Jan 262015
 

Besonderer Gottesdienst am 25. Januar 2015 mit Predigt zu Matthäus 4,1-11

2015-01-25Terrorismus

Einführung ins Thema:

Louise Richardson war Professorin an der Harvard Universität und forschte dort über Terrorismus. Louise RichardsonHeute ist sie Rektorin der Universität von St. Andrews in Schottland. Dass sie Terrorismus erforschte, war kein Zufall. Sie stammt aus Nordirland und ist aufgewachsen in der Zeit des Kampfes der Irisch-Republikanischen Armee IRA gegen die Engländer. Sie wollte verstehen, was sie da erlebt hat und hat sich die Frage gestellt, was eigentlich die Ziele von Terroristen sind. Und sie hat eine einfache Antwort gefunden: es geht ihnen um Rache, Ruhm und Reaktion. Und zwar egal, ob es politischer, religiöser oder nationalistischer Terrorismus ist. Ob Menschen behaupten, sie kämpfen im Auftrag Gottes, oder ob sie Atheisten sind, das macht interessanter Weise keinen großen Unterschied.

Drei Motive für Terrorismus

Es geht Terroristen also erstens um Rache. Die irisch-republikanische Armee rächte sich für die Unterdrückung der Iren durch die Engländer. Osama Bin Laden wollte Rache nehmen für die Demütigung der Muslime durch die Anwesenheit amerikanische Truppen in Saudi-Arabien, dem Kernland des Islam. Palästinensische Selbstmordattentäter wollen Israel bestrafen für die Besetzung ihres Landes. Irakische Terroristen wollten die Opfer des Irakkrieges rächen, und da haben sie viel zu tun.

Viele Menschen haben zuerst viele persönliche Demütigungen erlebt, wenn z.B. nachts Regierungstruppen ins Haus eindringen, die Bewohner herumkommandieren und schlagen und ihre Wohnung verwüsten, vielleicht die Eltern mitnehmen. Irgendwann ist für sie das Maß voll, und dann schließen sie sich einer militanten Organisation an. Wenn also Sicherheitsdienste im Kampf gegen Terroristen die Bevölkerung schikanieren, dann sorgen sie dafür, dass die Untergrundorganisationen keinen Mangel an Kämpfern haben. Je mehr Menschen über Unrecht erbittert sind, um so größer ist die Chance, dass sie sich das irgendwann nicht mehr gefallen lassen wollen.

Dabei muss es sich aber nicht unbedingt eigene Erlebnisse handeln. Mancher identifiziert sich einfach durch Videos im Internet mit dem, was anderen tatsächlich oder vermeintlich angetan worden ist.

Das Zweite, was Terroristen wollen, ist Aufmerksamkeit und Ruhm. Je schwieriger ein Anschlag durchzuführen ist, um so mehr Ansehen bringt er. Je mehr Menschen sterben, um so größer ist das Medienecho. Deswegen hat der »Islamische Staat« in Syrien seine eigene professionelle Propagandaabteilung, die dafür sorgt, dass man sich auf der ganzen Welt im Internet Videos über diese Organisation ansehen kann. Und überhaupt hat es in den letzten Jahren eine enorme Eskalation der terroristischen Gewalt gegeben. Jede Gruppe versucht die anderen zu übertrumpfen. Den einfachen Mitgliedern reicht es, wenn sie im Kreis ihrer Mitkämpfer Anerkennung finden. Die Anführer wollen international bekannt sein. Je höher die Belohnung ist, die für ihre Ergreifung ausgesetzt wird, um so besser.

Drittens wollen Terroristen eine Reaktion provozieren. Oft soll der Staat zu einer Reaktion gebracht werden, die ihn ins Unrecht setzt. Wenn die Amerikaner im Irak und in Guantanamo Menschen foltern, dann machen sie ihre angeblichen Werte wie Demokratie und Freiheit unglaubwürdig. Als vor vierzig Jahren in Westdeutschland die Rote Armee Fraktion Attentate auf hochrangige Beamte und Wirtschaftsbosse verübte, da hofften sie, dass der Staat so brutal reagieren würde, dass er sich vor aller Augen als faschistisch entlarven würde. Zeloten zur Zeit Jesu wollten einen Volksaufstand anstiften, was ihnen am Ende auch gelungen ist. Es geht eigentlich immer darum, Konflikte zu vertiefen und möglichst viele Menschen mit einzubeziehen.

Terrorismus hat ein Publikum

Das bedeutet, Terroristen haben eine Bezugsgruppe, ein Publikum, an das sie sich wenden. Diese Bezugsgruppe wollen sie mit ihren Taten beeinflussen. Als Al Quaida die Zwillingstürme des World Trade Centers zum Einsturz bringen ließ und 3000 Menschen in den Trümmern starben, da waren die Adressaten dieser Tat gar nicht in erster Linie die Amerikaner. Die eigentliche Botschaft richtete sich an die muslimische Gemeinschaft. Die sollte aufgerüttelt werden; die Botschaft war: lasst euch nicht weiter alles gefallen, die USA sind verwundbar, wir können sie aus unseren Ländern vertreiben, wenn wir nur wollen. Aber dazu müssen wir entschieden sein. Und wir brauchen solche Führer wie Bin Laden.

Das Problem der Radikalen

Jeder, der sich schon mal über laxe Christen beschwert hat, kann sich da gut hineindenken. Alle Radikalen leiden darunter, dass die meisten Menschen in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen wollen, keine Lust auf Krieg haben und nur gelegentlich mal an ihre Weltanschauung denken. So wie bei uns Menschen sich über sogenannte Weihnachtschristen aufregen, die sich nur sporadisch an ihren christlichen Glauben erinnern, so regen sich Islamisten über Muslime auf, denen nur im Ramadan einfällt, dass sie mal wieder in die Moschee gehen sollten.

Bin Laden und seine Organisation wollten verhindern, dass die islamischen Länder nach und nach verwestlichen, amerikanische Fernsehserien gucken und bei McDonalds Hamburger futtern. Westliche Firmen, Hotels und Truppen in islamischen Ländern sind für Islamisten genauso ein Gräuel, wie für Thilo Sarrazin Moscheen und Minarette in Berlin-Kreuzberg den Untergang des Abendlandes signalisieren. Spektakuläre Anschläge sollen für Misstrauen zwischen Muslimen und den anderen sorgen, die muslimische Gemeinschaft soll dadurch enger zusammenrücken. Die Fronten sollen geklärt werden, die eigenen Reihen sollen geschlossen werden. Als Präsident Bush nach dem 9. September zum »Kreuzzug gegen den Terror« aufrief, hat sich Bin Laden wahrscheinlich ins Fäustchen gelacht und sich gefragt, wie dumm die Amerikaner eigentlich sind, dass sie ihm so in die Hände arbeiten.

Der Kampf geht um die breite Mitte

Wenn man diese Motive von Terroristen kennt, dann merkt man, dass der militärische Anti-Terror-Kampf gar nicht das Entscheidende ist. Der eigentliche Kampf geht um die Herzen der Menschen. Wenn man sie schlecht behandelt, treibt man sie den Terroristen in die Arme. In der Zeit Jesu ließen arrogante und brutale römische Statthalter keine Gelegenheit aus, um die Menschen gegen sich aufzubringen. Die Quittung war der jüdische Krieg in den Jahren 66-70, den Rom am Ende nur durch den Einsatz seiner ganzen militärischen Macht gewinnen konnte. Israel aber erlitt eine schreckliche Niederlage; es verlor auch die restlichen Freiheiten, die es noch hatte.

Jesus wollte sein Volk davor schützen, indem er ihnen einen anderen Weg zeigte. Jesu Reaktion auf das römische Unrecht war nicht von Rache und Verbitterung geprägt. Stattdessen suchte er einen Weg der Versöhnung in seinem Volk und sogar mit den römischen Unterdrückern. Über diese kreative Art Jesu, anders auf Unrecht zu reagieren, ohne es zu leugnen oder herunterzuspielen, müssen wir jetzt gleich nachdenken. Sie ist tief in seinem Bild von Gott verankert.

Predigt:

In der Zeit Jesu war es für einen jungen Mann eine echte Option, sich den Zeloten anzuschließen. So wie vor 40 Jahren junge katholische Männer in Nordirland wahrscheinlich alle mal darüber nachgedacht haben, ob sie sich der Irisch-Republikanischen Armee anschließen sollten. Am Ende tut es nur eine begrenzte Zahl, aber in Betracht gezogen haben sie es wohl alle irgendwann. So muss sich auch Jesus irgendwann der Frage gestellt haben, ob sein Weg ihn zu den Zeloten oder Sikariern führen würde. Die warfen damals keine Bomben, sondern mischten sich unter Menschenmengen und stachen schnell mal mit einem Dolch zu, um Sympathisanten Roms zu bestrafen.

Die terroristische Versuchung

Einen Widerhall dieser Entscheidung Jesu gegen den Terrorismus findet man wahrscheinlich in der Geschichte von der Versuchung Jesu, die wir vorhin in der Lesung gehört haben (Matthäus 4,1-11). Auf dem Höhepunkt bietet der Versucher Jesu die Macht über die ganze Welt an, wenn er sie aus seiner Hand entgegen nimmt. Für den Angehörigen eines kleinen unterdrückten und gedemütigten Volkes ist das ein starkes Angebot: endlich nicht mehr Opfer sein, endlich selbst mal obenauf sein und den Unterdrückern mit eigener Münze heimzahlen! Eine echte Versuchung.

Aber Jesus schlägt das Angebot aus. Er würde sich damit selbst auf das gewalttätige Muster des Imperiums einlassen, er wäre keine Alternative mehr. Viel später, bei seiner Gefangennahme, hat er einen Jünger gestoppt, der ihn mit Gewalt verteidigen wollte. »Steck dein Schwert in die Scheide« hat er gesagt (Matth. 26,52), »denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.« Terroristen werden meistens nicht alt. Wieder und wieder erleben wir es, dass Gewalt immer nur neue Gewalt hervorbringt. Deshalb hat man jedenfalls in Europa den Menschen die Waffen weggenommen, und solange kein Krieg ist, darf nur die Polizei Waffen benutzen. Und wir fahren gut damit.

Jesu Alternative

Jesus hat gesehen, dass der Widerstand der Zeloten sein Volk in die Katastrophe führen würde, und so ist es dann 40 Jahre später auch gekommen. Jesus sah das römische Unrecht genauso klar wie die Zeloten, aber sein Weg unterschied sich mindestens an zwei zentralen Punkten von dem der Terroristen:

  1. Zum einen hat er das Motiv der Rache strikt ausgeschlossen. Er hat aus dem Alten Testament gelernt, dass Gott sagt (5. Mose 32,35): »Mein ist die Rache, ich will vergelten.« Um die Rache kümmert Gott sich, das müssen wir nicht machen. Auch nicht in Gottes Auftrag. Der Weg der Rache zerstört Menschen innerlich, er fixiert sie auf den Tod und nicht auf das Leben. Praktisch jede Terrorgruppe erlebt diese Entwicklung, dass man mit idealistischen Zielen anfängt, und am Ende löst man alle Probleme mit Gewalt, auch gruppeninterne Konflikte. Viele Gruppen haben als Befreiungsbewegung angefangen und enden als kriminelle Gang. Irgendwann sind ihre Mitglieder abgestumpft gegen Gewalt und üben sie wahllos aus.

  2. Der andere Unterschied, den Jesus machte, ist: er vertiefte nicht die Konflikte und Abgrenzungen, sondern er überschritt Grenzen. Er aß und redete mit allen möglichen Leuten, unter seinen Jüngern waren alle Parteien vertreten, und er heilte auch Römer, wenn sie darum baten. Er lebte Versöhnung. Er kritisierte die eigenen Leute oft härter als die feindlichen heidnischen Ausländer. Er verkündete einen Gott, der es über Gute und Böse regnen lässt, der seinen Segen großzügig in der Welt ausstreut und darauf vertraut, dass das Leben stärker sein wird als der Tod.

Es ist im Kern dieses Bild von Gott, das Jesus von den Terroristen aller Zeiten unterscheidet: Jesus kennt einen starken, souveränen Gott, dessen Gerechtigkeit man nicht nachhelfen muss. Dieser Gott bringt starke, souveräne Menschen hervor, die lieben können statt zu hassen und zu vergelten. Menschen, die sich auch in schweren Zeiten nicht als Opfer fühlen, weil sie von Gott Handlungsspielraum und Wert bekommen.

Unerwartete Gemeinsamkeiten

Wen man sich mit dieser Brille die Akteure in der terroristischen Auseinandersetzung anschaut, dann sitzen auf einmal Leute in einem Boot, die man eigentlich für erbitterte Feinde halten würde: auf der einen Seite diese unsicheren jungen Männer und auch Frauen, die so schnell gekränkt sind und sich mit einer Waffe in der Hand gleich viel wichtiger fühlen – egal, ob in Syrien oder auf den Straßen einer trostlosen Plattenbausiedlung. Aber genauso der unsichere US-Präsident Bush, der mit seiner Ahnungslosigkeit alles noch viel schlimmer gemacht hat. Und schließlich auch in unserem Land alle, die sich von der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung abgehängt fühlen und eine Islamisierung des Abendlandes befürchten. Nur weil in Deutschland fünf Prozent Muslime leben, von denen die allermeisten aber ihren Glauben auch nicht entschiedener leben als die meisten hiesigen Christen ihr Christentum. Wer wirklich etwas gegen den Untergang des christlichen Abendlandes tun will, der kann einfach am Sonntag zum Gottesdienst gehen, das wäre die wirkungsvollste Strategie – gerade in der ehemaligen DDR mit ihren vielen leeren Kirchen.

Das Abendland ist ja nie wirklich christlich gewesen, aber es ist entscheidend beeinflusst worden durch die Botschaft Jesu von einem starken Gott, der schenkt und gibt und seine Feinde durch Zuwendung und Liebe zu sich bekehrt. Die stärkste Antwort auf Terror ist es, diesen Gott nachzuahmen: indem wir uns um Menschen kümmern, ohne ihre Schattenseiten zu übersehen; indem wir trennende Unterschiede nicht ernst nehmen, sondern überwinden; indem wir Barmherzigkeit und Liebe schenken; und zwar nicht nur als Einzelne, sondern als fest zusammen haltende Gemeinschaft.

Ein starker Gott

FDR in 1933Speziell dem Terror antworten wir am besten, wenn wir uns nicht von Angst leiten lassen. »Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.« hat der amerikanische Präsident Roosevelt in einer kritischen Phase der amerikanischen Geschichte gesagt. Diese Besonnenheit würde man auch seinen Nachfolgern wünschen, aber auch unseren Politikern und uns allen.

Wir haben einen starken Gott; der hat es nicht nötig, dass wir ihn (oder seine Ehre) verteidigen. Er ist durchaus in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Aber er wünscht sich Menschen, die seine Liebe von ihm lernen.

Jan 182015
 

Predigt am 18. Januar 2015 zu Offenbarung 8,1-13 (Predigtreihe Offenbarung 15)

1 Als das Lamm das siebte Siegel öffnete, trat im Himmel Stille ein, etwa eine halbe Stunde lang. 2 Und ich sah: Sieben Engel standen vor Gott; ihnen wurden sieben Posaunen gegeben. 3 Und ein anderer Engel kam und trat mit einer goldenen Räucherpfanne an den Altar; ihm wurde viel Weihrauch gegeben, den er auf dem goldenen Altar vor dem Thron verbrennen sollte, um so die Gebete aller Heiligen vor Gott zu bringen. 4 Aus der Hand des Engels stieg der Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen zu Gott empor. 5 Dann nahm der Engel die Räucherpfanne, füllte sie mit glühenden Kohlen, die er vom Altar nahm, und warf sie auf die Erde; da begann es zu donnern und zu dröhnen, zu blitzen und zu beben. 6 Dann machten sich die sieben Engel bereit, die sieben Posaunen zu blasen.

7 Der erste Engel blies seine Posaune. Da fielen Hagel und Feuer, die mit Blut vermischt waren, auf das Land. Es verbrannte ein Drittel des Landes, ein Drittel der Bäume und alles grüne Gras.

8 Der zweite Engel blies seine Posaune. Da wurde etwas, das einem großen brennenden Berg glich, ins Meer geworfen. Ein Drittel des Meeres wurde zu Blut. 9 Und ein Drittel der Geschöpfe, die im Meer leben, kam um und ein Drittel der Schiffe wurde vernichtet.

10 Der dritte Engel blies seine Posaune. Da fiel ein großer Stern vom Himmel; er loderte wie eine Fackel und fiel auf ein Drittel der Flüsse und auf die Quellen. 11 Der Name des Sterns ist «Wermut». Ein Drittel des Wassers wurde bitter und viele Menschen starben durch das Wasser, weil es bitter geworden war.

12 Der vierte Engel blies seine Posaune. Da wurde ein Drittel der Sonne und ein Drittel des Mondes und ein Drittel der Sterne getroffen, sodass sie ein Drittel ihrer Leuchtkraft verloren und der Tag um ein Drittel dunkler wurde und ebenso die Nacht. 13 Und ich sah und hörte: Ein Adler flog hoch am Himmel und rief mit lauter Stimme: Wehe! Wehe! Wehe den Bewohnern der Erde! Noch drei Engel werden ihre Posaunen blasen.

Es gibt manchmal diese Momente, wo alles den Atem anhält. Wenn das Gericht nach der Beratungspause in den Gerichtssaal kommt und der Vorsitzende gleich das Urteil verkünden wird. Oder wenn im Film jemand über einer tiefen Schlucht hängt und man sieht, wie das dünne Seil, das ihn hält, zu reißen beginnt.

Das siebente Siegel

Hier halten alle im himmlischen Thronsaal den Atem an, als sich das Lamm daran macht, das siebte Siegel an der Schriftrolle zu öffnen, in der Gottes geheimer Plan für die Erde aufgeschrieben ist. Sechs Siegel sind schon geöffnet, und jedes Mal bedeutete das ein neues Kapitel in der großen Geschichte Gottes mit der Welt und seinem Volk. Was wird jetzt passieren, wenn das entscheidende siebente, das letzte Siegel geöffnet wird?

Bild: Hans via pixabay, creative commons CC0

Bild: Hans via pixabay, creative commons CC0

Aber alle, die gedacht haben, dass jetzt das Geheimnis enthüllt wird, haben sich getäuscht. Mit der Öffnung des siebenten Siegels beginnt eine neue Siebenerreihe. Sieben Engel bekommen jeweils eine Posaune. Es ist, als ob man einen hohen Berg besteigt, und man denkt: »Hinter der nächsten Ecke kann ich endlich den Gipfel sehen«, und dann kommt man um die Ecke, nur um zu sehen, dass dahinter eine weitere Steilwand wartet, und man weiß immer noch nicht, ob dahinter nun endlich der Gipfel sein wird.

Der Weg wird länger als gedacht

Dieses Muster, dass am Ende der einen Reihe die nächste Reihe anfängt, dass man nicht angekommen ist, sondern dass sich der Blick weitet und der Weg wieder ein Stück länger wird als gedacht, das wird uns in der Offenbarung wiederholt begegnen. Und es entspricht ja tatsächlich der Art, wie Gottes langer Weg durch seine Schöpfung sich anfühlt: es dauert länger als gedacht. Paulus hatte noch das Gefühl: wenn ich im ganzen römischen Reich bis nach Spanien Gemeinden gegründet habe, dann ist die Arbeit eigentlich getan. Aber es hat drei Jahrhunderte gedauert, bis das Imperium so einigermaßen mit dem Evangelium durchdrungen war.

Und als das geschehen war, weitete sich der Horizont, weil die wilden Barbaren von jenseits der Reichsgrenzen die römische Zivilisation überfluteten, und die mussten auch irgendwie erreicht werden. Nach einigen Jahrhunderten voller Kämpfen und Zerstörungen waren die dann wenigstens dem Namen nach Christen geworden, und dann kamen einerseits die noch wilderen Wikinger, und andererseits wurde deutlich, dass all diese Menschen auch noch innerlich erreicht werden mussten. Es reichte nicht, dass sie einfach nur getauft wurden und sich Sonntags einen lateinischen Gottesdienst anhörten, den sie nicht wirklich verstanden.

Der Horizont weitet sich immer mehr

Und dann entdeckte man, dass die Welt noch viel größer ist als angenommen, dass es Amerika gibt, und etwas später merkte man, dass alle Menschen ein gewaltiges inneres Potential haben, zum Nachdenken und Lernen, dass wir alle viel mehr können als bloß Graben und Holzhacken und Kartoffelschälen. Im Augenblick habe ich das Gefühl, wir halten den Atem an bei der Betrachtung der ganzen neuen Horizonte, die sich vor uns auftun: dass man vielleicht den Mars besiedeln kann und vielleicht irgendwann sogar fremde Sternensysteme; aber auch, dass man dieses unglaublich komplexe Wesen namens Mensch immer weiter erforscht, oder dass man in die Geheimnisse der Materie eindringt und überall, im Großen und im Kleinen, immer kompliziertere Strukturen entdeckt. Überall haben die Wissenschaftler dieses Gipfel-Erlebnis, dass man glaubt: gleich haben wir es!, und dann dehnt sich der Weg nimmer weiter. Eine Frage hat man geklärt, aber dadurch stellen sich zehn neue.

Genau dieses Erlebnis nimmt die Offenbarung vorweg mit ihren immer neuen Siebenerreihen, von denen wir noch nicht die letzte erreicht haben: unterwegs weitet sich der Horizont in ungeahnter Weise, und vielleicht werden ja eines Tages Menschen auf uns so zurückschauen wie wir heute beispielsweise zurückschauen auf die Zeit, als Amerika entdeckt wurde. Und sie sagen dann genauso über uns: wenn die gewusst hätten, was alles noch kommt!

Die Offenbarung sagt aber: das ist kein Prozess, der in alle Ewigkeit so weitergeht. Er hat ein Ziel. Es ist der Weg, auf dem Gott sich seine Welt zurückholt aus der Gefangenschaft unter den zerstörerischen Mächten, die sie im Griff haben. Und dabei entwickelt er gleichzeitig das ganze Potential, das er in die Welt hineingelegt hat.

Der Beitrag des Volkes Gottes

Vor allem aber ist das keine Automatik, die von vornherein sozusagen generalstabsmäßig geplant wäre. Am Anfang der Reihe mit den sieben Posaunen bringt ein Engel die Gebete der Christen vermischt mit Weihrauch vor Gott. Und anschließend wirft er Glut vom Altar auf die Erde. D.h., dieser ganze Prozess wird angetrieben von den Gebeten von Gottes Volk. Gott arbeitet mit uns zusammen, und das gibt dem Ganzen eine Unberechenbarkeit. Wir durchschauen das Ganze nicht, wir können nicht übersehen, was unsere Gebete auslösen, aber im Himmel ist sichtbar, dass wir mit unseren Gebeten eine wichtige Rolle spielen. Auch die beschränkten Gebete, die egoistischen Gebete, die gedankenlosen Gebete, die mechanisch heruntergeleierten Gebete, irgendwie haben sie alle doch ihre Funktion. Irgendwie öffnen sie alle eine Tür, durch die Gottes Plan wieder ein Stückchen weiter voran gehen kann.

Vielleicht kann man es so sagen: Gott hat uns ja zu Repräsentanten der ganzen Welt berufen. Ohne uns läuft hier nichts, im Guten wie im Bösen. Und sogar Gott kann nicht mehr an uns vorbei etwas bewirken. Er braucht Menschen, die ihm die Tür öffnen. Im Entscheidenden hat das Jesus gemacht, aber irgendwie müssen wir das auch noch einmal tun für den kleinen oder großen Teil der Welt, für den wir verantwortlich sind. Und wenn Menschen beten, dann erlauben sie Gott, sich in die Geschäfte der Welt einzumischen.

Unerwartete Folgen

Wir verstehen dabei nicht, was unsere Gebete genau bewirken und wie es alles zusammenhängt. Wir kennen vom ganzen Gewebe der Welt nur einen kleinen Ausschnitt, aber wir vertrauen Gott, dass er weiß, was er tut, und öffnen ihm die Tür.

Und wenn man sich anschaut, was die Reaktion auf die Gebete der Christen ist, dann braucht man tatsächlich den Glauben, dass Gott weiß, was er da tut. Denn die Engel mit den Trompeten lösen eine Katastrophe nach der anderen aus. Die ersten drei kommen von oben, Hagel mit Feuer und Blut vermischt, ein brennender Berg, ein Stern vom Himmel stürzen auf die Erde, und bei der vierten Posaune gibt es eine Finsternis, die ein Drittel des Tages- und Nachtlichts schluckt. Wir denken dabei heute spontan an Kometen, die mit der Erde zusammenprallen. Vielleicht kann man aber auch einfach sagen: das sind Bilder der damaligen Zeit, die gewaltige Erschütterungen beschreiben. Sie erinnern an alle möglichen Stellen des Alten Testaments: z.B. an die Plagen, mit denen Gott den ägyptischen Pharao zwang, sein Volk Israel aus der Sklaverei los zu geben. Der Stern, der ins Meer stürzt, erinnert an den Oberengel, der sich gegen Gott empörte und aus dem Himmel geworfen wurde.

Die Ambivalenz des Fortschritts

Vielleicht ist die Befreiung Israels aus Ägypten der Schlüssel zu diesem ganzen Abschnitt der Offenbarung: so wie Gott damals die sklavenhaltenden Ägypter mit den Plagen unter Druck setzte und bestrafte, so macht er es jetzt weltweit. Wir dürfen nicht vergessen, dass die ganze Welt in den Händen todbringender Mächte ist. All die atemberaubenden Entwicklungen von Wissenschaft und Gesellschaft sind nicht nur Fortschritte, sondern auch enorme Gefahren. Wer die Strukturen der Materie erforscht, kann auch Atombomben bauen. Wer die inneren Strukturen des Menschen kennt, kann an unserer Seele und unserem Erbgut herum pfuschen. Wenn sich durch die Gebete der Christen das Potential entfaltet, das Gott in die Schöpfung hineingelegt hat, dann kommt die Menschheit immer mehr in ihre Berufung hinein, aber sie kann damit auch immer mehr anrichten.

Man könnte jetzt sogar sagen: all die Leute, die den Christen Untaten vorwerfen wie die Kreuzzüge oder die Inquisition, die wissen gar nicht, was wir noch alles angeschoben haben. Zum Glück glauben sie nicht daran, dass Gebete etwas bewirken, sonst würden sie uns auch verantwortlich machen für die Atombombe, die Umweltverschmutzung und die Killerviren, die in geheimen Labors gezüchtet werden. Wenn die ahnten, was Gebete bewirken können, dann würden sie uns wahrscheinlich für alles und jedes verantwortlich machen.

Begrenzte Übersicht

Dabei gibt es einen wichtigen Vorbehalt: niemand durchschaut den genauen Zusammenhang zwischen unseren Gebeten und unseren Taten und dem, was Gott tut. Gott antwortet, aber wir kennen nicht seine ganze Antwort. Manchmal meinen wir, eine Antwort zu empfangen, aber ob das schon alles ist, und ob wir in Wahrheit nicht noch viel mehr angestoßen haben, das entzieht sich unserer Kenntnis.

Und das ist gut so. Es ist nicht unser Job, die Katastrophen herbeizuführen, von denen in der Offenbarung erzählt wird. Es ist nicht unser Job, sie zu verschlimmern, sondern wir sollen helfen, wo es geht. Es ist in der Regel auch nicht unser Job, zu sagen: seht ihr, ich habe es doch vorausgesagt! Wir wären völlig überfordert, wenn wir diese ganzen schrecklichen Ereignisse verantworten und steuern sollten. Und alle Menschen, die sich selbst als die Vollstrecker eines göttlichen Plans sehen, richten schlimme Verheerungen an, weil sie glauben, die normalen Gebote des menschlichen Zusammenlebens würden für sie nicht gelten.

Anscheinend lohnt es sich

Unser Job ist Beten und das Tun des Gerechten. Wenn das auf verborgenen Wegen dazu führt, dass es Konfrontationen und Erschütterungen gibt, weil sich die Mächte der Zerstörung wehren, dann ist es nicht unsere Verantwortung.

Jesus selbst hat tatsächlich vorausgesehen, dass er die Welt in Konflikte stürzen wird. Wir haben es vorhin in der Lesung gehört (Lukas 12,49): »Ich bin gekommen, um auf der Erde ein Feuer anzuzünden.« Er wusste, dass er eine Konfrontation zwischen Liebe und Tod anzetteln würde. Er wusste, dass die Todesmächte ihre Beute nicht freiwillig hergeben würden. Aber er war bereit, das erste Opfer in diesem Konflikt zu werden.

Er hat darauf vertraut, dass Gott weiß, was er tut. Gott ist anscheinend der Meinung, dass es sich sich lohnt, um diese Welt zu kämpfen. Und wir haben das letzte Mal schon gehört, dass er der Gott ist, der eines Tages alle Tränen abwischen wird. Er wird auch die Vergangenheit verändern. Er wird die Zerstörungen wieder gut machen, auch wenn wir nicht wissen, wie das gehen soll.

Es kann aber gut sein, dass wir es bis dahin noch öfter erleben, dass wir denken, wir wären kurz vor dem Ziel, um dann doch nur eine neue Steilwand vor uns zu sehen.

Jan 112015
 

Predigt am 11. Januar 2015 zu Offenbarung 7,1-17 (Predigtreihe Offenbarung 14)

1 Danach sah ich: Vier Engel standen an den vier Ecken der Erde. Sie hielten die vier Winde der Erde fest, damit der Wind weder über das Land noch über das Meer wehte, noch gegen irgendeinen Baum. 2 Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: 3 Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.

4 Und ich hörte die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen: 5 Aus dem Stamm Juda trugen zwölftausend das Siegel, aus dem Stamm Ruben zwölftausend, aus dem Stamm Gad zwölftausend, 6 aus dem Stamm Ascher zwölftausend, aus dem Stamm Naftali zwölftausend, aus dem Stamm Manasse zwölftausend, 7 aus dem Stamm Simeon zwölftausend, aus dem Stamm Levi zwölftausend, aus dem Stamm Issachar zwölftausend, 8 aus dem Stamm Sebulon zwölftausend, aus dem Stamm Josef zwölftausend, aus dem Stamm Benjamin trugen zwölftausend das Siegel.

9 Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. 10 Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm. 11 Und alle Engel standen rings um den Thron, um die Ältesten und die vier Lebewesen. Sie warfen sich vor dem Thron nieder, beteten Gott an 12 und sprachen: Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen.

13 Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? 14 Ich erwiderte ihm: Mein Herr, das musst du wissen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. 15 Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen. 16 Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten.

17 Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.

Das letzte Mal haben wir im November auf die Offenbarung gehört, und damals war das Lamm, also Jesus, gerade dabei, die sieben Siegel an der Schriftrolle zu öffnen, in der Gottes guter Plan zur Rettung seiner Welt aufgeschrieben ist. Nur Jesus kann die wahre Geschichte der Welt lesen, nur er verkraftet das, nur bei ihm ist sie in den richtigen Händen. Und mit jedem Siegel, das da geöffnet wird, spitzen sich die Konflikte in der Welt zu. Wenn Gott seine Welt auf den Weg zu seinem guten Ziel bringt, dann empfinden das alle Mächte des Bösen als Bedrohung ihrer angestammten Rechte. Wer von der Lebensenergie anderer lebt, wer davon profitiert, dass Menschen unsicher und schwach sind und kein Gefühl von ihrer wahren Würde haben, wer irgendwie Vorteile aus der Unfreiheit oder Ohnmacht anderer zieht, wer in seinem Herzen Zuflucht zu Feindschaft oder Verbitterung gesucht hat, für den stellt die Bewegung der Liebe und Freiheit, die Jesus in die Welt gebracht hat, eine unheimliche Bedrohung dar. Und je breiter diese Bewegung wird, um so brutaler wird die Reaktion darauf.

Da spitzt sich etwas zu
Bild: geralt via pixabay, creative commons CC0

Bild: geralt via pixabay, creative commons CC0

Als wir im letzten Jahr über diese Zusammenhänge nachgedacht haben, da konnte noch keiner vorhersehen, dass sich nun auch die Konflikte in unserem Teil der Welt so heftig zuspitzen. Bisher haben wir Demonstrationen, Konflikte und Kriegshandlungen ja eher aus der Ferne beobachtet, auch wenn die schon langsam näher gekommen sind. Mit der Bluttat von Paris und den Demonstrationen gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes sind uns jetzt diese Konflikte schon sehr nahe. Und das Klima in der Gesellschaft wird überhaupt ungemütlicher, es gibt mehr Menschen, die nicht mehr miteinander reden, Menschen, die sich zu kurz gekommen und abgehängt fühlen und dafür irgendeinen Schuldigen suchen.

Neulich erzählte mir jemand, wie sie im Zug Zeuge wurde, wie aus nichtigem Anlass plötzlich ein Fahrgast dem anderen ins Gesicht schlug. Egal, ob es nun gegen angebliche Islamisten geht oder gegen den, der im Gedrängel auf dem Bahnhof im Weg steht: anscheinend glauben Menschen schneller als früher, dass andere sie schlecht behandeln und sie sich wehren müssen. Obwohl wir im Vergleich zu anderen Teilen der Welt immer noch in einem kleinen Paradies leben. Ich habe von Flüchtlingen aus Syrien gehört, die sich zu Silvester richtig die Ohren verstopft haben, weil sie von dem Knallen so sehr an den Krieg erinnert wurden, vor dem sie geflohen sind.

Die Offenbarung ist also mit ihrer Schilderung sich zuspitzender Widersprüche sehr realitätsnah – da soll noch mal jemand sagen, die Bibel wäre ein verstaubtes Buch von vorgestern. Aber sie sagt es nicht im Nachrichtenstil, sondern in Bildern. Z.B. im Bild von den sieben Siegeln, wo es mit jedem Siegel heftiger wird, immer neue Katastrophen, sechs Siegel sind schon geöffnet, was wird heute beim siebten Siegel passieren?

Eine Pause für eine neue Frage

Aber – heute ist erstmal Pause mit den Katastrophen. Der Weltuntergang ist verschoben. Wie in einer Fernsehserie, wo auf dem spannenden Höhepunkt plötzlich ein ganz anderer Handlungsstrang weitergeht. Die schrecklichen Unwetter und Stürme sind zunächst abgesagt, vier Engel stoppen die Orkanfronten, und jetzt geht es erst einmal um die Frage, was eigentlich mit dem Volk Gottes in all diesen Katastrophen passiert. Jesus holt ja seine Leute nicht schnell mit einem Raumschiff ab, bevor es richtig heftig wird. Die sind mitten drin. Und das ist ein Problem.

Es ist ja prinzipiell schön zu wissen, dass die Welt trotz aller Konflikte auf einem guten Kurs ist, aber das nützt uns nichts, wenn wir in solchen Auseinandersetzungen selbst auf der Strecke bleiben. Die kleinen christlichen Gemeinden in Kleinasien, an die Johannes schreibt, die erlebten diese Auseinandersetzungen am eigenen Leibe. Sie wurden vielleicht zu Sündenböcken gemacht, wo es eigentlich um ganz andere Krisen ging. Aber sie wurden auch gezielt angegriffen, weil Menschen spürten, dass mit den Christen etwas Neues in die Welt kam, das ihnen unheimlich war, eine Unabhängigkeit, die sie nicht verstanden, und von der sie sich in Frage gestellt fühlten.

Schützt Gott seine Leute eigentlich mitten in den großen und kleinen Konflikten, die die Welt heimsuchen? Dazu sieht Johannes zwei Bilder:

Das erste Bild

Zuerst werden 144000 Menschen mit dem Siegel Gottes gekennzeichnet. Diese Zahl hat natürlich alle möglichen Leute dazu gebracht, sich mit mehr oder weniger guten Argumenten zu den Erwählten der Endzeit zählen zu wollen. Und die Zeugen Jehovas kommen in Schwierigkeiten, weil es inzwischen mehr als 144000 Zeugen gegeben hat. Wer kriegt nun die reservierten Plätze? Aber das ist wieder ein Beispiel für unseren bierernsten Umgang mit Symbolen. In Wirklichkeit ist die 12 einfach eine besondere Zahl, es gibt 12 Monate, 12 Stämme Israels, 12 Jünger, und 12 mal 12 mal 1000 ist eine besonders besondere Zahl, eine vollkommene Zahl sozusagen. Die Zahl 144000 ist ein Bild für die Gesamtheit des Volkes Gottes. Johannes erinnert ausdrücklich an die Stämme Israels, und das Bild vom Siegel erinnert an ein entscheidendes Ereignis in der Geschichte des Volkes Gottes: Israel wurde in Ägypten durch das Blut der Passalämmer geschützt, als der Todesengel durchs Land ging. Das Blut an den Türen war ein Schutzzeichen. Johannes entwickelt die Symbole aus Israels Geschichte weiter: Gott beschützt die Existenz seines Volkes aus Juden und Heiden, durchaus auch ganz äußerlich.

Und tatsächlich werden Christen ganz äußerlich behütet, nicht in jedem Fall, aber auch nicht selten. Mitten in den Konflikten, die die Welt zerreißen. Es gibt so viele Geschichten von der Bewahrung der Jünger Jesu. Wir haben als Christen keine Garantie, dass uns nie etwas passiert, aber wir können durchaus mal mutig sein und müssen uns nicht zu viel Sorgen um uns selbst machen. Gott achtet auf uns.

Geschenkte Pausen

Man kann sogar sagen: Gott bremst die heftigsten Tumulte ab, damit erst sein Volk vollständig beisammen ist. Er schickt Engel, die die Hurricans zurückhalten, damit es uns nicht zu früh trifft. Wenn also eher ruhige Zeiten kommen, wie wir sie ja aus den letzten 50 Jahren durchaus kennen, dann ist das eine Zeit, um in Form zu kommen. Gott verschafft uns eine Atempause, damit sein Volk rechtzeitig sturmfest wird. Eine Schiffsmannschaft trainiert bei gutem Wetter; in einem Orkan ist es zu spät, da müssen die Griffe sitzen, da muss man sich aufeinander verlassen können. Wenn es also um uns herum gefährlicher wird, dann kann das damit zusammenhängen, dass Gott uns inzwischen mehr zutraut. Und gleichzeitig sind es Anschubser: passt auf, es wird nicht immer so friedlich bleiben, ist euch das klar, und nutzt ihr die Zeit, um euch vorzubereiten?

Das zweite Bild: eine Massenbewegung durch die Zeiten

Das andere Bild ist eine unübersehbar große Menge von Menschen aus allen Kulturen und Völkern, die vor Gottes Thron steht und ihn rühmt. Man muss sich vorstellen, dass die Gemeinden, an die Johannes schreibt, oft vielleicht nur aus einer Handvoll Menschen bestanden. Eine winzige Minderheit. Aber dieses Bild sagt: in Wirklichkeit seid ihr viele. Kurzfristig seid ihr eine Minderheit, aber wenn man auf die lange Zeit schaut, dann seid ihr eine echte Massenbewegung. Viele andere Massenbewegungen sind nach ein paar Jahren wieder in der Versenkung verschwunden, aber die Gemeinde Jesu zieht sich durch alle Zeitalter und Kulturen. So verändert sie hartnäckig die Welt. Und im Himmel, auf der verborgenen Seite der Welt, ist das sichtbar. Da seid ihr nicht ein paar verstreute Grüppchen, die glauben, dass sie nichts bewirken, sondern da tragen sie weiße Gewänder und Palmzweige als Siegeszeichen. Was wir hier erleben, hat immer eine verborgene Rückseite, und aus Gottes Perspektive ist das jetzt schon eine geheime Siegesgeschichte.

Keine Menschen mit leeren Seelen

Und dieser Sieg besteht darin, dass all diese Menschen nicht zu Werkzeugen des Bösen geworden sind. Sie sind durch böse Zeiten gegangen, aber ihr Schutz war die Verbindung mit Jesus, der auch mitten in Gewalt und Hass an der Liebe festhielt. In bösen Zeiten ist der wichtigste Schutz, dass dein Herz sich nicht von Hass und Feindschaft anstecken lässt, weil uns das von innen auffrisst. Ein muslimischer Prediger hat über die Attentäter von Paris gesagt, das wären Menschen mit »leeren Seelen« (Frankfurter Rundschau vom 10.1.2015, S.7). Das ist eine gute Formulierung: wenn ein Mensch erst eine leere Seele hat, die nicht mehr liebt und an nichts mehr hängt, dann ist er zu allem fähig. Dann ist ihm alles egal, auch sein eigener Tod, dann sind ihm die Menschen egal, dann kennt er kein Mitleid mehr. Er lebt von der Lebenskraft anderer und wird zu einem willigen Werkzeug der Zerstörung, bis er schließlich selbst zerstört ist.

Aber diese Menschen, die da vor dem Thron Gottes stehen, die sind davor geschützt. Sie haben »ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen«. Das ist eine merkwürdige Formulierung, gemeint ist: sie haben sich mit der Liebe verbunden, für die Jesus mit dem Leben bezahlt hat. Die hat ihre Herzen lebendig bleiben lassen. Und deshalb leben sie im Schutz und in der Nähe Gottes. Mitten in Konfrontationen sich nicht in Feindschaft hineinziehen lassen, mitten in Katastrophen nicht abstumpfen, das geht nur mit einem warmen, lebendigen, liebevollen Herzen.

Das heilige Risiko der Liebe

Auf den ersten Blick ist das ein Risiko, du wirst dann mitleiden müssen, du trägst nicht nur am eigenen Schmerz, sondern auch am Schicksal anderer. Wer liebt, ist auf den ersten Blick viel verletzlicher als jemand, dem nichts mehr am Leben liegt. Aber in ihm ist auch viel mehr Lebenskraft, viel mehr Widerstandskraft gegen alles Zerstörerische, und das schützt ihn selbst erst recht. Und dann schlägt Gott über seinen Leuten sein Zelt auf, wie es da wörtlich heißt, er umhüllt sie mit seiner Gegenwart, und der Strom seiner Liebe und seines Lebens fließt durch sie hindurch. Lebendige, warme Liebe vom Vater des Lebens!

Die größte Gefahr in Zeiten der Bedrohung ist es, dass man ein Zombie wird, eine leere Hülle für eine leere Seele, in der keine Liebe und kein Leben mehr wohnt, sondern nur noch Wut und das Gefühl, betrogen worden zu sein, und der Hunger nach irgendwelchen Erlebnissen, die das überdecken. Wer so geworden ist, der ist extrem verwundbar und gefährdet.

Der Herr der Zukunft, der Herr der Vergangenheit

Da ist es besser, den Schmerz zu riskieren, der durch Liebe und Mitleid entsteht. Und am Ende wird Gott all diese Tränen abwischen. Ich weiß nicht, wie er das macht, aber für ihn ist auch die Vergangenheit noch nicht abgeschlossen und fertig. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Wenn ihr an Gott denkt, dann stellt euch vor, wie er von seinem Thron steigt und persönlich jede Träne abwischt, die in diesen gefährlichen Zeiten geflossen ist. Er ist der Herr der Zukunft und der Herr über die Vergangenheit. Und er tut alles, um sein Volk heil durch diese Zeiten zu bringen.

Jan 042015
 

Predigt am 4. Januar 2015 mit 1. Johannes 5,11-13

11 Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. 13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

Wenn wir das heute hören, dann klingen die Worte wie fromme Vokabeln, die man eben in der Kirche zu hören bekommt, die für Eingeweihte sicher irgendeinen Sinn ergeben, aber sie stehen in keiner Beziehung zu realen Lebensprozessen. Und erst recht würde niemand darauf kommen, dass die mal in Verlauf eines heftigen Konflikts geschrieben worden sind, um die eine Seite zu unterstützen. Das ist das Problem, dass sich nach fast 2000 Jahren die Begriffe so sehr verändert haben.

Bild: geralt via pixabay, Creative Commons CC0

Bild: geralt via pixabay, Creative Commons CC0

Aber wer die fünf Kapitel des ersten Johannesbrief ganz liest, der merkt noch heute, dass es damals heftige Auseinandersetzungen gegeben haben muss. Da ist von Lügenpropheten die Rede, die fälschlich behaupten, Gottes Geist hätte ihnen etwas eingegeben (4,1). Da ist sogar vom Antichristen die Rede (4,3). Und das sind nicht irgendwelche gottlosen Böslinge da draußen, sondern der Feind sitzt mitten in der Gemeinde Gottes. Schon in biblischer Zeit. Schon damals reichte es nicht einfach die richtigen frommen Worte zu benutzen, denn die gebrauchten beide Seiten. Du musstest deine eigene Urteilsfähigkeit benutzen, du musstest ein Gespür für die Wahrheit haben. Und das versucht Johannes in diesem Brief zu stärken.

Gleiche Worte, gegensätzliche Bedeutung

Das Problem war, dass nicht überall dort, wo »Christus« draufsteht, auch wirklich Jesus drin ist. Es gab damals mindestens zwei Gruppen, die die gleichen Worte benutzten, die beide sagten, dass sie an Gott und an Christus glaubten, und trotzdem standen sie zueinander wie Feuer und Wasser.

Heute würde wahrscheinlich irgendwer kommen und sagen: wir sind doch alle Christen, seid ein bisschen toleranter, es geht uns doch um die gleiche Sache! Und Johannes hätte gesagt: nein, das tut es eben nicht, das ist ja das Problem, dass die sich all die frommen Worte gekapert haben und so tun, als ob sie dazugehören, und in Wirklichkeit verschieben sie die Bedeutung der Worte ins Gegenteil. Wenn Jesus noch im Grab liegen würde, dann würde er dort jetzt pausenlos rotieren. Aber zum Glück ist er auferstanden, er lebt und regiert, und er schickt mich, seinen Lieblingsjünger, damit ich diesen Leuten entgegentrete.

Segeln unter falscher Flagge

Versteht ihr, das ist so ein bisschen wie beim Enkeltrick, mit dem Betrüger immer wieder alte Leute um ihr Geld bringen. Die rufen an und tun so, als wären sie der nette Enkel aus Berlin, und der braucht durch ein dummes Missgeschick kurzfristig 10.000 €, und die liebe Oma würde ihm doch bestimmt schnell mal aushelfen können, und dann ist das Geld weg. Und ich habe immer gedacht: das kann doch nicht sein, das muss man doch merken, dass das nicht der nette Kevin ist, sondern irgendein fremder Gauner. Das muss man doch spüren! Aber anscheinend gibt es das, dass der Opa oder die Oma unsicher sind und kein Gefühl dafür haben, ob das der echte Enkel ist oder nicht.

Und wahrscheinlich muss man auch im Glauben mit so einer Art Enkeltrick rechnen: Menschen kennen Jesus anscheinend oft nicht so gut, dass sie einfach spüren würden, wenn da jemand angeblich in seinem Auftrag redet, aber in Wirklichkeit unter falscher Flagge segelt. Der Lieblingsjünger Johannes kennt natürlich Jesus und spürt sofort, dass da was nicht stimmt, aber viele andere sagen: wieso, die gebrauchen die richtigen Worte, die treten überzeugend auf, die sind fromm und reden im Namen Gottes, das kann doch nicht falsch sein!

Manchmal ist der Bauch wichtiger als der Kopf

Ich kann mich erinnern, vor 10 oder 20 Jahren drückte mir jemand eine Kassette in die Hand und sagte: den Prediger musst du dir unbedingt anhören! Der ist toll und redet so vollmächtig! Ich hab mir den dann angehört und fand es nicht großartig, aber auch nicht richtig schlecht, ein bisschen merkwürdig, aber vor allem gefiel mir der Ton nicht, in dem der Typ redete. Ich hab die Kassette dann irgendwo beiseite gelegt und vergessen, bis ich viele Jahre später zufällig mitbekam, dass sich um diesen Prediger herum eine richtige Sekte gebildet hatte, mit einer ganz ungesunden Struktur, mit schlimmen sexuellen Fehltritten, mit Leuten, die ihre Geltungssucht hemmungslos auslebten.

Das hätte ich aus den Worten der Predigt selber damals nicht vorhergesehen, aber es passte zu dem dummen Eindruck, den ich beim Zuhören hatte. Ich sag das nicht, um mich damit zu brüsten, wie toll ich alles durchblicke, sondern um deutlich zu machen: manchmal sind die Worte gar nicht unbedingt falsch, aber du brauchst immer ein Gespür dafür, was da wirklich los ist.

Und andersherum kann jemand theologisch unbeholfen sein, aber du merkst: er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Und hoffentlich kommt dann irgendwann theologisch auch noch alles an die richtige Stelle! Paulus nennt das die »Unterscheidung der Geister«, und das ist mehr, als die Bibel zu kennen oder die richtigen theologischen Begriffe zu kennen. Es geht darum, zu spüren: ist das jetzt Jesus, passt das zu ihm, oder ist das eine Fälschung?

Um es noch mal mit dem Enkeltrick zu sagen: wenn einer anruft und sagt: »Hallo Oma, hier ist der liebe Kevin, wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen, ich soll dich auch von Mama grüßen, ich hoffe, du bist gesund und es geht dir gut«, dann sind die Worte eigentlich ok, aber wenn man den Enkel wirklich kennt, dann müssten da eigentlich die Alarmglocken klingeln, weil irgendwas nicht stimmt. Und so muss man auch ein Gespür dafür entwickeln, ob da, wo groß und deutlich »Jesus« draufsteht, auch wirklich Jesus drin ist.

Lernen durch Versuch und Irrtum

Aber das ist nicht einfach, so was lernt man erst nach und nach, durch Versuch und Irrtum, und deshalb war es damals so wichtig, dass der Jünger Johannes sich einschaltete, der Jesus kannte wie kein anderer, und sagte: traut eurer Intuition, das sind wirklich Ross­täuscher, lasst euch von denen nicht beeindrucken. Ihr kennt Jesus tatsächlich, die haben keine Ahnung vom echten Jesus. Und deswegen ist das ewige Leben, also das Leben der kommenden Welt, bei euch und nicht bei denen. Und so hat Johannes sein Teil dazu beigetragen, dass die in ihrem Urteil sicherer wurden, und sie müssen seinen Brief so hilfreich gefunden haben, dass er später ein Teil der christlichen Bibel geworden ist.

Und tatsächlich ist das bis heute eine gute Frage: kannst du dir das von Jesus vorstellen? Kannst du dir Jesus vorstellen, wie er Leuten ein schlechtes Gewissen macht? Kannst du dir Jesus vorstellen, wie er vor der Überfremdung unseres Landes warnt? Kannst du dir Jesus vorstellen, wie er … dies und jenes tut. Es hilft auch nicht in jedem Fall, aber es ist als Frage sehr hilfreich. Es ist überhaupt hilfreich, wenn wir nicht nur in theologischen Begriffen denken, sondern gerade auch mit den ganzen Geschichten über Jesus vertraut sind und so ein Gespür für seine ganze Art bekommen.

Gott ist Liebe zu seinen Geschöpfen

Johannes sagt jedenfalls in seinem Brief: an Jesus sehen wir, dass Gott Liebe ist, und wer über so Gott redet, dass man das nicht spürt, der kennt den wirklichen Gott nicht. Gut, Liebe ist heute auch nur ein Begriff, denn man so oder so auslegen kann, aber eine Richtung gibt er schon an. Gerade in Verbindung mit der Lebenspraxis Jesu.

Johannes sagt seinen Leuten: wer vom göttlichen Christus redet und ihn nicht von der menschlichen Praxis Jesu her versteht, der liegt völlig schief, der ist der Antichrist. Wenn Christus nur noch ein leerer Name ist, der nicht mehr gefüllt ist mit der Erinnerung an den menschlichen Jesus, der hier auf der Erde unter uns gelebt hat und am Kreuz gestorben ist, dann reden die von einem anderen Gott. Dann fangen wir an, ein Phantom zu verehren, das noch den Namen Christus trägt, aber in Wirklichkeit ist es ein ganz anderer. So wie einige in der Nazizeit versucht haben, aus Jesus einen blonden, blauäugigen nordischen Helden zu machen.

Der irdische Jesus ist fundamental

Wir müssen immer fragen: ist das Reden von Gott verankert in der Geschichte des menschlichen, irdischen Jesus? Und wird dann mein irdisches, menschliches Leben auch mit hineingezogen in diese Geschichte Jesu unter den Menschen? Das ist für Johannes die entscheidende Frage. Er sagt seinen Leuten: ihr habt das ewige Leben, weil ihr verbunden seid mit der Geschichte Jesu, die damals begonnen hat, als er über die staubigen Landstraßen Israels ging und von seinen Jüngern gesehen und berührt werden konnte. Diese Geschichte geht in eurem Leben weiter, und das ist das ewige Leben. Ihr habt es hier und heute, und ihr müsst das nicht in Frage stellen. Ihr seid geerdet, so wie Jesus nicht in himmlischen Fantasieräumen schwebte, sondern die Mühen, Freuden und Schmerzen dieser Erde auf sich nahm. Jesus hat Gottes Geschöpfe geliebt. Wer Jesus so kennt, dass er der Erde treu bleibt, der ist auf der richtigen Spur.

Genau das ist anscheinend bei den Lügenpropheten nicht passiert. Die waren nicht an der Erde interessiert, sondern an einem Fantasiehimmel und an religiösen Aufwallungen. Der Antichrist ist nicht jemand, der die Kirche mit aller Macht bekämpft, sondern jemand, der das Christentum so umdeutet, dass zwar noch der Name drauf steht, aber in Wirklichkeit ist drinnen etwas ganz anderes.

Es geht nicht ohne Urteilskraft

Johannes hat dagegen keine Patentlösung, keinen Scanner für den Heiligen Geist und keinen Bibel-Detektor, keine Killerargumente, mit denen die Diskussion beendet ist, weil gegen die keiner mehr ankommt. Er kann nur seinen Leute immer wieder die Geschichte Jesu Christi in Erinnerung rufen – seinen »Namen«, wie er das nennt – und sie sicher machen, dass dies die große Gabe Gottes ist: Jesu Leben in unserem, das ewige Leben, das volle und reiche Leben, zu dem jeder Mensch berufen ist und das irgendwie jeder ersehnt, auch wenn er es nicht weiß. Und irgendwie muss man im Lauf der Zeit ein Gespür dafür entwickeln. Der Lieblingsjünger lebt nicht mehr unter uns, Pastoren, Bischöfe und andere Würdenträger haben sich alle schon mal dramatisch geirrt, jeder theologische Satz ist schon mal missbraucht worden. Niemand kann dir dein eigenes Urteil abnehmen. Also fang an, dein Urteilsvermögen zu trainieren. Wie gesagt, Versuch und Irrtum, anders geht es nicht. Trau dich was, aber schau anschließend genau hin, was daraus wird.

Am Ende müssen wir alle darauf vertrauen, dass sich das Echte durchsetzt, dass das Original stärker ist als Fälschung, dass Gott einem Menschen den richtigen Weg zeigen wird, wenn er ehrlich danach fragt. Es gibt keine Garantie, dass wir richtig liegen. Aber das Bild Jesu hat eine eigene Kraft, die sich am Ende doch durchsetzt. Das ermutigt uns, in Erkenntnis unserer Fehlbarkeit trotzdem fröhlich und mutig nach bestem Wissen und Gewissen unseren Weg zu gehen.