Mrz 152015
 

Besonderer Gottesdienst am 15. März 2015 mit Predigt zu Matthäus 5,43-45

Titelgrafik Besonderer Gottesdienst 15.03.2015

»Großzügig beschenkt« – diese Überschrift über dem Gottesdienst soll uns daran erinnern, dass am Anfang von allem das große Geschenk der Schöpfung steht. Gott erschafft die Welt als einen Raum zum Leben, er sieht, dass es gut ist, und dann schafft er die Lebewesen und segnet sie. Man könnte sagen, dass die Schöpfung von Segen durchtränkt ist, durchströmt, geflutet. Aber Segen ist nicht eine Masse, die man speichern könnte. Er gleicht eher dem elektrischen Strom, der nur da ist, so lange er fließt. Und wenn wir die Lampe anmachen oder die Bohrmaschine starten, dann sind wir mit dem Kraftwerk verbunden, auch wenn das Tausend Kilometer weit weg ist. Über viele Leitungen und Trafos und Schalter hängen wir mit dem Generator zusammen, der den Strom produziert.

Der verborgene Strom des Segens

So ist es auch mit dem Segen Gottes: über viele Zwischenstationen kommt er zu uns, durch Menschen und ihre Worte, durch die Güte der Schöpfung, durch Schönheit, durch uralte Gesten, aber wenn er ankommt dann sind wir trotz all dieser Zwischenstationen direkt mit Gott verbunden. Und der Segen trägt eine Botschaft des Schöpfers: ich habe dich zum Leben geschaffen. Ich habe ganz am Anfang Ja zu dir gesagt. Und das werde ich nie zurücknehmen. Mein Segen begleitet alles was lebt – auch wenn niemand ihn berechnen oder experimentell nachweisen kann.

Segen geschieht auf der verborgenen Seite der Welt. Wenn wir atmen, essen, sprechen, arbeiten – immer ist da die Tiefendimension des Segens mit dabei. Manchmal fließt er stark, und manchmal verschließen wir uns für ihn, und dann wird es karg und freudlos.

Im Alten Testament wird der Segen mit der ganzen Fülle der Welt zusammengebracht. Und im Neuen Testament ist dieser verborgene Strom von Gottes Zuwendung die geheime Voraussetzung, von der her Jesus lebt und handelt. Er hat da immer nur in Andeutungen drüber gesprochen, aber wenn man die verschiedenen Stellen zusammen sieht, gibt es doch ein recht deutliches Bild.

Die Grundlage, von der Jesus aus handelte

Vielleicht hat sich ja mancher schon gefragt: warum so ein positives Thema wie »Großzügig beschenkt« mitten in der Passionszeit? Ganz einfach: als Jesus nach Jerusalem ging, im Wissen, dass er sterben würde, da hat er auf diese verborgene Wirklichkeit Gottes vertraut. Das war seine Voraussetzung, und sein Tod war der Moment, in dem diese Basis dem härtesten Test von allen unterzogen wurde. Und am Ende hat sich gezeigt, dass er nicht vergeblich vertraut hatte – Gott ließ ihn auferstehen, und er regiert jetzt von dieser verborgenen Seite der Welt aus.

Diese Seite der Welt ist verborgen, weil wir sie sonst sofort für unsere Zwecke einspannen würden. Sie ist nicht für unseren herrischen Geist zugänglich, sondern sie erschließt sich einem geduldigen und hörenden Herzen. Es gibt Worte und Bilder, die uns den Zugang schenken können, wenn wir uns dafür öffnen.

Schauen wir uns dazu noch einmal das Bild an, das der Ankündigung des Gottesdienstes zu Grunde liegt. Es stammt vom Antwerpener Maler Jacob Foppens van Es. Er lebte von 1596 bis 1666 und malte vor allem Frühstücks-Stilleben, z.B. dieses hier – mit Fisch und Oliven und Austern und Zitrusfrüchten, Zitronen und Orangen. Das war damals noch etwas ganz Besonderes, deshalb liegen sie auch vorn, damit man sie nicht übersieht. Es waren reiche Kaufleute, für die er seine Bilder gemalt hat. Jacob Fobsen Van Es Déjeuner Nancy 250808 Die hatten Bedienstete, die ihnen das Frühstück zubereitet haben und selbst viel kärglicher gegessen haben. Aber in diesen Bildern finden wir die Vision der Fülle, des reichen Segens, des Überflusses, auch wenn der nur einigen wenigen zugute kam. Aber trotzdem verstehen wir: Segen bedeutet auch, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft.

Heute könnten sich das, was hier zu sehen ist, auch normale Menschen leisten, aber es ist nicht der materielle Wert, um den es geht. Es ist der Glanz und die Freude, die über diesem Bild liegt. Das ist nicht lieblos im Plastikbecher auf den Tisch geknallt, sondern so arrangiert, dass schon der Anblick ein Vergnügen ist. Und der Glanz, der hier über über diesem Frühstücksbild liegt, der kann über allem liegen: über Menschen, auf Häusern, über einer Landschaft. Aber es muss jemand sein, der Augen dafür hat und uns hilft, diesen Segen zu sehen.

Oder wenn ich dieses leckere BildCircle of Jacob van Es Still Life with Meat Pies, a Roast Fowl, Olives, Capers and Strawberries mit Hühnchen und Pasteten und Früchten sehe, dann denke ich: ich wäre auch gern Frühstücks-Maler. Erst malt man es, und dann isst man es auf. Aber es geht nicht bloß um die Nahrungsmittel, sondern um das, was sie mitbringen. Van Es hat seinen Bildern deshalb auch gerne Symbole eingefügt. Hier z.B. gibt es zwei Kreuze: die Brote links und dann noch einmal in der Mitte ein kleines Kreuz aus Zuckerstangen oder so etwas Ähnlichem. Und vorne unter der Schale mit den Oliven sieht man ein Herzsymbol aus Teig, ein Plätzchen wohl.

Das Herz der Welt

So eine Herzform findet sich auch auf unserem ersten Bild: Jacob van Es 04 Diesmal ist es der herzförmige Kern einer Nuss. Das Herz-Motiv findet man häufig auf van Es‘ Bildern, und auch hier wieder an der zentralen Stelle. Es muss für ihn eine besondere Bedeutung gehabt haben. Ich kenne mich in der Kunstgeschichte nicht so gut aus, dass ich es fachkundig einordnen könnte, ich weiß nicht, wie fromm dieser Maler war, welche Rolle Gott für ihn gespielt hat, aber ich verstehe das so, dass diese ganze Fülle mit ihrer Vitalität und Frische ein Herz hat, eine Mitte. Von dieser Mitte der Welt aus bekommt alles seinen Glanz, und wenn der fehlt, dann sind das immer noch gute Früchte mit viel Vitaminen, aber die Freude ist verschwunden, und es sind eben nur noch Lebensmittel. Sogar manche Lebensmittelketten haben anscheinend inzwischen etwas davon verstanden: wenn sie sich Mühe geben, das Obst und das Gemüse im Laden schön zu arrangieren und zu beleuchten, so dass man die Frische sieht, oder wenn sie sagen: »wir lieben Lebensmittel«, dann versuchen sie etwas von diesem Segen an ihren Waren sichtbar werden zu lassen. Natürlich, damit sie sich besser verkaufen, aber es ist schon interessant, dass sie für diesen kommerziellen Zweck etwas zu nutzen versuchen, was sich gerade nicht in Euros ausdrücken lässt.

Halten wir also fest: diese Welt der Fülle hat eine Mitte, ein Herz, von dem her alles seinen Glanz bekommt. Man kann das nicht messen und berechnen, aber es ist eine wirksame Realität. Man kann sie übersehen, man kann sie auch zum Verschwinden bringen. Es gibt sicher Menschen, die nicht gelernt haben, ein Gefühl dafür zu entwickeln, und die ihr Frühstück auch aus der Dose löffeln würden. Aber irgendwo ist jeder Mensch dafür empfänglich, dass die Dinge von einem schwer beschreibbaren Glanz begleitet werden. Selbst in kitschigen Bildern und hohlen Festivitäten zeigt sich, wie wir uns nach der Bedeutung ausstrecken, die alle Dinge tragen. Alle Menschen ahnen etwas von der Tiefe, die die Welt hat, selbst wenn wir uns den größten Teil unseres Lebens eher wie Flachwurzler verhalten.

Genaueres dazu sagen kann uns eine Textpassage aus der Bergpredigt Jesu (Matthäus 5,43-45):

43 »Ihr wisst, dass es heißt: ›Du sollst deine Mitmenschen lieben, und du sollst deine Feinde hassen.‹ 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen. 45 Damit erweist ihr euch als Söhne eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne über Bösen und Guten aufgehen und lässt es regnen für Gerechte und Ungerechte.

Ich möchte jetzt nicht darüber nachdenken, wie leicht oder wie schwer es ist, seine Feinde zu lieben, und wer eigentlich unsere Feinde sind. Ich möchte unsere Aufmerksamkeit auf das richten, was Jesus hier quasi nebenbei über Gott sagt. Er sagt: die Feindesliebe ist deswegen wichtig, weil wir damit an einer zentralen Stelle Gott ähnlich werden – und es ist ja unsere Bestimmung, dass wir zum Bild Gottes geschaffen sind.

Gott, so sagt es Jesus, lässt seine Sonne auf Gerechte und Ungerechte scheinen, und den Regen verteilt er genau so großzügig. Sonne und Regen sind die elementaren Voraussetzungen für Fruchtbarkeit und Gedeihen. Sie sind Symbole für den Segen, nein, sie sind Träger des Segens, der die Erde erfüllt. Und Jesus sagt: wenn ihr ebenso großzügig eure Fürsorge verteilt, für alle Menschen, nicht nur für die, die euch nahe stehen, dann erweist ihr euch als Kinder dieses großzügigen Gottes. Dann tragt ihr dazu bei, dass seine Großzügigkeit unter uns sichtbar wird.

Wie der Segen sichtbar wird

So wie ein Maler wie Jakob van Es dazu beiträgt, dass die Fülle des Segens über einem gedeckten Frühstückstisch erkennbar aufscheint, so soll an eurem Umgang mit Menschen diese großzügige Segensfülle Gottes aufscheinen. Es ist alles da, aber es braucht Menschen, die das erkennbar werden lassen, mit dem Pinsel oder mit der Kamera genauso wie mit ihrer Freundlichkeit.

Für Jesus war dieser Reichtum Gottes, der die Welt erfüllt, die Voraussetzung von allem, was er tat. An einer anderen Stelle in der Bergpredigt sagt er:

Matth. 6,26: Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?

Und im Anschluss sagt er: macht euch keine Sorgen! Jesus sieht die Fülle Gottes, der für die Vögel genauso sorgt wie für böse Menschen, und er sagt: dann wird er für seine Leute doch erst recht sorgen! Also gebt es auf, euch für alle Eventualitäten des Lebens vorzubereiten, und vertraut darauf, dass Gott aus seinem verborgenen Reichtum für euch sorgt.

Wir leben heute natürlich in modernen Zeiten, wo Menschen glauben, dass die einzige Realität die ist, die man messen und kaufen kann. Und natürlich waren auch damals Menschen skeptisch, ob es wirklich reicht, sich einfach auf Gott zu verlassen. Aber Jesus war bereit, es darauf ankommen zu lassen. Und so zog er nach Jerusalem in die Konfrontation mit denen, die den Segen aus der Welt verdrängen. Es gibt nämlich nicht nur Menschen, die Segen sichtbar werden lassen. Es gibt auch Menschen, die Gottes Spuren in der Welt zu zerstören versuchen, und damals gehörten die imperialen römischen Truppen ebenso dazu wie die Priesteraristokratie in Jerusalem. Wer ausbeutet und plündert und zerstört und tötet, der greift damit die Wirklichkeit Gottes in der Welt an.

Jesus gab sich ihnen in die Hände. Und als er am Kreuz starb, da hatten sie tatsächlich jede Spur des Segens aus seiner Welt vertrieben. Seine letzten verständlichen Worte zitiert Markus mit »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Ein Leben lang hatte Jesus aus dem Strom des Segens gelebt, er hatte ihn für unzählige Menschen sichtbar gemacht, und nun war er selbst durch ein Meer von Schmerz und Hohn davon getrennt. Aber er richtete seine Frage immer noch an Gott und nannte ihn seinen Gott. Auch als er nichts mehr von Gott spürte, hielt er an ihm fest.

Und gerade so wurde an ihm Gott sichtbar. Der römische Offizier, der das Hinrichtungskommando leitete, sagte: »Der war wirklich Gottes Sohn« und distanzierte sich damit von seinem obersten kaiserlichen Chef, der sich auch »Gottes Sohn« nennen ließ.

Aber nicht nur für den Offizier ging in diesem Moment eine Tür auf. Auch für Gott hatte Jesus eine Tür aufgemacht. Weil er ganz nach Gottes Willen gelebt hatte, deshalb konnte Gott ihn nach drei Tagen auferstehen lassen. Jesus hatte den Segen auch bis in die Tiefe des Todes hineingebracht. Der Strom des Segens erfasst seit damals auch das Totenreich und lässt es nicht mehr gottlos bleiben. Und für alle, die in Jesu Spuren gehen, fließt auch an den dunkelsten Orten dieser Welt der Strom des Segens. Wir wissen vorher nicht, ob und wie es uns gelingen wird, ihn zu finden. Aber Jesus hat versprochen, dass er da ist. Auch an den dunkelsten Orten.

Mrz 012015
 

Predigt am 1. März 2015 zu Offenbarung 10,1-11 (Predigtreihe Offenbarung 17)

1 Und ich sah: Ein anderer gewaltiger Engel kam aus dem Himmel herab; er war von einer Wolke umhüllt und der Regenbogen stand über seinem Haupt. Sein Gesicht war wie die Sonne und seine Beine waren wie Feuersäulen. 2 In der Hand hielt er ein kleines, aufgeschlagenes Buch. Er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer, den linken auf das Land 3 und rief laut, so wie ein Löwe brüllt. Nachdem er gerufen hatte, erhoben die sieben Donner ihre Stimme. 4 Als die sieben Donner gesprochen hatten, wollte ich es aufschreiben. Da hörte ich eine Stimme vom Himmel her rufen: Halte geheim, was die sieben Donner gesprochen haben; schreib es nicht auf!
5 Und der Engel, den ich auf dem Meer und auf dem Land stehen sah, erhob seine rechte Hand zum Himmel. 6 Er schwor bei dem, der in alle Ewigkeit lebt, der den Himmel geschaffen hat und was darin ist, die Erde und was darauf ist und das Meer und was darin ist: Es wird keine Zeit mehr bleiben, 7 denn in den Tagen, wenn der siebte Engel seine Stimme erhebt und seine Posaune bläst, wird auch das Geheimnis Gottes vollendet sein; so hatte er es seinen Knechten, den Propheten, verkündet.
8 Und die Stimme aus dem Himmel, die ich gehört hatte, sprach noch einmal zu mir: Geh, nimm das Buch, das der Engel, der auf dem Meer und auf dem Land steht, aufgeschlagen in der Hand hält. 9 Und ich ging zu dem Engel und bat ihn, mir das kleine Buch zu geben. Er sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig. 10 Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es. In meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte, wurde mein Magen bitter.
11 Und mir wurde gesagt: Du musst noch einmal weissagen über viele Völker und Nationen mit ihren Sprachen und Königen.

 Bild: Tentes  via pixabay, creative commons CC0

Bild: Tentes via pixabay, creative commons CC0

Während alles gespannt wartet, was denn nun bei der siebten Posaune der Offenbarung geschehen wird, kommt erst einmal wieder: eine Unterbrechung. So wie im 7. Kapitel, als es eine Pause bei den Katastrophen gab, weil erst noch das Volk Gottes vorbereitet werden musste. Und als anschließend in Kapitel 8 das siebte Siegel am geheimen Buch mit dem Plan Gottes geöffnet wurde, kam immer noch nicht die Auflösung, sondern das war der Start für die Reihe der sieben Posaunen. Und gleichzeitig kamen die Gebete von Gottes Volk ins Spiel, d.h. der Beitrag, den Gottes Leute auf der Erde leisten. Es ist kompliziert.

Schon wieder eine Unterbrechung

Diesmal ist es ganz ähnlich: Gerade eben haben nach der sechsten Posaune todbringende Heere die Menschheit überrollt, und man denkt: was wird erst bei der siebten Posaune passieren? – da gibt es wieder eine Unterbrechung. Ein riesiger Engel steht auf Land und Meer. Man muss sich den mindestens so groß vorstellen wie diese Filmmonster, die ganze Städte verwüsten, King Kong oder Godzilla, eher noch größer, aber es ist kein Monster, sondern eine Lichtgestalt. Über dem Engel steht ein Regenbogen, das ist ja spontan erst einmal ein gutes Zeichen. Sein Gesicht leuchtet, das ist hier auf der Erde ein Zeichen, dass jemand vom Himmel kommt.

Wir sind jetzt nämlich nicht mehr im himmlischen Thronsaal, sondern auf der Erde. Die Offenbarung spielt parallel auf zwei Ebenen, im Himmel und auf der Erde. Und das Hauptproblem ist die Frage, wie die Kommunikation zwischen den beiden ganz verschiedenen Ebenen funktioniert.

Eine Story auf zwei Ebenen

Wir kennen das ja z.B. auch aus Star Trek, wenn die Enterprise ein Bodenkommando auf einen unübersichtlichen Planeten runter beamt, und dann sieht man parallel, wie sie unten mit Monstern oder anderen Fieslingen zu tun haben, und oben im Kommandoraum bangen sie mit, geben Informationen oder Anweisungen, und im entscheidenden Moment ist natürlich die Kommunikation gestört. Oder es gibt Meinungsverschiedenheiten zwischen oben und unten. Aber sie arbeiten gemeinsam an einem Problem, es geht oben und unten um dieselbe Sache, es ist die gleiche Story, nur es fühlt sich oben und unten jeweils ganz anders an.

So ist der Prophet Johannes jetzt wieder auf der Erde, da, wo ein Prophet hingehört. Er ist gemeinsam mit der ganzen Christenheit das Bodenkommando. Aber es geht immer noch um dieselbe Story, nur aus einer anderen Perspektive. Ein gewaltiger Engel steht auf Land und Meer, seine Beine sind Feuersäulen und erinnern damit an die Feuersäule, mit der Gott sein Volk aus Ägypten geführt hat. Feuersäulen, Regenbogen und ein sonnengleich leuchtendes Gesicht, das sind alles Zeichen von Gott selbst, dieser Engel muss also in sehr enger Verbindung zu Gott stehen. Er hat in seiner Hand ein Büchlein, eine kleine Schriftrolle, die der Prophet später aufessen wird, also stellt euch die etwa in der Größe einer chinesischen Frühlingsrolle vor. Es muss für so einen großen Engel nicht einfach sein, so eine winzige Rolle zu halten. Aber Engel können das.

Sehr laut, aber lückenhaft dokumentiert

Und dieser Engel redet so laut wie Löwengebrüll, und anschließend sprechen noch sieben Donner. Löwengebrüll war damals, als es noch keine Düsenjäger gab, das lauteste irdische Geräusch, und Donner ist das stärkste himmlische Geräusch. Aber den Inhalt darf Johannes nicht aufschreiben. Wahrscheinlich geht es da um Gottes Plan, um das, was im Himmel im Buch mit den sieben Siegeln geschrieben steht. Johannes bekommt es zu hören, aber er darf es nicht festhalten. Das muss auf Erden verborgen bleiben, mindestens vorerst.

Aber den Schluss dürfen wir hören: der Engel hebt seine Hand zu einem feierlichen, ausführlichen Schwur. Er ruft Gott zum Zeugen an – den, der alles erschaffen hat was im Himmel und auf Erden ist, der das Meer erschaffen hat und der nicht endendes Leben ist. So erinnert er daran: Gott ist stärker als alles Chaos, Gott kennt die Welt durch und durch, er hat sie ja erschaffen, er weiß genau, wie sie funktioniert, für ihn gibt es keine unerwarteten Überraschungen, und kein Geschöpf kann seinen Schöpfer überwinden.

Überraschend im Einsatz

Der Inhalt dieser feierlich beschworenen Versicherung ist: Gottes großer geheimer Plan erreicht sein Ziel. Er wird auf jeden Fall ausgeführt. Und dieser Moment steht kurz bevor. Der Höhepunkt ist schon fast erreicht. Wenn jetzt gleich die letzte Posaune ertönt, dann passiert es. Dann erfüllt Gott seine Verheißungen, die er durch alle Propheten gegeben hat.

Und man könnte denken: schön, dann setzen wir uns jetzt mal mit Johannes gemütlich vor den Fernseher und schauen zu, wie Gott das hinkriegt. Aber da gibt es eine Überraschung: Anscheinend hat Johannes keine Zeit für einen gemütlichen Fernsehabend, weil auf ihn ein Einsatz wartet. Er schaut sich nicht den neuesten Bond-Film an, sondern er ist Bond. Und so wie James Bond am Anfang immer mit einer Spezialausrüstung ausgestattet wird, so muss Johannes auch ausgerüstet werden. Und dazu muss er das kleine Buch aus der Hand des Riesenengels nehmen und essen.

Othello aufsagen oder Othello sein?

Das ist eine Erinnerung an den Propheten Hesekiel, der bei seiner Berufung auch eine Schriftrolle zu essen bekam. Ich hoffe, dieses Bild wenigstens ist klar: der Prophet muss Gottes Wort richtig in sich aufnehmen, er muss davon angefüllt und durchdrungen sein. Das Wort Gottes muss in ihn übergegangen sein. Das ist wie bei einem guten Schauspieler: der sagt nicht eine Rolle auf, wenn er den Othello spielt. Er ist Othello. Er hat sich so mit dieser Figur identifiziert, dass er weiß, wie Othello denkt, spricht, fühlt und handelt. Und ebenso weiß ein Prophet, wie Gott denkt, spricht, fühlt und handelt. Er sagt nicht Gottes Wort auf wie eine gelernte Rolle, sondern er ist Gottes Wort. So wie Jesus zu seinen Jüngern sagt (Lukas 10,16): wer euch hört, hört mich. Ihr seid so mit mir verbunden, dass ich in euch erkennbar werde.

Ein Anfänger wirft dauernd mit Bibelzitaten um sich, ein Prophet braucht das nicht, weil er Gottes lebendiges Wort in sich trägt. Er kann Bibelzitate benutzen, er kann sie abwandeln oder nur auf sie anspielen, er kann aber auch Neues sagen. So wie Johannes einmal an Hesekiel anknüpft und ein anderes Mal etwas Neues sagt.

Die Kurzfassung zum Gebrauch auf der Erde

Die Einschränkung dabei ist aber: das Buch, das Johannes in sich aufgenommen hat, ist ein kleines Buch. Es ist nicht das ganze Buch mit den sieben Siegeln, das gerade Jesus im Himmel geöffnet hat. Es ist ein gekürzter Auszug aus dem Original. Vielleicht hat Johannes ja von dem Engel und den sieben Donnern schon die ganze Story gehört, aber was er in sich aufgenommen hat und woraus er jetzt schöpft, das ist weniger. Im Himmel weiß man mehr als auf der Erde, auf der Erde können wir das ganze Bild nur andeutungsweise sehen. So wie sie im Kontrollraum der Enterprise normalerweise mehr wissen als das Landekommando unten auf dem Planeten.

Aber was Johannes in sich aufnimmt, das ist wie bei Hesekiel in seinem Mund süß. Es ist etwas wunderbar Beglückendes, wenn man Gottes Wahrheit in sich aufnimmt und merkt, wie sie sich mit dem eigenen Wesen verbindet. Aber weil der Inhalt so heftig ist, deswegen liegt die Botschaft Johannes gleichzeitig schwer im Magen.

Eine Berufungsszene

So zeigt sich dieses Kapitel eigentlich als eine Berufungsszene für den Propheten Johannes. So wie es auch bei Hesekiel, Jesaja, Jeremia und Amos Notizen darüber gibt, wie Gott sie zu ihrem Auftrag berufen hat. Der Unterschied ist, dass Johannes ja schon längst ein Prophet ist. Aber anscheinend wird ihm erst nach und nach enthüllt, was sein Auftrag ist. Die Offenbarung ist anscheinend nicht ein chronologischer Ablauf, wo eins nach dem anderen kommt, sondern es ist eher so, dass die Dinge sich nach und nach immer tiefer enthüllen.

Es geht um immer tiefere Schichten derselben Story. Sonst wäre es ja gar nicht zu verstehen, dass der große Engel ankündigt: jetzt steht die Vollendung von Gottes Plan kurz bevor, die Frist läuft ab. Aber wir haben doch erst knapp die Hälfte des ganzen Buches hinter uns! Wenn die Frist jetzt gleich zu Ende ist, wie will Johannes die restlichen Seiten füllen? Nein, ich kündige schon mal an: danach kommt ein weiterer vertiefter Durchgang durch die Story, es wird alles noch mal von einer neuen Perspektive aus angeschaut.

Die prophetische Rolle der Christenheit

Und das kann man auch sagen: Johannes (und mit ihm die Christenheit überhaupt) steht kein gemütlicher Fernsehabend bevor. Wir haben eine wichtige Rolle zu spielen. Wie in Kapitel 8 die Gebete von Gottes Volk die Handlung vorangetrieben haben, so ist es jetzt die Prophetie, die die weiteren Geschehnisse anstößt. Deswegen wird Johannes noch einmal ausdrücklich als Prophet ausgerüstet. Und deswegen endet das Kapitel mit der Ankündigung: Du musst ein weiteres Mal als Prophet reden. Dein Thema wird sein: Völker und Nationen, Sprachen und Könige. Heute würden wir vielleicht sagen: Volksgruppen und Nationen, Kulturen und Herrschaftssysteme. Oder, etwas kürzer: es wird politisch. Politisch-kulturell-global. Wahrscheinlich habt ihr schon die ganze Zeit gemerkt, dass ich die Offenbarung so auslege. Es hat sich bisher auch keiner darüber beschwert, ich hoffe, einfach deswegen, weil diese Art der Auslegung zur Offenbarung passt. Hier jedenfalls wird es noch einmal bestätigt, dass die Offenbarung so verstanden werden muss.

Makroebene und persönlicher Bereich

Wenn ihr euch aber erinnert, dann fängt die Offenbarung an mit sieben Briefen an kleine christliche Gemeinden, die scheinbar keine Rolle in der großen Politik spielen. Kaum einer kennt sie. Einige werden noch nicht mal gemobbt, so unauffällig sind sie. Ist das wichtig, ob die gut aufgestellt sind? Ja, gerade weil sie sie eine entscheidende Rolle spielen werden, ist es so wichtig, dass sie innerlich stark sind. Sie werden weltgeschichtliche Bedeutung haben, weil in ihnen die Wahrheit Gottes lebt. Das muss auf jeden Fall so bleiben. Nicht die Größe und Bekanntheit ist das Problem, sondern ob sie so sind, wie Jüngerinnen und Jünger Jesu leben sollen.

Erinnert ihr euch noch an die Piratenpartei? Sie haben ein ganz wichtiges Thema aufgegriffen, die Kommunikatuionsrevolution durch das Internet, sie haben ganz viel Richtiges gefordert, ich hab schon überlegt, ob ich sie wählen sollte, aber sie haben sich selbst zerlegt, weil zu viele Leute dabei waren, die menschlich unreif waren. Man könnte auch sagen: die christliche Restsubstanz war bei ihnen zu klein. Nicht Wählerstimmen und Reichweite sind oft das Problem, sondern ob eine Gruppe gut miteinander und mit anderen umgeht.

Wir spielen zu oft das Eine gegen das Andere aus: die kleine Welt persönlicher Reife und persönlicher Beziehungen und die große Welt der Politik. Wir sehen nur eine Seite von den beiden. Oder wir reduzieren die eine Seite auf die andere. Die Offenbarung bringt das beides zusammen. Sie ist politisch-kulturell-global gemeint und will gleichzeitig Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung formen und fördern, damit sie ihre politisch-kulturell-globale Rolle gut ausfüllen.

… und am Ende wieder ein Cliffhanger

Damit endet auch dieses Kapitel mit einem Doppelpunkt: folgendermaßen müsst ihr das weitere verstehen. Was das heißt? Im April geht es weiter. Bis dahin entlasse ich euch mit einem Cliffhanger.