Jun 252014
 

ww-logoIch bin mit meiner Seite auf einen neuen Server umgezogen. Das kann dazu führen, dass dein Webbrowser sich erstmal über das neue Sicherheitszertifikat beklagt und einen Betrugsversuch wittert.

Außerdem hakt es noch an einigen Stellen, weil ich interne Links erst anpassen muss und einige Bilder noch nicht wieder erreichbar sind. Das sollte aber in den nächsten Tagen erledigt sein.

Auf jeden Fall: ich bin es tatsächlich hier auf dieser Seite und kein Betrüger, der euch mit irgendwelchen Viren phishen will o.ä.
Also vertraut den neuen Wegen (EG 395) – böse Hacker haben keine Lieder.

Jun 232014
 

Predigt am 22. Juni 2014 zu 5. Mose 6,4-9

4 Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig. 5 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. 6 Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. 7 Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. 8 Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. 9 Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben.

Diese Worte sind das grundlegende Glaubensbekenntnis Israels: Gott ist einer, und nur diesen Gott verehren wir. Das ist wohl der tiefste Grund, weshalb Juden immer wieder verfolgt und angegriffen worden sind: die radikale Konzentration auf den einen Gott, der die Welt geschaffen und sein Volk aus der Sklaverei befreit hat. Er und kein anderer ist es. Ein Gott, der nicht in sich gespalten und widersprüchlich ist, sondern eindeutig, nicht mal so und mal so, sondern treu und beständig. Er ist der Befreiergott. Dieser Gott hat sich ein Volk berufen.

Das ist der Kern des jüdischen Glaubens, es gehört zum Morgengebet und zum Abendgebet, es war das Bekenntnis Jesu (wir haben es vorhin in der Lesung gehört – Markus 12,28-34). Märtyrer und unzählige andere sind mit diesen Worten auf den Lippen gestorben.

Das Zentrum der Person

Und dieser Abschnitt aus dem 5. Buch Mose sieht vor, dass dies das Zentrum ist, um das sich die Gedanken herumbewegen sollen: der eine und treue Gott. Deswegen soll dieses Gebet (das eigentlich ein Glaubensbekenntnis ist) seinen festen Platz im Tageslauf haben, es soll tägliches Gesprächsthema sein, es soll an zentralen Stellen zu sehen sein, es soll Erinnerungszeichen geben, die diese Worte immer wieder aufrufen, damit sie nicht im täglichen Geschäft untergehen.

Dieses Bekenntnis gibt Menschen einen klaren Mittelpunkt. Der eine Gott ist unser Gegenüber – und er ruft uns, dass wir eindeutige Personen sind, nicht zerrissen und aufgeteilt auf viele Lebensbereiche und Loyalitäten, sondern auf dieses Zentrum hin orientiert. Auf diesen einen Gott zu hören, gibt uns einen Mittelpunkt, und so werden wir zusammenhängende Menschen, die nicht zwischen vielen unterschiedlichen Bewusstseinszuständen hin und her gerissen sind.

Heute ist das ja noch viel extremer als in der Zeit der Bibel, dass wir zwischen vielen unterschiedlichen Welten wechseln: wir gehen von zu Hause weg zur Arbeit oder in die Schule, wir sind Mitglied in Vereinen und Gruppen, Menschen haben im Internet möglicherweise mehrere Identitäten, und überall gelten andere Regeln und Selbstverständlichkeiten. Aber wer sind wir wirklich? Das ist gar nicht so einfach zu sagen.

Vielleicht haben Sie schon mal Gerichtsreportagen gelesen, wo Menschen sich verantworten müssen, weil sie schreckliche Dinge getan haben, Gewalt ausgeübt haben, zerstört oder getötet haben. Wie oft es vorkommt, dass die Angeklagten sagen: ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Ich kann mich noch nicht mal daran erinnern. Es ist irgendwie so gekommen.

Und man hat eigentlich das Gefühl: der da auf der Anklagebank sitzt, das ist eigentlich ein ganz anderer als der, der das getan hat. Wie konnte dieses Würstchen einen anderen halb oder ganz tot schlagen? Aber gerade weil er so schwach ist, weil er nicht weiß, wer er ist, deswegen hatten Wut und Hass so leichtes Spiel mit ihm.

Oder denken Sie an Verantwortliche, die in Behörden und Ämtern Entscheidungen treffen, die manchmal schreckliche Folgen für Menschen haben. Und wenn du mit ihnen sprichst, dann vermitteln sie den Eindruck: das bin ich doch eigentlich nicht, der diese Behandlung verweigert oder diese Abschiebung anordnet, ich bin nur ausführendes Organ, eigentlich bin ich ganz anders, eigentlich möchte ich ja auch helfen, aber ich bin nun mal nur ein Rädchen im Getriebe, ich muss das tun, aber ich meine es doch nicht so. Manchmal stimmt das sogar, und man kann sich diese Menschen als freundliche, charmante und inspirierende Bekannte vorstellen, wenn man ihnen außerhalb des Amtes begegnen würde.

Der rote Faden des Lebens

Wer sind wir also wirklich, wenn wir privat so sind, im Beruf anders, im Internet noch mal anders und im Urlaub völlig anders? Das ist nicht selbstverständlich, dass diese verschiedenen Zustände ein gemeinsames Zentrum haben. Deswegen soll sich durch das ganze Leben dieses Bekenntnis ziehen: der Herr, unser Gott, er ist Einer, er ist immer derselbe. Ob zu Hause, bei der Arbeit, in der Politik, im Internet, im Urlaub: ER ist der rote Faden meines Lebens. Ich orientiere mich an ihm, wo immer ich auch bin und in allen Zusammenhängen wo ich drin stecke.

Diese Einheit unserer Person ist nicht selbstverständlich, sondern sie muss immer wieder neu errungen werden. Sonst zerfallen wir in lauter Persönlichkeitsfragmente, von denen die einen hier gelten und die anderen dort. Und dann werden unsere Persönlichkeitsfragmente aufgesogen von anderen Mächten, Bürokratien und Stimmungen. Deswegen soll dieses Bekenntnis immer wieder gesprochen werden, Tag für Tag. Und auch bei allen anderen geistlichen Übungen geht es ja darum, dass unser Leben durch Gott seine Einheit bekommt. Dass immer wieder der rote Faden unseres Lebens sichtbar wird und wir nicht hier die eine sind und dort ein anderer. Dass wir nicht zu Werkzeugen zerstörerischer Mächte werden.

Vielleicht kommt uns das komisch vor, zwei oder drei mal am Tag immer wieder den gleichen Text zu sprechen, ein Leben lang. Aber alle Dinge, die ganz beständig getan werden, haben eine enorme Wirkung. Das ist einer der Wege, auf denen Gott seine Menschen formt. Er hat damit vor langer Zeit begonnen, in einer Welt, die voll war mit allen möglichen Göttern, Geistern und Mächten.

So wie wir heute von einer Welt zur anderen gehen, so hatten die Menschen früher Götter für alles Mögliche, und bei Problemen in der Liebe ging man in einen anderen Tempel als bei einem Krieg oder vor einem riskanten Geschäft. Und diese Götter waren sich überhaupt nicht immer einig. Die stritten sich genauso wie ihre menschlichen Anhänger.

Der Mythos vom Götterkrieg

Als Israel in der Gefangenschaft in Babylonien war, begegneten sie dort folgender Erzählung über die Welt: in einem Krieg unter den Göttern wurde eine Göttin getötet, und aus ihrem Leib entstand die Erde. Und ein anderer Gott wurde hingerichtet, und aus seinem Blut wurden die Menschen geschaffen. Das klingt für uns heute verrückt, aber damals war das eine verbreitete Erzählung über den Ursprung der Welt.

Was sagt uns diese Geschichte? Am Anfang der Welt stehen Mord und Totschlag. Die Welt ist auf Gewalt gebaut. Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Deswegen wird es in dieser Welt nie Frieden geben, und das Beste ist, du bereitest dich vor und baust ein starkes Militär auf. So entstanden die Großreiche. Die Geschichten und Mythen, die wir uns erzählen, sind keine netten Kindermärchen, sondern sie haben Folgen für den Verlauf der Weltgeschichte.

Wenn aber Gott Einer ist, wie es die Bibel sagt, dann steht am Anfang der Welt Harmonie. Der eine Gott ist der Vater des Lebens. Aus Liebe zum Leben hat er alles geschaffen, er hat sein eigenes Leben mit uns geteilt. Die Gewalt ist hinterher dazu gekommen, weil Menschen sich von Gott abgewandt haben. Aber am Anfang stand eine Welt ohne Tod, ohne Gewalt, ohne Herrschaft. Das klingt doch ganz anders als der Mythos vom Götterkrieg.

Gewaltfreiheit als Konsequenz des einen Gottes

Deswegen ergänzt Jesus das Gebot, Gott zu lieben, um das Gebot der Nächstenliebe. Das steht an dieser Stelle ursprünglich nicht, aber es ergibt sich daraus: wenn die Welt am Anfang aus Gottes freundlicher Hand hervor gegangen ist, dann kann es unter den Menschen keine unlösbaren Konflikte geben. Dann sind wir Kinder eines Vaters, der wollte, dass wir uns gegenseitig bereichern und nicht unterdrücken.

Damit steht über der ganzen Welt die Verheißung: es wird noch mal anders werden. Es ist nicht dieser hoffnungslose Mythos: es war schon immer so, wie es ist, und es wird sich nie ändern. Sondern diese Erinnerung, dass die ganze Welt aus der Hand eines Gottes hervorgegangen ist, die verspricht: es muss keine Feindschaft unter den Menschen geben. Dafür ist die Welt nicht geschaffen. Es muss keine Unterdrückung und Ausbeutung geben: dagegen kämpft der Befreiergott. Und am Ende wird er dafür sorgen, dass seine Schöpfung ans Ziel kommt.

Deswegen hat Jesus in der Bergpredigt über Wege gesprochen, wie man sich zu Feinden verhalten soll. Wenn wir alle Geschöpfe des einen Gottes sind, dann kann es keine echten Feinde geben. Dann geht es immer darum, dass Menschen an die ursprüngliche Einheit in dem einen Gott erinnert werden. Und dann ist der normale Weg, wie Menschen Konflikte lösen sollen, nicht der Kampf, sondern: miteinander reden. Die Gewaltfreiheit wurzelt direkt in dem Glauben an den einen und einzigen Gott.

Stammesgötter und die Gewalt

Es ist schon erstaunlich, wie schnell Menschen zurückfallen in diesen Glauben, dass die Grundlage der Welt Kampf und Krieg ist. Wie schnell Menschen überzeugt sind, dass man andere Lösungen gar nicht in Betracht ziehen muss. Und man müsste sie eigentlich schütteln und sagen: Hey, wach auf und guck dir die reale Welt an! Was haben all die Kriege und Waffenlieferungen und Interventionen gebracht? Ist die Welt sicherer geworden? Nein, es gibt immer mehr Menschen, die gewohnt sind, nur noch in militärischen Lösungen zu denken. Ein Haufen Desperados zieht durch die Welt, die keinen anderen Beruf haben als Söldner oder Krieger zu sein, die keine andere Heimat haben als die Truppe, in der sie gerade sind. Die sofort zur Stelle sind, wenn irgendwo geschossen wird – Ukraine, Syrien, jetzt wieder Irak – egal, auf welcher Seite.

Und wenn sie überhaupt noch irgendeinen Gott haben, dann ist das so eine Art Stammesgott, der ihnen helfen soll, zu siegen oder wenigstens zu überleben. Aber so ein Stammesgott ist nie der eine Gott, der die ganze Welt geschaffen hat und erhält.

Wir erleben heute eine neue Phase im Kampf um die Seele der Menschheit: ob wir daran glauben, dass Kampf und Gewalt die letzte Realität sind, oder der eine Gott, der die Welt aus Liebe geschaffen hat, damit sich unter uns sein Leben ausbreitet und gedeiht. Und wie wir es glauben, so wird es.

Ein Volk, das von IHM geprägt ist

Gott hat über viele Jahrhunderte und Jahrtausende daran gearbeitet, ein Volk zu schaffen, dass durch und durch geprägt ist von dem Glauben an den einen Gott. Wo die Menschen sich das ein paar Mal am Tag in Erinnerung rufen sollen. Wo sie es ihren Kindern weitergeben, von einer Generation zu anderen. Und seit Jesus sind dann Menschen in der ganzen Welt dazu gekommen. Und wir sind alle immer in Gefahr, dass wir uns Gott als einen Stammesgott oder Nationalgott vorstellen oder dass wir neben dem Herrn, unserem Gott doch andere Götter mehr oder weniger offen gelten lassen. Immer dann wird Gottes Name unter den Menschen schlecht gemacht.

Aber Gott arbeitet an der Seele seiner Menschen, ja, man muss sagen: er arbeitet an der Seele der ganzen Welt, damit sie zurückfindet zu ihrem Ursprung: dem Vater im Himmel. Glaubensbekenntnisse zu sprechen scheint vielen Menschen mechanisch und sinnlos. Aber es ist einer der Wege, auf dem Gott seine Leute formt und in unsere Gedanken seine Alternative einwurzelt.

Jun 092014
 

Predigt am 9. Juni 2014 (Pfingsten II) zu Matthäus 16,13-19

13 Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: »Für wen halten die Leute den Menschensohn?« – 14 »Manche halten dich für Johannes den Täufer«, antworteten sie, »manche für Elia und manche für Jeremia oder einen der anderen Propheten.« – 15 »Und ihr«, fragte er, »für wen haltet ihr mich?« 16 Simon Petrus antwortete: »Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!«
17 Darauf sagte Jesus zu ihm: »Glücklich bist du zu preisen, Simon, Sohn des Jona; denn nicht menschliche Klugheit hat dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18 Deshalb sage ich dir jetzt: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen, und das Totenreich mit seiner ganzen Macht wird nicht stärker sein als sie. 19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf der Erde bindest, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf der Erde löst, das wird im Himmel gelöst sein.«

Politik und Religion bringen nur Ärger. Noch nicht mal über unterschiedliche Fußballmannschaften können sich Menschen so sehr verzanken wie über Politik und Religion. In manchen Gaststätten hing früher ein Schild über der Theke: »Hier wird nicht politisiert« – ich weiß nicht, ob es das heute noch gibt. Die Gefahr, dass über Religion gesprochen wird, hat man da anscheinend nicht ganz so groß eingeschätzt.

Unsichtbar hängt dieses Schild immer noch über vielen Familientreffen, Freundeskreisen und Nachbarschaften: Politik und Religion – das produziert nur unnötigen Streit. Deswegen: lasst das Thema draußen. Und deswegen sollte man auch in der Kirche Politik und Religion auf das unumgängliche Mindestmaß begrenzen. Lasst uns unsere Energie lieber auf kirchliche Folklore konzentrieren!

Gesprächsbedarf

Jesus sah das offensichtlich anders. Er machte mit seinen Jüngern einen großen Ausflug, damit sie endlich mal ungestört über die wichtigen Sachen reden konnten: über Politik und Religion. Zwei kräftige Tagesmärsche vom See Genezareth aus hatten sie hinter sich gebracht, raus aus dem Herrschaftsbereich von Herodes Antipas, dem kleinen König von Galiläa. Sie haben sich schon die ganze Zeit vorher am Rand des jüdischen Gebietes bewegt, die Diskussionen mit den anderen Gruppen waren heftiger geworden, und Jesus hat seine Jüngern im kleinen Kreis vor Pharisäern und Schriftgelehrten gewarnt. Es lag etwas in der Luft. Die Dinge begannen sich zuzuspitzen.

Im äußersten Norden Israels, schon fast auf heidnischem Boden, da, wo keine unerwünschten Zuhörer mehr dabei waren, kam Jesus auf die entscheidenden Fragen zu sprechen. »Für wen halten die Leute mich?«

Jesus fängt mit einer relativ unverbindlichen Frage an: Was sagen die anderen über mich? Schon die Antwort darauf zeigt, dass das alles nicht harmlos ist. Jesus wurde als Prophet wahrgenommen. Propheten waren in Israel keine Zukunftsorakel, sondern sie sprachen den Willen Gottes aus, gerade in den Fragen von Politik und Gerechtigkeit. Propheten bewegten sich im Schnittpunkt von Politik und Religion. Propheten sprachen im Auftrag Gottes gegen Ungerechtigkeit und Wahn der Führungsschichten.

Ein schmeichelhafter Vergleich, aber gefährlich

Das muss auch Jesus getan haben, sonst wären die Leute nie auf die Idee gekommen, ihn mit Elia, Jeremia oder Johannes dem Täufer zu vergleichen. Elia, der sich fast allein gegen die Einführung der Baalsreligion durch König Ahab und Königin Isebel gestemmt hatte. Jeremia, der vor der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier immer wieder die Kriegspolitik der Könige kritisiert hatte. Johannes, der gerade eben von König Herodes einen Kopf kürzer gemacht worden war. Das waren einige der wichtigsten Figuren der Bibel bzw. der Gegenwart. Ziemlich schmeichelhaft für Jesus, dass die Leute ihn mit denen in eine Reihe stellen. Und gefährlich. Kein Wunder, dass er sich in Gebieten aufhielt, wo er einigermaßen sicher vor dem Zugriff von König Herodes war.

Die Aufklärung prägt unsere Weltsicht

Auf jeden Fall war Jesus in den Augen seiner Zeitgenossen keiner, der sich auf religiöse Dinge beschränkte. Wobei diese saubere Aufteilung des Lebens in verschiedene Bereiche sowieso verhältnismäßig jung ist. Das hat man sich im Wesentlichen erst in der Aufklärung ausgedacht, als man die Macht der Kirche begrenzen wollte. Zu sehr steckte den Leuten damals noch die Erinnerung an die Religionskriege in den Knochen, und da hat man gedacht: wenn die Religion nur ein Lebensbereich unter vielen anderen wäre – so wie Wirtschaft, Politik, Sport, Soziales, Familie usw., dann wäre der kirchliche Einfluss darauf begrenzt, und dann können uns die Priester nie wieder in Kriege stürzen. Und sie können sich auch nicht mehr in unsere Geschäfte einmischen.

Wenn sich also in der modernen Zeit die Menschen in den zivilisierten Teilen der Welt massenhaft gegenseitig umgebracht haben, dann taten sie es aus Gründen der Macht, aus Nationalismus, aus Gier oder aus Angst – aber nicht mehr für Gott. Man kann das Fortschritt nennen.

Eine problematische Aufteilung

Jesus lebte in einer Zeit, in der niemand auf die merkwürdige Idee gekommen wäre, das Leben fein säuberlich in solche Bereiche einzuteilen. Religion und Politik gehörten zusammen: Könige bauten und unterhielten Tempel und beriefen sich im Kriegsfall auf göttliche Unterstützung, und in Israel gab Gott seinen Leuten eine Ordnung für alle Bereiche des Lebens, damit sie als freies Volk leben konnten. Weil wir aber heute von dieser Trennung der Bereiche her denken, deshalb hören wir vieles in der Bibel nur mit dem »religiösen« Ohr und verstehen es dann nicht mehr gut. Diese Aufteilung der Welt in »religiös« und »weltlich« blockiert massiv das Verständnis des Evangeliums: die einen kümmern sich dann nur um das »Eigentliche«, das religiöse, und die andern möchten ganz »weltlich« sein und sich das Leben nicht noch von dem religiösen Zeug belasten lassen. Und beide verstehen nicht, worum es Jesu ging.

Wenn also Petrus auf die nächste Frage von Jesus antwortet: »du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes«, dann ist das nach heutiger Begrifflichkeit eine religiöse und politische Antwort zugleich. Der Messias – in griechischer Sprache: der Christus, zu deutsch: der Gesalbte – war der wahre König Gottes, der Israel wieder aufrichten und vielleicht sogar die ganze Welt gerecht regieren würde. Wie das genau gehen sollte, darüber gab es viele unterschiedliche Meinungen, aber jeder in Israel kannte den Begriff.

»Sohn Gottes« wiederum ist eine Erinnerung an den 2. Psalm, wo Gott zu seinem König sagt: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.« Petrus meint in diesem Moment nicht, dass Jesus die zweite Person der Trinität sei, sondern er spricht seine Überzeugung aus: du bist der wahre König Israels aus Psalm 2.

Der wahre König ist da …

Das war der Punkt, an den Jesus seine Jünger bringen wollte. Sie waren keine religiöse Erneuerungsbewegung. Sie waren noch nicht mal eine prophetische Protestbewegung gegen Ungerechtigkeit und Korruption. Sie waren das Heer des endgültigen Herrschers über Israel und die ganze Welt. Herodes hatte Recht mit seinem Misstrauen, und auch der Kaiser jenseits des Meeres, der in Rom auf dem Thron Cäsars saß, sollte sich besser schon mal warm anziehen.

… aber das merkt keiner

Das ist der Zusammenhang, in dem Jesus vom Heiligen Geist spricht. Nicht wörtlich, aber wenn er sagt: »das hat dir mein Vater im Himmel offenbart«, dann ist genau das gemeint: Gottes Gedanken in einem menschlichen Kopf. Gott hat mit Petrus dem ersten Menschen die Augen dafür geöffnet, was unter diesen paar Leuten am Rande der jüdischen Welt wirklich passiert: hier beginnt die neue Gesellschaft, die die alte Welt voller Gewalt und Tyrannei ablösen wird. Der Heilige Geist ist dafür zuständig, dass wir die vertraute Sicht verlassen und die Welt mit neuen Augen sehen. Dieses Wunder muss von Gott selbst kommen, weil es nach unserer herkömmlichen Sicht kein erfolgversprechender Weg wäre, die Welt so erneuern zu wollen, wie Jesus es tut.

Die Jünger haben bis dahin erlebt wie Jesus Menschen heilt, wie er Dämonen vertreibt, wie er Tausende von Menschen satt macht. Sie haben die Bergpredigt gehört: »Glücklich sind die Armen und die Sanftmütigen«, »Macht euch keine Sorgen«. Sie haben für Jesus ihre Heimat verlassen und sind mit ihm gegangen. Sie haben eine überzeugende neue Lebensweise kennengelernt. Und jetzt fehlt noch dieser eine Klick, dass ihnen deutlich wird: das ist es. Darum ging es auf dem ganzen langen Weg, den Gott mit unserem Volk gegangen ist. Das ist die Art zu leben, für die Menschen geschaffen sind. Das ist das Geheimnis der Welt. Jetzt ist es endlich enthüllt.

Das zu verstehen, das zu glauben, das ist ein Bruch mit allem, was vorher normal war. Das muss Gott selbst in einem Menschen bewirken, und tatsächlich hat er über Jahrhunderte und Jahrtausende dieses Ziel verfolgt, dass jetzt der erste Mensch sagt: das ist es! Auf diesen Moment, in dem Petrus sagt: jetzt habe ich’s verstanden, darauf hat Gott seit Abraham hingearbeitet.

Der Fels, auf den Jesus baut

Und so wie Abraham ursprünglich Abram hieß und Gott ihm einen neuen Namen gegeben hat, so gibt Jesus dem Simon, Sohn des Jona, den neuen Namen »Petrus«, zu deutsch »der Fels«. Noch viele andere werden verstehen, was Petrus verstanden hat, aber er ist der Erste, er ist der Anfang, er ist der Grundstein, auf dem Jesus dann seine Gemeinde weiter baut. So wie es später in jeder Ortsgemeinde den Einen gibt, mit dem alles angefangen hat, den, der als erster begriffen hat, worum es geht und der dann die ganze Gruppe prägt, so gibt es für die ganze Christenheit Petrus.

Petrus wird noch viel lernen müssen, Jesus hat noch ein großes Stück Arbeit mit ihm, aber der entscheidende Anfang ist gemacht. Wenn einer verstanden hat: diese Gemeinschaft im Namen Jesu, geprägt vom Geist der Bergpredigt und gespeist von den Kräften des Himmels, die ist das Ziel der ganzen Schöpfung, dann ist der Durchbruch da. Die Wahrheit ist nur zu finden, wenn du das Mainstream-Denken hinter dir lässt. Billiger geht es nicht.

Lohnende Themen

Wir bringen uns um die entscheidende Wahrheit, wenn wir uns lieber über das Wetter unterhalten oder über kirchliche Folklore als – nach heutiger Einteilung – über Politik und Religion. Das sind die Themen, über die man wirklich reden muss: wem gehört die Welt? Welchem König gehorche ich? Welcher Macht beuge ich mich? Was bewegt mich wirklich? Wofür lohnt es sich zu leben?

Jesus hat seine Jünger mit dieser Frage konfrontiert, damit sich in ihrem Kopf die Dinge sortieren. Aber er hat ihnen vorher Zeit gelassen, das Neue kennenzulernen, ihn an der Arbeit zu sehen, seine Logik zu verstehen. Er zeigte ihnen das ganze Paket, die neue Welt, deren Samen er war. Allmählich wuchs in ihnen etwas, irgendwann waren die ganzen Mosaiksteine da. Aber sie mussten sie noch richtig anordnen. Es musste noch »klick« machen. Und das passierte dort bei Cäsarea Philippi, irgendwo am Rande.

Das Neue wächst am Rand. Da, wo niemand aufpasst, wo keiner kontrolliert, wo keiner was erwartet. Gott wartet darauf, dass das unter uns geschieht.

Jun 082014
 

Predigt am 8. Juni 2014 (Pfingsten I) zu Johannes 14,23-27

23 Jesus sprach zu seinen Jüngern: »Wenn jemand mich liebt, wird er sich nach meinem Wort richten. Mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. 24 Wer mich nicht liebt, richtet sich nicht nach meinen Worten. Und was ich euch sage, ist nicht mein Wort; ihr hört das Wort des Vaters, der mich gesandt hat.
25 Diese Dinge sage ich euch, solange ich noch bei euch bin. 26 Der Helfer, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, wird euch alles ´Weitere` lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
27 Was ich euch zurücklasse, ist Frieden: Ich gebe euch meinen Frieden – einen Frieden, wie ihn die Welt nicht geben kann. Lasst euch durch nichts ´in eurem Glauben` erschüttern, und lasst euch nicht entmutigen!

Pfingsten, ist anders als die anderen christlichen Feste: zu Weihnachten denken alle an die Krippe mit dem niedlichen Baby und an ihre eigenen Kinder und Enkel. Zu Ostern kann man sich wenigstens noch vorstellen, wie das für die Jüngerinnen und Jünger gewesen sein muss, als sie Jesus nach seiner Auferstehung begegneten, obwohl sie doch eigentlich trauerten, weil er ermordet wurde. Und man denkt an Menschen, die traurig zum Friedhof gehen wie Maria Magdalena zum Grab Jesu.

Ein Paukenschlag zum Auftakt …

Aber zu Pfingsten haben wir diese Geschichte von den feurigen Zungen, die wir vorhin gehört haben (Apostelgeschichte 2,1-18), und man kann sich nur schlecht vorstellen, wie das damals gewesen ist. Das ist alles weit weg von dem, was wir kennen, und auch die Bibel erzählt kein anderes Ereignis, wo Tausende von Menschen auf einmal anfangen, an Jesus zu glauben, und auch nicht wieder von diesen Flammen, die sich auf die Apostel setzten.

Und die Historiker, die die Zeit der frühen Kirche untersuchen, sagen, dass sich die Christenheit nicht durch solche dramatischen Paukenschläge verbreitet hat, sondern durch unzählige kleine einzelne Schritte vieler ungenannter Christen. So können wir es auch im Neuen Testament lesen: dramatische und spannende Geschichten, aber die Zahl der beteiligten Menschen blieb überschaubar. Die meisten neutestamentlichen Gemeinden machen nicht den Eindruck, dass zu ihnen mehr als 100 Menschen gehören, auch nicht in Großstädten.

… und unauffällige Fortsetzungen

Dieser großartige Anfangsimpuls der Pfingstgeschichte hat mit seinem Glanz überdeckt, dass es außerhalb von Jerusalem meistens anders weitergegangen ist: mit einem eher unspektakulären, überschaubaren Wachstum, das aber sehr beständig angehalten hat. Die Christen der ersten Jahrhunderte waren ein Netzwerk aus vielen verstreuten Zellen, die keine zentrale Organisation hatten. Eine Graswurzelbewegung würde man das heute nennen. So haben sie jahrhundertelang gelebt und durchgehalten, und eines Tages merkte das mächtige Imperium Romanum nicht nur, dass es diese Bewegung nicht zerstören konnte, sondern dass es an ihr nicht mehr vorbei kam. In aller Unauffälligkeit haben diese einfachen Menschen den Lauf der Geschichte geändert. Durch sie hat Gott die Welt regiert. Das ist Gottes Herrlichkeit: dass er die Welt durch einfache Menschen regiert.

Und dann gab es einzelne Gestalten, meist Bischöfe von großen Gemeinden, die mit den Kaisern verhandelt haben und zum Mund der Christenheit wurden. Das waren oft beeindruckende Leute, aber ihre Autorität kam daher, dass sie die vielen einfachen Christen im Rücken hatten, die Tag für Tag auf Jesus hörten, beteten, Barmherzigkeit übten, unter Druck zusammen hielten, nicht in die Tempel und ins Stadion gingen, sich regelmäßig in der Gemeinde versammelten und in ihrer Stadt die Repräsentanten Jesu waren. Sie dachten anders, sie lebten anders, sie verkörperten ein alternatives Leben im Nahbereich, und das über viele Generationen. Christliches Leben ist in der Regel kein Sprint, sondern ein Marathon.

Das ist bis heute die Basis aller öffentlichen christlichen Aktionen: wenn ich z.B. beim Volksfest rede (dieses Jahr ist aber die St. Bernwards-Gemeinde dran), dann hören das die Menschen auf dem Hintergrund, was sie von unserer Gemeinde und ihren Menschen wissen, und sie spüren, ob es zusammen passt oder nicht.

Pfingsten zeigt, was da wirklich beginnt

Wenn wir uns also zu Pfingsten etwas vorstellen wollen, dann müssen wir die Pfingstgeschichte ergänzen mit diesem Bild der vielen ungenannten Christen von damals bis heute, deren Namen den Historikern unbekannt sind, von denen viel weniger überliefert ist als von den Kriegszügen und politischen Manövern der Herrscher, und deren Geschichte so gut wie nie in der Zeitung steht. Aber in der Pfingstgeschichte wird für einen Moment der Vorhang weggezogen und man sieht die wahren Dimensionen der Kraft, die normalerweise ganz unauffällig in vielen gewöhnlichen Menschen wirkt.

Das ist wie in der Verklärungsgeschichte Jesu, wo für einen Moment sichtbar wird, wie er wirklich ist. Pfingsten ist so etwas wie die Verklärungsgeschichte des Heiligen Geistes: für kurze Zeit wird der Vorhang zur Seite gezogen und wir sehen, welche Kraft da in Wirklichkeit im normalen Leben der Christen am Werk ist.

In den sogenannten Abschiedsreden des Johannesevangeliums erklärt Jesus, wie das normalerweise funktioniert. Er tut das am Abend vor seiner Kreuzigung, und er sagt den Jüngern, wie es in Zukunft weitergehen wird, nachdem er auferstanden ist. Woher kommt die Kraft für diesen Marathon, für diesen Langen Marsch durch die Welt, auf den Jesus seine Leute schickt?

Wenn es nach vielen Menschen heute ginge, dann hätte Jesus ein paar weise Gebote aufgestellt: töte niemanden, stehle nicht, treib es nie zu toll, bleib immer schön nett. Aber wie soll aus solchen Binsenweisheiten Kraft kommen? Und wie sollen überhaupt Jahrtausende alte Vorschriften noch greifen?

Was alles in uns lebt

Das ist der Punkt, an dem Jesus vom Heiligen Geist redet. Der Heilige Geist ist Jesus, wie er zu all seinen vielen Nachfolgern in vielen Ländern und zu allen Zeiten kommt, ihnen Mut macht und ihnen zeigt, wie sie seine überlieferten Worte verstehen und anwenden sollen. Selbst Jesus hätte keine Regeln aufschreiben können, die uns für jede Situation sagen, was wir zu tun haben. Dafür ist die Welt zu groß und zu kompliziert. Deswegen sagt Jesus: ich hab euch schon mal ein paar grundlegende Dinge gesagt, aber den Rest übernimmt der Heilige Geist immer dann, wenn es dran ist. Der aktualisiert meine Worte so, dass ihr wisst, was das für euch bedeutet.

Der Heilige Geist sorgt dafür, dass Jesus uns nicht fremd bleibt, sondern »in uns wohnt«. Er wird ein lebendiger Teil unseres Innenlebens. Kein Regelwerk, sondern eine Person. So wie ja auch sonst andere Menschen in uns und unter uns lebendig sind: Eltern, selbst wenn sie schon längst tot sind, sagen uns immer noch, wie man sich benimmt, und manch einer versucht sein Leben lang, von ihnen irgendwie ein Zeichen der Anerkennung zu bekommen. Sie prägen immer noch die Art, wie Familien miteinander umgehen. Unsere erste Liebe sagt uns vielleicht immer noch etwas darüber, wie Männer und Frauen zueinander passen oder auch nicht. Und wer über »die Schule« redet, denkt vielleicht in Wirklichkeit immer noch an die Grundschullehrerin oder an Jahrzehnte alte Erlebnisse mit Mitschülern, die in uns immer noch lebendig sind.

Der Unterschied zu Jesus besteht darin, dass Jesus der erste Mensch ist, der Teil der neuen Welt Gottes ist. Nicht erst seit seiner Auferstehung, sondern von Anfang an. Er hat anders gelebt und ist anders gestorben: versöhnt, im Frieden, voller Freundlichkeit, ohne Angst, zu kurz zu kommen. Ein Mensch, um den herum die einen aufblühten und die anderen mit den Zähnen knirschten. Ein Mensch, der nicht von Angst und nicht von Gier getrieben ist.

Die Heiden glaubten nicht, dass es so etwas überhaupt geben könnte: eine Alternative zur Welt, wie sie ist. Die Juden erwarteten das irgendwann in der Zukunft. Jesus brachte die neue Schöpfung in die Gegenwart.

Die realisierte Alternative

Und wenn er in uns wohnt, dann ist das nicht einer mehr, der uns im Nacken sitzt und uns die Flügel stutzt und uns davor warnt, aus der Reihe zu tanzen. Sondern er erinnert uns daran, dass es die Alternative gibt, dass wir nicht ohnmächtig sind, dass wir anders denken und handeln können. In Jesus war die neue Welt schon da, von der Krippe bis zum Grab, und sie lebt jetzt auch in uns. Das ist das entscheidend Neue.

Ohne Jesus sind sich alle einig, das die Welt ein besserer Ort wäre, wenn die anderen sich ändern würden. Und die ganz Demütigen schließen sich ein und sagen: ja, ich selbst müsste mich zuerst ändern. Aber das bleibt alles ein »müsste, könnte, sollte«, das nicht so ernst gemeint ist. Die Zeitungen sind voll davon, und nichts ändert sich.

Aber Jesus ist der große Angriff auf den Status Quo, weil er die realisierte Alternative ist. Einer hat es anders gemacht, und der ist in der Tiefe unserer Person lebendig. In uns lebt nicht nur Opa Alfred, der immer gesagt hat »wir bleiben die Alten«, sondern in uns lebt Jesus, der Menschen befreit und neu macht. Da gibt es einen Raum, in dem Gott und seine neue Welt schon da ist. Und er spricht un unser Leben hinein, mal unauffällig, so dass wir es kaum merken, und manchmal lauf und vernehmlich.

Der Preis dafür

Den Mystikern aller Zeiten ist es um Wege gegangen, diesen Raum des lebendigen Gottes in uns zu finden. Und sie haben gesagt: du musst still werden, du musst die Dinge, mit denen du so sehr beschäftigt bist, aus der Hand legen und bereit sein für Gott. Du musst etwas dafür opfern: deine Hingabe an die Hektik der Welt.

Viel, viel später, am Anfang des 20 Jahrhunderts, gab es in Amerika die Pfingstbewegung, wo Menschen die Gegenwart des Heiligen Geistes gar nicht ruhig und still erfahren haben, sondern sehr heftig, beinahe chaotisch, mit Eingebungen und Prophetien, mit Zeichen und Wundern. Das erinnerte am Anfang wirklich an die Pfingstgeschichte. Aber auch da mussten Menschen etwas aufgeben. Ich habe die Geschichte von einem der Leute gelesen, der erzählt, wie er und seine Frau damals, bevor es los ging, nach San Francisco kamen, weil sie hofften, dort Menschen zu finden, die ihre Sehnsucht nach Gott teilten. Die waren total arm. Ihr kleines Kind starb, und sie hatten kein Geld für einen Sarg oder ein ordentliches Begräbnis. Und dann erzählt er, wie er mit dem toten Kind in einem Pappkarton auf seinen Knien mit der Straßenbahn zum Friedhof gefahren ist. Ich hab das nie vergessen können.

Und als dann tatsächlich der Heilige Geist die Menschen massiv ergriff, war es ein Schwarzer, der ganz deutlich die Leitung hatte, aber für die Weißen, die dabei waren, war das kein Problem. Es war ein Amerika, in dem Rassismus noch ganz offen herrschte, aber wer Gottes Wirken erleben wollte, der musste seine Rassenvorurteile aufgeben, opfern.

Verstehen Sie, das meint Jesus, wenn er sagt: wer mich liebt, der wird mein Wort halten, und dann wird der Heilige Geist zu ihm kommen. Wirkliches Lieben ist immer etwas, was uns bewegt und verändert. Die Apostel mussten mit Jesus gehen und nach seiner Himmelfahrt noch einmal 10 Tage warten, einfach ins Blaue hinein, und sie wussten vorher nicht, dass das »nur« 10 Tage waren. Die Mystiker haben sich aus ihren Verwicklungen in den Alltag herausgezogen, um ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Raum zu richten, wo Gott auf sie wartet. Die Leute der Pfingstbewegung haben ihre Rassenvorurteile aufgegeben, weil Gott ihnen wichtiger war. Es gibt keinen Einheitsweg zu Gott, Jesus kommt in alle Zeitalter anders, aber Liebe bedeutet immer, dass man sich auf den Einen konzentriert und anderes lässt. Man muss auf Jesus hören und sich von Opa Alfred verabschieden. Auch wenn er zum alten, vertrauten Inventar unserer Seele gehört.

So funktioniert Gottes Herrschaft in der Welt: durch Menschen, in denen und unter denen Jesus lebendig ist. Die Kraft einer wirklichen Alternative ist die stärkste Kraft, die es in dieser Welt gibt. Wenn diese Kraft in uns lebendig ist, sind unsere Kraftquellen unbegrenzt. Und so regiert Gott durch uns seine Welt.

Jun 012014
 

Predigt am 1. Juni 2014 zu Offenbarung 2,8-11 (Predigtreihe Offenbarung 06)

8 An den Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: So spricht Er, der Erste und der Letzte, der tot war und wieder lebendig wurde:
9 Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut; und doch bist du reich. Und ich weiß, dass du von solchen geschmäht wirst, die sich als Juden ausgeben; sie sind es aber nicht, sondern sind eine Synagoge des Satans. 10 Fürchte dich nicht vor dem, was du noch erleiden musst. Der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, um euch auf die Probe zu stellen, und ihr werdet in Bedrängnis sein, zehn Tage lang. Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben.
11 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem kann der zweite Tod nichts anhaben.

In Smyrna geht es richtig hart zur Sache, in vieler Hinsicht. Diese Gemeinde hat gleich mehrere Herausforderungen zu bestehen. An ihr kann man sehen, was es auch bedeuten kann, Gemeinde Jesu zu sein.

Der Satan mischt mit

Zweimal hören wir hier vom Satan bzw. dem Versucher als dem großen Feind der Gemeinde. Der Satan ist uns in der Offenbarung schon begegnet, z.B. heißt es (2,13) über Pergamon, dass dort der »Thron des Satans« steht, und damit ist wahrscheinlich die große Tempelanlage dort gemeint. Der Satan bzw. der Versucher, der Diabolos ist das spirituelle Rückgrat der Macht. Er versucht schon ganz am Anfang des Evangeliums, Jesus auf seinen Weg zu ziehen – das ist die Versuchungsgeschichte.

Die satanische Versuchung für Jesus und seine Nachfolger besteht immer darin, sich von der Spiritualität der Macht überwältigen zu lassen, zur Machtkirche zu werden, die die Herren dieser Welt feiert und den Weg der Liebe vergisst.

Satan ist das Gegenprinzip zu Jesus und seinem Vater im Himmel: er ist der Meister des Beherrschens und Besitzens, des Raffens und Beutemachens. Satan ist die Energie hinter allen Machtstaaten und Imperien, und deshalb dachte man damals an das römischen Imperium, wenn dieser Name fiel. Er bietet Jesus die Herrschaft über die Welt als Lehen an, er wäre dann so etwas wie ein römischer Imperator.

Und ebenso greift er auch die Nachfolger Jesu an. Smyrna war eine sehr reiche Handelsstadt, die von Anfang an immer mit den Römern verbündet war. Auch da gab es die religiösen Feste, bei denen das Imperium mit seinen Göttern verehrt wurde. Die Christen haben an so etwas nicht teilgenommen, und das führte dann oft zu Druck und Bedrohung.

Rituale der Konformität

Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die Gemeinde arm war. Vielleicht waren es aber einfach nur Arme, die sich in dieser Stadt dem Sog der imperialen Propaganda entzogen. Die Macht ist nicht tolerant: sie will Zustimmung und Verehrung. Deshalb gibt es überall solche Zustimmungsrituale, wo du deine Gesinnung demonstrieren musst: beim Militär, bei der Mafia, in den Macht­eliten jeder Art. Überall gibt es die Checkpoints, wo du zeigen sollst, dass du ein loyales Mitglied bist: du musst aufstehen und irgendwas singen, oder du musst viel Alkohol trinken, du musst einen Eid mitsprechen, du musst irgendein Symbol tragen, da gibt es viele Möglichkeiten. Damals musste man an Opferfeiern teilnehmen. Die Christen fielen immer unangenehm auf, weil sie dabei nicht mitmachten. Das war das eine Problem.

Verschärft wurde es noch, weil es in Smyrna anscheinend Konflikte mit einer jüdischen Gemeinschaft gab. Die Anhänger Jesu waren damals ja eine Strömung im breiten Fluss des Judentums, und unter Geschwistern gibt es oft die heftigsten Konflikte. Der Brief nennt sie »Möchtegern-Juden«: das könnte eine Anspielung darauf sein, dass viele davon übergetretene Heiden waren, die wenig Ahnung von ihrem jüdischen Erbe hatten. Auf jeden Fall hatten sie ein gutes Verhältnis zu den Machthabern, der Brief nennt sie deshalb »Satanssynagoge«: also ein Teil des Volkes Gottes, der die Seite gewechselt und sich mit dem Imperium verbündet hat.

Seitenwechsel im Volk Gottes

Ja, das gibt es: dass ein Teil des Volkes Gottes die Seite wechselt und den Imperatoren dieser Welt dient. Einige von uns kennen wahrscheinlich die Geschichte von Pastor Hartwig, der von 1910 bis 1920 hier in Groß Ilsede Pastor war. Im Ersten Weltkrieg hat er das Vermögen der Gemeinde in Kriegsanleihen investiert, anschließend wurde er Pastor in Edemissen, schloss sich den Nazis an und saß schon lange vor 1933 für Hitlers NS-Partei im Peiner Kreistag. Als dann die Nazis an der Macht waren, gehörte er zu den nationalsozialistischen Deutschen Christen und hat seine Pastoren-Kollegen bedroht und eingeschüchtert, wenn sie da nicht mitmachten. Hätte man damals die Deutschen Christen »Satanskirche« genannt, es wäre im Sinne dieses Briefes an die armen Jesusanhänger von Smyrna gewesen. Die wurden wahrscheinlich ähnlich oder schlimmer schikaniert und eingeschüchtert.

Oder, in der Zeit der Apartheid in Südafrika, die jetzt zum Glück schon lange beendet ist, da gab es rein weiße Kirchen, die keine Schwarzen aufgenommen haben und so die Rassentrennung kirchlich nachvollzogen haben. Die hat man damals aus dem Weltkirchenrat ausgeschlossen, um deutlich zu machen: wer das tut, der verlässt die gemeinsame Grundlage, die alle Christen verbindet. Der gehört nicht mehr zum Volk Gottes dazu.

Was gilt denn?

So verlangt dieser Brief nach Smyrna von uns Urteilsvermögen: hat ein Teil des Volkes Gottes etwa die Seite gewechselt und ist jetzt ein Werkzeug der dunklen Seite der Macht? Für die Christen im Deutschland Hitlers war das eine sehr verwirrende Sache, dass es Gruppen gab, die Handlanger der Nazis waren, sich aber Christen nannten. Dass irgendwo »Kirche« (oder in neutestamentlicher Zeit eben »Synagoge«) auf dem Etikett draufsteht, aber drinnen ist etwas ganz anderes, das konnten sich viele gar nicht vorstellen.

Und vielleicht soll auch dieser Brief nach Smyrna die Jesusanhänger dort aus der Verwirrung holen: ja, traut euren Beobachtungen, das gibt es, dass ein Teil des Volkes Gottes die Seite wechselt, so traurig es ist. Ja, es kann passieren, dass Menschen ihre jüdischen Wurzeln (wenn sie wirklich welche hatten) vergessen oder verraten, so wie auch Christen ihren Herrn verlassen und zum Feind übergehen können. Und manchmal bezeichnen sie sich dann auch noch weiterhin als Kirche oder Synagoge und richten im treu gebliebenen Volk Gottes mehr Schaden an als die schlimmsten Heiden.

Religiöse Markenpiraterie

Wir kennen das aus der Wirtschaft als Markenpiraterie: da verkauft einer teure Rolexuhren, und in Wirklichkeit ist bloß ein billiges no name-Uhrwerk drin. Und der eigentliche Schaden ist noch nicht mal, dass einer zu viel Geld für eine gefälschte Uhr ausgibt. Das eigentliche Problem fängt an, wenn er seinem Nachbarn sagt: die Rolex geht ja auch nicht genauer als irgendeine Plastikuhr vom Wühltisch. Markenpiraterie kann die ursprüngliche Marke kaputt machen, weil die Leute den Schund, den sie bekommen, für echt halten, und dann zu Recht enttäuscht sind.

Und genauso gibt es auch im Christentum so etwas wie Markenpiraterie, dass Leute unter dem christlichen Logo in Wirklichkeit gefälschten Schund vertreiben, der mit Jesus gerade noch mal den Namen und ein paar Schlagworte teilt. Und wenn es ganz schlimm kommt, wird das nicht nur eine schlappe und glücklose Kirche, sondern eine Macht- und Gewaltkirche. Und dann schädigt das das ganze Volk Gottes, ja: es schädigt Gott und seinen Ruf unter den Menschen, wenn die Leute sagen: die segnen ja die Waffen genauso wie alle anderen auch.

Sicherlich ist uns jetzt allen klar, dass genau das immer wieder passiert ist, und dass das eins der schlimmsten Hindernisse für das Evangelium ist. Viele Menschen wissen einfach nicht mehr, ob sie dem Label »Kirche« trauen können. Gott kommt in Verruf, weil Menschen in seinem Namen Schrott reden oder – schlimmer – Giftmüll verstreuen. Und deswegen müssen wir unser Urteilsvermögen schärfen und üben, denn wenn wir schon nicht mehr durchblicken, wer dann?

Urteilskraft ist unersetzbar

Niemand kann seine Verantwortung auf irgendwelche Würdenträger oder Amtspersonen abschieben. Die haben sich oft genug geirrt. Du kannst es dir nicht ersparen, ein eigenes verantwortliches Urteil zu fällen, auch auf das Risiko hin, dass du falsch liegst. Aber dann hast du immerhin die Möglichkeit, aus deinem Irrtum zu lernen. Wer sich lieber raushält, sagt hinterher: »ich hab nichts falsch gemacht« – und lernt nichts.

Das Problem ist natürlich, dass es enorm viele Zwischenstufen gibt: es gibt keinen eindeutigen Punkt, von dem an eine Fraktion des Gottesvolkes zur Satanskirche wird. Klar, wenn sie schwarze Messen feiern, dann ist das eindeutig, aber normalerweise ist die Lage viel unübersichtlicher. Es gibt keinen 10 Punkte-Katalog, der uns ein verantwortliches Urteil ersparen würde. Wir brauchen die Unterscheidung der Geister. Nicht jede Gruppe mit einer haarsträubenden Theologie ist deshalb schon eine Satanskirche. Aber am Ende steht dann unser verantwortliches Urteil: gehört diese Fraktion noch dazu oder nicht? Wir können uns dabei ja durchaus irren, aber wir können nicht von vornherein sagen, dass es diesen Fall nie gibt. Schon in biblischen Zeiten gab es den, und danach leider auch immer wieder. Auch einer meiner Vorgänger hat schließlich die Seite gewechselt – wobei ich keine Ahnung habe, wo bei dem der point of no return war, und ob es überhaupt so einen entscheidenden Punkt gegeben hat.

Rückenstärkung

Jesus stärkt seine Leute in Smyrna, indem er ihnen sagt: ja, euer Eindruck ist richtig – die stehen auf der anderen Seite. Das  Problem seid nicht ihr. Und es wird noch schlimmer kommen. Einige von euch werden die Kerker von innen kennenlernen. Und das war damals noch viel weniger ein Spaß als heute. Und es geht wahrscheinlich nicht um 10 Kalendertage, sondern die Zahl zehn ist ein Bild für eine gewisse Zeit. Aber die Zeit ist begrenzt. Sie geht auch wieder zu Ende. Und ihr könnt wissen, dass es damit seine Ordnung hat. Ihr müsst das wirklich wegen mir durchmachen.

Und vergesst nicht: ich habe das selbst erlebt. Sie haben mich getötet, aber Gott hat mich auferweckt. Und weil ihr zu mir gehört und für Gott leidet, deswegen werde ich euch Anteil an meinem Sieg geben, den Siegeskranz des Lebens.

Zerfressen von der dunklen Seite

Das Wichtigste im Leben ist, dass wir Anteil am großen Leben Gottes haben. Dass wir Verbündete des Lebens sind und nicht Agenten des Todes. Wer sich mit dem Tod und der Zerstörung verbündet, der zerstört sich selbst. Manchmal frisst der Satan seine eigenen Handlanger, manchmal saugt er ihnen einfach das Leben aus, bis am Ende nur noch eine leere Hülle übrigbleibt. Wer den Film »Krieg der Sterne« gesehen hat, der erinnert sich wahrscheinlich an das Ende von Darth Vader: wie der eigentlich nur noch durch die Maschinen lebt, die ihm angebaut sind, und wie er auch innerlich völlig zerfressen ist von der dunklen Seite der Macht. Der Film ist so gnädig, ihn am Ende noch umkehren zu lassen. Aber so geht es nicht allen. Zu viele Menschen sind innerlich ausgelaugt und zerfressen von der Gier nach ein bisschen Macht, Anerkennung, Vergnügen oder Zugehörigkeit. Man muss kein Imperator sein, um davon zerstört zu werden.

Das Glück des Originals

Jesus erinnert seine Leute in Smyrna: bei mir gibt es Leben als Geschenk, nicht als Beute. Wer daran Anteil hat, der gehört zur Neuen Welt Gottes. Wer das kennt, der hat keine Lust mehr auf die billigen Imitationen, die die Imperien zu allen Zeiten versprechen. Das sind jetzt natürlich große Worte, und wir alle wissen nicht, ob wir in einer Verfolgungssituation standhalten würden. Aber wer nicht wenigstens damit rechnet, dass ihm der Glaube so viel wert sein könnte und ihm so viel gibt, dass er dafür standhaft bleibt wie die Christen in Smyrna, der sollte sich überlegen, ob er das Original kennt, oder ob er einer gefälschten Ramschware aufgesessen ist.

Das große Leben Gottes bleibt, auch über den Tod hinaus, den Menschen uns zufügen können. Haben wir etwas, wofür es sich lohnt, die ganze Energie seines Lebens einzusetzen und vielleicht auch das Leben selbst? Dann könnte es sein, dass man uns doch keine Ramschware angedreht hat.