Jun 012014
 

Predigt am 1. Juni 2014 zu Offenbarung 2,8-11 (Predigtreihe Offenbarung 06)

8 An den Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: So spricht Er, der Erste und der Letzte, der tot war und wieder lebendig wurde:
9 Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut; und doch bist du reich. Und ich weiß, dass du von solchen geschmäht wirst, die sich als Juden ausgeben; sie sind es aber nicht, sondern sind eine Synagoge des Satans. 10 Fürchte dich nicht vor dem, was du noch erleiden musst. Der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, um euch auf die Probe zu stellen, und ihr werdet in Bedrängnis sein, zehn Tage lang. Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben.
11 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem kann der zweite Tod nichts anhaben.

In Smyrna geht es richtig hart zur Sache, in vieler Hinsicht. Diese Gemeinde hat gleich mehrere Herausforderungen zu bestehen. An ihr kann man sehen, was es auch bedeuten kann, Gemeinde Jesu zu sein.

Der Satan mischt mit

Zweimal hören wir hier vom Satan bzw. dem Versucher als dem großen Feind der Gemeinde. Der Satan ist uns in der Offenbarung schon begegnet, z.B. heißt es (2,13) über Pergamon, dass dort der »Thron des Satans« steht, und damit ist wahrscheinlich die große Tempelanlage dort gemeint. Der Satan bzw. der Versucher, der Diabolos ist das spirituelle Rückgrat der Macht. Er versucht schon ganz am Anfang des Evangeliums, Jesus auf seinen Weg zu ziehen – das ist die Versuchungsgeschichte.

Die satanische Versuchung für Jesus und seine Nachfolger besteht immer darin, sich von der Spiritualität der Macht überwältigen zu lassen, zur Machtkirche zu werden, die die Herren dieser Welt feiert und den Weg der Liebe vergisst.

Satan ist das Gegenprinzip zu Jesus und seinem Vater im Himmel: er ist der Meister des Beherrschens und Besitzens, des Raffens und Beutemachens. Satan ist die Energie hinter allen Machtstaaten und Imperien, und deshalb dachte man damals an das römischen Imperium, wenn dieser Name fiel. Er bietet Jesus die Herrschaft über die Welt als Lehen an, er wäre dann so etwas wie ein römischer Imperator.

Und ebenso greift er auch die Nachfolger Jesu an. Smyrna war eine sehr reiche Handelsstadt, die von Anfang an immer mit den Römern verbündet war. Auch da gab es die religiösen Feste, bei denen das Imperium mit seinen Göttern verehrt wurde. Die Christen haben an so etwas nicht teilgenommen, und das führte dann oft zu Druck und Bedrohung.

Rituale der Konformität

Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die Gemeinde arm war. Vielleicht waren es aber einfach nur Arme, die sich in dieser Stadt dem Sog der imperialen Propaganda entzogen. Die Macht ist nicht tolerant: sie will Zustimmung und Verehrung. Deshalb gibt es überall solche Zustimmungsrituale, wo du deine Gesinnung demonstrieren musst: beim Militär, bei der Mafia, in den Macht­eliten jeder Art. Überall gibt es die Checkpoints, wo du zeigen sollst, dass du ein loyales Mitglied bist: du musst aufstehen und irgendwas singen, oder du musst viel Alkohol trinken, du musst einen Eid mitsprechen, du musst irgendein Symbol tragen, da gibt es viele Möglichkeiten. Damals musste man an Opferfeiern teilnehmen. Die Christen fielen immer unangenehm auf, weil sie dabei nicht mitmachten. Das war das eine Problem.

Verschärft wurde es noch, weil es in Smyrna anscheinend Konflikte mit einer jüdischen Gemeinschaft gab. Die Anhänger Jesu waren damals ja eine Strömung im breiten Fluss des Judentums, und unter Geschwistern gibt es oft die heftigsten Konflikte. Der Brief nennt sie »Möchtegern-Juden«: das könnte eine Anspielung darauf sein, dass viele davon übergetretene Heiden waren, die wenig Ahnung von ihrem jüdischen Erbe hatten. Auf jeden Fall hatten sie ein gutes Verhältnis zu den Machthabern, der Brief nennt sie deshalb »Satanssynagoge«: also ein Teil des Volkes Gottes, der die Seite gewechselt und sich mit dem Imperium verbündet hat.

Seitenwechsel im Volk Gottes

Ja, das gibt es: dass ein Teil des Volkes Gottes die Seite wechselt und den Imperatoren dieser Welt dient. Einige von uns kennen wahrscheinlich die Geschichte von Pastor Hartwig, der von 1910 bis 1920 hier in Groß Ilsede Pastor war. Im Ersten Weltkrieg hat er das Vermögen der Gemeinde in Kriegsanleihen investiert, anschließend wurde er Pastor in Edemissen, schloss sich den Nazis an und saß schon lange vor 1933 für Hitlers NS-Partei im Peiner Kreistag. Als dann die Nazis an der Macht waren, gehörte er zu den nationalsozialistischen Deutschen Christen und hat seine Pastoren-Kollegen bedroht und eingeschüchtert, wenn sie da nicht mitmachten. Hätte man damals die Deutschen Christen »Satanskirche« genannt, es wäre im Sinne dieses Briefes an die armen Jesusanhänger von Smyrna gewesen. Die wurden wahrscheinlich ähnlich oder schlimmer schikaniert und eingeschüchtert.

Oder, in der Zeit der Apartheid in Südafrika, die jetzt zum Glück schon lange beendet ist, da gab es rein weiße Kirchen, die keine Schwarzen aufgenommen haben und so die Rassentrennung kirchlich nachvollzogen haben. Die hat man damals aus dem Weltkirchenrat ausgeschlossen, um deutlich zu machen: wer das tut, der verlässt die gemeinsame Grundlage, die alle Christen verbindet. Der gehört nicht mehr zum Volk Gottes dazu.

Was gilt denn?

So verlangt dieser Brief nach Smyrna von uns Urteilsvermögen: hat ein Teil des Volkes Gottes etwa die Seite gewechselt und ist jetzt ein Werkzeug der dunklen Seite der Macht? Für die Christen im Deutschland Hitlers war das eine sehr verwirrende Sache, dass es Gruppen gab, die Handlanger der Nazis waren, sich aber Christen nannten. Dass irgendwo »Kirche« (oder in neutestamentlicher Zeit eben »Synagoge«) auf dem Etikett draufsteht, aber drinnen ist etwas ganz anderes, das konnten sich viele gar nicht vorstellen.

Und vielleicht soll auch dieser Brief nach Smyrna die Jesusanhänger dort aus der Verwirrung holen: ja, traut euren Beobachtungen, das gibt es, dass ein Teil des Volkes Gottes die Seite wechselt, so traurig es ist. Ja, es kann passieren, dass Menschen ihre jüdischen Wurzeln (wenn sie wirklich welche hatten) vergessen oder verraten, so wie auch Christen ihren Herrn verlassen und zum Feind übergehen können. Und manchmal bezeichnen sie sich dann auch noch weiterhin als Kirche oder Synagoge und richten im treu gebliebenen Volk Gottes mehr Schaden an als die schlimmsten Heiden.

Religiöse Markenpiraterie

Wir kennen das aus der Wirtschaft als Markenpiraterie: da verkauft einer teure Rolexuhren, und in Wirklichkeit ist bloß ein billiges no name-Uhrwerk drin. Und der eigentliche Schaden ist noch nicht mal, dass einer zu viel Geld für eine gefälschte Uhr ausgibt. Das eigentliche Problem fängt an, wenn er seinem Nachbarn sagt: die Rolex geht ja auch nicht genauer als irgendeine Plastikuhr vom Wühltisch. Markenpiraterie kann die ursprüngliche Marke kaputt machen, weil die Leute den Schund, den sie bekommen, für echt halten, und dann zu Recht enttäuscht sind.

Und genauso gibt es auch im Christentum so etwas wie Markenpiraterie, dass Leute unter dem christlichen Logo in Wirklichkeit gefälschten Schund vertreiben, der mit Jesus gerade noch mal den Namen und ein paar Schlagworte teilt. Und wenn es ganz schlimm kommt, wird das nicht nur eine schlappe und glücklose Kirche, sondern eine Macht- und Gewaltkirche. Und dann schädigt das das ganze Volk Gottes, ja: es schädigt Gott und seinen Ruf unter den Menschen, wenn die Leute sagen: die segnen ja die Waffen genauso wie alle anderen auch.

Sicherlich ist uns jetzt allen klar, dass genau das immer wieder passiert ist, und dass das eins der schlimmsten Hindernisse für das Evangelium ist. Viele Menschen wissen einfach nicht mehr, ob sie dem Label »Kirche« trauen können. Gott kommt in Verruf, weil Menschen in seinem Namen Schrott reden oder – schlimmer – Giftmüll verstreuen. Und deswegen müssen wir unser Urteilsvermögen schärfen und üben, denn wenn wir schon nicht mehr durchblicken, wer dann?

Urteilskraft ist unersetzbar

Niemand kann seine Verantwortung auf irgendwelche Würdenträger oder Amtspersonen abschieben. Die haben sich oft genug geirrt. Du kannst es dir nicht ersparen, ein eigenes verantwortliches Urteil zu fällen, auch auf das Risiko hin, dass du falsch liegst. Aber dann hast du immerhin die Möglichkeit, aus deinem Irrtum zu lernen. Wer sich lieber raushält, sagt hinterher: »ich hab nichts falsch gemacht« – und lernt nichts.

Das Problem ist natürlich, dass es enorm viele Zwischenstufen gibt: es gibt keinen eindeutigen Punkt, von dem an eine Fraktion des Gottesvolkes zur Satanskirche wird. Klar, wenn sie schwarze Messen feiern, dann ist das eindeutig, aber normalerweise ist die Lage viel unübersichtlicher. Es gibt keinen 10 Punkte-Katalog, der uns ein verantwortliches Urteil ersparen würde. Wir brauchen die Unterscheidung der Geister. Nicht jede Gruppe mit einer haarsträubenden Theologie ist deshalb schon eine Satanskirche. Aber am Ende steht dann unser verantwortliches Urteil: gehört diese Fraktion noch dazu oder nicht? Wir können uns dabei ja durchaus irren, aber wir können nicht von vornherein sagen, dass es diesen Fall nie gibt. Schon in biblischen Zeiten gab es den, und danach leider auch immer wieder. Auch einer meiner Vorgänger hat schließlich die Seite gewechselt – wobei ich keine Ahnung habe, wo bei dem der point of no return war, und ob es überhaupt so einen entscheidenden Punkt gegeben hat.

Rückenstärkung

Jesus stärkt seine Leute in Smyrna, indem er ihnen sagt: ja, euer Eindruck ist richtig – die stehen auf der anderen Seite. Das  Problem seid nicht ihr. Und es wird noch schlimmer kommen. Einige von euch werden die Kerker von innen kennenlernen. Und das war damals noch viel weniger ein Spaß als heute. Und es geht wahrscheinlich nicht um 10 Kalendertage, sondern die Zahl zehn ist ein Bild für eine gewisse Zeit. Aber die Zeit ist begrenzt. Sie geht auch wieder zu Ende. Und ihr könnt wissen, dass es damit seine Ordnung hat. Ihr müsst das wirklich wegen mir durchmachen.

Und vergesst nicht: ich habe das selbst erlebt. Sie haben mich getötet, aber Gott hat mich auferweckt. Und weil ihr zu mir gehört und für Gott leidet, deswegen werde ich euch Anteil an meinem Sieg geben, den Siegeskranz des Lebens.

Zerfressen von der dunklen Seite

Das Wichtigste im Leben ist, dass wir Anteil am großen Leben Gottes haben. Dass wir Verbündete des Lebens sind und nicht Agenten des Todes. Wer sich mit dem Tod und der Zerstörung verbündet, der zerstört sich selbst. Manchmal frisst der Satan seine eigenen Handlanger, manchmal saugt er ihnen einfach das Leben aus, bis am Ende nur noch eine leere Hülle übrigbleibt. Wer den Film »Krieg der Sterne« gesehen hat, der erinnert sich wahrscheinlich an das Ende von Darth Vader: wie der eigentlich nur noch durch die Maschinen lebt, die ihm angebaut sind, und wie er auch innerlich völlig zerfressen ist von der dunklen Seite der Macht. Der Film ist so gnädig, ihn am Ende noch umkehren zu lassen. Aber so geht es nicht allen. Zu viele Menschen sind innerlich ausgelaugt und zerfressen von der Gier nach ein bisschen Macht, Anerkennung, Vergnügen oder Zugehörigkeit. Man muss kein Imperator sein, um davon zerstört zu werden.

Das Glück des Originals

Jesus erinnert seine Leute in Smyrna: bei mir gibt es Leben als Geschenk, nicht als Beute. Wer daran Anteil hat, der gehört zur Neuen Welt Gottes. Wer das kennt, der hat keine Lust mehr auf die billigen Imitationen, die die Imperien zu allen Zeiten versprechen. Das sind jetzt natürlich große Worte, und wir alle wissen nicht, ob wir in einer Verfolgungssituation standhalten würden. Aber wer nicht wenigstens damit rechnet, dass ihm der Glaube so viel wert sein könnte und ihm so viel gibt, dass er dafür standhaft bleibt wie die Christen in Smyrna, der sollte sich überlegen, ob er das Original kennt, oder ob er einer gefälschten Ramschware aufgesessen ist.

Das große Leben Gottes bleibt, auch über den Tod hinaus, den Menschen uns zufügen können. Haben wir etwas, wofür es sich lohnt, die ganze Energie seines Lebens einzusetzen und vielleicht auch das Leben selbst? Dann könnte es sein, dass man uns doch keine Ramschware angedreht hat.

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