Feb 232015
 

Predigt am 22. Februar 2015 zu Hebräer 4,14-16

14 Weil wir nun aber einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel ´bis hin zum Thron Gottes` durchschritten hat – Jesus, den Sohn Gottes –, wollen wir entschlossen am Bekenntnis zu ihm festhalten.
15 Jesus ist ja nicht ein Hoherpriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte. Vielmehr war er – genau wie wir – Versuchungen aller Art ausgesetzt, ´allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass` er ohne Sünde blieb.
16 Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.

Petits fours

Bild: Stux via pixabay, creative commons CC0

Dieser Abschnitt des Hebräerbriefs widmet sich dem Thema »Versuchung«. Das ist ein Wort, das wir heute ja eher im ironischen Zusammenhang benutzen, z.B. als Versuchung, die mit besonders leckerem Essen oder Süßigkeiten einhergeht. Aber auch da ist noch der tiefere Sinn zu erkennen: du tust etwas, was kurzfristig Erleichterung bringt oder gut schmeckt, aber langfristig schadet. Du schaffst dir eine kleine Erleichterung im Stimmungstief oder einfach an einem grauen Tag, aber langfristig führt das zu einer Schädigung deiner Gesundheit oder deines Wohlergehens.

Der Druck kurzfristiger Wünsche

Extrem ist dieser Zusammenhang bei jeder Sucht, wo die kurzfristige Lebenssteigerung früher oder später dazu führt, dass ein Mensch an Körper und Seele schrecklich zerstört wird. Aber das ist natürlich nicht auf die Gruppe der Süchtigen und Abhängigen beschränkt, auch wenn die schon ziemlich groß ist. Die ganze Gesellschaft stellt oft den kurzfristigen Nutzen über die langfristigen Folgen. Heute sparen wir an der Pflege der Straßen, und in wenigen Jahren schimpfen wir über die Schlaglöcher. Heute pusten wir CO2 in die Luft, weil wir süchtig nach unserem gewohnten Lebensstil sind, und morgen wundern wir uns darüber, dass das Wetter verrückt spielt und immer mehr Schaden anrichtet. Gestern hat man das Schlachtvieh mit Antibiotika abgefüllt, und heute sterben Menschen an resistenten Keimen, gegen die es kaum noch Medikamente gibt. Im Großen wie im Kleinen schaffen Menschen es oft nicht, die langfristigen Folgen im Auge zu behalten, wenn sie jetzt gerade unter Druck stehen oder etwas Verlockendes angeboten bekommen.

Deshalb wird in der Geschichte Jesu gleich am Anfang von seiner Versuchung erzählt: wie der Satan ihm kurzfristige Lösungen anbietet, aber Jesus schlägt das aus. Der Versucher ködert ihn mit dem Gedanken, aus Steinen Brot zu machen und reich zu werden, vom Tempeldach zu springen und berühmt zu werden, schließlich mit der Weltherrschaft, die aus Jesus eine Art Gottkaiser machen würde. Jedes Mal sagt Jesus Nein.

Eine Frage des Vertrauens

An diese Geschichten soll man denken, wenn der Hebräerbrief davon spricht, dass Jesus in allem versucht wurde wie wir. Jesus, heißt das, kennt den Sog, der von solchen Angeboten ausgeht. Vielleicht war Jesus nicht so sehr gefährdet, sich zu viel Torte auf den Teller zu tun, schon allein, weil es damals Essen gar nicht im Überfluss gab. Aber diese grundlegende Versuchung: ich will alles und zwar sofort, und wenn ich es nicht kriege, dann beschaffe ich es mir irgendwie, die kannte er.

Und er hat sie zurückgewiesen, weil er Vertrauen zu Gott hatte. Jesus hat darauf vertraut, dass Gott für seine Geschöpfe sorgt und er deshalb nicht zu kurz kommen würde. Das war der Unterschied zu Adam und Eva, die sich ins Misstrauen gegenüber Gott hineintreiben ließen: sie meinten, sie würden zu kurz kommen, wenn sie sich auf Gott verlassen.

Entscheidung für den Raum der Freiheit

Dass Jesus diese Versuchungen bestanden hat, das beschreibt der Hebräerbrief mit dem Bild, dass er die Himmel durchschritten hat und bis zu Gott selbst vorgedrungen ist. Die Vorstellung dahinter ist, dass zwischen Gott und uns eine Sphäre im Himmel ist, wo alle möglichen Mächte ihr Reich haben, und die stellen sich zwischen Gott und uns und lassen uns nicht durch. Heute würden wir sagen: gesellschaftliche Gedankengebäude und Lebensgefühle wie Konsumismus und Sicherheitsstreben, die machen uns taub für den wirklichen Gott. Das sind echte geistliche Mächte, Gedankengebäude, die es uns schwer machen, Gott so zu erkennen, wie er ist.

Aber Jesus hat sich von ihnen nicht täuschen lassen, sondern er ist durchgebrochen bis zu Gott selbst, und jetzt ist der Weg für uns alle frei, wenn wir auf dem Weg Jesu gehen. Und das wird hier mit dem Wort »Bekenntnis« umschrieben. Wahrscheinlich denkt der Verfasser an das Glaubensbekenntnis, das man damals bei der Taufe sprach, wo man ausgedrückt hat: ja, ich will von nun an zu Jesus gehören und auf seinen Wegen gehen. Menschen haben bei ihrer Taufe klar ausgesprochen: ich will nicht mehr eine Marionette sein, die an den Drähten ihrer Ängste und Begierden hängt und sie wird mal hierher und mal dorthin gezogen. Nein, Jesus hat mir geholfen, mich von diesen Drähten loszuschneiden und endlich ein freier Mensch zu sein. Er hat den Freiraum geschaffen, wo ich zu mir selbst zurückfinden kann, zu meiner Berufung, zu meiner Würde als Geschöpf Gottes. Und deshalb will ich von nun an zu ihm gehören, damit ich diese Freiheit nie mehr verliere.

Umkämpfte Freiheit

Und nun wissen wir, dass wir immer in Gefahr stehen, diese Freiheit wieder zu verlieren. Wir sind da chronisch vergesslich, und was für uns gestern noch völlig einleuchtend war, das ist uns heute wieder fast ganz entschwunden. In enthusiastischen Momenten war uns ganz klar, dass wir ein guter Mensch sein wollen, dass wir auf der Seite des Lebens stehen und keine Handlanger der Zerstörung sein wollen, dass wir bereit sind, alles zu geben für Menschen, die wir lieben, dass wir uns nicht von unserem Weg abbringen lassen werden – und dann kommt der graue Alltag, die Gewöhnung, unsere Sehnsucht nach ein bisschen mehr Wohlergehen und Freude und Farbe im Leben, der Wunsch nach einer kleinen Erleichterung zwischendurch, und das alles ist so viel größer als die Gedanken und Überzeugungen aus einer ganz anderen Situation.

Deshalb heißt es hier: haltet fest an diesem Bekenntnis, das für euch irgendwann mal so klar war und eure Überzeugungen so deutlich zum Ausdruck gebracht hat. Macht die Schublade mit diesen Überzeugungen wieder auf. Sie sind ja noch da, aber ihr habt sie eingepackt und irgendwo verstaut, so dass ihr aktuell nicht rankommt. Deswegen macht den Koffer auf, packt das Bündel aus und erinnert euch wieder daran. Das war für euch doch alles mal ganz klar.

Die Angst vor Beschämung

Und bitte: schämt euch nicht deswegen. Jesus weiß, wie groß dieser Sog ist, der Menschen dazu bringt, ihren guten Weg zu verlassen. Jesus hat das selbst gespürt. Er ist zwar standhaft geblieben, aber er kennt die Macht der Versuchung aus eigener Erfahrung, und deshalb wird er euch nicht fertig machen, wenn ihr wieder einmal von seinem Weg abgekommen seid.

Das ist nämlich etwas, was alle Menschen fürchten, dass sie eins reingewürgt bekommen, wenn sie der Versuchung nachgegeben haben und dann mit den Folgen zu kämpfen haben. Niemand möchte vom Arzt hören: »kein Wunder, dass Sie Lungenkrebs haben, wenn Sie es nicht schaffen, die Zigaretten liegen zu lassen!« Oder: »Ihre Zuckerwerte sind schon wieder so hoch! Reißen Sie sich endlich mal zusammen und halten Sie Ihre Diät ein!« Wenn wir uns so etwas anhören müssen, dann schämen wir uns.

Wir haben nämlich durchaus selbst ein Gespür dafür, dass wir vom guten Weg abkommen und Dinge tun, die nicht gut für uns sind. Dies Gespür ist nicht immer besonders stark und es ist oft nicht besonders gut trainiert, aber wir haben in uns ein Gefühl dafür, was lebensförderlich ist und was uns schadet. Und es ist nicht schön, wenn jemand anders das ausspricht, was uns unser Inneres schon längst sagen wollte. Und dann fühlen wir uns schlecht und brauchen erst Recht eine Stimmungsaufhellung, egal wie.

Scham und Selbstrechtfertigung helfen nicht

Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Kleinen Prinzen, der auf seiner Reise von Planet zu Planet auch einem Säufer begegnet und ihn fragt »warum trinkst du?« Und der antwortet: »Um zu vergessen, dass ich mich schäme«. Darauf fragt der kleine Prinz: »Weshalb schämst du dich?« Die Antwort ist: »Weil ich so viel saufe.« Und der kleine Prinz wird von tiefer Schwermut befallen, als er sieht, wie dieser Mann im Kreislauf von Sucht und Scham gefangen ist.

Deswegen heißt es an dieser Stelle im Hebräerbrief, dass Jesus ein Hoher Priester ist, der nicht von oben auf uns herunterguckt, sondern er kennt den Sog und den Druck, der uns von Gott wegbringen will. Große Teile der Welt sind so eingerichtet, dass sie mit aller Macht Widerstand leisten, wenn wir auf dem Weg des Lebens gehen wollen. Auch Jesus hat das nur mit letzter Kraft geschafft. Darum arbeitet Gott nicht mit Scham. Scham macht die Sache nur noch schlimmer, wie der kleine Prinz richtig gesehen hat. Genauso falsch ist es natürlich, dann zu sagen: genau, ich konnte doch gar nicht anders, als der Versuchung nachzugeben. Ich bin nicht schuld! Selbstrechtfertigung und Scham sind zwei Seiten einer Medaille. Scham und Selbstrechtfertigung helfen niemanden. Stattdessen: zurückkehren zum Weg Jesu, wenn wir merken, dass wir ihn verloren haben. Wir überwinden die gottfeindlichen und lebensfeindlichen Mächte, wenn wir einfach zum Weg zurückkehren, den Jesus gebahnt hat.

Die beiden Funktionen eines »Hohen Priesters«

Das ist gemeint mit dem Titel »Hoher Priester«. Jesus hat für uns einen Weg gebahnt, den wir nie gefunden hätten. Er ist uns vorangegangen als neuer Adam, der es besser macht als der erste Adam. Und jetzt können wir auch diesen Weg gehen. Und wenn wir vom Weg abgekommen sind, dann vertun wir am besten keine Zeit mit Scham und Ausreden, sondern gehen einfach wieder auf den Weg zurück. Punkt.

Dass Jesus Hoher Priester ist, heißt aber nicht nur, dass er an unserer Stelle einen Weg bahnt. Es heißt andersherum auch, dass er an Gottes Stelle steht und für uns sorgt. Das kann man gut sehen an der Geschichte, die wir vorhin als Evangelium gehört haben (Lukas 22,31-34): Petrus wird Jesus verleugnen. Wenn Jesus gefangen genommen wird, dann schleicht er ihm nach und mischt sich unter die Leute des Priesters Kaiphas, und die Stimmung da ist so stark, dass er sich von Jesus distanziert und sagt: mit dem habe ich nichts zu tun. So stark kann der Spirit in einer Gruppe sein, so einen Sog entfaltet der Geist dort, dass Menschen auch ihre tiefsten Überzeugungen verraten. Menschen tun manchmal Schreckliches, wenn sie von einer kaputten Gruppe mit einem gewalttätigem Geist beeinflusst sind.

Bewahrung in Versuchungen

Aber Jesus sagt Petrus vorher: du wirst entsetzt sein davon, was du getan hast, aber ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube davon nicht kaputt geht. So bewahrt Jesus Petrus davor, in dieser Erfahrung der Verführung und Schwachheit seinen Glauben zu verlieren. Jesus regt sich nicht auf über das Großmaul Petrus, der erst die Klappe so weit aufgemacht hat und damit grandios gescheitert ist, er macht ihn nicht runter, sondern er sagt einfach: ich weiß schon längst, dass du so bist. Ich habe das von Anfang an mit einkalkuliert, und ich habe für dich gebetet, weil ich weiß, dass du das brauchst.

Petrus ist ja das Urbild eines Jüngers Jesu, und so muss Jesus schon immer für seine Gemeinde beten, dass sie sich nicht einsaugen lässt vom gesellschaftlichen Mainstream, sondern Salz der Erde bleibt.

So betet Jesus auch für uns, dass wir an unserem guten Weg festhalten, auch in all den Momenten, wo wir uns verführen lassen und dann irgendwann die Folgen erkennen müssen. Und dadurch verkörpert er Gottes Willen für uns. Er zeigt, wie Gott wirklich über uns denkt.

Das ist damit gemeint, wenn es in dogmatischen Formulierungen heißt, dass Jesu wahrer Gott ist: er ist der authentische Vertreter des echten Gottes, kein Zerrbild, wie es uns alle möglichen Mächte einreden möchten. Und andersherum ist er wahrer Mensch, also ein Mensch nach Gottes Herzen, der endlich so lebt, wie ein Menschen vor Gott leben soll. Er vertritt für uns Gott und er vertritt uns vor Gott. Und wir folgen ihm strauchelnd und humpelnd auf dem Weg, den er gebahnt hat und zu dem er uns immer wieder zurück ruft: durch den Hebräerbrief, im Gottesdienst, und durch viele andere Signale.

Feb 082015
 

Predigt am 8. Februar 2015 zu Offenbarung 9,1-21 (Predigtreihe Offenbarung 16)

1 Der fünfte Engel blies seine Posaune. Da sah ich einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war; ihm wurde der Schlüssel zu dem Schacht gegeben, der in den Abgrund führt. 2 Und er öffnete den Schacht des Abgrunds. Da stieg Rauch aus dem Schacht auf, wie aus einem großen Ofen, und Sonne und Luft wurden verfinstert durch den Rauch aus dem Schacht.

Quelle: Bluesnap via pixabay, creative commons CC0

Bild: Bluesnap via pixabay, creative commons CC0

3 Aus dem Rauch kamen Heuschrecken über die Erde und ihnen wurde Kraft gegeben, wie sie Skorpione auf der Erde haben. 4 Es wurde ihnen gesagt, sie sollten dem Gras auf der Erde, den grünen Pflanzen und den Bäumen keinen Schaden zufügen, sondern nur den Menschen, die das Siegel Gottes nicht auf der Stirn haben.

5 Es wurde ihnen befohlen, die Menschen nicht zu töten, sondern nur zu quälen, fünf Monate lang. Und der Schmerz, den sie zufügen, ist so stark, wie wenn ein Skorpion einen Menschen sticht. 6 In jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen, aber nicht finden; sie werden sterben wollen, aber der Tod wird vor ihnen fliehen. 7 Und die Heuschrecken sehen aus wie Rosse, die zur Schlacht gerüstet sind; auf ihren Köpfen tragen sie etwas, das gold schimmernden Kränzen gleicht, und ihre Gesichter sind wie Gesichter von Menschen, 8 ihr Haar ist wie Frauenhaar, ihr Gebiss wie ein Löwengebiss,

Quelle: Defense-Imagery via pixabay, creative commons CC0

Quelle: Defense-Imagery
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9 ihre Brust wie ein eiserner Panzer; das Rauschen ihrer Flügel ist wie das Dröhnen von Wagen, von vielen Pferden, die sich in die Schlacht stürzen. 10 Sie haben Schwänze und Stacheln wie Skorpione und in ihren Schwänzen ist die Kraft, mit der sie den Menschen schaden, fünf Monate lang. 11 Sie haben als König über sich den Engel des Abgrunds; er heißt auf hebräisch Abaddon, auf griechisch Apollyon. 12 Das erste «Wehe» ist vorüber. Noch zweimal wird das «Wehe» kommen.

13 Der sechste Engel blies seine Posaune: Da hörte ich eine Stimme, die von den vier Hörnern des goldenen Altars her kam, der vor Gott steht. 14 Die Stimme sagte zu dem sechsten Engel, der die Posaune hält: Binde die vier Engel los, die am großen Strom, am Eufrat, gefesselt sind. 15 Da wurden die vier Engel losgebunden, die auf Jahr und Monat, auf Tag und Stunde bereitstanden, um ein Drittel der Menschheit zu töten. 16 Und die Zahl der Reiter dieses Heeres war vieltausendmal tausend; diese Zahl hörte ich.

Quelle: Wikipedia

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17 Und so sahen die Pferde und die Reiter in der Vision aus: Sie trugen feuerrote, rauchblaue und schwefelgelbe Panzer. Die Köpfe der Pferde glichen Löwenköpfen und aus ihren Mäulern schlug Feuer, Rauch und Schwefel. 18 Ein Drittel der Menschen wurde durch diese drei Plagen getötet, durch Feuer, Rauch und Schwefel, die aus ihren Mäulern hervorkamen. 19 Denn die tödliche Macht der Pferde war in ihren Mäulern und in ihren Schwänzen. Ihre Schwänze glichen Schlangen, die Köpfe haben, mit denen sie Schaden zufügen können.

20 Aber die übrigen Menschen, die nicht durch diese Plagen umgekommen waren, wandten sich nicht ab von den Machwerken ihrer Hände: Sie hörten nicht auf, sich niederzuwerfen vor ihren Dämonen, vor ihren Götzen aus Gold, Silber, Erz, Stein und Holz, den Götzen, die weder sehen, noch hören, noch gehen können. 21 Sie ließen nicht ab von Mord und Zauberei, von Unzucht und Diebstahl.

Warum bekommen wir dieses Alptraum-Szenario zu hören? Was soll es uns sagen? Worauf weisen indirekt auch all die anderen, ähnlichen Horrorgeschichten hin, die im Film oder in der Literatur im Umlauf sind? Warum sehen Menschen sich Horrorfilme an, in denen die Menschheit ausgerottet wird, durch Aliens, durch Zombies, durch Killerviren, durch Drachen oder Kampfroboter? Was bewegt uns dazu, solche Geschichten zu erfinden, zu erzählen oder ihnen zuzuhören?

Die Schlüsselszene: der geöffnete Abgrund

Am Anfang des Kapitels steht die »Schlüsselszene« im wahrsten Sinne des Wortes: ein Stern fällt vom Himmel, er bekommt den Schlüssel zum Abgrund und schließt ihn auf. Das ist einer der Verse, wo man deutlich merkt, dass es moderne Humorlosigkeit ist, solche Bilder wörtlich zu nehmen. Auch in der Zeit von Johannes wäre es eine absurde Vorstellung gewesen, dass ein Himmelskörper mit einem Schlüssel ein Tor aufschließt. Sterne stehen für himmlische Mächte. Sie sind die Super-Stars der Antike, und das Motiv, dass ein Engel aus dem Himmel verbannt wird und dann auf der Erde Unheil anrichtet, das begegnet einem in der Bibel auch an anderen Stellen. Aber das nur nebenbei.

In diesem Kapitel wird zweimal davon erzählt, wie Mächte der Zerstörung losgelassen werden, die vorher daran gehindert waren, ihre volle Unheilsmacht zu entfalten. Da ist einmal der Abgrund, aus dem eine Rauchwolke voller Kampfheuschrecken mit Skorpionenstacheln quillt. Skorpionenstiche tun extrem weh, und es ist eine Horrorvorstellung, von solchen fliegenden Skorpionen angegriffen zu werden. Stellt euch vor, Mückenstiche wären nicht nur lästig, sondern würden schreckliche Schmerzen verursachen, und dann würden wir in riesige Mückenschwärme hineingeraten. Am Ende sind die Schmerzen so schlimm, dass Menschen lieber sterben würden, aber sie können es nicht. Als ob Menschen gefoltert werden und ihre Peiniger achten gut darauf, dass sie sich ihnen nicht durch den Tod entziehen können. Das ist ein Alptraum, der nackte Horror.

Ein schwarzes Loch in der Welt

Und dann die vier Engel am Euphrat, die ein riesiges Reiterheer losschicken, das über Dörfer und Städte herfällt und Menschen abschlachtet. Der Euphrat war damals die Grenze zwischen dem Mittelmeerraum und dem Reich der Parther. Die Parther waren für das römische Imperium die Bedrohung aus dem Osten, die brutalen Barbaren, die schon ganze römische Heere einschließlich der Feldherren gnadenlos niedergemetzelt hatten. Die Parther waren es übrigens auch, die die Todesstrafe durch Kreuzigung erfunden haben. Die Römer haben sie nie besiegen können. Die Vorstellung, dass todbringende Kampfreiter aus dem Osten die Zivilisation überfluten könnten, war damals auch so ein Alptraum, so als ob uns heute der »Islamische Staat« mit einer unerschöpflichen Flut modernster Panzer überrollen würde und verbrannte Erde hinterlässt.

Und Johannes sagt mit seinen Bildern: dieser Horror schlummert im Untergrund der Welt. Noch werden wir verschont, noch ist das Tor verschlossen, noch sind die Barbaren blockiert, aber seid ihr sicher, dass das immer so bleiben wird? Seht der Realität ins Auge, dass in der Welt so etwas wie ein schwarzes Loch klafft, in dem das Grauen wohnt, eure schlimmsten Alpträume.

Die Hölle auf Erden?

Johannes wird in der Offenbarung noch davon sprechen, dass das Ziel Gottes die Hochzeit von Himmel und Erde ist, dass Gott unter den Menschen wohnen will und seine Herrlichkeit die Welt erfüllen soll. Aber wir dürfen nicht denken, dass das eine Selbstverständlichkeit ist. Es gibt noch eine ganz andere Möglichkeit: die Hochzeit von Hölle und Erde. Es könnte auch so sein, dass am Ende nicht Gottes Herrlichkeit die Erde erfüllt, sondern das endlose Grauen. Es gibt Plätze auf der Welt, wo man schon ahnen kann, wie so etwas aussehen würde: Nordkorea. Guantanamo. Auschwitz. Der Kongo unter belgischer Herrschaft im 19. Jahrhundert. Das sind nur ein paar Beispiele – uns würden bestimmt noch mehr Namen einfallen.

Wir sollten uns nicht so sicher sein, dass das nur die Relikte einer dunklen Vergangenheit sind. Es könnten genauso gut auch die Vorboten der Zukunft sein. Johannes macht zwar deutlich, dass Gott sich von diesem Dunkel letztlich nicht an die Wand drücken lässt, aber wenn wir diese dunkle Bedrohung einfach ausblenden, dann machen wir uns etwas vor. Wir reden hier nicht über Geschmacksfragen, wir reden nicht über private Vorlieben, mit denen es jeder so halten soll, wie er möchte. Wir reden über eine sehr reale Bedrohung im Untergrund der Welt, die nicht wir bisher in Schach gehalten haben, sondern Gott.

Ein feindseliges Potential

Menschen haben dafür gesorgt, dass sich die ungelösten Probleme immer höher häufen, dass immer mehr Waffen durch die Welt vagabundieren, dass immer mehr Söldner und Landsknechte und Warlords vom Krieg leben und nichts anderes mehr kennen. Menschen sorgen dafür, dass sich im Untergrund der Welt immer mehr Wut und Hass und primitive Lust an der Macht ansammeln. Wer sich heute öffentlich so exponiert, dass er irgendeiner Gruppe quer kommt, der kriegt ganz schnell einen Haufen Drohbriefe und Hassmails. Besonders, wenn er auch noch einen ausländisch klingenden Namen hat und/oder eine Frau ist. Auch unter der zivilisierten Oberfläche brütet ein schlimmes Potential an Feindseligkeit. Es wird im Augenblick von unserem Rechtsstaat und seinen Institutionen meistens in Schach gehalten, aber wehe, wenn das mal losgelassen werden sollte.

Man kann das natürlich alles verharmlosen und sagen: es wird schon nicht so schlimm kommen, weil ich mir das gar nicht vorstellen mag. Aber die Offenbarung möchte unserer Vorstellungskraft auf die Sprünge helfen. Es kann noch viel schlimmer kommen. Alpträume können wahr werden. Aber es muss nicht sein.

Wir haben vorhin in der Lesung (Markus 7,14-23) gehört, wie Jesus im Herzen von jedem Menschen so ein schwarzes Loch sieht, aus dem dunkle Gedanken aufsteigen, die dann Gestalt annehmen und zu Taten werden. Man könnte sagen, dass Johannes mit diesem Bild vom Schacht zum Abgrund das Gleiche für die Gesamtheit der Welt sagt: auch da gibt es ein dunkles Geheimnis, das fortwährend alle möglichen Arten von Zerstörung und Verderben produziert.

Heilsames Erschrecken

Aber wenn dieser Abgrund im Herzen der Menschen und im Herzen der Welt überwunden werden soll, dann muss er sich erst in seiner ganzen Abscheulichkeit zeigen. Wir kennen das doch, dass Menschen manchmal erst sich oder anderen schlimme Dinge antun müssen, bis sie realisieren, was sie angerichtet haben und dann endlich über sich selbst erschrecken. Manchmal dringt das erst vor Gericht zu einem durch, manchmal auch erst nach Jahren im Gefängnis: ich habe Menschenleben ausgelöscht, einfach so, und warum? Heute weiß ich noch nicht mal mehr, warum! Für nichts! Was war da in mir, das mich getrieben hat?

Und das geht auch ganzen Völkern so, dass in ihnen erst Entsetzliches geschehen muss, bevor sie zur Besinnung kommen. Deutschland hat zwei verlorene Weltkriege gebraucht, bis es sich von Militarismus und Nationalismus und Gefühllosigkeit einigermaßen befreit hat – hoffen wir, dass es dabei bleibt.

Die Option der Verhärtung

Aber das ist kein Automatismus. Menschen werden von Katastrophen aller Art nicht in jedem Fall näher zu Gott und zur Umkehr gebracht. Sie können sich auch noch mehr verhärten, und dann werden irgendwann die Kreaturen des Abgrunds losgelassen. Denken Sie an das Waffenarsenal in privater Hand in den USA: jedes Mal, wenn da wieder ein gekränkter Looser in einer Schule ein Blutbad angerichtet hat, werden mehr Waffen gekauft, nicht weniger. Es ist wie mit dem ägyptischen Pharao, der trotz aller Plagen nicht umkehrte und Israel in die Freiheit ziehen ließ. Sie lernen es nicht. Was muss denn noch alles passieren?

Gott hört manchmal damit auf, sich den Ausgeburten des Abgrunds entgegen zu stellen, damit Menschen realisieren, was auf dem Spiel steht. Wir sind nämlich nicht im Kino, sondern in der wirklichen Welt. Im Unterschied zu einem Horrorfilm will die Offenbarung uns nicht ein wohliges Gruseln und 90 Minuten Nervenkitzel bescheren, sondern wenigstens wir sollen aufgerüttelt werden. Kirche ist kein Kaffeekränzchen für Leute, die sich irgendwie die Zeit vertreiben müssen. In der Gemeinde Jesu geht es um Weichenstellungen für die Zukunft der Welt, es geht darum, die Seele der Menschheit zu retten. Und daran werden wir durch so ein Kopfkino voll dunkler Bedrohungen erinnert.

Wir sind zwar irgendwie geschützt vor den schlimmsten Bedrohungen. Wir werden hier an das Siegel, das Zeichen, erinnert, das diejenigen tragen, die zu Gottes Volk gehören. Denen sollen die Kampfheuschrecken nichts tun: immer wieder Hinweise darauf, dass das Chaos Gott nicht an die Wand spielen kann, dass es den Krieg nicht gewinnen wird. Aber das heißt nicht, dass wir denken sollen, das alles ginge uns nichts an, weil es nur die anderen trifft.

Die Rolle der Gemeinde Jesu

Vor ein paar Tagen telefonierte ich mit jemandem, die im Siegerland in der Kirche engagiert ist. Das Siegerland ist altes Erweckungsgebiet, wo es früher mal einen großen christlichen Aufbruch gegeben hat. Aber das ist jetzt auch schon ziemlich lange her. Und sie erzählte mir, wie im Augenblick da Gemeinden wieder aufwachen, weil sie anfangen, sich um Flüchtlinge zu kümmern. Und da gibt es so Geschichten wie diese: in einem kleinen Dorf wurde eine Flüchtlingsfamilie untergebracht, und dann wurden Paten gesucht, die sich etwas um die Familie kümmern. Und in diesem winzigen Ort, der noch nicht mal eine eigene Kirche hat, haben sich 20 Familien gemeldet. Gemeinden kommen in Bewegung, weil sie nicht mehr nur für sich selbst leben, sondern ihre Aufgabe entdecken, für die sie da sind. Und das ist im Augenblick in Deutschland zum Glück kein Einzelfall.

Wie ist das gekommen? Menschen haben das Dunkel in unserer Welt wahrgenommen, das Dunkel in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, aber auch das Dunkel der Ablehnung, das es in unserem Land gibt. Und sie haben sich herausfordern lassen, dagegen die Solidarität Jesu mit den geringsten Brüdern und Schwestern zu setzen. Sie haben sich herausfordern lassen, auf die Liebe Jesu zu setzen.

Kein automatischer Countdown

Wenn Gott uns daran erinnert, was im Untergrund der Welt lauert, dann will er uns daran erinnern, dass wir die Leute sind, die sich dem entgegenstellen. Jedenfalls sollen wir die sein. Die Offenbarung ist nicht gemeint als unerbittlich ablaufender Countdown zum Weltuntergang. Selbst die vier Engel am Euphrat sind zwar für einen bestimmten Moment vorbereitet, aber das heißt nicht, dass sie wirklich unter allen Umständen losgelassen werden müssten. Die 10 ägyptischen Plagen wären ja auch eher zu Ende gewesen, wenn der Pharao vorher eingelenkt hätte. Gott ist flexibel, er reagiert auf Menschen, er zieht nicht einen festgelegten Plan durch, ohne nach rechts und links zu schauen. Wenn Menschen umkehren, antwortet Gott darauf.

Raum für Umkehr

Johannes sieht aber, was passieren wird, wenn Menschen sich immer tiefer in ihre Sackgassen verrennen. Dass Gott ihm das zeigt, gehört gerade zu Gottes Versuchen, Menschen aus Sackgassen herauszuholen. Wenn wir daraus ein System machen und glauben, wir könnten Gottes Planungen berechnen, liegen wir schief. Aber wenn wir das als Ruf zur Umkehr sehen und als Anstoß, uns dem Dunkel da entgegen zu stellen, wo es uns begegnet, dann ist die Botschaft angekommen.

Ob wir als Gemeinde Jesu unsere Aufgabe gut erfüllen, oder ob wir lieber Kaffeekränzchen halten, davon hängt für den Lauf der Welt viel mehr ab, als wir glauben.

Feb 012015
 

Predigt am 1. Februar 2015 zu 1. Korinther 9,24-27

24 Ihr wisst doch, wie es ist, wenn in einem Stadion ein Wettlauf stattfindet: Viele nehmen daran teil, aber nur einer bekommt den Siegespreis. ´Macht es wie der siegreiche Athlet:` Lauft so, dass ihr den Preis bekommt! 25 Jeder, der an einem Wettkampf teilnehmen will, unterwirft sich einer strengen Disziplin. Die Athleten tun es für einen Siegeskranz, der bald wieder verwelkt. Unser Siegeskranz hingegen ist unvergänglich.
26 Für mich gibt es daher nur eins: Ich laufe wie ein Läufer, der das Ziel nicht aus den Augen verliert, und kämpfe wie ein Boxer, dessen Schläge nicht ins Leere gehen. 27 Ich führe einen harten Kampf gegen mich selbst, als wäre mein Körper ein Sklave, dem ich meinen Willen aufzwinge. Denn ich möchte nicht anderen predigen und dann als einer dastehen, der sich selbst nicht an das hält, was er sagt.

Paulus hatte das Problem, wie er in einer Welt mit vielen Göttern den Glauben an den einen Gott und Vater Jesu Christi kommunizieren konnte. In der Antike gab es viele Götter, und alle hatten ihre Tempel. Und die Menschen waren nicht Mitglieder einer bestimmten Religion, sondern sie gingen mal in diesen Tempel und mal in jenen, sie opferten mal hier und mal dort, je nachdem, ob sie gerade Probleme mit der Gesundheit hatten, oder ob das Geschäft etwas mehr Schwung brauchte oder ob sie sich Kinder wünschten oder einen Krieg vorbereiteten.

Paulus dagegen, wie jeder Jude, glaubte nur an einen Gott, der die ganze Welt geschaffen hatte, und die Menschen als seine Beauftragten in der Welt. Das war für viele nicht leicht verständlich, dass da zu den vielen Göttern nicht einfach noch ein anderer dazukam, sondern dass es nur einen Schöpfer geben sollte, der die Welt aus einem Guss geschaffen hat. Und der deshalb von den Menschen nicht viele unterschiedliche, vielleicht widersprüchliche Dinge erwartete, sondern ein Leben, das ganz von ihm, dem einen Gott her, geprägt war.

Ein Beispiel für Fokussierung

Und deswegen suchte Paulus nach Beispielen, mit denen er sich verständlich machen konnte. Wo gibt es das sonst noch, dass Menschen sich konsequent auf ein Ziel ausrichten? Paulus hätte vielleicht vom Krieg reden können, wo ja auch alles auf den Sieg konzentriert ist, aber stattdessen nimmt er den Sport. Erstaunlicher Weise hatte der Sport damals eine ganz ähnliche Bedeutung wie heute, eine der vielen bemerkenswerten Ähnlichkeiten zwischen der Antike und der Gegenwart.

Bild: Skitterphoto via pixabay, creative commons CC0

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Und auch damals war es so, dass Spitzenleistungen im Sport zu 90 % kein Zufall sind, sondern auf dem Fundament eines intensiven, disziplinierten Trainings ruhen. Wer einfach nur sagt: ich strenge mich eben ganz besonders an, der wird nicht gewinnen. Anstrengen tun sich alle, aber wer nicht vorher die nötigen Muskeln und die Ausdauer aufgebaut hat, der kommt mit Anstrengung und Entschlossenheit allein bestimmt nicht aufs Treppchen. Chancen auf den Sieg haben nur diejenigen, die über lange Zeit auf dieses Ziel hin gelebt haben.

Und Paulus nimmt solche Leistungssportler als Beispiel für Menschen, die ihr Leben auf ein Ziel hin ausgerichtet haben, und er erklärt damit, wie der Glaube an den einen Gott funktioniert: da gibt es einen Dreh- und Angelpunkt, von dem her alles seine Einheit bekommt. Der Sieg steht im Mittelpunkt, und für den wird trainiert, danach richtet sich die Ernährung, daran erinnert der Trainer immer wieder, dafür schläft der Athlet genug, und vielleicht macht er vor dem Einschlafen noch Mentaltraining. Alles für den Sieg.

Vergänglicher Ruhm

Und nun hat Paulus, als er das beschreibt, wahrscheinlich innerlich den Kopf darüber geschüttelt, dass Leute das alles in Kauf nehmen für eine Trophäe, die ziemlich schnell verwelkt und verstaubt ist. Damals bekam man als Zeichen des Sieges einen Lorbeerkranz aufgesetzt. Das dauerte wirklich nicht lange, bis man dem sein Alter ansah. Aber selbst heute, wo man als Siegeszeichen Pokale und Medaillen bekommt, die aus stabilerem Material sind: irgendwann verstauben die auch in der Vitrine. Und eines Tages stößt man dann zufällig auf alte Urkunden und erinnert sich: ach ja, da habe ich ja mal mitgemacht und war eigentlich ganz gut. Neulich las ich sogar irgendwo, dass eine Olympiasiegerin Geldprobleme hatte und ihre Medaillen verkaufen wollte. Das hat sie sich bei der Siegerehrung bestimmt nicht vorstellen können, dass sie die ersehnte Medaille eines Tages schnöde verscherbeln würde.

So schnell vergeht Ruhm, meistens schon zu unseren Lebzeiten, und es ist erstaunlich, wie Menschen trotzdem immer wieder alles dafür tun. Aber trotzdem entdeckt Paulus darin etwas Wahres und Richtiges: Menschen sind tatsächlich dazu geschaffen, ein Leben aus einem Guss zu leben. Ein Leben, das auf den einen Gott hin ausgerichtet ist. Das von ihm her inspiriert ist.

In vielen unterschiedlichen Rollen

Das heißt nicht, dass man deshalb Mönch werden und im Kloster leben müsste. Die Vielfalt des Lebens soll nicht geschmälert werden. Aber in all den vielen Lebensbereichen, in denen wir alle drinstecken, soll unser Leben trotzdem eine einheitliche Linie haben und nicht in Bruchstücke zerfallen, die kaum noch etwas miteinander zu tun haben.

Wir stecken ja alle in den unterschiedlichsten Lebensbereichen drin: wir sind Eltern oder Kinder, wir gehen zur Schule oder zur Arbeit oder machen den Haushalt, manchmal haben wir Kontakt mit der Welt der Krankenhäuser und Heime, wir sind in Vereinen, Gruppen und Clubs, im Augenblick sind wir im Gottesdienst, viele haben Bekannte, die sie vor allem aus dem Internet kennen, oder aus dem Urlaub, und wer weiß, wo wir noch überall drinstecken. Und wir wissen alle, dass wir mit unserer Mutter anders reden als mit unserem Chef; im Internet kommunizieren Leute manchmal in einem Ton, den sie sich von Angesicht zu Angesicht nie trauen würde; und im Urlaub sind Menschen oft völlig anders als zu Hause.

Aber wer sind wir dann wirklich? Gibt es noch einen Zusammenhang zwischen all den verschiedenen Fetzen unseres Lebens? Gibt es Regeln, die uns überall begleiten, oder wechseln wir dauernd die Persönlichkeit? Wir sind da gar nicht so viel anders als die Menschen des Altertums, die für jeden Lebensbereich den passenden Spezialgott hatten.

Die Vielfalt hat einen Ursprung

Und das kriegt auch nicht jeder gut hin, sich immer das richtige Seelenkostüm zu greifen. Das kann ganz schön anstrengend sein, immer wieder umzuschalten. Und deswegen redet Paulus von dem einen Gott, der die Welt in ihrer ganzen Vielfalt geschaffen hat und durch Jesus erneuert. Deswegen ist sie keine verwirrende Vielfalt, deswegen gibt es keine unlösbaren Konflikte, sondern es ist eine Welt, die in ihrer unübersehbaren Vielfalt doch einen gemeinsamen Schöpfer und ein gemeinsames Ziel hat. Und im Gegenüber zu ihm werden wir zu Menschen, die nicht hin und her gerissen sind zwischen all den unterschiedlichen Lebensbereichen, sondern in all den vielen Szenarien, die wir erleben, begleitet uns Gott und arbeitet mit und durch uns an der Erneuerung der Welt.

In den Versen vor unserer Passage hat Paulus beschrieben, wie er sich einlässt auf unterschiedliche Kulturen und Bewusstseinslagen von Menschen. Man kann sich Paulus richtig vorstellen, wie er in einer Großstadt wie Korinth mal im Haus eines hohen Beamten eingeladen ist, mal in einer Hafenkneipe diskutiert und dann wieder in der Synagoge, dem jüdischen Gotteshaus. Vielleicht muss er sich im Stundentakt umstellen, vielleicht wechselt er in jedem Haus wieder das Vokabular, aber er hat eine einheitliche Mission, es geht immer um denselben Gott.

Kulturtraining

Und er empfiehlt seinen Leuten, dass sie das als eine sportliche Herausforderung sehen sollen: Kommunikation üben quer durch Kulturen, Religionen und Bewusstseinslagen hindurch. Dafür muss man genauso trainieren wie für einen Marathonlauf. Da reicht es nicht, dich einfach nur anzustrengen oder es ernst zu meinen, da hilft nur: immer wieder machen, ausprobieren, mal mit Bürokraten reden und mal mit Türken, mal das Evangelium in Worte fassen, die ein Taxifahrer versteht, und dann wieder in gepflegter Umgebung sich nicht von Stil und Gediegenheit einschüchtern zu lassen.

Das ist nicht einfach, und deshalb hilft nur üben, üben, üben. Wie vor einer Weltmeisterschaft. In all den unterschiedlichen Situationen den göttlichen Hintergrund der Welt entdecken, ihn so beschreiben, dass auch die anderen ihn sehen können. Je öfter wir das tun, um so besser sehen wir auch selbst, wie überall die Schöpfung Gottes nicht endgültig zerstört ist, sondern überdeckt, auseinander gefallen, falsch zusammengesetzt und verstümmelt. Und sie wartet darauf, das jemand sie erkennt und nach ihr ruft und all die Bruchstücke an ihren richtigen Ort geleitet.

Verstreute Bruchstücke der Wahrheit sehen

So wie Paulus in dem konzentrierten Training eines Langstreckenläufers etwas von der Bestimmung des Menschen zu einem einheitlichen, zusammenhängenden Leben entdeckt, und nur anmerkt: diese tolle Konzentration hätte ein besseres Ziel verdient! Oder wenn wir an die Lesung (Lukas 16,1-8) vorhin denken: wie Jesus in der Trickserei eines unehrlichen Verwalters doch Klugheit und Flexibilität entdeckt, die er für seine Leute auch gern hätte.

Überall, in der ganzen Welt, kann man solche Bruchstücke der Wahrheit finden. In allen Kulturen, in allen Religionen und Philosophien, in allen politischen Strömungen, in allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Das Licht Jesu spiegelt sich in unzähligen kleinen Lichtern, und es ist unsere Aufgabe, die Wahrheit in all ihren vielen Verkleidungen und Verkürzungen, in all ihren vielen Bruchstücken und Verzerrungen wiederzuerkennen und freundlich einzuladen zu ihrem Ursprung. Es ist unsere Aufgabe, Formulierungen zu finden, die Brücken bauen und die Verwerfungen beseitigen.

Die Disziplin der Wagnisse

Das ist nicht einfach. Das muss man üben. Paulus spricht davon, wie er selbst sich immer wieder an diese Arbeit zwingt. Wir alle würden gerne in unserer Komfortzone bleiben. Aber Paulus sagt: es geht um Disziplin und Training. Wir alle würden gern das Evangelium in der endgültigen Fassung ein für alle mal parat haben. Aber die Disziplin des Glaubens bedeutet, dass wir immer wieder das Wagnis neuer Formulierungen und neuer Lebensweisen eingehen. Dass wir immer neu die auseinanderfallende Schöpfung zur Einheit geleiten.

Gott ist auf dem Weg durch seine Welt und stößt uns immer wieder mehr oder weniger sanft an, damit wir diszipliniert bleiben und uns nicht zur Ruhe setzen. Gott will seine auseinandergefallene Schöpfung wieder zusammensetzen, schöner und reicher als je zuvor, und er will uns an zentraler Stelle dabei haben.