Okt 202014
 

Predigt am 12. Oktober 2014 (Besonderer Gottesdienst) zu Kolosser 1,15-16

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Weltbilder prägen unser Lebensgefühl. Wir merken das besonders, wenn sie sich ändern. Auf dem Holzschnitt unten ist so ein Augenblick eingefangen, wie jemand durch das traditionelle Weltbild mit dem Himmelsgewölbe, an dem Sonne, Mond und Sterne befestigt sind, hindurchschaut, und da tut sich ihm eine ganz unbekannte Welt auf mit vielen neuen Himmelsphänomenen. Und auf einmal fühlt er sich nicht mehr in einer überschaubaren Welt geborgen, sondern er hat etwas gesehen von einer unendlichen Welt mit ungeheuren Räumen und Weiten.

Wenn Weltbilder nicht mehr passen

WeltbildDieser Holzschnitt bildet den Moment ab, in dem die Astronomie neue Entdeckungen machte, die nicht mehr in das alte Weltbild hineinpassten. Auf einmal wurde die alte Sicht auf die Welt fragwürdig, die man viele Generationen lang für einleuchtend und selbstverständlich gehalten hatte. So lange Weltbilder alle bekannten Tatsachen integrieren, kommt man gar nicht auf die Idee, dass es anders sein könnte. Man hält sie für die einzig denkbaren und natürlichen Erklärungsmuster für die Welt. Aber dann kommt jemand und erfindet das Fernrohr. Oder ein anderer Wandel tritt ein.

Ich möchte heute vor allem darauf achten, wie Weltbilder das Verhältnis von Gott und der Welt beschreiben.

In der Antike gab es die Vorstellung einer engen Verbindung von Himmel und Erde, und zwar nicht nur in der Bibel, sondern eigentlich in allen Kulturen.

Nehmen wir das Beispiel von Mose und der Amalekiterschlacht aus dem zweiten Buch Mose (17,11-12)! Israel wird in der Wüste von den Amalekitern überfallen, einem kriegerischen Nomadenvolk. Weil Israel gerade erst aus der ägyptischen Sklaverei entkommen ist, sind sie nicht besonders geübt im Kämpfen und deshalb in großer Gefahr. Während Josua die kampffähigen Männer in die Schlacht führt, geht Mose auf einen Berg und betet. Und erstaunlicherweise bewirkt dieses Gebet, dass die unerfahrenen Kämpfer Israels die Oberhand gewinnen. Aber dann werden Mose die Arme lahm – man betete damals mit erhobenen Händen – und als er sie sinken lassen muss, dreht sich die Schlacht und die Amalekiter gewinnen. Am Ende halten zwei Männer Mose die Arme hoch und Israel siegt.

Das antike Weltbild

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Das ist ein Beispiel für die enge Verbindung zwischen Gott und der Welt, wie die Menschen im Altertum sie sahen. Jedes Ereignis hat eine himmlische und eine irdische Seite. Himmel und Erde beeinflussen sich gegenseitig. In einem Schema würde das so aussehen:

Jede materielle Realität auf der Erde hat gleichzeitig eine spirituelle Dimension, und jede Veränderung in der himmlischen Welt hat ihre materiellen Konsequenzen in unserem Leben. Die Bibel wird einem sehr rätselhaft und merkwürdig erscheinen, wenn man diese grundlegende Denkvoraussetzung nicht versteht.

Aber schon in der Antike hat sich dieses Weltbild verändert. Ich vermute, dass das etwas mit dem Aufstieg der großen Weltreiche zu tun hatte, besonders mit dem römischen Weltreich. Die Menschen fühlten sich zunehmend ohnmächtig gegenüber diesen Machtzusammenballungen, sie fühlten sich einfach nicht mehr zu Haus in dieser Welt. Der Zusammenhang von Himmel und Erde erschien ihnen zunehmend in Frage gestellt. Sie erlebten Himmel und Erde als getrennte Welten. Mehr noch: die Erde erschien ihnen als ein unwirtlicher Ort, wohin man durch ein böses Geschick geraten ist. Durch die ganze dunkle Zeit von Völkerwanderung und Mittelalter hindurch haben Menschen mit diesem Gefühl gelebt: hier sind wir nicht zu Hause, unsere eigentliche Heimat ist die jenseitige Welt. Das Ziel unseres Lebens ist es, dorthin zu gelangen, fort aus diesem Jammertal.

Das spiritualistische Weltbild

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So entwickelte sich das spiritualistische Weltbild. Eigentlich passte es nicht zu der biblischen Lehre, dass Gott die Welt gut geschaffen hat. Erde und Himmel hatten in diesem Bild wenig miteinander zu tun. Sie schienen voneinander getrennt zu sein. Die materielle Welt war eine Art Gefängnis, in das man durch ein Unglück hineingeraten ist, und so haben Christen durch viele Jahrhunderte angenommen, das eigentliche Leben spiele sich im Himmel ab, und die Erde solle man so schnell wie möglich hinter sich lassen. So ein Weltbild sorgt natürlich für Probleme. Alles, was uns ganz besonders an unsere materielle Seite erinnert, wird abgewertet: der Leib, die Sexualität, das ganze profane Leben überhaupt erscheint als minderwertig. Man soll ihm entfliehen, weil es uns von der geistigen Sphäre ablenkt. Religion ist dafür da, uns an unsere eigentliche spirituelle Heimat zu erinnern. Wenn es bis heute so ein Vorurteil gibt, dass die Kirche mit dem Leben nichts zu tun hat, dann ist das ein Erbe dieses spiritualistischen Weltbildes.

Der Gegenschlag: das neuzeitliche Weltbild

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Aber jede Einseitigkeit provoziert auf die Dauer den Gegenschlag in die andere Richtung. Als die Menschen sich aus dieser Abwertung der materiellen Seite des Lebens befreien wollten, taten sie es, indem sie ein entgegengesetztes Weltbild erfanden, nämlich: das materialistische Weltbild der Neuzeit.

Es dreht den Spieß um und sagte: nur das Materielle ist real. Nur was du mit deinen Händen anfassen und bearbeiten kannst, ist real. Nur was du messen und zählen kannst, ist real. Alles andere sind Spintisierereien und Mythen. Wenn du Lust hast, kannst du privat daran glauben, aber in der Öffentlichkeit zählen nur Fakten und nicht irgendwelche religiöse Seelenbräu, mit denen die Priester die Leute einschüchtern. Heinrich Heine hat das sehr schön zusammengefasst, als er dichtete: »den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen«.

Nachdem sich dieses Weltbild in der Neuzeit erst einmal durchgesetzt hatte, hatten die Christen ein Problem. Hatten die materielle Welt, in der wir leben und arbeiten, und die spirituelle Welt, von der die Kirche sprach, überhaupt noch etwas miteinander zu tun?

Weltverlust des Glaubens – geistlose Materie

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Sie versuchten es zu lösen, indem sie Himmel und Erde sozusagen als unverbundene Parallelwelten ansahen. Sechs Tage in der Woche lebte man in der Welt der materiellen Realitäten, der Sonntag war der Tag der seelischen Erhebung, wo man in die Kirche ging und etwas für sein Gemüt tat, wenn einem danach war. Aber so wurde die himmlische Sphäre erst recht zu etwas Weltfremden und schwer Begreiflichen. Gott schien weit weg zu sein und sich um seine Schöpfung nur noch selten zu kümmern. Während die naturwissenschaftliche Weltsicht sich in der Öffentlichkeit als die einzig realistische Weltdeutung präsentierte, blieb der Religion nur das Private und Innerliche. Glaube und Politik z.B. haben in dieser Weltsicht nichts miteinander zu tun.

Während so die spirituelle Seite der Welt immer mehr zurückgedrängt wird, sieht es auf der materiellen Seite dann so aus, als ob die Welt nur eine Anhäufung von toter Materie ist, mit der man tun und lassen kann, was man will. Kein Wunder, dass die Umwelt dann immer mehr zur Müllkippe wird, und dass ungezählte Tier- und Pflanzenarten aussterben: das ist ja alles nur tote Materie, mit der man machen kann, was man will. So etwas wie »Ehrfurcht vor dem Leben« oder Freude an der Schönheit der Schöpfung ist alles nur Blabla, mit dem ein echter Materialist wenig anfangen kann.

Ein neues Bild für Himmel und Erde

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Aber es bekommt Erde und Himmel schlecht, wenn man sie so auseinander reißt. Sie sind füreinander geschaffen, nur in ihrer miteinander Verbindung gedeihen sie. Eigentlich war das antike Weltbild gar nicht so daneben. Das Problem ist nur: das Bild funktioniert heute nicht mehr so gut. Wir wissen inzwischen, dass wir nicht mehr unter einer Himmelskuppel leben.

Im Weltall gibt es kein Oben und Unten. Schon in Australien sehen sie das genau umgekehrt. Deswegen müssen wir für die enge Verbindung der beiden Seiten der Schöpfung auch neue Bilder finden. Sonst kann es passieren, dass da die Kosmonauten hoch fliegen und sagen: hier oben ist ja gar kein Gott! Und dann denken sie, damit wäre Gott widerlegt.

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Ein mögliches Bild für die enge Verflochtenheit von Himmel und Erde ist dieses keltische Knoten-Ornament. Die alten Iren und Schotten haben ja immer solche Ornamente gezeichnet oder in Stein gehauen, wo viele Stränge sich ganz kompliziert verflochten haben. Und sie wollten damit zeigen: so untrennbar sind die himmlische und die irdische Seite der Schöpfung verflochten. Das eine durchdringt das andere.

Gottes Wirken und Gottes Segen ziehen sich durch die Schöpfung hindurch. Und andererseits reagiert Gott auf das, was Menschen hier tun. Alles ist miteinander verwoben und kann überhaupt nicht auseinander genommen werden. Auch die stumme Schöpfung lobt Gott. Und Gott wiederum kann die Materie beeinflussen.

So ein neues Bild von der Schöpfung zu entwickeln, das wird die Geistlosigkeit des Materialismus heilen und gleichzeitig verhindern, dass wir uns Gott als jemanden vorstellen, der nur mit unserem Innenleben zu tun hat. Nein, er durchwirkt die ganze Schöpfung, die Materie und die geistige Welt, und sogar die Naturwissenschaften haben längst entdeckt, dass Materie nichts Einfaches, Selbstverständliches ist, sondern dass sie unglaublich kompliziert zusammengesetzt ist und vielleicht sogar nur eine besondere Form von Energie. Vielleicht steht uns ja eine Zeit bevor, wo auch in unserem Denken Himmel und Erde, Geist und Materie wieder zusammenfinden.

Und dazu hören wir jetzt auf zwei Verse aus dem Kolosserbrief (1,15-16):

15 Jesus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. 16 Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.

Diese Verse sagen uns: die Welt ist nicht neutral. Sie ist nicht tote Materie, der es egal ist, was man daraus macht: Schwerter oder Pflugscharen, Brot oder Schnaps. Die Welt ist zum Leben geschaffen, nicht zum Tod. Sie soll gesegnet sein, und nicht unter einem Fluch leben. Sie ist für Jesus geschaffen, für die Lebensart, die sich in ihm verkörpert hat. Die Welt hat eine Tendenz zum Guten hin. Nicht als Automatik, nicht als eingebauten Fortschritt, sondern so, dass sie aufblüht, wenn Menschen sie dankbar aus Gottes Hand empfangen und auch so behandeln.

Und diese Welt hat eine sichtbare und eine unsichtbare Seite. Die unsichtbare Seite hat mit Macht zu tun: »Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten« sind die Fachbegriffe des Neuen Testaments dafür. Die Welt wird von unsichtbaren Mächten regiert. Das ist nicht weiter schlimm, das gehört sozusagen zu ihrem Bauplan.

Der Geist hinter den Gemeinschaften

Jeder große oder kleine Zusammenschluss von Menschen hat seinen Geist. Vergleiche mal Familien, die du kennst: in der einen Familie wird dauernd gemeckert und an den anderen rumkritisiert, und in der anderen Familie unterstützen sie sich und freuen sich, wenn einer etwas gut hinkriegt. Oder nimm Fußball-Bundesligavereine: In München herrscht ein anderer Geist als in Dortmund, und in Braunschweig ist er noch mal anders. Oder nimm ganze Länder und Völker: Der Geist Schwedens ist ein anderer als in Saudi-Arabien, und Russland fühlt sich anders an als Brasilien. Oder denk an Schulen: in der einen Schule treten Schüler und Lehrer morgens verdrossen zum Unterricht an und quälen sich durch den Tag, und in einer anderen Schule freuen sie sich darauf; und die meisten liegen irgendwo dazwischen.

Jede Familie, jeder Verein, jedes Land, jede Organisation, jeder Zusammenschluss von Menschen hat seinen Geist, seine verborgene Seite, und auf dieser verborgenen Seite wird über die Stimmung in dieser Gemeinschaft entschieden. Selbst wenn du der Chef bist, du kannst nicht einfach befehlen, dass ab morgen alles unbürokratisch und effektiv läuft. Du kannst auch als Chef nicht einfach beschließen, dass den Leuten ab morgen die Arbeit Spaß macht, wenn sie bisher kollektive Missmut gepflegt haben. Der Geist ist stärker als ein Einzelner, sogar stärker als der Chef. So funktioniert die Welt.

Das Problem ist nur, wenn man das gar nicht weiß, wenn man diese verborgene Seite der Wirklichkeit ignoriert. Aber tatsächlich spielen sich da die entscheidenden Kämpfe ab. Werden die Geister die Materie entsprechend ihrer Bestimmung regieren – oder wird sich der Geist des Habenwollens und der Gier durchsetzen, der die Welt auf einen Kurs gegen ihre eigentliche Bestimmung bringt?

Der Geist des Beutemachens

Unser gegenwärtiges Weltbild hat in sich die Gefahr, dass es das Habenwollen und die Gier unterstützt, weil Geld und Macht das einzig Reale zu sein scheint. Was soll ich mit hehren Idealen, sagt der Vertreter der materialistischen Weltanschauung, das ist alles dummes Gerede, ich orientiere mich an dem, was ich messen und zählen kann, und das ist in erster Linie Geld. Ich bin Realist, sagt er, und das heißt: ich bin Kaufmann, ich schaue auf das, was unterm Strich für mich rauskommt.

Dumm nur, dass die Welt in Wirklichkeit nach anderen Gesetzen funktioniert. Menschen sind nicht schon dadurch glücklich, dass der Kontostand stimmt. Menschen haben viele Wünsche, die man mit Geld nur schwer erfüllen kann. Menschen suchen nach einem Sinn, für den sie leben können, und wenn sie nichts besseres finden, dann sehen sie am Ende den Sinn ihres Lebens darin, Bomben zu legen und möglichst viel Zerstörung anzurichten. Oder sie zerstören sich selbst, sie nehmen Drogen, sie werden krank, sie tun andere dumme Sachen, und alle fragen sich: warum machen die das? Sie haben doch alles!

Der „Brot allein“ – Irrtum

Aber das hat nicht gereicht, weil sie eigentlich etwas vom Himmel gesucht haben: Bedeutung, Sinn, Liebe, wie auch immer man es nennen will, aber sie wussten nicht, dass es das gibt, und so sind sie an dem verzweifelt, was ihnen die materielle Welt geben kann, sie sind verhungert am Brot allein. Denn »der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus Gottes Mund kommt«.

Nicht nur die Materie allgemein hat eine Bestimmung; auch wir selber sind für das Gute geschaffen, auf Gott hin, für die Lebensart, die Jesus verkörpert hat. Und wenn wir unsere Bestimmung verfehlen, dann verkümmern wir und richten überall Zerstörung an.

Freundschaft zwischen Himmel und Erde

Es hat mal eine Zeit gegeben, wo man die Menschen daran erinnern musste, dass Gott auch diese Welt der Materie geschaffen und gesegnet hat, und dass wir uns dieser Welt liebevoll zuwenden sollen, anstatt uns aus ihr fortzusehnen. Heute, meine ich, muss man den meisten Menschen erst wieder sagen, dass diese Welt zugrunde geht, wenn wir nur ihre materielle Seite gelten lassen, wenn wir ihre Schönheit und ihre Tiefe ignorieren, wenn wir die Wunder nicht sehen und stattdessen alles ausplündern und zubetonieren, bis aus der Schöpfung eine vergiftete Betonwüste geworden ist.

Die Welt ist dazu geschaffen, dass sich Materielles und Geistiges in Freundschaft durchdringen – denken Sie an das keltische Knotenmuster! – , dass Gottes Segensstrom in Fülle durch die ganze Welt fließt, und dass Himmel und Erde am Ende zusammenfinden. Jesus Christus hat sie beide zusammengehalten in seinem Leben, die sichtbare und die unsichtbare Welt. Auf ihn hin, für seine Art zu leben, ist alles geschaffen. Und deswegen, im Vertrauen auf diese Bestimmung, die in allem wohnt, deshalb ist keine einzige gute Tat vergebens. Es wird alles aufgehoben im Himmel, bis die neue Welt anbricht, wo Himmel und Erde sich nicht mehr fremd gegenüber stehen.

Ausdrücklicher Dank und Empfehlung:

Das Schema der Weltbilder stammt in seinem Grundmuster von Walter Wink, dessen 2014 endlich auf Deutsch erschienenes Buch „Verwandlung der Mächte: Eine Theologie der Gewaltfreiheit“ auch noch viele andere hilfreiche Einsichten bietet.

Okt 132014
 

Predigt am 5. Oktober 2014 zu Offenbarung 6,1-8 (Predigtreihe Offenbarung 12)

1 Nun sah ich, wie das Lamm das erste von den sieben Siegeln der Buchrolle öffnete. Daraufhin hörte ich eines der vier lebendigen Wesen rufen: »Komm!« Die Stimme war so laut, dass es wie ein Donnerschlag klang. 2 Und auf einmal sah ich ein weißes Pferd und auf dem Pferd einen Reiter, der einen Bogen in der Hand hielt. Dem Reiter wurde ein Siegeskranz gegeben, worauf er wie ein siegreicher Feldherr losritt; nichts konnte seinen Siegeszug aufhalten.
3 Als das Lamm das zweite Siegel öffnete, hörte ich das zweite der lebendigen Wesen rufen: »Komm!« 4 Wieder erschien ein Pferd, aber im Unterschied zum ersten war es feuerrot. Seinem Reiter wurde ein großes Schwert gegeben, und er erhielt die Macht, den Frieden von der Erde wegzunehmen, sodass die Menschen sich gegenseitig hinschlachteten.
5 Als das Lamm das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte der lebendigen Wesen rufen: »Komm!« Diesmal sah ich ein schwarzes Pferd, dessen Reiter eine Waage in der Hand hielt. 6 Und eine Stimme, die von dort zu kommen schien, wo die vier lebendigen Wesen waren, hörte ich rufen: »Ein Kilo Weizen zu einem vollen Tageslohn! Drei Kilo Gerste zu einem vollen Tageslohn! Aber Öl und Wein darfst du nicht knapp werden lassen!«
7 Als das Lamm das vierte Siegel öffnete, hörte ich das vierte der lebendigen Wesen rufen: »Komm!« 8 Und wieder sah ich ein Pferd; diesmal war es fahlgelb. Der Reiter, der darauf saß, hieß »der Tod«, und sein Gefolge war das Totenreich. Ihnen wurde die Macht gegeben, ein Viertel der Menschheit durch Krieg, Hungersnot, Seuchen und wilde Tiere umkommen zu lassen.

Als wir vor vier Wochen auf das fünfte Kapitel der Offenbarung hörten, war der Himmel voll Gesang. Die ganze himmlische Welt freute sich über das Lamm Gottes (also über Jesus), das endlich das Buch mit den sieben Siegeln öffnen sollte: das Buch, in dem Gottes geheimer Plan steht, wie er endlich die Welt wieder in Ordnung bringt und die Zerstörung der Erde beendet. Mit sieben Siegeln ist es verschlossen, niemand kennt die Lösung, und bevor Jesus kommt, scheint es so, als müsste der Plan unausgeführt bleiben, als gäbe es vielleicht keine Rettung für die Welt, weil niemand diesen Plan ausführen kann.

Aber dann bekommt das Lamm – also Jesus – die Buchrolle anvertraut, weil er die Siegel öffnen, das Geheimnis der Welt aufdecken und den Plan in Gang setzen kann. Und im Himmel herrscht großer Jubel, Erleichterung, Freude.

Erst Jubel, dann Schrecken

Und dann öffnet das Lamm die ersten Siegel, und was passiert? Krieg, Hunger und Pest brechen aus, die Reiter der Apokalypse. Albrecht Dürer hat sie in seinen bekannten Holzschnitten dargestellt. Alles wird nur noch schlimmer. Zuerst betritt ein glänzender Herrscher siegreich die Bühne der Weltgeschichte: der Reiter auf dem weißen Pferd. Glanzvoll und stark sieht er aus, aber ihm folgt die Zerstörung auf dem Fuß. Stellt euch Napoleon vor, den Helden einer ganzen Generation. Nicht nur in Frankreich bewunderte man ihn wie einen Übermenschen. Beinahe hätte er ganz Europa erobert. Aber am Ende war Europa von Kriegen verheert, die Länder ausgeblutet, heimatlose Waisenkinder irrten durchs Land, entlassene Soldaten suchten Arbeit, Kriegskrüppel bettelten um Essen. Und alles, weil einer ausgezogen war, um zu erobern und zu siegen.

Die Tragik der Befreiung

Aber womit hat das alles mal angefangen? Mit der französischen Revolution, die völlig zu Recht als Protest gegen die Willkürherrschaft unfähiger und arroganter Monarchen begonnen hatte. Wir verdanken letztlich dieser Revolution die Demokratie, die Menschenrechte und das Ende feudaler Unterdrückung, aber zuerst hat sie Europa in eine 25jährige Zeit der Erschütterungen gestürzt und wahrscheinlich Millionen Menschen das Leben gekostet.

Und wenn wir jetzt in unsere Gegenwart schauen: die ganzen Volksaufstände, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, der arabische Frühling, die Gezi Park-Bewegung in der Türkei, irgendwie sogar der Aufstand in der Ukraine: es waren alles Zeiten der Hoffnung, wo das Volk sich einig war, dass man den Autokraten an der Spitze los werden wollte, die Korruption, die Geheimpolizei mit ihren Folterkellern. Man kann diesen Mut nur bewundern. Die Völker sind endlich erwacht.

Und was kam dann? Krieg, Hunger, Tod – die Reiter der Offenbarung. Waren deshalb diese Freiheitsbewegungen schlecht oder falsch? Nein, da ist etwas Großes und Gutes zu Tage getreten. Menschen werden ermächtigt, und dann wollen sich endlich nicht mehr unterdrücken lassen. Wie gut!

Aber wenn das in einer Welt geschieht, die vollgestopft ist mit Waffen, mit rücksichtslosen Machthabern, gleichgültigen Großmächten, Korruption und entwurzelten Söldnern, die nur darauf warten, dass sie wieder kämpfen können; und wenn in den Menschen selbst auch so viel Verletzungen und Gewalt stecken, dann führt so eine Freiheitsbewegung nicht selten als erstes dazu, dass alles noch schlimmer wird. Wenn das Lamm anfängt, die Siegel zu öffnen, dann gerät der brüchige Status Quo aus dem Gleichgewicht. Die alten Mächte wehren sich rücksichtslos. Überall brechen alte Verletzungen auf, ungelöste Konflikte melden sich zurück. Alles was mühsam mit den sieben Siegeln gebändigt und zurückgehalten war, das bricht jetzt auf, und oft gerät das Ganze außer Kontrolle.

Lieber nicht dran rühren?

Aber sollte man deshalb lieber alles beim Alten lassen und sagen: bloß keine Freiheit? Sollte man das Schreckensregime in Nordkorea stabilisieren, Saddam Hussein zurückholen und Assad in Syrien unterstützen? Soll man den Menschen in Hongkong sagen: findet euch mit den undemokratischen System in China ab? Das kann es doch wohl auch nicht sein. Alle Diktaturen werden irgendwann sowieso instabil, sie häufen den Sprengstoff an, der dann eines Tages durch einen kleinen Funken zündet, und sei es durch friedlichen Protest.

Ganz ähnlich ist es, wenn man an einzelne Menschen denkt: Wenn jemand sich endlich den Problemen der Vergangenheit stellt, oder wenn er sich seine Suchtproblematik eingesteht und davon loskommen will, dann kann es passieren, dass es in der Therapie erst einmal schlimmer wird. Vielleicht bekommt er Entzugserscheinungen und denkt: Jetzt geht es mir schlechter als vorher, als ich noch getrunken oder gespritzt habe! Die Ärzte können lindern und begleiten, aber unser Körper und unser Geist reagieren heftig, wenn wir anfangen, die Energieströme in unserem Leben umzuleiten. Aber soll einer lieber weitermachen wie gewohnt, bis er ganz zu Grunde geht?

Das sind die Zusammenhänge im Hintergrund, die dazu führen, dass die Welt schrecklich erschüttert wird, wenn die sieben Siegel geöffnet werden, damit Gottes guter Plan endlich ausgeführt werden kann. Über lange Zeit ist in der Welt Sprengstoff angehäuft worden, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Wir kennen das von den Blindgängern, den alten Bomben aus dem Krieg. 70 Jahre liegen sie ruhig in der Erde. Aber wenn man zufällig auf sie stößt, dann kann man sie nicht mehr liegen lassen, dann muss man sie entschärfen, und das ist richtig gefährlich. Und genauso wird es richtig gefährlich, wenn sich einer ans verminte Gelände der Menschheitsgeschichte wagt und anfängt, die Siegel zu öffnen, um die Vergangenheit zu entschärfen. Dann hantiert der auch da mit einem gewaltigen Zerstörungspotential.

Ein Gott im Bonsai-Format?

Trotzdem jubeln die Bewohner des Himmels, als das Lamm die Aufgabe anpackt und die Siegel öffnet. Nur dem Lamm – also Jesus – trauen sie zu, dass es diese schwere Aufgabe schafft. Im Himmel sehen sie, dass es um die Heilung der Erde geht, und dem Lamm wird es gelingen. Johannes gibt das an seine Gemeinden weiter. Er will, dass sie auch diesen Zusammenhang verstehen, damit sie nicht erschreckt werden von den Erschütterungen, die bevorstehen.Bonsai streng aufrechte Form

Und ich denke, bis heute haben wir das dringend nötig, dass unser Bild von Gott und seinem Wirken entharmlost wird. Wenn Gott kommt, das erschüttert die Erde in ihren Grundfesten. Wir haben so ein Bild vom »lieben Gott« entwickelt, so ein kuscheliger Daddy, dem man am liebsten auf den Schoß springen würde, und der milde die Stirn runzelt, wenn wir mal wieder ein bisschen zu kräftig zugelangt haben bei den Süßigkeiten oder einen bösen Gedanken über die Arbeitskollegin gehegt haben. Und das reduziert Gott auf ein Bonsai-Format. Wie sollte man so einem auf Blumentopfgröße zurechtgestutzten Gott noch zutrauen, dass er sich in den Untiefen der Weltgeschichte auskennt und sogar diese ganzen Erschütterungen erst hervorruft?

Lange hat man uns erzählt: Gott beruhigt die Leute, Gott gibt dem Leben Stabilität, Gott sorgt in der Welt für Ausgleich, in seiner Weisheit sorgt er für Harmonie. Ich verstehe, was damit gemeint sein könnte, aber ich glaube, wir haben dringend etwas ganz anderes zu lernen: Gott erschüttert die Welt. Gott sieht nicht ruhig zu, wenn Menschen mit dem Tod paktieren und ihre Mitmenschen und die Kreaturen mit Füßen treten.

Frühere Zeitalter haben vor allem davon gesprochen, dass Gott schrecklich in seinem Zorn ist. Das gibt, glaube ich, auch ein ziemlich schiefes Bild von Gott ab. Aber wir machen es nicht besser, wenn wir stattdessen einen kuscheligen Bonsai-Gott erfinden. In beiden Fällen fallen wir vom Pferd, mal rechts und mal links, aber wenn man erst unten liegt, ist das ziemlich egal. Man kann sich Gott nicht mal eben so erfinden, wie man ihn gern hätte. Und was nützt denn so ein lieber Gott, wenn es in der Welt gar nicht lieb zugeht?

Ein Gott, der das Sytem erschüttert

Die Lösung ist auch nicht eine Mischung aus lieb und schrecklich, so dass man dann überhaupt nicht mehr weiß, was eigentlich gilt. Wir müssen die innere Logik Gottes verstehen. Im fünften Kapitel der Offenbarung (v. 5) wurde das Lamm vorgestellt als der »Löwe von Juda«. Jesus, das Lamm Gottes, der sich wehrlos in die Hände der Tyrannen gibt, gerade der ist der Löwe und erschüttert die Welt wie kein anderer. Indem Jesus dem Leben Gottes vertraute (und Gott bestätigte das, als er ihn auferweckte), hat er das Machtgleichgewicht in der Welt verschoben. Dieses Machtgleichgewicht beruht gerade auf der Annahme, dass Gott weit weg ist, oder zu schwach ist, sich nicht kümmert und die Herren der Welt machen lässt, was sie wollen.

Wenn aber Gott mit seinem Leben, das in Jesus erschienen ist, sogar den Tod besiegt, dann stimmt die Grundannahme nicht mehr. Dann geraten die Fundamente dieser Welt ins Wanken. Wenn es jetzt Menschen gibt, die die Kraft der Auferstehung kennen, und die Kraft des mutigen Opfers, dann ist ein ganz neuer Faktor in der Welt. Und dann gibt es noch die Menschen, die das alles zwar nicht richtig verstehen, aber einfach spüren, dass der Wind sich gedreht hat und der Duft des Lebens den Mief des Todes vertreibt. Und auch das hatten die Mächte dieser Welt nicht auf ihrem Plan. Sie glaubten, sie hätten gesiegt, aber jetzt merken sie, dass ihre Berechnungen nicht mehr stimmen, und Panik bricht aus. Aber Leute in Panik sind gefährlich.

Ein realistisches Gottesbild

Passt dieses Bild nicht genau zu dem, was wir heute in der Welt erleben? Gott bedeutet Leben, Liebe, Barmherzigkeit; und deshalb bringt Jesus Freiheit und Ermächtigung für die Elenden. Aber das erschüttert die Welt, wie sie de facto ist, in ihren Grundfesten. Das ganze System gerät ins Wanken. Wir dürfen nicht vergessen, dass Jesus nicht nur geheilt hat: er hat auch Dämonen vertrieben und Menschen frei gemacht. Damit konnten die modernen, aufgeklärten Menschen schon immer nicht so viel anfangen. Das war ihnen irgendwie peinlich, dass der sanfte Jesus so ein Spektakel verursacht mit brüllenden Dämonen und autoritären Kommandos. Das ist nicht mehr nett.

Aber stellen wir uns vor, wie das im großen Maßstab aussieht, wenn Jesus also nicht mehr nur in den kleinen Dörfern am See Genezareth aktiv ist, sondern weltweit die Auseinandersetzung mit den bösen Mächten sucht. Dann kommt ungefähr das dabei heraus, was wir heute Tag für Tag in den Nachrichten hören.

Und wir sollen doch bitteschön nicht glauben, dass wir hier in Europa und in Deutschland für ewig auf einer Insel der Seligen leben, wo Stabilität herrscht, und von wo aus man ruhig dem Chaos ringsum zuschauen kann. Wenn die Welt in ihren Grundfesten erschüttert wird, das geht auch an uns nicht vorbei.

Die Frage ist nicht, ob uns das gefällt. Die Frage ist, ob dieses Bild von Gott nicht viel besser zu dem passt, was wir erleben. Ob das die Realität nicht besser erklärt als das Bild von dem netten Opa-Gott, der höchstens mal mild mit dem Zeigefinger droht und im Übrigen schon längst resigniert hat gegenüber dem Chaos, das die Menschen anrichten.

Im Auge des Sturms, nicht im Blumentopf

Johannes jedenfalls erklärt seinen Leuten die Welt so: da ist ein guter Gott, der seine Schöpfung nicht dem Chaos überlässt. Aus himmlischer Sicht ist das die Hoffnung der Welt. Aber wenn dieser Gott sich mitten ins Chaos hinein begibt, dann fängt es da erst richtig an zu brodeln. Und ihr, das Volk Gottes, steht mitten im Zentrum des Sturms. Das ist nicht selten der sicherste Ort. Aber gemütlich ist es da nicht.

Also: seid wach, seid realistisch, und lasst euch nicht erschrecken. Aber hört auf, euren Bonsai-Gott zu pflegen. Der wird euch nicht schützen, wenn der Sturm zu wehen beginnt.

Okt 092014
 

Predigt am 28. September 2014 (Erntedankfest) mit Matthäus 6,25-34

25 »Deshalb sage ich euch: Macht euch keine Sorgen um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte, und euer Vater im Himmel ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?
27 Wer von euch kann dadurch, dass er sich Sorgen macht, sein Leben auch nur um eine einzige Stunde verlängern? 28 Und warum macht ihr euch Sorgen um eure Kleidung? Seht euch die Lilien auf dem Feld an und lernt von ihnen! Sie wachsen, ohne sich abzumühen und ohne zu spinnen ´und zu weben`. 29 Und doch sage ich euch: Sogar Salomo in all seiner Pracht war nicht so schön gekleidet wie eine von ihnen.
30 Wenn Gott die Feldblumen, die heute blühen und morgen ins Feuer geworfen werden, so herrlich kleidet, wird er sich dann nicht erst recht um euch kümmern, ihr Kleingläubigen? 31 Macht euch also keine Sorgen! Fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? 32 Denn um diese Dinge geht es den Heiden, ´die Gott nicht kennen`. Euer Vater im Himmel aber weiß, dass ihr das alles braucht.
33 Es soll euch zuerst um Gottes Reich und Gottes Gerechtigkeit gehen, dann wird euch das Übrige alles dazugegeben. 34 Macht euch keine Sorgen um den nächsten Tag! Der nächste Tag wird für sich selbst sorgen. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last mit sich bringt.«

Lilium_speciosum, Quelle: WikipediaHabt ihr schon mal daran gedacht, dass Jesus wahrscheinlich der glücklichste Mensch war, der je gelebt hat? Wenn ich diese Sätze von den Vögeln und den Lilien höre, dann wird mir deutlich: das hat Jesus selbst erlebt. Der ist über die Berge von Galiläa gegangen und hat gesehen, wie sich nach einem Regen das trockene Land mit Blumen bedeckt hat. Der hat um sich herum die Vögel fliegen gesehen und hat sie singen gehört, und er muss sich total lebendig gefühlt haben. Ich hoffe, dass wir das alle schon mal erlebt haben, dass du irgendwo stehst und denkst: mein Gott, das ist so unglaublich schön, das ist zu viel für mich, ich kann das gar nicht alles aufnehmen.

Und so stelle ich mir vor, wie Jesus eine von diesen frischen Blumen in der Hand hält und sieht, wie zerbrechlich diese Schönheit ist. Ein Mensch mit Sense oder ein Schaf auf Nahrungssuche machen der Blume sofort ein Ende, und trotzdem ist sie so schön, dass sie eigentlich in eine Kunstausstellung gehören würde. Hat die Blume dafür gearbeitet? Hat sie stundenlang vor dem Spiegel gestanden, bis alles passte? Nein, sie war einfach sie selbst, so, wie Gott sie gemacht hat.

Macht euch keine Sorge!

Jesus hat das alles geschaut und in sein Herz aufgenommen, und er hat dahinter die gute, freundliche Hand Gottes gesehen und hat gesagt: danke, dass du die Erde so reich machst. Danke für deine Freude an der Schönheit. Danke für diese Welt, die überall Gottes Begeisterung für Vielfalt und Leben widerspiegelt. Bestimmt hat Jesus es anders formuliert, aber er hat in dieser zerbrechlichen Schönheit die Freude Gottes am Schönen gespürt.

Und dann hat er seinen Jüngern gesagt: habt keine Angst! Macht euch keine Sorgen darum, wie es weiter geht! Wir haben einen Vater im Himmel, der kümmert sich um die Blumen und um die Vögel, und ganz besonders um uns, und mit diesem Gott der Freude gehört ihr zusammen. Ich zeige ihn euch.

Und wenn Jesus seinen Jüngern etwas gesagt hat, dann hat er das natürlich zuerst selber gelebt. Jesus hätte sich um 1000 Sachen Sorgen machen können: um die Feindschaft der Priester und Schriftgelehrten, um die Schwerfälligkeit seiner Jünger, die ihn immer wieder falsch verstanden haben, um die Frage, wo er am nächsten Abend für 13 Personen eine Unterkunft finden würde, um das Gedrängel um ihn herum, das jeden Tag zunahm, oder auch um den Sturm, der sie einmal mitten auf dem See Genezareth erwischte.

Schon ein einziges von all diesen Problemen würde uns schlaflose Nächte bereiten. Aber Jesus schlief tief und fest, stand früh auf, schaute voller Freude auf die Blumen und die Vögel und sagte: unser Vater im Himmel kümmert sich. Habt keine Angst. Es wird regiert. Wir sind versorgt. Und dann ging er weiter und lebte auch den neuen Tag voller Vertrauen in seinen Vater im Himmel. Der glücklichste Mensch, der je gelebt hat.

Jesus hat gewusst, wie man das macht: einfach hier und heute leben und das Morgen Gott anvertrauen. Deshalb musste er nicht die Last der Sorgen tragen, die uns das Leben oft erst richtig schwer machen. Wir können uns ja um mehr Probleme Gedanken machen, als in einem Menschenleben überhaupt Platz haben. Wir können nächtelang grübeln über Fragen, die sich uns real vielleicht nie stellen. Und damit machen wir das Leben mühsam und arm. Aber Jesus sagt: hört auf damit. Lebt mit Gott, Tag für Tag, und vertraut ihm die Zukunft an. Er sorgt für uns.

Sorgen sorgen für Probleme

Wer für alle denkbaren Probleme vorsorgen will, der hat so viel Stress, dass das Leben nicht mehr schön ist, und möglicherweise bekommt er noch einen Herzinfarkt dazu. Für alle Probleme vorzusorgen, das produziert neue Probleme. Das Misstrauen in die Welt und ihren Schöpfer macht die Welt erst richtig gefährlich. Dass es in der Welt Krieg und Hunger gibt, das liegt nicht daran, dass zu wenig da wäre. Nein, es ist genug für alle da. Selbst für die – ich glaube – acht Milliarden Menschen, die heute leben. Mangel entsteht erst, wenn manche Menschen versuchen, sicherheitshalber mehr zu bekommen, als sie eigentlich brauchen würden. Dann wird es wirklich eng. Es ist genug zum Leben da, aber nicht genug, um für all unsere Sorgen vorzusorgen. Dafür hat Gott die Welt nicht geschaffen.

Wenn Jesus von Gott spricht, dann meint er nicht ein höheres Wesen, das irgendwo weit weg ist und gelegentlich auch mal so großzügig ist, sich um unsere Probleme zu kümmern, wenn wir ihn lange genug nerven. Jesus redet von dem Gott, der die Welt geschaffen hat, weil er das Leben liebt, weil er voll Freude ist und diese Freude mit anderen teilen will. Er hat die Welt mit Licht und Glanz erfüllt, mit großen und kleinen Kunstwerken, und mit Menschen, die an seiner Kreativität beteiligt sein sollen. Er ist die ganze Zeit in seiner Schöpfung am Werk, er lässt seinen Segen durch die Welt fließen, und es ist sein Lebens­atem, der uns leben lässt. Gott nimmt von sich aus Anteil an seiner Welt, sie liegt ihm am Herzen, er teilt seine Fülle mit uns.

Nur überleben wollen reicht nicht zum Überleben

Wenn Jesus uns sagt, wir sollten uns keine Sorgen darum machen, was wir essen und trinken werden, dann meint er nicht, dass Essen nicht wichtig wäre. Er meint nicht, dass wir von Wasser und Brot leben sollen. Jesus hat sich immer gern einladen lassen, wenn irgendwo ein festliches Essen stattfand. Er sagt ja gerade, dass es im Leben um viel mehr geht als um Kalorienaufnahme. Vielleicht haben Sie neulich auch gelesen, dass irgendjemand in Amerika so eine Art Astronautenkost verkauft, die ideal ausgewogene Ernährung, besonders für vielbeschäftigte Leute, die am Computer keine Zeit zum richtigen Essen haben, du kriegst mit dem Zeug alles, was der Körper braucht, Kalorien, Eiweiß, Vitamine, Mineralstoffe. Aber es schmeckt und fühlt sich an wie Kotze.

Wenn du den Menschen auf seinen Kalorienverbrauch reduzierst, dann nimmst du die Freude, die Schönheit und die Würde aus dem Leben, und Gott sowieso. Und am Ende reicht es dann noch nicht mal zum Überleben – denn warum sollte man so ein Leben bewahren wollen? Wie soll so noch Liebe zum Leben wachsen? Andersherum wird ein Schuh daraus: wenn du den ganzen vollen Wert des Lebens kennst, die Fülle und den Glanz, zu dem wir bestimmt sind, die Liebe, die alle Menschen verbinden soll, den gemeinsamen Auftrag, diese Erde zu bebauen und zu bewahren – wenn wir davon erfüllt sind, dann werden wir ganz nebenbei auch dafür sorgen, dass alle genug zu essen haben. Um das nackte Überleben zu sichern, musst du das Leben in seiner ganzen Fülle lieben, so wie Gott es geschaffen hat und erhält. Das Leben ist mehr als die Nahrung: wer die Tiefe und Weite des Lebens nicht kennt, der gefährdet auch das reine Überleben. Wer denkt, dass wir einfach nur Essen und Unterhaltung brauchen, Brot und Spiele, wie die alten Römer sagten, der zerstört unsere Zukunft.

Gott ist das Geheimnis hinter allem, und man versteht die Welt nur, wenn man seine Freude am vollen Leben kennt, aus der alles entstanden ist. Er hätte uns ja auch so einrichten können, dass wir an irgendeiner Tankstelle den Vorrat an Astronautenkost auffüllen, und dann laufen wir wieder. Stattdessen wollte er, dass wir durch unsere Nahrung verbunden sind mit der ganzen Schöpfung und mit all den Menschen, die dazu beitragen, dass wir zu Essen haben. Gott hat uns Grundbedürfnisse gegeben, damit wir mit der Schöpfung verbunden sind, mit der Materie, und mit den anderen Menschen. Nur gemeinsam haben wir Zugang zum vollen Leben.

Der Ursprung, von Neuem lebendig

Am Anfang hat eine große Harmonie gestanden. Menschen und Schöpfung, Menschen und Tiere, Menschen und Menschen, Männer und Frauen – alles passte zusammen. Dann erst ist etwas gründlich schief gegangen, und seit damals leben wir mit Sorgen, mit Feindschaft, und mit der Angst, nicht genug zu haben. Aber mit Jesus kommt zu uns die Erinnerung an den Schöpfer, der uns alle ins Leben gerufen hat. Die Erinnerung an die ursprüngliche Fülle des Lebens, die bei Jesus wieder ganz real ist. Diese Fülle ist immer noch da, obwohl sie in dieser Welt der Sorge verborgen ist, aber wenn wir in den Spuren Jesu gehen, dann entdecken wir sie.

Wie die Welt für uns ist, dass hängt davon ab, wie wir sie sehen und in ihr leben. Schau auf Zahlen, Fakten und Kalorien, und die Welt wird bitter. Was du hast, zerrinnt dir unter den Händen. Inflation, Krieg und Krankheit können alles zerstören. Schau auf Gott und setze sein Reich an die erste Stelle, und du bekommst alles andere dazu. Jesus war der glücklichste Mensch, der je gelebt hat, und das ist sein Rezept dafür, seine Einladung, dieses Leben zu teilen.

Okt 062014
 

Predigt am 14. September 2014 zu Lukas 10,25-37

25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.
29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? 30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?
37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Es ist schon erstaunlich: mit einer Geschichte, die im Kern gerade mal 6 Verse umfasst, hat Jesus es geschafft, dem Wort »Samariter« eine völlig neue Bedeutung zu geben. Heute denken wir beim Wort »Samariter« an jemanden, der bei einem Unfall mit Blaulicht angefahren kommt und erste Hilfe leistet. Zu Jesu Zeiten hatte das Wort »Samariter«, oder genauer: Samaritaner, einen ganz anderen Klang. Man dachte da eher an gefährliche Verrückte, denen man lieber aus dem Weg ging.

Feindliche Brüder

Das Volk der Samaritaner gehörte damals für alle, die sich nach Jerusalem hin orientierten, zu den feindlichen Brüdern, und gerade unter Brüdern tobt manchmal der heftigste Streit. Durch die Wirrungen der Geschichte hatten sich Juden und Samaritaner auseinander entwickelt, politisch und religiös, obwohl sie ursprünglich ein Volk waren, und im Lauf der Jahrhunderte hat es zwischen beiden ganz viel an Krieg, Zerstörung und Hass gegeben. Wer aus dem Norden nach Jerusalem reiste, der machte lieber einen Umweg, als den geraden Weg durch das Gebiet der Samaritaner zu nehmen.

Wenn man nach einem Wort sucht, das für uns heute ungefähr den Beiklang hat, den damals das Wort »Samaritaner« hatte, dann landet man bei so etwas wie »Isla­misten« oder »Salafisten«. Man könnte sagen, die aktuellen politischen Entwicklungen in der Welt, so erschreckend sie sind, führen wenigstens dazu, dass es leichter wird, die Bibel zu verstehen.

Personen, die wir irgendwie kennen

Das übrige Personal in dieser Geschichte ist aber auch nicht ohne. Mit dieser und einigen anderen Geschichten hat Jesus nämlich auch dafür gesorgt, dass Menschen bis heute die Not anderer Menschen als wichtiger empfinden als repräsentative gesellschaftliche Verpflichtungen – mindestens in der Theorie. Der Priester und der Levit, die vorbeikommen und den verwundeten Mann am Straßenrand nicht beachten, die waren ja vermutlich auf dem Weg zu einem Gottesdienst im Tempel, und wenn sie sich um den Mann gekümmert hätten, dann wären sie möglicherweise zu spät gekommen oder hätten sich, wenn der Mann gestorben wäre, religiös unrein gemacht. Wenn man also überlegt, was heute ungefähr dem Priester und dem Leviten entsprechen würde, dann müsste man sich vielleicht so was ausdenken wie: Brad Pitt und Angelina Jolie sind auf dem Weg zur Premiere ihres neuesten Films, sie sehen den Mann liegen, aber sie machen sich Sorge, wie blutige Klamotten auf dem roten Teppich aussehen, und vor allem: wie die Schlagzeilen ausfallen, wenn sie anhalten, sich um den Mann kümmern, aber der stirbt vielleicht an Bord ihrer Limousine.

Weg nach Jerusalem

Weg nach Jerusalem

Die Räuber schließlich, die den Mann so übel zurichten, das waren wahrscheinlich nicht einfache Kriminelle. Als »Räuber« bezeichnete man damals oft Leute, die so einen Kleinkrieg gegen die römische Oberherrschaft führten, eine Art Separatisten oder Milizen. Und wie es dann oft kommt – die Grenze zwischen Freiheitskampf und wahlloser Gewalt verwischt sich im Lauf der Zeit, und irgendwann sind das dann keine mutigen Freiheitskämpfer mehr, sondern Desperados, die für jedes Problem nur noch eine Lösung kennen: Gewalt. Und so lösten diese Milizen damals eine ähnliche Mischung aus Bewunderung und Schrecken aus, wie solche Leute es bis heute tun.

Und der Mann, der da langsam am Straßenrand verblutet, während sie alle vorbeifahren, das ist Max Mustermann, einer von uns, der einfach das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Eine zentrale Frage

Jesus erzählt also nicht eine harmlose Geschichte darüber, dass man anderen in der Not beistehen soll, wo dann alle anschließend sagen: ja, so sollte man das eigentlich machen. Sondern er tritt mit Absicht in so ziemlich sämtliche Fettnäpfchen, die damals verfügbar waren. Und auch der Gesetzeslehrer, der den Anstoß zu diesem Gespräch gibt, hat keine religiöse Frage danach gestellt, wie man nach dem Tod in den Himmel kommt, sondern er hat die Kernfrage gestellt, in der damals Israel zutiefst gespalten war: wie werden wir in den politischen und religiösen Zerrissenheiten der Gegenwart unserer Berufung gerecht, das Volk Gottes zu sein? Was müssen wir tun, um ein Teil der Lösung zu sein und nicht ein Teil des Problems? Was ist der richtige Weg, um Anteil zu bekommen am Leben der kommenden Welt, die Gott herauf führen wird? Wie stehen wir Gott nicht im Weg?

Zu dieser Frage gab es in Israel einen Haufen Antworten: die einen schlossen sich den antirömischen Milizen an, andere setzten auf geistlich-moralische Erneuerung, manche zogen sich in die Wüste zurück, um mit all dem nichts zu tun zu haben, die meisten blieben einfach bei den uralten Ritualen des Tempels, und es gab selbstverständlich alle möglichen Mischformen. Aber der ganze Alltag war umgriffen von der großen Frage: wie werden wir in dieser undurchschaubaren Welt unserer Berufung gerecht?

Und wenn der Gesetzeslehrer Jesus diese Frage nach dem ewigen Leben stellt, oder besser: die Frage nach dem Leben, das der kommenden Welt Gottes angemessen ist, dann verlangt er von ihm: jetzt bekenn endlich Farbe! In welche Schublade gehörst du? Gehörst du zu uns oder gehörst du zu denen? Bist du Freund oder Feind? Aber Lukas charakterisiert das in seinem Evangelium so, dass das keine ehrliche Frage war, sondern er sagt: der wollte Jesus in Versuchung führen, er wollte ihn ihn in eine Falle locken, ihm eine Antwort entlocken, aus der man ihm einen Strick drehen konnte. Zur Not, indem man ihn gezielt missverstand.

Wer fragt, führt

Jesus macht das, was er in solchen Situationen immer tut: er gibt die Frage einfach zurück. Was denkst du denn? Du bist doch der Bibelspezialist, wenn du keine Antwort hast, wer soll sie dann haben? Und da bleibt dem Mann nichts anderes übrig als zu antworten, und er zitiert einfach die klassischen Stellen: du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, mit allem, was du bist. Und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Das sind gute, richtige Sätze. Im Markusevangelium gibt es eine Stelle, wo Jesus selbst diese Sätze zitiert, aber da ist es ein ehrliches Gespräch mit einem, der es wirklich wissen will und keine Fangfragen stellt. Hier an dieser Stelle fühlt Jesus dem Mann auf den Zahn, indem er ihm einfach Recht gibt und damit sagt: genau, so steht es doch in der Bibel, und die Bibel ist die völlig ausreichende Antwort auf alle Lebensfragen. Warum fragst du eigentlich noch, wenn du es doch weißt?

Und jetzt muss der Mann Farbe bekennen. Es reicht eben nicht, Bibelverse zu zitieren, der Knackpunkt ist die Auslegung und Anwendung. Sogar bei Stellen, die eigentlich völlig klar erscheinen. Und mit seinen scheinbar naiven Fragen bringt Jesus den Mann dazu, dass er die verborgene Kernfrage ausspricht, die eigentlich in der ursprünglichen Fangfrage verborgen war: wer ist mein Nächster? Zu wem gehöre ich? Wer hat Anspruch auf meine Solidarität?

Ganz viele religiöse und politische Diskussionen drehen sich nämlich in Wirklichkeit um die Frage: zu wem gehörst du? Bist du auf unserer Seite oder bist du einer von den anderen? Bist du Freund oder Feind? Welches Etikett kleben wir dir an?

Eine Geschichte, die die Schubladen sprengt

Und Jesus weigert sich, selbst seine Schublade zu wählen und erzählt stattdessen die Geschichte vom barmherzigen Samariter, die alle Schubladen gründlich durcheinander bringt. Max Mustermann wird im Urlaub von Desperados überfallen, die am Computer das gleiche Ballerspiel spielen wie er auch, seine Lieblingsstars oder meinetwegen auch seine Lieblingsmannschaft im Tourbus braust vorbei, und am Ende rettet ihn so ein Typ mit langem Bart, dem er zu Hause gar nicht gern nachts auf der Straße begegnen würde.

Wahrscheinlich hat sich Jesus die Geschichte nicht ausgedacht, sondern er hat sie irgendwo gehört. Die ist wirklich passiert. Es ist eine von diesen unglaublichen Geschichten, die nur das Leben selbst schreibt. Und die Frage des Gesetzeslehrers (»Wer ist mein Nächster?« – also: wem bin ich verpflichtet zu helfen, mit wem gehöre ich zusammen?), die dreht Jesus unter der Hand um, so dass sie dann lautet: kannst du dir vorstellen, dass du tot bist, wenn nicht dieser verhasste Typ plötzlich gegen all deine Erwartung Menschlichkeit entwickelt? Kannst du dir vorstellen, dass dein Leben eines Tages daran hängt, dass die Welt anders funktioniert, als du dir das in deinem Freund/Feind-Schubladendenken vorgestellt hast?

Es gibt keine natürlichen Feinde

Und nachdem er so seinen Gesprächspartner wahrscheinlich ziemlich erfolgreich durcheinander gebracht hat, geht Jesus noch einen Schritt weiter und sagt ihm: ok, und jetzt werde du auch so einer, der sich nicht an Schubladen orientiert. Werde du so einer, der die Freund/Feind-Einteilungen nicht als naturgegeben und unveränderlich hinnimmt. Werde unabhängig davon. Lass dir davon nicht vorschreiben, wem du deine Barmherzigkeit schenkst. Gott tut es auch nicht. Gott, so sagt es Jesus einmal in der Bergpredigt, Gott lässt es regnen über Gute und Böse, er verschenkt seinen Segen an die ganze Schöpfung, so wie der Samaritaner seine Hilfe sogar an einen Feind verschenkt hat. Und wenn du Gott von ganzem Herzen liebst, dann wirst du auch so. Dann kannst du den da nicht einfach liegen lassen, auch wenn er ein Feind oder ein Fremder ist.

Die Liebe, von der Jesus (und auch Paulus, wie wir vorhin in der Lesung – Römer 12,15-21 – gehört haben) redet, ist nicht nur in Extremsituationen Feindesliebe, sondern in ihrem Kern. Es ist keine Schönwetter-Liebe, sondern ihr natürliches, ursprüngliches Umfeld ist die zerrissene Welt, wo Angst und Ablehnung herrschen, und wo sich fast alle so orientieren, dass sie überlegen: gegen wen bin ich? gegen was bin ich? Aber die Liebe Gottes, die in Jesus Gestalt angenommen hat, orientiert sich nicht an Schubladen, sondern bringt solche Grenzen durcheinander. Gott sieht, dass jeder Mensch mindestens in einem Winkel seiner Seele ansprechbar ist durch Not und durch Barmherzigkeit. Jeder von uns hat in sich eine Wunde, die seit langem darauf wartet, dass sie durch Barmherzigkeit geheilt wird. Und jeder von uns hat irgendwo, manchmal ganz versteckt, den Wunsch, ein Mensch der Barmherzigkeit zu sein. Manchmal liegt dann eine Gelegenheit am Straßenrand, und wir ergreifen sie, und es tut uns gut. Manchmal können wir auch jemand anderen damit an seine Barmherzigkeit erinnern und ihn so überraschen, und es tut auch ihm gut.

Sich nicht zum Feind machen lassen

Barmherzigkeit ist keine Schwäche, sondern es ist der mächtigste Weg, Frieden zu schaffen. Mit Menschen reden und ihre Geschichten hören, statt ihnen Etiketten ankleben. Lazarettschiffe schicken, die Verwundete heilen, egal zu welcher Seite sie gehören. Menschen eine Heimat geben, die nirgendwo mehr hingehören.

Das gelingt nicht immer, aber es ist den Versuch wert. Ja, manchmal muss man Menschen auch stoppen, damit sie sich selbst und andern nicht noch mehr Schaden zufügen. Ja, manchmal muss man Menschen vor anderen Menschen schützen.

Aber das ist etwas anderes als die Frage, ob ich mich zum Feind machen lasse. Bonhoeffer hat einmal gesagt, wir müssten die Menschen daraufhin ansehen, was sie erlitten haben. Nehmen wir wie der Samaritaner selbst die Frage in die Hand, wer mein Nächster ist. Es ist unsere Entscheidung, sie ist uns nicht von außen vorgegeben. Wir dürfen damit rechnen, dass eines Tages vielleicht unser Leben gerettet werden kann durch die Menschlichkeit eines Menschen, dem wir das nie zugetraut hätten. Wir müssen niemandes Feind sein. Das ist ja gerade das Schlimme, dass so viele denken, es wäre eine Lösung für irgendetwas, wenn ich gegen jemanden oder gegen etwas bin.

Gott jedenfalls ist von Anfang an für uns, aus ihm selbst heraus. Das ist der entscheidende Grund, Gott zu lieben. Und wenn wir das tun, dann kommt seine Barmherzigkeit zu uns und in die Welt.