Apr 202014
 

Predigt am 20. April 2014 (Ostersonntag) zu Markus 16,1-8

1 Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. 2 Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. 3 Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? 4 Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.
5 Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr.
6 Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. 7 Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.
8 Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.

Kennen Sie den Trickfilm »Ice Age«? Ein Animationsfilm über Tiere in der Eiszeit, die vor den herankommenden Gletschern fliehen. Und als Running Gag ist Scrat dabei, eine Mischung aus Eichhörnchen und Ratte, der die ganze Zeit über versucht, eine gerettete Eichel aufzuknacken. Aber Scrat ist ein Unglücksrabe, nie gelingt es ihm, die Eichel zu öffnen, stattdessen richtet er damit immer Schaden an. Wenn er die Eichel irgendwo gegen haut, um sie zu öffnen, entsteht ein feiner Riss, der immer weiter läuft, weiter und weiter, am Ende spaltet das einen ganzen Gletscher, gewaltige Eismassen brechen ab und donnern zu Tal.

Jede Spalte beginnt mit einem feinen Riss

Den Beginn so eines feinen Risses können wir in der Geschichte von den Frauen am leeren Grab miterleben: damals sind die ersten feinen Risse im festen Gehäuse der Welt sichtbar geworden, und sie laufen weiter, bis sie am Ende den ganzen Rahmen der Welt, wie wir sie kennen, sprengen.

Die Welt, die wir kennen, ist aufgebaut auf der Tatsache, dass der Tod unvermeidbar ist. Wenn irgendetwas sicher ist, dann der. Und wer glaubwürdig mit dem Tod drohen kann, der beherrscht die Menschen. Aber auf einmal soll das nicht mehr stimmen. Die drei Frauen stoßen auf einen Riss in der Welt, auf eine Bruchstelle im scheinbar undurchdringlichen Gehäuse, in dem wir leben. Durch diesen Riss ist ja anscheinend schon der Leichnam von Jesus verschwunden. Was wird noch alles passieren, wenn dieser Riss sich erst ausdehnt und verbreitert?

Die ersten Zeuginnen der Auferstehung Jesu waren erschreckt und verstört von dem, was sie erlebten. Sie konnten sich keinen Reim darauf machen. Sie ahnten nur, dass sich die Fundamente der Welt verändert haben. Wenn noch nicht mal der Tod sicher ist, dann bleibt kein Stein auf dem anderen, dann steht diese ganze vom Tod geprägte Welt zur Diskussion. Und das kann einem wirklich Angst machen – denn diese Welt ist alles, was wir kennen, und auch wenn es in ihr so viel Zerstörung, Gewalt und Gefahr gibt, sie ist uns vertraut, und wir haben uns mit ihr arrangiert.

Ein Evangelium, dem der Schluss fehlt

Am Ende fliehen die drei Frauen, zitternd am ganzen Leibe. Kein Sterbenswörtchen erzählen sie den andern. Und damit hört das Evangelium auf. Es gibt zwar in unseren Bibeln noch einen Schluss mit 12 weiteren Versen, aber dem merkt man deutlich an, dass der viel später hinzugefügt worden ist. Wahrscheinlich hat da jemand gespürt, dass noch etwas fehlte und hat versucht, das zu ergänzen.

Warum ist das so? Es gibt mehrere Möglichkeiten. Entweder ist Markus nicht fertig geworden: er wollte vielleicht erst noch ein paar Leute interviewen, die Jesus nach der Auferstehung selbst gesehen haben, und das hat nicht geklappt, vielleicht hatte er einfach keine Zeit mehr zum Schreiben oder er ist gestorben oder irgendetwas anderes, bevor er fertig war.

Andere Möglichkeit: die Schriftrolle ist später beschädigt worden. Man hatte ja diese langen Papyrusstreifen, die zusammengerollt wurden, und da war natürlich die äußere Lage mit dem Ende des Buches besonders gefährdet, wenn es brannte oder auch die Rolle nass wurde.

Einige haben auch vermutet, Markus hätte mit Absicht so geendet. Mir leuchtet das nicht ein, weil es wirklich ein sehr abrupter Schluss wäre, wenn am Ende einfach nur ein paar erschreckte Frauen stehen würden. Aber wahrscheinlich ist diese Frage nach 2000 Jahren nicht mehr zu klären. Ich denke: egal, woran es liegt, dieser abrupte Schluss richtet unsere Aufmerksamkeit darauf, dass Auferstehung nichts ist, was die Anhänger Jesu erwartet hätten. Als er ihnen wieder begegnete, sagten sie nicht: ach, da bist du ja endlich, schön dass du zurück bist! Sondern sie waren zu Tode erschreckt wie die Frauen, oder sie haben ihn zuerst noch nicht einmal erkannt, weil sie ihn nicht erwarteten.

Völlig unerwartet

Niemand in der damaligen Zeit hätte mit der Auferstehung eines Gekreuzigten nach drei Tagen gerechnet. Viele Juden hofften auf die Auferstehung der Toten, aber erst am Ende der Welt, und die Heiden glaubten noch nicht einmal daran. Aber dass jemand jetzt schon mitten in dieser Welt auferstehen könnte, das war jenseits aller Erwartungen. Die Menschen damals haben sich ihre Welt zwar stärker aus Geschichten und Legenden konstruiert als wir heute. Aber dass Tote tot bleiben und nicht zurück kommen, das wussten sie natürlich auch damals, die waren ja nicht blöd. Um das zu wissen braucht man keine moderne Wissenschaft.

Dass sie schließlich verstanden, dass Jesus tatsächlich auferstanden war, auf diese Spur brachten sie zwei Erfahrungen: zum einen war das Grab leer, und dann gab es immer wieder Begegnungen mit Jesus. Und das passte zusammen. Nur eins davon hätte nicht ausgereicht. Das leere Grab allein lässt Menschen mit mehr Fragen als Antworten zurück, wir sehen das an den verwirrten Frauen. Es kann ja auch ein Fall von Grabraub vorliegen oder irgendeine andere Gemeinheit. Die Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus allein hätten ja auch Halluzinationen sein können. Bis heute haben Menschen manchmal den Eindruck, dass ihnen eben erst Verstorbene noch eine Zeitlang begegnen und sie begleiten. Sie spüren das zwar, aber sie wissen: wir haben ihn zum Friedhof gebracht, und dort ist er jetzt.

Erst beides zusammen, die Begegnungen und das leere Grab, erst das überzeugte die Anhänger Jesu schließlich: er ist tatsächlich auferstanden. Es hätte damals viele gegeben, die gerne den Leichnam präsentiert hätten, um zu sagen: seht ihr, die Auferstehung ist Unsinn! Aber der tote Jesus blieb verschwunden, er ist nie wieder aufgetaucht, niemand ist jemals auf den Gedanken gekommen, ihm einen Grabstein zu setzen.

Ein Ereignis, das alles verändert

Und deshalb ist der erste Schreck bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu einer großen Freude und Hoffnung gewichen. Binnen weniger Woche veränderte sich ihr Lebensgefühl so grundlegend, dass sie im Rückblick dies als den endgültigen Wendepunkt ansahen, als den Tag, von dem an ihre Geschichte mit Jesus nie wieder bedroht oder in Frage gestellt war. Für sie und viele andere Christen hat von da ab Gefahr, Sorge, Bedrohung und Verfolgung zu den Wirklichkeiten zweiten Ranges gehört, die überstrahlt wurden von der Tatsache, dass Jesus auferstanden ist. Sie haben keine Angst mehr gehabt.

Das Christentum kommt von diesem Urknall her, und das ist ein Vorbote der großen Erschütterung, die am Ende die ganze Welt erfassen wird. Aber beim zweiten Hinsehen merkt man: das ist ja gar keine Katastrophe, das ist doch Jesus, den wir kennen, und dann ist es gut. Und so ist das bis heute, dass Menschen zuerst erschreckt und verwirrt sein können, wenn die Bebenwellen der Auferstehung bei ihnen ankommen. Es kann sein, dass die alte Welt sich mit aller Kraft wehrt gegen diese Freiheit, die ihr vorkommen muss wie der Untergang von allem, was bis dahin ehrwürdig und heilig war.

Langzeiteffekte der Auferstehung

Wir erleben das auch so deutlich in diesen Jahren, dass die Auferstehungsfreiheit jetzt ausstrahlt bis in ganz traditionelle Gesellschaften hinein, die bis gestern noch fest im Griff autoritärer Traditionen waren. Rund ums Mittelmeer ist das in den letzten Jahren passiert, in Tunesien, in Ägypten, in der Türkei, überall haben Menschen angefangen, die Morgenluft der Auferstehung zu wittern, auch wenn sie gar nicht wissen, wo die herkommt. Und wir erleben im Moment, wie die alte Ordnung zurück schlägt und ganz viel Gewalt und Terror aufbietet, um diesen Geist wieder zurück in die Flasche zu bekommen; oder um ihn wenigstens so zu verderben, dass man sagen kann: es ist doch nichts Neues.

Und dabei werden die Verteidiger der alten Ordnungen immer deutlicher erkennbar als Agenten einer Todesordnung, die immer offener nur noch mit Zerstörung und Gewalt arbeitet, mit Einschüchterung und Drohung. So viele Menschen werden da hineingezogen und sind am Ende nur noch Werkzeuge sinnloser Gewalt.

Und sie verstehen sehr gut, dass die Auferstehungshoffnung auf so vielen verschiedenen Wegen in die Welt einsickert, dass man gar nicht vorsichtig genug sein kann. Deswegen ist unsere Kultur mit all den merkwürdigen Dingen wie Coca Cola, Facebook, Mädchen, die zur Schule gehen und lesen lernen, Fernsehserien und westlicher Musik vielen Vertretern der alten Ordnung so verhasst. Wir wissen ja hoffentlich gut, wie problematisch viele Strömungen unserer modernen Kultur sind, wieviel Ungesundes und Rücksichtsloses da auch dabei ist. Aber viele Menschen in der Welt sind trotzdem fasziniert von diesem Aroma der Freiheit, das trotz allem damit verbunden ist. Und sie nehmen große Opfer in Kauf, um etwas von dieser Freiheit leben zu können. Und wir erkennen hoffentlich ein bisschen beschämt, wie erstrebenswert für andere etwas ist, das für uns fast selbstverständlich ist.

All das sind Wege, wie die Auferstehungshoffnung die Welt durchdringt. Vielleicht gäbe es bessere Wege, diese Hoffnung zu verbreiten, aber wenn wir die nicht finden, dann lässt Gott sich etwas anderes einfallen, um den Riss in der Welt zu breiter und tiefer zu machen.

Der Riss läuft immer weiter

Vielleicht war das ja schon damals so. Jesus lässt seinen Jüngern durch den Engel im Grab über die Frauen ausrichten: geht nach Galiläa, dort werdet ihr mir begegnen. Galiläa war der Randbezirk Israels, dort überschnitten sich die Kulturen. Die leckeren Fische vom See Genezareth wurden bis nach Rom exportiert, man lebte mehrsprachig, es gab große Theater, in denen man sich wahrscheinlich griechische Dramen und Komödien ansehen konnte. Genau in diesem multikulturellen Mischgebiet wollte Jesus auf seine Jünger warten. Und das wäre der Aufbruch in die große Welt gewesen. Aber vielleicht war es dann so: weil die Frauen vor lauter Angst die Botschaft nicht ausrichteten, blieben die meisten Christen in Jerusalem. Es dauerte noch Jahre bis zum Aufbruch der ersten Gemeinde von dort bis an die Enden der Erde.

Aber wenn Menschen Gottes Pläne nicht verstehen, dann findet Gott andere Wege. Es ist wie mit der Nuss des Ratteneichhörnchens in »Ice Age«: erst sorgt sie nur für einen feinen Riss, aber der läuft immer weiter, er wird tiefer und breiter, und am Ende spaltet er einen ganzen riesigen Eisblock. In einem Folgefilm spaltet der Tollpatsch dann sogar die eurasische Kontinentalscholle und setzt die Kontinentaldrift in Gang.

Und so ist das mit der Auferstehung: an einem winzigen Punkt der Welt ist sie geschehen, aber der Riss läuft weiter und wird tiefer und und öffnet immer neue Freiheitsräume. Die Welt, die im Griff von scheinbar unüberwindlichen Todesmächten war, schnuppert verwundert das Aroma des neuen Tages und beginnt, die Verheißung der Freiheit zu hören.

Apr 182014
 

Predigt am 17. April 2014 (Gründonnerstag) zu Hebräer 2,14-18

Gründonnerstag erinnert uns daran, wie Jesus sein Sterben vorbereitet hat, und zwar auf doppelte Weise: Einmal hat er seine Jünger darauf vorbereitet. Er hat ihnen das Abendmahl hinterlassen, damit sie auch nach seinem Tod wieder einen Mittelpunkt haben, einen Kristallisationspunkt. Er hat das jüdische Passafest als Ausgangspunkt genommen und hat in die Feier seinen Tod mit eingebaut. Er hat alles vorbereitet, damit sie später seinen Tod als notwendiges Sterben verstehen und feiern können. Später, wenn der Schock des Karfreitags vorbei ist, wenn Gott in seiner Treue Jesus wieder ins Leben zurückgeholt haben wird.

Aber nun kommt das andere: jetzt muss Jesus sich selbst vorbereiten. Es ist eine Sache, wenn er lange vorher angekündigt hat: ich werde sterben und von den Toten auferstehen. Eine ganz andere Sache ist es, nun wirklich darauf zuzugehen, und zu wissen: in ein paar Stunden ist es so weit, dann kann ich nicht mehr zurück, dann warten nur noch Schmerzen und Demütigungen und Sterben auf mich.

Wir können heute im Rückblick sagen: wusste er denn nicht, dass er auferstehen würde? Aber Jesus kannte noch nicht das Neue Testament. Er hat wohl darauf vertraut, dass Gott ihn nicht in Stich lassen würde, aber er konnte das nur glauben, er musste auf Gott vertrauen, wie jeder von uns. Aber er hatte keinen, der ihm vorangegangen wäre – wir dagegen haben ihn.

Deshalb ist der Gründonnerstag nicht nur der Tag, an dem das Abendmahl eingesetzt wurde, sondern es ist auch der Tag von Gethsemane. Zu diesem Tag gehört auch die Erinnerung an die Stunden, in denen Jesus ganz allein mit Gott war, dort im Garten Gethsemane, während die Jünger sich in den Schlaf geflüchtet haben. Da hat er sich endgültig durchgerungen, das Kreuz auf sich zu nehmen. Und ganz besonders diese Situation hat der heutige Predigttext im Auge. Er steht im 2. Kapitel des Hebräerbriefes:

14 Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er’s gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel, 15 und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten. 16 Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an. 17 Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes. 18 Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.

Was ist die Aufgabe eines Hohen Priesters? Der Hohe Priester tut etwas im Namen des Volkes, er tut es stellvertretend für das Volk, und was er für das Volk tut, das gilt auch für alle. In Gethsemane kämpft Jesus im Gebet stellvertretend für alle seinen Kampf gegen die Todesfurcht. Und es ist wichtig, dass das hier im Hebräerbrief als »Versuchung« bezeichnet wird.

Die zwei Versuchungen Jesu

Jesus ist in seinem Leben zwei Mal versucht worden: am Anfang, als der Feind versuchte, ihn mit Verlockungen von Gott wegzubringen. Das war das Zuckerbrot. Das hat nicht funktioniert. Jesus hat den Kampf bestanden. Jetzt kommt die Peitsche. Buchstäblich. Jetzt am Ende seines Lebens wird der Feind versuchen, Jesus mit konzentrierter Grausamkeit zu überwältigen. Ihn mit körperlicher und seelischer Qual dazu zu bringen, dass er Gott den Rücken kehrt.

Wir wissen, dass Jesus auch diese zweite Versuchung bestanden hat. Mit letzter Kraft hat er an Gott festgehalten, er hat ihn gefragt »warum hast du mich verlassen?«, aber er hat die Frage an Gott gerichtet und sich nicht von ihm losgesagt. Und der Offizier vom Hinrichtungskommando hat es gesehen und hat verstanden, dass er Gottes Sohn ist: er, der Römer, der fremde Besatzungsoffizier, der eigentlich einen ganz anderen als „Sohn Gottes“ kennt, wenn überhaupt, nämlich den römischen Kaiser, seinen Oberbefehlshaber. Jesus überzeugt mit seinem Sterben seinen Henker. Und das war nur der Anfang.

Aber das war der Anfang. Die Macht des Versuchers über die Menschen ist gebrochen. Der Hohepriester Jesus hat ihn stellvertretend besiegt, die Macht des Versuchers ist gebrochen, und dieser Sieg gilt jetzt für alle, die sich von Jesus vertreten lassen.

Kampf mit der Todesangst

Und der Hebräerbrief sagt: dazu musste Jesus unter den gleichen Bedingungen antreten wie jeder Mensch: ein Mensch aus Fleisch und Blut, der versuchlich ist, der schwach wird, der nicht in die Zukunft sehen kann, der Angst hat wie jeder Mensch.

Und er hat Todesangst wie jeder, der weiß, dass ein grausames Sterben auf ihn wartet. Und er könnte ja die zwei Wege gehen, auf denen wir weglaufen vor dem Tod, nämlich das (1.) einfach zu ignorieren und möglichst lange nicht an seinen Tod zu denken, oder (2.) zu versuchen, das Sterben noch möglichst lange rauszuschieben. Jesus hätte fliehen können. Aber genau das macht er nicht, sondern er stellt sich, er geht sehenden Auges nach Jerusalem und weiß, dass es dort zum Zusammenstoß kommen wird. Aber dann in Gethsemane spricht er mit Gott darüber, was er tun soll. Er möchte ja gern leben. Er liebt das Leben. Aber als er genau weiß, dass jetzt der Moment gekommen ist, da ringt er sich durch und sagt Ja und steht auf, um seinem Verhaftungskommando entgegenzugehen. Und so überwindet er stellvertretend für uns die Todesfurcht.

Und damit entreißt er dem Bösen die entscheidende Waffe. Die Todesangst ist die Trumpfkarte der bösen Mächte. Wer über den Tod verfügt, der ist in der Lage die Menschen durch Todesangst zu versklaven.

Die subtile Herrschaft des Todes

Diese Angst bestimmt unser Leben viel stärker, als wir auf den ersten Blick glauben. Alles Sich-Anpassen und Mitmachen bei bösen Dingen kommt letztlich aus der Angst vor dem Tod. Wer mit dem Tod drohen kann, der hat die Menschen in der Hand. Die Todesangst sagt: Dein Leben ist alles, was du hast, und du musst es mit allen Mitteln verteidigen, du musst aus diesem Leben so viel wie möglich herausholen, denn es ist kurz genug. Alle Ideale und auch Gottes Gebote sind gut und schön, aber was nützt dir das, wenn dein Leben zu Ende ist? Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot – so spricht die Todesangst. Und sie sickert ein in unser ganzes Leben, in unsere Kultur und unsere Weltanschauung, in unsere Wirtschaftssysteme und Militärstrategien, in unsere Beziehungen und Seelen, so sehr, dass uns das gar nicht mehr auffällt.

Der Tod ist das letzte und schlagkräftigste Argument des Teufels. Solange das nicht entkräftet ist, wird der Feind bei uns immer wieder einen Fuß in der Tür haben. Er muss ja gar nicht gleich mit dem richtigen Sterben drohen. Es reicht schon die Angst vor ernsthafter Krankheit, Angst um die Familie, Angst um den Arbeitsplatz, Angst, zu kurz zu kommen im Leben – all diese Verkleidungen der Todesfurcht reichen normalerweise schon aus, um uns mürbe zu machen und zwischen Gott und uns einen Keil zu treiben. Wenn wir erst von dieser Angst beherrscht sind, dann ist nicht mehr viel Platz für Vertrauen zu Gott und Gehorsam. Dann denken wir: rette sich, wer kann!

Es ist ein harter Kampf, wenn einer trotzdem auf Gott setzen will und sagt: »Du bist mir viel wichtiger als alles andere. Ich habe mehr Angst, dich zu verlieren, als vor jedem anderen Verlust.« Aber wenn einer das durchhält, dann erweist sich am Ende oft, dass die Dinge gar nicht so schlimm werden wie befürchtet. Aber Jesus bei Jesus war der Tod kein leerer Bluff.

Jesus erlebte den konzentrierten Angriff der Angst. Und einsam stand er diesen Kampf durch. Er hielt fest daran, dass Gott ihn nicht im Stich lassen würde. Er blieb im Vertrauen, er blieb im Willen Gottes. Vielleicht hat Jesus sich dazu Bibelverse aufgesagt; Lukas erzählt davon, dass Gott ihm einen Engel gesandt hat; aber von dieser Innenseite des Kampfes Jesu wissen wir nicht so viel – wir kennen nur das Ergebnis.

Zeit zur Vorbereitung

Eins ist allerdings deutlich: Jesus hat rechtzeitig begonnen, diesen Kampf zu führen, rechtzeitig, bevor es so weit war und die Soldaten kamen, um ihn zu holen. Er hat gewusst: wenn die mich erst haben, dann habe ich keine Zeit und Gelegenheit mehr, um mich innerlich vorzubereiten. So hat er selbst den Ort und die Zeit seiner Gefangennahme bestimmt und hat dafür gesorgt, dass er vorher noch Zeit hatte, um alles vor Gott zu klären. Und hinterher wusste er: jetzt bin ich durch, jetzt ist mein Entschluss endgültig, jetzt ist die Versuchung abgewehrt und ich bin bereit für das, was kommt. Im Johannesevangelium (12,27-31) ist dieser endgültige Entschluss Jesu sogar der Moment, wo Jesus anschließend sagt: jetzt ist der Teufel besiegt.

Ich denke, für uns ist das ein wichtiger Hinweis: Belastungssituationen und Zeiten der Angst, wenn man die kommen sieht, sollte man sie vorher im Gebet durchstehen. Man sollte sich seiner Angst stellen, bevor es soweit ist, und sie rechtzeitig vor Gott bringen. Das heißt nicht, dass danach alles leicht ist. Jesus hat seinen Weg an seinem letzten Tag wirklich nur noch mit letzter Kraft gehen können. Aber daran merkt man, wie notwendig diese Zeit am Abend vorher im Garten Gethsemane war. Hätte er sich nicht so vorbereitet und eingestellt, er hätte nicht durchhalten können. Aber so konnte er bei seinem Entschluss bleiben, auf jeden Fall Gottes Willen zu tun.

Die Entmächtigung der Todesangst

Denn einer musste ja durchhalten, um das Kernargument des Teufels zu entkräften. Einer musste alles auf eine Karte setzen, auf Gott, damit Gott zeigen konnte: ich bin treu. Wer sich auf mich verlässt, ist nicht verlassen. Ich rette dich auch aus dem Tod.

Jesus, der Hohepriester, hat das an unserer Stelle und für uns durchgestanden. Jetzt die Todesdrohung untergraben. Jetzt hat der Tod ein anderes Gesicht. Im dunklen Tal des Todes war vor uns schon Jesus. Wenn wir sterben, dann wissen wir, dass wir eine Zeit ausruhen werden und dann auf die Auferstehung der Toten zugehen, auf die neue Welt, in der kein Schmerz und kein Tod mehr sein wird. Was wir uns immer gewünscht haben, nämlich Jesus wirklich zu erleben, nicht nur von ihm zu hören oder zu lesen, sondern ihn zu sehen von Angesicht zu Angesicht, und mit ihm zu leben, das wird dann geschehen.

Wir müssen nicht mehr fliehen oder das Leben um jeden Preis verlängern. Die Herrschaft des Todes in allen Bereichen des Lebens ist gebrochen. Er ist nicht mehr das schreckliche Ende, sondern nur eine Zeit des getrosten Wartens, bis dieses bruchstückhafte und mühsame Leben so wird, wie Gott es von Anfang an wollte. Jesus hat für uns im Tod diese Wohnung vorbereitet, und wir haben dort eine Zuflucht, bis die neue Schöpfung anbricht. Es ist nicht so wichtig, wie lange wir vorher hier auf der Erde gelebt haben. Aber es kommt darauf an, dass wir in dieser Zeit Jesus so gut kennengelernt haben, dass wir ihn dann wiedererkennen, dass er uns dann kein Fremder ist. Und dann gehen wir der eigentlichen Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung entgegen, in der jedes Kapitel besser sein wird als das vorige.

Apr 142014
 

Predigt am 13. April 2014 (Palmsonntag) zu Offenbarung 2,18-29 (Predigtreihe Offenbarung 05)

18 »Schreibe an den Engel der Gemeinde in Thyatira: Der Sohn Gottes, dessen Augen wie Feuerflammen lodern und dessen Füße wie Golderz glänzen, lässt ´der Gemeinde` sagen:
19 Ich weiß, wie du lebst und was du tust; ich kenne deine Liebe, deinen Glauben, deine Hilfsbereitschaft und deine Ausdauer. Ich weiß auch, dass du heute sogar noch mehr tust als früher. 20 Doch einen Vorwurf muss ich dir machen: Du lässt diese Isebel, die behauptet, eine Prophetin zu sein, ungehindert gewähren. Und dabei verführt sie mit ihrer Lehre meine Diener zu sexueller Zügellosigkeit und zum Essen von Opferfleisch, das den Götzen geweiht wurde. 21 Ich habe ihr Zeit gegeben, sich zu besinnen und umzukehren, aber ´es war umsonst`: Sie weigert sich, ihre unmoralische Lebensweise aufzugeben.
22 Darum werfe ich sie jetzt aufs Krankenbett. Und die, die mit ihr Ehebruch begangen haben, lasse ich in größte Not geraten – es sei denn, sie kommen zur Besinnung und wenden sich von dem ab, was diese Frau tut. 23 Isebels Kinder aber müssen sterben; ich werde sie nicht am Leben lassen.19 Daran werden alle Gemeinden erkennen, dass mir auch die geheimsten Gedanken und Absichten nicht verborgen bleiben und dass ich jedem von euch das geben werde, was er für sein Tun verdient hat.
24-25 Aber es gibt bei euch in Thyatira auch solche, die diese Lehre nicht angenommen haben und die nichts wissen wollen von dem, was diese Leute die tiefen Geheimnisse des Satans nennen. Ihnen rufe ich zu: ›Haltet fest, was ihr habt, bis ich komme! Weiter lege ich euch keine Last auf.‹
26 Dem, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht und bis zuletzt nicht aufhört, so zu handeln, wie ich es will, werde ich Macht über die Völker geben, 27 sodass er mit eisernem Zepter über sie regieren und sie wie Tongeschirr zerschmettern wird. 28 Ich verleihe ihm damit dieselbe Macht, die auch ich von meinem Vater bekommen habe. Und ´als Zeichen dieser Macht` werde ich ihm den Morgenstern geben.
29 Wer bereit ist zu hören, achte auf das, was der Geist den Gemeinden sagt!«

In diesem Brief an die Gemeinde von Thyatira steht im Hintergrund das Königsthema. Der König ist derjenige, der das Sagen hat, und auch in unseren demokratischen Zeiten hat doch fast jede Organisation einen Vorsitzenden oder eine Präsidentin, irgendeine Person an der Spitze, durch die der Wille dieser Organisation zusammengefasst und ausgedrückt wird. Und so ist hier von einem Zepter die Rede und von der Königin Isebel aus dem Alten Testament, und es geht um »Macht über die Völker«.

Machtsymbole, gegen den Strich gebürstet

Auch wenn die Könige bei uns heute nicht mehr so heißen – das Thema »Macht«, die Frage, wer das Sagen hat, ist natürlich immer aktuell. Vorhin haben wir in der Lesung (Johannes 12,12-19) gesehen, wie Jesus mit dem Königsthema umgeht: er benutzt ein königliches Symbol, nämlich den feierlichen Einzug eines Königs in seine Hauptstadt, und gleichzeitig verändert er dieses Symbol an einem wesentlichen Punkt: er reitet nicht wie ein König auf einem Schlachtross, sondern er benutzt einen Esel, den er sich auch noch geliehen hat. Das ist das Symbol einer dienenden Macht, Macht von unten.

Das bedeutet: wenn Jesus König wird, dann geht es nicht nur um den Austausch von Personen. Das wäre nichts Neues, das passiert dauernd, dass die Träger der Macht ausgewechselt werden, manchmal friedlich, manchmal gewaltsam. Wenn Jesus Herrscher wird, dann ändert sich der Inhalt des Wortes »Herrschen«. Wenn Jesus Macht bekommt, dann haben wir es mit einer neuen Art von Macht zu tun. Mit Jesus als König ändert sich die ganze Weise, wie das menschliche Zusammenleben geordnet wird. Und man muss gut aufpassen, dass man das nicht durcheinanderbringt, weil in der Bibel oft die herkömmlichen Symbole der Macht benutzt werden, um die neue Art von Macht zu beschreiben, mit der Gott wirkt.

Wenn z.B. Paulus die Rüstung eines römischen Soldaten als Bild benutzt, um die geistliche Ausrüstung eines Christen zu beschreiben, dann meint er gerade nicht, dass Christen militärische Macht benutzen sollen, sondern er sagt: unser Brustpanzer, der uns schützt, ist die Gerechtigkeit. Unser Schwert, mit dem wir kämpfen, ist Gottes Wort. Eure Waffen brauchen wir nicht! Aber glaubt nicht, wir wären machtlos, nur weil wir mit unseren Waffen kein Blut vergießen!

Oder eben Jesus bei seinem Einzug nach Jerusalem. Er macht deutlich: ich bin ein König, ich gestalte die Welt, aber ich mache das ohne Waffen, ohne Geld, ohne Manipulation, ohne die ganzen Druckmittel, die Machthabern zur Verfügung stehen auch schon vor dem Einsatz militärischer Mittel. Ich verzichte auf das, was ihr Macht nennt und wirke durch die andere Art von Macht, Gottes Art von Macht. Und so hat Jesus in der Tat die Welt geprägt wie kein anderer.

Wie funktioniert diese Macht?

Die schwierige Aufgabe ist, zu beschreiben, wie diese Macht funktioniert. Mir hat dabei immer eine Geschichte aus einem nationalsozialistischen Konzentrationslager geholfen, das zu verstehen: ein Wachmann schlug aus einem nichtigen Anlass einen Häftling brutal zusammen. Es war irgendwo in einer Ecke des Lagers, wo sonst keiner war. Zufällig kam in diesem Moment ein anderer Häftling dazu, und als er das sah, fuhr er ohne vorher nachzudenken den Wachmann an: »was machen Sie denn da? Sie schlagen ihn ja tot!« Der SS-Mann stutzte einen Augenblick, dann ging er ohne ein Wort zu sagen einfach weg.

Für diesen kleinen Augenblick war der sonst völlig machtlose Häftling ein König. Er regierte die Situation. Einfach dadurch, dass er die Wahrheit sagte. Der SS-Mann hatte alle militärische Macht auf seiner Seite, er hätte die beiden Häftlinge erschießen können, ohne sich dafür verantworten zu müssen. Aber in diesem einen Moment war die Macht der Wahrheit stärker als das ganze KZ-System.

Es ist klar, dass das nur ein kleiner Moment war, und anschließend waren die alten Verhältnisse wieder da. Es geht mir ja nur um die Art von Macht, die in dieser kleinen Szene sichtbar wird: es ist eine Vollmacht, die auf Wahrheit beruht. Auf der persönlichen Verwurzelung in der Wahrheit. Denn der Häftling hat sich nicht kluge Argumente und Gründe zurechtgelegt, wie er den SS-Mann überzeugen könnte, dafür hatte der gar keine Zeit und hinterher war er selbst erschrocken über seine Kühnheit. Nein, durch den Häftling hindurch sprach die Wahrheit selbst, man könnte sagen: Gott sprach durch ihn, ohne dass er das Wort Gott auch nur benutzt hätte, und das gab ihm Autorität.

Unterschiedliche Machterfahrungen

Wenn man sich das mal klargemacht hat, dann entdeckt man diese zwei Arten von Macht auch an vielen anderen Punkten, wo es nicht gleich so dramatisch ist. Wir wissen z.B. alle, dass es Chefs und Vorgesetzte gibt, die ihre Autorität nur aus ihrem Posten beziehen. Wenn sie den nicht hätten, wären sie nur Würstchen. Aber irgendwie haben sie es geschafft, ein Stück Macht in die Hand zu bekommen, und jetzt kommt keiner an ihnen vorbei.

Aber es gibt andere, die brauchen so einen Posten eigentlich gar nicht, weil sie eine natürliche Autorität haben, und ich meine jetzt nicht die, die andere mit ihrem Verhalten einfach nur einschüchtern oder manipulieren. Das gibt es natürlich auch. Aber ich denke an Menschen, denen man spontan vertraut und auf die man hört, weil man den Eindruck hat: die führen nichts Böses im Schilde, und vor allem haben sie Kompetenz und wissen, was sie tun.

Wahrheit wirkt

Natürlich gehören dazu immer zwei, derjenige, der diese Autorität hat und der, der sie erkennt. Und diese Geschichte aus dem KZ ist deswegen so ein Wunder, weil man da den Wachmannschaftern natürlich systematisch antrainiert hat, auf die militärische Macht zu achten und nicht auf die Wahrheit. Aber selbst da entfaltete die Wahrheit wenigstens in einem Moment ihre Kraft.

Wobei Wahrheit nicht bedeutet, dass man dogmatische Richtigkeiten gebetsmühlenartig immer wieder aufsagt, sondern Wahrheit bedeutet gerade: in eine aktuelle Situation mit Kraft und Vollmacht hinein zu sprechen, wie dieser Häftling im KZ.

Am deutlichsten ist diese Art von Macht natürlich bei Jesus: wenn er zu einem Menschen sagte »steh auf und sei gesund«, oder zu einem Sturm: »schweig und sei still!«, dann sprach durch ihn die ganze Autorität Gottes. Oder wenn Leute hinter seinem Rücken über ihn hergezogen waren oder versuchten, ihn mit Fangfragen aufs Glatteis zu locken, und dann konfrontierte er sie, und sie hatten keine Antwort darauf und mussten blamiert weggehen. Und vor allem zeigt sich die Macht seines Wortes natürlich daran, dass Menschen sich zu Gemeinden zusammengeschlossen haben und dann ihr Leben und im Lauf der Jahre und Jahrhunderte die ganze Welt verändert haben.

Geschwächte Wahrheit

Das bringt uns nach diesem großen Umweg zurück zu der Gemeinde von Thyatira. Viel gefährlicher als feindselige Nachbarn ist es für eine Gemeinde, wenn sie die Autorität verliert, die sie durch ihre Verwurzelung in Jesus und in seiner Wahrheit hat. Die wirkliche Kraft einer Gemeinde ist nicht die Zahl ihrer Mitglieder oder das Geld, das sie zusammenbringt und schon gar nicht die Gebäude oder Kunstschätze, die sie unterhält. Das sind alles Früchte der königlichen Autorität Jesu, aber es sind gefährliche Früchte, weil Menschen dann irgendwann anfangen, darauf zu vertrauen und nicht mehr auf die Kraft der Wahrheit.

Noch gefährlicher ist es aber, wenn Menschen gezielt andere Ideale propagieren. Johannes benutzt im Brief nach Thyatira wieder eine Geschichte aus dem Alten Testament (im vorigen Brief an die Gemeinde in Pergamon war es eine Geschichte aus der Zeit der Wüstenwanderung Israels): diesmal erinnert er an die Königin Isebel, die in Israel die Verehrung des Gottes Baal eingeführt hatte.

Der Sog der Macht

Baal ist die Verkörperung der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht. Baal steht immer auf der Seite der Könige, die Baalsverehrung vergöttert die Macht und lockt die Menschen weg von der Freiheit. Denkt an unsere Konsumtempel, an die Bankenhochhäuser oder an die Stalindenkmäler in der ehemaligen Sowjetunion: das sind alles solche Baalssymbole. Und viele Menschen hängen daran, sie begeistern sich dafür und fühlen sich sicher, wenn sie sich an solche machtvollen Zeichen orientieren.

Und auch damals in Thyatira gab es solche Symbole: Tempel natürlich, aber auch Handelsgilden, die immer auch einen religiösen Beigeschmack hatten mit Riten und Festmählern und den entsprechenden Zeremonien. Anscheinend hat man dabei auch das Fleisch von Opfertieren aus den Tempeln verzehrt. Das war damals für Christen eine schwierige Frage, ob man sich daran beteiligen sollte. Paulus diskutiert das in den Korintherbriefen und sagt ungefähr: als Lebensmittel dürft ihr solches Fleisch essen, aber wenn es in einem Zusammenhang geschieht, wo es religiös aufgeladen wird, dann nicht.

Und anscheinend ging es in Thyatira um solche Festmähler mindestens mit religiösen Untertönen. Und es scheint dort eine Frau gegeben zu haben, die sich als Prophetin bezeichnete, die den Christen gesagt hat: da dürft ihr ruhig mitmachen. Ihr habt die Souveränität dafür, ihr dürft gerne mal ein bisschen mit der anderen Seite flirten, das ist ein Zeichen eurer geistlichen Stärke. Wir müssen doch nicht immer in Opposition machen.

Und das nannten sie dann »die tiefen Geheimnisse des Satans erforschen«. Der Gedanke dabei scheint gewesen zu sein: indem wir uns darauf einlassen und mitmachen, spionieren wir den Feind aus, wir lernen ihn besser kennen. Und wir zeigen gleichzeitig, dass uns das nichts anhaben kann. Ja, wir machen sogar mit bei dem lockeren Verhältnis zur Sexualität, das sie da haben. Das können wir. Da stehen wir doch drüber. Wir nehmen das ironisch.

Wer unterwandert wen?

Und das ignoriert natürlich, dass wir immer gefährdet sind, vom Baal unterwandert zu werden. Erst recht, wenn jemand das nicht aus einem vernünftigen Grund macht, sondern aus Neugier und Überschätzung der eigenen Standhaftigkeit. Da wird man ganz schnell in den Mainstream hineingezogen. Wenn du überall bei den Empfängen und Festspielen und Kungelrunden und wichtigen Sitzungen dabei bist, dann wird das nach und nach auch deine Welt. Und dann verlieren Menschen das Wichtigste, was sie von Jesus bekommen haben: die Autorität der Wahrheit.

Die gute Nachricht von Johannes ist: das wird Jesus nicht zulassen. Ich jedenfalls habe öfter mal gesehen, wie Jesus seine Gemeinde schützt gegen solche Zerstörer. Das ist kein Spaß, da kann einem manchmal schon der Schreck in die Glieder fahren.

Zum Glück scheint nicht die ganze Gemeinde so gedacht zu haben wie diese ungenannte Prophetin und ihre Anhänger. Viele haben da nicht mitgemacht, und Jesus kündigt ihnen an, dass er ihnen Anteil an seiner königlichen Macht geben wird. Aber eben an der neuen Art von Macht.

Das moralische Niveau einer Gesellschaft

Man muss sich die von der Art her vorstellen wie die aufblitzende Autorität des KZ-Häftlings, aber von der Reichweite her viel ausgedehnter. Die Christen haben ja im Lauf der Zeit die ganze Gesellschaft durchdrungen und beeinflusst. Und auch das nicht wie ein Geheimbund, der mit Tricks und Medienstrategie arbeitet, sondern durch das grundsolide Leben und auch Leiden der einfachen Christen. Die hatten die Autorität der Wahrheit auf ihrer Seite.

Und das blieb langfristig nicht ohne Wirkung. Die Christen hoben das moralische Niveau der Gesellschaft: nicht durch Appelle oder Vorschriften, sondern einfach durch ihre Lebenspraxis, und irgendwann kamen auch die Kaiser da nicht mehr dran vorbei. Keine Regierung kann sich auf die Dauer gegen das moralische Niveau ihres Volkes halten. Wenn 80 % der Menschen gegen Atomkraft und Gentechnik sind, dann kann eine Regierung nicht offen dafür sein. Und wenn die Menschen auch noch mit Entschiedenheit dagegen sind, dann kann sie noch nicht mal unter der Hand dafür sein.

Und das kann sich auf der Seite der entsprechenden Lobbyisten durchaus so anfühlen, als ob ihnen ihre ausgeklügelten Strategien und Zukunftsträume wie Tontöpfe mit einem eisernen Zepter zerschlagen werden. Jesus macht das durch das Leben vieler einfacher Menschen hindurch, die dem Baal in ihrem Alltag entgegen treten, er macht es durch Kerzen und Gebete, durch Bilder und Gedanken, durch eine andere Art von Macht, aber diese Macht ist unerwarteter Weise stark genug, um den Lauf der Welt zu beeinflussen.

Wir müssen nur darauf achten, dass unsere Wurzeln in der Wahrheit lebendig bleiben.

Apr 062014
 

Predigt am 6. April 2014 zu Offenbarung 2,12-17 (Predigtreihe Offenbarung 04)

12 An den Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe:
So spricht Er, der das scharfe, zweischneidige Schwert trägt: 13 Ich weiß, wo du wohnst; es ist dort, wo der Thron des Satans steht. Und doch hältst du an meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen, als Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet wurde, dort, wo der Satan wohnt.
14 Aber ich habe etwas gegen dich: Bei dir gibt es Leute, die an der Lehre Bileams festhalten; Bileam lehrte Balak, er solle die Israeliten dazu verführen, Fleisch zu essen, das den Götzen geweiht war, und Unzucht zu treiben. 15 So gibt es auch bei dir Leute, die in gleicher Weise an der Lehre der Nikolaiten festhalten. 16 Kehr nun um! Sonst komme ich bald und werde sie mit dem Schwert aus meinem Mund bekämpfen.
17 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich von dem verborgenen Manna geben. Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt.

Ganz am Anfang der drei ersten Evangelien gibt es jeweils die Geschichte davon, wie Jesus in der Wüste vom Teufel in Versuchung geführt wird, seine Berufung zu verlassen und stattdessen Geld, Ruhm und Macht anzustreben. Zum Schluss bietet er Jesus die Herrschaft über die ganze Welt an: Jesus könnte so etwas wie ein römischer Imperator werden, wenn er nieder fällt und den Teufel anbetet. Der Teufel heißt im Originaltext der »Diabolos«, zu deutsch: der, der alles durcheinander bringt, der »Verwirrer«. Aber wenn Jesus ihn endgültig abweist und in die Wüste schickt, dann sagt er zu ihm: Hau ab, Satan!

Die Masken Satans

Und als Petrus beim Aufbruch nach Jerusalem versucht, Jesus von seinem Weg in den Tod abzuhalten, sagte er es auch zu ihm: lass mich in Ruhe, Satan! Er meint damit natürlich nicht, dass sein Jünger Petrus selbst der Satan wäre, aber er hat sich offensichtlich in einem entscheidenden Moment vom Satan beeinflussen lassen, so dass er sein Werkzeug geworden ist. Satan ist anscheinend jemand, der durch Verkleidungen hindurch, durch andere hindurch handelt. Jesus muss ihn erst hinter seiner Maske identifizieren. Über Judas Iskariot, der Jesus verrät, wird gesagt, dass der Satan in ihn fuhr. Und Paulus weiß, dass der Satan sich als »Engel des Lichts« verkleiden kann. Offenbar hat er keine eigene Gestalt, sondern braucht Menschen, durch die er wirken kann. So ein bisschen wie Sauron im „Herrn der Ringe“, der auch keine eigene Gestalt mehr hat und seine Marionetten vorschickt.

Und nun schreibt der Seher Johannes an die christliche Gemeinde in Pergamon in Kleinasien und nennt Pergamon eine Stadt, »wo der Thron des Satans steht«. Das ist natürlich auch wieder ein Codewort, eine Andeutung. Johannes konnte nicht Klartext schreiben, das wäre zu gefährlich gewesen. Aber anscheinend muss es in Pergamon irgendetwas gegeben haben, durch das der Satan ganz besonders wirken konnte. Und wenn es ein »Thron« ist, dann werden damit imperiale Assoziationen wach gerufen: es geht um Macht, um Herrschaft, um Hoheit. Also ziemlich das genaue Gegenteil von Jesus, der wusste, dass er in Jerusalem machtlos an einem römischen Kreuz sterben würde und trotzdem unbeirrt dorthin zog.

Ein Zentrum des imperialen Kults

Und nun wissen wir, dass in Pergamon der erste Kaiserkult in der römischen Provinz Asien eingerichtet worden ist, eine sogenannte »Neokorie«. Vermutlich war Pergamon ein Zentrum des Kaiserkults. Der ist dort im Osten des Reiches erfunden worden – die Römer selbst hatten eher eine tief sitzende Abneigung dagegen, Menschen als Götter zu verehren. Die Römer waren durchaus brutal, aber auch nüchtern, und sie brauchten ursprünglich keinen religiösen Klimbim, um andere zu unterdrücken. Aber dort im Osten war es normal, dass man großen Herrschern göttliche Ehren erwies, für sie Altäre errichtete und sie anbetete.

In Pergamon selbst gab es eine starke Tradition, Macht religiös aufzuladen. Wer heute in Berlin das Pergamonmuseum besucht, der kann dort den berühmten Altar besichtigen, den man vor 130 Jahren ausgegraben und nach Berlin gebracht hat. Ein gewaltiger Bau aus Marmor, etwa 35 Meter breit und tief und etwa 20 Meter hoch, mit einer breiten Freitreppe, die zu einer Säulenhalle führt, wo früher ein Altar stand. Und rund um den ganzen Bau ein Wandfries mit lauter Kampfszenen: die griechischen Götter besiegen die Giganten, so eine Art urtümliche Riesen. Da geht es schon sehr brutal zu, auch wenn es ein tolles Kunstwerk ist.

Diesen Altar haben die früheren Könige von Pergamon errichtet, die selbst im Krieg keltische Barbaren bezwungen haben. Es gab also in Pergamon eine Tradition der religiösen Überhöhung der Macht, und daran konnte später der Kaiserkult anknüpfen, selbst wenn Johannes mit dem »Thron des Satans« nicht diesen Altar gemeint hat. Genaueres weiß man nicht; aber vielleicht hat er sogar wirklich diesen Altar gemeint, in dem man mit einiger Fantasie einen Thron mit Armlehnen erkennen kann; vielleicht ist das später der Ort der ersten Kaiserverehrung geworden, und es könnte tatsächlich sein, dass der »Thron des Satans« heute in Berlin steht.

Auf jeden Fall hatte es die christliche Gemeinde in Pergamon nicht leicht in dieser Atmosphäre der Vergötterung von Macht und Gewalt. Anscheinend hat es da schon Anfeindungen gegeben, die zum Tod eines Christen namens Antipas geführt haben. Und die Gemeinde wird gelobt, weil sie standhaft geblieben ist.

Wer ist der Größte?

Auch hier wieder werden nicht die Römer oder die Priester mit dem Satan identifiziert. Aber sie sind Werkzeuge, durch die hindurch er wirkt. Das satanische Prinzip ist die Macht des Stärkeren, der Wunsch, sich das zu nehmen, was man will, das durchzusetzen, was man möchte, und keine Rücksicht nehmen zu müssen. Vorhin in der Evangelienlesung (Markus 10,35-40) ging es genau darum: wer der Größte ist, wer der Bestimmer ist, wer der vermuteten Macht Jesu am nächsten ist. Dauernd geht es unter Menschen darum: vom Kindergarten bis zum Seniorenheim, vom kleinsten Kuhdorf bis zur gigantischen Metropole: wer ist der Bestimmer, wer hat die Macht, wer ist das Alphamännchen, wer steht im Mittelpunkt, auf wen müssen die anderen hören?

Und Jesus sagt seinen Jüngern: so geht es zu in der Welt, wer die Macht hat, unterdrückt die anderen und lebt auf deren Kosten. Aber dann kommt das große Aber: »Aber bei euch ist es anders«. Ihr seid die neue Menschheit, bei euch gilt eine andere Logik, ihr lebt nach einem anderen Prinzip: nach dem Prinzip des Dienens und Helfens. Den ganzen Weg nach Jerusalem versucht Jesus, seinen Jüngern das beizubringen, und bis zum Schluss haben sie es nicht verstanden. Erst nach seinem Tod ging ihnen langsam auf, dass er das ernst gemeint hatte: nicht auf die Macht der Schwerter und der Gewehre vertrauen, nicht beim Tanz ums Goldene Kalb mitmachen, sondern aus der verborgenen Kraft Gottes leben und damit für andere da sein, anderen dienen, anstatt sich bedienen zu lassen.

Das satanische Symbol und seine Ausstrahlung in den Mainstream

Deshalb ist die Glorifizierung der Macht so ziemlich genau das Gegenteil von dem, worum es Jesus geht. Es ist die satanische Versuchung, der er ganz am Anfang widerstanden hat. Und im Schatten dieser Glorifizierung lebt auch die Gemeinde in Pergamon. Denn das ist ja nichts, was nur dort am Altar passieren würde, und man müsste dann einfach nur nicht hingehen. Der Altar ist ein mächtiges Symbol, und ein Symbol prägt den Alltag bis in die kleinen Details hinein. Wenn das Leitbild der Gesellschaft beinhaltet, dass man der Größte ist und sich durchsetzen muss, dann prägt das die Menschen in ihren alltäglichen Verhaltensweisen und Konfliktstrategien, und dann gehen eben schon die niedlichen Kinder im Sandkasten mit dem Schäufelchen aufeinander los.

Bei uns sind die Symbole keine Altäre mehr, sondern vielleicht eher die Logos und Marken und Events, die möglichst viele Menschen hinter sich versammeln und unterschwellig bestimmen, was schön und sinnvoll ist und was nicht. Und der Kampf darum, wer der größte ist, der wird ganz oben mit Aktienpaketen und kulturellen Spitzenleistungen ausgetragen und ganz unten prügelt man sich im Stadion und schlägt auf Behinderte und Ausländer ein. Das Niveau variiert, aber die Logik dahinter lautet immer noch: wer ist der Größte? Und das transportieren eben Symbole in unterschiedlichen Formen in die ganze Gesellschaft hinein, in all ihre Winkel und Schichten.

Die ersten Christen waren noch lange nicht so weit, dass sie das Klima in der Gesellschaft beeinflussen konnten. Aber sie begannen damit, sich jedenfalls in ihrem eigenen Leben der Macht dieser Symbole zu entziehen. Sie nahmen bewusst nicht am Kaiserkult teil, und deswegen galten sie dann später als Atheisten und manchmal als Menschenfeinde. Und sie hatten ihre eigenen Symbole, z.B. das Abendmahl, das in seinem Zentrum an den Tod Jesu erinnert, also geradezu ein Anti-Symbol zu Geld, Macht und Ruhm. In Pergamon haben sie das unter schwierigen Bedingungen durchgehalten.

Versuchung durch die Hintertür

Aber nun sagt ihnen Johannes: auch wenn ihr da fest geblieben seid, der Satan mit seiner imperialen Logik hat bei euch trotzdem noch einen Fuß in der Tür, weil es bei euch Anhänger der Nikolaiten gibt. Heute wissen wir fast nichts mehr über diese Bewegung, aber Johannes sagt: passt auf, da kommt das, wogegen ihr vorne tapfer kämpft, heimlich durch die Hintertür ins Haus.

Johannes redet auch hier nur in Andeutungen: er erinnert an eine Episode aus der Wüstenzeit Israels, als sie den Moabitern begegneten, und die Moabiter wussten, dass sie keine Chance gegen Israel hatten, wenn sie sich ihnen militärisch entgegenstellen würden. Stattdessen versuchten sie, Israel von innen her zu schwächen, und das machten sie mit Sex. Sie schickten den Israeliten Frauen, und die infiltrierten das Volk mit anderen Symbolen, sie brachten die Anbetung des Baal mit und untergruben den Zusammenhalt des Volkes mit Gott.

Irgend etwas in der Richtung müssen auch die Nikolaiten propagiert haben. Die menschliche Sexualität ist irgendwie besonders anfällig für die imperiale Versuchung. Da sind Menschen besonders verletzlich, und da ist die Möglichkeit zur Rücksichtslosigkeit besonders groß. Gerade wo Menschen besonders intensiv mit anderen zusammenhängen und sich für andere öffnen, da kann das auch auf viele Weise missbraucht werden, von subtil bis brutal. Nirgendwo sonst kommen Menschen dem lebendigen Kern anderer Menschen so nahe. Auf wenig andere Weisen können Menschen in ihrem Vertrauen in die Welt und in Gott so massiv geschädigt werden wie durch kaputte oder missbrauchende Sexualität. Nicht umsonst nahm es der griechische Gott Zeus mit der Treue zu seiner Frau Hera nicht so ernst und erbeutete zwischendurch auch immer mal wieder mit List oder Gewalt Menschenfrauen. Und damit gab er natürlich auch ein Leitbild für die ganze Kultur ab. Aber christliche Gemeinden sollten mitten in einer Gesellschaft mit Beutementalität sichere Orte sein – in jeder Hinsicht.

Das ist der Grund, weshalb in der biblischen Tradition die Sexualität so stark reguliert und mit Warnschildern versehen wird: weil dort das imperiale Verhalten und das Ausnutzen Schwächerer so nahe liegt. Das wird zu allen Zeiten unter den Verdacht gestellt, dass Gott uns den Spaß verderben möchte, und bei manchen Vertretern der Moral habe ich ja diesen Eindruck auch, aber in Wirklichkeit geht es darum, dass Menschen, vor allem Frauen, auf diesem sensiblen Feld vor Ausbeutung und Verletzung geschützt werden sollen.

Segen statt Beute

Johannes schließt mit einer Verheißung Jesu: wer überwindet, wer diese Versuchung siegreich besteht, dem wird er von dem verborgenen Manna geben. Auch das ist ein Bild aus der Wüstenzeit Israels: auf ihrem Weg ernährte Gott sie mit Manna, das vom Himmel fiel. Jeden Tag hatten sie genug, aber wenn sie einen Vorrat anlegen wollten, verdarb es. Das ist ein Bild für den Segen, der die Welt durchströmt. Das ist auch die Grundlage der Bergpredigt Jesu: die Welt ist reich, es ist genug für alle da, aber wenn du versuchst, den Segen an dich zu reißen und auf Vorrat zu speichern, dann verdirbt er. Wer mit Lebensmitteln spekuliert, der sorgt für Hunger. Wer die Wälder abholzt und zu Geld macht, der untergräbt das Leben.

Jesus verspricht: wer die Versuchung des Habenwollens und Beutemachens zurückweist, der bekommt Anteil an dem verborgenen Manna in dieser Welt, Anteil an dem verborgenen Segen, den man nicht zu Geld machen kann, und der nur da bleibt, wo man schenkt und teilt. Aber wer im Raubmodus durch die Welt trampelt, der wird das nie verstehen. Es gibt eine verborgene Ökonomie Gottes, die nicht nach der Logik des Kapitals funktioniert.

Das geschenkte Geheimnis

Und statt sexueller Ausbeutung verspricht Jesus einen weißen Stein, auf dem ein verborgener Name steht. Kaputte Sexualität ist immer der Versuch, sich Zugang zum Geheimnis eines Menschen zu verschaffen. Unbefugt die Macht bis in das Innerste eines Menschen zu tragen. Dagegen schenkt Jesus hier einem Menschen sein Geheimnis, seinen geheimen Namen. Nur unser Schöpfer kennt uns durch und durch, aber er respektiert uns und nur ihm können wir uns ganz anvertrauen.

Wer also der imperialen Versuchung im Großen und im Kleinen widersteht, der bekommt nicht nur Zugang zu den verborgenen Segensquellen in unserer Welt. Ihm ist auch die Verheißung einer geistlichen Nähe zu Jesus gegeben, einer geistlichen Intimität, in der wir uns selbst erst voll erkennen. Wir erkennen uns ja selbst immer erst in der Begegnung mit anderen. Aber da haben imperiale Mentalität und satanisches Beutemachen nichts zu suchen. Und all diese Begegnungen mit Menschen weisen hin auf die Begegnung mit Gott, für die wir geschaffen sind. In dieser Begegnung erfahren wir, wer wir wirklich sind und was unsere wahre Bestimmung ist: unser verborgener Name.