Mai 182014
 

Predigt am 18. Mai 2014 zu Matthäus 11,25-30

25 In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. 26 Ja, Vater, so hat es dir gefallen.
27 Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. 29 Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. 30 Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.

Wenn die Kinder berühmter Leute über ihre Eltern erzählen, das ist immer eine kritische Situation. Es gibt genügend Kinder, die erzählen können, dass ihre Eltern nach außen den Schein eines harmonischen Familienlebens verbreitet haben, vielleicht haben Politiker in Wahlkämpfen ihre Familie vorgezeigt, und dann erzählen die Kinder nach Jahren davon, wie schrecklich das alles für sie war und wie wenig harmonisch das Familienleben war, wenn die Kameras nicht mehr dabei und die Scheinwerfer ausgeschaltet waren. Und wir nehmen das ernst, weil Kinder sehr genau registrieren, wie sich ihre Eltern verhalten. In einer Familie kann man sich auf die Dauer nicht verstellen; Menschen, mit denen du über viele Jahre so eng zusammenlebst, die wissen viel über dich und können sehr genau sagen, wie du tickst.

Deshalb nehmen wir es dann auch ernst, wenn Kinder von guten Erfahrungen mit ihren Eltern erzählen. So wie ein Sohn oder eine Tochter kann kaum jemand über Menschen erzählen. Es gibt Dinge, die weiß nur jemand, der zwanzig oder dreißig Jahre im familiären Umfeld eines Menschen zugebracht hat. Wenn der dann viele gute Geschichten erzählen kann, dann muss es wohl wirklich ein überzeugender Vater oder eine hilfreiche Mutter gewesen sein.

Rückhalt gibt Sicherheit

Und anscheinend ist es bei Jesus auch so gewesen mit dem, den er seinen Vater im Himmel nannte: es gab Dinge, von denen Jesus als einziger wusste, und die nur er erzählen konnte. Wir sind damit ganz nahe am Herzen des Sendung Jesu. Alles was er tat – dem Bösen in jeder Gestalt entgegen treten, Menschen heilen, ihnen neue Lebensperspektiven geben, die Bibel (also damals des Alte Testament) auf neue Art zu lesen – das hatte sein Zentrum und seine Quelle in Jesu Vertrautheit mit dem Vater im Himmel. Seine Sicherheit kam aus dieser Bindung. So wie jedes Menschenkind sich in der Welt dann sicher bewegen kann, wenn es sich eingebunden fühlt in die verlässliche Unterstützung seiner Eltern.

So hat Jesus seine Sicherheit zu all den erstaunlichen Dingen, die er tat, daraus geschöpft, dass er sich der Unterstützung Gottes sicher war. Es muss einen kontinuierlichen Strom der Stärke und Bestätigung gegeben haben, der Jesus geholfen hat, gegen allen Widerstand und alle Angriffe seinen Weg zu gehen. Und wenn er die Bibel las, dann begegnete ihm auf jeder Seite die Handschrift seines freundlichen und großzügigen Vaters. Da wo andere grübelten und diskutierten, was das denn wohl bedeuten würde, da verstand Jesus intuitiv, warum die Geschichte Gottes mit seinen Menschen so gelaufen war und wieso Gott das gerade so gesagt hatte. Und die Weisheit und Weite Gottes wurde für ihn immer mehr die Luft, die er atmete und der Raum, in dem er sich ganz selbstverständlich bewegte.

Das Entscheidende wusste Jesus einfach

Und deshalb wusste er einfach auch, dass die Vorstellungen, die sich die anderen von Gott machten – die religiösen Führer, die einfachen Leute, aber auch seine Jünger –, dass deren Gedanken ziemlich weit entfernt von der Realität waren. Es ist ein bisschen so, wie wenn jemand sein Leben lang in einer Stadt gewohnt hat, sie kennt und liebt, ihre Entwicklung in Jahrzehnten mit verfolgt hat, die Art der Menschen versteht, und der hört dann, wie Touristen nach zwei Stunden Sightseeing-Tour über die Stadt reden, als ob sie sie jetzt kennen würden. Und er merkt an jedem Satz, dass sie höchstens ein paar oberflächliche Eindrücke bekommen haben, die mit der wirklichen Stadt, die er kennt, ganz wenig zu tun haben, und vielleicht sogar völlig schief sind.

So muss Jesus schon früh gemerkt haben, dass es für ihn leicht und selbstverständlich war, Gott zu verstehen und sich über Gottes Willen sicher zu sein. Und es war für Jesus eine harte, frustrierende Arbeit, den Menschen auch nur ein wenig die Augen zu öffnen für das, was er ohne Mühe und selbstverständlich von Gott sah und wusste.

Es war nicht nur einfach Unwissenheit; es war eine schlechte Mischung aus Misstrauen gegenüber dem Ungewohnten, Mäkelei, Trägheit und den Interessen derer, denen die Abwesenheit Gottes ganz willkommen war, weil er sie so in ihren Geschäften nicht stören konnte.

Kurz vor unseren Versen kann man lesen, wie Jesus ein Fazit seines Wirkens in einigen Städten in der Nachbarschaft zieht und sagt: noch nicht mal Sodom und Gomorrha hätten sich all den Wundern und Zeichen gegenüber so verschlossen, wie ihr es getan habt. Gott war unter euch sichtbar, und ihr habt ihn nicht sehen wollen.

Intellektuelle Nebelkerzen

Aber anstatt zu resignieren oder sich schmollend zurückzuziehen war das für Jesus der Moment, in dem er begann, Gott und sein Wirken noch tiefer zu verstehen als vorher. Er verstand: Gott hat es so eingerichtet, dass die kleinen Leute es leichter haben, an mir etwas von Gott abzulesen. Die Armen, die Sünder, sogar die kleinen Gauner, die den Leuten im Auftrag der Römer das Geld aus der Tasche zogen und selbst ein bisschen daran verdienten – sie alle hatten es leichter, sich die Augen über Gott öffnen zu lassen als die aus der besseren Gesellschaft, die bewandert genug waren, um die Parolen auszugeben und komplizierte Gedankengänge zu ersinnen. Wer gewöhnt ist, komplizierte Gedankengänge zu denken, der kann auch neue Erfahrungen einfach wegerklären, kann Nebelkerzen werfen und weitermachen wie bisher.

Aber die kleinen Leute, die sich mit ihrem Alltag plagen, die genug zu kämpfen haben mit ihren Rechnungen und den Nachbarn, die nicht im Zentrum der Politik stehen, die nicht das Gefühl haben, sie wären die Sieger, die müde sind von all den Jahren der Plackerei, die sind nicht so trainiert darin, sich die Realität zurechtzubiegen. Die haben nicht ganz so viele Möglichkeiten, sich etwas vorzumachen. Mindestens nach ein paar Jahrzehnten Lebenserfahrung bröckelt der Glaube, dass die Welt auf so einen wie mich schon immer gewartet hat und mir jeden Stein aus dem Weg räumen muss. Und wenn die dann an Jesus etwas gesehen haben von der Güte und Freundlichkeit Gottes, dann haben sie leichter die Konsequenz gezogen, die lautet: davon will ich unbedingt mehr haben.

Und als Jesus das neu von Gott verstanden hat, da ist er erst recht von Gott begeistert und sagt: jetzt verstehe ich deine verborgenen Wege noch besser. Du gehst deinen Weg mit denen, von denen niemand erwartet, dass von ihnen etwas Wichtiges kommen könnte, auch sie selbst nicht. Du bleibst unverständlich und unzugänglich für die, die eigentlich offiziell Bescheid wissen müssten, aber die, die nicht gewohnt sind, zu reden, und schon gar nicht öffentlich, die finden dich.

Vielleicht muss man betonen, dass es hier nicht um Intelligenz geht. Weder bei Jesus noch bei Paulus oder all den anderen Menschen Gottes aus der Bibel hat man den Eindruck, dass sie Gott deshalb nahe sind, weil es ihnen an Intelligenz fehlt. Aber sie benutzen ihre Intelligenz nicht, um sich die Wirklichkeit mit klugen Theorien vom Leibe zu halten; sie haben die Fähigkeit behalten, zu sehen, was ist, und wenn sie auf die Wirklichkeit Gottes stoßen, dann erkennen sie einfach diese Realität an und freuen sich an ihr.

Ein Fenster zu Gott

Jesus hat spätestens jetzt verstanden, was seine Rolle war: er war mit seiner Art zu leben und seinen Worten ein Fenster, durch das Menschen den lebendigen Gott sehen konnten. Er konnte sozusagen den Vorhang aufziehen, und wer dann durch das Fenster schaute, der verstand, wie Gott war. Jesus konnte niemanden zwingen, in dieses Fenster zu schauen, aber wer es tat, der entdeckte, dass Gott anders war, als es ihm die Denker verkauft hatten: weder ein strenger Lehrer noch ein Polizist oder Richter, aber auch kein gleichgültiger Gott auf Urlaub, dem das Schicksal der Menschen egal ist.

Durch Jesus entdeckten sie einen Gott, der ihnen half sich sicher zu fühlen, Vertrauen zu schöpfen in die Welt, die oft so gleichgültig und unbarmherzig erscheint. Sie entdeckten, dass sie nicht ohnmächtig sind, dass sie eine Würde haben, dass ihr Schöpfer sie aus Liebe erschaffen hat und darauf wartet, dass sie sich mit ihm gemeinsam freuen an der Schönheit der Welt und den Strömen des Segens, die die Schöpfung mit Leben erfüllen. Das alles kam durch Jesus in ihr mühsames Leben hinein. Und dann gab es keinen Grund mehr, sich etwas vorzumachen.

Die Realität verbiegen ist anstrengend

Es ist ungeheuer anstrengend, sich die Wirklichkeit zurecht zu biegen; es kostet viel Kraft, mit einer Lüge zu leben, egal ob das eine Lüge über mich selbst, über Gott oder über die andern ist. Manche Menschen schuften ihr Leben lang für diese Lüge; andere werden süchtig nach lauter kleinen Erleichterungen; wieder andere kontrollieren mit viel Aufmerksamkeit ihre ganze Umgebung, damit ihnen in niemandem die Wahrheit nahe kommt. Lebenslügen sind unglaublich anstrengend, aber manchen Menschen geht erst ganz kurz vor ihrem Tod die Kraft aus, sie aufrecht zu erhalten. Sich die Welt anders zu machen, als sie ist, das ist ein erbärmlich ermüdendes Geschäft. Wer die Sicherheit nicht kennt, die aus der Bindung an den Vater im Himmel wächst, für den ist das Leben sehr mühsam.

Jesus sagt: kommt zu mir und werft diese Last ab. Ich zeige euch die Realität, die man nicht umbiegen oder schnell wieder vergessen muss: den Vater im Himmel, der uns auch an schweren Tagen die Kraft gibt, zu bestehen, die Sicherheit, dass wir Rückhalt haben, die Bindung, die uns frei macht von den Mächten, die diese Welt mit Lügen und Ideologien beherrschen. Ich lege euch keine Lasten auf. Schaut in das Fenster, das ich euch öffne, und mein Vater wird auch euer Vater sein.

Mai 112014
 

Predigt am 11. Mai 2014 zu Johannes 15,1-8

Jesus sprach zu seinen Jüngern: 1 »Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. 2 Jede Rebe an mir, die nicht Frucht trägt, schneidet er ab; eine Rebe aber, die Frucht trägt, schneidet er zurück; so reinigt er sie, damit sie noch mehr Frucht hervorbringt. 3 Ihr seid schon rein; ihr seid es aufgrund des Wortes, das ich euch verkündet habe. 4 Bleibt in mir, und ich werde in euch bleiben. Eine Rebe kann nicht aus sich selbst heraus Frucht hervorbringen; sie muss am Weinstock bleiben. Genauso wenig könnt ihr Frucht hervorbringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht; ohne mich könnt ihr nichts tun.
6 Wenn jemand nicht in mir bleibt, geht es ihm wie der ´unfruchtbaren` Rebe: Er wird weggeworfen und verdorrt. Die verdorrten Reben werden zusammengelesen und ins Feuer geworfen, wo sie verbrennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, könnt ihr bitten, um was ihr wollt: Eure Bitte wird erfüllt werden. 8 Dadurch, dass ihr reiche Frucht tragt und euch als meine Jünger erweist, wird die Herrlichkeit meines Vaters offenbart.«

Wenn Paulus von Jesus und seinen Leuten spricht, dann redet er von dem Leib Christi und seinen Gliedern. Wenn man das in die Welt der Pflanzen überträgt, dann kommt man zu dem Bild, das sich hier bei Johannes findet: der Weinstock und seine Reben.

Wir hatten früher am Pfarrhaus einen Weinstock. Leider hat er es nicht überstanden, als vor ein paar Jahren die Wand neu verputzt wurde. Aber die langen Weinranken habe ich noch gut vor Augen. Es war nur eine einzige Pflanze, aber sie hat mit ihren vielen Ranken und Blättern die ganze Rückwand des Pfarrhauses bedeckt. Das war schön anzusehen, wenn das Haus im Sommer von einem grünen Kleid bedeckt war. Wein treibt unendlich lange Ranken, wenn man ihn lässt, und ganz am Ende sitzen dann die Weintrauben mit den saftigen Früchten. Die Verbindung bis zur Wurzel kann man nur sehr mühsam zurückverfolgen, das ist manchmal eine ziemlich lange Strecke, aber am Ende gibt es doch eine Verbindung von den Weintrauben bis zum holzigen Weinstock und zur Wurzel. Und diese langen Ranken nennt man die »Reben«. Durch sie fließt der Saft zu den Trauben. Wein braucht sehr viel Feuchtigkeit, und die fließt dann durch die langen Reben zu den Weintrauben und macht sie prall.

Warum Wein beschnitten wird

Wir haben in guten Jahren auch wirklich eine ganze Menge Weintrauben geerntet, aber wenn man sie aß oder Saft daraus presste, schmeckte es doch ziemlich säuerlich. Wahrscheinlich ist hier bei uns das Klima nicht so günstig für Wein. Aber es lag auch daran, dass der eine Weinstock sich über die ganze Pfarrhauswand ausbreiten durfte. Ein Winzer, der was von der Sache versteht, hätte das nie zugelassen. Wein muss beschnitten werden, damit er seine Kraft auf eine begrenzte Zahl von Trauben konzentriert. Die werden dann richtig gut. Weil mir das Weinlaub am Haus wichtiger war als die Trauben, deshalb haben wir nie mehr bekommen als einen säuerlichen und wässrigen Saft.

Wenn Jesus davon spricht, dass sein Vater als Winzer die Trauben »reinigt, damit sie mehr Frucht bringen«, dann meint er diese Arbeit, dass man den Weinstock durch den Schnitt dazu bringt, sein Aroma auf eine begrenzte Zahl von Trauben zu konzentrieren, damit das hervorragende Trauben werden, die Wein hervorbringen, den Kenner dann mit vielen blumigen Worten beschreiben.

Im Alten Testament wird Israel oft mit dem Bild des Weinstocks oder auch des Weinbergs beschrieben. Das war ein ganz bekanntes Bild, und wenn Jesus es hier auf sich selbst bezieht, dann bedeutet das, dass sich in ihm Israel konzentriert. All die Linien der Geschichte Gottes mit seinem Volk laufen in Jesus zusammen und bündeln sich in ihm. So viele Wege ist Gottes Volk gegangen, so viele schwer durchschaubare Dinge sind ihm zugestoßen, es ist einfach nicht auf einen Nenner zu bringen, aber hier sagt Jesus: die Einheit in dem allen bin ich. Und in der Tat hat Jesus sich intensiv mit all den unterschiedlichen Überlieferungen seines Volkes auseinandergesetzt und hat sie neu gelesen; und am Ende erkannte er es als seine Berufung, die Mission Israels in seiner Praxis zu ihrem Höhepunkt zu bringen.

Mit diesem Bild des Weinstocks berührt Jesus aber auch all die Gedanken, die sich die Völker der Alten Welt über den Wein gemacht haben. Wein war eines der Grundnahrungsmittel, und er ist ja wirklich eine erfreuliche Pflanze, weil die Weintrauben sowieso schon gut schmecken, und in flüssigem Zustand noch einmal ganz besondere Wirkung entfalten. Deshalb ist der Wein schon immer ein Symbol für Freude, Genuss und Festlichkeit gewesen. Die Heiden kannten den feierfreudigen Gott Dionysos, dessen Zeichen der Wein war.

Und wenn Jesus sagt: ich bin der wahre Weinstock, dann signalisiert er auch den Verehrern von Dionysos: was ihr da sucht, und was dann regelmäßig in einem Kater endet, wenn nicht mit Schlimmerem, das findet ihr bei mir, aber ohne böses Erwachen hinterher.

Alkohol und andere Drogen

Bei uns ist Alkohol ja immer noch die Hauptdroge, mit der sich Menschen in ungewöhnliche Zustände zu bringen versuchen, aber inzwischen sind noch viele andere Substanzen dazu gekommen, von denen sich Menschen mindestens kurzzeitig Glück oder wenigstens Erleichterung versprechen.
Eigentlich geht es bei allen Arten von Drogen immer darum, mindestens für einige Zeit ein gesteigertes Gefühl für das Leben zu bekommen. Das Frustrierende zu vergessen, das Problematische nicht mehr so wahrzunehmen, die eigenen Begrenzungen zu ignorieren. Weil das normale Leben nicht schön ist, geht man sozusagen für ein paar Stunden auf Urlaub von der Realität.

Aber wie die Gesetze des Lebens so sind: hinterher kommt die Rechnung. In Form eines Katers, oder in Gestalt von Abhängigkeit oder sogar durch die dauernden Schäden, die dieser Ausflug am eigenen Körper oder bei anderen angerichtet hat. Das ist ja eine ganz bemerkenswerte Sache, dass es keine Drogen gibt, die nicht irgendwie Schäden anrichten. Mit allen möglichen Substanzen versuchen Menschen, die Realität auszuhebeln. Aber bis heute hat man keinen Stoff gefunden, der das schafft, ohne Zerstörungen zu hinterlassen. Das scheint ein Lebensgesetz zu sein: du kannst die Realität nicht dauerhaft zur Seite schieben. Am Ende holt sie dich wieder ein.

Das Ende der falschen Tröstungen

Und Jesus sagt nun: was ihr mit Alkohol und Drogen sucht, das findet ihr bei mir, aber bei mir ohne den Kater und ohne die Langzeitfolgen. Bei mir ändert sich das Leben tatsächlich, ich sorge nicht nur ein paar Stunden lang für Vergessen. Es geht nicht darum, die triste Realität aufzuhübschen, sondern sie soll tatsächlich neu werden.

Und das geschieht im Zusammenwirken des Weinstocks und der Reben. Die Reben sind natürlich die Leute Jesu, die Jünger und Jüngerinnen. Durch sie tritt der Lebenssaft aus dem Weinstock ans Licht der Welt. Kein Mensch kommt und trinkt Wein direkt aus dem Weinstock. Bis heute geht das nur auf dem Umweg über die Weintrauben. Und so haben die Menschen Jesus nur auf dem Umweg über seine Gemeinde. Jesus hat sich an fehlerhafte Menschen gebunden, und es gibt kaum einen Fehler, den die Nachfolger Jesu noch nicht gemacht hätten. Und es ist keine Lösung, zu sagen: schau einfach nicht auf die Kirche und ihre Probleme, es geht doch um Jesus! Denn die Menschen sollen den Lebenssaft durch die Reben und ihre Früchte bekommen, also durch die Gemeinde Jesu. Deshalb ist es äußerst wichtig, dass Weinstock und Reben miteinander gute Früchte hervorbringen. Es ist nicht egal, in welchem Zustand die Kirche ist.

Dem göttlichen Weingärtner liegt sehr an der Gesundheit der Reben. Deshalb schneidet er die fruchtlosen Ranken ab, deshalb beschneidet er auch die fruchtbaren Triebe, damit sie richtig gute Trauben bringen und nicht nur saure.

Kirche auf dem Weg zum Wesentlichen

Wir erleben das im Augenblick: unsere Art, Kirche zu sein, bringt nicht besonders viel Frucht hervor. Sie funktioniert meistens noch ganz gut dort, wo Menschen aus einer vormodernen Zeit in die moderne Zeit eintreten. In Afrika, Asien, Lateinamerika, da ist das Christentum vital und wächst. Aber hier bei uns, wo schon seit langer Zeit die moderne Zeit eingezogen ist, da funktioniert das nicht mehr. In jeder Generation wird es wieder etwas weniger. Wir brauchen eine andere Art, Gemeinde Jesu in der modernen Welt zu sein, damit der Saft des Weinstocks durch hervorragende Früchte zu den Menschen kommt.

Und dieses Bild vom Weingärtner, der die Reben beschneidet, entschlüsselt uns, was gerade passiert: Gott schneidet uns zurück, damit wir lernen, auf neue Art Kirche zu sein, die mehr Ertrag und bessere Qualität bringt. Er schneidet die Überorganisation und Geschäftigkeit weg, alle möglichen Aktivitäten und Gruppierungen, die viel Laub bilden, aber nur wenige, saure Früchte hervorbringen.

Die Kraft, die von Jesus ausgeht, soll nicht verschwendet werden. Wir sollen uns davon verabschieden, Leute zu bespaßen oder ihnen ab und zu mal in einer Krise auszuhelfen. Es geht um eine viel ernstere Aufgabe: um ein Ökosystem, durch das die Kraft Jesu in die Welt strömt, damit Menschen sich eben nicht mehr durch Drogen aller Art aus der Realität verabschieden müssen mit all den zerstörerischen Folgen. Und zu den Drogen und ihren Folgen zähle ich auch den Kaufrausch, die Internetsucht, die Essstörungen und vor allem die planetaren Störungen, die durch unsere Wohlstandssucht und unseren Energiehunger produziert werden. Wenn Menschen nichts Besseres haben, dann werden sie weiter für kurzfristige Entlastungen die Zukunft zerstören.

Worte, die klingen

Wir sollen so in Form kommen, dass wir den Lebensstrom Jesu nicht sauer oder verwässert weitergeben, sondern stark und konzentriert. Dieser Lebensstrom sind die Worte Jesu. Als Jesus das sagte, gab es noch keine gedruckten Bücher, und geschriebene Bücher waren selten und teuer. Bücher waren zum Vorlesen da, nicht zur stillen Lektüre. Worte waren in der Welt Jesu immer mit Klang verbunden. Man sah sie nicht auf Papier oder auf dem Bildschirm, sondern man hörte sie. Es gab Worte nur, wenn sie durch lebendige Menschen zum Leben erweckt wurden.

Für uns ist das vielleicht deutlicher, wenn wir an Noten denken: die wenigsten von uns hören etwas, wenn sie Noten sehen. Erst wenn lebendige Menschen damit Musik machen, dann erwachen die Noten zum Leben. So ist es auch mit den Worten Jesu gemeint. Sie sollen durch uns hindurch ihr Leben weitergeben: durch unser Reden und unsere Taten, aber die meisten Taten sind genau genommen ja Worte, Sprechakte. Jesu Worte bleiben in uns, wenn wir sie weitersprechen. Es geht nicht um wörtliches Wiederholen, sondern sie sollen unsere eigenen Worte anstoßen und gestalten.

Worüber sprechen wir normalerweise?

Deswegen ist es so wichtig, sich Rechenschaft zu geben: wie oft lebt eigentlich Jesus und seine Mission in meinen Worten? Ich meine jetzt nicht im Gottesdienst, sondern da, wo wir auch sonst reden. Menschen reden über vieles, über Krankheiten und Sport, über Kinder und Arbeit, über Lehrer und Katzen, über das Wetter und Fernsehsendungen, den Garten und viele andere Dinge, die sie beschäftigen. Aber wie oft schaffen wir einen Raum, in dem die Worte Jesu unter uns weitergesprochen werden? Es geht nicht um die Rezitation und Wiederholung von frommen oder heiligen Formeln, sondern darum, dass wir in unserer Zeit und mit unserer Art zu reden und zu denken die Worte Jesu zwischen uns lebendig sein lassen. Dass sein Thema unser Thema wird: wie Menschen davor bewahrt werden können, sich für einen hohen Preis kurzfristige Entlastungen zu verschaffen. Und wie sie in Verbindung mit Jesus die Freude finden, die wir alle ersehnen.

Das passiert nicht von allein. Dafür muss man überlegen und miteinander reden. Weinreben machen sich keine Gedanken. Aber wir sind Menschen. Zu unserer Existenz gehört es, miteinander nachzudenken und zu reden. Und man muss es bewusst wollen, dass mitten darin die Worte Jesu neu lebendig werden.