Nov 232014
 

Predigt am 23. November 2014 (Ewigkeitssonntag) mit Johannes 5,24-29

Jesus sprach: 24  Ich versichere euch: Wer auf mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben. Auf ihn kommt keine Verurteilung mehr zu; er hat den Schritt vom Tod ins Leben getan. 25  Ich sage euch: Die Zeit kommt, ja sie ist schon da, wo die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und wer sie hört, wird leben. 26  Denn wie der Vater aus sich selbst heraus Leben hat, so hat er auch dem Sohn die Macht gegeben, aus sich selbst heraus Leben zu haben. 27  Und er hat ihm die Vollmacht gegeben, Gericht zu halten; denn er ist der Menschensohn. 28  Seid deshalb nicht erstaunt, wenn ich euch sage, dass der Tag kommt, an dem die Toten in ihren Gräbern die Stimme des Sohnes hören 29  und herauskommen werden. Die, die getan haben, was gut ist, werden zu neuem Leben auferweckt werden; die aber, die getan haben, was schlecht ist, werden zu ihrer Verurteilung auferweckt werden.

Als Jesus das sagt, da hat er gerade einen Menschen geheilt, der über viele Jahre krank war. Und hier erklärt er, warum er das tun konnte: Jesus hat nämlich in sich ansteckendes Leben, vor dem selbst der Tod nicht sicher ist. Leben, vor dem Dunkel und Krankheit die Flucht ergreifen.

Die Quelle der Lebensenergie

Der Gedanke dahinter ist, dass Gott die Quelle des Lebens ist, der Ursprung aller Lebensenergie, die das Universum bewegt. Diese Lebensenergie nimmt unterschiedliche Formen an, ein gutes Gepräch kann ebenso eine Quelle von Lebensenergie sein wie ein leckeres Essen, wir können diese Kraft blockieren oder weitergeben, wir können sie anderen stehlen oder sie ihnen schenken, aber der Ursprung dieser ganzen Energie ist Gott. Und es bleibt sein Leben. Es bleibt mit ihm in Verbindung. Es ist Gottes Lebensatem, mit dem er uns beseelt und erweckt hat, und deswegen sind wir lebendige Wesen.

Und jetzt sagt Jesus: so wie Gott aus sich heraus dieses Leben schenkt, so bin auch ich unter euch die Lebensquelle. Ich schenke genauso aus mir heraus das starke Leben, das den Tod vertreibt. Dieses Leben ist in der Offensive gegen Zerstörung und Tod in der Welt.

Das Normalgefühl: Der Tod in der Offensive

Das passt nicht zusammen mit dem normalen Lebensgefühl von Menschen. Der normale Eindruck ist, dass der Tod in der Offensive ist: wir müssen uns vor ihm in Acht nehmen, zuerst denken wir lieber selten daran, dann versuchen wir, uns vor ihm zu schützen, aber er erschreckt uns mit seinen Vorboten wie Krankheit und Zurückgehen der Kräfte, er dringt in unser Leben ein, wir können ihn immer schlechter abwehren, und eines Tages werden wir ihm zum Opfer fallen. Die normalen Gedanken über den Tod sind: wir führen Rückzugsgefechte, aber eines Tages wird er uns trotz aller Gegenwehr erreichen.

Gerade, wer über eine längere Zeit miterlebt hat, wie sich der Tod in ein Leben einschleicht und dort immer weiter ausbreitet, bis er am Ende dieses Leben beendet, wer das mit ansehen muss, der erlebt die Macht des Todes hautnah mit und mancher von uns braucht lange, bis er von diesem Erlebnis wieder zurückgefunden hat ins Leben.

Wenn man das nicht gerade miterlebt hat, dann fällt es einem nicht unbedingt auf; es ist eher der Hintergrund in unserem Lebensgefühl, und dieser Hintergrund entfaltet seine Wirkung eher unauffällig, aber dafür um so wirksamer. Der Tod ist der harte Kern dieses »Da kann man nichts machen«-Gefühls, das sich so oft in unseren Gesprächen und Gedanken breit macht. Er ist die härteste Tatsache, der wir uns beugen müssen. Man könnte sagen: er ist der ultimative Sachzwang. Wenn wir ein Gefühl dafür bekommen, wie stark das unser Denken prägt, dann verstehen wir erst, was für eine gewaltige Kraft in Jesus verborgen ist, dass er aus sich selbst heraus Leben geben kann: Leben gegen den Tod, Leben, das den Tod vertreibt.

Der Angriff des Lebens

Und Jesus dehnt das noch aus und sagt: bis hin zu den Toten erschallt dieser Ruf zum Leben, und auch dort im Reich der Toten wird er gehört und beantwortet werden. Und wahrscheinlich denkt Jesus da zunächst an Menschen, die er aus dem Tod zurückholt wie Lazarus oder den Sohn der Witwe von Nain. Aber eigentlich ist das noch viel fundamentaler gemeint: auch das Totenreich ist nicht sicher vor der belebenden Kraft, die von Jesus ausgeht. Denn er ist im Angriff, er geht voran, und er hat auch vor den Pforten der Unterwelt keinen Respekt.

Das ist die große Erschütterung, die durch Jesus in die Welt gekommen ist, dass sogar der Tod nicht mehr das ist, was er mal war. Selbst auf den kann man sich nicht mehr verlassen. Selbst der kommt in die Defensive.

Gehen wir da mit?

Und die Frage an uns ist, ob wir den Gedanken zulassen, dass eine neue Kraft in der Welt ist, dass sich die Machtverhältnisse geändert haben und die alten Selbstverständlichkeiten nicht mehr stimmen.

Ich sprach einmal mit jemandem über bedrückende Umstände in seiner Familie und seiner Ehe. Und ich habe ihm ungefähr gesagt: das ist nicht Gottes Wille, dass Sie sich so durchs Leben quälen. Das hat Gott nie gewollt, dass seine Menschen entmutigt und hoffnungslos durch trübe Tage schleichen und keinen Ausweg sehen. Ich habe gesagt: es gibt für alles Hoffnung, wenn Jesus da heran kann. Nehmen Sie das nicht hin, fügen Sie sich nicht in eine Lage, die Gott nie gewollt hat! Suchen Sie mit seiner Hilfe eine Lösung! Vielleicht ist es ein langer und mühsamer Weg, aber er ist nicht mühsamer, als einfach nur weiterzumachen wie immer.

Und für einen Augenblick habe ich gesehen, wie in den Augen Hoffnung aufleuchtete, und ich wusste: wenn diese Hoffnung wieder anfängt zu brennen und zu leuchten, dann kann da wirklich etwas ganz Neues entstehen, und die Bedrückung muss nicht weiter über ihm liegen. Wenn diese Hoffnung sich im Herzen ausbreitet, dann werden die Karten für dieses Leben noch einmal neu gemischt.

Aber im nächsten Augenblick sah ich, wie das Feuer in den Augen wieder erlosch, und ich konnte es nicht mehr anzünden, meine Worte gingen ins Leere. Für einen Augenblick war die Hoffnung zum Leben erwacht, aber dann gewann die alte Resignation wieder die Oberhand, und er ging zurück in die Traurigkeit, die er kannte. Ich kam mir vor wie ein Notarzt, der das Herz eines Unfallopfers für einige Schläge zum Leben erweckt hat, aber dann setzt es wieder aus und reagiert auf nichts mehr.

Glauben bedeutet verwandelt werden

Zum Glück habe ich es auch erlebt, dass dieses Feuer der Hoffnung lebendig geblieben ist und wirklich dafür gesorgt hat, dass Menschen herausgekommen sind aus der resignativen Ergebenheit in die Macht des Unglücks und des Todes. Und das meint Jesus, wenn er von Glauben spricht: dass wir uns nicht von dem Gefühl der Ausweglosigkeit überwältigen lassen, sondern dass wir mitten in den bedrückenden wie den freundlichen Verhältnissen seine Stimme hören und auf sie achten und diese Spur verfolgen. Wo einer daran festhält, auf die Stimme Jesu zu hören, da kommt Wandlung. Und wir müssen verwandelt werden, damit wir nicht immer wieder in dieselbe Falle tappen, damit wir nicht immer wieder neu eingeholt werden von dem Grundgefühl der Ohnmacht, dessen harter Kern der scheinbar unbesiegbare Tod ist.

Hilfe sieht ja in den seltensten Fällen so aus, dass einer wie mit dem Zauberstab alles wegmacht, was uns bedrückt: auf einmal ist der Ehepartner freundlich und zugänglich, die Schulden waren ein Irrtum, die Krankheit verschwindet, der Chef wird durch einen besseren ersetzt und die Kinder melden sich regelmäßig.

Auch so etwas passiert gelegentlich. Aber wenn es nicht einhergeht mit einer tieferen Wandlung, dann gibt es bald wieder andere Probleme. Ohne eine tiefe Wandlung wirst du immer wieder mit Menschen Probleme bekommen und sie mit dir. Ohne eine tiefe Wandlung wirst du das Gefühl nicht abschütteln, dass du von den Entscheidungen anderer abhängig bist. Ohne Wandlung bleibt das Gefühl, dass man dem Schicksal nicht entkommt und dass man nicht mehr viel zu erwarten hat. Und diese Wandlung kommt nur mit uns, wenn wir dazu Ja sagen. Wandlung ist nichts, was Gott für uns macht, sondern es ist ein Weg, den Gott mit uns zusammen geht; und sie geschieht nur, wenn wir uns mit ihm auf den Weg machen.

Denn die wirklichen Entscheidungen fallen hier drinnen im Herzen und nicht da draußen, und ohne Wandlung gibt es auch dort draußen immer nur für kurze Zeit Erleichterungen. Klar, zum Glück gibt es auch glückliche Wendungen, die uns tief durchatmen lassen, und wir sagen: diese Bedrückung ist endlich vorbei, sie überschattet mein Leben nicht mehr.

Aber wirklich vorbei sind Bedrückungen erst, wenn wir auch innerlich ihren Bann gebrochen haben und aus ihrem Schatten getreten sind. Nennen Sie das Wandlung, Erneuerung, Hoffnung, Wiedergeburt, oder welches Wort Ihnen am liebsten ist. Es geht immer darum, dass wir innerlich frei werden und uns nicht mehr beeindrucken lassen von dem, was unserem Leben den Glanz und die Freude rauben will. Weil jetzt nämlich Jesus mitredet und mit seinen Worten Leben bringt. Es geht darum, dass wir nach vorne schauen und Neues und Besseres erwarten, und vor allem, dass das unsere Sache wird und wir uns aus eigener Motivation auf den Weg machen. Es geht darum, dass wir die Stimme Jesu hören und nicht nur für einen Augenblick diesem ungewohnten Ton lauschen, sondern mit Ausdauer dabei bleiben; dass wir uns dauerhaft mit der Hoffnung verbinden; dass wir nicht Menschen der Klage werden, sondern dass wir das Licht des Lebens sehen, und es auch sehen wollen und alles dafür tun.

Den Schatten des Todes aus dem Leben vertreiben

Das wird uns wahrscheinlich nicht den biologischen Tod ersparen, aber der wird mit seinen Vorboten nicht mehr wie ein Schatten über unserem Leben liegen. Wenn wir die Stimme Jesu kennen, dann werden wir dem Tod mit einer gewissen Leichtigkeit entgegensehen, weil er eigentlich nur eine vorübergehende Unterbrechung bedeutet. Wenn ein Leben durch Jesus verwandelt worden ist, dann gehört es schon zur kommenden Welt. Es hat diesen Hintergrund der Resignation verloren. Es wird vom Tod nicht mehr wirklich erreicht, sondern es ist jetzt schon ewiges Leben, starkes, freudiges, hoffnungsvolles Leben, und es wird vom Tod noch unterbrochen, aber nicht mehr ausgelöscht.

Und hier in dem, was Jesus sagt, da sieht es ja so aus, als ob noch nicht mal des Totenreich sicher ist vor der Sprengkraft dieses neuen Lebens. Selbst bis dorthin dringt der Ruf des offensiven Lebens vor, das Jesus aus sich heraus schenkt.

Und deshalb sollen jetzt schon unsere Augen leuchten und das Feuer in unserem Herzen hell brennen. So kommt die Ewigkeit in die Gegenwart. Und dann wird sie für immer bleiben, sie wird uns nie verlassen. Was jetzt schon zur neuen Welt gehört, das zählt nicht mehr zu den Dingen, die nach und nach in Verfall übergehen.

FensterroseUnsere sichtbaren Körper werden verfallen, mit jedem Jahr mehr, aber wenn das Leben Jesu darin wächst, dann wird man manchmal sogar sehen können, dass da etwas lebt, was jung und voller Hoffnung ist und dessen große Zeit noch kommen wird.

Sagen Sie nicht, das könnte Ihnen nie passieren. Lassen Sie das Leuchten nicht dunkel werden. Wenn wir die Stimme Jesu hören, werden wir leben. Das wirkliche, große Leben. Bitte machen Sie diese Hoffnung nicht tot, sondern erlauben Sie es ihr, in Ihrem Herzen Wurzeln zu schlagen und Sie zu verwandeln!

Nov 142014
 

Predigt am 16. November 2014 (Besonderer Gottesdienst) mit Lukas 6,35

Gottesdienst am 16.11.2014

Der Gottesdienst war angestoßen durch die stärkere Präsent militärischen Denkens im Gefolge der verschiedenen Kriegsschauplätze vor den Toren Europas (Syrien, Ukraine). Ein Rückblick auf mehr als 35 Jahre der jüngsten afghanischer Geschichte zeigte, wie dort militärische Lösungen viele Probleme erst hervorgerufen haben, nicht zuletzt das Entstehen des militanten Islamismus.

In der Predigt stand Jesu Gebot der Feindesliebe und seine Wurzel im Gottesbild Jesu im Mittelpunkt.

Jesus sprach: Gerade eure Feinde sollt ihr lieben! Tut Gutes und leiht, ohne etwas zurückzuerwarten. Dann wartet eine große Belohnung auf euch, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

Man kann Jesus alles mögliche vorwerfen, aber er war nicht naiv. Er hat nicht behauptet, die Menschen wären gar nicht so schlimm, man müsste nur ein bisschen nett zu ihnen sein, dann würde sich alles schon wieder einrenken. Jesus redet ausdrücklich davon, dass es undankbare und böse Menschen gibt. Aber er sagt etwas darüber, wie man gerade mit denen umgehen soll.

Die Basis der Feindesliebe

Zweitens ist Jesus auch nicht so naiv, zu glauben, man könnte für das Problem der undankbaren und bösen Menschen eine Lösung finden, bei der man Gott außen vor lässt. »Nehmt euch an Gott ein Beispiel und tut den Bösen und undankbaren Gutes« sagt er. An anderer Stelle spricht Jesus davon, dass Gott es auf die Felder der Bösen ebenso regnen lässt wie auf die Felder der Guten. Man kann die christliche Feindesliebe nur verstehen, wenn man weiß, dass sie verankert ist in diesem Bild des großzügigen Gottes, der seine Welt mit Segen erfüllt und dabei nicht spart. Und dieser großzügige Gott sorgt für alle, die nach seinem Vorbild handeln. Zuallererst hat er Jesus von den Toten auferweckt und hat mit dieser überwältigenden Gabe des Lebens den Tod besiegt. Mit diesem Gott im Rücken kann man dann seine Feinde lieben.

Das ist ja die moderne Naivität, dass Menschen glauben, man könnte einfach Werte und Tugenden propagieren, und die würden dann schon dafür sorgen, dass die Menschen sich gut verhalten. Aber das ist naiv, weil es ganz entscheidend darauf ankommt, wie die Welt aussieht, in der man diese guten Ziele verfolgt. Das ist ein bisschen so, wie wenn du gelernt hast: im Falle eines Brandes löscht man mit Wasser, und das ist ja auch meistens richtig, aber wenn du eine brennende Fritteuse mit Wasser zu löschen versuchst, dann kannst du was erleben.

Moderne Naivität

Du kannst noch so richtige, gute Werte haben, aber wenn du dich in der Welt nicht auskennst, kannst du auch mit den besten Werten riesigen Schaden anrichten. Wenn du die Menschen nicht verstehst, oder wenn du Gott ignorierst, dann gehst du möglicherweise durch die Welt wie der berühmte Elefant durch den Porzellanladen.

Naiv war Charlie Wilson, als er aus möglicherweise echtem Engagement für die afghanischen Flüchtlinge eine kriegerische Lösung suchte und glaubte, wenn die Russen aus dem Land vertrieben wären, wäre das Problem gelöst. Und während er Luftabwehrraketen für die Mudjaheddin organisierte, begannen sich in den Flüchtlingslagern die ersten Zellen der Taliban zu bilden, der wichtigste Ursprung der heutigen islamistischen Gewalt.

Natürlich konnte damals keiner wissen, was wir heute wissen. Hinterher ist die Chance immer größer, dass man klug wird. Aber auch damals hätte man ja die Warnungen Jesu vor der Gewalt kennen und beherzigen können, zumal Charlie Wilsons Geliebte, die ihn immer wieder angetrieben hat, eine wiedergeborene Christin war.

Wie wäre die Weltgeschichte wohl verlaufen, wenn das Geld, das für den Kampf gegen die Russen floss, stattdessen als Hilfe für die afghanischen Flüchtlinge in den Lagern verwandt worden wäre? Wenn man ihnen eine echte Zukunftsperspektive gegeben hätte, wenn man Krankenhäuser, Schulen und Werkstätten für sie gebaut hätte, statt sie den Taliban zu überlassen? Und, um es zuzuspitzen, wenn der Westen sogar noch der Sowjetunion geholfen hätte, heil und ohne Gesichtsverlust wieder aus dem Afghanistan-Schlamassel heraus zu kommen? Vielleicht wäre dann die Sowjetunion nicht zusammengebrochen? Vielleicht hätten wir dann aber auch heute keinen Putin, der um sich schlägt wie ein Tier, das in die Enge getrieben ist? Vielleicht hätten dann die freiheitlichen Kräfte in der russischen Gesellschaft mehr Rückhalt? Vielleicht wäre dann die russische Gesellschaft weniger gewalttätig? Das sind natürlich alles diese Wenn-Fragen, auf die man nie echte Antworten bekommt.

Der »Mythos der erlösenden Gewalt«

Was wir aber wissen können und was Fakt ist: die militärischen Lösungen des Charlie Wilson haben uns die heutigen Probleme beschert, gerade weil sie erst so erfolgreich waren. Wer militärisch denkt, der übersieht die Menschen, und er versteht nicht, dass langfristig der Kampf um die Herzen der Menschen geführt wird. Verzweifelte Menschen, die meinen, sie hätten nichts mehr zu verlieren und dann zur Gewalt greifen, sind kaum zu besiegen. Gewalt bringt Menschen hervor, die für jedes Problem nur eine Lösung kennen: neue Gewalt.

Ein kluger amerikanischer Theologe (Walter Wink) hat darüber gesagt: es gibt einen »Mythos der erlösenden Gewalt«. Er meint damit: Menschen sind gefangen in einem Irrglauben, dass man Probleme durch Einsatz von Gewalt lösen könne. Obwohl es jede Menge Beispiele dafür gibt, dass genau das Gegenteil der Fall ist (siehe Afghanistan), glauben Menschen hartnäckig an diesen Mythos der erlösenden Gewalt. Und dieser Mythos ist so hartnäckig, dass auch sein permanentes Scheitern ihm nichts anhaben kann. Die Welt ist voller Länder, die nach einer Militärintervention schlimmer dran sind als vorher.

Ja, es ist dringend nötig, dass wir Verantwortung in der Welt übernehmen. Aber Verantwortung für Gerechtigkeit und für Barmherzigkeit. Verantwortung für die Millionen Flüchtlinge. Verantwortung für die Entwicklung von Impfstoffen für Krankheiten wie Ebola, aber bitte nicht erst dann, wenn diese Seuchen auch für uns gefährlich werden könnten. Verantwortung für Kleinbauern, denen ihr Land geraubt wird. Verantwortung für Tiere in Mastställen, denen es in anderen Ländern ja noch schlimmer geht als bei uns. Es gibt so viel zu tun: Verantwortung für den Frieden übernehmen. Großzügig sein wie Gott.

Kampf um die Gedanken

Der Kampf geht, um es zu wiederholen, um die Herzen der Menschen. Menschliche Herzen sind aber nur bis zu einem gewissen Grad durch Kühlschränke, Autos und Internet zu überzeugen, kurz durch Lebensstandard. Menschliche Herzen suchen Barmherzigkeit und Freundlichkeit, weil sie von einem barmherzigen Gott geschaffen sind. Wenn Menschen auf andere Menschen stoßen, in denen sie der Großzügigkeit und Freundlichkeit Gottes begegnen, dann ist das ein enormer Angriff auf verschlossene und feindselige Herzen. Wer diese Zusammenhänge nicht kennt und trotzdem Politik macht, der geht wie ein Elefant durch den Porzellanladen der menschlichen Geschichte. Der richtet mit besten Absichten enorme Schäden an.

Nun muss man sich eins klar machen: die Rolle von Christen und von Staaten ist nicht die selbe. Es gibt keinen christlichen Staat. Und deswegen kann es für Staaten manchmal dran sein, Soldaten zu schicken, um einen Völkermord zu stoppen. Nur tun genau das die Staaten meistens gerade nicht. Dem syrischen Bürgerkrieg hat die Welt genauso tatenlos zugesehen wie dem afghanischen, und der Völkermord in Ruanda hat auch keinen interessiert. Erst wenn die Ölversorgung gefährdet ist oder das Machtgleichgewicht mit der Sowjetunion berührt war, dann passiert etwas. Und dann sterben auch deutsche Soldaten, und es ist bitter, wenn Angehörige sich sagen müssen, dass der Tod ihrer Kinder kein Tod im Interesse des Friedens war.

Aber das Schwierige ist: im Prinzip gibt es diese Fälle, wo alle so lange tatenlos zugesehen haben, bis das Konfliktpotential kaum noch friedlich auszuräumen ist. Es kann sein, dass dann Menschen mit militärischen Mitteln vor Gewalt geschützt werden müssten, und manchmal geschieht das sogar. Dafür sind Staaten da, besser noch die Vereinten Nationen. Aber wenn so etwas tatsächlich nötig wird, haben sie meist schon lange vorher versagt.

Ein abschüssiger Weg

Aufgabe der Christen ist in jedem Fall, sich dem Sog des Krieges entgegen zu stellen. Wenn man erst einmal einen Schritt auf die Straße des Krieges gemacht hat, dann geht man schnell den nächsten. Die Straße ist ziemlich abschüssig, und auf einmal sehen dann Staaten und ihre Oberhäupter keine anderen Wege mehr als kriegerische Lösungen.

Aufgabe der Christen ist es, den Frieden zu verkörpern, der durch die Großzügigkeit Gottes in die Welt kommt. Deswegen hat Jesus seine Jünger als eine sichtbare Gruppe ausgesandt, nicht als Einzelne, die gelegentlich zu Veranstaltungen zusammenkommen, sondern als Gruppe, die eine gemeinsame Lebenspraxis entfaltet und in dieser Lebenspraxis Gottes Freundlichkeit repräsentiert. Und wenn es gut geht, dann strahlt diese Lebenspraxis auch in die Gesellschaft aus und macht die Gesellschaft klüger und friedlicher, und am Ende auch den Staat.

Die Autorität der Wahrheit

Mit einer starken Gruppe von Christen in ihrer Mitte ist es für Staaten leichter, sich dem Sog des Krieges zu entziehen. Und stark meint dabei gar nicht, dass es große Zahlen sein müssen. Stark meint, dass es klare Menschen sind, die wissen, was sie wollen, und miteinander auch komplizierte Probleme zu Ende denken. Stark meint: die Autorität der Wahrheit auf seiner Seite zu haben. Die Welt besser verstehen, weil man Gott und seine Menschen kennt.

Es nützt nichts, zu behaupten, dass man die Wahrheit kennt. Dann wird man nur zum Dogmatiker. Aber wenn man sie tatsächlich hat, dann wird die Autorität der Wahrheit sich ganz von selbst einstellen.

Nov 102014
 

Predigt am 2. November 2014 zu Offenbarung 6,9-17 (Predigtreihe Offenbarung 13)

9 Nun öffnete das Lamm das fünfte Siegel. Da sah ich am Fuß des Altars die Seelen derer, die umgebracht worden waren, weil sie an Gottes Wort festgehalten und sich zur Botschaft von Jesus bekannt hatten. 10 Mit lauter Stimme riefen sie: »Du heiliger und gerechter Herrscher! Wie lange dauert es noch, bis du über die Bewohner der Erde Gericht hältst und sie dafür zur Rechenschaft ziehst, dass unser Blut an ihren Händen klebt?« 11 Daraufhin erhielt jeder von ihnen ein weißes Gewand, und es wurde ihnen gesagt, sie sollten noch eine kurze Zeit Geduld haben. Ihre Zahl sei noch nicht vollständig; denn auch unter ihren Geschwistern, die wie sie Gott dienten, gebe es noch solche, denen es bestimmt sei, dasselbe Schicksal zu erleiden und für ihren Glauben zu sterben.
12 Nun sah ich, wie das Lamm das sechste Siegel öffnete. Ein heftiges Beben erschütterte die Erde, die Sonne wurde schwarz wie ein Trauerkleid, der Mond verfärbte sich vollständig und wurde rot wie Blut, 13 und die Sterne fielen auf die Erde wie Feigen, die der Herbststurm vom Baum schüttelt. 14 Der Himmel verschwand, als wäre er eine Pergamentrolle, die man zusammenrollt, und kein Berg und keine Insel blieben an ihrem Platz.
15 Die Könige der Erde, die hohen Beamten und die Generäle, die Reichen und die Mächtigen, aber auch alle anderen Menschen – Sklaven genauso wie Freie – flüchteten ins Gebirge und versteckten sich dort in Höhlen und Fels­spalten. 16 Sie flehten die Berge und Felsen an: »Fallt doch auf uns, und verbergt uns vor den Blicken dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! 17 Denn jetzt ist er da, der furchtbare Tag, an dem ihr Zorn über uns hereinbricht. Wer kann da noch beste­hen?«

Für solche Bilder ist die Offenbarung berühmt oder auch berüchtigt. Da geht alles drunter und drüber, und man versteht nicht, warum. Als Film oder als Computerspiel würde das ja noch durchgehen, aber nicht als Teil der Bibel. Da regen sich die einen auf und manche gruselt es nur noch.

Aber wenn man sich das im Einzelnen anschaut, dann fragt man sich: wie kann das funktionieren – erst bleibt kein Berg an seinem Platz, aber dann verstecken sich die Menschen doch wieder in den Höhlen der Berge. Und wenn vorher beschrieben wird, dass die Sterne vom Himmel fallen und der Himmel selbst verschwindet, dann müsste es eigentlich um das Ende des Universums aus Raum, Zeit und Materie gehen, und dann fragt man sich, wieso danach überhaupt noch Menschen übrig sind, die sich verstecken können. Mal ganz abgesehen von der Frage, ob Menschen selbst in der größten Not wohl auf die Idee kommen würden, mit einem Berg zu sprechen und ihm zu sagen: fall über mich und schütze mich!

Biblische Bilder verstehen

In diese Verlegenheiten kommen wir mit unserer humorlosen modernen Art, mit diesen Bildern umzugehen. Wir sind so naturwissenschaftlich geprägt, dass wir selbst solche Texte selbstverständlich als Tatsachenberichte lesen und nicht als Bilder. Ich kann mich erinnern, als Kind habe ich sogar das Märchen von Schneewittchen daraufhin durchdacht, ob das wohl wirklich so passiert ist, und wäre ich zu der Gewissheit gekommen, dass das keinerlei historischen Kern hat, dann wäre die Geschichte für mich erledigt gewesen. Zum Glück war ich mir damals in dieser Frage nicht ganz sicher, so dass die Brüder Grimm noch eine Chance bekamen.

Ein Mensch im Altertum hätte das nicht so gemacht, sondern er hätte natürlich verstanden, dass Märchen Märchen sind und Bilder wie in der Offenbarung eben Bilder. Es gibt in der Bibel viele Passagen, die historisch gemeint sind, und es gibt andere, die mit Bildern arbeiten, die nicht historisch gemeint sind, aber trotzdem Wahrheit sind, und die Menschen konnten das auseinander halten. Nur wir neuzeitlichen Menschen sind so faktenfixiert, dass wir denken, Schneewittchen macht nur Sinn, wenn wir es als historische Quelle über das späte Mittelalter lesen.

Welterschütternd im bildlichen Sinn

Reed10TageDie Bilder der Offenbarung reden tatsächlich von welterschütternden Ereignissen, aber in dem Sinn, wie es ein bekanntes Buch über die russische Oktoberrevolution gibt, das den Titel trägt: »10 Tage, die die Welt erschütterten«. Es geht um solche welterschütternden Dinge wie die Zerstörung des World Trade Centers in New York am 11. September 2001, oder den Fall der Berliner Mauer, oder die Schüsse von Sarajewo, die zum ersten Weltkrieg führten, oder eben die russische Oktoberrevolution.

Würden wir immer an Erdbeben denken, wenn wir von »welterschütternden Ereignissen« hören, dann würden wir es ungefähr so machen wie der Peter Schmidt aus Gadenstedt (Sie wissen doch, der die Bücher darüber geschrieben hat, wie er als Autist die Welt erlebt), dem jemand mal gesagt hat, er müsse sich in der Schule »durchbeißen«. Und dann hat er tatsächlich immer seine Mitschüler gebissen, wenn es Probleme gab, weil er als Autist einfach nicht in der Lage war, das Bild vom »Durchbeißen« zu verstehen.

Also verstehen wir die Bilder der Offenbarung nicht wie neuzeitliche Autisten, sondern verstehen wir sie als die Bilder, die sie sind! Bilder, die wahr sind, aber nicht in unserem neuzeitlichen Sinn historisch. Erst wenn wir diesen Unterschied verstehen, müssen wir auch nicht mehr darüber nachdenken, wie ein Lamm es mit seinen Hufen schaffen soll, eine Buchrolle zu nehmen und fein säuberlich sieben Siegel eins nach dem anderen zu öffnen.

Bilder, um über das Unvorstellbare zu reden

Denn das ist ja immer noch die Rahmenerzählung: Jesus, das Lamm Gottes, hat die versiegelte Schriftrolle mit dem geheimen Plan Gottes zur Rettung der Welt bekommen, und jetzt öffnet er die Siegel der Rolle, und die Folge sind welterschütternde Ereignisse. Das letzte Mal hörten wir von den vier apokalyptischen Reitern der Offenbarung: dem Eroberer, dem Krieg, dem Mangel an Lebensmitteln, der Seuche. Das ist erschreckend realistisch, wenn man sich die Welt heute anschaut. Wenn Gottes Plan zur Ausführung kommt, dann wird es nicht langsam immer besser, sondern dann ruft das Widerstände und Konflikte hervor, so wie es auch auf der individuellen Ebene zu dramatischen Entwicklungen kommen kann, wenn ein Mensch in einer Therapie den Kampf mit seiner Vergangenheit oder einer Sucht aufnimmt.

Anders als in solchen Bildern konnte man das damals ja überhaupt nicht kommunizieren. Wie hätte man Jesusnachfolgern des 1. Jahrhunderts nach Christus eine Vorstellung davon geben können, was aus dem Impuls, den sie in die Weltgeschichte bringen, noch alles werden würde? Unsere ganze moderne Welt mit all ihren Schrecken und Segnungen wäre ohne diesen urchristlichen Impuls nicht denkbar. Aber wie hätte man Weltraumfahrt und Atombombe, moderne Medizin und Computer, Flugzeuge und U-Bahnen und noch viel mehr einem Menschen von damals auch nur annähernd begreiflich machen können? Und wahrscheinlich wäre es noch schwerer, uns heute eine Vorstellung davon zu geben, wie die Welt vielleicht in 2000 Jahren aussieht, selbst wenn ein Zeitreisender aus der Zukunft zu uns käme. Man kann davon nur in Bildern reden.

Der Beitrag der Märtyrer zur Dynamik der neuen Welt

Jetzt, beim fünften Siegel, ändert sich das Bild. Dort im himmlischen Thronsaal gibt es anscheinend auch einen Altar, wörtlich »der Ort, wo geopfert wird«, und von dort aus melden sich die Märtyrer: diejenigen, die getötet worden sind, weil sie am Wort Gottes festgehalten und seine Wahrheit nicht aufgegeben haben.

Da wird sichtbar, dass dieser Plan Gottes nicht umsonst zu haben ist. Es muss ein Preis dafür bezahlt werden. Jesus selbst ist getötet worden, und genauso trifft auch einige seiner Nachfolger dieses Schicksal. Hier hören wir zum ersten Mal etwas davon, dass es die Standhaftigkeit der Jesusnachfolger ist, die ganz wesentlich dazu beiträgt, dass sich die Dynamik entfaltet, von der die Offenbarung redet. Jesus Christus ist das Wort Gottes, und mit diesem Wort bewegt Gott die Welt, aber ein Wort muss Gestalt annehmen, es muss in Menschen lebendig werden, sonst hört es keiner, und es bewegt nichts.

Zu Gottes Plan für seine Welt gehören also ganz wesentlich Menschen, in denen Jesus Gestalt annimmt, durch die er vernehmbar wird. Ihre Standhaftigkeit bedeutet, dass sie sich nicht vom Wort Gottes, also von Jesus, trennen lassen, sondern auch unter Druck und Bedrohung fortfahren, Jesus zu verkörpern.

Um diese Passage gut zu verstehen, müssen wir uns zuerst klar machen, dass die Christen damals eine winzige Minderheit in der Gesellschaft waren. Manche Leute stellen sich ja schon die frühe Kirche wie die späte katholische Kirche vor: mit Papst, Bischöfen, prunkvollen Prozessionen usw. Nichts könnte falscher sein. Das waren kleine Gruppen in oft großen Städten, die in einer soziologischen Analyse ihrer Stadt gar nicht aufgetaucht wären, weil sie so klein waren und durch alle Raster durchgefallen wären.

Die Wirkung einer unscheinbaren Minderheit

In der Johannesoffenbarung wird diesen kleinen Gruppen gesagt: ihr seid der Spalt in der Tür, durch den Gott in die Welt kommt, der Angelpunkt der Weltgeschichte. Durch euch bringt Gott seinen Plan zur Ausführung. Ihr seid nur wenige, aber weil in euch Jesus Gestalt annimmt, bringt ihr paar Leute die Dynamik in Gang, die in diesen dramatischen Bildern beschrieben wird. Und ihr habt dabei praktisch den ganzen Rest der Menschheit gegen euch.

Die Märtyrer am Altar haben ja unter den Bewohnern der Erde gelitten. Unter allen. Und beim sechsten Siegel wird zwar ausführlich von den Königen und Mächtigen und Großen gesprochen, über die das Gericht kommt und die sich in den Felsklüften verstecken, die Anführer stehen schon im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sie sind die Akteure, aber am Ende hören wir auch noch kurz von den einfachen Leuten, seien es Freie oder Sklaven. Das heißt, eigentlich sind es natürlich die Könige und Herren, die handeln und zur Rechenschaft gezogen werden, aber die einfachen Leute laufen ihnen hinterher.

Bis dahin unbekannte Freiheit von den Mächten

So haben es die Christen ja erlebt: verfolgt wurden sie in der Regel von den Machthabern, aber wenn sie dann im Zirkus den wilden Tieren ausgeliefert wurden, saßen die anderen, die einfachen Leute, auch dabei und klatschten. Die hatten gar nicht geistigen Mittel, um sich von ihren Oberhäuptern abzugrenzen und zu sagen: zu so etwas Grausamen gehe ich nicht hin. Erst mit dem Christentum bekamen Menschen überhaupt den Rückhalt, sich von ihren Chefs und Leitfiguren abzugrenzen. Im Judentum war das vorbereitet, da sind die Könige oft von den Propheten im Namen Gottes kritisiert worden, und dann haben die Christen diese Haltung in die ganze Welt getragen. Das war damals etwas wirklich Neues.

Für uns scheint das heute nichts Besonders zu sein, dass man sich kritische Gedanken über die Machthaber macht, aber das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Wir sind in diesem Jahr ja öfter an die Kriegsbegeisterung am Anfang des ersten Weltkrieges erinnert worden. Das ist noch gar nicht lange her. Um sich so einem Sog zu entziehen, reicht es nicht, irgendwie kritisch zu sein. Man muss schon woanders fest verankert sein, um sich so einer Stimmung zu entziehen. Erst die Verbindung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus hat Menschen das Potential gegeben, um den großen Mächten die Loyalität zu entziehen und ihren eigenen Weg zu gehen. Wenn Jesus Christus nur eine vorübergehende Episode der Menschheitsgeschichte wäre, dann würde auch diese Unabhängigkeit bald wieder verschwinden.

Freiheit, die die Sterne stürzen lässt

Denn damals im römischen Imperium gab es zwar Fraktionskämpfe, es gab natürlich Kriege mit Feinden, aber in einer fundamentalen Unabhängigkeit vom Imperium lebten nur die Christen und einige Fraktionen des Judentums. Das ist ein völlig neuartiges Element in der Geschichte. Und die Offenbarung des Johannes sagt mit ihren Bildern: das erschüttert die Welt, wie man sie bis dahin kannte. Das ist der epochale Beginn einer neuen Welt. Das lässt die Sterne – nämlich die Stars – vom Himmel fallen, so wie die Denkmäler der Machthaber irgendwann vom Sockel gestoßen werden. Da können sie sich tatsächlich nur noch unter der Erde verstecken, so wie sich der libysche Ex-Diktator Gaddafi am Ende in einer Betonröhre verstecken wollte, Iraks Saddam Hussein in einem Erdloch, und Adolf Hitler im Bunker der Reichskanzlei.

Und wenn jetzt einer fragt, ob man sich davor fürchten soll, dann kann man nur antworten: das kommt drauf an. Das ist so, wie wenn legale oder illegale Steuerschlupflöcher gestopft werden: wer einfach ehrlich seine Steuern gezahlt hat, der kann sich freuen, weil dann mehr Geld da ist, um die Schlaglöcher ordentlich zu reparieren und Dinge wie den Kugelwasserturm oder ein Schwimmbad zu sanieren. Wer beim Steuerzahlen getrickst hat, der wird das wahrscheinlich als Bedrohung sehen, aber eigentlich müsste er es nicht. Denn das kommt ja auch ihm zugute, wenn die Gemeinschaft genug Geld hat.

Angst vor einem Leben ohne Macht?

Genau so ist es mit der Bewegung, die durch Jesus in die Welt gekommen ist: wer zu Jesus gehört, muss sich sowieso nicht fürchten (davon werden wir im nächsten Kapitel noch mehr hören). Wer nicht zu Jesus gehört, der muss sich eigentlich auch nicht fürchten, weil die neue Welt – eine Welt ohne Angst, Gewalt und Lüge – für alle besser ist. Aber wahrscheinlich wird er es als Bedrohung empfinden. Wahrscheinlich wird er Angst haben vor der Erschütterung der Mächte. Beinahe alle Machthaber können sich nicht vorstellen, dass es für sie noch ein Leben geben könnte nach dem Ende ihrer Herrschaft. Magda Goebbels hat am Ende noch ihre Kinder vergiftet, weil sie nicht wollte, dass sie in einer Welt ohne Nationalsozialismus leben.

Aber warum ist das eigentlich so unvorstellbar? Wenn einer all seine Macht verloren hat, dann ist ja immer noch der Mensch da (falls die Macht ihn nicht völlig aufgefressen hat). Diesen Menschen spricht Jesus an, und für den kann es in der neuen Welt durchaus eine gute Zukunft geben.