Jul 072014
 

Predigt am 6. Juli 2014 zu Offenbarung 3,7-13 (Predigtreihe Offenbarung 08)

7 An den Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: So spricht der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet, sodass niemand mehr schließen kann, der schließt, sodass niemand mehr öffnen kann: 8 Ich kenne deine Werke, und ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann. Du hast nur geringe Kraft, und dennoch hast du an meinem Wort festgehalten und meinen Namen nicht verleugnet. 9 Leute aus der Synagoge des Satans, die sich als Juden ausgeben, es aber nicht sind, sondern Lügner – ich werde bewirken, dass sie kommen und sich dir zu Füßen werfen und erkennen, dass ich dir meine Liebe zugewandt habe.
10 Du hast dich an mein Gebot gehalten, standhaft zu bleiben; daher werde auch ich zu dir halten und dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über die ganze Erde kommen soll, um die Bewohner der Erde auf die Probe zu stellen. 11 Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit kein anderer deinen Kranz bekommt.
12 Wer siegt, den werde ich zu einer Säule im Tempel meines Gottes machen und er wird immer darin bleiben. Und ich werde auf ihn den Namen meines Gottes schreiben und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel herabkommt von meinem Gott, und ich werde auf ihn auch meinen neuen Namen schreiben.
13 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.

Das Buch der Offenbarung besteht ja aus zwei Hauptteilen: erst sieben Briefe an sieben Gemeinden Kleinasiens, und dann eine große Szenerie der Erschütterungen, die über die Erde kommen, wenn sich die Mächte der Zerstörung mit aller Kraft wehren gegen die neue Welt, die Gott heraufführt.

Derselbe Konflikt, unterschiedliche Reichweiten

Und hier in diesem Brief an die kleine christliche Gruppe in Philadelphia finden wir die Verbindung zwischen diesen beiden Teilen des Buches: der Druck, den diese paar Christen schon aushalten mussten und die schlimmen Zeiten, die über die ganze Erde kommen werden (hier heißen sie »die Stunde der Versuchung«), die sind aus demselben Holz geschnitzt. Die Dimensionen sind anders, hier betrifft es wahrscheinlich nur eine sehr überschaubare Zahl von Menschen, zwanzig oder dreißig vielleicht, und im zweiten Teil des Buches geht es um die ganze Erde, aber die Sache, um die es geht, ist jedes Mal die gleiche: Gott holt seine Welt, die er geschaffen hat, zurück, er entreißt sie der Zerstörung und Verwüstung. Er erneuert die Schöpfung, damit sie an das Ziel kommt, für das er sie geschaffen hat. Und das erschüttert die Welt in ihren Grundfesten.

Wenn wir heute das Gefühl haben, dass wir auf wankendem Boden stehen, weil überall Krisen und Bedrohungen heraufziehen, das ist eine gute Voraussetzung, um solche Texte aus der Bibel zu verstehen. Die wussten damals noch nichts von unseren Finanzkrisen, vom Schmelzen des Polareises, von zerstörten Regenwäldern und verstrahlten Landschaften. Man kannte damals auch noch nicht so viele Wege, um Probleme einfach in die Zukunft zu verschieben, wo sie dann unsere Aussichten überschatten wie eine heraufziehende Gewitterfront. Immerhin hatten sie schon Erfahrungen mit Aufständen und Bürgerkriegen, wo allgemeines Misstrauen herrscht und am Ende ehemals Verbündete sich gegenseitig mit brutalem Hass bekämpfen. Und sie hatten auch schon Erfahrungen mit Menschen, die nur noch an gewaltsame Lösungen dachten, weil sie in einer Welt von Gewalt lebten und nichts anderes kannten.

Die Auferstehung erschüttert die Welt des Todes

All diese Bedrohungen sind in Schriften wie der Offenbarung des Johannes vorweggenommen, auch wenn wir da keine präzisen Prognosen lesen, sondern eher dichterische Umschreibungen: Bilder für das, was prophetische Menschen wie der Seher Johannes spüren, schon lange, bevor es eintrifft.

Alles hat begonnen mit der Auferstehung Jesu. Das war die fundamentale Erschütterung der alten Welt des Todes, die bis dahin unangefochten herrschte. Und von da an unterwandern die Nachfolger Jesu die Welt mit Heil und Heilung. Das ändert alles, weil hier eine neue Welt heranwächst, die nicht mehr dem Tod unterworfen ist und nicht mehr im Zeichen der Angst steht.

Die stärkste Bedrohung für jede kaputte Ordnung ist eine neue, lebendige Welt. Und deshalb versuchen die alten Mächte, diese Alternative auszulöschen. Wie sie das in Philadelphia genau gemacht haben, das erfahren wir hier nicht, aber die Jesusleute dort müssen anscheinend einen großen Druck ausgehalten haben. Aber sie sind fest geblieben, sie haben sich nicht einschüchtern lassen, sie haben sich nicht irritieren lassen, sie haben sich erinnert, dass Jesus schon seinen Jüngern gesagt hat, dass es darauf ankommt, fest zu bleiben, standhaft und klar.

Vorbereitet für Größeres

Und das war sozusagen das Training für das, was noch kommen soll, es war die Probe, die sie vorbereitet, und sie haben bestanden. Jesus verspricht ihnen deshalb, dass er sie auch in den größeren Erschütterungen bewahren wird, die noch kommen. Vielleicht erspart er sie ihnen, vielleicht wird er ihnen helfen, auch in Zukunft so zu bestehen wie in der Vergangenheit. Jedenfalls: sie haben im Rahmen ihres Auftrages ihre Stellung gehalten, auch wenn sie nur wenige waren, und im Gegenzug wird Jesus sie im großen Rahmen halten.

Wir kennen ja heute einen Haufen Filme, wo die Erde oder die Zivilisation in irgendeiner Weise beinahe oder wirklich zerstört wird: durch Erdbeben, durch Aliens, durch Drachen oder andere Monster, durch Klimakatastrophen oder Meteoriten oder was auch immer. Und all diese Filme zeigen nebeneinander einerseits das große Bild mit globalen Zerstörungen und unzähligen Menschen auf der Flucht, und andererseits wie unter der Lupe ein paar Menschen und wie sie mit dieser Bedrohung umgehen: ob sie sich unter diesem Druck von Eigennutz und Gier leiten lassen, oder ob sie solidarisch bleiben, zusammenstehen und über sich hinauswachsen.

Und das spiegelt genau diesen Zusammenhang aus der Offenbarung wider: einerseits die kleinen christlichen Gruppen, an die Johannes seine Briefe schreibt, und andererseits das globale Bild, das ab Kapitel 4 entfaltet wird. Der Unterschied ist unter anderem, dass die Johannesoffenbarung keine Geschichte erzählt, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft spielt, sondern Johannes macht deutlich, dass das alles schon in den Ereignissen der Gegenwart drin steckt. Wir gehen nicht auf eine Art Weltuntergang an einem bestimmten Termin in naher oder ferner Zukunft zu, sondern wir leben seit der Auferstehung Jesu, seit 2000 Jahren, in einer Auseinandersetzung zwischen der alten und der neuen Welt, die sich immer weiter zuspitzt.

Das Schlüsselwort dafür ist »Versuchung«. Man kann es auch übersetzen mit »Probe«. Die ganze Schöpfung wird erprobt, sie wird vor die Frage gestellt, mit wem sie es hält: ob sie zur neuen Auferstehungswelt gehören will, die seit Jesus diese Welt durchdringt wie der Sauerteig das Mehl, oder ob sie es mit den Mächten der alten Welt hält, die lieber die ganze Welt gegen die Wand fahren als sie freiwillig Gott zu überlassen.

Die Last der Fraktionen im Volk Gottes

Zu den Belastungen, die die Jesusleute aus Philadelphia ertragen mussten, gehörte auch, dass das Volk Gottes sich an diesem Punkt nicht einig ist. Gott hat sich über lange Zeit ein Volk geschaffen, das Volk Israel, das durch viele geschichtliche Erfahrungen hindurch zu einem Volk der Freiheit geworden ist und sich nie seinen Unterdrückern gebeugt hat. Damals im ersten Jahrhundert kamen auch viele Menschen aus anderen Völkern dazu, weil es dort in dieser dunklen Zeit Orientierung gab. Aber das Volk war tief gespalten über die Frage, wie man auf die Übermacht des römischen Imperiums und seiner Kultur antworten sollte. Frömmigkeit, Gewalt und Rückzug aus der Welt – all diese verschiedenen Wege probierten die verschiedenen Fraktionen aus, und dann kam noch der Weg Jesu dazu. Auseinandersetzungen unter Geschwistern sind oft die härtesten, und so war es auch in Philadelphia.

In dieser Situation bezeichnet sich Jesus als der, der die »Schlüssel des Hauses Davids« hat. Das bezieht sich auf eine alte Erzählung davon, wie ein unfähiger Haushofmeister im Jerusalemer Königspalast durch einen besseren ersetzt wird. So ein Haushofmeister verwaltet sozusagen den Generalschlüssel. Jesus sagt damit also: ich öffne euch den Zugang, damit ihr verwurzelt seid in dieser langen Geschichte Israels. Unter den Jesusanhängern waren Juden genauso wie Menschen aus den anderen Völkern, aber sie müssen beide verwurzelt bleiben in dem Weg, den Gott mit Abraham begonnen hat. Gott hat mit Israel ein Volk geformt, in dem der Weg Jesu überhaupt verstanden werden konnte. Auch wenn viele diesem Weg nicht zugestimmt haben, sie wussten wenigstens, worum es geht. Andere Völker, in denen die Frage nach der Freiheit gar nicht verankert war, hätten das noch nicht mal verstanden.

Türöffner zu Israels Geschichte und zu Menschen in der Welt

Und deshalb ist Jesus der Türöffner in zweierlei Hinsicht: er öffnet Juden und Heiden einen anderen Zugang zum Weg Israels, und er öffnet den Christen von Philadelphia eine Tür, durch die sie Menschen aus ihrer Umgebung erreichen können. Die Verwurzelung im Weg Gottes und die Öffnung für Menschen aus allen Volkern sind keine Gegensätze, sondern sie stärken sich gegenseitig. Wenn Menschen miterleben, wie Anhänger Jesu in Bedrohungen und Bedrückungen standhaft bleiben, nicht den Mut verlieren und das Richtige tun und sagen, das bleibt nicht ohne Wirkung.

Die ersten Christen hatten Antworten, wo andere keine hatten: sie konnten Menschen aus allen Schichten einer zerfallenden Gesellschaft zusammenbringen – das konnte sonst keiner. In einer Zeit der Globalisierung, ohne Rentenversicherung und ohne Sozialstaat, mit zerfallenden Familien und Clans, kümmerten sie sich umeinander und um andere. Andere Leute gingen aus Tradition in Tempel, deren Götter ihnen persönlich nichts bedeuteten; die Anhänger Jesu waren bis in die Details ihres Lebens hinein täglich mit ihm verbunden. Und sie waren gewohnt, Druck und Drohungen auszuhalten, sich nicht einschüchtern zu lassen und auf die Kraft der Auferstehung in ihrem Leben zu vertrauen. Sie konnten das alles, weil sie in der Geschichte Gottes mit seinem Volk verankert waren. Jesus hatte es ihnen neu erschlossen.

In unserer Zeit, in der sich ein riesiges Krisenpotential anhäuft, wo -zig mal mehr Geld durch die Welt vagabundiert, als wir jemals an Werten produzieren können, wo Menschen schon mit ihren eigenen Problemen immer weniger zurecht kommen, da sollten wir lernen an den vergleichsweise noch kleinen Drucksituationen, die uns begegnen.

Wie Türen trotz »kleiner Kraft« aufgehen

Im richtigen Moment das Richtige sagen können, sich nicht einschüchtern lassen, von Hoffnung geprägt sein statt von der »Da kann man nichts machen«-Mentalität, von der Auferstehung her denken, die den Tod in die Schranken gewiesen hat. Nicht so viel Sorge um Geld haben. Nicht so viel Sorge um sich selbst haben. Das alles sorgt dafür, dass die richtigen Türen aufgehen. Am Ende überzeugt das manchmal sogar die, die am Anfang am heftigsten dagegen Sturm gelaufen sind.

Mit all dem kann man auch beginnen, wenn man nur eine »kleine Kraft« hat wie die Jesusleute von Philadelphia. Es sind nicht viele, aber Jesus kündigt an, dass sie eine Säule im Tempel Gottes werden sollen. Säulen stützen ein Gebäude. Im Neuen Testament wird das Bild vom Tempel im übertragenen Sinn benutzt: die Gemeinde ist der Ort, wo man Gott begegnet, nicht ein Gebäude. Diese paar Leute, die sich nicht erschüttern ließen, an denen werden sich viele andere orientieren können, innerhalb und außerhalb der Kirche. Sie müssen nur weiter so fest bleiben, dann wird Jesus dafür sorgen, dass seine Leute nicht umsonst durchgehalten haben.

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