Mai 172015
 

Predigt am 17. Mai 2015 zu Epheser 3,14-21

14 ´Noch einmal: Wenn ich mir das alles vor Augen halte, ´kann ich nicht anders, als anbetend` vor dem Vater niederzuknien. 15 Er, dem jede Familie im Himmel und auf der Erde ihr Dasein verdankt 16 und der unerschöpflich reich ist an Macht und Herrlichkeit, gebe euch durch seinen Geist innere Kraft und Stärke.
17 ´Es ist mein Gebet,` dass Christus aufgrund des Glaubens in euren Herzen wohnt und dass euer Leben in der Liebe verwurzelt und auf das Fundament der Liebe gegründet ist. 18 Das wird euch dazu befähigen, zusammen mit allen anderen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, die Liebe Christi in allen ihren Dimensionen zu erfassen – in ihrer Breite, in ihrer Länge, in ihrer Höhe und in ihrer Tiefe. 19 Ja, ´ich bete darum,` dass ihr seine Liebe versteht, die doch weit über alles Verstehen hinausreicht, und dass ihr auf diese Weise mehr und mehr mit der ganzen Fülle des Lebens erfüllt werdet, das bei Gott zu finden ist.
20 Ihm, der mit seiner ´unerschöpflichen` Kraft in uns am Werk ist und unendlich viel mehr zu tun vermag, als wir erbitten oder begreifen können, 21 ihm gebührt durch Jesus Christus die Ehre in der Gemeinde von Generation zu Generation und für immer und ewig. Amen.

Diese Verse sind der Abschluss eines umfangreichen Abschnitts, in der Paulus den langen Weg nachzeichnet, den Gott geht, um seine Welt zurückzuholen, wie den verlorenen Sohn ins Vaterhaus. Diese Verse müssen für Übersetzer ein Albtraum sein, weil die Satzkonstruktionen sich abenteuerlich dehnen, so dass man eigentlich zwischendurch gar nicht weiß, wo der Satz noch mal enden soll, weil Paulus immer noch mal was Neues dazu einfällt, was ihm wichtig ist, um es anzufügen oder noch mit einzuschieben, was ihm an Gott ganz besonders auffällt und was er bewundert an ihm, wie ja der Horizont sich immer weitet, wenn man Gottes Werk bedenkt, und es ist dann nur angemessen, wenn aus der Betrachtung ein Lobpreis der Güte Gottes wird, und so geht es Paulus nicht nur hier, sondern auch in anderen Briefen.

So, wissen Sie noch, womit dieser letzte Satz anfing? Damit, dass das für Übersetzer ein Alptraum sein muss, solche verschachtelten Sätze in eine andere Sprache zu übertragen. Ich habe gerade mal versucht, diesen Satzbau nachzumachen, wo man von einem zum anderen kommt, und am Ende gerät alles außer Kontrolle, aber man weiß ungefähr, was wohl gemeint ist. Und ich war dabei noch übersichtlicher als Paulus.

Eine ziemlich komplizierte Welt

Bild: geralt via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Paulus schreibt so, weil es der Realität angemessen ist. Gott handelt tatsächlich so kompliziert. Die Welt ist nicht einfach gebaut, sondern sie ist ein unglaublich komplexes Knäuel von Zusammenhängen, und wenn wir sie betrachten, dann reduzieren wir sie immer auf ein paar einfache Sätze. Anders geht es gar nicht. Aber dabei dürfen wir nicht vergessen: in Wirklichkeit ist alles immer noch viel komplizierter. Und wenn Gott sich aufmacht, um seine Welt zurück zu gewinnen, dann kommt dadurch noch ein ganz entscheidender Faktor dazu. Ja, das ist sogar der zentrale Aspekt, um die Welt zu verstehen: dass Gott einen langen Weg mit vielen Umwegen und Wendungen geht, um seine Schöpfung zu ihrer ursprünglichen Bestimmung zurück zu holen. Wenn er sagen würde: oh Mist, das ist daneben gegangen, stampf ich die Welt halt wieder ein und mach eine neue, das wäre einfacher.

Stattdessen bleibt er dabei, dass diese Welt eine gute Schöpfung ist, und gleichzeitig ist sie aus dem Ruder gelaufen. Er hat uns Menschen fast so mächtig wie Götter geschaffen, und gleichzeitig sind wir voller Angst und Zweifel und fühlen uns nicht wohl in unserer Haut. Wenn du einfachere Formeln haben willst, dann denk übers Holzhacken nach, obwohl das auch nicht so einfach ist.

In den Versen vorher hat Paulus davon gesprochen, was für ein Wunder es ist, dass die heidnischen Völker jetzt mit Israel zusammen Zugang zu Gott haben. Für uns ist das vielleicht eher selbstverständlich, wir gehören zu einer Abteilung des Christentums, in dem es wenig Juden gibt. Wir müssen eher verstehen, was für ein Wunder es ist, dass es überhaupt ein Volk Gottes gibt.

Der lange Weg zum Volk Gottes

Wenn man die lange Geschichte Israels von Abraham an betrachtet, dann sieht man erst, wie Gott über viele Generationen hart daran gearbeitet hat, ein Volk zu schaffen, das anders ist als andere. Nicht unbedingt besser, aber ein Volk, in dessen Seele es eingeschrieben ist, zu einem ganz besonderen Gott zu gehören und zu einer ganz besonderen Mission berufen zu sein.

Wenn wir aus unserer heutigen Sicht auf diesen Weg schauen, wie er in der Bibel beschrieben ist, dann erscheint uns das als eine merkwürdige Mischung. Einerseits sehr vernünftige Regeln wie die zehn Gebote zum Beispiel, wo man sagen kann: ja, das sind wirklich die Grundlagen für das menschliche Zusammenleben. Und andererseits so komische Regeln, dass man kein Schweinefleisch essen soll, dass man nicht zwei verschiedene Arten von Fasern zu einem Tuch verweben soll, und welches Gewand die Priester tragen sollen. Einerseits die einmalige, gelungene Befreiung der ägyptischen Sklaven und andererseits Kriege und blutiges Gemetzel.

Aber selbst in den zehn Geboten gibt es welche, die nicht einfach nur vernünftig sind: z.B. der Feiertag, der Sabbat, den man halten soll. Warum ist das jeder siebte Tag? Warum nicht jeder zehnte oder jeder Fünfte? Und an der Spitze natürlich: ich bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägypten befreit hat – neben mir sollst du keine anderen Götter haben. Warum hat Gott gerade dieses eine Volk befreit, wo es doch damals und heute jede Menge unterdrückter Menschen gab?

Eine folgenschwere Entscheidung

Vielleicht sind das nicht präzise die Fragen, mit denen sich Paulus herumgeschlagen hat, aber von diesem Kaliber werden sie gewesen sein. Immerhin saß er im Gefängnis, als er den Brief schrieb, da hat man viel Zeit zum Nachdenken, und das sind nicht nur schöne Gedanken. Und das alles gibt tatsächlich nur dann einen Sinn, wenn man versteht, wie mühsam das für Gott war, nach und nach eine Gruppe von Menschen herauszubilden, die von ihm her dachte und lebte. Ein Volk, durch das er hier in der Welt zum Zuge kommt. Denn Gott hat ja den Menschen die Herrschaft in der Welt übertragen, und das kann er auch dann nicht einfach wieder rückgängig machen, wenn Menschen das falsch verstehen und diese Herren der Schöpfung nur Chaos und Zerstörung anrichten.

Das ist eine Grundregel dieses Spiels: Gott kommt nicht an den Menschen vorbei, wenn er in der Welt etwas bewirken will. Ja, er ist Gott, er ist uns nicht unterworfen, er kennt die Welt und ihre Zusammenhänge viel besser als wir. Wir können ihm keine Bedingungen stellen. Aber dennoch kann er hier nichts ohne Menschen tun. Er hat Menschen den Schlüssel zu seiner Schöpfung anvertraut und hat selbst keinen Zweitschlüssel behalten. Deswegen kann er nur mit Menschen zusammen die Welt beeinflussen. Und dazu braucht er ein Volk und weil es das nicht gibt, muss es erst erschaffen.

Die Herausbildung der Alternative

Nur so kann man die Geschichte Israels wirklich verstehen: dass es überhaupt erstmal darum ging ein Volk zu schaffen, das anders ist. Wie lange haben die sich dagegen gewehrt, anders zu sein als die anderen Völker. Kaum waren sie aus Ägypten befreit, da wollten sie am liebsten wieder zurück. Und als sie in ihrem Land waren, da wollten sie möglichst so sein wie die Völker, die da schon lebten. Sie wollten einen König haben wie alle anderen Völker. Sie führten Kriege wie alle anderen und sie hatten ein Herrschaftssystem wie alle anderen. Aber immer wieder wurde unter ihnen die störende Erinnerung laut: bei euch soll es anders sein als bei anderen. Ihr seid das Volk Gottes. Und er wird euch ganz anders zur Verantwortung ziehen als andere Völker.

Und dann landeten sie nach einer schrecklichen Katastrophe in der babylonischen Gefangenschaft und paradoxer Weise begannen sie erst dort, wirklich ihren Auftrag anzunehmen. Sie erlebten, wie Gott ihnen Orientierung gab, eine Identität, die sie davor bewahrte, sich aufzulösen im großen Völkermischmasch. Ihr Gesetz gab ihnen Halt, und sie wollten jetzt auch das Volk Gottes. Aber die meiste Zeit blieben sie eine Provinz irgendeines antiken Großreiches und erlebten hautnah das Joch von Unterdrückung und Gewalt, jetzt aber immer mit dem kritischen Kommentar: so hat Gott das doch nie gewollt!

Eine neue Art zu denken

Wenn Menschen heute bei irgendeinem himmelschreienden Unglück fragen: wie kann Gott das zulassen?, dann können sie das nur, weil Gott hartnäckig und mühsam in Israel das Wissen verankert hat, dass die Welt eigentlich anders sein sollte. Natürlich haben die Menschen immer und überall darunter gelitten, dass Könige Krieg führten und ihre Völker unterdrückten, aber so war eben die Welt. Das einzige, was man tun konnte, war: versuchen, zu den Siegern zu gehören.

Nur in Israel gab es diese Idee, dass es nicht so sein soll, und dass Gott dagegen etwas tun wird. Die Frage blieb offen, wie er das tun würde. Aber immerhin gab es diese Frage. Die anderen Völker hatten noch nicht mal die. Und deswegen kam die Antwort auf diese Frage auch in Israel, nämlich Jesus und sein Weg. Nur auf dem Hintergrund dieses langen Weges Gottes mit Israel kann man Jesus überhaupt verstehen: jetzt ist endlich der Mensch da, der Gottes Plan nicht zufällig, widerwillig und ahnungslos voran bringt, sondern aus ganzen Herzen, im Sinn des Urhebers und in tiefer Verbindung mit ihm. Diesem Menschen, Jesus, kann Gott bedenkenlos den Schlüssel zur Welt anvertrauen.

Kommando zurück!

Und dann kommt der nächste Schritt, den Paulus hautnah miterlebt hat, voller Staunen und Bewunderung: jetzt dürfen auch die anderen Völker mit dazu. Jahrhundertelang hat Gott daran gearbeitet, sein Volk von den anderen Völkern abzugrenzen, überhaupt erst eine Schutzmauer zu schaffen, hinter der sich das Pilotprojekt Israel entwickeln konnte. Und dann kommt der Wendepunkt, Jesus, und es heißt: Kommando zurück, jetzt dürfen auch die anderen dazu kommen. Wie schwer ist das wohl: erst mühsam lernen, dass man anders ist, und als sie das verstanden haben, da heißt es auf einmal: jetzt brauchen wir nicht mehr diese vorläufigen Unterscheidungsregeln, jetzt geht es nicht mehr um Schweinefleisch und Sabbatregeln, obwohl die auch nicht schlecht sind, aber jetzt geht es um die Art von Liebe, die mit Jesus ans Licht gekommen ist. Jetzt wissen wir endlich, was Gott die ganze Zeit im Sinn gehabt hat. Jetzt ist das Geheimnis enthüllt. Jetzt kann man die meisten Puzzleteile einordnen. Es bleiben noch genug Rätsel, aber wir kennen wenigstens das große Bild.

Wer die weitere Kirchen- und Theologiegeschichte studiert, der merkt: es gibt jede Menge Möglichkeiten auch das große Bild zu verwirren, und alle sind auch irgendwann mal genutzt worden. Und wenn ich noch doppelt so lange predigen könnte, dann würde ich jetzt auch einiges zu Irrwegen und Sackgassen der Christenheit sagen, da hat es genauso viel Komplikationen gegeben wie in Israel. Und auch da würden wir immer wieder auf das Phänomen stoßen, dass Gott auch die Irrtümer und Einseitigkeiten seiner Leute einbaut in seinen Weg und sein Projekt trotz allem voranbringt.

Erstmal zuhören und staunen!

Stattdessen möchte ich jetzt daran erinnern, dass Paulus dies alles als Gebet formuliert. Er meditiert Gottes Handeln und staunt und dankt und ist voller Bewunderung. Ich glaube, das ist die angemessene Haltung. Wer betrachtet und betet, der bleibt offen für die Überraschungen, die noch kommen. Gott hat kein Schema F, nach dem er vorgeht, er überrascht uns immer wieder, und erst im Nachhinein enthüllt sich manchmal, wie er auch menschliche Irrwege und Einseitigkeiten genutzt hat. Auch wenn er natürlich lieber mit unseren Klarheiten zusammenarbeitet als mit unseren Irrwegen.

Feste Muster vergehen

Es wäre einfacher, wenn man eine klare Regel hätte, wie Gott unter Menschen handelt. Meinetwegen mit ein paar Varianten und Spezialfällen, aber doch eine Regel nach dem Muster der Naturgesetze, die fast immer gelten. Aber solche Prinzipien gibt es bei Gott nicht. Man kann Gottes Handeln nur meditieren, auf ihn hören, und dann wird man das, was man braucht, auch erfahren. Prinzipien und Regeln sind Werkzeuge in Gottes Hand; er benutzt sie eine Zeit lang und legt sie wieder weg und schafft Neues.

Wenn Gott einmal nach dem einen Muster gehandelt hat, heißt das noch längst nicht, dass er es immer so machen müsste. Er bleibt keinem festen Muster treu, sondern sich selbst. Deswegen ist seine ultimative Gabe kein Regelwerk, kein Gesetz, sondern sein Geist. Wenn wir ein Leben lang auf ihn hören und immer noch für neue Wege offen sind, dann werden sie sich uns erschließen.

Und am Ende werden wir zurückschauen und sagen: dass ich hier landen würde, dass es darauf hinaus läuft, darauf wären wir am Start wirklich nicht gekommen. Aber du hast es gut gemacht. Du hast unsere Wege unvorhersehbar richtig gestaltet, und das trauen wir dir jetzt auch für die Zukunft zu.

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