Dez 312014
 

Predigt am 31. Dezember 2014 (Silvester) zur Jahreslosung 2015, Römer 15,7

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

Das ist die Jahreslosung für das kommende Jahr 2015. Sie stammt aus dem Römerbrief, ziemlich weit hinten, da, wo Paulus die Konsequenzen aus seinen langen Argumentationsketten zieht. Da merkt man, was er die ganze Zeit mindestens im Hintergrund immer mitgedacht hat.

Vielfalt

Bild: geralt via pixabay, creative commons

Paulus denkt an die Christen in Rom, wo sich die Widersprüche des ganzen Reiches konzentrierten – so wie heute etwa in Berlin Konflikte, Widersprüche und Chancen des ganzen Landes besonders deutlich sichtbar werden. Es war vor allem das Zusammentreffen ganz unterschiedlicher Kulturen dort bei den Christen, das sein Nachdenken beflügelte, speziell das Zusammenleben von Christen mit jüdischen Wurzeln und von Christen, die aus anderen Völkern stammten. Wir können das aber als Beispiel dafür nehmen, in welchem Geist Christen überhaupt mit den Widersprüchen in der Gesellschaft umgehen sollten.

Denn wenn überhaupt irgendwer mit den Unterschieden zwischen Menschen vernünftig umgehen kann, dann sind es die Nachfolger Jesu.

Es war damals ein großes Problem, dass Menschen in großer Zahl entwurzelt wurden, als Soldaten, Sklaven, Händler, Siedler oder Flüchtlinge wurden sie durch die Welt gewirbelt und mussten dann in den großen Städten irgendwie miteinander auskommen. Das produzierte Konflikte, und manchmal endeten die mit Mord und Totschlag.
Die einzige Gruppe, wo Menschen von allen Stufen der sozialen Leiter und aus allen Kulturen miteinander auskamen, waren die christlichen Gemeinden. Aber und auch da war es nicht leicht. Das hat immer wieder auch ganz schön gekracht, es gab Konflikte und Missverständnisse.

Die Grundlage für versöhnte Vielfalt

Aber die Christen hatten eine Grundlage, an die Paulus hier erinnert: Christus, so sagt er, hat euch angenommen. Das bedeutet: Jesus hat sie in seine Gemeinschaft aufgenommen. Jesus hat für Menschen aller Kulturen die Tür in die Gemeinschaft Gottes geöffnet. Gott hat ja über lange Zeit sein Volk zunächst getrennt von den anderen Völkern gehalten, damit ein Raum frei blieb, in dem sich seine Alternative entfalten kann. Über lange Zeit, viele Jahrhuderte, brauchte es diesen Schutzraum. Aber das war nur für eine Übergangszeit so geplant. Jetzt, wo Jesus gekommen ist, Gottes endgültige Antwort für die verfahrene Weltlage, jetzt breitet sich das Evangelium in alle Welt aus. Jetzt lädt Gott alle ein, jetzt kann man dazukommen, egal welche Sprache man spricht.

Aus Gottes Sicht ist die bunte Vielfalt der Menschen und Kulturen kein Problem, sondern ein Reichtum. Gott liebt die Vielfalt, das sieht man an seiner unglaublich vielfältigen Schöpfung. Und das soll man bei den Christen sehen. Da soll man erleben können, wie toll es ist, wenn ein buntes Mosaik von Menschen einträchtig zusammen lebt. Und jeder, der das erlebt, soll Gott loben für seine Kreativität und seine Freude an der Vielfalt, durch die so viele unterschiedliche Kulturen und Personen entstanden sind.

Das Blöde ist, dass alle Unterschiede zwischen Menschen immer auch zur Quelle von Abgrenzung, Angst und Feindschaft werden können. Deswegen denken wir manchmal, es wäre einfacher, wenn jeder in seinem Land bleibt und die Kulturen sich möglichst wenig mischen. Aus Gottes Sicht macht das das Leben aber trister und ärmer; uns entgeht dann der ganze Reichtum, den Gott in die Menschheit hineingelegt hat.

Die positive Dynamik von Unterschieden

Gott arbeitet fast immer so, dass er Gegensätze miteinander in Berührung bringt, und aus dieser Dynamik kommt die Energie für Neues und bisher Unbekanntes. Er schuf Menschen als Männer und Frauen, und auch darüber kann man wahlweise stöhnen oder sich an den Unterschieden freuen. Er unterschied die Juden von den anderen Völkern und machte sie zu seinem Volk, und dieser Gegensatz hat die Weltgeschichte bewegt. Und zu Paulus‘ Zeiten gab es die zivilisierten Griechen und die wilden Barbaren (wozu die Griechen den ganzen Rest der Welt rechneten). All diese Gegensätze sind nicht schlimm, sondern da erkennt man Gottes Handschrift wieder.

Als ich zur Schule ging, hat uns unser Griechischlehrer erklärt, dass die griechische Kultur stark durch die Auseinandersetzung mit den Völkern im östlichen Mittelmeerraum und im Gebiet der heutigen Türkei beeinflusst worden ist. Und er sagte dann immer: eine sozusagen »reine« Kultur ist langweilig, spannend wird es an den Rändern, wo sich verschiedene Völker und Kulturen begegnen.

Schlimm wird es nur, wenn es durch diese Unterschiede zu Feindschaft oder Ausbeutung kommt, und wenn an den Grenzen Misstrauen und Arroganz wachsen. Und das passiert in dieser gottvergessenden Welt leider recht häufig. Aber da wo Menschen durch Jesus Christus in die Gemeinschaft Gottes aufgenommen werden, da entfaltet sich die Dynamik, die Gott ursprünglich mit dieser bunten Vielfalt im Sinn gehabt hat. Da gibt es einen Raum, in dem man lernen kann, andere anzunehmen und von ihnen bereichert zu werden.
Und das können dann alle sehen, und wenn sie nicht gleich dazu kommen, dann können sie wenigstens an diesem Muster sehen, wie ganz unterschiedliche Menschen in Freundschaft miteinander leben können. Es geht nicht um Toleranz, sondern es geht um die Entdeckung von Gottes Reichtum.

Einander annehmen

Paulus sagt, dass man dazu einander »annehmen« soll. Das Wort bedeutet, dass man jemanden in seine Gemeinschaft aufnimmt. Jesus hat uns in seine Gemeinschaft aufgenommen, und so sollen wir es dann auch untereinander mit all denen tun, auf die wir dort stoßen. Man muss beachten, dass das Wort wenig emotional aufgeladen ist, es ist eher sachlich gemeint: Man muss von Menschen nicht begeistert sein, aber ihren Platz in der Gemeinschaft sollen sie wirklich haben.

Ja, es gibt einige Sonderfälle, wo Menschen so gemeinschaftszerstörend handeln, dass keine andere Möglichkeit bleibt, als sich von ihnen zu trennen. Das kannte auch Paulus, und da war er durchaus klar. Aber hier geht es nicht um diesen Spezialfall, sondern um die normale Erfahrung des Anderen, des bisher Fremden. Es geht um Menschen, die für uns manchmal ungewohnt und deshalb schwierig sind. Und dazu sagt Paulus: macht es wie Gott und nehmt sie auch von eurer Seite aus in eure Gemeinschaft auf. Sagt auch von euch aus »Ja« dazu, dass die dazugehören. Haltet fest an dieser gemeinsamen Basis, auf der ihr euch besser kennenlernen und die Fremdheit überwinden könnt.
So schafft ihr die Voraussetzung dafür, dass die Gemeinde ein Gesamtkunstwerk wird, an dem alle etwas über Gottes Kreativität ablesen können. So schafft ihr aber auch die Voraussetzung dafür, dass ihr selbst bereichert werdet, und dass eure Liebe wächst.

Funktionieren geht über Diskutieren

Unsere Gesellschaft braucht das, dass sie an möglichst vielen Stellen ein gelungenes Miteinander von ganz unterschiedlichen Menschen beobachten kann. Die Leute müssen sehen können, dass das geht. Nicht nur in der Theorie, nicht nur als Forderung, sondern ganz praktisch als funktionierendes Beispiel.

Insofern ist das eine gute Jahreslosung für 2015. Die werden ja schon Jahre früher ausgesucht. Da scheint diesmal wirklich der Heilige Geist seine Hand im Spiel gehabt zu haben.

Dez 292014
 

Predigt am 28. Dezember 2014 mit 1. Johannes 1,1-4

1,1 Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. 2 Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. 3 Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. 4 Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist.

thumbs-up-Ausschnitt-198x3001919, kurz nach dem ersten Weltkrieg, besuchte ein amerikanischer Journalist die junge Sowjetunion. Die Revolution lag noch nicht lange zurück, alles war im Umbruch, es herrschte Bürgerkrieg, aber auch eine große Offenheit für soziale Experimente. Und der Journalist, Lincoln Steffens hieß er, schrieb: »Ich habe die Zukunft gesehen!« Und er meinte damit: hier gibt es eine Lösung für die ganzen alten Probleme, die gerade die Welt in einen fürchterlichen Krieg gestürzt haben. Hier wird eine neue Idee für das menschliche Zusammenleben tatsächlich in die Praxis umgesetzt. Und er fügte hinzu: »it works« – es funktioniert, es gibt tatsächlich diese neue Art zu leben, und eines Tages werden wir alle so leben. Und dort in der Sowjetunion konnte Lincoln Steffens schon mal einen Blick auf diese Zukunft werfen.

Nun, heute wissen wir, dass es nicht funktioniert hat. Dieses gesellschaftlichen Experiment war am Ende auch nicht besser als die vorherigen Regierungsformen, es hat Millionen Menschen das Leben gekostet und ist am Ende, 70 Jahre später, unter seinem eigenen Gewicht zusammengebrochen. Keine Utopie verkraftet es, wenn sie den Menschen gegen ihren Willen aufgezwungen wird. Keine Utopie funktioniert, wenn die Menschen nicht dafür bereit sind.

Das Muster hinter unserer Passage

Aber das Denkmuster, das in diesem Fall den amerikanischen Journalisten so tragisch auf einen Irrweg geführt hat, ist genau die Logik hinter diesen ersten Sätzen des ersten Johannesbriefes, auf die wir heute hören: »Wir haben die Zukunft gesehen«, schreibt Johannes, »und es gibt sie tatsächlich. Sie lebt. Man kann sie sehen, ja anfassen, es ist kein abstrakter Gedanke, sondern gelebte Wirklichkeit. Sie funktioniert.«

Johannes bewegt sich damit in einem Weltbild, das im Alten Testament verwurzelt ist und das er mit den allermeisten Juden seiner Zeit teilte. Der Gedanke ist: Die Weltgeschichte hat zwei große Abschnitte, zunächst das gegenwärtige Zeitalter, das von Gewalt und Unrecht geprägt ist, wo das Volk Gottes angegriffen und bedrängt wird. Aber diese Zeitspanne wird einmal zu Ende gehen, und dann bricht das kommende Zeitalter an, wo Gott alles wieder zurecht rücken und vor allem seine Leute endlich von aller Bedrückung befreien wird.

Bedeutungsverschiebungen bei der Übersetzung

Unglücklicherweise gibt es hier ein Problem mit der Übersetzung: das griechische Wort, das für diese Zeitalter verwendet wird, heißt αἰών. Man hat das Wort als »Äon« eingedeutscht, so kennen wir es vielleicht als etwas schwammiges Wort für Epoche oder Zeitalter. Wenn man nun von dem Leben sprach, das man in der Zukunft führen würde, also im kommenden Zeitalter, dann nannte man das das »äonische Leben«. Streng genommen müsste dann auch unser jetziges Leben im gegenwärtigen Äon, im gegenwärtigen Zeitalter so heißen, aber man sprach damals nur mit Bezug auf das kommende Zeitalter vom »äonischen Leben«. Sprache ist nicht immer konsequent.

Gemeint war jedenfalls das, was auch Lincoln Steffens im Sinn hatte, wenn er die junge Sowjetunion als die Lebensart darstellte, die in der neuen Epoche der Menschheitsgeschichte alle teilen würden. Ich weiß nicht, ob dem Journalisten diese Parallele bewusst war. Wenn ja, dann hatte er allerdings nicht bedacht, dass bei den alten Juden das neue Zeitalter, der neue Äon, nicht von Gott zu trennen war. Wie viele andere moderne Menschen benutzte Steffens biblische Denkformen, aus denen er Gott sozusagen herauspräpariert hatte.

Mitverantwortlich ist dafür aber die Übersetzung, die das »äonische Leben«, das Leben im kommenden, von Gott bestimmten Zeitalter, in unseren Bibeln hat. Bei uns wird »äonisches Leben« als »ewiges Leben« übersetzt, und wir verstehen spontan darunter ein endloses Leben im Himmel bei Gott, und das klingt sehr geistlich oder religiös, so als ob es wenig zu tun hätte mit unserer Welt aus Zeit, Raum und Materie. Biblisch gemeint ist aber ein Leben auf dieser Erde, und die Betonung liegt nicht auf der Endlosigkeit, sondern auf der Andersartigkeit dieses Lebens, obwohl in diesem neuen Leben tatsächlich der Tod keine Rolle mehr spielt.

Was ist »Ewiges Leben«?

Hier am Anfang des ersten Johannesbriefes kann man aber auch ohne diesen Ausflug in die griechische Sprachwelt merken, dass die Übersetzung »ewiges Leben« im traditionellen Sinn nicht passt. Denn im zweiten Vers heißt es:

Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde.

Hier ist natürlich von Jesus die Rede, und Johannes sagt: wir haben mit ihm in dieser Welt zusammengelebt, wir konnten mit ihm reden, wir konnten ihn anfassen und mit ihm essen, in ihm hat uns Gott das Leben der kommenden Epoche sehen lassen. Es ist genau das, was Lincoln Steffens sagen wollte, und worin er sich so tragisch irrte: »Ich habe die Zukunft gesehen, es gibt sie wirklich, und sie funktioniert!«. Nicht zuletzt meinte Johannes damit die Auferstehung Jesu: das neue Leben, das ihnen in Jesus offenbart worden war, hatte tatsächlich den Tod besiegt.

Das war das entscheidend Neue, worin sich die Anhänger Jesu von ihren jüdischen Geschwistern unterschieden: sie warteten nicht nur auf das Leben des kommenden Zeitalters, das noch in der Zukunft lag (also das »ewige Leben« nach unseren Übersetzungen), sondern sie hatten dieses neue Leben schon an der Arbeit gesehen, nicht als Idee oder Plan, sondern in der Realität, hier auf unserer Erde. Und sie sagten mit gutem Grund: »it works« – es funktioniert, das gibt es wirklich.

Greifbare Wirklichkeit statt Gedanken

Jede realisierte Wirklichkeit, die man sehen und studieren kann, hat ja eine viel größere Energie und Überzeugungskraft als die beste Idee, die vielleicht nie verwirklicht wird. Gedanken sind gut und schön, ich liebe sie, ich arbeite damit, aber jeder Plan und jeder noch so gute Gedanke wird um Längen geschlagen von dem, was greifbare Wirklichkeit geworden ist. Auch wenn diese Wirklichkeit vielleicht gar nicht so gut ist. Deswegen betont Johannes das so stark:

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben …

Mit einem Wort, Johannes verweist auf die Praxis. Es war die Stärke der jungen Christenheit, dass sie die reale Geschichte Jesu hier in dieser Welt fortgesetzt haben, und auch die Praxis der Nachfolger Jesu konnte man sehen und anfassen. So wie wir vorhin in der Lesung (Lukas 2,25-38) gehört haben, dass Hanna und Simeon das Kind Jesus sehen, segnen und auf den Arm nehmen konnten. Und es ist die Schwäche der heutigen Christenheit, dass das Muster, nach dem wir uns organisieren, es nicht begünstigt, dass Menschen sich in jesusgeprägten Lebensgemeinschaften zusammenschließen, die man sehen und erleben kann.

Das ist nicht unsere persönliche Schuld, sondern das ist eine Entwicklung, die vor vielen Jahrhunderten begonnen hat, z.B. eben durch das religiöse Missverständnis einer Wendung wie »ewiges Leben«. Wir haben das nicht zu verantworten, aber wir sind verantwortlich dafür, den Karren mit aller Energie, die wir haben, wieder auf die richtige Spur zu bringen.

Eine Verbindung über Zeit und Raum

Und dazu brauchen wir dann doch die Worte, die über die Distanz von fast zweitausend Jahren und über Barrieren von Übersetzung und Sinnverschiebung zu uns kommen. Wir hören über diese gewaltige Distanz doch die Stimme eines Menschen, der mit aller Bestimmtheit, die er aufbringen kann, betont: »Wir haben die Zukunft erlebt, und es gibt sie wirklich«. Johannes spricht wie ein Zeuge vor Gericht, den der Richter skeptisch fragt: »Haben Sie das tatsächlich selbst gesehen?« Und er antwortet: »Ja, wirklich, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. So wahr wie ich hier stehe, Sie können mir wirklich glauben!« Wenn die Zukunft so in die Zeit hineingebrochen ist, dann verändert das die Gegenwart für immer.

Denn unter denen, die einen Blick in die Zukunft getan haben, die mit Jesus real unter uns präsent war, unter denen, die davon geprägt sind, gibt es ein Band, das sie fester zusammenhält als alle anderen menschlichen Bindekräfte. Wer die Schönheit und die faszinierende Verheißung an sich heran gelassen hat, die im Leben Jesu liegt, der findet sich in einer Gemeinschaft mit all denen wieder, denen das auch so gegangen ist. Gott hat seine eigene Art zu leben in dieser Welt offenbart, er hat sie sichtbar und fühlbar gemacht. Vor allem aber hat er dafür gesorgt, dass man daran teilnehmen kann. Und wer daran auch nur einmal geschnuppert hat, der vergisst das nicht mehr. Sogar dann, wenn er anschließend davor zurückschreckt und sich nicht traut, das auch in seinem Leben gegen alle Widerstände wahr werden zu lassen.

Eine geöffnete Gemeinschaft

Johannes jedenfalls stellt das Leben der kommenden Welt, das sogenannte »ewige Leben«, hier dar als eine Gemeinschaft zwischen Gott und Jesus, die offen dafür ist, dass andere hineinkommen können. Die Jünger Jesu natürlich, aber auch diejenigen, die von den Jüngern die Geschichte hören und dann Feuer fangen. Johannes ist überzeugt, dass die Kommunikation der Geschichte Jesu dazu führt, dass die neue Lebenspraxis Menschen gewinnt.

Das ist der Unterschied zur Sowjetunion: die neue Lebensart, die man dort entwickelte, wurde Menschen am Ende aufgezwungen. Diesen Weg hat – etwa im Mittelalter – auch die Kirche versucht, und sie ist damit – genauso wie die Sowjetunion – grandios gescheitert. Das neue Zeitalter ist eben noch nicht da, und es lebt bisher erst in den Gemeinschaften derer, die von der Geschichte Jesu angezogen, verwandelt und beflügelt werden.

Jesus und seine Gemeinschaften sind die Worte, durch die Gott zu einer Welt spricht, die sich gegen ihn verschlossen hat. Er will sie nicht zwingen oder zerstören, sondern er will sie einladen und zurückholen. Und dafür ist nichts so überzeugend wie Praxis, die man sehen und anfassen kann, Praxis, an der man teilnehmen kann.

Dez 282014
 

Predigt am 24. Dezember 2014 (Heiliger Abend) zum Weihnachtsspiel der Konfirmandengruppe

In zwei Gottesdiensten am Heiligen Abend zeigte unsere Hauptkonfirmandengruppe ein 25 Minuten langes Stück zum Weihnachtsfrieden von 1914: deutsche und alliierte Soldaten an der Westfront stellten auf eigene Faust das Feuer ein und feierten zwischen den Gräben miteinander Weihnachten. Man wünschte sich frohe Weihnachten, sang Weihnachtslieder, tauschte Geschenke aus, zeigte sich Bilder der Familien, begrub gemeinsam die Gefallenen, feierte manchmal Gottesdienste zusammen oder spielte Fußball. Die überraschten Heeresleitungen zogen es vor, diesen selbstorganisierten Frieden zu ignorieren. Nur wo anschließend zu oft in die Luft geschossen wurde, verlegte man die Einheiten an andere Stellen der Front.

Zum Stück gehörte auch ein Gottesdienst mit Predigt, so konnte die folgende Predigt kurz sein.

Weihnachten-im-NiemandslandGigantische Militärmaschinen prallten im ersten Weltkrieg aufeinander. Millionen von Menschen gehörten dazu, und sie waren mit der modernsten Technik ausgerüstet. Die Soldaten waren nur Rädchen im Getriebe, ihr Leiden und Sterben wurde von den Planern einfach einkalkuliert. Um so bemerkenswerter ist es, dass heute vor genau 100 Jahren, ungefähr um diese Tageszeit, Tausende von Soldaten an der Westfront sich vorsichtig aus ihren Gräben wagten, weil sie auf die gemeinsame Tradition des Weihnachtsfestes vertrauten. Alle kannten die Weihnachtsgeschichte. Auf allen Seiten wussten sie, dass die Engel von Bethlehem verkündet hatten: »Friede auf Erden«. Auf allen Seiten wussten sie eigentlich, mindestens in einem Winkel ihres Herzens, dass es nicht richtig war, gegeneinander Krieg zu führen. Auch wenn ihnen dauernd erzählt wurde, dass Gott natürlich auf ihrer Seite stünde.

Aber mitten in diesem schrecklichen Krieg half ihnen die Erinnerung an die Geburt Jesu dazu, sich dem Griff der Militärmaschinen wenigstens für ein paar Stunden oder Tage zu entwinden. Vielleicht haben sie sogar für einen Augenblick verstanden, dass die eigentlichen Feinde nicht die Soldaten im anderen Schützengraben waren, sondern diese gewaltigen Machtzusammenballungen, die gnadenlos ihren Tod einkalkulierten. Auf jeden Fall erinnerte sie Weihnachten daran: Menschen sind nicht dazu geschaffen, einander zu Feinden zu werden. Es sind die großen und kleinen Mächte, die uns gegeneinander aufbringen. Aber Jesus ist gekommen, um uns aus ihrem Griff zu befreien, er ist gekommen, damit wir ihnen nicht mehr glauben, ihnen nicht mehr auf den Leim gehen. Der wahre König der Welt, Jesus, wird als einfacher Mensch geboren, er hetzt Menschen nicht gegeneinander auf, sondern verbindet sie. Hätten das damals noch viel mehr Menschen verstanden, dann wäre der Krieg zu Weihnachten 1914 zu Ende gewesen, und Millionen Menschen hätten ihr Leben behalten.

Heute leben wir zum Glück nicht mehr in einer so militarisierten Gesellschaft wie vor 100 Jahren. Heute sind es andere Mächte, die sich zu Herren unseres Lebens machen wollen: die Globalisierung macht Menschen auf der ganzen Welt zu Konkurrenten, und die Willkür der Finanzmärkte ruiniert ganze Länder und Völker. Und wir sind immer in Gefahr, uns dann in Feindschaft zu anderen Menschen hineintreiben zu lassen. Wir sind in Gefahr, die Fremden und Anderen als Feind anzusehen, die aus dem anderen Schützengraben sozusagen.

Aber in Wirklichkeit sind es diese Mächte, die heute viel weniger sichtbar sind als vor 100 Jahren, die versuchen, uns für ihre Zwecke einzuspannen. Und Jesus ist gekommen, uns so miteinander zu verbinden, dass wir uns ihrem Griff entwinden können, dass wir ihnen nicht mehr glauben.

Die Soldaten, die am Ende des Stücks nach dem Anschiss durch den General dennoch »Auld lang syne« singen, der Geistliche, der wenigstens sein Kreuz bei seinen Leuten im Graben zurücklässt – es sind alles Zeichen von Menschen, die den Mächten nicht mehr glauben. Ja, der Krieg ist weitergegangen und hat noch Millionen in den Tod gerissen, ja, wir leben bis heute in einer Welt voller Gewalt und Krieg. Aber solange das noch so ist, gründet Jesus Gemeinschaften des Friedens, Gemeinschaften von Menschen, die sich nicht zu Feinden machen lassen, und die den Versprechen und Drohungen der Mächte nicht mehr glauben. Gemeinschaften von freien Menschen, die solidarisch zusammen halten.

Seit der Geburt Jesu ist dieses Neue in der Welt. Das ist der Kern der Weihnachtsfreude. Gott macht die Welt neu. Und einfache Menschen wie du und ich und ihr, wir sind dazu berufen, dabei zu sein. Gott tut etwas unglaublich Gutes mitten unter uns. Aber er will es nicht ohne uns tun. Er will, dass wir Menschen des Friedens werden, er lebt unter freien Menschen, die sich zu niemandes Feind machen lassen.

Dez 252014
 

Predigt am 24. Dezember 2014 (Heiliger Abend) mit Titus 2,11-14

11 Denn ´in Christus` ist Gottes Gnade sichtbar geworden – die Gnade, die allen Menschen Rettung bringt. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von aller Gottlosigkeit und von den Begierden dieser Welt abzuwenden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben, 13 als Menschen, die voll Sehnsucht auf die Erfüllung der Hoffnung warten, die unser höchstes Glück bedeutet: das Erscheinen unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus in seiner ganzen Herrlichkeit. 14 Er hat sein Leben für uns gegeben, um uns von einem Leben der Gesetzlosigkeit zu befreien und sich so ein reines Volk zu schaffen, das nur ihm gehört und alles daran setzt, das Gute zu tun.

AgentDiese Passage beschreibt Weihnachten als den Anfang einer Art Unterwanderung: Gott hat sich getarnt unter die Menschen gemischt, und jetzt versucht er hier so etwas wie ein alternatives Netzwerk aufzubauen, um Menschen für sich zu gewinnen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten den Auftrag bekommen, sagen wir: Nordkorea zu unterwandern, um dort die Menschen aus der Hörigkeit unter dem jeweils herrschenden Mitglied der Diktatoren-Familie zu befreien. Einen Krieg führen geht nicht, die Nordkoreaner sollen ja leben, Freiheit muss von innen heraus kommen. Stellen Sie sich vor, das wäre ihr Auftrag!

Alles ist fremd

Was wäre ihr erstes Problem? Sie können vermutlich nicht besonders gut koreanisch sprechen. Die koreanische Küche ist Ihnen nicht vertraut. Sie kennen die Kultur nicht, Sie sind nicht gewohnt, in einer Diktatur zu leben. Ihr ganzer Lebensstil ist anders.

Gut, das kann man alles lernen. Aber besonders attraktiv klingt das wahrlich nicht. Und die Gefahr, dass Sie auffliegen und in einem Umerziehungslager landen, macht die Sache nicht besser. Und auch ohne Umerziehungslager – wäre ich nicht am Ende, wenn ich das tatsächlich alles gelernt hätte, so an das System angepasst, dass ich es nicht mehr verändern könnte? Wissen Sie, was ich meinem Auftraggeber sagen würde? – Genau: Such dir jemand anders, der das besser kann!

Sehen Sie, genau das Problem hatte Gott auch. Er suchte jemanden, der die Welt unterwandert, der hier richtig reinpasst in unsere Kultur und unser Leben, der unsere Sprache spricht und unsere Gedanken kennt, und der trotzdem eine alternative Art zu leben verbreitet. Und man muss dazu sagen, dass Gott das Leben hier auf der Erde mindestens ebenso schrecklich findet, wie wir das Leben in Nordkorea. Glauben Sie das nicht? Sie brauchen nur mal an die ganzen Witze denken, die es über Außerirdische gibt, die in ihrem Raumschiff auf der Erde vorbeikommen und sich mit Grausen abwenden, wenn sie sehen, wie wir uns und die Erde behandeln. Manchmal sagen sie noch: wir kommen erst wieder, wenn sich die Menschen endgültig gegenseitig ausgerottet haben, lange kann es ja nicht mehr dauern.

Auf unmöglicher Mission

Das ist natürlich nicht 1:1 das, was Gott über uns denkt, aber es gibt uns vielleicht eine Ahnung davon, wie Gott auf die Erde schaut. Irgendwie so, wie wir auf Nordkorea gucken eben. Nur dass wir uns vom Schicksal der armen Nordkoreaner nicht wirklich unsere Laune verderben lassen, Gott aber intensiv am Schicksal der Menschen Anteil nimmt und Wege sucht, ihnen zu helfen. Und weil Gott niemanden findet, der freiwillig für ihn diesen Auftrag übernimmt, vertraut er die Mission seinem Sohn an, mit dem er völlig ein Herz und eine Seele ist.

Und der wird dann unauffällig eingeschleust in die Welt, nämlich als Mensch geboren, um von der Pike auf zu lernen, wie man unter Menschen lebt. Die erste Lektion, gleich zum Empfang, lautet: wer die Macht hat, nimmt keine Rücksicht auf schwangere Frauen und neugeborene Kinder. Die imperiale Volkszählung geht vor.

Immerhin streut Gott schon mal durch seine Engel das Gerücht, dass Befreiung unterwegs ist. So ein paar prekäre Gestalten vom Rand der Gesellschaft, Hirten aus der Gegend von Bethlehem, hören davon, kommen und wollen sich selbst überzeugen. Später kommen noch ein paar Besserverdiener auf der Suche nach Sinn vorbei, die Sterndeuter aus dem Osten, die auf verschlungenen Wegen nach Bethlehem gefunden haben. Das war es auch schon. Trotzdem wäre der himmlische Agent gleich am Anfang ausgeschaltet worden, wenn Gott nicht direkt eingegriffen und die Flucht nach Ägypten veranlasst hätte.

Und als Jesus das überlebt hat, muss er langsam seinen Auftrag ausführen. Er ist in unserem Abschnitt ziemlich konzentriert beschrieben. In Jesus …

… ist Gottes Gnade sichtbar geworden – die Gnade, die allen Menschen Rettung bringt. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von aller Gottlosigkeit und von den Begierden dieser Welt abzuwenden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben.

Ich muss zugeben, dass das beim ersten Hören nicht besonders nach einem Unterwanderungsauftrag klingt. Aber das liegt daran, dass wir gewohnt sind, solche Worte immer in einem religiösen Zusammenhang zu hören und zu verstehen, und die Übersetzungen verstärken das noch. Man kann es auch anders lesen, und das ist keineswegs irgendeine moderne Verkürzung, sondern dabei wird gerade der eigentliche Gehalt sichtbar, und zwar so:

In Christus ist sichtbar geworden, wie gut Gott ist. Da merkt man erst, wie brutal und ärmlich unser Leben ist, wenn wir Gott nicht kennen und uns vom herrschenden System sagen lassen, wie man leben soll: als ob man von Macht oder vom Immer-mehr-Haben-Wollen glücklich wird. Wenn wir an Jesus ablesen, wie gut Gott ist, dann bringt uns das Stück für Stück dazu, dass wir umfassend nachdenken, Gerechtigkeit an die erste Stelle setzen und mit Gott durchs Leben gehen.

Ein neuer Maßstab fürs Zusammenleben

Die erste Aufgabe von Jesus ist also, das Niveau unserer Erwartungen hochzuschrauben: gib dich nicht mit dem zufrieden, was hier als richtiges Leben gilt, sondern lass dir zeigen, wie dein Leben sein ganzes Potential erreicht. Voller Segen und Vertrauen. Nach einem anderen Muster. Und dann spürst du hoffentlich, dass das nur geht, wenn du dich abkoppelst von den Gedanken und Werten, die ringsum gelten. Wenn du dich abwendest von den trügerischen Hoffnungen und Sicherheiten, an die sich alle klammern.

Ich weiß nicht, wie das in Nordkorea aussehen würde. Ich weiß nur, dass es in jeder Gesellschaft ganz schwer vorstellbar ist: sich auszuklinken aus der gesellschaftlichen Mitte und eine Minderheitenposition irgendwo am Rand einzunehmen. Aber das wirklich gute Leben gibt es nur so. Deshalb hat Jesus Zellen aufgebaut, in denen anders gedacht wurde, wo andere Werte galten, wo man die Gnade leben und erleben konnte. Und wenn die anderen Leute davon etwas mitbekamen, dann sahen sie es mit einer Mischung aus Faszination, Empörung und Schaudern.

Das ist gemeint, wenn es heißt, dass Gott sich ein neues Volk schaffen will: eine Gruppe von Menschen, die zeigt, wie man auf einer anderen Basis zusammenleben kann. Im überwachten Nordkorea wäre vielleicht das Wichtigste, dass man in so einer Zelle nicht dauernd unter Beobachtung stehen würde, dass man da lernt, wie sich Vertrauen anfühlt. Aber das weiß ich nicht wirklich. Wir alle können uns wohl nicht wirklich vorstellen, wie man in so einem kontrollierten Land lebt.

Zellen des befreiten Lebens

Aber das ist der Kern von Weihnachten: dass Gott in unsere Welt eine neue Art zu leben hineingesandt hat, ganz unauffällig, aber für einige Menschen unübersehbar. Erst steigert er unsere Erwartungen und Hoffnungen – dazu haben schon Israels Propheten mit ihren Verheißungen beigetragen, von denen wir vorhin in der Lesung einige gehört haben. Und dann hat Jesus gezeigt, dass das wirklich geht, aus der verborgenen Kraft Gottes zu leben. Und er hat Zellen geschaffen, wo das angeschaut, ausprobiert und gelernt wird. Und wenn es gut geht, dann klinkt sich einer aus aus dem gesellschaftlichen Konsens und fühlt sich da irgendwann sogar richtig fremd und sagt sich: wie konnte ich nur so leben, ohne die beständige Begleitung durch Gott und ohne die Menschen, denen ich auf eine Art vertraue, wie ich es mir vorher nie hätte träumen lassen?

Wenn in Weihnachtslieder davon gesungen wird, dass Jesus ein besonders schönes oder niedliches Kind war, dann ist das eine schwache Erinnerung daran, dass von Jesus sein Leben lang die Faszination eines befreiten und liebevollen Lebens ausgegangen ist. Er hat den Charme der Gnade Gottes ausgestrahlt.

Und die Hoffnung ist, dass diese Gnade eines Tages die ganze Welt flutet, und man nicht mehr innerlich aussteigen und an die Ränder gehen muss, um das zu erleben. Eines Tages wird diese Mission Jesu nicht mehr nur im Verborgenen Kraft entfalten, sondern deutlich sichtbare Realität sein, die die ganze Welt erfüllt. Eines Tages wird für alle dieses neue Leben sichtbar, das mit Jesus in die Welt gekommen ist. Dann prägt es alles und ist nicht mehr vorläufig, versteckt und Missverständnissen ausgeliefert.

Aber in Bethlehem ist es in die Welt gekommen, und Jesus baut jetzt schon Gemeinde: Zellen, in denen bereits auf seine Art gelebt wird.

Dez 212014
 

Predigt am 21. Dezember 2014 (4. Advent)
zu Philipper 4,4-7

4 Freut euch, was auch immer geschieht; freut euch darüber, dass ihr mit dem Herrn verbunden seid! Und noch einmal sage ich: Freut euch! 5 Seid freundlich im Umgang mit allen Menschen; der Herr ist nahe! 6 Macht euch um nichts Sorgen! Wendet euch vielmehr in jeder Lage mit Bitten und Flehen und voll Dankbarkeit an Gott und bringt eure Anliegen vor ihn. 7 Dann wird der Frieden Gottes, der alles Verstehen übersteigt, über euren Gedanken wachen und euch in eurem Innersten bewahren – euch, die ihr mit Jesus Christus verbunden seid.

Dreimal werden wir noch wach, dann ist Heiliger Abend. Für einige von uns klingt das wie eine Drohung, vor allem für die, die mit den Vorbereitungen noch nicht so weit sind, wie sie eigentlich sein wollten. Aber hören wir uns das heute mit den Ohren eines Kindes an, das zu Weihnachten auf ein tolles Spielzeug hofft. Oder auch mit den Ohren einer Verkäuferin, die dann endlich das Weihnachtsgeschäft hinter sich hat und Zeit für das hat, was sie selbst gern machen würde. Dieses Gefühl: es dauert nicht mehr lange, bald ist es so weit, und das wird bestimmt toll! – dieses Lebensgefühl, dass wir mindestens als Kinder ganz deutlich gekannt haben, wenn Weihnachten bevorstand, das empfiehlt Paulus als grundlegende Lebenseinstellung für alle Lebensalter und alle Tage des Jahres: »Der Herr ist nahe!«.

Veränderte Welt

Dieser Satz erinnert an die Kernbotschaft Jesu: Das Reich Gottes ist nahe! Und tatsächlich sprach Jesus da in verschleierter Form von seiner eigenen Mission. Die Welt hat sich verändert, weil Jesus in sie hineingekommen ist, hier gelebt hat, gestorben und auferstanden ist. Jetzt ist mitten im Schoß der alten Welt schon die neue angebrochen. Jesus verbirgt sich in den Winkeln und Ritzen der Welt und auf einmal bewegt er Menschen, bei denen man es nicht erwartet hat. Seine neue Welt realisiert sich mitten im Unfrieden und unter Menschen, die eben noch Werkzeuge der Zerstörung waren. Jesus verbirgt sich quasi hinter der nächsten Ecke, und er wartete darauf, dass wir ihn rufen und mit ihm ans Werk gehen. Und deswegen legt Paulus uns nahe, das ganze Jahr mit so einer Art Weihnachtsgefühl unterwegs zu sein: »Der Herr ist nahe!« – die nächste Begegnung mit ihm steht bevor, und das wird viel schöner als Weihnachten. Die sogenannte Weihnachtsfreude, selbst wenn sie sich mal wirklich einstellt, ist nur eine schwache Erinnerung an das, was Paulus immer wieder mit Jesus erlebt hat.

yellow-flower-im-schnee-765_640Dazu ist es wichtig zu wissen: Als Paulus den Philipperbrief schreibt, sitzt er im Gefängnis und weiß nicht, wie seine Zukunft aussehen wird. Von Freilassung wegen erwiesener Unschuld bis zur Hinrichtung ist noch alles möglich. Und natürlich kommen zu dieser Unsicherheit noch die ganzen Belastungen eines Gefängnisaufenthaltes: er kann nicht reisen, er kann niemanden besuchen, sondern nur besucht werden, kurz: er hat wenig Kontrolle über sein Leben und ist vom Entgegenkommen anderer abhängig.
In dieser Situation schreibt er einen Brief an die Gemeinde in Philippi, und was ist das wichtigste Thema seines Briefes? Freude. Aus dem Gefängnis schreibt er über Freude. Und man merkt, dahinter stecken echte Erfahrungen. Das ist keine fromme Folklore, sondern der erlebt das dauernd, dass Jesus die Gefängniswirklichkeit durchbricht und selbst da Konstellationen entstehen, wo Gott die Herrschaft übernimmt. So wie Bonhoeffer im Gefängnis die Aufseher so verändert hat, dass sie ihm zur Flucht verholfen hätten, wenn er sie darum gebeten hätte. Das ist die reale Macht Gottes, und wenn man sie im Großen oder Kleinen erlebt, das bedeutet unvergleichliche Freude. Weil aber der Herr nahe ist, deshalb kann man das dauernd erleben. Das gibt dem ganzen Leben ein neues Vorzeichen.

Bitte macht euch einen Augenblick klar, wie anders das Grundgefühl vieler Menschen ist! Wie oft Menschen eher über Krankheiten oder Probleme oder schlechte Stimmungen reden. Oder von ihren Ängsten. Gerade ist ein Buch herausgekommen mit dem Titel »Gesellschaft der Angst«, wo drin beschrieben wird, dass viele Menschen zutiefst verunsichert sind, weil alles in Bewegung gekommen ist, weil man nicht mehr weiß, welche Selbstverständlichkeiten morgen noch selbstverständlich sind, und weil man nicht mehr darauf vertrauen kann, im Schutz von zuverlässigen Institutionen sein Leben zu führen, so wie man z.B. früher der Ilseder Hütte oder der Rentenversicherung vertraut hat.

Unsicherheit – damals wie heute

Paulus lebte in einer ganz ähnlichen Zeit der frühen Globalisierung: viele Menschen wurden aus dem Halt herausgerissen, den ihnen ihre Dörfer und Stämme gegeben hatten, und dann wurden sie als Soldaten oder Sklaven oder Kaufleute oder Matrosen durch die halbe Welt geweht und wussten nicht wirklich, wo sie hingehörten.

Und als Anhänger Jesu stand Paulus noch zusätzlich am Rand, er konnte nicht mehr auf den Schutz der jüdischen Gemeinschaft bauen, im Gegenteil, weil er umstritten war und Unruhen auslöste, ist er eben öfter im Gefängnis gelandet. Aber das war für ihn kein Grund, mürrisch oder ängstlich oder schlecht gelaunt zu sein. Für ihn galt: »Der Herr ist nahe!«. Deshalb hätte er gesagt: »Ich soll in meinem Lebensgefühl davon abhängig sein, was ein Beamter des römischen Kaisers über mich entscheidet? Das kann nicht sein! Hast du vergessen, dass Jesus Christus mein Herr ist und nicht der Kaiser? Hast du vergessen, dass ich dem Herrn des Himmels und der Erde diene und zu ihm gehöre und von IHM meine Freude und mein Glück kommen, und da sollte ich in meiner Stimmung von den Entscheidungen so eines römischen Beamten abhängig sein, oder von irgendwelchen anderen Wendungen des Lebens?«

Auch wenn Sie es jetzt für ziemlich unwahrscheinlich halten, dass diese Lebenshaltung funktioniert, dann lassen Sie sich mal für einen Augenblick auf das Gedankenexperiment ein, dass diese Gedanken vielleicht doch nicht völlig unsinnig sind. Immerhin gibt es von Paulus die Geschichte, wie er bei anderer Gelegenheit ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen wurde und da mit blutendem, zerschlagenen Rücken in der Nacht Loblieder auf Gott gesungen hat. Anscheinend ging das nicht sofort, er musste erst wieder zurückfinden zu dem Bewusstsein, dass seine Stimmung nicht von den Umständen abhängig war, aber nach ein paar Stunden war er wieder so weit – trotz des zerschlagenen Rückens, der immer noch höllisch gebrannt haben muss. Aber der Zustand seines Herzens war tatsächlich ein gutes Stück unabhängig von seiner äußeren Lage.

Klar, auch Paulus hat es weh getan, wenn er geschlagen wurde oder wenn er Hunger hatte, auch für Paulus war das scheußlich, in einer kalten, feuchten Zelle zu sitzen, auch er sehnte sich nach seinen Freunden und Gefährten. Aber er hat sich davon nicht sein Lebensgefühl bestimmen lassen.

Eine verborgene Quelle der Freude

Es muss im Innern des Paulus einen Raum gegeben haben, in dem er Zugang zu Jesus Christus hatte, auch wenn draußen in seiner Umgebung alles gründlich schief gelaufen ist. Er wusste von einer Freude, die in ihm wohnte, und die von all dem Auf und Ab in der Außenwelt nicht erreicht wird. Er hatte Zugang zur Gegenwart Gottes, zur Kraft des Heiligen Geistes, zur Freude Jesu, und das war eine Quelle in seinem Herzen, die nie versiegt ist, und ich glaube, dass Paulus am Ende, als er tatsächlich getötet wurde, immer noch den Zugang zu dieser Quelle gehabt hat. Als er dann wirklich dabei war, alles zu verlieren, sogar sein Leben, da ist diese Quelle nicht versiegt. Das ist jetzt eine Vermutung, weil wir nichts Sicheres über den Tod des Paulus wissen; aber von anderen Christen, die mit Christus gestorben sind, wissen wir, dass im entscheidenden Moment, als alles andere ihnen nicht mehr helfen konnte, diese Verbindung mit dem auferstandenen Jesus sie bis zuletzt begleitet hat.

Freude ist nicht eine spezielle Kraft in uns, die man definieren und untersuchen könnte, sondern Freude geschieht in einer Beziehung, und wenn es die Beziehung zum auferstandenen Jesus ist, dann ist sie unzerstörbar. Diese Freude zu erleben, das war der tiefste Grund, weshalb einer wie Paulus durch die halbe Welt gereist ist und alles für Jesus gegeben hat: weil er damit gleichzeitig diese Verbindung zu Jesus gestärkt hat, weil er so immer besser gelernt hat, aus der Kraft Jesu zu leben, weil er so ein – wenn man es mal so sagen darf – ein glücklicherer Mensch geworden ist.

Wenn man das beschreiben soll, dann kommt man irgendwo an seine Grenzen. Selbst wenn man Geschichten erzählt, ist das nur ein Hinweis, eine Hinführung. Man kann dann irgendwann nur noch sagen: du musst das selbst erleben, und du wirst es erleben, wenn du es dir wünschst, darum bittest und Jesus nachfolgst. Früher oder später wirst du dann wissen, was ich meine.

Zu dieser Quelle muss man selbst gehen

Aber das ist bei fast allen tiefen Erlebnissen so. Du kannst sie nur begrenzt kommunizieren, und ob sich dann einer auf die Suche macht und es selbst erlebt, das kannst du nicht erzwingen.

Deswegen sagt Paulus hier freut euch! Das ist eigentlich als Befehl Unsinn, aber es ist eine Aufforderung, ein Anreiz, eine Erinnerung an etwas, was sie ja eigentlich kennen, aber es ist vielleicht wieder in den Hintergrund getreten, weil es im normalen Denken der Mehrheit so unwahrscheinlich ist. Dass man bei Gänsebraten, Alkohol und Geschenken ein paar nette Stunden verbringen kann und die alltäglichen Familienkleinkriege außen vor bleiben, das können sich die meisten gerade noch vorstellen. Aber dass es eine Freude gibt, die zur Not auch ohne Anhalt in der äußern Realität funktioniert, und die trotzdem beständig daran arbeitet, diese Realität zu verändern, das ahnen die wenigsten. Das ist sogar unter Christen so etwas wie ein Geheimwissen. Und dann nehmen wir doch wieder Zuflucht beim traditionellen Familienfest.

Die Freude, von der Paulus spricht, gründet sich aber auf erlebte Realität: da ist einer dabei gewesen und hat gesehen, wie Jesus diese Welt überall beeinflusst, verschiebt und erneuert. Er hat dabei mitgemacht. Und in dem allen hat er diese Quelle der Freude gefunden, die auch gegen alle andere Realität immer noch weiterfließt.

Man kommt da nur ran, wenn man sich mit seinem Leben und nicht bloß mit Worten der Suche danach verschreibt. Wem das zu aufwändig ist, der kann ja auch den Weihnachtsmann bestellen. Der ist billiger, aber er bringt nur Geschenke. Das Original ist deutlich besser, aber es ist auch unter Christen ein echter Geheimtipp.

Dez 072014
 

Predigt im Besonderen Gottesdienst am 7. Dezember 2014 mit Lukas 3,1-6

2014-12-07Weihnachten-wo

Der Gottesdienst begann mit verschiedenen Berichten über Weihnachtsfeiern an ungewöhnlichen Orten, z.B. in der Reha, im winterlichen Finnland, in der Psychiatrie.

Predigt über Lukas 3,1-6:

1 Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Gouverneur von Judäa, Herodes regierte als Tetrarch in Galiläa, sein Bruder Philippus in Ituräa und Trachonitis, Lysanias in Abilene; 2 Hohepriester waren Hannas und Kajafas. Da bekam Johannes, der Sohn des Zacharias, in der Wüste von Gott seinen Auftrag. 3 Er durchzog die ganze Jordangegend und rief die Menschen dazu auf, umzukehren und sich taufen zu lassen, um Vergebung der Sünden zu empfangen.
4 So erfüllte sich, was im Buch des Propheten Jesaja steht: »Hört, eine Stimme ruft in der Wüste: ›Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Pfade!‹ 5 Jedes Tal soll aufgefüllt und jeder Berg und jeder Hügel abgetragen werden. Krumme Wege müssen begradigt und holprige eben gemacht werden. 6 Und die ganze Welt soll das Heil sehen, das von Gott kommt.«

Wenn wir Weihnachten nicht zu Hause, sondern an ungewöhnlichen Orten sind, dann scheinen das vor allem Krankenhäuser und Kliniken zu sein. Vielleicht ist das auch mal beruflich bedingt, und es könnte auch sein, dass wir den Heiligen Abend auf einem Bahnhof oder Flughafen verbringen müssen, weil die Verkehrsverbindungen nicht funktionieren. An einen Stau auf der Autobahn wollen wir jetzt lieber nicht denken.

Auf jeden Fall: woanders zu sein, das bringt Selbstverständlichkeiten durcheinander. Auf einmal ist die ganze Kulisse weg, in der Weihnachten sonst gefeiert wird. Aber anscheinend ist Weihnachten für viele Menschen auch unabhängig von der Kulisse wichtig. Was ist das eigentlich, was Menschen mit Weihnachten verbinden? Zu Weihnachten versichert man sich, welche Beziehungen für einen wichtig sind: man feiert mit denen, mit denen man verbunden ist. Erst mit den Kolleginnen und Kollegen, dann im Verein, und am Ende und vor allem mit der Familie. Und in diesen Beziehungen sucht man Verlässlichkeit, man möchte sich vergewissern, dass die auch im nächsten Jahr halten und dass die Welt überhaupt auch im nächsten Jahr weiter geht. Deswegen empfinden es viele so schlimm, wenn sie Weihnachten allein sind, und deswegen versuchen alle, nur keinen Streit unterm Weihnachtsbaum aufkommen zu lassen: wenigstens Weihnachten wäre es schön, wenn man glauben kann, dass alles in Ordnung ist.

Weihnachten in der Wüste

Wenn aber zu Weihnachten alles ganz anders ist als sonst, wenn man z.B. weit weg von zu Hause ist, dann muss man neu überlegen, was einem wichtig ist. Das klassische Bild für eine Umgebung, in der alles ganz anders ist, ist die Wüste. Die Wüste ist so ziemlich genau das Gegenteil von zu Hause. Da fehlt alles, was das Leben leicht macht. Genau deshalb ist die Wüste der Ort, wo Menschen sich schon immer neu orientiert haben. Johannes der Täufer holt die Leute in die Wüste und sagt: stellt euch darauf ein, dass Gott kommt – er steht vor der Tür! Aber Johannes war nicht der erste und nicht der letzte, der das tat. Mose war mit dem Volk Israel 40 Jahre in der Wüste, als sie von einem Sklavenvolk zu einem Volk freier Menschen werden sollten. Elia war in der Wüste, als er an Gott und seinem Auftrag irre geworden war. Jesus holte die Menschen in die Einöde, wo er ungestört mit ihnen etwas Neues ausprobieren konnte.

Und die klassische Bibelstelle heißt: in der Wüste bereitet dem Herrn den Weg! Das heißt, gerade die lebensfeindliche Wüste ist der Ort, wohin der Gott des Lebens kommt. Gerade die Wüste ist der Ort, wo man entdecken kann, dass hinter allen Beziehungen und Sicherheiten Gott verborgen ist, und dass gerade er die Beziehung ist, die stabiler ist als alle Zugehörigkeiten, in denen wir sonst so stecken.

So ist dann ein Krankenhaus (oder die Einsamkeit des Nordens, oder …) gar kein schlechter Platz, um Gott zu erwarten. Je weniger da ist, um so mehr Bedeutung bekommt das Kleine, das dann sichtbar wird. Je weniger du hast, um so stärker spürst du, wonach du dich sehnst. Ein Wüsten-Advent ist also gar nicht so schlecht, um Weihnachten vorzubereiten.

Wenn man ganz viel nicht hat, dann werden kleine Gesten wichtig. Wer in der Küche eines Krankenhauses oder einer ähnlichen Einrichtung arbeitet, der hat sich heute hoffentlich gemerkt, dass man mit dem Essen eine Botschaft verbinden kann, die bei Menschen durchaus ankommt.

Zu Weihnachten werden Dinge besonders mit Bedeutung belegt

Weihnachten ist ja eine Zeit, in der materielle Dinge ganz besonders stark mit Bedeutung belegt werden. Es ist nicht immer klar, welche Bedeutung das ist, aber Plätzchen und Gänsebraten, grüne Zweige und Kerzen transportieren in dieser Zeit mehr Sinn als sonst. Und wenn man zu Weihnachten in irgendeiner Form von Wüste ist, von beinahe allem abgeschnitten, was sonst Weihnachten ausmacht, dann ist man dankbar für alles, was einem angeboten wird. Und man wird sich klarer darüber, dass es ja gar nicht die Gegenstände sind, um die es geht, sondern um die Bedeutung, die sie tragen.

Man kann entdecken, dass auch schon ein wenig ganz viel Bedeutung mit sich bringen kann. Man kann entdecken, dass Gott mitten in der Wüste zu uns spricht. Es ist die Erfahrung der Mystiker, die manchmal auch ganz normale Menschen überfällt, ohne dass sie immer wissen, was es ist. Gott bekräftigt, dass er in unsere Welt kommt und uns nicht allein lässt. Dass er Frieden schenkt, der sich auch mitten in Streit und Unwirtlichkeit entfalten kann. Und so gibt er die Beständigkeit, die all die Festbräuche höchstens meinen. Die Verlässlichkeit. Das Vertrauen, dass die Welt, auch meine Welt, weitergeht und ein gutes Ende findet. Und man kann entdecken, dass es das ist, wonach man sich in all dem Weihnachtsaufwand eigentlich gesehnt hat.