Jun 082014
 

Predigt am 8. Juni 2014 (Pfingsten I) zu Johannes 14,23-27

23 Jesus sprach zu seinen Jüngern: »Wenn jemand mich liebt, wird er sich nach meinem Wort richten. Mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. 24 Wer mich nicht liebt, richtet sich nicht nach meinen Worten. Und was ich euch sage, ist nicht mein Wort; ihr hört das Wort des Vaters, der mich gesandt hat.
25 Diese Dinge sage ich euch, solange ich noch bei euch bin. 26 Der Helfer, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, wird euch alles ´Weitere` lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
27 Was ich euch zurücklasse, ist Frieden: Ich gebe euch meinen Frieden – einen Frieden, wie ihn die Welt nicht geben kann. Lasst euch durch nichts ´in eurem Glauben` erschüttern, und lasst euch nicht entmutigen!

Pfingsten, ist anders als die anderen christlichen Feste: zu Weihnachten denken alle an die Krippe mit dem niedlichen Baby und an ihre eigenen Kinder und Enkel. Zu Ostern kann man sich wenigstens noch vorstellen, wie das für die Jüngerinnen und Jünger gewesen sein muss, als sie Jesus nach seiner Auferstehung begegneten, obwohl sie doch eigentlich trauerten, weil er ermordet wurde. Und man denkt an Menschen, die traurig zum Friedhof gehen wie Maria Magdalena zum Grab Jesu.

Ein Paukenschlag zum Auftakt …

Aber zu Pfingsten haben wir diese Geschichte von den feurigen Zungen, die wir vorhin gehört haben (Apostelgeschichte 2,1-18), und man kann sich nur schlecht vorstellen, wie das damals gewesen ist. Das ist alles weit weg von dem, was wir kennen, und auch die Bibel erzählt kein anderes Ereignis, wo Tausende von Menschen auf einmal anfangen, an Jesus zu glauben, und auch nicht wieder von diesen Flammen, die sich auf die Apostel setzten.

Und die Historiker, die die Zeit der frühen Kirche untersuchen, sagen, dass sich die Christenheit nicht durch solche dramatischen Paukenschläge verbreitet hat, sondern durch unzählige kleine einzelne Schritte vieler ungenannter Christen. So können wir es auch im Neuen Testament lesen: dramatische und spannende Geschichten, aber die Zahl der beteiligten Menschen blieb überschaubar. Die meisten neutestamentlichen Gemeinden machen nicht den Eindruck, dass zu ihnen mehr als 100 Menschen gehören, auch nicht in Großstädten.

… und unauffällige Fortsetzungen

Dieser großartige Anfangsimpuls der Pfingstgeschichte hat mit seinem Glanz überdeckt, dass es außerhalb von Jerusalem meistens anders weitergegangen ist: mit einem eher unspektakulären, überschaubaren Wachstum, das aber sehr beständig angehalten hat. Die Christen der ersten Jahrhunderte waren ein Netzwerk aus vielen verstreuten Zellen, die keine zentrale Organisation hatten. Eine Graswurzelbewegung würde man das heute nennen. So haben sie jahrhundertelang gelebt und durchgehalten, und eines Tages merkte das mächtige Imperium Romanum nicht nur, dass es diese Bewegung nicht zerstören konnte, sondern dass es an ihr nicht mehr vorbei kam. In aller Unauffälligkeit haben diese einfachen Menschen den Lauf der Geschichte geändert. Durch sie hat Gott die Welt regiert. Das ist Gottes Herrlichkeit: dass er die Welt durch einfache Menschen regiert.

Und dann gab es einzelne Gestalten, meist Bischöfe von großen Gemeinden, die mit den Kaisern verhandelt haben und zum Mund der Christenheit wurden. Das waren oft beeindruckende Leute, aber ihre Autorität kam daher, dass sie die vielen einfachen Christen im Rücken hatten, die Tag für Tag auf Jesus hörten, beteten, Barmherzigkeit übten, unter Druck zusammen hielten, nicht in die Tempel und ins Stadion gingen, sich regelmäßig in der Gemeinde versammelten und in ihrer Stadt die Repräsentanten Jesu waren. Sie dachten anders, sie lebten anders, sie verkörperten ein alternatives Leben im Nahbereich, und das über viele Generationen. Christliches Leben ist in der Regel kein Sprint, sondern ein Marathon.

Das ist bis heute die Basis aller öffentlichen christlichen Aktionen: wenn ich z.B. beim Volksfest rede (dieses Jahr ist aber die St. Bernwards-Gemeinde dran), dann hören das die Menschen auf dem Hintergrund, was sie von unserer Gemeinde und ihren Menschen wissen, und sie spüren, ob es zusammen passt oder nicht.

Pfingsten zeigt, was da wirklich beginnt

Wenn wir uns also zu Pfingsten etwas vorstellen wollen, dann müssen wir die Pfingstgeschichte ergänzen mit diesem Bild der vielen ungenannten Christen von damals bis heute, deren Namen den Historikern unbekannt sind, von denen viel weniger überliefert ist als von den Kriegszügen und politischen Manövern der Herrscher, und deren Geschichte so gut wie nie in der Zeitung steht. Aber in der Pfingstgeschichte wird für einen Moment der Vorhang weggezogen und man sieht die wahren Dimensionen der Kraft, die normalerweise ganz unauffällig in vielen gewöhnlichen Menschen wirkt.

Das ist wie in der Verklärungsgeschichte Jesu, wo für einen Moment sichtbar wird, wie er wirklich ist. Pfingsten ist so etwas wie die Verklärungsgeschichte des Heiligen Geistes: für kurze Zeit wird der Vorhang zur Seite gezogen und wir sehen, welche Kraft da in Wirklichkeit im normalen Leben der Christen am Werk ist.

In den sogenannten Abschiedsreden des Johannesevangeliums erklärt Jesus, wie das normalerweise funktioniert. Er tut das am Abend vor seiner Kreuzigung, und er sagt den Jüngern, wie es in Zukunft weitergehen wird, nachdem er auferstanden ist. Woher kommt die Kraft für diesen Marathon, für diesen Langen Marsch durch die Welt, auf den Jesus seine Leute schickt?

Wenn es nach vielen Menschen heute ginge, dann hätte Jesus ein paar weise Gebote aufgestellt: töte niemanden, stehle nicht, treib es nie zu toll, bleib immer schön nett. Aber wie soll aus solchen Binsenweisheiten Kraft kommen? Und wie sollen überhaupt Jahrtausende alte Vorschriften noch greifen?

Was alles in uns lebt

Das ist der Punkt, an dem Jesus vom Heiligen Geist redet. Der Heilige Geist ist Jesus, wie er zu all seinen vielen Nachfolgern in vielen Ländern und zu allen Zeiten kommt, ihnen Mut macht und ihnen zeigt, wie sie seine überlieferten Worte verstehen und anwenden sollen. Selbst Jesus hätte keine Regeln aufschreiben können, die uns für jede Situation sagen, was wir zu tun haben. Dafür ist die Welt zu groß und zu kompliziert. Deswegen sagt Jesus: ich hab euch schon mal ein paar grundlegende Dinge gesagt, aber den Rest übernimmt der Heilige Geist immer dann, wenn es dran ist. Der aktualisiert meine Worte so, dass ihr wisst, was das für euch bedeutet.

Der Heilige Geist sorgt dafür, dass Jesus uns nicht fremd bleibt, sondern »in uns wohnt«. Er wird ein lebendiger Teil unseres Innenlebens. Kein Regelwerk, sondern eine Person. So wie ja auch sonst andere Menschen in uns und unter uns lebendig sind: Eltern, selbst wenn sie schon längst tot sind, sagen uns immer noch, wie man sich benimmt, und manch einer versucht sein Leben lang, von ihnen irgendwie ein Zeichen der Anerkennung zu bekommen. Sie prägen immer noch die Art, wie Familien miteinander umgehen. Unsere erste Liebe sagt uns vielleicht immer noch etwas darüber, wie Männer und Frauen zueinander passen oder auch nicht. Und wer über »die Schule« redet, denkt vielleicht in Wirklichkeit immer noch an die Grundschullehrerin oder an Jahrzehnte alte Erlebnisse mit Mitschülern, die in uns immer noch lebendig sind.

Der Unterschied zu Jesus besteht darin, dass Jesus der erste Mensch ist, der Teil der neuen Welt Gottes ist. Nicht erst seit seiner Auferstehung, sondern von Anfang an. Er hat anders gelebt und ist anders gestorben: versöhnt, im Frieden, voller Freundlichkeit, ohne Angst, zu kurz zu kommen. Ein Mensch, um den herum die einen aufblühten und die anderen mit den Zähnen knirschten. Ein Mensch, der nicht von Angst und nicht von Gier getrieben ist.

Die Heiden glaubten nicht, dass es so etwas überhaupt geben könnte: eine Alternative zur Welt, wie sie ist. Die Juden erwarteten das irgendwann in der Zukunft. Jesus brachte die neue Schöpfung in die Gegenwart.

Die realisierte Alternative

Und wenn er in uns wohnt, dann ist das nicht einer mehr, der uns im Nacken sitzt und uns die Flügel stutzt und uns davor warnt, aus der Reihe zu tanzen. Sondern er erinnert uns daran, dass es die Alternative gibt, dass wir nicht ohnmächtig sind, dass wir anders denken und handeln können. In Jesus war die neue Welt schon da, von der Krippe bis zum Grab, und sie lebt jetzt auch in uns. Das ist das entscheidend Neue.

Ohne Jesus sind sich alle einig, das die Welt ein besserer Ort wäre, wenn die anderen sich ändern würden. Und die ganz Demütigen schließen sich ein und sagen: ja, ich selbst müsste mich zuerst ändern. Aber das bleibt alles ein »müsste, könnte, sollte«, das nicht so ernst gemeint ist. Die Zeitungen sind voll davon, und nichts ändert sich.

Aber Jesus ist der große Angriff auf den Status Quo, weil er die realisierte Alternative ist. Einer hat es anders gemacht, und der ist in der Tiefe unserer Person lebendig. In uns lebt nicht nur Opa Alfred, der immer gesagt hat »wir bleiben die Alten«, sondern in uns lebt Jesus, der Menschen befreit und neu macht. Da gibt es einen Raum, in dem Gott und seine neue Welt schon da ist. Und er spricht un unser Leben hinein, mal unauffällig, so dass wir es kaum merken, und manchmal lauf und vernehmlich.

Der Preis dafür

Den Mystikern aller Zeiten ist es um Wege gegangen, diesen Raum des lebendigen Gottes in uns zu finden. Und sie haben gesagt: du musst still werden, du musst die Dinge, mit denen du so sehr beschäftigt bist, aus der Hand legen und bereit sein für Gott. Du musst etwas dafür opfern: deine Hingabe an die Hektik der Welt.

Viel, viel später, am Anfang des 20 Jahrhunderts, gab es in Amerika die Pfingstbewegung, wo Menschen die Gegenwart des Heiligen Geistes gar nicht ruhig und still erfahren haben, sondern sehr heftig, beinahe chaotisch, mit Eingebungen und Prophetien, mit Zeichen und Wundern. Das erinnerte am Anfang wirklich an die Pfingstgeschichte. Aber auch da mussten Menschen etwas aufgeben. Ich habe die Geschichte von einem der Leute gelesen, der erzählt, wie er und seine Frau damals, bevor es los ging, nach San Francisco kamen, weil sie hofften, dort Menschen zu finden, die ihre Sehnsucht nach Gott teilten. Die waren total arm. Ihr kleines Kind starb, und sie hatten kein Geld für einen Sarg oder ein ordentliches Begräbnis. Und dann erzählt er, wie er mit dem toten Kind in einem Pappkarton auf seinen Knien mit der Straßenbahn zum Friedhof gefahren ist. Ich hab das nie vergessen können.

Und als dann tatsächlich der Heilige Geist die Menschen massiv ergriff, war es ein Schwarzer, der ganz deutlich die Leitung hatte, aber für die Weißen, die dabei waren, war das kein Problem. Es war ein Amerika, in dem Rassismus noch ganz offen herrschte, aber wer Gottes Wirken erleben wollte, der musste seine Rassenvorurteile aufgeben, opfern.

Verstehen Sie, das meint Jesus, wenn er sagt: wer mich liebt, der wird mein Wort halten, und dann wird der Heilige Geist zu ihm kommen. Wirkliches Lieben ist immer etwas, was uns bewegt und verändert. Die Apostel mussten mit Jesus gehen und nach seiner Himmelfahrt noch einmal 10 Tage warten, einfach ins Blaue hinein, und sie wussten vorher nicht, dass das »nur« 10 Tage waren. Die Mystiker haben sich aus ihren Verwicklungen in den Alltag herausgezogen, um ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Raum zu richten, wo Gott auf sie wartet. Die Leute der Pfingstbewegung haben ihre Rassenvorurteile aufgegeben, weil Gott ihnen wichtiger war. Es gibt keinen Einheitsweg zu Gott, Jesus kommt in alle Zeitalter anders, aber Liebe bedeutet immer, dass man sich auf den Einen konzentriert und anderes lässt. Man muss auf Jesus hören und sich von Opa Alfred verabschieden. Auch wenn er zum alten, vertrauten Inventar unserer Seele gehört.

So funktioniert Gottes Herrschaft in der Welt: durch Menschen, in denen und unter denen Jesus lebendig ist. Die Kraft einer wirklichen Alternative ist die stärkste Kraft, die es in dieser Welt gibt. Wenn diese Kraft in uns lebendig ist, sind unsere Kraftquellen unbegrenzt. Und so regiert Gott durch uns seine Welt.

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