Okt 062014
 

Predigt am 14. September 2014 zu Lukas 10,25-37

25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.
29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? 30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?
37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Es ist schon erstaunlich: mit einer Geschichte, die im Kern gerade mal 6 Verse umfasst, hat Jesus es geschafft, dem Wort »Samariter« eine völlig neue Bedeutung zu geben. Heute denken wir beim Wort »Samariter« an jemanden, der bei einem Unfall mit Blaulicht angefahren kommt und erste Hilfe leistet. Zu Jesu Zeiten hatte das Wort »Samariter«, oder genauer: Samaritaner, einen ganz anderen Klang. Man dachte da eher an gefährliche Verrückte, denen man lieber aus dem Weg ging.

Feindliche Brüder

Das Volk der Samaritaner gehörte damals für alle, die sich nach Jerusalem hin orientierten, zu den feindlichen Brüdern, und gerade unter Brüdern tobt manchmal der heftigste Streit. Durch die Wirrungen der Geschichte hatten sich Juden und Samaritaner auseinander entwickelt, politisch und religiös, obwohl sie ursprünglich ein Volk waren, und im Lauf der Jahrhunderte hat es zwischen beiden ganz viel an Krieg, Zerstörung und Hass gegeben. Wer aus dem Norden nach Jerusalem reiste, der machte lieber einen Umweg, als den geraden Weg durch das Gebiet der Samaritaner zu nehmen.

Wenn man nach einem Wort sucht, das für uns heute ungefähr den Beiklang hat, den damals das Wort »Samaritaner« hatte, dann landet man bei so etwas wie »Isla­misten« oder »Salafisten«. Man könnte sagen, die aktuellen politischen Entwicklungen in der Welt, so erschreckend sie sind, führen wenigstens dazu, dass es leichter wird, die Bibel zu verstehen.

Personen, die wir irgendwie kennen

Das übrige Personal in dieser Geschichte ist aber auch nicht ohne. Mit dieser und einigen anderen Geschichten hat Jesus nämlich auch dafür gesorgt, dass Menschen bis heute die Not anderer Menschen als wichtiger empfinden als repräsentative gesellschaftliche Verpflichtungen – mindestens in der Theorie. Der Priester und der Levit, die vorbeikommen und den verwundeten Mann am Straßenrand nicht beachten, die waren ja vermutlich auf dem Weg zu einem Gottesdienst im Tempel, und wenn sie sich um den Mann gekümmert hätten, dann wären sie möglicherweise zu spät gekommen oder hätten sich, wenn der Mann gestorben wäre, religiös unrein gemacht. Wenn man also überlegt, was heute ungefähr dem Priester und dem Leviten entsprechen würde, dann müsste man sich vielleicht so was ausdenken wie: Brad Pitt und Angelina Jolie sind auf dem Weg zur Premiere ihres neuesten Films, sie sehen den Mann liegen, aber sie machen sich Sorge, wie blutige Klamotten auf dem roten Teppich aussehen, und vor allem: wie die Schlagzeilen ausfallen, wenn sie anhalten, sich um den Mann kümmern, aber der stirbt vielleicht an Bord ihrer Limousine.

Weg nach Jerusalem

Weg nach Jerusalem

Die Räuber schließlich, die den Mann so übel zurichten, das waren wahrscheinlich nicht einfache Kriminelle. Als »Räuber« bezeichnete man damals oft Leute, die so einen Kleinkrieg gegen die römische Oberherrschaft führten, eine Art Separatisten oder Milizen. Und wie es dann oft kommt – die Grenze zwischen Freiheitskampf und wahlloser Gewalt verwischt sich im Lauf der Zeit, und irgendwann sind das dann keine mutigen Freiheitskämpfer mehr, sondern Desperados, die für jedes Problem nur noch eine Lösung kennen: Gewalt. Und so lösten diese Milizen damals eine ähnliche Mischung aus Bewunderung und Schrecken aus, wie solche Leute es bis heute tun.

Und der Mann, der da langsam am Straßenrand verblutet, während sie alle vorbeifahren, das ist Max Mustermann, einer von uns, der einfach das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Eine zentrale Frage

Jesus erzählt also nicht eine harmlose Geschichte darüber, dass man anderen in der Not beistehen soll, wo dann alle anschließend sagen: ja, so sollte man das eigentlich machen. Sondern er tritt mit Absicht in so ziemlich sämtliche Fettnäpfchen, die damals verfügbar waren. Und auch der Gesetzeslehrer, der den Anstoß zu diesem Gespräch gibt, hat keine religiöse Frage danach gestellt, wie man nach dem Tod in den Himmel kommt, sondern er hat die Kernfrage gestellt, in der damals Israel zutiefst gespalten war: wie werden wir in den politischen und religiösen Zerrissenheiten der Gegenwart unserer Berufung gerecht, das Volk Gottes zu sein? Was müssen wir tun, um ein Teil der Lösung zu sein und nicht ein Teil des Problems? Was ist der richtige Weg, um Anteil zu bekommen am Leben der kommenden Welt, die Gott herauf führen wird? Wie stehen wir Gott nicht im Weg?

Zu dieser Frage gab es in Israel einen Haufen Antworten: die einen schlossen sich den antirömischen Milizen an, andere setzten auf geistlich-moralische Erneuerung, manche zogen sich in die Wüste zurück, um mit all dem nichts zu tun zu haben, die meisten blieben einfach bei den uralten Ritualen des Tempels, und es gab selbstverständlich alle möglichen Mischformen. Aber der ganze Alltag war umgriffen von der großen Frage: wie werden wir in dieser undurchschaubaren Welt unserer Berufung gerecht?

Und wenn der Gesetzeslehrer Jesus diese Frage nach dem ewigen Leben stellt, oder besser: die Frage nach dem Leben, das der kommenden Welt Gottes angemessen ist, dann verlangt er von ihm: jetzt bekenn endlich Farbe! In welche Schublade gehörst du? Gehörst du zu uns oder gehörst du zu denen? Bist du Freund oder Feind? Aber Lukas charakterisiert das in seinem Evangelium so, dass das keine ehrliche Frage war, sondern er sagt: der wollte Jesus in Versuchung führen, er wollte ihn ihn in eine Falle locken, ihm eine Antwort entlocken, aus der man ihm einen Strick drehen konnte. Zur Not, indem man ihn gezielt missverstand.

Wer fragt, führt

Jesus macht das, was er in solchen Situationen immer tut: er gibt die Frage einfach zurück. Was denkst du denn? Du bist doch der Bibelspezialist, wenn du keine Antwort hast, wer soll sie dann haben? Und da bleibt dem Mann nichts anderes übrig als zu antworten, und er zitiert einfach die klassischen Stellen: du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, mit allem, was du bist. Und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Das sind gute, richtige Sätze. Im Markusevangelium gibt es eine Stelle, wo Jesus selbst diese Sätze zitiert, aber da ist es ein ehrliches Gespräch mit einem, der es wirklich wissen will und keine Fangfragen stellt. Hier an dieser Stelle fühlt Jesus dem Mann auf den Zahn, indem er ihm einfach Recht gibt und damit sagt: genau, so steht es doch in der Bibel, und die Bibel ist die völlig ausreichende Antwort auf alle Lebensfragen. Warum fragst du eigentlich noch, wenn du es doch weißt?

Und jetzt muss der Mann Farbe bekennen. Es reicht eben nicht, Bibelverse zu zitieren, der Knackpunkt ist die Auslegung und Anwendung. Sogar bei Stellen, die eigentlich völlig klar erscheinen. Und mit seinen scheinbar naiven Fragen bringt Jesus den Mann dazu, dass er die verborgene Kernfrage ausspricht, die eigentlich in der ursprünglichen Fangfrage verborgen war: wer ist mein Nächster? Zu wem gehöre ich? Wer hat Anspruch auf meine Solidarität?

Ganz viele religiöse und politische Diskussionen drehen sich nämlich in Wirklichkeit um die Frage: zu wem gehörst du? Bist du auf unserer Seite oder bist du einer von den anderen? Bist du Freund oder Feind? Welches Etikett kleben wir dir an?

Eine Geschichte, die die Schubladen sprengt

Und Jesus weigert sich, selbst seine Schublade zu wählen und erzählt stattdessen die Geschichte vom barmherzigen Samariter, die alle Schubladen gründlich durcheinander bringt. Max Mustermann wird im Urlaub von Desperados überfallen, die am Computer das gleiche Ballerspiel spielen wie er auch, seine Lieblingsstars oder meinetwegen auch seine Lieblingsmannschaft im Tourbus braust vorbei, und am Ende rettet ihn so ein Typ mit langem Bart, dem er zu Hause gar nicht gern nachts auf der Straße begegnen würde.

Wahrscheinlich hat sich Jesus die Geschichte nicht ausgedacht, sondern er hat sie irgendwo gehört. Die ist wirklich passiert. Es ist eine von diesen unglaublichen Geschichten, die nur das Leben selbst schreibt. Und die Frage des Gesetzeslehrers (»Wer ist mein Nächster?« – also: wem bin ich verpflichtet zu helfen, mit wem gehöre ich zusammen?), die dreht Jesus unter der Hand um, so dass sie dann lautet: kannst du dir vorstellen, dass du tot bist, wenn nicht dieser verhasste Typ plötzlich gegen all deine Erwartung Menschlichkeit entwickelt? Kannst du dir vorstellen, dass dein Leben eines Tages daran hängt, dass die Welt anders funktioniert, als du dir das in deinem Freund/Feind-Schubladendenken vorgestellt hast?

Es gibt keine natürlichen Feinde

Und nachdem er so seinen Gesprächspartner wahrscheinlich ziemlich erfolgreich durcheinander gebracht hat, geht Jesus noch einen Schritt weiter und sagt ihm: ok, und jetzt werde du auch so einer, der sich nicht an Schubladen orientiert. Werde du so einer, der die Freund/Feind-Einteilungen nicht als naturgegeben und unveränderlich hinnimmt. Werde unabhängig davon. Lass dir davon nicht vorschreiben, wem du deine Barmherzigkeit schenkst. Gott tut es auch nicht. Gott, so sagt es Jesus einmal in der Bergpredigt, Gott lässt es regnen über Gute und Böse, er verschenkt seinen Segen an die ganze Schöpfung, so wie der Samaritaner seine Hilfe sogar an einen Feind verschenkt hat. Und wenn du Gott von ganzem Herzen liebst, dann wirst du auch so. Dann kannst du den da nicht einfach liegen lassen, auch wenn er ein Feind oder ein Fremder ist.

Die Liebe, von der Jesus (und auch Paulus, wie wir vorhin in der Lesung – Römer 12,15-21 – gehört haben) redet, ist nicht nur in Extremsituationen Feindesliebe, sondern in ihrem Kern. Es ist keine Schönwetter-Liebe, sondern ihr natürliches, ursprüngliches Umfeld ist die zerrissene Welt, wo Angst und Ablehnung herrschen, und wo sich fast alle so orientieren, dass sie überlegen: gegen wen bin ich? gegen was bin ich? Aber die Liebe Gottes, die in Jesus Gestalt angenommen hat, orientiert sich nicht an Schubladen, sondern bringt solche Grenzen durcheinander. Gott sieht, dass jeder Mensch mindestens in einem Winkel seiner Seele ansprechbar ist durch Not und durch Barmherzigkeit. Jeder von uns hat in sich eine Wunde, die seit langem darauf wartet, dass sie durch Barmherzigkeit geheilt wird. Und jeder von uns hat irgendwo, manchmal ganz versteckt, den Wunsch, ein Mensch der Barmherzigkeit zu sein. Manchmal liegt dann eine Gelegenheit am Straßenrand, und wir ergreifen sie, und es tut uns gut. Manchmal können wir auch jemand anderen damit an seine Barmherzigkeit erinnern und ihn so überraschen, und es tut auch ihm gut.

Sich nicht zum Feind machen lassen

Barmherzigkeit ist keine Schwäche, sondern es ist der mächtigste Weg, Frieden zu schaffen. Mit Menschen reden und ihre Geschichten hören, statt ihnen Etiketten ankleben. Lazarettschiffe schicken, die Verwundete heilen, egal zu welcher Seite sie gehören. Menschen eine Heimat geben, die nirgendwo mehr hingehören.

Das gelingt nicht immer, aber es ist den Versuch wert. Ja, manchmal muss man Menschen auch stoppen, damit sie sich selbst und andern nicht noch mehr Schaden zufügen. Ja, manchmal muss man Menschen vor anderen Menschen schützen.

Aber das ist etwas anderes als die Frage, ob ich mich zum Feind machen lasse. Bonhoeffer hat einmal gesagt, wir müssten die Menschen daraufhin ansehen, was sie erlitten haben. Nehmen wir wie der Samaritaner selbst die Frage in die Hand, wer mein Nächster ist. Es ist unsere Entscheidung, sie ist uns nicht von außen vorgegeben. Wir dürfen damit rechnen, dass eines Tages vielleicht unser Leben gerettet werden kann durch die Menschlichkeit eines Menschen, dem wir das nie zugetraut hätten. Wir müssen niemandes Feind sein. Das ist ja gerade das Schlimme, dass so viele denken, es wäre eine Lösung für irgendetwas, wenn ich gegen jemanden oder gegen etwas bin.

Gott jedenfalls ist von Anfang an für uns, aus ihm selbst heraus. Das ist der entscheidende Grund, Gott zu lieben. Und wenn wir das tun, dann kommt seine Barmherzigkeit zu uns und in die Welt.

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