Sep 142014
 

Predigt am 7. September 2014 zu Offenbarung 5 (Predigtreihe Offenbarung 11)

1 Jetzt sah ich, dass der, der auf dem Thron saß, in seiner rechten Hand eine Buchrolle hielt. Sie war innen und außen beschrieben und war mit sieben Siegeln versiegelt. 2 Und ich sah einen mächtigen Engel, der mit lauter Stimme rief: »Wer ist würdig, das Buch zu öffnen? ´Wer hat das Recht,` seine Siegel aufzubrechen?« 3 Aber da war niemand, weder im Himmel noch auf der Erde, noch unter der Erde, der das Buch öffnen konnte, um zu sehen, was darin stand; 4 keiner war zu finden, der würdig gewesen wäre, die Buchrolle aufzumachen und etwas von ihrem Inhalt zu erfahren. Darüber weinte ich sehr.
5 Doch einer der Ältesten sagte zu mir: »Weine nicht! Einer hat den Sieg errungen – der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross, der aus dem Wurzelstock Davids hervorwuchs. ´Er ist würdig,` das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen.«
6 Nun sah ich in der Mitte, da, wo der Thron war, ein Lamm stehen, umgeben von den vier lebendigen Wesen und den Ältesten. Es sah aus wie ein Opfertier, das geschlachtet worden ist, und hatte sieben Hörner und sieben Augen. (Die sieben Augen sind die sieben Geister Gottes, die in die ganze Welt ausgesandt sind.) 7 Das Lamm trat vor den hin, der auf dem Thron saß, um das Buch in Empfang zu nehmen, das er in seiner rechten Hand hielt.
8 Als es das Buch entgegengenommen hatte, warfen sich die vier lebendigen Wesen und die vierundzwanzig Ältesten vor ihm nieder. Jeder von den Ältesten hatte eine Harfe; außerdem hatten sie goldene, mit Räucherwerk gefüllte Schalen. (Das Räucherwerk sind die Gebete derer, die zu Gottes heiligem Volk gehören.)
9 Nun sangen die vier lebendigen Wesen und die Ältesten ein neues Lied; es lautete: »Würdig bist du, das Buch entgegenzunehmen und seine Siegel zu öffnen! Denn du hast dich als Schlachtopfer töten lassen und hast mit deinem Blut Menschen aus allen Stämmen und Völkern für Gott freigekauft, Menschen aller Sprachen und Kulturen. 10 Du hast sie für unsern Gott zu Königen und Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde herrschen.«
11 Dann sah ich eine ´unzählbar` große Schar von Engeln – tausend mal Tausende und zehntausend mal Zehntausende. Sie standen im Kreis rings um den Thron, um die vier lebendigen Wesen und um die Ältesten, und ich hörte, 12 wie sie in einem mächtigen Chor sangen: »Würdig ist das Lamm, das geopfert wurde, Macht und Reichtum zu empfangen, Weisheit und Stärke, Ehre, Ruhm und Anbetung!« 13 Und alle Geschöpfe im Himmel, auf der Erde, unter der Erde und im Meer – alle Geschöpfe im ganzen Universum – hörte ich ´mit einstimmen und` rufen: »Anbetung, Ehre, Ruhm und Macht für immer und ewig dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm!« 14 Die vier lebendigen Wesen antworteten: »Amen!« Und die Ältesten warfen sich nieder und beteten an.

Unsere Welt wirft mehr Fragen auf als es Antworten gibt. Warum ist sie so schön und großartig und dann wieder so erschreckend und bedrohlich? Warum sind Menschen zu erstaunlichen Taten in der Lage und leben trotzdem so oft unter ihren Möglichkeiten? Was ist mit all den Menschen, die unter die Räder von Gewalt und Zerstörung geraten und davon umgekommen sind? Und vor allem: gibt es einen Weg, um die Schöpfung vor den tödlichen Gefahren zu retten, die überall lauern?

Die Auflösung der Weltfragen

Das Symbol für die Antwort auf all diese und ähnliche Fragen ist in den Bildern des Sehers Johannes die Schriftrolle, die der auf dem Thron, also Gott, in der Hand hält. In dieser Schriftrolle steht, wie es alles zusammenhängt, und wie Gott am Ende seine Schöpfung doch noch zu ihrem Ziel bringen wird. Es ist eine komplizierte Lösung, deswegen ist die Schriftrolle nicht nur auf einer Seite beschrieben, sondern auf beiden Seiten. Aber es gibt eine Lösung für das Rätsel der Welt.

Aber da ist leider noch ein entscheidendes Problem: niemand kann die Schriftrolle mit der Lösung öffnen und lesen. Niemand hat das Recht dazu. Alle sind Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Und das ist ein echtes Dilemma. Als Gott die Welt schuf, da hat er in ihre Fundamente eingeschrieben, dass er sie nicht direkt regieren würde. Er hat es so vorgesehen, dass die Menschen sich in seinem Auftrag um die Welt kümmern sollen. Und jetzt einfach zu sagen: »ok, die Menschen haben es vermasselt, jetzt muss ich die Sache wohl doch selbst in die Hand nehmen.«, das würde die grundlegende Struktur der Welt so verändern, dass es eine ganz andere Welt wäre als die, die Gott geschaffen hat. Nein, es muss eine andere Lösung geben.

Eigentlich hatte Gott schon eine Lösung. Er hat Abraham berufen, damit er und seine Familie diejenigen sind, durch die sein Plan ausgeführt wird. Israel war Gottes Lösung. Aber auch Israel hat sich immer wieder anstecken lassen von Gewalt und Ungerechtigkeit. Es hat diese Rolle, die Lösung für das Problem zu sein, nicht wirklich durchgehalten. Und was nun?

Die Möglichkeit des Scheiterns

An dieser Stelle weint Johannes, weil hier wirklich alles verloren sein könnte. Gibt es keinen Ausweg? Ist wirklich alles gescheitert? Hat Gott eine Welt geschaffen, die sich am Ende rettungslos selbst zerstört? Für einen Augenblick wird diese Möglichkeit sichtbar.
LoweLammZum Glück ist das nur ein kurzer Moment. Und dann gibt es eine Antwort: Der Löwe aus dem Stamm Juda kann die Siegel öffnen, das Geheimnis der Welt verstehen und Gottes Plan zur Ausführung bringen. Der Löwe ist ein altes Symbol des Stammes Juda. Der Löwe ist das Symbol für Stärke, für Herrschaft, man nennt ihn den König der Tiere. Wenn irgendwer es schafft, die letzte, entscheidende Schlacht gegen das Böse zu gewinnen, dann bestimmt der Löwe!
Und dann schaut Johannes hin und sieht – ein Lamm! Ausgerechnet das zarteste und verletzlichste Tier, und in diesem Fall auch noch ein Opfertier, an dessen Kehle der Schnitt noch sichtbar ist, durch den es sein Leben lassen musste. Und Johannes muss das erstmal in seinem Kopf zusammenbekommen: der Löwe, der ihm angekündigt war, und das Lamm, das er sieht. Das Stärkste und Mächtigste und das Zarteste und Verletzlichste, beides muss er zusammenbringen. Und das ist in der Tat das christliche Grundparadox: dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist und dass die Sanftmütigen die Erben der Schöpfung sind.

Lammchristen und Löwenchristen

Es hat immer Christen gegeben, die das nicht zusammenhalten konnten und sich für eine Seite entscheiden haben: die Lammchristen, die dachten, sie wären auf der sicheren Seite, wenn sie schwach und demütig sind und sich nichts trauen, dann können sie ja nichts falsch machen; und die Löwenchristen, die empört mit der Faust auf den Tisch hauen und aus dem Christentum eine Herrschaftsreligion machen, die sie anderen aufzwingen, die denken, sie müssten die Sache Jesu mit den Mitteln weltlicher Macht zum Sieg bringen.

Aber beides gehört zusammen: gerade auf seine äußerlich gesehen schwache Weise erringt das Lamm den Sieg. Und natürlich ist das ein Bild für Jesus. Jesus, der ohne Gewalt und Waffen dennoch auf königliche Weise seine Umgebung prägt, der die Karten des Spiels noch einmal ganz neu verteilt und aus Letzten Erste macht, der in der Bergpredigt von einer anderen Macht spricht, die aus dem Segen Gottes strömt. Und der im Vertrauen auf diese Art von Macht sein Leben eingesetzt hat

Vorhin in der Lesung (Johannes 18,33-38) waren wir Zeugen der Konfrontation zwischen Pilatus, dem Vertreter der Macht, die aus den Gewehrläufen kommt, und Jesus, der auf ganz andere Weise König der Welt ist. Und Pilatus versteht es einfach nicht und hält Jesus für einen harmlosen Spinner.

Gefangen im Machtdenken

Man kann das immer wieder beobachten, wie Menschen, die voll in der Machtlogik drin sind, auch nur noch Machtoptionen kennen und die für die einzig realistischen halten: Waffenlieferungen, Bombenangriffe, Geldzahlungen, Bündnisschlüsse, Truppenentsendung. Wer da erstmal drin steckt, der versteht gar nicht mehr, dass die wirklichen Schlachten um die Herzen der Menschen gehen, sogar nach rein machtpolitischen Gesichtspunkten, und dass es sogar realpolitisch viel effektiver sein kann, Menschen zu lieben und für sie zu sein statt gegen sie. Wer das Spiel der Macht mitmacht, wird am Ende nur die Zerstörung weiter treiben – wir haben das nun wirklich oft genug gesehen, und die Welt wäre wesentlich sicherer, wenn ganz oben auf der Prioritätenliste die Solidarität mit denen stünde, die in Bedrückung und Angst leben müssen.

Der wirkliche Löwe ist das Lamm, der wirkliche König der Welt ist der, der sogar seine Feinde liebt. Davon erzählen die Evangelien, Paulus entwickelt das mit messerscharfer Logik, und Johannes sieht Bilder: jeder auf seine Weise sprechen sie davon, dass jetzt die Zeit gekommen ist, in der das Geheimnis der Welt enthüllt wird. Das Lamm bekommt den Plan Gottes anvertraut, damit es ihn ausführt. Jesus ist endlich der Mensch, auf den Gott gewartet hat, damit er der ganzen Welt den Weg des Friedens zeigt.

Die himmlische Ouvertüre

Und als das klar wird, da erhebt sich im Himmel lauter Jubel. Die 24 Ältesten, die Engel und die ganze Schöpfung stimmen ein gewaltiges Musikstück an, wie die Ouvertüre einer großartigen Oper. Sie freuen sich darauf, Zeuge dieses Stückes zu sein, weil sie jetzt wissen, dass es gut ausgehen wird. Endlich ist der gefunden, der den Plan Gottes ausführen wird. Und alles wartet darauf, dass der Vorhang aufgeht und das Stück beginnt.

Wer steht auf der Bühne?

Und als der Vorhang zur Seite gleitet und den Blick auf die Bühne frei gibt, da stellt sich natürlich die Frage: wo sind die Schauspieler? Und wenn wir noch einmal auf den Gesang in der Ouvertüre achten, dann finden wir da die doch ziemlich schockierenden Antwort: das sind wir. Wir führen dieses Drama auf. Wie lautete der Gesang der Ältesten? »9 Du hast mit deinem Blut Menschen aus allen Stämmen und Völkern für Gott freigekauft, Menschen aller Sprachen und Kulturen. 10 Du hast sie für unsern Gott zu Königen und Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde herrschen.« Jesus ist gekommen, hat auf seine besondere Weise gelebt und ist am Ende auch auf diese besondere Weise gestorben, um uns zu befreien: damit wir unsere Rolle in diesem Stück einnehmen können, damit wir eine neue Menschheit werden, die nicht mehr in den alten Bindungen und Denkmustern drinsteckt und die auf die neue Weise Jesu den Weg der Welt gestaltet.

Jesus hat uns durch sein Blut, also durch sein von Gottes Art durchtränktes Leben, dem er bis zum letzten Atemzug treu blieb, freigekauft, damit wir Gottes Herrschaft in der Welt ausüben, aber eben nicht mit den Pilatus-Methoden, sondern auf Jesu Art, mit den Methoden der Bergpredigt, in einer Souveränität, die kein Geld und keine Waffen braucht und trotzdem königlicher durch die Welt geht als alle Verwalter der Macht.

Die Bedeutung menschlichen Handelns

Jesus hat uns davon befreit, Zuschauer zu sein, und hat uns stattdessen zu Akteuren gemacht, die auf der Bühne der Welt eine entscheidende Rolle spielen. Und die Ältesten, die sich niederwerfen und Jesus anbeten und den Jubel mit Liedern zum Ausdruck bringen, die haben Schalen mit aromatischem Harz, das angezündet wird und den Himmel mit erfreulichem Geruch erfüllt, und es heißt ausdrücklich: das sind die Gebete der Heiligen, also der Christen. Es ist offensichtlich so, dass aus himmlischer Perspektive das unvollkommene, stümperhafte Gebet der Christen einen viel höheren Stellenwert hat, als wir es uns vorstellen.

Und wahrscheinlich gilt das für den anderen Teil unserer Praxis auch: unsere so einigermaßen gesungenen Lieder haben im Himmel einen gewaltigen Widerhall, und unsere einigermaßen stümperhaften Versuche, Jesus nachzufolgen, sind aus himmlischer Perspektive entscheidende Schlachten, die hier auf der Erde geschlagen werden. Deswegen stehen am Anfang der Offenbarung die sieben Briefe an die sieben kleinen Gemeinden, damit bei diesem großartigen himmlischen Schauspiel nicht in Vergessenheit gerät, wie zentral und wichtig die Praxis der einfachen Jesusgemeinschaften ist. Da wird in der Alltäglichkeit der Sieg Jesu in die Welt hinein gebracht. Und endlich gibt es Menschen, durch die Gott die Welt regiert.

Wir kommen damit an die Grenze dessen, was wir verstehen können, aber aus himmlischer Sicht kommt es anscheinend viel mehr auf die richtige Richtung an als auf die Reichweite unseres Handelns. Wenn wir unseren bescheidenen Beitrag leisten, dann kann Gott das aus seiner Fülle heraus bestätigen und ans Ziel bringen, wie auch immer das geht. Am Ende steht der Sieg über alle Mächte des Bösen und der Zerstörung.

Am Start

Damit ist die Bühne bereitet, die Ouvertüre aufgeführt, die Fragestellung des Stückes eingeführt: wie wird nun der Sieg Gottes aussehen? Wir wird die Welt reagieren, wenn die neuen Priester und Könige im Auftrag Gottes beginnen, die Welt zu regieren? Werden sie zu hören bekommen: ach da seid ihr ja endlich, wir haben schon so lange auf euch gewartet! Oder wird es ganz anders kommen? Darauf antwortet der Rest der Offenbarung des Johannes.

Sep 022014
 

Predigt am 31. August 2014 zu Lukas 18,9-14

9 Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel:
10 Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. 13 Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Diese Geschichte spielt an einem heiligen Ort, im Tempel von Jerusalem. Der Tempel war ein Symbol für die Welt, er war ein auf das Allerwesentlichste reduziertes Abbild der Welt. Und das Wichtigste an diesem Tempel war ein leerer Raum. Im Zentrum des Tempels stand kein Götterbild, sondern das Allerheiligste war ein leerer Raum. Der war für den unsichtbaren Gott bestimmt, damit man dort zu ihm beten und ihm vielleicht auch begegnen konnte.

Wenn nun der Tempel ein auf das Wesentliche reduziertes Modell der Welt ist, dann sagt uns das: Gott ist nicht ein Teil unserer Welt, er ist nicht aus Materie, aber er wohnt in der Welt, er lebt verborgen, unsichtbar in seiner Schöpfung, und jederzeit kann es passieren, dass er dir begegnet. Dir kann ein Wort von ihm zufallen, viele spüren etwas von seinem Leben, wenn sie ein neugeborenes Kind im Arm halten, wir können erschrecken, wenn uns klar wird, dass wir andere Geschöpfe verwunden oder zerstören, oder wir können in der Schönheit der Natur etwas spüren von der Freude Gottes an Schönheit.

Iona AbbeyEinige wissen, dass ich vor etwas mehr als zwei Tagen noch in Schottland war, an der Grenze Europas, wo dann eigentlich nur noch der Atlantik kommt. Ich habe da eine knappe Woche auf einer Insel in einer ganz großartigen Weite gelebt, wo man vom höchsten Punkt der Insel aus fast 100 km weit über das Meer sehen kann, mit einem wunderbaren Licht und einem klaren Himmel, und man ahnt da, wie die ganze Schöpfung sich freut, dass sie ins Leben gerufen worden ist. Felsklippen, die über zwei Milliarden Jahre alt sind, irgendwie hat sich das Gras einen Platz geschaffen, wo es wachsen kann, und immer wieder die Wellen, mal ganz ruhig und mal mit großer Kraft. Da ist die Grenze zwischen der sichtbaren Seite der Schöpfung und der verborgenen Seite ganz dünn. Da kann man in dieser wilden und kargen Landschaft etwas entdecken von Gottes Weite, von seiner Herrlichkeit, Kraft und Souveränität.

Aber niemand ist gezwungen, das zu sehen. Vielleicht gibt es ja Menschen, die sogar da gedankenlos durchtrampeln, schnell ein paar Fotos knipsen, die leeren Chips­tüten in die Gegend schmeißen und nichts merken von all dem Wunderbaren und all der Schönheit.

Wo man lernt, Spuren Gottes zu finden

Aber vor 1500 Jahren schon haben sich auf der Insel, Iona heißt sie, irische Mönche angesiedelt, und durch viele Jahrhunderte haben da Menschen gelebt, die anderen Menschen geholfen haben, zu verstehen, wie nahe sie hier Gott sind. Die Mönche haben für diese Nähe Worte und Riten gefunden, so dass Menschen ihrer Ahnung eine Gestalt geben konnten. Und wer das auf der Insel verstanden hat, der kann dann auch zu Hause Gottes Spuren in seiner alltäglichen Welt besser finden und verstehen.

Eine ähnliche Funktion hatte der Tempel in Jerusalem. In seiner ganzen Pracht spiegelte er die Schönheit der Schöpfung, und der heilige leere Raum in seiner Mitte sagte: diese Welt birgt ein Geheimnis, sie ist erfüllt vom Leben Gottes, vom Geist des Schöpfers, den du nicht sehen und manipulieren kannst, aber du kannst ihm begegnen, und vielleicht passiert es gerade hier an diesem Ort und heute an diesem Tag.

Zwei Männer am heiligen Ort

Und dann kommen also zwei Männer dorthin, um an diesem Platz zu beten. Der eine ein Zöllner, der Steuereinnehmer des römischen Imperiums, der sich für einen kleinen Anteil an der Beute als Handlanger der Macht verkauft hat und mithilft, sein eigenes Land auszuplündern und den Menschen das Leben noch schwerer zu machen. Vielleicht würde er heute Spekulationsmilliarden um den Erdball schicken und ganze Volkswirtschaften ruinieren oder andere Wege finden, um den paar Superreichen, denen sowieso schon die halbe Welt gehört, noch mehr Geld und Macht zu organisieren. Der andere ein Pharisäer, also ein Mitglied einer Bewegung, die ursprünglich mal eine gewaltsame Befreiung wollte, sich dann immer mehr auf die religiöse Gestaltung des Alltags konzentriert hat und so die Identität des Volkes bewahren wollte, aber immer noch auf die Befreiung Israels aus Unterdrückung und Willkür hoffte. Zwei Männer, die aus völlig entgegengesetzten Fraktionen Israels stammen.

Aber beide kommen sie an den Ort, wo der unsichtbare Schöpfer der Welt Menschen begegnet. Und dem Zöllner wird es geschenkt, dass er Gott begegnet, und in dieser Begegnung erkennt er in Klarheit seine Rolle und seinen Irrweg. Was er schon immer gewusst hat, bekommt deutliche Konturen, und er erschrickt über sich, dass er sich so weit entfernt hat vom Leben Gottes. Es gibt keine einfache Lösung dafür, und so kann er nichts anderes sagen als: Gott, sei mir Sünder gnädig. Er hat nicht nur seine eigene erbärmliche Rolle wahrgenommen, er hat auch verstanden, dass Gott ihn trotz allem nicht aufgegeben hat und immer noch auf seine Befreiung hofft und daran arbeitet, dass er doch noch zu einem Bild Gottes wird mitten in einer dunklen Welt. Und es ist das Wunder, dass Gott es bis heute immer wieder schafft, Menschen herauszubrechen aus ihrer Komplizenschaft mit den zerstörerischen Mächten in der Welt, sie zu befreien und sie zurückzuholen zur Liebe zu allem Lebendigen. Diese Kraft hat der Mann wahrgenommen, ihr hat er sich in diesem Moment anvertraut, und Gott sagt (laut Jesus): das ist genug, damit kann ich etwas anfangen, jetzt kann es mit uns weitergehen, mit dir und mir.

Beim anderen, dem Pharisäer kommt es zu keiner Begegnung mit Gott. Es liegt nicht daran, dass Gott fern wäre. Gott ist jedem von uns nahe, und heilige Orte, seien sie groß oder klein, haben die Kraft, uns zu einer Begegnung mit ihm zu führen. Aber der Mann schirmt sich ab gegen diese Begegnung, er rezitiert wie ein Mantra die Fundamente seiner kleinen Welt, in der er sich eingerichtet hat: ich faste, ich spende, ich habe noch keinen umgebracht, ich bin ein rechtschaffener Mensch.

Die Welt brennt, überall drohen Katastrophen, es gäbe jede Menge Gründe, um zu sagen: Gott, wie soll das nur gehen – hilf uns, greif ein, wir sind ohnmächtig und zerrissen, sei uns gnädig! In den Psalmen beten Menschen dauernd so. Und dann hätte Gott ihm vielleicht etwas sagen können, er hätte ihm sagen können: fürchte dich nicht, ich bin immer noch da, ich habe mein Volk nicht vergessen, ich werde euch beistehen. Oder etwas anderes.

Aber der Pharisäer kann Gott nicht hören, weil er die ganze Zeit sein Mantra aufsagt, und Gott kann ihn nicht trösten, weil er gar nicht sehen will, wie schlimm es tatsächlich ist. Er stellt sich weder der Realität der zerrissenen Welt noch der Realität des lebendige Gottes.

Mythos Pharisäer

Pharisäer sind bei uns heute ja wohlbekannt als die klassischen religiösen Heuchler, und sie sind ein Mythos, weil mindestens bei uns kein Mensch mehr sich eine heile Welt aus Fasten, Beten und Spenden baut. Wer auf andere herabschaut, der tut es vielleicht, weil sie die falschen Marken tragen, aber nicht, weil sie am Sonntag der Kirche fernbleiben. Die letzten echten Pharisäer und Pharisäerinnen habe ich nach meinem Eindruck jedenfalls schon vor langer Zeit beerdigt. Wenn sich heute einer mit einem Mantra gegen Gott abschirmt, dann sagt er eher: es gibt keinen Gott, es gibt nur Naturgesetze, und ich bin Realist und nicht einer von diesen Spinnern, die immer noch die Welt verbessern wollen. Aber immer geht es darum, dass sich Menschen abschirmen gegen den verborgenen Gott, der uns unerwartet und unverhofft begegnen kann, wenn sich eine Tür zu Gottes Seite der Welt auftut.

Man kann sich gegen diese Begegnung abschirmen mit religiösen Systemen; man kann kann sich auch ein Weltbild schaffen, in dem Gott von vornherein keinen Platz hat, und wo wir auf unsere materiellen Bedürfnisse reduziert sind. Man kann sich sein Leben so vollpacken mit Verpflichtungen und Beschäftigungen, dass man keine Zeit mehr hat, um Gott zu hören. Man kann durch die Welt trampeln und sie vermüllen, bis ihre Schönheit kaum noch zu erkennen ist. Und wenn man doch einmal auf das Geheimnis stößt, das uns von allen Seiten umgibt, dann kann man es auch einfach vergessen und schnell wieder zurückgehen ins Klein-Klein des Alltags.

Zerstörerische Abgrenzungen

Beim Pharisäer ist es besonders die Abgrenzung zum anderen, zum Zöllner, die es ihm verwehrt, Gott zu verstehen. Ich glaube, dass es tatsächlich Gott war, der seine Aufmerksamkeit auf den Zöllner gelenkt hat. Er wollte ihm sagen: schau dir den Zöllner an, selbst für den habe ich Hoffnung, selbst mit dem kann ich einen Weg gehen, den kann ich dir als Gefährten zur Seite stellen, ich arbeite daran, mein Volk wieder herzustellen, sei du auch dabei! Und der Pharisäer folgt dem Wink Gottes, er schaut auf den Zöllner, aber er baut ihn sofort ein in sein Weltbild und sagt: gut, dass ich nicht einer von denen bin! Er verleugnet die Hoffnung Gottes für alle Menschen. Jesus erzählt die Geschichte so, dass deutlich wird: der Pharisäer grenzt sich genau in dem Moment vom Zöllner ab, als der gerade wieder zurückfindet zu Gott, und so durchkreuzt er die Pläne Gottes und macht es Gott noch schwerer, seine Welt zu heilen.

Es ist kein Zufall, dass der Pharisäer den Zöllner nur sieht und nicht mit ihm spricht. Was Gott mit einem Menschen und seinem Herzen tut, das können wir nur erkennen, wenn wir mit ihm sprechen. Von außen zu sehen ist das in der Regel gar nicht. Und wenn Menschen und Menschengruppen dann erstmal von außen gesehen und in Schubladen einsortiert sind, dann nimmt niemand mehr wahr, wie sie vielleicht so einen Moment des Erschreckens haben über das, was sie tun, man sieht auch nicht, was sie erlitten haben, oder was sie eigentlich beitragen könnten zum Reichtum unserer Welt. Selbst die Handlanger des Systems können und sollen noch gerettet werden. Der Glanz der Hoffnung liegt auf allen Menschen. Aber die zerstörerischen Mächte, die an der Verfinsterung der Welt arbeiten, wollen uns gegeneinander in Stellung bringen, damit sie uns um so leichter für ihre Zwecke missbrauchen können.

Hoffnungsperspektiven

Jesus hat das im Namen der Hoffnung unterwandert. Er erzählt eine Hoffnungsgeschichte von einem Zerstörer, der über sich selbst erschrickt und Gott als seinen Beistand entdeckt, der immer noch auf ihn wartet und die Hand nach ihm ausstreckt. Jesus ist der wichtigste heilige Ort, wo Menschen die Güte des Schöpfers und die Treue des lebendigen Gottes entdecken und dann überall wiederfinden können.

Deshalb liegt Hoffnung über der ganzen Welt und auch über den schlimmsten Menschen: selbst über den Finanzhaien, die schon die nächste Wirtschaftskatastrophe planen, den Desperados, die von Krisenherd zu Krisenherd ziehen, von Afghanistan nach Tschetschenien und in die Ukraine, von Syrien in den Irak und wer weiß noch wohin, weil sie nichts anderes mehr können und kennen als kaputtmachen, den Entscheidern, die nur noch im Rahmen des angeblich Machbaren denken wollen und so schon das nächste Desaster vorbereiten, und allen kleinen Leute, die lieber die Augen zumachen als sich der Realität zu stellen – sie und wir alle können und sollen gerettet werden. Für sie und uns alle gibt es einen Platz in Gottes neuer Welt. Aber es braucht Menschen, die dafür leben und anderen die Tür dahin offen halten. Die uns helfen, Gott zu erkennen, so wie es die alten Mönche von Iona taten. Die sich nicht auseinander bringen lassen, so wie Gott sich nicht von uns und der Welt trennt.

Die Welt ist voll von der verborgenen Fülle Gottes und sie ist erfüllt mit der verborgenen Hoffnung, die die Kraft hat, jeden zurückzuholen zum Leben.

Sep 012014
 

Predigt am 17. August 2014 zu Offenbarung 4 (Predigtreihe Offenbarung 10)

1 Danach wurde mir etwas anderes gezeigt. Ich sah im Himmel eine geöffnete Tür und hörte, wie die gleiche Stimme, die schon zuvor mit mir gesprochen hatte und die wie eine Posaune klang, zu mir sagte: »Komm hier herauf! Ich werde dir zeigen, was nach den Dingen, von denen du bereits gehört hast, noch kommen muss.« 2 Im gleichen Augenblick wurde ich vom Geist Gottes ergriffen. Ich sah einen Thron im Himmel stehen, und auf dem Thron saß jemand, 3 von dem ein Leuchten ausging wie von einem Diamanten oder einem Karneol. Ein Regenbogen, strahlend wie ein Smaragd, umgab den Thron mit seinem Glanz. 4 Rings um den Thron standen vierundzwanzig andere Throne, und auf diesen Thronen saßen vierundzwanzig Älteste, die in weiße Gewänder gehüllt waren und goldene Kronen trugen. 5 Von dem Thron ´in der Mitte` her gingen Blitze, Stimmen und Donner aus. Sieben Fackeln brannten vor dem Thron; das sind die sieben Geister Gottes. 6 Die Fläche, die sich vor dem Thron ausdehnte, sah wie ein gläsernes Meer aus und war von kristallener Klarheit.

Unmittelbar beim Thron, rings um ihn herum, standen vier lebendige Wesen, die vorn und hinten mit Augen bedeckt waren. 7 Das erste dieser Wesen glich einem Löwen, das zweite einem jungen Stier, das dritte hatte ein Gesicht wie ein Mensch, und das vierte sah aus wie ein Adler im Flug. 8 Jedes dieser vier Wesen hatte sechs Flügel, und auch die Flügel waren überall – selbst auf der Unterseite – mit Augen bedeckt. Tag und Nacht rufen diese Wesen immer wieder aufs Neue: »Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr, der allmächtige Herrscher, er, der war, der ist und der kommt.«

9 Und sooft sie dem Ehre erweisen, der auf dem Thron sitzt und in alle Ewigkeit lebt, sooft sie ihn rühmen und ihm ihren Dank bringen, 10 werfen sich auch die vierundzwanzig Ältesten vor ihm nieder und beten ihn an – ihn, der auf dem Thron sitzt und in alle Ewigkeit lebt. Sie legen ihre Kronen vor seinem Thron nieder und rufen: 11 »Würdig bist du, Herr, unser Gott, Ruhm und Ehre und Macht zu empfangen! Denn du bist der Schöpfer aller Dinge; nach deinem Willen wurde alles ins Dasein gerufen und erschaffen.«

Mit Kapitel 4 beginnt der zweite, viel längere Teil der Offenbarung. Bisher ging es um 7 Briefe an 7 kleine christliche Gemeinden, die auf ganz unterschiedliche Weise in Auseinandersetzungen mit ihrer Umgebung verwickelt waren. Mehr oder weniger gut haben sie in ihrem Alltag dem Druck der heidnischen Welt standgehalten, und der Seher Johannes sollte ihnen schreiben, damit sie ihre Aufgabe weiterhin gut erfüllen oder sie besser verstehen und ausfüllen.

Von jetzt ab schaut Johannes sozusagen hinter die Kulissen, jetzt wird ihm enthüllt, was im Hintergrund abläuft, im Himmel. Der Himmel ist die Seite der Welt, die den Menschen normalerweise verborgen ist. Vielleicht würden wir heute gar nicht sagen, dass eine Tür irgendwo oben am Himmel aufgeht, sondern heute wäre das entsprechende Bild dafür wohl eher, dass sich hier ganz nahe bei uns eine Tür zu einer Art Parallelwelt öffnet. Johannes darf da hineinschauen.

»Himmel« und »Erde«

»Himmel« und »Erde« sind gar nicht weit auseinander. Man könnte sagen: sie liegen ineinander, an manchen Stellen ist die Wand dazwischen sehr dünn, und manchmal scheinen sich Himmel und Erde für einen Moment zu verbinden. Das ist eine gute Sache, denn im Himmel ist jetzt schon Gottes Wille klar und stark. Im Himmel besteht kein Zweifel daran, dass Gott ein wunderbares Werk vollbracht hat, als er die Welt schuf. Deswegen wird Gott dort unentwegt gepriesen. Und das passiert jetzt, nicht erst irgendwann in der Zukunft. Im Himmel wird jetzt schon festgehalten, dass die Welt gut ist, herrlich und begeisternd.

Das ist deswegen wichtig, weil wir das nicht so klar erleben, und im Lauf der Offenbarung kommt es ja auf der Erde zu Katastrophen und schrecklichen Erschütterungen. Wir leben in einer Zeit, in der wir deutlich solche Erschütterungen spüren. An so vielen Ecken der Welt brennt es. Wir sind schon froh, wenn die Nachrichten heute wenigstens nicht noch schlimmer geworden sind als gestern. Und genau von so einer Welt redet die Offenbarung. Da kommt noch einiges auf uns zu. Aber am Anfang dieses zweiten Teils der Offenbarung sollen wir in den Thronsaal Gottes schauen, wo viele Stimmen miteinander Gott loben für seine Größe und Macht und für das Wunderwerk seiner Schöpfung. Und das bleibt wahr – trotz allem.

Widerstand gegen ein eindimensionales Weltbild

Gott zu loben ist ein Akt des Widerstandes gegen den Tod und gegen alle Mächte, die diese Welt vergiften, verhunzen und unbewohnbar machen wollen. Es wäre diesen Mächten der Zerstörung nur recht, wenn der Himmel ein Hirngespinst wäre und es nur die sichtbare Seite der Welt gäbe. Die könnten sie kontrollieren, da könnten sie die Herren sein. Deswegen versuchen sie, uns einzureden, real sei nur das, was man sehen, anfassen, berechnen und kaufen kann. Sie wollen, dass wir Gottes Alternative für die Welt aus unseren Gedanken verbannen und glauben, die Herrschaft der Mächte wäre alternativlos.

Aber zum Glück ist es nicht so. Zum Glück gibt es den Himmel. Nicht als Endlager für tote Menschen, sondern als den Ort, wo Gottes Sicht der Welt lebendig ist. Im Himmel wohnt das Wissen darum, was Gottes Wille mit der Welt ist. Und von dort aus dringt Gottes guter Wille auch in die sichtbare Welt ein, die wir vor Augen haben. Es soll z.B. hier unter uns Menschen geben, die den Glauben an die Güte des Schöpfers trotz allem festhalten.

Die Geschöpfe und Gottes Volk preisen Gott – je auf ihre Weise

Das Lob Gottes für seine trotz allem gute Schöpfung wird zuerst von den vier Wesen angestimmt, die an Gottes Thron stehen. Es gibt etliche Theorien darüber, was mit diesen Wesen gemeint ist. Es ist die Besonderheit von solchen Bildern, dass man nie 100%ig sicher sein kann, was sie bedeuten sollen. Erst recht, wenn sie fast zweitausend Jahre alt sind. Mir leuchtet am meisten ein, dass diese Wesen die nicht menschlichen Geschöpfe vertreten: der Löwe steht für die wilden Tiere, der Stier für die gezähmten Tiere, der Adler für die Bewohner der Lüfte. Und das Wesen mit menschlichen Zügen steht für uns Menschen, insofern wir auch in den Verbund der geschaffenen Lebewesen hineingehören. Auf eine gewissen Weise sind wir wirklich nackte Affen, auch wenn das längst nicht alles ist, was man über uns sagen kann.

Dass die Menschen aber mehr sind als nackte Affen, das machen die 24 Ältesten deutlich. Das sind die Vertreter der 12 Stämme Israels und die 12 Apostel als Vertreter der Christenheit. Auch das ist die Deutung, die mir am meisten einleuchtet. Aber ich glaube, es passt, dass hier die Vertreter beider Fraktionen von Gottes Volk auf Thronen sitzen und den göttlichen Rat bilden. Sie tragen Kronen als Zeichen der königlichen Würde. So, wie es den Menschen Gottes am Ende des vorigen Kapitels verheißen worden ist, dass sie an Gottes weiser Herrschaft über die Erde Anteil bekommen. Die Aufgabe der Menschen ist es, das Bindeglied zwischen Gott und seiner Schöpfung zu sein.

Und die 4 Wesen als Vertreter der nichtmenschlichen Schöpfung beginnen mit dem Lob Gottes: »Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr, der allmächtige Herrscher, der war, der ist und der kommt.« Das ist fast wörtlich der Gesang der Seraphim aus Jesaja 6. Die Schöpfung hat ihren eigenen Weg, Gott zu loben. Das wird hier im Himmel festgehalten: alle Kreaturen sind dazu bestimmt, Gott zu loben. Sie sind nicht stumm. Sie haben ihren eigenen Wert und ihre Würde, sie sind nicht einfach Sachen, die man nach Lust und Laune verwalten kann. Auch das Tierreich hat seine Repräsentanten im Himmel.

Und dann stimmen die 24 Ältesten in dieses Lob Gottes ein, und der Unterschied zu den tierartigen Wesen ist, dass die Menschen verstehen, was sie da tun, und warum. Du bist würdig, sagen sie, du verdienst es, dass wir dir Ruhm und Ehre geben, denn du hast alles geschaffen. Dein Wille war es, der diese Welt ins Leben rief. Die Schöpfung lobt auf ihre eigenen Weise Gott, aber die Menschen sagen: denn du hast alles erschaffen. Wir loben dich, weil … Menschen können die Geschichte dahinter verstehen, und sie können das durch Anbetung ausdrücken.

Auf Lobpreis hin angelegt …

Was hier im Himmel geschieht, das sagt etwas darüber, was die Aufgabe der Menschen auf der Erde ist: ein Lobpreis Gottes zu sein. In uns soll sich die Freude und das Leben des Schöpfers widerspiegeln. Das ist die große menschliche Berufung.

Ich sage das mit einem gewissen inneren Zögern, weil ich mir nur sehr begrenzt vorstellen kann, wie das aussehen könnte. Klar, dazu gehört, dass wir mit unserer Art zu leben etwas widerspiegeln von Gottes Großzügigkeit und seiner verschwenderischen Art, zu schenken und zu segnen. Das ist leichter gesagt als getan, aber ich kann mir das ein Stück weit vorstellen. Herzliche Gastfreundschaft, großzügiges Schenken, Freude an Schönheit, eine Wirtschaft, die die Umwelt nicht vergiftet oder zerstört, sondern in Frieden mit der Schöpfung lebt, ein Umgang mit Tieren, der die Geschöpfe in ihrem eigenen Wert sieht und nicht bloß als Anhängsel unserer Ernährungsindustrie – wie das alles aussehen könnte, dafür habe ich wenigstens ein paar Bilder im Kopf. Natürlich werden Leute sagen, das wäre unrealistisch, aber ich denke, wenn alle das wirklich wollen würden, dann würden wir das schon hinkriegen.

Das Problem ist nur: warum funktioniert das nicht? Warum sind Menschen wie gelähmt und denken, sie könnten nichts ändern, es sei alles alternativlos? Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass wir hier auf der Erde wenig Erfahrung haben mit dem Lobpreis Gottes. Wir leben in einer Zeit, in der das nicht wirklich einsichtig ist, wozu Anbetung Gottes eigentlich gut sein soll. Sie hat keinen moralischen Nutzen. Man kann nichts dafür kaufen. Gott zu loben bewirkt anscheinend nichts in der Welt. Vielleicht erwärmt es hier und da Herzen, aber eigentlich sind wir etwas ratlos, wozu das eigentlich da ist. Und weil es so wenig plausibel ist, deshalb haben wir auch nicht so viele überzeugende Erfahrungen, wie das aussehen könnte, jetzt, unter uns, in unserer Gegenwart.

Dabei sind wir so eingerichtet, dass Lobpreis eigentlich zu uns passt. Wenn Sie mal schauen, wie oft uns in der Werbung Menschen begegnen, die mit weit aufgerissenen Mündern auf irgendetwas schauen. Das soll ja bedeuten: da ist irgendetwas, das ist so toll und großartig, dass mir vor Staunen der Mund offen stehen bleibt. Oder denken Sie an Anzeigen oder Werbespots, wo ein Auto oder eine Praline oder ein Bier oder was auch immer so dargestellt wird, dass es eine Aura bekommt, sozusagen einen überirdischen Touch, als ob es etwas Verehrungswürdiges sei.

Ich erinnere mich auch an eine Anzeige, wo ein bekannter Sportler bewundernd auf eine Tüte Kartoffelchips zeigt, und man könnte sagen: der lobt und preist diese Chips (obwohl er sicher nie so erfolgreich geworden wäre, wenn er dauernd Kartoffelchips in sich reingestopft hätte). Man merkt daran, dass uns solche Gesten des Lobens und Preisens oder des Hingerissenwerdens nicht fremd sind, auch wenn uns das gar nicht so bewusst ist. Und dann kommen sie eben oft in einem Zusammenhang vor, wo Menschen Elemente und Dinge in der Schöpfung preisen, aber nicht den Schöpfer selbst.

Es gehört zum Menschsein dazu, etwas zu loben und zu preisen, was größer ist als wir selbst. Und wenn das nicht der Schöpfer ist, dann ist es eben eine Tüte mit fettigen Kartoffelchips. Es ist schon komisch, dass so eine Werbung für uns ganz normal ist, aber das Lob Gottes ist unplausibel und unnötig. Es war ein langes Training nötig, bis das keinem mehr auffällt. Das Problem ist nur, dass wir von dem geprägt werden, was wir loben und anbeten.

… aber ungeübt

Deswegen müssen wir uns auf die Suche machen und herausfinden, wie denn unter uns angemessene Anbetung aussieht. Einfach die alten Gesänge wiederholen, damit ist es nicht getan. Jede Zeit muss ihren eigenen Weg finden. Wir müssen heute z.B. auch so von Gottes Schöpfung sprechen, dass es die ganzen Erkenntnisse der Naturwissenschaft aufnimmt, all das Tolle, was Wissenschaftler über den Hintergrund des Kosmos gerade in den letzten Jahrzehnten herausgefunden haben.

Man kann von den früheren Generationen lernen, die irischen Loblieder auf Gott z.B. haben bis heute ganz viel Kraft und Freude in sich. Aber am Ende müssen wir unseren eigenen gemeinsamen Weg und Stil finden, um zu sagen: Gott, deine Schöpfung ist einfach großartig. Wie hast du dir das nur alles ausgedacht! Danke, dass du uns damit beschenkt hast. Ich kann mich nicht satt sehen an all dem Guten, und die Freude aller Geschöpfe erfüllt mein Herz. Du hast es so gut gemacht – wer ist wie du? Wer könnte dir das nachmachen? Und wenn du es so gut angefangen hast, ich traue dir zu, dass du es auch gegen den Widerstand aller dunklen Mächte zu deinem guten Ende bringst.

Sep 012014
 

Predigt am 10. August 2014 zu Offenbarung 3,14-22 (Predigtreihe Offenbarung 09)

14 »Und an den Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Der, der treu ist, der vertrauenswürdige und zuverlässige Zeuge, der Ursprung von allem, was Gott geschaffen hat – der lässt ´der Gemeinde` sagen:

15 Ich weiß, wie du lebst und was du tust; ich weiß, dass du weder kalt noch warm bist. Wenn du doch das eine oder das andere wärst! 16 Aber weil du weder warm noch kalt bist, sondern lauwarm, werde ich dich aus meinem Mund ausspucken.

17 Du sagst: ›Ich bin reich und habe alles im Überfluss, es fehlt mir an nichts‹, und dabei merkst du nicht, in was für einem jämmerlichen und erbärmlichen Zustand du bist – arm, blind und nackt. 18 Ich rate dir: Kaufe bei mir Gold, das im Feuer gereinigt wurde, damit du reich wirst, und weiße Kleider, damit du etwas anzuziehen hast und nicht nackt dastehen und dich schämen musst. Kaufe auch Salbe, und streiche sie dir auf die Augen, damit du wieder sehen kannst. 19 So mache ich es mit allen, die ich liebe: Ich decke auf, was bei ihnen verkehrt ist, und weise sie zurecht. Darum mach Schluss mit deiner Gleichgültigkeit und kehre um!

20 Merkst du nicht, dass ich vor der Tür stehe und anklopfe? Wer meine Stimme hört und mir öffnet, zu dem werde ich hineingehen, und wir werden miteinander essen – ich mit ihm und er mit mir.

21 Dem, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht, werde ich das Recht geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, so wie auch ich den Sieg errungen habe und jetzt mit meinem Vater auf seinem Thron sitze.

22 Wer bereit ist zu hören, achte auf das, was der Geist den Gemeinden sagt!«

Am Ende des siebten und letzten Briefes der Offenbarung steht die Perspektive, die Jesus allen seinen Gemeinden eröffnet. Sie wird beschrieben mit dem Bild, dass sie ebenso wie Jesus auf dem Thron sitzen werden. Der Thron, das ist klar, ist ein königliches Symbol: von einem Thron aus wird regiert. Die Perspektive ist also nicht nur, dass Jesus nach seiner Auferstehung diese Welt regiert, sondern dass er das tut unter Beteiligung seiner Leute.

Anteil an der Weltregierung Gottes

Wer beim Himmelfahrtsgottesdienst auf dem Hüttengelände dabei war, der könnte sich vielleicht erinnern, dass wir da gesagt haben: der Himmel ist die verborgene Seite der Welt, und von da aus wird sie in Wirklichkeit regiert. Der Himmel ist der Kontrollraum für die Erde, er ist sozusagen das Chefbüro. Heute sitzen die Leute mit Macht ja nicht mehr auf einem Thron und geben Audienzen, sondern sie sitzen in einem Büro an einem Schreibtisch oder sie sitzen am Kabinettstisch oder am Vorstandstisch.

Vielleicht ist es für manche von uns kein verlockender Gedanke, noch mehr Zeit am Schreibtisch oder mit Sitzungen zuzubringen, genauso wie mancher alte König vielleicht über seinen unbequemen Thron gestöhnt haben mag und über die vielen Leute, die er mit hoheitsvollem Gesichtsausdruck anhören musste. Aber Thron und Schreibtisch sind ja alles nur Bilder. Gemeint ist: Jesus ist der wahre König der Welt, erstaunlicherweise ist er es, der trotz aller menschlichen Irrungen und Wirrungen den Lauf der Welt lenkt, er regiert, und daran sollen seine Leute beteiligt sein.

Eine andere Art von Macht

Und die Pointe bei der ganzen Sache ist natürlich: wenn Jesus König ist, dann bekommt das Wort »König« eine ganz andere Bedeutung, als wir es normalerweise kennen. Wenn Jesus Macht ausübt, dann ist das eine andere Art von Macht. Wenn Jesus von einem siegreichen Kampf spricht, der es ihm erlaubt, auf dem Thron zu sitzen, dann sind weder Feldzüge noch politische Intrigen gemeint, die er erfolgreich bewältigt hat.

Das muss von Anfang an ganz sein, weil sonst alles falsch wird und aus Jesus und den Christen schnell eine religiös verbrämte Herrschaftsclique werden könnte. Das ist im Lauf der Geschichte manchmal passiert, aber damals zur Zeit der ersten Christen hätte jeder über so eine Idee nur gelacht, weil kaum einer weniger politische Macht hatte als die paar armen Christen. Wenn im Zusammenhang von Jesus und seinen Leuten von Thronen und Macht die Rede war, dann war das entweder ein schlechter Witz oder es muss eine völlig andere Art von Macht gemeint sein.

Und genau darum geht es, aber es ist viel einfacher zu sagen, worin diese andere Macht nicht besteht, als positiv zu beschreiben, wie sie funktioniert. Die normale Art von Macht kennen wir, über die hören wir jeden Tag in den Medien. Aber diese andere Art von Macht, über die wird seltener gesprochen, und deswegen ist sie uns nicht so geläufig, deswegen muss man das immer ganz von Anfang an durchbuchstabieren. Also habt ein bisschen Geduld mit mir und lasst euch auf diesen Gedankenweg ein!

Ein Sieg in zwei Schritten

Der Sieg, von dem Jesus redet, den hat er in zwei Etappen errungen: das erste Mal am Anfang seines Wirkens, als er in der Wüste dem Satan begegnete und der ihn auf die Probe stellte. Aber Jesus blieb fest und sagte: nein, ich werde meine göttlichen Kräfte nicht benutzen, um Brot zu zaubern, oder um Leute mit Propaganda zu beeindrucken. Und ich will auch nicht deine Art von Weltherrschaft aus deiner Hand haben. Das bleibt auch alles noch im Negativen: so nicht! Aber als sich dann der Satan wütend verzogen hat, da kommen die Engel Gottes und versorgen Jesus mit Essen. Nachdem er dem satanischen Zugriff auf die Welt widerstanden hat, da erschließt sich der verborgene Segen.

Die zweite Etappe des Kampfes kam am Ende, als Jesus auf seinen Tod zuging, und sich abzeichnete, dass er die ganze Brutalität politischer Macht am eigenen Leib erfahren würde. Und auch da hat er sich geweigert, dieser Drohung des Kreuzes mit den gleichen Mitteln entgegen zu treten. Man kann sagen, dass die Versuchung durch den Satan in einem Bild vorwegnahm, worum es für Jesus am Kreuz ging: auch unter diesem erbarmungslosen Druck frei zu bleiben von der Art, mit der die großen Mächte dieser Welt die Menschen unter Kontrolle halten. Im Kreuz konzentrierte sich die grausame Macht des stärksten Imperiums, das die Welt bis dahin gesehen hatte. Trotzdem ließ sich Jesus nicht von seinem Weg abbringen. Und auch das ist erst mal eine negative Aussage: ich lasse mich nicht auf eure Logik ein! Aber als Jesus sein Leben beendet hat, in Treue zu Gott bis zum letzten Atemzug, da griff Gott ein und ließ ihn auferstehen. Als die Mächte der Welt ihre ganze Todesmacht gezeigt hatten, da zeigte sich, dass das Leben Gottes stärker ist.

Das war der grundlegende Durchbruch. Denn wenn selbst das Kreuz nicht das Leben Gottes zerstören konnte, dann gibt es nichts, das stärker sein könnte als der Segen, der von Gott her in die Welt strömt.

Ein Durchbruch – viele Durchbrüche

Aber dieser grundlegende Durchbruch, der muss sich nun in der ganzen Welt ausbreiten. Mit einem noch ziemlich neuen Fremdwort kann man sagen: dieser Durchbruch muss implementiert werden. Er muss angewandt und umgesetzt werden, er soll zu ähnlichen Durchbrüchen im Kleinen und im Großen führen, überall auf der Welt, in allen Zeitaltern und Kulturen.

Man kann sich das auch klar machen an einem Musikstück. Der Komponist hat es geschrieben, aber es soll ja nicht auf dem Notenblatt stehen bleiben, sondern es soll zu lebendiger Musik werden. Es muss aufgeführt werden, und es wird immer wieder anders klingen, abhängig von der Qualität der Instrumente und dem Können der Musiker, je nach Geschmack der Zeit und Temperament des Dirigenten. Aber es geht immer um das selbe Stück, und ohne den Komponisten und seine Idee und seine Arbeit hätte es all diese Aufführungen nie gegeben.

Und da kommen eben die Leute Jesu ins Spiel. Wir sollen dafür sorgen, dass das Stück aufgeführt wird, dass der Durchbruch, den Jesus erreicht hat, sich in allen möglichen und unmöglichen Situationen wiederholt. Deshalb sollen wir der Logik der Mächte und ihrer Art von Macht widerstehen und stattdessen Ausschau halten nach dem verborgenen Segen, der eine bessere Lösung ist als die Herrschaftslogik der Mächte. Das ist die Art, wie Jesus die Welt regiert: indem er Menschen losschickt, die mindestens eine Ahnung haben vom verborgenen Segen in dieser Welt.

Menschen, die Segen bringen

Menschen, die mindestens eine Ahnung davon haben, dass es ganz real nachhaltiger ist zu segnen als zu bomben. Das haben uns die Kriege der letzten zwanzig Jahre sehr deutlich gezeigt, dass aus Gewalt immer neue Gewalt entsteht. Diese ganzen Methoden von Bestrafen, Vergelten, Belehren und Vernichten, die funktionieren einfach nicht. Es ist wesentlich effektiver, Segen weiterzugeben: also Krankenhäuser zu bauen und Seuchen zu bekämpfen, für Gerechtigkeit zu sorgen, Menschen ein Auskommen zu verschaffen, Flüchtlinge gastfreundlich aufzunehmen, all diese Dinge. Es ist nicht nur weniger riskant, Ärzte und Lebensmittel zu schicken als Soldaten, es ist sogar billiger. Ich frag mich, warum sich der Steuerzahlerbund da noch nicht hintergeklemmt hat und sich beschwert, was da an Geld verschwendet wird.

Im Großen, in der Politik, ist das oft besser zu beobachten, aber das funktioniert genauso leicht oder genauso schwer auch im Kleinen. Segen weitergeben, selbst zum Segen zu werden, das ist die beste Art, Einfluss auszuüben. Aber das bedeutet in der Regel mehr an persönlichem Einsatz, mehr Überwinden von Denkgewohnheiten, mehr Nötigung, sich zu exponieren. Unser ganze Alltag ist anders eingerichtet, die ganze Strömung des Lebens zieht uns woanders hin. Meistens muss erst der normale Lauf der Welt kräftig rumpeln und krachen, bis wir überlegen, ob es auch anders geht.

„Wir kriegen das schon allein hin“

Deswegen hat Jesus so viel Mühe mit der Gemeinde in Laodizea. Das war eine reiche Stadt, sie hatten dort viele bekannte Banken und exportierten Wolle und Stoffe. Kurz vor diesem Brief hatte es da ein Erdbeben gegeben, und als die Römer fragten: braucht ihr Hilfe zum Wiederaufbau?, da sagten die Laodizener: nein danke, das kriegen wir schon allein hin. Und irgendwie scheint das auch auf die Christen dort abgefärbt zu haben, diese Haltung: wir brauchen nichts.

Am entscheidenden Punkt bettelarm

Und der Brief versucht ihnen deutlich zu machen: auch wenn ihr gut versorgt seid mit Geld und Stoffen und allem möglichen – euch fehlt gerade das wirklich Wichtige, nämlich der Schatz im Himmel und das weiße Gewand der Himmelsstaatsbürgerschaft, also kurz gesagt: euch fehlen all die menschlichen Qualitäten und die Verbindung zu Gott, die es euch erlauben würden, wirklich aktiv an der Herrschaft Jesu beteiligt zu sein. Wenn man auf eure Beteiligung an der Weltregierung Gottes schaut, dann seid ihr ganz arme Hunde, und ihr wisst es noch nicht mal. Eure christliche Substanz ist so dünn, dass ihr als Thronerben Gottes eine glatte Fehlbesetzung seid, ihr wäret ein Witz auf meinem Thron.

In diesem Zusammenhang steht dann das berühmte Wort davon, dass sie weder heiß noch kalt sind, sondern lau, und dass Jesus das zum Kotzen findet. Sie haben irgend etwas von ihm begriffen, aber sie setzen es nicht um, sie schwärmen vom Notenblatt, aber sie geben kein Konzert. Sie feiern seinen Sieg, aber sie siegen nicht selbst in ihrer Zeit in ihrer Stadt. Und jeder von uns denkt jetzt hoffentlich darüber nach, wie es da mit ihm und seiner Gemeinde bestellt ist.

Bestehen in einer Welt voller Umwälzungen

Dies ist der letzte von den sieben Briefen der Offenbarung. Danach fängt das an, wofür die Offenbarung berühmt und berüchtigt ist: Schilderungen von Umbrüchen, Erschütterungen und weltweiten Katastrophen. Und diese Zusammenstellung sagt: das ist der Horizont, in dem ihr lebt. So sieht die Welt aus, in der als Gemeinden eine entscheidende Rolle spielt. Auch wenn sich das aus eurer Perspektive relativ normal und alltäglich anfühlt, ihr steht mitten in einem kosmischen Drama, und es nicht egal, ob ihr schon Übung mit dem Siegen habt, oder ob ihr immer nur die Notenblätter studiert, statt das Stück endlich mal selbst aufzuführen. Natürlich kann man sich bei so einem Auftritt blamieren, aber wozu ist denn Musik da, wenn sie nicht gespielt wird?

Und wenn all diese Umwälzungen auch euch erreichen, dann sollt ihr vorbereitet sein. Solange alles im grünen Bereich scheint, da kommt man auch mit den normalen Mitteln einigermaßen durch. Da bewältigt man auch mal kleinere Katastrophen wie ein Erdbeben ohne Hilfe von außen.

Wir haben hier in Europa jetzt lange solche Zeiten erlebt, wo alles friedlich und zivilisiert zuging. Der erste Weltkrieg liegt ein Jahrhundert zurück, der zweite bald auch schon siebzig Jahre. Aber irgendwie scheint es, dass die Zeiten wieder gefährlicher werden. Und dann braucht man dringend Erfahrung damit, auf Jesu Art zu siegen, anstatt immer wieder fantasielos die alten Reaktionsmuster durchzuspielen. Darin sind wir ziemlich untrainiert. Es wird Zeit, dass wir unsere tatsächlichen Defizite wahrnehmen und lernen, auch unter schwierigen Bedingungen aus dem verborgenen Segen heraus zu handeln.