Jul 142014
 

Predigt am 13. Juli 2014 (Besonderer Gottesdienst) zu Matthäus 23,8-12

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Der Gottesdienst begann mit einem Zusammenschnitt von Videoclips zu Volksaufständen von der Ukraine 2013 bis zum „Prager Frühling“ 1968.

8 Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.
9 Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. 10 Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. 11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein.
12 Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.

»Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen« sagt Jesus, und damit stellt er das Machtsystem seiner Zeit grundlegend in Frage. Kein Vater mehr? Die ganze Gesellschaft beruhte damals darauf, dass jede Familie einen Chef hat. Der trifft die Entscheidungen: für die Frauen sowieso, aber genauso für seine Söhne und ihre Familien und für alle anderen, die zum Clan gehören.

Das politische System und das Familiensystem

Auch bei uns ist das noch lange so gewesen, wenn auch in abgemilderter Form, und in vielen Teilen der Welt ist das bis heute selbstverständlich so. Und die Familienstrukturen stimmen überein mit den staatlichen Strukturen: ein starker Mann an der Spitze, sozusagen der Übervater des ganzen Landes. In all den Ländern, in denen wir in den letzten Jahren Aufstände und Umstürze erlebt haben, gab oder gibt es diese Überväter: die Mubaraks, Januschenkos, Erdogans, und wie sie alle heißen. Mir ist ein Licht aufgegangen, als ich irgendwo von diesem Zusammenhang gelesen habe: dass im arabischen Frühling die Menschen nicht nur gegen die tyrannische politische Ordnung gekämpft haben, sondern dass das auch ein Abschied vom System der Väter war, nach dem die ganze Gesellschaft immer noch organisiert ist.

Ein Vater im Himmel …

Vor 2000 Jahren, als Jesus die Herrschaft der Väter in Frage stellte, war dieses Gesellschaftssystem natürlich noch wesentlich mächtiger als es heute immer noch ist. Aber Jesus gründet die Gemeinschaft seiner Jünger als eine Gemeinschaft ohne Väter. Interessant ist die Begründung: ihr habt einen Vater im Himmel, deshalb sollt ihr auf der Erde Geschwister sein. Oft haben Menschen die Herrschaft der Väter und Herren gerade damit begründet, dass die Erde genauso geordnet sein sollte wie der Himmel: wenn es dort oben einen Gott und Herrn gibt, dann muss es auf der Erde dementsprechend auch Chefs geben, die uns sozusagen als kleine Götter beherrschen.

… und auf Erden Geschwister

Bei Jesus ist die Argumentation aber genau andersherum: weil es den Vater im Himmel gibt, deshalb soll kein Mensch diese Vaterrolle einnehmen. Und Jesus sprach auch von seinem Vater im Himmel nicht wie von einem Despoten, der hoch oben thront und Gehorsam fordert, sondern er redete Gott als »Abba« an, ein Wort, das damals kleine Kinder für ihren Vater benutzten, so wie »Papa« oder »Väterchen«. Da klingt Vertrautheit und vielleicht auch Zärtlichkeit mit. Jesu Vater ist kein Schlaffi, er tritt dem Bösen und Zerstörerischen mit Entschiedenheit entgegen. Aber er ist zugänglich, ein Vertrauter, der seinem Sohn Jesus den Rücken stärkt.

In Israel hat Gott allerdings die Herrschaft der Väter schon immer relativiert. Im Alten Testament gibt es viele Geschichten von tüchtigen, klar blickenden Frauen, an denen sich mancher Mann ein Beispiel nehmen konnte. Oder: der große König David war ausgerechnet der jüngste Sohn seines Vaters, und stand damit in der patriarchalischen Rangfolge eigentlich ganz unten. Ausgerechnet er wurde Israels größter König.

Aber Jesus gründet eine Gemeinschaft, die überhaupt nicht mehr nach patriarchalischen Prinzipien organisiert ist. Jesus schafft einen Raum, der ohne heilige oder unheilige Väter, Lehrer, Meister usw. auskommt. Deswegen tauchen bei ihm auch die vielen Frauen auf, mit denen er genauso redet wie mit seinen männlichen Jüngern. Es ist ein Lernraum, wo man erste Schritte tun kann, um all die Hierarchien hinter sich zu lassen, die die Menschen voneinander trennen und gegeneinander in Stellung bringen. Wahrscheinlich haben viele gar nicht verstanden, was da mit ihnen geschah, aber sie merkten: es ist gut so. So – sagen wir mal: kameradschaftlich – als Männer und Frauen zusammenzugehören, das ist viel besser als die Aufteilung von Männern und Frauen in zwei Welten, die sich misstrauisch gegenüberstehen.

Die Last traditioneller Prägungen

Man muss sich aber nicht wundern, dass sich im Lauf der Zeit in der Christenheit auch wieder patriarchalische Verhaltensmuster eingeschlichen haben. Die ganze Gesellschaft war so geprägt; neue Christen verloren ihre Prägungen nicht automatisch mit der Taufe. Und wenn Menschen die Last der Unterdrückung loswerden, dann werden sie nicht automatisch edel und gut, sondern manchmal auch chaotisch oder selbst kleine Tyrannen. Und dann liegt es nahe, dass man eine gewisse Ordnung schafft, damit man überhaupt noch vernünftig miteinander auskommt und nicht die Schwächeren auf der Strecke bleiben. Und so hießen dann Gemeindeleiter irgendwann doch wieder »Pater«, also »Vater« auf lateinisch.

Jesus wusste, warum er nicht gleich zum Angriff auf die ganze herrschaftlich verfasste Gesellschaft geblasen hat: Menschen müssen erst ihre Prägungen verlernen und neue Erfahrungen machen, bevor sie wirklich frei werden von ihren unterdrückerischen Prägungen, ihrer Furcht und ihrem Wunsch zu dominieren. Die Herrschaft der Väter hält die Kinder ja wirklich in Unmündigkeit und Verantwortungslosigkeit. Ihr wirkliches Potential bleibt ungenutzt. Weil sie nie die Verantwortung bekommen, werden sie oft auch keine verantwortlichen Menschen. Wie oft hat man das erlebt, dass ein korruptes Regime gestürzt wird und die neuen Herren sind noch unfähiger und bereichern sich noch schamloser als die alten!

Ein langer Weg des Lernens mit unglaublichen Folgen

Deshalb hat Jesus die Gemeinschaft seiner Jünger und Jüngerinnen auf einen weiten Weg des Lernens geschickt, wo es dann oft erst einmal um eine mildere Form der Unterdrückung ging. Hier bei uns im Abendland hat es z.B. nie lange einen richtigen Despotismus gegeben wie in den antiken Reichen, weil es immer Kirche und Staat gab, Kaiser und Papst, die sich gegenseitig begrenzten. Und wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte: zwischen diesen beiden Mächten entstand ein Freiraum, in dem sich die moderne Welt entwickeln konnte. Freiheit, Menschenrechte, Abschaffung der Sklaverei, Ermächtigung von Frauen und anderen, die früher keine Macht hatten, Freiraum, um neue Dinge zu denken: diese ganze unglaubliche Entfaltung der menschlichen Kräfte und Potentiale, diese Explosion an Kreativität – es ist kein Zufall, dass sich das ausgerechnet im christlichen Abendland entfaltet hat.

Aus der Innenansicht würden wahrscheinlich viele Menschen sagen: das ist alles noch nicht weit genug gekommen, es gibt auch bei uns noch jede Menge Menschen, die darin gehindert werden, ihr ganzes Potential zu entfalten, und die christlichen Kirchen haben längst nicht immer an der Spitze dieser Bewegung zur Befreiung und Ermächtigung der Menschen gestanden. Aus der Innenansicht ist das einleuchtend und plausibel; schaut man aber von außen drauf, dann ist der christliche Westen immer noch ein Leuchtturm, an dem sich viele Menschen in der Welt orientieren. Beides ist richtig: dass unter uns Freiheit und Menschenwürde in Geltung stehen, wie nirgendwo sonst; und genauso, dass das noch längst nicht genug ist, und dass wir vor Rückfällen und Katastrophen nie sicher waren und sind.

Das alte Herrschaftssystem und die neue Gesellschaft Jesu

Aber heute erleben wir, wie sich dieser Impuls Jesu auf vielen sichtbaren und unsichtbaren Wegen durch die ganze Welt hindurch fortsetzt. Überall kommt die Herrschaft der Väter ins Wanken, und die Aufstände und Rebellionen überall auf der Welt sind ein deutliches Zeichen dafür. Aber das geschieht nicht im luftleeren Raum; wenn Menschen irgendwo gegen ihre Bedrückung aufstehen, dann bekommen sie es zu tun mit Großmachtinteressen, mit den verschiedenen Fraktionen der bisherigen Machteliten, mit religiösen Strömungen, nicht zuletzt sind die Tyrannen manchmal klüger und manchmal verblendet. Längst nicht alle Aufstände erreichen ihr Ziel, viele scheitern und es wird noch schlimmer als vorher.

1989 hat es in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens ein Blutbad gegeben und bei uns die deutsche Einheit. Aus den Protesten in Syrien ist ein endloses Gemetzel geworden und aus dem ägyptischen Frühling eine durch Wahlen teilweise legitimierte Militärdiktatur. Die Menschen in der Ukraine sind zwischen die Mühlsteine von Russland und Europa geraten, und in Brasilien beeinflusst vielleicht ein Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft den Weg des ganzen Landes – keiner weiß heute, wohin das führt. Die Welt ist unglaublich kompliziert. Und viele schauen am liebsten gar nicht mehr hin, weil sie sagen: das verstehe ich sowieso nicht, warum die sich die Köppe einschlagen.

Aber das Ganze bekommt seinen Sinn, wenn man es begreift als den Weg, auf dem Jesus die Menschen herausholt aus den bedrückenden Verhältnissen, in denen sie eingemauert waren, und die ihnen die Luft zum Leben abschnüren. Wieder und wieder wird sein ursprünglicher Impuls dabei missverstanden und verfälscht; wieder und wieder kämpfen Menschen mit den alten Methoden, von Bitterkeit erfüllt und nicht von Vertrauen in den Vater im Himmel; wieder und wieder werden schreckliche Katastrophen daraus, weil die alten Mächte lieber ein ganzes Land kaputtbomben, als ihre Herrschaft aufzugeben.

Und trotzdem steht an der Wurzel dieses Weges Jesu Impuls: einer ist euer Vater, und deshalb braucht ihr keine irdischen Väter, die über euch herrschen. Und auch der Vater im Himmel ist kein Despot. Gott will eine geschwisterliche Gemeinschaft unter den Menschen. Warum verbarrikadiert ihr euch in Machtsystemen und gegenseitiger Abwertung? Das ist doch kein Leben!

Die Erfahrung von Freiheit

Eigentlich bei all diesen Aufständen und Rebellionen erleben es die Menschen als große Befreiung, dass sie sich quasi als neue Gesellschaft auf großen Plätzen versammeln und wildfremde Menschen wie Freunde zusammenfinden. Gezi-Park, Tahrir-Platz, der Maidan in Kiew, die Nikolaikirche von Leipzig und der Wenzelsplatz von Prag: überall stehen sie Seite an Seite, verschenken Essen und Trinken, bauen Zelte und Barrikaden, versorgen Verwundete, zünden Kerzen für Tote oder Verhaftete an, machen Musik, malen Bilder und Wandzeitungen und übernehmen Verantwortung für die öffentliche Ordnung. Alles ohne mächtige Väter, die ihnen sagen, was sie zu tun und zu denken haben. Mal mehr und mal weniger zeigt sich etwas von dieser neuen geschwisterlichen Welt, von der Jesus sprach. Manchmal wird gebetet und manchmal nicht, manchmal sind Christen dabei und manchmal nicht, manchmal halten sie Gewaltfreiheit lange durch und manchmal wird ein Bürgerkrieg daraus. Manchmal werden aus Freiheitskämpfern Mörderbanden, deren Geschäftsmodell der Krieg ist, egal gegen wen. Und manchmal kann all das auch Konflikte unter den großen Mächten dieser Welt auslösen, die solche Bewegungen natürlich für ihre Zwecke nutzen wollen, und dann gibt es Spannungen und vielleicht sogar richtigen Krieg.

Die Mächte nicht unterschätzen und sich nicht fürchten

Jesus hat gewusst, wie gefährlich es ist, sich mit den Mächten dieser Welt anzulegen, und deshalb hat er davor gewarnt, sich ohne ausreichende Vorbereitung auf diese Auseinandersetzungen einzulassen, oder zu denselben Mitteln zu greifen wie die Unterdrücker.

Und was heißt das alles jetzt für uns?

Das erste ist: nicht zu schnell Partei ergreifen. Die Dinge sind immer noch komplizierter, als man denkt. Wir müssen sie erst verstehen. Die Medien sind schreckliche Vereinfacher, weil sie uns nicht mehr zutrauen, dass wir bei komplizierten Informationen zuhören. Ich hoffe, die irren sich wenigstens bei uns.

Das zweite: Gott regiert diese Welt. Kleine Gruppen von Menschen, die etwas von dem Impuls Jesu abbekommen haben, bringen völlig unerwartet die Kalkulationen der großen Mächte durcheinander. Wer hätte den arabischen Frühling vorausgesehen? Es passiert Neues, der Impuls Jesu geht weiter, selbst wenn die Kirchen bequem werden, aber sie werden es ja gar nicht immer. Gott regiert die Welt nicht wie ein Marionettentheater, sondern so, dass er etwas Neues und Anderes in die Welt hineingibt. Und dann müssen alle sich dazu positionieren und irgendwie damit fertig werden. Gott ist noch längst nicht in Rente gegangen.

Das dritte: unsere Rolle als die, die Jesus begegnet sind, ist: den Ursprung dieser weltweiten Bewegung verkörpern. Es gibt so viele schlechte Kopien. Irgendwo muss auch mal das Original zu sehen sein. Anzufassen, mitzuerleben. Es gibt so viele Gelegenheiten, Wunden zu heilen und Menschen Hoffnung und Heimat zu geben. Auch dazu sind wir da. Dazu vor allem. Wie das christliche Europa mit den Flüchtlingen der vielen Bürgerkriege umgeht, ist eine Schande. Das wird uns noch lange anhängen.

Viertens: stolz sein auf das, was uns anvertraut ist. Dass wir für Freiheit und Menschenrechte stehen, macht unsere Kraft aus. Ja, wir sind diese komischen Europäer, diese zögerlichen Deutschen, die nicht so gerne schießen und nicht so markig und zackig auftreten und sich mit dem Schutz der Umwelt so anstellen. Vielleicht geben wir irgendwann sogar noch mal Edward Snowden Asyl. Es gibt überall Leute, die das für Schwäche halten. Die Herrschaft der Väter ist noch längst nicht besiegt. Das Herrschaftssystem versucht noch zu retten, was zu retten ist. Der Islamismus ist so ein Versuch, die traditionelle Ordnung zu retten. Oder die ganzen komischen Gruppen, die jetzt auch noch ins Europaparlament gekommen sind. Wir leben mitten im Zusammenprall der alten Mächte mit dem Neuen, was durch Jesus in die Welt gekommen ist. Das erschüttert die Welt bis in ihre Grundfesten; es ist durchaus zum Fürchten. Wüssten wir nicht, dass Jesus auferstanden ist, es wäre zum Verzweifeln.

Aber, was ist das häufigste Gebot in der Bibel? »Fürchtet euch nicht!«. Bleibt in den Spuren Jesu, lernt von ihm, investiert eure Leben in seinen Weg. Vertraut dem Vater im Himmel und dann geht bis an die Enden der Erde. Wo mitten unter Not und Gewalt doch gemeinsam geliebt und gehofft wird und Menschen aufblühen, da ist die neue Welt schon geboren.

Jul 072014
 

Predigt am 6. Juli 2014 zu Offenbarung 3,7-13 (Predigtreihe Offenbarung 08)

7 An den Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: So spricht der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet, sodass niemand mehr schließen kann, der schließt, sodass niemand mehr öffnen kann: 8 Ich kenne deine Werke, und ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann. Du hast nur geringe Kraft, und dennoch hast du an meinem Wort festgehalten und meinen Namen nicht verleugnet. 9 Leute aus der Synagoge des Satans, die sich als Juden ausgeben, es aber nicht sind, sondern Lügner – ich werde bewirken, dass sie kommen und sich dir zu Füßen werfen und erkennen, dass ich dir meine Liebe zugewandt habe.
10 Du hast dich an mein Gebot gehalten, standhaft zu bleiben; daher werde auch ich zu dir halten und dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über die ganze Erde kommen soll, um die Bewohner der Erde auf die Probe zu stellen. 11 Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit kein anderer deinen Kranz bekommt.
12 Wer siegt, den werde ich zu einer Säule im Tempel meines Gottes machen und er wird immer darin bleiben. Und ich werde auf ihn den Namen meines Gottes schreiben und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel herabkommt von meinem Gott, und ich werde auf ihn auch meinen neuen Namen schreiben.
13 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.

Das Buch der Offenbarung besteht ja aus zwei Hauptteilen: erst sieben Briefe an sieben Gemeinden Kleinasiens, und dann eine große Szenerie der Erschütterungen, die über die Erde kommen, wenn sich die Mächte der Zerstörung mit aller Kraft wehren gegen die neue Welt, die Gott heraufführt.

Derselbe Konflikt, unterschiedliche Reichweiten

Und hier in diesem Brief an die kleine christliche Gruppe in Philadelphia finden wir die Verbindung zwischen diesen beiden Teilen des Buches: der Druck, den diese paar Christen schon aushalten mussten und die schlimmen Zeiten, die über die ganze Erde kommen werden (hier heißen sie »die Stunde der Versuchung«), die sind aus demselben Holz geschnitzt. Die Dimensionen sind anders, hier betrifft es wahrscheinlich nur eine sehr überschaubare Zahl von Menschen, zwanzig oder dreißig vielleicht, und im zweiten Teil des Buches geht es um die ganze Erde, aber die Sache, um die es geht, ist jedes Mal die gleiche: Gott holt seine Welt, die er geschaffen hat, zurück, er entreißt sie der Zerstörung und Verwüstung. Er erneuert die Schöpfung, damit sie an das Ziel kommt, für das er sie geschaffen hat. Und das erschüttert die Welt in ihren Grundfesten.

Wenn wir heute das Gefühl haben, dass wir auf wankendem Boden stehen, weil überall Krisen und Bedrohungen heraufziehen, das ist eine gute Voraussetzung, um solche Texte aus der Bibel zu verstehen. Die wussten damals noch nichts von unseren Finanzkrisen, vom Schmelzen des Polareises, von zerstörten Regenwäldern und verstrahlten Landschaften. Man kannte damals auch noch nicht so viele Wege, um Probleme einfach in die Zukunft zu verschieben, wo sie dann unsere Aussichten überschatten wie eine heraufziehende Gewitterfront. Immerhin hatten sie schon Erfahrungen mit Aufständen und Bürgerkriegen, wo allgemeines Misstrauen herrscht und am Ende ehemals Verbündete sich gegenseitig mit brutalem Hass bekämpfen. Und sie hatten auch schon Erfahrungen mit Menschen, die nur noch an gewaltsame Lösungen dachten, weil sie in einer Welt von Gewalt lebten und nichts anderes kannten.

Die Auferstehung erschüttert die Welt des Todes

All diese Bedrohungen sind in Schriften wie der Offenbarung des Johannes vorweggenommen, auch wenn wir da keine präzisen Prognosen lesen, sondern eher dichterische Umschreibungen: Bilder für das, was prophetische Menschen wie der Seher Johannes spüren, schon lange, bevor es eintrifft.

Alles hat begonnen mit der Auferstehung Jesu. Das war die fundamentale Erschütterung der alten Welt des Todes, die bis dahin unangefochten herrschte. Und von da an unterwandern die Nachfolger Jesu die Welt mit Heil und Heilung. Das ändert alles, weil hier eine neue Welt heranwächst, die nicht mehr dem Tod unterworfen ist und nicht mehr im Zeichen der Angst steht.

Die stärkste Bedrohung für jede kaputte Ordnung ist eine neue, lebendige Welt. Und deshalb versuchen die alten Mächte, diese Alternative auszulöschen. Wie sie das in Philadelphia genau gemacht haben, das erfahren wir hier nicht, aber die Jesusleute dort müssen anscheinend einen großen Druck ausgehalten haben. Aber sie sind fest geblieben, sie haben sich nicht einschüchtern lassen, sie haben sich nicht irritieren lassen, sie haben sich erinnert, dass Jesus schon seinen Jüngern gesagt hat, dass es darauf ankommt, fest zu bleiben, standhaft und klar.

Vorbereitet für Größeres

Und das war sozusagen das Training für das, was noch kommen soll, es war die Probe, die sie vorbereitet, und sie haben bestanden. Jesus verspricht ihnen deshalb, dass er sie auch in den größeren Erschütterungen bewahren wird, die noch kommen. Vielleicht erspart er sie ihnen, vielleicht wird er ihnen helfen, auch in Zukunft so zu bestehen wie in der Vergangenheit. Jedenfalls: sie haben im Rahmen ihres Auftrages ihre Stellung gehalten, auch wenn sie nur wenige waren, und im Gegenzug wird Jesus sie im großen Rahmen halten.

Wir kennen ja heute einen Haufen Filme, wo die Erde oder die Zivilisation in irgendeiner Weise beinahe oder wirklich zerstört wird: durch Erdbeben, durch Aliens, durch Drachen oder andere Monster, durch Klimakatastrophen oder Meteoriten oder was auch immer. Und all diese Filme zeigen nebeneinander einerseits das große Bild mit globalen Zerstörungen und unzähligen Menschen auf der Flucht, und andererseits wie unter der Lupe ein paar Menschen und wie sie mit dieser Bedrohung umgehen: ob sie sich unter diesem Druck von Eigennutz und Gier leiten lassen, oder ob sie solidarisch bleiben, zusammenstehen und über sich hinauswachsen.

Und das spiegelt genau diesen Zusammenhang aus der Offenbarung wider: einerseits die kleinen christlichen Gruppen, an die Johannes seine Briefe schreibt, und andererseits das globale Bild, das ab Kapitel 4 entfaltet wird. Der Unterschied ist unter anderem, dass die Johannesoffenbarung keine Geschichte erzählt, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft spielt, sondern Johannes macht deutlich, dass das alles schon in den Ereignissen der Gegenwart drin steckt. Wir gehen nicht auf eine Art Weltuntergang an einem bestimmten Termin in naher oder ferner Zukunft zu, sondern wir leben seit der Auferstehung Jesu, seit 2000 Jahren, in einer Auseinandersetzung zwischen der alten und der neuen Welt, die sich immer weiter zuspitzt.

Das Schlüsselwort dafür ist »Versuchung«. Man kann es auch übersetzen mit »Probe«. Die ganze Schöpfung wird erprobt, sie wird vor die Frage gestellt, mit wem sie es hält: ob sie zur neuen Auferstehungswelt gehören will, die seit Jesus diese Welt durchdringt wie der Sauerteig das Mehl, oder ob sie es mit den Mächten der alten Welt hält, die lieber die ganze Welt gegen die Wand fahren als sie freiwillig Gott zu überlassen.

Die Last der Fraktionen im Volk Gottes

Zu den Belastungen, die die Jesusleute aus Philadelphia ertragen mussten, gehörte auch, dass das Volk Gottes sich an diesem Punkt nicht einig ist. Gott hat sich über lange Zeit ein Volk geschaffen, das Volk Israel, das durch viele geschichtliche Erfahrungen hindurch zu einem Volk der Freiheit geworden ist und sich nie seinen Unterdrückern gebeugt hat. Damals im ersten Jahrhundert kamen auch viele Menschen aus anderen Völkern dazu, weil es dort in dieser dunklen Zeit Orientierung gab. Aber das Volk war tief gespalten über die Frage, wie man auf die Übermacht des römischen Imperiums und seiner Kultur antworten sollte. Frömmigkeit, Gewalt und Rückzug aus der Welt – all diese verschiedenen Wege probierten die verschiedenen Fraktionen aus, und dann kam noch der Weg Jesu dazu. Auseinandersetzungen unter Geschwistern sind oft die härtesten, und so war es auch in Philadelphia.

In dieser Situation bezeichnet sich Jesus als der, der die »Schlüssel des Hauses Davids« hat. Das bezieht sich auf eine alte Erzählung davon, wie ein unfähiger Haushofmeister im Jerusalemer Königspalast durch einen besseren ersetzt wird. So ein Haushofmeister verwaltet sozusagen den Generalschlüssel. Jesus sagt damit also: ich öffne euch den Zugang, damit ihr verwurzelt seid in dieser langen Geschichte Israels. Unter den Jesusanhängern waren Juden genauso wie Menschen aus den anderen Völkern, aber sie müssen beide verwurzelt bleiben in dem Weg, den Gott mit Abraham begonnen hat. Gott hat mit Israel ein Volk geformt, in dem der Weg Jesu überhaupt verstanden werden konnte. Auch wenn viele diesem Weg nicht zugestimmt haben, sie wussten wenigstens, worum es geht. Andere Völker, in denen die Frage nach der Freiheit gar nicht verankert war, hätten das noch nicht mal verstanden.

Türöffner zu Israels Geschichte und zu Menschen in der Welt

Und deshalb ist Jesus der Türöffner in zweierlei Hinsicht: er öffnet Juden und Heiden einen anderen Zugang zum Weg Israels, und er öffnet den Christen von Philadelphia eine Tür, durch die sie Menschen aus ihrer Umgebung erreichen können. Die Verwurzelung im Weg Gottes und die Öffnung für Menschen aus allen Volkern sind keine Gegensätze, sondern sie stärken sich gegenseitig. Wenn Menschen miterleben, wie Anhänger Jesu in Bedrohungen und Bedrückungen standhaft bleiben, nicht den Mut verlieren und das Richtige tun und sagen, das bleibt nicht ohne Wirkung.

Die ersten Christen hatten Antworten, wo andere keine hatten: sie konnten Menschen aus allen Schichten einer zerfallenden Gesellschaft zusammenbringen – das konnte sonst keiner. In einer Zeit der Globalisierung, ohne Rentenversicherung und ohne Sozialstaat, mit zerfallenden Familien und Clans, kümmerten sie sich umeinander und um andere. Andere Leute gingen aus Tradition in Tempel, deren Götter ihnen persönlich nichts bedeuteten; die Anhänger Jesu waren bis in die Details ihres Lebens hinein täglich mit ihm verbunden. Und sie waren gewohnt, Druck und Drohungen auszuhalten, sich nicht einschüchtern zu lassen und auf die Kraft der Auferstehung in ihrem Leben zu vertrauen. Sie konnten das alles, weil sie in der Geschichte Gottes mit seinem Volk verankert waren. Jesus hatte es ihnen neu erschlossen.

In unserer Zeit, in der sich ein riesiges Krisenpotential anhäuft, wo -zig mal mehr Geld durch die Welt vagabundiert, als wir jemals an Werten produzieren können, wo Menschen schon mit ihren eigenen Problemen immer weniger zurecht kommen, da sollten wir lernen an den vergleichsweise noch kleinen Drucksituationen, die uns begegnen.

Wie Türen trotz »kleiner Kraft« aufgehen

Im richtigen Moment das Richtige sagen können, sich nicht einschüchtern lassen, von Hoffnung geprägt sein statt von der »Da kann man nichts machen«-Mentalität, von der Auferstehung her denken, die den Tod in die Schranken gewiesen hat. Nicht so viel Sorge um Geld haben. Nicht so viel Sorge um sich selbst haben. Das alles sorgt dafür, dass die richtigen Türen aufgehen. Am Ende überzeugt das manchmal sogar die, die am Anfang am heftigsten dagegen Sturm gelaufen sind.

Mit all dem kann man auch beginnen, wenn man nur eine »kleine Kraft« hat wie die Jesusleute von Philadelphia. Es sind nicht viele, aber Jesus kündigt an, dass sie eine Säule im Tempel Gottes werden sollen. Säulen stützen ein Gebäude. Im Neuen Testament wird das Bild vom Tempel im übertragenen Sinn benutzt: die Gemeinde ist der Ort, wo man Gott begegnet, nicht ein Gebäude. Diese paar Leute, die sich nicht erschüttern ließen, an denen werden sich viele andere orientieren können, innerhalb und außerhalb der Kirche. Sie müssen nur weiter so fest bleiben, dann wird Jesus dafür sorgen, dass seine Leute nicht umsonst durchgehalten haben.

Jul 012014
 

Predigt am 29. Juli 2014 zu Offenbarung 3,1-6 (Predigtreihe Offenbarung 07)

1 Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot. 2 Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott. 3 So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und kehre um! Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.
4 Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind’s wert. 5 Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.
6 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Sardes ist eine alte Stadt mit einer langen und großen Geschichte. Zur Zeit sagenhaft reichen Königs Krösus war sie die Hauptstadt des Lydischen Reiches. Krösus führte Krieg mit den Persern, verlor den Krieg und rettete sich in seine Hauptstadt, die uneinnehmbar auf einem hohen Berg lag.

Zu sorglos

Dummerweise machte das die Bewohner sorglos. Ein paar persische Soldaten entdeckten nämlich einen Weg, um am Berghang nach oben zu klettern, und als sie oben ankamen, merkten sie, dass niemand die Mauern bewachte. Sie kletterten über die Mauer, drangen in die Stadt ein und öffneten die Tore. So wurde Sardes erobert. Und ein paar Jahrhunderte später geschah das noch einmal. Die Leute in Sardes hätten also eigentlich wissen können, wie wichtig es ist, wachsam zu sein.

Aber anscheinend hatten sie diese Lektion nicht gelernt, Mindestens lässt Jesus durch Johannes die Christen erinnern, dass er »wie ein Dieb in der Nacht kommt«. Das ist ein Satz, den Jesus in seiner Zeit als Mensch auf der Erde schon gesagt hat, wir haben es vorhin in der Lesung gehört (Matthäus 24,43-44). Und dieser Satz sagt etwas sehr Grundlegendes darüber, wie Jesus arbeitet. Jesus schleicht sich da ein, wo keiner ihn erwartet hätte, und zu einer Zeit, wenn keiner daran denkt. Jesus vergleicht sich mit einem Einbrecher: der schickt auch keine Ankündigung, wenn er vorhat, deinen Tresor zu plündern. Nebenbei merkt man, was für gewagte Bilder Jesus gerne benutzt hat. »Ich bin das Lichte der Welt« – so ein Satz passt nach unserem Gefühl zu Jesus. Aber er hat auch gesagt »Ich komme wie ein Einbrecher«.

Jesus wird unterschätzt

So ist es ja wirklich gewesen: bei seiner Geburt ist Jesus ganz unauffällig in die Welt gekommen. Nur ein paar Menschen wie die Hirten und seine Mutter Maria erfuhren, was da wirklich passierte. Danach geschah dreißig Jahre lang erstmal gar nichts. Und auch, als Jesus erwachsen war und bekannt wurde, da verstanden die wenigsten, was da los war, und keiner hätte geahnt, dass aus einem Prediger in der Provinz mal eine weltweite Bewegung werden würde.

Bis heute machen die Herren dieser Welt immer wieder den Fehler, Jesus zu unterschätzen, und seine Freunde machen erstaunlicher Weise den gleichen Fehler. In der ganzen Johannesoffenbarung geht es eigentlich darum, uns Freunden Jesu die Augen zu öffnen, damit wir verstehen, in welchen Dimensionen man denken muss, wenn es um ihn geht. Gleich am Anfang erscheint Jesus in seiner ganzen göttlichen Hoheit, und im Lauf der Offenbarung bekommen wir immer mehr gewaltige Bilder zu sehen, die alle zeigen: Jesus erschüttert die Welt. Da spitzt sich ein Konflikt zu, der nichts und niemanden unberührt lässt.

Ein Konflikt mit gewaltigen Dimensionen

Man muss sich nur mal vor Augen führen, was hier bei uns in Europa in den letzten paar Jahrhunderten geschehen ist: in der frühen Neuzeit, als die Kirche noch ziemlich unangefochten die Gesellschaft dominiert hat, haben ein paar Menschen angefangen, über eine neue Weltanschauung nachzudenken, die nicht mehr christlich geprägt war. Sie wollten sich nicht mehr von der Kirche vorschreiben lassen, wie sie zu denken hätten und sagten: für uns zählen nur noch vernünftige Argumente. Die Vernunft ist die entscheidende Instanz!

Und damit waren sie unglaublich erfolgreich. Die ganze Wissenschaft und Technik ist daraus entstanden. Das westliche Abendland ist die dominierende Macht in der Welt geworden. Das hat das Angesicht der Erde verwandelt. Heute kennt man, glaube ich, auch im letzten Urwalddorf Elektrizität und Coca Cola.

Jesus war immer dabei

Aber, welche Ironie: Jesus hat sich da schon längst eingeschlichen. Auch wenn die Erfinder der modernen Welt glaubten, nun hätten sie endlich die ganzen Fesseln der Religion hinter sich gelassen: Jesus war immer mit dabei. Er schlich sich in ihre Gedanken ein, er saß mit am Experimentiertisch und er reiste als blinder Passagier mit auf den Schiffen, die die Welt eroberten und ausplünderten. Nicht nur, weil so das Evangelium in die ganze Welt kam, sondern weil viele moderne Gedanken aus den Quellen der Bibel schöpften. Aus der Bibel kommt die Kritik an korrupten Priestern, Religionen und Tempeln, aus der Bibel kommt der Gedanke der Gleichheit aller Menschen, in der Bibel finden wir die Menschenwürde und die Menschenrechte, die in Gottes Zuwendung zu jedem Einzelnen wurzeln. Es heißt anders, aber es ist da. Und so gingen Impulse Jesu in getarnter Form durch die ganze Welt, oft gerade von denen verbreitet, die sich selbst als Atheisten oder Feinde des Christentums bezeichnet hätten.

Natürlich wurden diese Impulse Jesu dadurch auch entstellt und von ihren Wurzeln getrennt. Natürlich wäre es besser, die Vernunft und die Naturwissenschaft und die Wirtschaft, überhaupt die ganze moderne Welt wäre sich ihrer Quellen bewusst. Dann hätte sie nicht so viele schreckliche Kriege geführt, nicht so viele Menschen versklavt und ausgebeutet und mehr Rücksicht auf unsere Mitgeschöpfe genommen.

Wege aus einer verfahrenen Situation

Aber es bleibt, dass Jesus unglaublich einfallsreich umgegangen ist mit einer verfahrenen Situation, wo seine Kirche längst nicht mehr das Salz der Erde war, sondern nur noch an ihre Dominanz dachte. Und er hat sie aufgerüttelt und zurechtgestutzt und ihr gezeigt, was ihr Auftrag wäre – ausgerechnet durch die, die sich als seine Feinde fühlten.

Und so versteht man die ganze Unruhe in der Welt erst wirklich, wenn man erkennt, dass es darin immer noch um die Ankunft Jesu in der ganzen Welt geht. Das wird auch das Thema beim »Besonderen Gottesdienst« in zwei Wochen sein – da werden wir nachdenken über die Konflikte und Aufstände und Bürgerkriege, die uns ja in diesen Jahren irgendwie immer näher kommen. Das alles gehört zu den Erschütterungen der Welt, von denen die Offenbarung spricht.

Und speziell an die Gemeinde in Sardes schreibt Jesus: wacht lieber auf, bevor ich komme und euch unsanft wecke! Es ist eine gefährliche Zeit, und wenn ihr nicht aufpasst, dann kann es euch gehen wie dem König Krösus, der sich so sicher gefühlt hat, und auf einmal standen die Feinde mit dem Schwert an seinem Bett.

Eine Gemeinde, die ihren Auftrag vergessen hat

Die Gemeinde von Sardes muss mal einen guten Start gehabt haben, aber dann scheint das alles irgendwie eingeschlafen zu sein. Wir hören nichts von inneren oder äußeren Konflikten, nichts von besonderen Sünden oder falscher Theologie. Noch nicht mal das scheint es gegeben zu haben. Stattdessen: harmlose Ruhe. Business as usual. Ich weiß nicht, wie das damals ausgesehen hat, ob sie Picknickfahrten ins Grüne gemacht haben oder Peddigrohrflechten oder Origamikurse oder Bingo gespielt. Jedenfalls hatten sie vergessen, dass sie in der Gesellschaft Jesu waren, der nicht harmlos ist, sondern die Welt erschüttert und seine Leute mitnimmt auf einen abenteuerlichen Weg.

Deshalb lässt Jesus ihnen sagen: ich bin der, der in seiner Hand die sieben Sterne hat und die sieben Geister Gottes. Die sieben Geister Gottes, das sind die Engel, die in die ganze Welt gesandt werden, und die Sterne stehen für die Gemeinden und ihre Engel. Jesus mischt sich in der ganzen Welt ein, als Einbrecher und blinder Passagier kommt er überall hin, und das geschieht ganz wesentlich durch seine Gemeinden, durch seine Leute. Aber es kann sein, dass eine Gemeinde das vergessen hat und nichts mehr bewegt. Das Salz der Erde kann seine Kraft verlieren. Und dann ist sie den Erschütterungen schutzlos ausgeliefert und weiß gar nicht, was ihr da passiert.

Deshalb wendet sich Jesus durch Johannes an den »Engel der Gemeinde«. Der Engel, das ist so etwas wie der gute Geist der Gemeinde, ihre beste Seite, die von Jesus ansprechbar ist. Und Jesus sagt zu ihm: Siehst du nicht, was bei euch los ist? Du wiegst dich in Sicherheit, weil anscheinend alles gut läuft. Aber mach deine Augen auf und sieh der Wahrheit ins Gesicht: deine Gemeinde ist gerade dabei, sich von ihrem Auftrag zu verabschieden. Tu was! Es gibt noch Leute, die wissen, worum es geht, aber irgendwann ist es damit auch vorbei. Die Glut glimmt noch ein wenig, aber jemand muss reinpusten, damit sie wieder brennt und nicht ganz verlöscht.

An den Anfang anknüpfen

Deswegen erinnere dich daran, wie es am Anfang war, als du das Evangelium gehört hast, halte das fest und kehre dahin um! Es gibt in der Vergangenheit beinahe jeder Gemeinde (und meistens auch in der Vergangenheit jedes Nachfolgers Jesu) so eine Zeit, in der es alles einmal ganz einleuchtend war, wo man die Kraft des Evangelium deutlich erlebt hat, und daran kann man immer wieder anknüpfen. Man kann immer sagen: Diese Stärke, diese Wachheit und Klarheit, die liegt schon in den Genen unserer Gemeinde oder unserer Kirche, sonst gäbe es uns gar nicht! Und jetzt geht es darum, diese Seele der Gemeinde wieder zu beleben.

Das einzige Problem sind die Gegenden und die Personen, wo am Anfang nicht so ein Aufbruch gestanden hat, sondern wo der Anfang mit Zwang oder Gewohnheit verbunden war. Deswegen haben Menschen es schwer mit Jesus, wenn ihnen der Glaube irgendwann mit List, Gewalt oder aus Tradition aufgedrückt worden ist. Und wir leben hier gerade in einem Gebiet, wo das Christentum durch Karl den Großen ziemlich gewaltsam eingeführt worden ist. Erst nachträglich hat man dann versucht, die Menschen auch zu gewinnen, und so richtig gelungen ist das wohl auf breiter Basis nie.

Insofern haben es die Gemeindeengel in unserem Teil der Welt besonders schwer. Und wir müssen einfach noch weiter zurückgehen in die Geschichte, um auf die Menschen zu stoßen, die sich in der Kraft Gottes in die Finsteren Lande der Völker Germaniens hinein gewagt und das Licht des Evangeliums mitgebracht haben.

Wenn zusammen findet, was zusammen gehört

Jesus reist mit seinen Leuten auf verschlungenen Wegen durch die ganze Welt. Er schleicht sich ein in die Gedanken und Herzen der Menschen, und manchmal merken sie es erst viel später. Aber die ganze Reichweite seiner Mission können auch wir gerade mal ahnen. Er ist unglaublich erfindungsreich, er kann Niederlagen in Siege verwandeln, und er kann mit seinen Feinden genauso arbeiten wie mit seinen Freunden. Aber er macht es lieber mit seinen Freunden, und mit ihnen redet er.

Und so warten wir darauf, dass all die guten Dinge, die von Jesus aus anonym in die Welt gegangen sind, dass die ihren Ursprung erkennen. Dass zusammenfinde, was zusammen gehört. Dass Gerechtigkeit, Menschenrechte, Freiheit, Solidarität, Vernunft und was noch alles versöhnt werden mit der Bewegung Jesu und dass das nicht mehr – mindestens teilweise – gegeneinander steht. Wenn endlich zusammenfindet, was zusammen gehört, dann wird die Kraft Gottes ungeteilt unter den Menschen präsent sein.