebe darstellen, so wie Jesus es als Individuum getan hat. Menschen kennen Gott nicht, bis sie einer Gemeinschaft begegnen, die Gottes Liebe verkörpert. Und spätestens das ist auch für uns heute nicht vertraut und selbstverständlich: Menschen, die Gott nicht kennen, sollen einer Gemeinschaft begegnen, die seine Liebe verkörpert? Nicht Einzelnen, sondern einer Gemeinschaft, die von Liebe geprägt ist? Wirklich?

Johannes formuliert das so, dass Menschen in der Liebe »bleiben«. Das heißt, sie haben Anteil an der Bewegung der Liebe Gottes durch die Welt. Und dann bleibt auch Gott in ihnen, d.h., er ist die Energie in ihrer Bewegung. Es gibt einen Gleichklang zwischen Gott und Menschen. Sie ziehen am gleichen Strang, sie arbeiten Hand in Hand am selben Projekt. Die Menschen in der Gemeinschaft Jesu und Gott sind in Solidarität verbunden, und deswegen haben sie keine Angst vor Gott.

Eine extrem erfolgreiche Gemeinschaft – ohne Angst

In anderen Religionen haben die Menschen Angst vor dem Zorn Gottes, vor den Launen der unberechenbaren Götter, die man mit Opfern freundlich stimmen muss, oder sie haben Angst vor dem unberechenbaren, launischen Schicksal. Nur die Christen sagen: warum sollen wir vor Gott Angst haben? Wir sind Freunde, wir arbeiten zusammen, wir haben das gleiche Ziel. Angst vor Gott – wieso? Er ist doch die Energie, die uns bewegt und aus der wir leben!

Und das hat tatsächlich funktioniert. Diese Gemeinschaft, die Jesu gegründet hat, hat die Welt grundlegend verändert. Dass es uns als selbstverständlich erscheint, dass Gott Liebe ist, ist ein Zeichen dafür. Dass unser Grundgesetz in seinem ersten Satz sagt: die Menschenwürde ist unantastbar, darüber hätten römische Kaiser gelacht wie über einen guten Witz. Aber heute kann man das sogar vor Gericht einklagen.

Wir sind gewohnt, eher skeptisch über die real existierende Kirche zu sprechen, viele schämen sich sogar dafür, für die meisten ist sie kein Hoffnungsträger, und da gibt es ja auch Gründe für. Aber zunächst einmal muss man sagen: diese Bewegung von Menschen, die auf Jesus zurückgeht und Gottes Liebe so verkörpern soll, wie es Jesus selbst tat, die ist extrem erfolgreich gewesen. Sie hat drei Jahrhunderte lang dem römischen Imperium widerstanden, dem mächtigsten Reich, das es bis dahin gab. Und sie hat es am Ende überwunden. Sie hat die Entwicklung der Kultur gepusht, sie hat barbarische Völker zivilisiert. Und sie konnte das, weil sie im Einklang mit Gott lebte und auf die Liebe als Fundament der Welt gesetzt hat. Ich könnte stundenlang davon erzählen.

Die fatale Rückkehr der Furcht

Dummerweise ist dann tatsächlich etwas Entscheidendes dazwischen gekommen. Die Furcht vor Gott hat sich wieder eingeschlichen. Irgendwann ist das gekippt, so dass Menschen nicht mehr sagten: wir arbeiten mit Gott zusammen, wir gehen ohne Sorge auf den Tag des Gerichts zu, im Gegenteil, dann sehen wir ihn endlich! Wir sind jetzt ein Herz und eine Seele mit Gott, wieso sollten wir da Angst vor seinem Gericht haben? Wir warten doch darauf, dass Gott endlich Recht spricht und Gerechtigkeit auf der Erde schafft.

Aber irgendwann begannen sie wieder, sich vor Gott zu fürchten, und Furcht ist überhaupt keine gute Motivation, um zu lieben. In der Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus, die wir vorhin als Lesung gehört haben (Lukas 16,19-31), hat Jesus darüber gesprochen: der Reiche schmort in der Hölle, weil er die Flüchtlinge vor seiner Haustür im Mittelmeer absaufen lässt, und er schlägt Abraham vor, er solle doch den armen Lazarus zu seinen Brüdern schicken, damit sie gewarnt sind und nicht auch noch zur Hölle fahren. Der Gedanke dahinter ist: wenn einer von den Toten zurückkäme und persönlich bezeugen und drastisch ausmalen könnte, wie schrecklich es in der Hölle ist, dann können die Menschen gar nicht anders, als nach Gottes Willen leben.

Und immer wieder haben ja Menschen versucht, andere mit der Angst vor der Hölle zu Gott zu bringen. Aber das ist das reiche-Leute-Rezept: halte die Menschen in Furcht, dann tun sie, was sie sollen. Drohe deinen Dienern mit der Peitsche, dann werden sie springen und dir jeden Wunsch von den Augen ablesen. Drohe ihnen mit Hartz IV, und sie werden schlechte Arbeitsverhältnisse und miese Löhne in Kauf nehmen. So denken Leute, die herrschen, und der reiche Mann, von dem Jesus erzählt, scheint ja aus so einem Oberschicht-Clan zu stammen.

Höllenangst schafft keine Liebe

Aber Jesus lässt Abraham antworten: nein, das funktioniert nicht. Man kann nicht Liebe mit Furcht erzwingen. Wenn du dich Gott unterwirfst, weil du Angst vor der Hölle hast, das ist keine Liebe. Damit wirst du keine Verkörperung der Liebe Gottes. Das spezifisch Christliche ist ja gerade, dass wir frei sind von der Gerichts- und Höllenangst. Du kannst nicht Menschen für das Christentum gewinnen, indem du ihnen Angst vor dem Gericht machst. Das ist genau die Heiden-Angst, von der die Leute Jesu frei sind. Furcht ist nicht in der Liebe, jedenfalls nicht in der Liebe, die Jesus verkörpert.

Und ich glaube, da liegt einer der Gründe dafür, dass das Christentum inzwischen einen Teil seiner ursprünglichen Dynamik eingebüßt hat. Die Furcht hat sich wieder eingeschlichen bei den Leuten Jesu. Dieses spontane Gefühl: Gott und wir, wir arbeiten Hand in Hand an einem gemeinsamen Projekt, wir in ihm und er in uns, das wird untergraben, wenn Menschen eigentlich aus Angst vor Gottes Gericht dabei sind.

Zum Glück ist es dann oft so, dass Menschen im Laufe der Zeit entdecken, dass es einfach schön ist, mit Gott zusammen zu sein, und dann wird die Liebe eines Tages ihre wahre Motivation, und sie lassen die Furcht hinter sich. Aber irgendwie werden sie sie doch nicht ganz los, und sie verunreinigt dauerhaft die Liebe, und deshalb kann dann die Christenheit nicht die Verkörperung der Liebe Gottes sein, zu der sie berufen ist.

Martin Luthers Wirkungsgeschichte

Das berühmteste Beispiel dafür ist natürlich Martin Luther: der hat als junger Mann eine Höllenangst vor dem Gericht Gottes gehabt. Die mittelalterliche Kirche hat ja diese Angst bewusst geschürt, damit sie die Leute unter Kontrolle hatte und die bereitwillig zahlten. Und dann hat Luther entdeckt: Gott ist ganz anders! Gott ist an unserer Seite. Er ist gar nicht scharf darauf, dass wir in der Hölle braten. Er ist unser Freund. Und das war so eine Befreiung, da hat Luther sein Leben lang von gezehrt.

Aber er hat dann leider gedacht, jeder andere müsste auch immer erst durch diese Angst hindurch, die er selbst erlebt hat. Und in der Folge haben auch die evangelischen Prediger den Menschen zuerst Angst vor dem Gericht Gottes gemacht, um ihnen anschließend die Vergebung zuzusprechen. Und so ist auch in der evangelischen Kirche immer diese Angst drin geblieben und hat die Liebe verunreinigt. Und dauernd ist die selbstquälerische Frage da: liebe ich auch genug? Falle ich nicht hoffnungslos hinter dem Anspruch Gottes zurück?

Und ganz viele Menschen werden ihres Glaubens nicht 100%ig froh, weil der immer noch mit Furcht kontaminiert ist. Und sie zweifeln: kann das denn sein? Einfach so – nur wir in Gott und Gott in uns? Verharmlosen wir Gott da nicht? Kann man die Furcht einfach so weglassen?

Jesus kann auf Furcht verzichten

Aber in der Liebe, die Jesus verkörpert, ist keine Furcht drin. Gar keine. Diese Liebe hat andere Wurzeln. Die entspringt aus der Begegnung mit der Liebe Gottes, die die ganze Welt bewegt und in der Bewegung Jesu Gestalt annimmt. Und wir müssen da sehr aufpassen, dass sich nicht doch wieder diese Logik des reichen Mannes einschleicht: halte sie in Angst, dann tun sie, was sie sollen.

Aber so tickt Gott nicht. Jesus braucht das nicht, dass er Menschen Angst macht. Die Leute sind zu ihm gekommen, weil er so gut war. Sie sind mit ihm gegangen, weil sie gerne bei ihm waren. Und deshalb haben sich später die Menschen, wenn es gut ging, auch der Gemeinde angeschlossen: weil sie merkten, dass dort die Wahrheit über die Welt und ihr Leben zu Hause war, nämlich die Liebe, und dass es deshalb gut tut, dazu zu gehören.

Hinter allem steht die Liebe. Sie bewegt die Welt. Sie ist in Jesus verkörpert und in seiner Gemeinde, in der er lebt. Wer da dazu gehört, verlernt die Furcht. Die Furcht vor dem schrecklichen richtenden Gott und die Furcht vor allen Menschen, die uns Angst machen wollen.