Apr 122015
 

Predigt am 12. April 2015 zu Offenbarung 11,1-14 (Predigtreihe Offenbarung 18)

1 Nun wurde mir ein Stab aus Schilfrohr gegeben, wie man ihn zum Messen verwendet. »Geh und miss den Tempel Gottes aus, auch den Altar«, sagte ´eine Stimme` zu mir, »und ´zähl` die Menschen, die im Tempel anbeten! 2 Aber lass beim Vermessen den äußeren Vorhof des Tempels aus, denn er ist den heidnischen Völkern preisgegeben worden, und sie werden die heilige Stadt unterwerfen und zweiundvierzig Monate lang besetzt halten.«
3 »Doch werde ich«, ´fuhr die Stimme fort,` »meine beiden Zeugen zu ihnen schicken, und sie werden ´während dieser ganzen Zeit` – tausendzweihundertsechzig Tage lang –, in Sacktuch gehüllt, als Propheten ´unter ihnen` auftreten.« 4 Diese beiden Zeugen sind die zwei Ölbäume und die zwei Leuchter, ´von denen es in der Schrift heißt, dass` sie vor dem Herrn stehen, dem Herrscher über die ganze Erde. 5 Wenn jemand versucht, ihnen etwas anzutun, wird Feuer aus ihrem Mund kommen und ihn vernichten. So wird es allen ihren Feinden ergehen; jeder, der ihnen etwas antun will, wird auf diese Weise umkommen. 6 Sie haben die Macht, den Himmel zu verschließen, sodass während der Zeit, in der sie als Propheten auftreten, kein Regen fällt. Sie haben auch die Macht, die Gewässer in Blut zu verwandeln. Sooft sie es wollen, können sie jedes nur erdenkliche Unheil über die Erde hereinbrechen lassen.
7 Wenn sie ihren Auftrag als Zeugen ´Gottes` erfüllt haben, wird das Tier, das aus dem Abgrund heraufsteigt, gegen sie kämpfen. Es wird sie besiegen und umbringen. 8 Ihre Leichen ´wird man` in der großen Stadt auf offener Straße ´liegen lassen`, in derselben Stadt, in der schon ihr Herr gekreuzigt wurde und die – was symbolisch zu verstehen ist – Sodom oder auch Ägypten heißt. 9 Während dreieinhalb Tagen werden sich Menschen aus den verschiedensten Völkern und Stämmen, Menschen unterschiedlichster Sprache und Kultur am Anblick der beiden Toten weiden, und man wird es niemand erlauben, sie zu bestatten. 10 Überall auf der Welt werden die Menschen jubeln und Freudenfeste feiern und sich gegenseitig Geschenke senden, denn diese beiden Propheten hatten ihnen das Leben zur Qual gemacht. 11 Doch nach den dreieinhalb Tagen wird der Lebenshauch Gottes in sie zurückkehren, und zum größten Entsetzen aller, die das miterleben, werden sie ´plötzlich wieder lebendig werden und` aufstehen. 12 Aus dem Himmel werden sie eine mächtige Stimme hören, die ihnen zuruft: »Kommt hier herauf!« Daraufhin werden sie vor den Augen ihrer Feinde in einer Wolke in den Himmel emporgehoben werden.
13 Im selben Augenblick wird ein heftiges Erdbeben ´die Stadt` erschüttern. Ein Zehntel der Gebäude wird einstürzen, und siebentausend Menschen werden den Tod finden. Zutiefst erschrocken werden dann die Überlebenden dem Gott, der im Himmel thront, die Ehre erweisen, ´die ihm gebührt`.
14 Das zweite Unheil, das der Wehruf angekündigt hat, ist vorüber; doch das dritte steht unmittelbar bevor.

Wir sind im 11. Kapitel von insgesamt 22 Kapiteln der Offenbarung, aber es sieht immer noch aus, als wären wir schon auf der Zielgeraden. Das Lamm – also Jesus – hat das siebte Siegel vom Buch geöffnet, in dem Gottes geheimer Plan für seine Schöpfung verzeichnet ist. Sechs von sieben letzten Posaunen sind erklungen, schreckliche Plagen waren die Folge; und trotzdem haben sich die Menschen nicht abgewandt von ihrem zerstörerischen und selbstzerstörerischen Tun. Ein gewaltiger Engel hat im Namen Gottes versichert, dass es nun keinen Aufschub mehr geben wird.

Aber ganz am Ende hat Johannes gesagt bekommen, dass er noch einmal prophetische Worte aussprechen soll – und zwar Worte zur politisch-kulturellen globalen Situation. Jetzt ist es nicht nur eine Drama, das vor Johannes Augen abläuft, sondern jetzt ist er Beteiligter. Und mit ihm die Christen überhaupt. So wie schon einmal in Kapitel 8 die Gebete der Christen ins Spiel kamen, so ist jetzt das Thema die christliche Prophetie und ihre Rolle in dem weltgeschichtlichen Drama, das sich in der Offenbarung enthüllt. Das war der Doppelpunkt vom letzten Mal.

Die Rolle der Prophetie

Und jetzt geht es mit diesem Thema weiter, und deshalb ist das 11. Kapitel voll mit Erinnerungen an prophetische Menschen des Alten Testaments. Am Anfang bekommt Johannes einen Zollstock, mit dem er den Tempel ausmessen soll, und das erinnert an den Propheten Hesekiel, der ein Modell des künftigen Tempels ausmisst (Hesekiel 40-48). Der innere Tempelbereich, den Johannes ausmisst, der bleibt unzerstört, aber die äußeren Teile des Tempels werden von Feinden erobert.

Man merkt aber, dass es bei Johannes nicht so sehr um ein Gebäude geht, sondern um die Menschen, die dort sind. Die soll er zählen. Die erste Christenheit hat sich ja im Bild des Tempels wiedergefunden, als der lebendige Tempel Gottes. Johannes soll also nicht das Tempelgebäude in Jerusalem ausmessen. Das war vermutlich in dieser Zeit schon zerstört. Im jüdischen Aufstand der Jahre 66 – 70 hatten sich die Aufständischen im Tempel verschanzt, und die Römer hatten ihn nur in einem blutigen Kampf nach und nach erobern können. Am Ende hatten sie es geschafft, und der Tempel wurde zerstört.

Bei Johannes geht es um die Nachfolger Jesu. Die sind jetzt das lebendige Heiligtum, und auch darum wird gekämpft. Die Feinde dringen ziemlich weit ein, aber sie werden es nicht schaffen, dieses lebendige Heiligtum zu zerstören. Immerhin 42 Monate lang wird es sehr gefährlich aussehen.

42 gefährliche Monate

42 Monate sind dreieinhalb Jahre oder 1260 Tage. Auch diese Zahl hat eine besondere Bedeutung. 200 Jahre vorher hielt der syrische König Antiochus, einer der Nachfolger Alexanders des Großen, Jerusalem dreieinhalb Jahre lang besetzt und versuchte, mit einer Schreckensherrschaft den Glauben an Israels Gott auszurotten. Nach dreieinhalb Jahren wurde der Tyrann vertrieben.

Wenn Johannes sagt, dass die Christen dreieinhalb Jahre in Gefahr sein werden, dann heißt das: diese Gefahrenzeit ist begrenzt; sie hat ein Ende. Gott hat die Kontrolle. Das spiegelt wider, wie im Römischen Reich die Christen immer wieder verfolgt, aber nie vernichtet worden sind. Immer stoppte die Verfolgung noch rechtzeitig.

Muster mit langer Vorgeschichte

Es geht hier also nicht um konkrete 42 Monate, die man irgendwo im Kalender eintragen könnte. Es geht um typische Muster, die immer wieder auftauchen. Und so geht das Kapitel weiter. In dieser Zeit der Gefahr gibt es zwei Zeugen, die die ganze Zeit über prophetisch reden. Die beiden sind gemalt in Farben, die an Mose und Elia erinnern, diese beiden großen Gestalten des Alten Testaments. Elia sorgte für Dürre und setzte damit den König Ahas unter Druck, dessen Reiterarmee auf Gras für die Pferde angewiesen war (1. Könige 17,1; 18,5). Als sein Nachfolger Ahasja ihn durch eine Abteilung Soldaten verhaften wollte, fiel Feuer vom Himmel und vernichtete sie (2. Könige 1,9-15). Und sie können Plagen über die Welt kommen lassen – das erinnert an Mose und die ägyptischen Plagen (2. Mose 7-12).

Dass die beiden als Ölbäume bezeichnet werden, ist wiederum eine Erinnerung an den Propheten Sacharja (4,3.11-14). Und alles zusammen bedeutet, dass auch in der ganzen Zeit der Gefahr die Stimme der Prophetie nicht verstummen wird. Gott schützt die Propheten. Es sieht aus, als müssten sie und die Gemeinde nur lange genug durchhalten, und am Ende wird alles gut.

Bild: MakyFoto via pixabay, creative commons CC0

Bild: MakyFoto via pixabay, creative commons CC0

Aber dann tritt eine unheimliche Gestalt auf, von der wir bisher noch gar nichts gehört haben: das Tier aus dem Abgrund. Nur kurz gab es schon in Kapitel 9 einen Hinweis darauf, dass im Untergrund der Welt ein Horror schlummert, der zum Glück noch irgendwie zurückgehalten wird. Aber jetzt kommt da etwas in Bewegung. Die beiden Propheten scheinen ein Monster geweckt zu haben. Es ist bisher noch nicht deutlich, worum es geht, aber wir haben doch schon einen Hinweis darauf, dass es alles in Wirklichkeit noch verzwickter und bedrohlicher ist, als es bisher schon aussah.

Die dunklen Mächte geben nicht auf

In dem Moment, wo die Stimme Gottes sich deutlich meldet, läuft auch der Widerstand dagegen zur Höchstform auf. Wenn die Herrschaft der zerstörerischen Mächte über die Welt ernsthaft in Frage gestellt wird, dann wehren sie sich mit aller Kraft dagegen. Dann werden sie richtig brutal.

Wir müssen nur mal zurückdenken an den arabischen Frühling von 2011. Die Macht der ganzen Potentaten und ihrer Terrorregimes war ernsthaft in Frage gestellt. Die Menschen erlebten Befreiung von der jahrhundertealten Unterdrückung. Staat und Familie hatten sie klein gehalten, aber jetzt merkten sie auch über das Internet, wie viele es waren, die das nicht mehr wollten. Ein paar Monate lang konnte man sich vorstellen, wie rund um das Mittelmeer neue blühende Länder entstehen könnten, demokratisch, solidarisch und fantasievoll. Eine neue, bessere Welt schien dort greifbar nahe. Aber genau diese Möglichkeit hat alle die auf den Plan gerufen, die dabei ihre Macht verloren hätten, und die Demokratiebewegungen sind kaputt gemacht worden im Zusammenspiel von modernen Islamisten und alten Machthabern. Und der Westen hat beinahe nichts getan, um sie zu unterstützen. In Syrien sehen wir wie in einem Vergrößerungsglas die ganze Grausamkeit, die im Untergrund der Welt verborgen ist, und die geweckt wird, sobald ihre Macht ernsthaft in Frage gestellt wird.

Auch diese beiden Prophetengestalten sind also keine historischen Figuren, die man in einer Zeittafel fixieren könnte, sondern sie verkörpern die Christenheit in ihrer prophetischen Rolle, sie stehen für den prophetischen Impuls, der aus Israel kommt und sich durch Jesus und seine Nachfolger weltweit ausgebreitet hat.

Das Böse demaskiert sich

Dieser prophetische Impuls ist nicht tot zu kriegen, aber er sorgt dafür, dass das Böse immer böser wird. Es verliert immer mehr seine glänzende Maske und wird bis zur Kenntlichkeit verändert. Es fühlt sich zu Recht herausgefordert von der Stimme Gottes, die durch den Mund von Menschen hindurch die Macht der Herrscher in Frage stellt. Es zeigt sich in seiner wahren Gestalt, als Monster, es schlägt zurück, und es hat Erfolg: am Ende sind die beiden Zeugen tot. Die Stimme der Prophetie scheint verstummt, die Demokratiebewegung ist zerschlagen, Dietrich Bonhoeffer – auch einer, der solch einen prophetischen Auftrag wahrgenommen hat –, wurde umgebracht, vor 70 Jahren, in den letzten Wochen des 2. Weltkriegs.

Der Ort, wo das geschieht, wird Sodom genannt, und Ägypten, und dort, heißt es, ist auch Jesus gekreuzigt worden – also Jerusalem. Aber Johannes sagt selbst, dass man das symbolisch verstehen muss. Gemeint ist kein Ort, den man auf einer Landkarte finden könnte, sondern die universale Hauptstadt der Gewalt und der Unterdrückung. Damals war das konkret Rom, aber das ändert sich immer wieder.

Prophetie nervt die Leute

Das Böse scheint gesiegt zu haben, und alle Leute freuen sich, dass sie nicht mehr die prophetische Stimme hören müssen, die so viel Unruhe in die Welt gebracht hat, und die sie immer wieder daran erinnert hat, dass da noch Leichen im Keller sind, Leid und Unheil und Bedrohung im Untergrund der Welt. Wer will das schon hören! Der Gott Israels und Vater Jesu Christi ist ein Fremdkörper in der Welt, die er geschaffen hat, und seine Leute stören nur.

Prophetie macht sich genau so beliebt, wie der Arzt, der beharrlich sagt: sie sollten aufhören zu rauchen! Das tut Ihnen nicht gut! Mein Zahnarzt sagte mir vorgestern noch: ich muss Sie jetzt ein bisschen quälen, und er fügte hinzu: ich wundere mich darüber, dass mir noch keiner irgendwo aufgelauert hat, um sich an mir zu rächen. Ich konnte gerade nicht reden, der Mund war voller Geräte, sonst hätte ich ihm versichert, dass er vor mir keine Angst haben muss. Aber es ist nun mal so, dass Menschen manchmal wütender auf den sind, der das Problem beim Namen nennt und sagt: da müsst ihr euch drum kümmern!, als auf den, der das Problem verursacht.

Und deswegen feiern die Leute ein Freudenfest, als sie endlich die Stimme der Propheten nicht mehr hören müssen. Endlich ist Ruhe! Endlich sind sie nicht mehr mit diesem Konflikt konfrontiert. Und das erinnert daran, wie die Leute in Jerusalem bei Jesu Hinrichtung froh waren, dass dieser Störenfried sie jetzt endlich nicht mehr belästigt.

Ein unerwartetes Ergebnis

Aber wie bei Jesu Tod dauert die Freude nicht lange. Jesus ist nach drei Tagen auferstanden, die Propheten brauchen dreieinhalb Tage dafür. Dann holt Gott sie ins Leben zurück und bestätigt ihre Worte, indem er sie in den Himmel heraufholt. Das erschüttert die Erde, ein Zehntel der Unrechtshauptstadt stürzt ein (immerhin nur ein Zehntel – bei den früheren Katastrophen wurde meistens ein Drittel der Menschen getötet), aber dann geschieht das eigentliche Wunder: die Menschen wenden sich Gott zu. Das ist neu. Das haben wir in allen Kapiteln vorher nicht gehört. Was die ganzen Plagen und Katastrophen nicht geschafft haben, das geschieht hier durch Leben und Tod christlicher Märtyrer: das Böse wird in seiner ganzen Bosheit erkennbar, und die Menschen wenden sich in großer Zahl Gott zu.

Auch da wissen wir aus der Geschichte, dass Menschen oft gerade dadurch für den Glauben gewonnen worden sind, dass sie die öffentliche Hinrichtung christlicher Märtyrer im Stadion gesehen haben, beeindruckt waren von der Haltung, mit der die in den Tod gingen, und dann abgestoßen waren von der ganzen Grausamkeit des Imperiums.

Was in den ganzen Kapiteln vorher nicht passiert ist, das geschieht jetzt durch die Geduld und das Leiden der vielen Menschen, die in ihrem Leben, aber auch in ihrem Sterben Gott treu geblieben sind. Zur Zeit von Elia sind es nur 7000 Leute gewesen, die nicht den Götzen Baal angebetet hatten. Hier sind es nur 7000, die umkommen – die anderen werden gerettet. Da hat sich etwas gedreht.

Wir bekommen eine erste Antwort auf die Frage, wie Gott seine Welt zurück gewinnen wird. Die Gemeinde Jesu spielt da eine wichtigere Rolle, als bisher sichtbar geworden ist. Aber auch von dem Tier werden wir noch hören. Wir sind noch nicht am Ziel, und in der zweiten Hälfte der Offenbarung gibt es noch einige Überraschungen.

Apr 062015
 

Predigt am 6. April 2015 (Ostern II) zu 1. Korinther 15,12-20

12 Wenn aber verkündigt wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? 13 Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. 14 Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.
15 Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt, weil wir im Widerspruch zu Gott das Zeugnis abgelegt haben: Er hat Christus auferweckt. Er hat ihn eben nicht auferweckt, wenn Tote nicht auferweckt werden. 16 Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. 17 Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden; 18 und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren.
19 Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen. 20 Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.

Waldburg-Gebetbuch (via Wikimedia Commons)

Waldburg-Gebetbuch (via Wikimedia Commons)

In den Versen direkt vorher hat Paulus die Gemeinde von Korinth ausführlich daran erinnert, wie viele Zeugen der Auferstehung Jesu es gibt, und wie genau das schon kurz danach in aller Form festgehalten worden ist. Das ist kein dunkler Mythos aus grauer Vorzeit, sondern es gab einen Haufen von bekannten Zeugen, die man damals noch befragen konnte.

Warum ist das Paulus so wichtig? Weil die Auferstehung der Geburtsmoment des christlichen Glaubens war. Ohne die Auferstehung wüssten wir vermutlich heute beinahe nichts oder gar nichts mehr von Jesus und seiner Bewegung. Gescheiterte Gruppen, die nach dem gewaltsamen Tod ihrer Anführer wieder auseinanderfielen, gab es damals viele. Dass es bei den Christen anders war, ist der stärkste Hinweis, dass da etwas ganz Besonderes passiert sein muss.

Bleiben Tote tot?

In diesen folgenden Versen des Briefes wird nun auch deutlich, weshalb Paulus das alles so stark heraus streicht. Im Korinth gab es Christen, die behaupteten, es gebe keine Auferstehung der Toten. Sie sagten damit nur, was für die allermeisten Menschen selbstverständlich war: Tote bleiben tot. Man glaubte damals, sie würden irgendwie als Schatten in der Unterwelt weiter existieren, aber als echtes Leben konnte man das nicht bezeichnen. So wie Menschen heute glauben, sie würden im Herzen ihrer Lieben weiterleben, aber das ist im Grunde noch weniger als das Schattenreich der Unterwelt. Nur die Juden glaubten damals an eine echte Auferstehung der Toten am Ende der Zeit, weil sie an den Schöpfer des Lebens und der Welt glaubten. Sie warteten darauf, dass Gott endlich den Tod aus der Welt vertreiben würde. Und wahrscheinlich war das Problem in Korinth, dass es dort in der Gemeinde fast keine Juden gab, die diese Gedanken selbstverständlich mitgebracht hätten.

Deshalb wiederholt Paulus immer wieder: wenn ihr nicht glaubt, dass Tote auferstehen, dann kann doch auch Jesus nicht auferstanden sein. Wollt ihr das wirklich? Ihr sägt gerade den Ast ab, auf dem ihr sitzt!

Hoffnung nur im kleinen Rahmen?

Wahrscheinlich waren sie in Korinth an dieser Stelle inkonsequent: sie hielten daran fest, dass Jesus auferstanden ist, aber für die Menschen im Allgemeinen und die ganze Schöpfung erwarteten sie keine grundlegende Erneuerung. Sie erlebten, wie der Heilige Geist in der Gegenwart unter ihnen äußerst lebendig war, aber sie hatten keine Hoffnung für die Zukunft und die ganze Welt. Sie freuten sich, dass ihre Sünden vergeben waren, aber sie schauten nicht voraus zu dem Tag, an dem Tod und Sünde endgültig aus der Welt vertrieben werden.

Paulus sagt ihnen: das eine gibt es auf Dauer nicht ohne das andere. Was ihr im Kleinen und in der Gegenwart erlebt, das ist der Anfang von Gottes großer Weltrevolution gegen den Tod. Eure individuellen Erfahrungen sind nur sinnvoll innerhalb des großen Bildes. Und ihr werdet auch eure individuellen Erfahrungen verlieren, wenn ihr nicht den großen Rahmen festhaltet. Die Auferstehung Jesu verträgt sich nicht mit einem Weltbild, das keine echte Hoffnung für die Toten hat. Die Auferstehung Jesu ist der Beginn einer neuen Welt. Wenn ihr euren Glauben auf die Dauer behalten wollt, dann müsst ihr auch das große Bild ändern. Ihr müsst euch ausklinken aus dem Mainstream-Denken, das euch umgibt, und es wagen, zu behaupten: es ist alles ganz anders. Was mit Jesus geschehen ist, das ist keine einmalige Ausnahme, sondern die Zukunft der ganzen Schöpfung.

Die Macht von Weltbildern

Wir stoßen an dieser Stelle auf die Macht von Weltbildern. Weltbilder stecken den Rahmen ab, in dem wir denken. Sie sagen uns, was möglich ist und was nicht. Sie sagen uns, woran es liegt, dass es donnert und warum es Männer und Frauen gibt. Von ihnen beziehen wir unsere Ansichten darüber, ob man mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen sollte und ob sich der Versuch lohnt, die Welt zu retten. Weltbilder geben uns Orientierung. Die wenigsten Dinge haben wir selbst überprüft; wir müssen uns meistens auf die Gedanken anderer verlassen, und die kommen zu uns in Form von Weltbildern: ein Bündel von Gedanken, auf denen wir aufbauen. Dass wir unsere Erfahrungen weitergeben können und nicht jeder wieder von Null anfangen muss, ist eine riesige Stärke der menschlichen Gattung.

Das Problem ist nur: manchmal übernehmen wir auch die Irrtümer anderer. Manchmal sind wir so stark von den überlieferten Erfahrungen geprägt, dass wir es gar nicht merken, wenn sie mit unseren Erfahrungen nicht zusammen passen. Lange glaubten die Menschen, die Sonne würde sich um die Erde drehen. Erst nach und nach entdeckten die Astronomen Hinweise darauf, die damit nicht zusammen passten. Aber es hat lange gedauert, bis jemand es auf den Punkt brachte und sagte: Nein, in Wirklichkeit dreht sich die Erde um die Sonne!

Der mühsame Austausch von Denkrahmen

Und es ist immer ein mühsamer Prozess, bis sich solche neuen Erkenntnisse auch allgemein durchsetzen. Unser Gehirn ist faul und hat keine Lust, alle Gedanken noch einmal neu zu durchdenken, nur weil irgendein Heini meint, dass alles ganz anders ist. Zuerst ignorieren wir ihn, dann schlagen wir ihn tot, dann sagen wir, dass seine Beobachtungen ein Einzelfall sind, und am Ende behaupten wir, wir wären schon immer seiner Meinung gewesen.

So war das auch mit der Auferstehung der Toten. Dass Jesus auferstanden sein sollte, das sprengte den antiken Denkrahmen. Und natürlich sprengt es eigentlich jeden Denkrahmen, einschließlich unseres modernen Denkens. So ziemlich alle Kulturen gehen davon aus, dass Tote nicht wiederkommen. Manchmal bringt man den toten Familienmitgliedern kleine Opfer, damit sie in der Unterwelt auch mal was Gutes zu essen haben, aber keiner erwartet, dass man ihnen jemals wieder echt begegnen könnte.

Aber genau das war den Jüngern mit Jesus passiert. Sie waren ihm begegnet. Nicht als Fantasie oder Traum, sondern in echt. Und damit war die elementare Selbstverständlichkeit in Frage gestellt, dass Tote tot bleiben. Ein Fundament menschlicher Weltbilder begann zu bröckeln.

Wenn man dem Tod nichts entgegensetzen kann

Denn wie man über den Tod denkt, das ist keine unbedeutende Nebenfrage. Es prägt unser Leben. Wenn keiner gegen den Tod ankommt, dann haben alle gewonnen, die glaubhaft mit dem Tod drohen können. Deshalb arbeiten alle Gewaltregimes dieser Welt mit dem Tod zusammen. Der Tod ist die Quelle des Satzes: »da kann man nichts machen«. Erst die Auferstehung zeigt uns die Alternative.

Wenn wir hier auf dieser Erde keine Zukunft haben, dann kann es uns auch egal sein, dass die Erde vermüllt und vergiftet wird. Wer glaubt, dass der Tod alternativlos ist, der verbreitet Tod.

Wenn der Tod endgültig ist, dann ist das Leben die letzte Gelegenheit, die wir haben. Und dann ist es schwer, sich zu entscheiden – für einen Beruf, einen Partner, einen Lebensstil, einen Wohnort, weil: es könnte ja immer noch etwas Besseres kommen. Wie schlimm, wenn du plötzlich merkst, dass du dich nur für den, die oder das Zweitbeste entschieden hast! Und du kannst nicht wieder zurück auf Los. Jeder Fehler ist schrecklich. Wie soll man diese Verantwortung tragen? Am besten bleibt man im Bett liegen, dann macht man keine Fehler.

So kann der Glaube an die Macht des Todes auf alle mögliche Weise vom Leben abhalten. Mindestens von einem guten, starken, ganzen Leben, das man aus vollem Herzen lebt. Wenn die Macht des Todes über die Welt nicht gebrochen ist, dann steht alles Leben in seinem Schatten. Übrigens auch das christliche Leben.

Alternativen zum Pessimismus

Deswegen schreibt Paulus: seht Jesus nicht als einmalige Ausnahme. Seht ihn als Anfang, als Beginn der Zukunft, die in unsere Gegenwart hineinplatzt. Er ist als erster auferweckt worden, aber nicht als letzter. Er ist das Modell für die ganze Welt. Deshalb fordert die Kultur der Hoffnungslosigkeit heraus! Wer nach der Auferstehung Jesu keine Hoffnung für die ganze Welt hat, der ist wie einer, der immer noch behauptet, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Die Auferstehung Jesu mutet unserem faulen Gehirn zu, alles noch einmal neu unter diesem Gesichtspunkt zu durchdenken, alle Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und unser Leben unter dieser Voraussetzung zu führen: Jesus ist auferstanden!

Von der Auferstehung her zu denken bedeutet, sich Alternativen vorzustellen. Im Kleinen wie im Großen. Für unser Leben wie für die ganze Gesellschaft. Nirgendwo kann man sich noch damit zufrieden gaben, dass man nichts machen kann. Alles, was wir im Geist Jesu tun, ist ein Same der kommenden Welt. Egal, ob wir noch zu unseren Lebzeiten den Erfolg sehen oder nicht. Egal, ob wir belohnt und anerkannt werden oder nicht. Hauptsache, es ist gesund und stark und im Geist Jesu.

Auferstehung heißt: Alternativen kennen

Deshalb läuft das lange Auferstehungskapitel des ersten Korintherbriefs auf einen Satz zu, ganz am Ende in Vers 58:

»Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.«

Darum geht es Paulus wenn er seitenlang über Weltbilder schreibt, über komplizierte theologische und philosophische Fragen. Am Ende läuft es darauf hinaus: krempelt die Ärmel auf, weil ihr die Leute seid, die Hoffnung haben. Auferstehungshoffnung. Lasst euch diese Hoffnung und diese Energie nicht dadurch nehmen, dass ihr die pessimistischen Weltbilder eurer Gesellschaft übernehmt. Auch nicht in der christlichen Variante.

Wir erleben das heute genauso, dass die Alternativlosigkeit versucht, die christliche Hoffnung zu begrenzen und am Ende zu zerstören. Und auch uns erinnert Paulus daran, dass wir als lebendiges, praktisches Zeichen der Hoffnung für die ganze Welt gedacht sind. Wir sollen wissen, dass nichts von dem, was wir im Geist Jesu tun, vergeblich ist. Noch nicht einmal unsere Fehler. Es gibt keinen Grund, im Bett liegen zu bleiben. Der Morgen der neuen Welt ist angebrochen.

Apr 032015
 

Predigt am 3. April 2015 (Karfreitag) zu 2. Korinther 5,14-21

14 Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben. 15 Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde. 16 Also schätzen wir von jetzt an niemand mehr nur nach menschlichen Maßstäben ein; auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben, jetzt schätzen wir ihn nicht mehr so ein. 17 Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.
18 Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. 19 Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung (zur Verkündigung) anvertraute. 20 Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! 21 Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.

Kruzifix in der Kirche bei der Illumination zum Kirchenjubiläum 2008

Kruzifix in der Kirche bei der Illumination zum Kirchenjubiläum 2008

Am Tag der Kreuzigung Jesu hat endgültig eine neue Welt begonnen. Schon immer hat Jesus einen andere Art von Leben praktiziert; aber kein Leben ist vollständig und abgeschlossen, so lange es sich nicht dem Tod gestellt hat. Der Tod ist die dunkle Bedrohung jedes Lebens. Und dass Jesus am Kreuz starb, das bedeutet, dass die ganze tödliche Gewalt der Mächtigen sich auf ihn richtet. In unserer Welt kann niemand leben, ohne es irgendwie mit Machtstrukturen und Herrschaft zu tun zu bekommen. Und offen oder versteckt sind deren entscheidende Waffe Tod und Folter. Dass wir in einem Rechtsstaat leben, wo der Staat niemanden töten darf, ist eine ganz besondere Konstellation, die wir nicht zuletzt dem Leben und Sterben Jesu verdanken.

Kaum glaubliche neue Erfahrungen

Damals auf Golgatha, als Jesus auch im Angesicht des qualvollen Todes seinem Weg treu blieb, hat eine neue Welt endgültig begonnen. Und wenn eine neue Welt beginnt, ändert sich alles. Stell dir ein vernachlässigtes Kind vor, das eines Tages in eine Pflegefamilie kommt, wo es immer genug zu essen hat, wo es sicher ist vor Gewalt, wo es mit Respekt behandelt wird, wo es verlässliche Regeln gibt, die nicht heute so und morgen so ausgelegt werden, wo es geliebt und geschätzt wird um seiner selbst willen. Das Kind glaubt zuerst gar nicht, dass es so etwas gibt. Eine der Schwierigkeiten ist in so einem Fall, dass Kinder dann noch eine ganze Zeit an den alten Mustern festhalten, mit denen sie sich früher durchschlagen mussten: lügen, stehlen, Gewalt und anderes. Sie vertrauen dieser neuen Welt noch nicht. Sie bleiben in den alten Mustern, die sie kennen. Immer wieder gibt es Rückfälle, und jeder Fehler der Pflegeeltern dient ihnen als Beweis, dass es so eine neue Welt doch nicht geben kann.

So ist es Paulus auch mit der Gemeinde in Korinth gegangen, an die er schreibt. Er hat ihnen die neue Welt gebracht, die mit dem Tod Jesu vollendet war. Und sie waren begeistert von dieser Welt, die so ganz anders war als das, was sie bisher kannten. Aber die alten Muster, in denen sie vor ihrer Begegnung mit dem Messias Jesus gelebt hatten, waren stark. Immer wieder gab es Rückfälle, und Paulus muss ihnen wieder und wieder erklären, wie die neue Welt funktioniert und wie da die Zusammenhänge sind.

Die Last des alten Schemas

Paulus konnte sich ja selbst noch gut erinnern, wie er die Welt gesehen hatte, bevor Gott ihm die Augen für Jesus öffnete. Im Rückblick sagt er: ich habe alles im Schema der alten Welt gesehen, und da war auch Jesus ein Gescheiterter, einer von den naiven Gutmenschen, die sich ein idealistisches Bild von der Welt machen. So lange, bis sie mit den harten Realitäten konfrontiert werden. So habe ich über Jesus gedacht, so habe ich über seine Nachfolger gedacht.

Aber das ist Vergangenheit. Heute habe ich verstanden, dass da im Angesicht des Todes endgültig eine neue Welt begonnen hat. Sie wurde nicht geboren durch die tiefgründigen Gedanken eines weisen Lehrers, nicht durch den Siegeszug eines kühnen Eroberers, nicht durch die Ausstrahlung einer überwältigenden Persönlichkeit. Sie wurde ultimativ geboren in den Qualen einer römischen Hinrichtung, die darauf angelegt war, einem Menschen soviel Schmerz wie möglich zuzufügen, bevor sein Leben endgültig vernichtet war.

Das ist für uns genauso schwer zu begreifen wie für die Gemeinde in Korinth damals. Nicht, weil unser Verstand dafür irgendwelche logischen Purzelbäume schlagen müsste, sondern weil das die Situation ist, vor der wir uns fürchten wie vor keiner anderen. Wenn es eine Lebenshaltung gibt, die mitten in Qual und Vergehen standhält, das wäre wirklich die stärkste Art zu leben.

Spuren des Neuen schon auf Golgatha

In den Evangelien gibt es unterschiedliche Wege, um auszudrücken, dass Jesus tatsächlich mitten in Qual und Tod an seiner Art zu leben festgehalten hat. Vorhin in der Lesung aus dem Johannesevangelium (19,16-30) haben wir gehört, wie er zuletzt noch für seine Mutter sorgt, indem er ihr Johannes als neuen Sohn zuweist. Und immer wieder wird betont, dass er alles tut, um die Schrift zu erfüllen; d.h. er bleibt bis zuletzt verankert in der Geschichte Gottes mit seinem Volk und denkt von dort her, und das gibt ihm Halt und Kraft. Im Markusevangelium fragt Jesus »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« und drückt damit seine Angst ebenso aus wie sein Festhalten an dem Gott, den er nicht mehr versteht. Lukas erzählt davon, wie Jesus ans Kreuz genagelt wird und dabei sagt: Vater, vergib ihnen! Immer wieder diese Kombination von Liebe zu Gott und den Menschen auch im dunkelsten Augenblick.

Und das verfehlt seine Wirkung auf die Augenzeugen nicht. Ausgerechnet der Offizier, der die Hinrichtung leitet, sagt: In Wirklichkeit war dieser Mensch Gottes Sohn! Im Mund eines römischen Offiziers war das im Grunde schon Hochverrat, weil doch sein oberster Chef, der Kaiser, sich als Sohn Gottes bezeichnete. Und eine ganz ähnliche Wirkung hat Jesu Tod auf Josef von Arimathäa, der sich um die Beerdigung Jesu kümmert, obwohl er eigentlich zum Hohen Rat gehört und solche Sympathien für einen Gekreuzigten gefährlich waren. Auf einmal wird er mutig.

Das heißt: nicht erst durch seine Auferstehung, sondern schon durch seinen Tod gewinnt und ermutigt Jesus Menschen. Und als dann durch die Auferstehung klar wurde, dass Gott diesen Weg bestätigt, da verstanden die Jünger endgültig, dass hier eine neue Welt begonnen hatte. Das ist der Zusammenhang, den Paulus uns und der korinthischen Gemeinde erklären will: die Kraft, die wirklich etwas bewegt und verändert in der Welt, ist die Hingabe und Liebe, die an Jesus sichtbar geworden ist, gerade und ganz besonders im Angesicht des Todes. Und wer daran Anteil hat, der ist Teil der neuen Welt Gottes, die nach neuen Regeln funktioniert.

Einer ist für alle gestorben – der Keim des Neuen

Das bedeutet nicht, dass die Anhänger Jesu alle ebenso wie er sterben müssen. Paulus sagt ja: Jesus ist für uns alle gestorben. Er hat den Durchbruch geschafft, er hat gezeigt, wie unbegrenzt das Potential dieser Liebe ist. Das müssen wir nicht alle wiederholen. Manche Christen werden für ihren Glauben sterben müssen, vermutlich auch Paulus, aber der Normalfall ist es, dass wir die neue Welt Jesu wachsen lassen in unserem Leben. Jesus hat den Keim einer neuen Welt vollendet, als er starb. Da war er ganz allein. Er selbst spricht vom Samenkorn.

In einem Keim ist schon die ganze Pflanze drin, das Erbgut, die DNA, nach der die Pflanze einmal geformt sein wird. So war auch im Leben und Tod Jesu schon eine ganze neue Welt verborgen. Aber so wie ein Samenkorn wachsen muss, bis die ganze Pflanze zu sehen ist, so muss auch das Leben Jesu unter seinen Leuten wachsen und Gestalt annehmen.

Wenn aber wirklich Neues gekommen ist, dann funktioniert das anders als das Alte. Du darfst nicht erwarten, dass alles weitergeht wie bisher. Du musst die neuen Regeln lernen, die jetzt gelten. Wenn ein Kind in eine neue Pflegefamilie kommt, dann muss es nach und nach sein Misstrauen ablegen und lernen, wie man in einer liebevollen Umgebung lebt, auch wenn die Pflegeeltern nicht immer alles richtig machen.

Das neue Denken in alltäglichen Fragen

Und so sagt Paulus seinen Korinthern immer wieder: ihr dürft jetzt nicht mehr nach den Mustern denken, die in eurem alten Leben gegolten haben. Damals habt ihr gedacht: wer sich am besten verkaufen kann, wer sich breit macht auf Kosten anderer, wer viel Ausstrahlung hat, auf den kommt es an. Man muss sich möglichst mit dem Gewinner zusammen tun.

Aber erinnert euch, dass das die Logik der alten Welt ist, die Logik des Imperiums, das Denken der Herrscher dieser Welt, das sich auch in den Köpfen der Sklaven und Untertanen festgesetzt hat. Davon will uns Jesus befreien. Ihr seid neue Schöpfung und wisst von der Kraft, die sich auch in Dunkel und Unscheinbarkeit entfaltet. Also schaut euch genau an, mit welcher Kraft Menschen arbeiten. Achtet darauf, ob sie geben und schenken oder ob sie von der Energie anderer leben und sich auf Kosten anderer groß machen.

Das ist der Grund, weshalb Paulus so lange davon redet: in den Gemeinden, die er gegründet hatte, drohten solche Alphatypen das Kommando zu übernehmen, die sich nicht durch Liebe und Dienst auszeichneten, sondern im Mittelpunkt stehen und bewundert werden wollten, die Kontrolle über die Gemeinden an sich rissen und dabei hackten und bissen. Und deswegen erklärt Paulus die ganze Logik noch einmal: dass das Geheimnis Jesu nicht darin bestand, dass er eine starke Führungspersönlichkeit war, sondern dass er Gottes opferbereiten Liebe verkörperte. Dass seine Stärke sich in äußerer Ohnmacht entfaltete. Auch für Paulus sah Jesus ursprünglich wie ein Gescheiterter aus, nicht wie ein Sieger, bis Gott ihm die Augen geöffnet hat.

Der Impuls der Versöhnung

Die Kraft Jesu schafft Versöhnung. Sie kann diese ganze Unzufriedenheit mit der Welt und dem Leben zur Ruhe bringen: Verbitterung und Angst vor dem Zu-kurz-Kommen, Empörung, Wut und Rechthaberei, alles, was so viel Kraft und Streit kostet, das wird durch Jesus aus der Welt geschafft. Es kommt nicht in seine Welt hinein. Da brauchen Menschen das nicht mehr.

Anstatt sich von unserer Welt mit Schaudern abzuwenden und sie in die Tonne zu treten, kommt Gott in der wenig beeindruckenden Gestalt seines Apostels und seiner Leute und lädt zum neuen Leben ein. Gott macht sich so klein, dass er in Gestalt seiner Leute hinter Menschen her läuft und bittet: kommt doch hinein in meine neue Welt!

Die Christen sind die Verkörperung der werbenden Liebe Gottes. Paulus sagt: wir sind die Gerechtigkeit Gottes. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich darin, dass er seinen eigenen Absichten treu bleibt. Er wird seiner Schöpfung nicht überdrüssig, sondern engagiert sich weiter dort, erst durch Jesus und dann durch die Christen. Wenn jemand sagt: Gott kümmert sich nicht! Dann ist die Antwort: aber er schickt seine Leute in die Welt! Wenn ein misstrauisches Pflegekind darauf beharrt, dass ihm Unrecht getan worden ist, dann wäre die Antwort: aber jetzt lernst du Menschen kennen, die anders sind! Halte dich nicht an der Vergangenheit fest, sondern realisiere: Neues hat begonnen!

Das Ende der alten Welt

Die alten Selbstverständlichkeiten können das Kreuz Jesu nicht erklären. Sie sind dort zerbrochen, gestorben, und ebenso wir als Menschen, die an sie geglaubt haben. Also lasst uns nicht weiter daran festhalten, sondern von der Liebe her leben, die am Kreuz Jesu ihre endgültige Nagelprobe bestanden hat.